Die verlorene Freundin - Viola Maybach - E-Book

Die verlorene Freundin E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. »Papa!«, sagte Valerie Kugler, als sie Julius Kugler die Tür öffnete. Besonders erfreut sah sie nicht aus, aber das hatte er auch nicht erwartet, er war schließlich unangekündigt gekommen. Aus der Wohnung drang laute Musik, die Garderobe hinter ihr war übervoll, darunter standen mindestens zehn Paar Schuhe, und auch sonst lag und stand noch einiges herum in dem engen Flur. Julius schluckte. Es sah nach Chaos aus, genau das, was er erwartet hatte. Valerie trug kurze Hosen und ein dünnes T-Shirt, es war heiß draußen. Ihre Haare waren strubbelig, sie sah aus, als wäre sie gerade erst aufgestanden, dabei war es schon elf. Sonntagvormittag um elf. »Darf ich hereinkommen?«, fragte er. Valerie war sechzehn. Seit ein paar Monaten wohnte sie in dieser WG, Irina und er hatten ihrem Wunsch schließlich zähneknirschend nachgegeben. »Ich halte eure Streitereien nicht mehr aus«, hatte sie gesagt. »Echt, ich will das nicht mehr hören. In der WG wohnen drei Erwachsene, und sie haben gerade ein Zimmer frei. Ich will bei denen wohnen. Wenn ihr es mir verbietet, haue ich ab. Das könnt ihr mir glauben!«

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Seitenzahl: 115

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Der neue Dr. Laurin – 110 –Die verlorene Freundin

Unveröffentlichter Roman

Viola Maybach

»Papa!«, sagte Valerie Kugler, als sie Julius Kugler die Tür öffnete. Besonders erfreut sah sie nicht aus, aber das hatte er auch nicht erwartet, er war schließlich unangekündigt gekommen.

Aus der Wohnung drang laute Musik, die Garderobe hinter ihr war übervoll, darunter standen mindestens zehn Paar Schuhe, und auch sonst lag und stand noch einiges herum in dem engen Flur. Julius schluckte. Es sah nach Chaos aus, genau das, was er erwartet hatte.

Valerie trug kurze Hosen und ein dünnes T-Shirt, es war heiß draußen. Ihre Haare waren strubbelig, sie sah aus, als wäre sie gerade erst aufgestanden, dabei war es schon elf. Sonntagvormittag um elf.

»Darf ich hereinkommen?«, fragte er.

Valerie war sechzehn. Seit ein paar Monaten wohnte sie in dieser WG, Irina und er hatten ihrem Wunsch schließlich zähneknirschend nachgegeben. »Ich halte eure Streitereien nicht mehr aus«, hatte sie gesagt. »Echt, ich will das nicht mehr hören. In der WG wohnen drei Erwachsene, und sie haben gerade ein Zimmer frei. Ich will bei denen wohnen. Wenn ihr es mir verbietet, haue ich ab. Das könnt ihr mir glauben!«

Die drei Erwachsenen waren achtzehn, zwanzig und zweiundzwanzig Jahre alt. Gut, dem Gesetz nach waren sie erwachsen, zwei junge Frauen, ein junger Mann. Ein Paar und ein Single. Julius war gerade siebenunddreißig Jahre alt geworden. Wenn er ehrlich war, erinnerte er sich nicht mehr daran, ob er sich mit achtzehn erwachsen gefühlt hatte. Vermutlich schon.

Irina hatte sich aus der Sache herausgehalten, er hatte letztlich allein entscheiden müssen, und so war Valerie umgezogen, aber ausdrücklich nur versuchsweise.

Der Versuch dauerte jetzt vier Monate, und Julius wusste noch immer nicht, was er davon halten sollte. Immerhin: Valeries schulische Leistungen waren nicht schlechter geworden, und sie wirkte ausgeglichener – wenn Irina und er sie überhaupt mal zu Gesicht bekamen. Und das war der Punkt: Zuhause machte sie sich rar. »Ich brauche Abstand« war ihre Standardantwort, wenn er ihr das wieder einmal vorhielt.

Aber sie waren ja weiterhin für sie verantwortlich, daran gab es nichts zu rütteln. Mit sechzehn war ein Mädchen natürlich noch nicht innerlich gefestigt. Das waren die meisten Menschen ja selbst mit dreißig noch nicht!

Seine Tochter ließ ihn, wie er merkte, nur widerstrebend eintreten und führte ihn nicht etwa in ihr Zimmer, sondern direkt in die große Wohnküche, in der es ähnlich chaotisch aussah wie im Flur. Auf dem Tisch standen noch die Reste eines offenbar ausgiebigen Frühstücks, in der Spüle türmte sich benutztes Geschirr, auf der Ablagefläche war kein Platz mehr, um auch nur noch einen kleinen Teller abzustellen.

