Die Vertraute - Stacey Halls - E-Book
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Die Vertraute E-Book

Stacey Halls

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Beschreibung

England im 17. Jahrhundert. Obwohl erst siebzehn Jahre alt, hat Fleetwood Shuttleword bereits drei Kinder zur Welt gebracht. Doch ihr Gatte Richard, Herr über Gawthorpe Hall, erwartet einen männlichen Erben. Um nicht in Ungnade zu fallen, muss Fleetwood ihm diesen Wunsch erfüllen. Doch ihr Leibarzt prophezeit, dass die nächste Geburt für sie den sicheren Tod bedeutet. Nur die Hebamme Alice Gray verspricht ihr Hilfe. Doch gegen Alice werden ungeheuerliche Anschuldigungen erhoben. Angesichts dieser erdrückenden Zwänge suchen die beiden Frauen Halt aneinander ... und drohen doch zu zerbrechen.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Aus dem Englischen von Alexander Wagner

© Stacey Halls 2018

Titel der englischen Originalausgabe:

»The Familiars« bei Zaffre, London, 2019

© der deutschsprachigen Ausgabe:

Piper Verlag GmbH, München 2022

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: u1 berlin / Patrizia Di Stefano, nach eineme Entwurf von Alexandra Allden

Covermotiv: Illustration: Lucy Rose Cartwright

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Karte

Teil I

Grafschaft Lancaster (heute Lancashire), Anfang April

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

Teil II

Westemoreland (heute Cumbria), Mai 1612

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Kapitel dreizehn

Kapitel vierzehn

Teil III

Kapitel fünfzehn

Kapitel sechzehn

Kapitel siebzehn

Kapitel achtzehn

Kapitel neunzehn

Kapitel zwanzig

Kapitel einundzwanzig

Kapitel zweiundzwanzig

Kapitel dreiundzwanzig

Kapitel vierundzwanzig

Teil IV

Kapitel fünfundzwanzig

Kapitel sechsundzwanzig

Danke

Ein Brief der Autorin

Historische Anmerkung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Teil I

Grafschaft Lancaster (heute Lancashire), Anfang April

Bleibe immer wach im Geiste,

denn sonst werden sie dir

nicht lange zu Diensten sein,

sondern dich selbst

in ihren Dienst nehmen.

Aus Handbuch der Falknerei,George Turberville, 1543–1597

Prudentia et Justitia

(Klugheit und Gerechtigkeit)

Wahlspruch der Familie Shuttleworth

Kapitel eins

Ich verließ das Haus mit dem Brief in der Hand, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte. Der Rasen war feucht vom Morgentau und durchnässte meine rosa Seidenpantoffeln. In meiner Eile hatte ich vergessen, in meine Überschuhe zu schlüpfen. Dennoch lief ich weiter, bis ich die hohen Bäume am Ende der Rasenfläche vor dem Herrenhaus erreichte. Ich hielt den Brief in meiner geballten Faust und betrachtete ihn erneut, um mich zu vergewissern, dass ich ihn mir nicht bloß einbildete, dass ich nicht in meinem Sessel eingeschlafen war und ihn nur geträumt hatte.

Es war ein nebliger und kühler Morgen, der Wind blies von Pendle Hill herab, und obwohl meine Gedanken in Aufruhr waren, hatte ich immerhin daran gedacht, meinen Umhang von seinem Haken im Ankleidezimmer zu nehmen. Flüchtig hatte ich Puck gestreichelt, erstaunt darüber, dass meine Hände nicht zitterten. Weder hatte ich geweint, noch war ich in Ohnmacht gefallen, ich hatte lediglich das Schreiben zusammengefaltet und war leise die Treppe hinuntergeschlichen. Niemand von den Bediensteten hatte mich bemerkt, ich hatte nur im Vorbeigehen einen kurzen Blick auf James erhascht, der in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch saß. Ich überlegte kurz, ob er womöglich den Brief gelesen hatte, da ein Verwalter oft die private Korrespondenz seines Herrn öffnet, hatte den Gedanken aber schnell wieder verworfen und das Haus durch die Vordertür verlassen.

Die Wolken waren grau wie Zinnkrüge und schienen sich jeden Moment entladen zu wollen, also eilte ich über die Wiese in Richtung Wald. In meinem schwarzen Umhang würde ich mit Sicherheit den neugierigen Blicken der Bediensteten an den Fenstern auffallen, und ich wollte in Ruhe nachdenken. In diesem Teil Lancashires war die Landschaft grün und feucht und der Himmel weit und grau. Nur gelegentlich sah man für einen Moment das rötliche Fell eines Rehs oder den blauen Hals eines Fasans aufschimmern.

