Die verschwundene Braut - Bella Ellis - E-Book
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Die verschwundene Braut E-Book

Bella Ellis

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Beschreibung

Ein Mord ohne Leiche? Die Brontë-Schwestern ermitteln ... Yorkshire, 1845: Ein mysteriöser Vorfall erschüttert das Anwesen Chester Grange. Die junge Gemahlin des Besitzers ist über Nacht spurlos verschwunden. Ihr Hausmädchen findet das Schlafzimmer verwüstet und voller Blut vor. Alles weist auf ein schreckliches Verbrechen hin. Als Charlotte, Emily und Anne Brontë von dem furchtbaren Ereignis hören, sind sie entsetzt – aber auch fasziniert. Die drei Töchter eines Landpfarrers sind sofort fest entschlossen, das Rätsel zu lösen. Unbeirrt und allen gesellschaftlichen Konventionen zum Trotz setzen sie ihre Nachforschungen fort, auch als sie selbst in Gefahr geraten … Sturmumtoste Anhöhen, wildes Moor und ein einsames Anwesen – tauchen Sie ab in die Welt von Anne, Charlotte und Emily Brontë! »Toll, mit vielen Fakten über die berühmten Brontë-Schwestern.« Für Sie  »Elegant, witzig und absolut lesenswert – die Brontë-Schwestern wären bestimmt begeistert!« Rosie Walsh »›Die verschwundene Braut‹ von Bella Ellis liest sich so spannend-amüsant, als hätten die Brontë-Schwestern zusammen mit Agatha Christie den Krimi geschrieben.« literaturmarkt.info »Bella Ellis vereint biografische Fakten mit einer packenden Geschichte. ›Die verschwundene Braut‹ ist ein Vergnügen!« Wall Street Journal »Unterhaltsam und einfallsreich« Daily Mail »Großer Lesespaß mit Gothic-Touch! Durch die meisterhafte Erzählung fällt es nicht schwer, sich die Schwestern als Amateurdetektivinnen vorzustellen.« Red Magazine »Man muss kein Brontë-Experte sein, um dieses großartige Abenteuer zu genießen.« Guardian

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

Cover & Impressum

Zitat

Zitat

Pfarrhaus zu Haworth,

Prolog

Kapitel 1

Charlotte

Kapitel 2

Charlotte

Kapitel 3

Anne

Kapitel 4

Anne

Kapitel 5

Charlotte

Kapitel 6

Charlotte

Kapitel 7

Anne

Kapitel 8

Anne

Kapitel 9

Emily

Kapitel 10

Anne

Kapitel 11

Charlotte

Kapitel 12

Anne

Kapitel 13

Charlotte

Kapitel 14

Anne

Kapitel 15

Emily

Kapitel 16

Charlotte

Kapitel 17

Charlotte

Kapitel 18

Anne

Kapitel 19

Emily

Kapitel 20

Emily

Kapitel 21

Charlotte

Kapitel 22

Emily

Kapitel 23

Emily

Kapitel 24

Anne

Kapitel 25

Anne

Kapitel 26

Emily

Kapitel 27

Charlotte

Kapitel 28

Charlotte

Kapitel 29

Charlotte

Kapitel 30

Anne

Kapitel 31

Emily

Kapitel 32

Charlotte

Kapitel 33

Emily

Kapitel 34

Anne

Kapitel 35

Charlotte

Kapitel 36

Anne

Kapitel 37

Charlotte

Kapitel 38

Emily

Kapitel 39

Emily

Kapitel 40

Anne

Kapitel 41

Charlotte

Kapitel 42

Anne

Kapitel 43

Emily

Kapitel 44

Emily

Kapitel 45

Charlotte

Kapitel 46

Anne

Anmerkung der Autorin

Danksagung

Zitat

Im menschlichen Herz liegt ein Schatz vergraben geheim verschlossen, in Schweigen versteckt mit Lüsten, mit Träumen, mit seligen Tagen

Die Zauber zerbrächen, wenn töricht geweckt.