Julius sah seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Er hielt sich normalerweise mit Kommentaren ganz bewusst zurück, wohlweislich, doch jetzt rutschte ihm heraus: »Ich dachte, ihr habt eine Spülmaschine?«

»Die ist kaputt«, sagte Valerie achselzuckend. »Willst du einen Kaffee?«

»Ja, gern«, erwiderte er, obwohl es ihn bei dem Gedanken schauderte, gleich einen pappigen, nur unzureichend abgewaschenen Becher in die Hand gedrückt zu bekommen. Außerdem fragte er sich, wie Valerie es bewerkstelligen wollte, in dieser Küche Kaffee zu kochen.

Doch es stellte sich heraus, dass sie das bereits getan hatte, und der Becher, den sie ihm gleich darauf in die Hand drückte, war, soweit er sehen konnte, tadellos sauber. Sie schaffte mit ein paar Handbewegungen etwas Platz auf dem Tisch und setzte sich dann. Zögernd folgte er ihrem Beispiel.

»Also, was gibts?«, fragte sie, und plötzlich kam sie ihm schrecklich erwachsen vor. Ihre Stimme klang freundlich und ein wenig nachsichtig, als erwartete sie von ihm das Geständnis, dass er wieder einmal etwas ausgefressen hatte. Und wie hübsch sie war mit ihren langen blonden Haaren und den blauen Augen, die er ihr vererbt hatte! Sie wurde tatsächlich erwachsen, mit sechzehn, er konnte es kaum fassen.

»Wir lassen uns scheiden, deine Mutter und ich«, sagte er mit brüchiger Stimme. »Das ist es, was ich dir sagen wollte. Du kannst also bald wieder nach Hause kommen. Ich werde in dem Haus bleiben, deine Mutter wird erst einmal zu einer Freundin ziehen, falls sie auf die Schnelle nichts findet.«

»Nach Hause«, sagte Valerie nachdenklich. »Papa, ich bin jetzt hier zu Hause, ich glaube nicht, dass ich wieder zurückkommen möchte. Ich fühle mich wohl hier, es ist entspannt, ich kann mein Ding machen. Ich dachte, das hättest du endlich verstanden. Ich habe hier meine Ruhe.«

»Aber die hättest du bei mir doch auch wieder. Es wird ja keine Streitereien mehr geben.«

Sie nickte langsam. »Jedenfalls nicht zwischen Mama und dir«, sagte sie mit spöttischem Unterton. »Aber vielleicht würden wir beide dann anfangen zu streiten?«

Er wollte etwas erwidern, aber sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Ich will trotzdem erst einmal hierbleiben. Vielleicht ändere ich meine Meinung später, aber im Augenblick will ich hier sein, nirgendwo anders. Ich brauche Zeit, Papa.«

»Das verstehe ich«, log Julius. Er verstand es überhaupt nicht, aber er wollte Valerie nicht unter Druck setzen. Sie hatte unter der unglücklichen Ehe ihrer Eltern mehr als genug gelitten, das wusste er. Sie alle hatten gelitten.

»Und Mama?«, fragte Valerie zögernd. »Wie geht es ihr?«

»Uns beiden geht es nicht gut, das kannst du dir ja denken. Wir haben um unsere Ehe gekämpft, aber letzten Endes ist eine Trennung wohl doch das Beste.«

»Komisch«, sagte Valerie nachdenklich, »ich hatte immer das Gefühl, dass Mama kämpft und etwas erreichen will, während du eher …« Sie suchte nach den richtigen Worten. »Du warst nicht direkt gleichgültig, aber du hast die Dinge laufen lassen. So kam es mir jedenfalls vor.«

Julius schluckte und gab sich große Mühe, sich nicht anmerken zu lassen, wie tief ihre Worte ihn trafen, weil sie der Wahrheit damit sehr nahegekommen war. »Ich wollte auch, dass es funktioniert«, sagte er endlich traurig, »nur habe ich das vielleicht nach außen nicht so zeigen können.«

»Du machst die Dinge ja sowieso am liebsten mit dir aus«, stellte Valerie fest. »Gut streiten konntest du noch nie.«

Er war so betroffen, dass er ihr eine Erwiderung schuldig blieb. Woher kamen denn auf einmal diese Erkenntnisse? Nie zuvor hatte sie so mit ihm gesprochen. Sie redete nicht mehr wie eine Sechzehnjährige, sondern wie eine Erwachsene. Noch auf dem Weg zu ihr hatte er darüber nachgedacht, dass sie ja praktisch noch ein Kind war und er deshalb unbedingt darauf bestehen würde, dass sie wieder nach Hause kam, jetzt war plötzlich er derjenige, der sich aus ihrem Mund unliebsame Wahrheiten über sich anhören musste. Mit einer solchen Wendung des Gesprächs hatte er nicht gerechnet. Wenn er ehrlich war: Er hatte geglaubt, sie werde überglücklich sein, in ihr altes Zuhause zurückkehren zu können, ohne weitere Streitigkeiten zwischen ihren Eltern befürchten zu müssen. Nun, es war anders gekommen.