Noch bevor ich den Schutz der Bäume erreichte, spürte ich, wie mir wieder übel wurde. Rasch raffte ich meine Röcke, damit sie nicht von der Pfütze aus Erbrochenem befleckt wurden, und wischte mir mit meinem Taschentuch den Mund ab. Auf Richards Anweisung hin besprenkelten die Wäschefrauen die Taschentücher mit Rosenwasser. Ich schloss die Augen und atmete einige Male tief durch, und als ich sie wieder öffnete, fühlte ich mich etwas besser. Die Bäume rauschten, die Vögel zwitscherten, und während ich tiefer in den Wald vordrang, verschwand Gawthorpe hinter mir. Das Herrenhaus war aus warmem, gelbem Stein erbaut, lag auf einer Lichtung und wirkte in dieser Gegend ebenso auffällig wie ich selbst. Und obgleich das Haus niemanden vor den Wäldern verbergen konnte, die von jedem Fenster aus zu sehen waren und immer näher an das Gebäude heranzurücken schienen, konnten einen die Wälder zumindest vor Gawthorpe verbergen.

Ich öffnete den Brief, strich die Falten glatt, die sich in meiner kleinen, festen Faust gebildet hatten, und las erneut den Absatz, der mich so aufwühlte:

Ihr werdet unschwer die wahre Natur der Gefahr erahnen, in der sich Eure Frau befand, und mit größtem Bedauern teile ich Euch meine professionelle Meinung als Arzt und Experte in Sachen Wochenbett mit: Als ich sie am vergangenen Freitagabend besuchte, kam ich zu dem zutiefst unerfreulichen Schluss, dass sie keine Kinder bekommen kann und darf. Es ist von äußerster Wichtigkeit, dass Ihr dies versteht: Sollte sie noch einmal ins Wochenbett kommen, wird sie es nicht überstehen, und ihr irdisches Leben wird ein Ende finden.

Ich war jetzt außer Sichtweite des Hauses und konnte in Ruhe nachdenken. Mein Herz klopfte wie wild, und meine Wangen glühten. Eine weitere Welle der Übelkeit überfiel mich, ich würgte und hustete, die bittere Galle brannte auf meiner Zunge.

Die Übelkeit kam zu jeder Tageszeit und stülpte mein Innerstes nach außen. An manchen Tagen bis zu vierzigmal, wenn es nur zweimal geschah, konnte ich mich glücklich schätzen. In meinem Gesicht platzten dann die feinen Äderchen und hinterließen ein zartes, karmesinrotes Gespinst um meine Augen, deren Weiß sich dämonisch rot färbte. Der scharfe, ekelerregende Geschmack in meiner Kehle hielt stundenlang an. Ich konnte kein Essen bei mir behalten. Zur Enttäuschung der Köchin hatte ich allerdings auch so gut wie keinen Appetit. Sogar mein geliebtes Marzipan lag in großen, unangetasteten Tafeln in der Speisekammer, wo auch meine eigens aus London gesandten Schachteln mit Kandiszucker verstaubten.

Bei den anderen drei Malen war es nicht so schlimm gewesen. Diesmal jedoch fühlte es sich an, als versuchte das in mir wachsende Kind, durch meine Kehle zu entkommen anstatt zwischen meinen Beinen, so wie die anderen, deren vorzeitige Ankunft sich in roten Bächen an der Innenseite meiner Schenkel angekündigt hatte. Ich hatte zusehen müssen, wie ihre winzigen, leblosen, noch ungestalteten Körper in Leinen gewickelt wurden.

»Das arme Wurm hat’s nicht lang gemacht auf dieser Welt«, hatte die letzte Hebamme gesagt und sich das Blut von ihren kräftigen Armen gewischt.

Vier Jahre verheiratet, dreimal im Wochenbett und immer noch keinen Erben, den ich in die Eichenwiege legen konnte, die mir meine Mutter bei der Hochzeit mit Richard geschenkt hatte. Alle sahen mich an, als ob sie furchtbar enttäuscht von mir wären.

Es fiel mir schwer, zu glauben, dass Richard das Schreiben des Arztes kannte und trotzdem einfach zugesehen hatte, wie ich zunahm, als wäre ich ein Truthahn zur Weihnachtszeit. Der Brief war in einem Stapel anderer Dokumente meiner drei Schwangerschaften verborgen, sodass er ihn möglicherweise übersehen hatte. War es richtig von ihm, ihn mir vorzuenthalten? Plötzlich schienen sich die Worte vom Blatt zu lösen und wie eine Schlinge um meinen Hals zu legen. Sie waren von einem Mann geschrieben worden, dessen Namen ich nicht einmal kannte. Bei seinem Besuch hatten mich derart heftige Schmerzen geplagt, dass ich mich an nichts mehr erinnern konnte: weder an seine Untersuchung noch an seine Stimme oder daran, ob er freundlich gewesen war.