»Abendtrost« von Charlotte Brontë

Zitat

Im menschlichen Herz liegt ein Schatz vergrabengeheim verschlossen, in Schweigen verstecktmit Lüsten, mit Träumen, mit seligen TagenDie Zauber zerbrächen, wenn töricht geweckt.

»Abendtrost« von Charlotte Brontë

Kapitel 3

Anne

»Sag Guten Tag, Archie«, forderte Mattie das hübsche kleine Kind auf, das sie auf dem Arm hatte. »Sag den jungen Damen Guten Tag.« Doch der goldblonde Knabe vergrub sein Gesicht an Matties Hals, schlang die speckigen Arme noch enger um sie und quengelte, während das Mädchen aus dem Dorf, das laut Mattie ab und zu mit den Kindern aushalf und Jane hieß, wenn Anne sich nicht täuschte, zusah und die Szene in etwa so rührend fand, wie wenn Mattie einen Sack Zucker an sich gedrückt hätte.

»Francis!« Mattie rief den älteren Jungen, der fast völlig im hohen Gras rund um den im Unkraut erstickenden Teich verschwand; er stand reglos da und blickte in den Wald vor sich, als sähe er dort etwas, das die Erwachsenen nicht sehen konnten. »Francis, kommst du bitte her und sagst meinen Freundinnen Guten Tag, wie du es gelernt hast?«

Doch Francis schien sie nicht zu hören, sein Blick war weiter fest auf die leeren Schatten gerichtet, er sah nicht einmal auf, als Emily zu ihm hinging, neben ihm stehen blieb und mit lauten Plopps kleine Steinchen in das brackige Wasser warf. Charlotte folgte mit etwas Abstand und erfreute sich am Gesang eines Vogels im Kirschbaum.

»Das muss besonders für die Kinder unglaublich schwer sein«, sagte Anne, als Mattie das Kleinkind wieder Jane übergab, die sich Richtung Francis in Bewegung setzte. »Vor allem für den Großen, er war zwar noch ein Säugling, als seine richtige Mutter starb, aber jetzt auch noch die Stiefmutter zu verlieren … das hier ist derzeit wohl kaum der richtige Ort für so kleine Kinder, hier herrschen so viel Gewalt und Unsicherheit. Es kommt einem ja fast so vor, als würden sie von all dem nichts bemerken, aber kleine Kinder bekommen doch viel mehr mit, als wir gemeinhin denken.«

Anne senkte den Blick und gab sich kurz ihren eigenen schmerzhaften Erinnerungen hin. »Ich war noch sehr klein, als wir unsere Mutter verloren. Ich erinnere mich daran, wie mir immer wieder eingeschärft wurde, leise zu sein. Wie ich im kleinsten Zimmer auf dem Boden saß, Papierschnipsel ausschnitt und malte, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich war noch viel zu jung, um zu verstehen, dass ich auf den Tod meiner eigenen Mutter wartete.«

»Ich war am Sterbebett meiner Mutter«, hauchte Mattie. »Ich weiß noch, wie sie vor Schmerzen schrie und wie ich einfach nur noch wollte, dass das aufhörte. Und als sie dann verstummte, wünschte ich, sie würde noch einmal schreien.«

Anne nahm Matties Hand, verflocht ihre Finger mit Matties. Der Tod war ihnen allen ein ständiger Begleiter, eigentlich sollte niemand von ihm überrascht sein, wenn er hin und wieder anklopfte, und doch gab es kein Mittel gegen den herzzerreißenden Schmerz der Trauer.