»Ich möchte, dass du wieder bei mir wohnst«, sagte er trotzdem.

Valerie schüttelte den Kopf. »Du kannst mich nicht zwingen, und ich will das im Augenblick nicht, Papa. Außerdem werde ich verreisen. Wir haben ja bald Ferien, da fahre ich nach Litauen, zu Milena.«

Diese Neuigkeit traf ihn wie ein Blitz. »Zu … zu Milena?«, fragte er irritiert. »Ich dachte, euer Kontakt sei eingeschlafen?«

»Ist er auch, aber ich werde versuchen, sie zu finden«, erklärte Valerie. »Etwas muss passiert sein, sonst hätte sie nicht plötzlich aufgehört, mir zu schreiben. Sie war meine aller-, allerbeste Freundin, ich denke jeden Tag an sie. Ich will sie wiederfinden.«

Julius fühlte sich, als hätte er einen Schlag in die Magengrube erhalten, er wusste nicht, was er sagen sollte.

»Wenn du es mir verbietest, mache ich es trotzdem«, drohte Valerie. »Ich bin kein Kind mehr, Papa, und ich will sie wiederfinden. Wir waren zehn Jahre lang jeden Tag zusammen, wir haben uns alles erzählt, wir waren nie getrennt, bis sie mit ihren Eltern nach Litauen gezogen ist. Und danach haben wir zuerst noch oft telefoniert, bis sie plötzlich nicht mehr so gut erreichbar war und schließlich …« Valerie brach ab. Erst nach einer Weile sagte sie leise: »Sie fehlt mir, Papa. Wenn sie nicht da ist, fühlt es sich für mich an, als fehlte ein Stück von mir. Ich werde nie wieder eine Freundin wie sie finden. Sie wusste, was ich denke, bevor ich es ausgesprochen habe, und umgekehrt war es genauso.«

Julius suchte nach Worten. Schließlich sagte er: »Ich hatte keine Ahnung, dass du sie so sehr vermisst.«

»Wir sind wie Schwestern aufgewachsen, Papa!«, rief Valerie. »Unsere Grundstücke stießen aneinander, wir mussten nur durch das Loch in der Hecke schlüpfen, schon waren wir zusammen. Zehn Jahre lang! Das kann man doch nicht einfach so hinter sich lassen und vergessen. Ich kann das jedenfalls nicht. Ich habe mich immer gewundert, dass ihr, Mama und du, so schnell aufgehört habt, über Milena und ihre Eltern zu sprechen. Es war ja fast, als hätte es sie nie gegeben.«

»Aber das stimmt nicht!«, behauptete Julius. »Wir haben noch lange über sie gesprochen …« Er verstummte, als er Valeries Blick sah, denn was sie sagte, war richtig: Sie hatten schon recht bald versucht, Milena, Katharina und Christian totzuschweigen. Wie sich nun zeigte, hatte das nicht funktioniert. Hieß es nicht immer: ›Kinder vergessen schnell‹? Von wegen!

Als er sich auf den Heimweg machte, fühlte er sich wie ein alter Mann. Mit einundzwanzig war er Vater geworden, viel zu früh natürlich. Und er war völlig unvorbereitet auf diese neue Rolle gewesen, obwohl er sich das Gegenteil eingebildet hatte. Wenn er heute an den Julius von damals dachte, verspürte er vor allem Mitleid. Und ein nie endendes Bedauern darüber, dass er einige verhängnisvolle falsche Entscheidungen getroffen hatte, die sich nicht mehr rückgängig machen ließen. Im Rückblick kam es ihm so vor, als läge sein bisheriges Leben in Scherben, als hätte er nichts wirklich gut gemacht. Er hatte es ja nicht einmal geschafft, Valerie ein guter Vater zu sein.

Irina war dabei, ihre Sachen zusammenzupacken, als er das Haus betrat. Sie packte schon seit Tagen. Ihr Auszug würde Ende der kommenden Woche stattfinden. »Wie wars?«, fragte sie, ohne ihn anzusehen.

»Sie will nach Litauen, um Milena zu suchen«, antwortete Julius.