Ich blieb jetzt kein einziges Mal stehen, meine Pantoffeln waren bereits mit grünlichem Schlamm beschmiert und völlig ruiniert. Als sich einer von ihnen im Gras verfing und ich ihn verlor, berührte mein bestrumpfter Fuß den nasskalten Boden, und die Grenze des Erträglichen war überschritten. Mit beiden Händen zerknüllte ich den Brief, schleuderte ihn weit von mir und empfand einen kurzen Moment der Befriedigung, als er einige Meter entfernt von einem Baum abprallte.

Hätte ich das nicht getan, dann hätte ich vielleicht niemals neben der Papierkugel die Kaninchenpfote entdeckt. Und gleich darauf auch das dazugehörige Tier – oder vielmehr dessen Überreste: ein zerfetztes Bündel aus Fell und Blut und daneben noch zwei weitere. Ich jagte selbst Kaninchen; aber diese hier waren nicht von einem Jagdfalken oder Habicht getötet worden, der seine Beute sauber schlug, bevor er sie zu seinem Herrn zurückbrachte. Und noch etwas fiel mir ins Auge: der Saum eines braunen Rocks, angewinkelte Knie und darüber ein Körper, ein Gesicht, eine weiße Haube. Nur ein paar Meter entfernt von mir kniete eine junge Frau und starrte mich an. Sie wirkte hellwach und schien auf dem Sprung zu sein. Sie trug ein schlichtes Kleid aus selbst gesponnener Wolle ohne Schürze, weshalb ich sie zwischen all dem Grün und Braun nicht sofort entdeckt hatte. Flachsfarbenes Haar quoll unter ihrer Haube hervor. Ihr Gesicht war lang und schmal, die Augen groß und von ungewöhnlicher Farbe: ein warmes Gold, wie neue Münzen. Ihr Blick hatte etwas Scharfes und Intelligentes, fast Maskulines, und obwohl sie hockte und ich stand, fühlte ich mich für einen Moment, als hätte sie mich ertappt und nicht umgekehrt.

Ein weiteres Kaninchen baumelte leblos in ihrer Faust, ein totes Auge auf mich gerichtet. Sein Fell war rot verschmiert. Auf dem Boden neben der jungen Frau lag ein grob gewebter offener Sack. Sie richtete sich auf. Ein Windstoß rauschte durch die Blätter und Gräser um uns herum. Sie blieb reglos stehen. Nur das tote Tier schaukelte leicht.

»Wer bist du?«, fragte ich. »Was tust du hier?«

Sie begann, die toten Kaninchen eilig in ihren Sack zu stopfen. Mein zerknüllter Brief lag weiß und leuchtend inmitten des Gemetzels, und als sie ihn entdeckte, hielt sie inne. Ihre langen, blutigen Finger schwebten bewegungslos darüber.

»Gib ihn mir«, befahl ich.

Sie hob ihn auf, hielt ihn mir entgegen. Mit ein paar schnellen Schritten war ich bei ihr und riss ihn aus ihrer Hand. Ihre goldenen Augen fixierten mich. Wahrscheinlich hatte mich noch nie eine fremde Person so offen gemustert. Kurz fragte ich mich, welchen Eindruck ich wohl machte, ohne Überschuhe und mit schlammigen Pantoffeln. Zweifellos war mein Gesicht vom Erbrechen gerötet und das Weiße in meinen Augen blutunterlaufen. Die Säure in meinem Mund machte meine Zunge scharf.

»Wie ist dein Name?«

Sie schwieg.

»Bist du eine Bettlerin?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Das ist mein Land. Hast du auf meinem Land Kaninchen gewildert?«

»Euer Land?«

Ihre Stimme löste die merkwürdig angespannte Situation auf. Sie war ein ganz normales Dorfmädchen.

»Ich bin Fleetwood Shuttleworth, Mistress von Gawthorpe. Dies ist das Land meines Mannes. Sofern du aus Padiham bist, solltest du das wissen.«

»Bin ich nicht.«

»Du kennst die Strafe für Wildern auf fremdem Land?«

Sie musterte meinen dicken, schwarzen Umhang und mein darunter hervorlugendes Kleid aus kupferfarbenem Taft. Meine Haut war fahl; mein schwarzes Haar verstärkte diese Wirkung noch, und ich wollte nicht von einer Fremden daran erinnert werden. Vermutlich war ich jünger als sie, obwohl ich ihr Alter schwer schätzen konnte. Ihr schmutziges Kleid schien seit Monaten nicht gewaschen, ihre Haube hatte die Farbe von Schafswolle. Unsere Blicke begegneten sich, und sie sah mich offen und stolz an. Ich runzelte die Stirn und hob mein Kinn. Bei einer Größe von einem Meter einundfünfzig war fast jeder größer als ich, doch dadurch ließ ich mich nicht so leicht einschüchtern.