Anne war kaum älter als Archie gewesen, als die Mutter der Brontë-Geschwister starb, aber der Schmerz jener langen Stunden hatte sich mit einigen verschwommenen Bildern in ihr Unterbewusstsein gebrannt. Sie hatte damals die Stille nicht verstanden, das leise Weinen, das ausgelaugte Gesicht ihres Vaters. Selbst jetzt fragte sie sich, ob sie sich wirklich selbst erinnerte oder ob es die ihr häufig erzählten Geschichten waren, die Eingang in ihr Gedächtnis gefunden hatten. Sollte Gott sie jemals mit eigenen Kindern segnen, würde sie wollen, dass ihre Söhne und Töchter sie hautnah kennenlernten. Sie als eine Frau aus Fleisch und Blut in Erinnerung behielten, nicht nur als eine vage, heilige Skizze, wie das Bild, das Anne von ihrer Mutter hatte – vermittelt durch all jene, die das Glück hatten, Maria Brontë zu Lebzeiten gekannt zu haben. Aber das war die Gefahr, die der Mutterschaft innewohnte: dass die Frau in dem Augenblick, in dem sie ihren Zweck erfüllte und neues Leben gebar, riskierte, ihr eigenes Dasein zu opfern.

»Der kleine Archie vermisst seine Mutter ganz fürchterlich«, sagte Mattie. »Er hat gerade erst gelernt, nach ihr zu verlangen, und jetzt hört er nicht mehr auf. Er versteht einfach nicht, wo sie ist. Und Francis … Der arme Junge, erst verliert er seine eigene Mutter, und kaum hat er Vertrauen zu Elizabeth gefasst, wird auch sie ihm entrissen. Und der Vater der beiden … Er ist viel zu verstört, um sich um die Kleinen zu kümmern.«

»Könnten sie denn nicht bei ihren Großeltern unterkommen? Mrs Chesters Eltern, wenn Mr Chesters Eltern bereits verstorben sind?« Anne biss sich auf die Lippe, während sie Emily beobachtete, die treu schweigend neben dem Jungen stand.

»Die Honeychurches? Das möchte Mr Chester nicht.« Mattie schüttelte sorgenvoll den Kopf. »Er sagt, bei ihm sind die Kinder am sichersten, aber wie kann er das sagen, wenn«, Mattie sprach deutlich leiser weiter, »seine eigene Frau höchstwahrscheinlich in ihrer Schlafkammer unter seinem Dach abgeschlachtet wurde? Wie kann irgendjemand hier sicher sein, solange der Täter nicht gefasst ist?«

»Nun los schon, Master Francis!«, rief Jane dem älteren Jungen zu, der daraufhin auf sie zutrottete, den Blick beständig am Boden.

»Was wird denn unternommen, um die Sache aufzuklären?«, fragte Emily, die dem Teich den Rücken zukehrte und sich Jane und den Jungs anschloss. »Ich dachte, im Haus würde es vor Männern des Gesetzes wimmeln, und auf der Straße wären Suchtrupps unterwegs, aber alles wirkt sehr ruhig.«

»Der Wachtmeister war bereits hier und hat Mrs Chesters Kammer untersucht«, erzählte Mattie. »Es gab Anzeichen eines Kampfes, die Laken waren teilweise zerrissen, und dann das viele Blut … Aber wie der Angreifer ins Haus gekommen ist und mit der toten oder lebendigen Mrs Chester unbemerkt wieder verschwinden konnte, bleibt rätselhaft, auch dem Wachtmeister. Er sprach erst mit Mrs Crawley und dann mit mir, fragte uns, was wir gehört oder gesehen hatten, dann sprach er mit Mr Chester. Mr Chester hat ihm erzählt, dass sich in letzter Zeit im Wald einige Zigeuner herumgetrieben und gewildert haben und dass er glaubt, sie könnten seine Frau mitgenommen haben, denn sie sind jetzt alle weg. Daher vermute ich, dass der Wachtmeister auf der Suche nach diesen Zigeunern ist.«

»Hast du diese Zigeuner gesehen?«, fragte Anne.