Irina hörte auf zu packen, richtete sich auf und starrte ihn an. »Wie bitte? Wer hat ihr denn diesen Floh ins Ohr gesetzt?«

»Sie sich selbst. Sie hat ein paar merkwürdige Dinge gesagt, zum Beispiel, dass es ihr ohne Milena vorkommt, als fehlte ihr irgendetwas von ihr. Sie wird sich von ihrem Plan nicht abbringen lassen, so viel steht fest. Wenn wir es ihr verbieten, wird sie es trotzdem tun. Und sie will nicht wieder hier wohnen. Sie will bleiben, wo sie ist.«

»Ach«, sagte Irina.

»Ja«, erwiderte Julius trübsinnig. »Damit hatte ich nicht gerechnet.«

»Ich rede noch einmal mit ihr«, sagte Irina. »Wegen Litauen und auch wegen ihrer Rückkehr nach hier. Vielleicht hört sie auf mich.«

»Ich fürchte, du wirst auch kein Glück haben, aber wenn du es versuchen willst, bin ich dir dankbar.«

»Valerie war immer ein Papakind und wird es bleiben, meine Chancen sind also nicht sehr gut, aber versuchen werde ich es.«

Er nickte und fragte dann: »Brauchst du Hilfe?«

»Nein, danke, ich mache das lieber allein. Schließlich räume ich hier gewissermaßen das Ende unserer Ehe auf, und da ist auch viel Bitterkeit im Spiel.«

»Ich weiß«, sagte er schuldbewusst. »Es tut mir leid, Irina. Alles tut mir leid.«

»Mir tut es auch leid, wir haben den Karren gemeinsam in den Dreck gefahren, denke ich. Ich habe kein Recht, dir Vorwürfe zu machen.«

Er ging zu ihr und nahm sie in die Arme. Für einen Moment lehnte sie sich an ihn, dann schob sie ihn sanft von sich und fuhr mit ihrer Arbeit fort.

*

Katarina Weigand spazierte durch Vilnius, in das sie vor sechs Jahren zurückgekehrt war. Sie war hier zur Welt gekommen und aufgewachsen, aber dann hatte eine Reise nach Deutschland ihrem Leben eine völlig neue Richtung gegeben. Wenn sie heute daran dachte, stockte ihr noch immer der Atem. Über zehn Jahre lang hatte sie in Deutschland gelebt, in München – glückliche und verzweifelte Zeiten waren das gewesen.

Sie hatte gedacht, gehofft, in Vilnius würden Christian und sie zur Ruhe kommen, doch diese Hoffnung hatte sich nicht erfüllt. Vor einem Jahr hatten sie sich scheiden lassen, Christian hatte sich innerhalb Litauens versetzen lassen, er arbeitete jetzt in Klaipeda, in der Nähe der Kurischen Nehrung, wo auch ein Teil ihrer Familie wohnte. Er hatte seinen Arbeitgeber um die Versetzung gebeten, sie war ihm problemlos bewilligt worden. Seine Kollegen hatten ihn nicht verstanden, war doch Vilnius in ihren Augen die viel interessantere Stadt, aber Christian hatte sich gut eingewöhnt im Norden des Landes, was auch daran lag, dass er sich ein Ferienhaus am Meer geleistet hatte und dort fast jedes Wochenende verbrachte. Milena besuchte ihn dort regelmäßig, worüber Katarina froh war. Immerhin hatte das Scheitern ihrer Ehe nicht dazu geführt, dass Milenas Verhältnis zu Christian sich eingetrübt hatte.

Milena war ihre sechzehnjährige Tochter, die nach dem Umzug nach Litauen erst einmal aufgehört hatte zu sprechen. Zwar beherrschte sie die Landessprache, denn Milena war zweisprachig aufgewachsen – das war Katarina wichtig gewesen – aber sie hatte nicht dort sein wollen. Sie vermisste ihr Umfeld in München, und vor allem vermisste sie ihre beste Freundin Valerie. Die beiden Mädchen waren unzertrennlich gewesen, zehn Jahre lang. Und dann auf einmal waren sie brutal getrennt worden.

Es war, dachte Katarina nicht zum ersten Mal, eine falsche Entscheidung gewesen, nicht nur für Milena und Valerie, auch für sie selbst. Aber jetzt mit Milena zurück nach München ziehen? Noch einmal alles über den Haufen werfen und von vorn anfangen? Dafür fehlte ihr die Kraft. Und auch das Vertrauen, dass ihr ein glücklicher Neuanfang gelingen könnte. Sie hatte zu viele Trümmer zurückgelassen. Das Haus, in dem Christian, Milena und sie gewohnt hatten, das Haus neben Irina, Julius und Valerie, wurde längst von einer anderen Familie bewohnt, und ohnehin konnten sie natürlich nicht einfach an alte Zeiten anknüpfen, nach sechs Jahren mehr oder weniger ohne Kontakt.