»Mein Mann wird dich an sein Pferd fesseln und vor den Richter schleifen«, verkündigte ich selbstbewusster, als ich mich fühlte. Sie schwieg, und ich wiederholte meine Frage: »Bist du eine Bettlerin?«

»Ich bin niemand.« Sie hielt mir den Sack hin. »Nehmt ihn. Ich wusste nicht, dass ich mich auf Eurem Land befinde.«

Es war eine seltsame Antwort, und ich überlegte, was ich Richard erzählen sollte. Dabei erinnerte ich mich an den Brief in meiner Hand. Ich drückte ihn fest.

»Womit hast du sie getötet?«

Sie schnaubte. »Ich hab sie nicht getötet. Sie wurden getötet.«

»Was für eine merkwürdige Art zu sprechen du hast. Wie ist dein Name?«

Ich hatte kaum geendet, da drehte sie sich um und rannte zwischen den Bäumen davon. Die Bänder ihrer weißen Haube flatterten zwischen den Stämmen, und der Sack prallte immer wieder gegen ihr Kleid. Ihre Füße flogen über den Boden, so schnell und flink wie die eines Tieres, bevor der Wald sie ganz verschluckte.

Kapitel zwei

Das Geräusch von Richards Geldkatze eilte ihm überall voraus. Vermutlich fühlte er sich dadurch mächtig – man hörte sein Geld, bevor man es sah. Als ich das vertraute Klimpern und die Schritte seiner Ziegenlederstiefel auf der Treppe hörte, holte ich tief Luft. Ich erhob mich, als er den Raum betrat, strahlend und belebt von einer Geschäftsreise nach Manchester. Sein goldener Ohrring blitzte im Licht, seine grauen Augen funkelten.

»Fleetwood«, begrüßte er mich, nahm meinen Kopf in seine Hände und gab mir einen Kuss.

Ich biss mich auf die Unterlippe, wo er sie geküsst hatte. Konnte ich es wagen, offen zu sprechen? Wir standen im Ankleidezimmer, wo ich mich bevorzugt aufhielt. Obwohl vor uns noch niemand auf Gawthorpe gelebt hatte, war dies das einzige Zimmer, das wirklich mir allein zu gehören schien. Es war sehr fortschrittlich von Richards Onkel gewesen, der das Haus entworfen hatte, einen Raum nur zum Ankleiden einzuplanen, obwohl er selbst keine Frau hatte. Würden Frauen Häuser entwerfen, wären solche Räume ein ebenso selbstverständlicher Teil wie die Küche. Da ich in einem düsteren Haus aus anthrazitfarbenem Stein unter grauem Himmel aufgewachsen war, kam es mir hier auf Gawthorpe, mit seinen warmen, leuchtenden Farben, so vor, als würde beständig die Sonne aufgehen. In dem drei Stockwerke hohen Herrenhaus mit seinen Fenstern, die wie Kronjuwelen schimmerten, und dem Turm in der Mitte hatte ich mich anfänglich eher wie eine Prinzessin als eine Gutsherrin gefühlt. Richard hatte mich bei unserem Einzug durch das Labyrinth der Räume geführt, und all der frische Putz, die glänzenden Paneele und die verwinkelten Verbindungsgänge, in denen es von Dekorateuren, Dienern und Zimmerleuten wimmelte, hatten mich ganz schwindlig gemacht. Inzwischen hielt ich mich zumeist im oberen Teil des Hauses auf, um allen aus dem Weg zu gehen. Hätte ich einen Säugling oder ein Kind, das ich zum Frühstück hinunterbringen müsste, wäre das vielleicht anders, aber vorläufig beschränkte ich mich vor allem auf meine Räume und mein Ankleidezimmer, von wo aus ich einen schönen Blick auf den Calder River und Pendle Hill hatte.

»Unterhältst du dich wieder mit deinen Kleidern?«, fragte er.

»Sie sind meine treuen Gesellschafterinnen.«

Puck, meine große Bordeauxdogge, erhob sich von dem türkischen Teppich, streckte sich, gähnte und öffnete sein riesiges Maul, in das ohne Probleme mein ganzer Kopf gepasst hätte.

»Du furchterregende Bestie«, sagte Richard und kniete sich neben den Hund. »Du wirst nicht mehr lange das einzige Objekt unserer Zuneigung sein. Du wirst sie teilen müssen.« Er seufzte und kniete sich hin, müde von dem langen Ritt. »Geht es dir gut? Bist du ausgeruht?«

Ich nickte und schob eine lose Haarsträhne unter meine Haube. In letzter Zeit fiel mir das Haar beim Kämmen büschelweise aus.