»Ich habe sie ein-, zweimal im Dorf gesehen. Habe etwas Heidekraut von einer Alten gekauft, aber auf Chester Granges Ländereien habe ich sie nie gesehen. Mr Chester wollte nicht, dass ich mit den Jungs in den Wald ging, solange die Zigeuner da waren, und schärfte mir ein, stets in Sichtweite des Hauses zu bleiben.«

»Verstehe«, sagte Emily. »Wo hatten sie ihr Lager?«

»Im Wald hinter dem Haus«, sagte Mattie. »Richtung Arunton.«

»Mr Chester wird also nicht verdächtigt?«, fragte Emily. »Es passiert doch häufig, dass die, die dem Opfer am nächsten stehen, für dessen Ableben verantwortlich sind.«

»Ach ja? Und woher wissen wir so was?«, fragte Charlotte spitz.

»Aus der Zeitung«, sagte Emily. »Und man muss auch nur aus dem Fenster des Pfarrhauses gucken, um die Männer zu sehen, die in Haworth ihre Frauen misshandeln, Kinder töten und Gift einsetzen, Charlotte.«

Charlotte schürzte die Lippen, doch Anne wusste, dass sie nicht widersprechen konnte. Ihr Vater machte kein Geheimnis aus den dunklen Seiten seiner Arbeit, und ein Spaziergang durch das Dorf reichte, um das zu demonstrieren, was Emily gerade gesagt hatte: Am grausamsten behandelten die Menschen die, die ihnen am nächsten standen.

»Der Wachtmeister hegt keinen Verdacht gegen Mr Chester – er kommt für ihn als Täter nicht infrage«, sagte Mattie. »Wie auch? Schließlich hat Mr Chester selbst die Polizei gerufen. Allerdings …« Sie sprach leiser und neigte sich den Schwestern zu. »Ein ganzes Jahr bevor er wieder heiratete, war ich mit Mrs Crawley und Mr Chester alleine hier. In der Zeit habe ich ihn als einen anständigen, ehrbaren Mann kennengelernt, und ich habe ihn sehr bewundert. Er sprach oft sehr liebevoll von seiner ersten Frau, sagte, wie sehr er ihre Gesellschaft vermisste und … und dann verkündete er, er wolle wieder heiraten. Doch schon wenige Monate nach seiner Heirat mit Elizabeth Chester war er nicht mehr wiederzuerkennen … Als hätte sich die ganze Zeit ein ganz anderer Mann in ihm versteckt und nur auf den Moment gewartet, in dem er sich eine neue Frau nahm, um dann mit stetig zunehmendem Grimm aus ihm hervorzubrechen.«

»Er war also ein gewalttätiger Ehemann?«

»Ja, sehr sogar«, sagte Matilda. »Zu sehen, wie der Mann, den ich als so sanftmütig und liebevoll erlebt hatte, sich Elizabeth gegenüber in ein solches Scheusal verwandelte, war – ist – für mich völlig unfassbar. Als ich die Stelle hier antrat, erzählte er mir, seine erste Frau sei einem Fieber erlegen, aber das war gelogen. Im Dorf ist bekannt, dass sie eines gewaltsamen Todes starb.«

»Du meinst, er hat sie umgebracht?«, japste Anne.

»Nein … jedenfalls nicht eigenhändig.« Mattie schlang die Arme um sich selbst und schauderte. »Die arme Imogen Chester ist von einer der Zinnen in den Tod gesprungen, und obwohl viele Dorfbewohner Angst haben, ihr Vermieter könnte sie hinauswerfen, wenn sie ihm übel nachreden … Wenn man genau hinhört, entgeht einem nicht, wie sie einander zuflüstern, dass Chester sie mit seiner Grausamkeit in den Freitod getrieben hat.«

»Die Ärmste«, sagte Anne. »Wie einsam und verloren muss man sich fühlen, wenn man seinen Platz bei Gott verwirkt, nur um der irdischen Pein zu entkommen.«

»Ganz gleich, wie die erste Mrs Chester gestorben ist – die zweite Frau unter solch ungewöhnlichen Umständen zu verlieren ist wirklich eine Tragödie«, sagte Emily. »Zwei Ehefrauen weg – eine tot und die andere höchstwahrscheinlich auch.«