»Du wirkst beunruhigt. Du hast doch nicht … Bist du …?«

»Es geht mir gut.«

Der Brief. Frag ihn nach dem Brief. Die Worte lagen mir auf der Zunge, wie ein Pfeil auf einem gespannten Bogen, doch in diesem Moment wirkte sein schönes Gesicht so erleichtert. Ich sah ihm einen Moment zu lange in die Augen, und die Gelegenheit zum Fragen ging vorüber, rann wie Sand durch meine Finger.

»Jedenfalls war Manchester ein Erfolg. James hält es zwar für besser, mich auf diesen Reisen zu begleiten, aber ich komme sehr gut allein zurecht. Vermutlich ärgert er sich nur, weil ich nicht immer gleich Rechnungen schreibe. Aber ich bewahre die Zahlen in meinem Kopf genauso gut auf wie auf einem Stück Papier.« Er hielt inne und ignorierte Puck, der ihn beschnüffelte. »Du bist so schweigsam.«

»Richard, ich habe heute die Schreiben der Hebamme gelesen. Und das des Arztes, der das letzte Kind entbunden hat.«

»Das erinnert mich an etwas.«

Er griff tief in sein smaragdfarbenes, samtiges Wams, und sein Gesicht leuchtete in kindlicher Vorfreude. Er zog seine Hand wieder heraus und legte einen seltsamen Gegenstand in meine. Es war ein kleines, silbernes Schwert von der Länge eines Brieföffners, mit einem goldglänzenden Griff. Die Spitze war stumpf, und kleine Kügelchen an winzigen Häkchen baumelten daran. Ich drehte den fröhlich klimpernden Gegenstand in meiner Hand.

»Es ist eine Rassel.« Er strahlte und schüttelte sie, sodass es klang, als würden ein paar Kutschenpferde zum Stehen kommen. »Das sind Glöckchen. Für unseren Sohn.«

Die Sehnsucht in seiner Stimme war unüberhörbar. Ich dachte an meine verschlossene Schublade in einem der Zimmer. Darin befanden sich ein halbes Dutzend Dinge, die er bei anderen Gelegenheiten gekauft hatte – eine Seidentasche mit unseren Initialen, ein winziges Elfenbeinpferdchen. In der langen Galerie stand eine Rüstung, ein Geschenk, um meine erste Schwangerschaft zu feiern. In Gedanken schien er stets bei unserem Nachwuchs: wenn er in Preston mit Wolle handelte, bei einem Händler vorbeikam, der Miniaturtiere verkaufte, oder wenn er bei unserem Schneider ein Stück Seide von der Farbe einer Austernperle entdeckte. Offenbar war er sich jedes Mal sicher, ob es ein Sohn oder eine Tochter würde, und unerfahren, wie ich war, stellte ich es nicht infrage. Jedes dieser Geschenke stellte für mich ein Symbol meines Versagens dar, und am liebsten hätte ich sie alle verbrannt und dann dabei zugesehen, wie sich der Rauch durch den Schornstein kräuselte und vom Wind verweht wurde. Ich musste daran denken, wo ich ohne meinen Mann stünde. Mein Herz war voller Trauer, denn er hatte mich glücklich gemacht, und ich hatte dieses Geschenk mit drei verlorenen kleinen Seelen erwidert, die der leichtesten Brise nicht widerstehen konnten.

Ich unternahm einen weiteren Anlauf. »Richard, gibt es etwas, das du mir sagen möchtest?«

Richards Ohrring glitzerte, während er mich musterte. Puck gähnte und ließ sich auf dem Teppich nieder. Aus einem der unteren Stockwerke rief eine sonore Stimme Richards Namen.

»Roger ist unten«, sagte er. »Ich sollte zu ihm gehen.«

Ich legte die Rassel auf dem Stuhl ab und ließ Puck neugierig daran schnüffeln.

»Dann begleite ich dich.«

»Ich bin nur nach oben gekommen, um mich umzuziehen. Wir gehen auf die Jagd.«

»Aber du bist doch schon den ganzen Morgen geritten.«

Er lächelte. »Jagd ist nicht Reiten, es ist Jagd.«

»Dann komme ich mit euch.«

»Fühlst du dich gesund genug?«

Ich lächelte und wandte mich wieder meinen Kleidern zu.

***

»Fleetwood Shuttleworth! Herr im Himmel, wie blass du bist!« Rogers Stimme dröhnte über den Hof vor den Stallungen. »Du bist weißer als ein Schneeglöckchen, aber doppelt so schön. Richard, hast du deine Frau nicht ordentlich gefüttert?«

»Roger Nowell, du weißt wirklich, wie man einer Frau das Gefühl gibt, etwas Besonderes zu sein.« Ich lächelte und schwang mich auf mein Pferd.

»Du bist für die Jagd gekleidet. Hast du denn all deine damenhaften Pflichten für diesen Morgen schon erfüllt?«

Seine Stimme hallte durch jeden Winkel der Stallungen, während er groß und breit auf seinem Pferd hockte, eine graue Augenbraue fragend erhoben.

»Ich bin gekommen, um Zeit mit meinem bevorzugten Friedensrichter zu verbringen.«

Ich ritt mit meinem Pferd zwischen die beiden Männer. In Roger Nowells Anwesenheit fühlte ich mich wohl, und ich brachte ihm eine gewisse Ehrfurcht entgegen, da ich nie einen Vater gehabt hatte. Er hätte durchaus meiner oder Richards Vater – ja, sogar Großvater – sein können, und da unsere beiden Väter schon lange tot waren, wurde er, als Richard Gawthorpe erbte, unser väterlicher Freund. Gleich am Tag nach unserem Einzug kam er angeritten, brachte drei Fasane mit und blieb den ganzen Nachmittag, um uns alles über die Gegend und ihre Bewohner zu erzählen. Wir waren neu in diesem Teil Lancashires mit seinen sanften Hügeln, schattigen Wäldern und eigenwilligen Menschen, und er hielt eine wahre Fundgrube an Wissen bereit. Als Freund von Richards verstorbenem Onkel, der Oberrichter von Chester und die wichtigste Verbindung der Familie zur Krone gewesen war, kannte Roger die Shuttleworths seit Jahren und richtete sich nun auch in unserem Haushalt ein, als sei er ein geerbtes Möbelstück. Ich mochte ihn vom ersten Moment an. Auch wenn seine Stimmung gelegentlich überraschend umschlug, verbreitete er zumeist eine warme Atmosphäre und geizte nicht mit seinem umfassenden Wissen.

»Neuigkeiten aus dem Palast: Der König hat möglicherweise einen würdigen Freier für seine Tochter gefunden«, verkündete Roger.

Die Hunde in ihren Zwingern bellten wild, und als sie herausgeholt wurden, liefen sie hechelnd um die Beine der Pferde.

»Wer ist es?«

»Friedrich der Fünfte, Pfalzgraf des Rheinlands. Er wird im Laufe des Jahres nach England kommen und hoffentlich dem Treiben der Narren ein Ende setzen, die um die Hand der Prinzessin buhlen.«

»Bist du zur Hochzeit geladen?«, fragte ich.

»Ich hoffe es. Es wird die prächtigste im Königreich seit vielen Jahren sein.«

»Was für ein Kleid sie wohl tragen wird?«, dachte ich laut.

Wegen der bellenden Hunde hörte Roger mich nicht, und er und Richard trabten voran vom Hof. Da die Hunde angeleint wurden, ging es wohl zur Hirschjagd, und ich wünschte, ich hätte vorher gefragt. Ein in die Enge getriebener Hirsch war kein schöner Anblick, mit seinem wild zustoßenden Geweih und den rollenden Augen; ich hätte fast alles andere vorgezogen. Ich überlegte umzukehren, aber wir befanden uns bereits im Wald, also gab ich meinem Pferd die Sporen. Edmund, der Stallbursche, diente als Treiber und ritt neben den Hunden her. Während wir durch die Bäume trabten, hörte ich Bruchstücke von Rogers und Richards leiser Unterhaltung. Mir kam ein Bild vom Vortag in den Sinn: blutiges Fell, tote Augen und die seltsame goldhaarige Frau.

Ich holte auf und unterbrach ihr Gespräch. »Richard, gestern war ein Eindringling auf unserem Land.«

»Was? Wo?«

»Irgendwo südlich des Hauses, in den Wäldern.«

»Warum hat James mir das nicht gesagt?«

»Weil ich ihm nichts davon erzählt habe.«

»Du hast den Fremden gesehen? Was hast du da gemacht?«

»Ich … ging spazieren.«

»Ich habe dir gesagt, du sollst nicht alleine ausgehen. Du hättest dich verlaufen oder stolpern und dich verletzen können.«

Roger lauschte unserem Gespräch.

»Mir geht es gut, Richard. Außerdem war es kein Mann, sondern eine Frau.«

»Was wollte sie hier? Hatte sie sich verlaufen?«

In diesem Moment wurde mir klar, dass ich ihm nicht von den Kaninchen erzählen konnte, weil mir die Worte für das Unbeschreibliche der Situation fehlten.

»Ja«, sagte ich schließlich.

Roger wirkte amüsiert. »Du hast wirklich eine wilde Fantasie, Fleetwood. Du hast uns glauben lassen, dass du von einem Wilden im Wald angegriffen wurdest, obwohl sich in Wirklichkeit nur eine Frau verirrt hatte?«

»Ja«, erwiderte ich leise.