»Von allen Menschen, die dieses Verbrechen begangen haben könnten, ist Mr Chester in der Tat der, der es am besten vertuschen könnte«, merkte Anne an. »Ein Mann in seiner Position, der sich mit den Gesetzen auskennt, kann durchaus darauf setzen, mit einem Mord davonzukommen – jedenfalls bis er seinem Schöpfer gegenübertritt.«

»Aber wo ist ihre Leiche?«, sagte Emily. »Und warum nahm er sich die Zeit, eben diese zu entfernen, aber nicht die anderen Spuren des Verbrechens?«

»Vielleicht wurde er gestört?«, warf Anne nachdenklich ein. »Mattie, was hast du am Tag vor der Tat und in der Nacht gesehen und gehört?«

»Der Tag davor verlief ganz normal, abgesehen davon, dass Mrs Chester unpässlich war und sich die meiste Zeit des Tages in ihre Kammer zurückgezogen hatte. Ich habe Tee, Suppe und leichte Mahlzeiten für sie zubereitet. In der Nacht gab es ein fürchterliches Gewitter.« Matties Blick verfinsterte sich bei der Erinnerung daran. »Blitz, Donner, der Wind riss beinahe die Fenster aus den Angeln. Darum war ich fast die ganze Nacht wach, wogegen die Kinder praktisch durchschliefen. Der Lärm des Gewitters wurde durch das Haus noch verstärkt – der Regen klang wie Kieselsteine auf dem Dach, der Wind heulte in den Schornsteinen. Ich dachte … ich dachte, ich hätte einen Schrei gehört, aber ich bin mir nicht ganz sicher.« Sie sah kurz zum Haus und wieder weg, als mache ihr allein der Anblick Angst. »Jede Nacht sind seltsame Geräusche zu hören … und es kommt zu … Zwischenfällen.«

»Zu Zwischenfällen?« Emily neigte den Kopf zur Seite, und Anne sah jenes vertraute Funkeln in ihren Augen. Ihre Schwester liebte seltsame Zwischenfälle.

»Das Haus ist sehr alt«, wand Mattie sich. »Holz knarrt, Glas klirrt – und sehr oft ist es trotz Feuers im Kamin so kalt hier, dass beim Atmen diese Wolken entstehen. Nachts, wenn alle schlafen, kann man sich leicht einbilden, Schritte im Flur zu hören oder ein Weinen aus den leeren, verschlossenen Zimmern. Jane bleibt nie über Nacht hier, aus Angst vor dem Geist der ersten Mrs Chester. Und ja, in jener Nacht glaubte ich, einen Schrei zu hören, aber vielleicht war es auch nur der Ruf einer Eule oder das Bellen eines Fuchses – ich weiß es nicht.«

»Und du warst die Erste am blutigen Ort des Geschehens?«, fragte Anne.

»Ganz genau.« Matties Stimme brach, sie senkte den Blick. »Eigentlich bräuchten wir ein Kindermädchen für den Kleinen, aber Mr Chester will nicht mehr Gesinde im Haus haben als Mrs Crawley und mich – er legt Wert auf Privatsphäre. Abgesehen davon, bestand Mrs Chester von Anfang an darauf, so viel Zeit mit dem Baby zu verbringen, wie es jede andere Mutter auch getan hätte. Sie sagte so oft, dass die Mutterschaft ein Privileg sei, mit dem nicht leichtfertig umgegangen werden dürfe. Sie liebt den Kleinen sehr. So sehr, dass es Mr Chesters Eifersucht weckte …« Sie hielt kurz inne. »Wir hatten diese Routine entwickelt, dass ich ihr Archie noch vor dem Frühstück brachte. An dem Tag aber schlief der Kleine noch, darum wollte ich ihr lediglich etwas Tee bringen, dem Herrn sei Dank. Denn wenn der Junge gesehen hätte, was ich sah … Ich kann nicht … ich weiß nicht …«

Mattie schlug die Hände vors Gesicht und wandte sich mit zuckenden Schultern von den Schwestern ab. Anne überließ Charlotte die Führung, die die Hände ihrer Freundin ergriff und Mattie fest ansah, bis die schreckliche Erinnerung abgeklungen war und Mattie sich wieder beruhigte.