»Aber selbst das ist nicht ungefährlich – du hast vielleicht davon gehört, was John Law, dem Hausierer in Colne, passiert ist?«

»Nein.«

»Roger, du solltest sie nicht mit Geschichten über Hexerei erschrecken – sie hat ohnehin schon Albträume.«

Mir blieb der Mund offen stehen, und ich wurde rot. Richard erwähnte zum ersten Mal jemand anderem gegenüber meinen wiederkehrenden Albtraum. Er ritt weiter voraus, wobei die Feder an seinem Hut wippte.

»Erzähl mir davon, Roger.«

»Eine Frau, die allein unterwegs ist, ist nicht immer harmlos, wie John Law zeit seines Lebens wohl nicht vergessen wird – ein Leben, das möglicherweise nicht mehr lange währt, Gott sei ihm gnädig.« Roger lehnte sich in seinem Sattel zurück. »Vor zwei Tagen kam sein Sohn Abraham zu mir nach Read Hall.«

»Sollte ich ihn kennen?«

»Nein, denn er ist ein Tuchfärber aus Halifax. Der Junge hat es zu etwas gebracht, wenn man den Beruf seines Vaters bedenkt.«

»Und er ist an eine Hexe geraten?«

»Nein, hör zu.«

Ich seufzte und wünschte, ich wäre nicht mitgekommen und würde stattdessen mit meinem Hund im Salon sitzen.

»John war auf dem Woolpack Trail in Colnefield unterwegs, als er einem Mädchen begegnete. Eine Bettlerin, wie er vermutete. Sie bat ihn, ihr ein paar Stecknadeln zu schenken, und als er sich weigerte«, Roger machte eine dramatische Pause, »verfluchte sie ihn. Er hatte ihr den Rücken zugewandt, und gleich darauf hörte er sie leise murmeln. Ein kalter Schauer überlief ihn. Zuerst hielt er es für den kühlen Wind, doch als er sich umdrehte, waren ihre dunklen Augen auf ihn gerichtet, und ihre Lippen bewegten sich. Er eilte davon, aber keine dreißig Meter weiter hörte er Schritte, und dann stürzte sich so etwas wie ein riesiger schwarzer Hund auf ihn, biss ihn überall, und er fiel zu Boden.«

»Etwas wie ein schwarzer Hund?«, fragte Richard. »Du hast vorhin gesagt, es war ein schwarzer Hund.«

Roger ignorierte ihn. »Er schlug die Hände vors Gesicht und bettelte um Gnade, und als er die Augen öffnete, war der Hund verschwunden. Einfach weg. Und das fremde Mädchen ebenfalls. Jemand entdeckte ihn auf dem Weg und half ihm in eine nahe gelegene Schenke, aber er konnte sich kaum rühren und auch nicht sprechen. Eines seiner Augen war blind, und sein Gesicht war auf einer Seite wie gelähmt. Er blieb über Nacht in der Schenke, aber am nächsten Morgen erschien das Mädchen erneut, keck und munter, und bat ihn um Vergebung. Sie behauptete, sie beherrsche ihr Handwerk noch nicht, aber sie habe ihn tatsächlich verflucht.«

»Sie hat es zugegeben?« Ich musste an die junge Frau von gestern denken. »Wie sah sie aus?«

»Wie eine Hexe. Sehr dünn und ungepflegt, mit schwarzen Haaren und einem finsteren Gesicht. Meine Mutter sagt, dass man niemandem mit schwarzen Haaren trauen soll, weil die Person meistens auch eine schwarze Seele hat.«

»Ich habe schwarze Haare.«

»Willst du meine Geschichte hören oder nicht?«

Meine Mutter hatte mir als Kind oft damit gedroht, mir den Mund zuzunähen. Sie und Rogers Mutter hätten sich sicher bestens verstanden.

»Es tut mir leid«, sagte ich. »Geht es dem Mann jetzt wieder besser?«

»Nein. Möglicherweise wird er sich auch nie wieder erholen«, erwiderte Roger ernst. »Das ist beunruhigend, aber etwas anderes bereitet mir noch viel mehr Sorgen: der Hund. Solange er frei herumstreunt, ist in Pendle niemand sicher.«

Richard warf mir einen skeptischen, amüsierten Blick zu, bevor er losgaloppierte, der Hundemeute hinterher. Mir machte das Tier keine Angst – schließlich besaß ich einen Hund von der Größe eines Maultiers. Aber bevor ich Roger darauf hinweisen konnte, fuhr er fort.

»Ein paar Nächte nach dem Vorfall erwachte John Law im Gasthaus, weil er jemanden oder etwas atmen hörte. Das Tier von der Größe eines Wolfs erhob sich neben seinem Bett, mit gefletschten Zähnen und feurigen Augen. Ihm war klar, dass es sich um einen Geist handelte; es war kein irdisches Wesen. Man kann seinen Schrecken verstehen: Schließlich konnte er sich nicht bewegen und nicht sprechen, nur stöhnen. Und dann, nur wenige Augenblicke später, stand die Hexe höchstpersönlich neben ihm.«

Ein kalter Hauch schien über meine Haut zu streichen.