»Und von Mrs Chester keine Spur?«, fragte Emily nachdenklich, nur um ziemlich unverblümt hinzuzufügen: »Also, keine Leiche? Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, dass ein Täter, der in das Haus eingebrochen ist, ein Landstreicher oder sonstiger Schuft, anschließend die Leiche mitgenommen hat. Wieso sollte er das tun? Es gibt nur eine vernünftige Erklärung: Die Leiche würde verraten, wer der Angreifer war.«

»Oder aber«, sagte Anne, »es gibt gar keine Leiche. Vielleicht ist Mrs Chester gar nicht tot?«

»Aber da war so viel Blut.« Mattie schüttelte den Kopf. »Mehr, als ein Mensch entbehren kann. Ich bin mir sicher, dass meine Herrin das nicht überlebt haben kann.«

Die Frauen schwiegen, der Wind zupfte an ihren Röcken, und in den Bäumen riefen die Krähen einander zu.

»Also, wenn Mr Chester nicht gründlich befragt wird, dann ist das ein Skandal«, erklärte Charlotte. »Ein Skandal, gegen den sofort etwas unternommen werden muss. Wir müssen Vater davon erzählen oder der Zeitung und verlangen, dass gehandelt wird!«

»Ja«, sagte Emily. »Genau das sollten wir tun. Oder aber, liebe Charlotte, wir bringen unsere eigene Intelligenz zum Einsatz, um Mattie zu schützen und die Wahrheit über das Schicksal der zweiten Mrs Chester herauszufinden. Würdest du uns zu ihrer Kammer bringen, Mattie, damit wir alles mit eigenen Augen sehen können?«

»Zu welchem Zweck, Emily?«, fragte Anne einigermaßen erstaunt über die plötzliche Entschlossenheit ihrer Schwester. »Was kann eine leere Kammer dir schon sagen? Außer dass du eine morbide Neugier hegst?«

»Vielleicht entdecken wir etwas Neues. Etwas, das wir, die wir diesem Haus und seinen Bewohnern zum ersten Mal begegnen, möglicherweise sehen und die anderen nicht? Unser Vater hat uns gelehrt, neugierig zu sein, Anne. Es kann doch keine Sünde sein, Antworten auf Fragen zu suchen, die mit dem Leben oder Ableben einer Frau zu tun haben, oder?«

»Und falls Matildas Befürchtungen sich bestätigen sollten – falls Chester tatsächlich der Täter sein sollte, dann muss etwas unternommen werden, um ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen«, sagte Charlotte. »Ich glaube, ein wohlformulierter Brief an eine höhere juristische Instanz, in York zum Beispiel oder in Leeds, würde da schon einiges bewirken. Aber wir sollten uns doch so umfassend wie irgend möglich mit allen Aspekten dieses Falls befassen, bevor wir Anschuldigungen aussprechen, oder was meinst du, Anne?«

Anne begegnete Charlottes Blick, in dem die Bitte um Erlaubnis lag.

»Nun, in dieser Welt, in der Männer ihre Frauen schlagen und sich ihnen mit Gewalt aufdrängen dürfen, ja, sie sogar töten und damit ungeschoren davonkommen, in der Frauen vor der Gesellschaft und dem Gesetz kaum mehr sind als Gegenstände und Eigentum, wäre es vielleicht an der Zeit, dass jemand versucht, dem etwas entgegenzusetzen. Schon Elizabeth Chester und den unschuldigen mutterlosen Kindern zuliebe. Und wenn wir es sind, denen diese Aufgabe zufallen soll, wenn wir die frischgebackenen Ermittlerinnen sein sollen, dann möchte ich mich dieser Verantwortung nicht entziehen.« Sie nickte entschlossen. »Zeig uns ihre Kammer, Mattie.«

Ende der Leseprobe