»Das Tier verwandelte sich also in die Frau?«

»Nein. Fleetwood, hast du je von Hilfsgeistern gehört?« Ich schüttelte den Kopf. »Dann empfehle ich dir das Buch Levitikus. Kurz gesagt, es ist der Teufel in verkleideter Gestalt. Wenn du so willst, sind diese Geister eine Verlängerung seines Reiches in unsere Welt. In dem Falle war der Hilfsgeist des Mädchens ein Hund, sie können jedoch in unterschiedlicher Gestalt erscheinen: als Tiere, als Kinder. Der dienstbare Geist erfüllt die Wünsche des Mädchens, und letzte Woche befahl sie ihm, John Law zu lähmen. Ein Hilfsgeist ist das sicherste Anzeichen für eine Hexe.«

»Und du hast ihn gesehen?«

»Natürlich nicht. Einem gottesfürchtigen Menschen wird wohl kaum ein Geschöpf des Teufels erscheinen. Nur Personen mit schwach ausgeprägtem Glauben können seine Anwesenheit spüren. Mangelnde Moralvorstellungen sind sein Nährboden.«

»Aber John Law hat ihn doch gesehen. Und du sagtest, er sei ein guter Mensch.«

Roger winkte ungeduldig ab. »Wir haben Richard verloren. Er wird nicht glücklich darüber sein, dass ich hier mit seiner Frau plaudere. So etwas passiert, wenn Frauen mit auf die Jagd gehen.«

Ich verzichtete auf den Hinweis, dass er in seinem Erzähldrang kaum zu bremsen gewesen war – wenn Roger eine Geschichte auf Lager hatte, musste er sie einfach loswerden. Wir galoppierten los und verlangsamten das Tempo erst wieder, als die Jagdmeute in Sicht kam. Wir hatten uns jetzt ein gutes Stück von Gawthorpe entfernt, und plötzlich war ich gar nicht begeistert von dem Gedanken, einen ganzen Nachmittag lang reiten zu müssen.

»Wo ist das Mädchen jetzt?«, fragte ich, während wir wieder zurückfielen.

Roger änderte seinen Griff am Zügel. »Ihr Name ist Alizon Device. Sie befindet sich auf Read Hall in meinem Gewahrsam.«

»In deinem Haus? Warum hast du sie nicht in den Kerker nach Lancaster gebracht?«

»Sie ist dort gut aufgehoben. Sie wird nichts anstellen – sie würde es nicht wagen. Außerdem hilft sie mir bei weiteren Ermittlungen.«

»Was für Ermittlungen?«

»Meine Güte, Fragen über Fragen, Mistress Shuttleworth. Müssen wir das wirklich alles haarklein erörtern? Alizon Device stammt aus einer Familie von Hexen, das hat sie mir selbst verraten. Ihre Mutter, ihre Großmutter und sogar ihr Bruder praktizieren Magie und Zauberei, und zwar nur ein paar Meilen von hier entfernt. Außerdem beschuldigen sie ihre Nachbarn des Mordes durch Hexerei, und einer dieser Nachbarn lebt auf dem Land der Shuttleworths. Deshalb dachte ich, dass dein Mann, der wieder mal verschwunden ist, darüber Bescheid wissen sollte.«

Er nickte mit dem Kopf in Richtung der weitläufigen grünen Landschaft vor uns. Edmund, Richard und die Hunde waren nirgends zu sehen.

»Aber woher weißt du, dass sie die Wahrheit sagt? Warum sollte sie ihre Familie verraten? Sie muss doch die Konsequenzen kennen, wenn man der Hexerei überführt wird – es bedeutet den sicheren Tod.«

»Darüber lässt sich im Moment nur spekulieren«, erwiderte Roger knapp, obwohl ich hinter seinen Worten eine fest gefügte Sicht der Dinge spürte. Er konnte jederzeit stur und tyrannisch werden; ich hatte das in Anwesenheit seiner Frau Katherine erlebt, die ein geduldiger Mensch war. »Aber die Morde, die ihre Familie begangen haben soll, sind tatsächlich geschehen.«

»Sie haben gemordet?«

»Mehrfach. Einem Device solltest du besser nicht in die Quere kommen. Doch keine Angst, mein Kind. Alizon Device ist in sicherem Gewahrsam, und morgen oder übermorgen werde ich ihre Familie vernehmen. Natürlich werde ich den König benachrichtigen müssen.« Er seufzte, als trüge er schwer an dieser Verantwortung. »Er wird sicher erfreut sein, das zu erfahren.«

»Was ist, wenn sie vorher flüchten – wie willst du sie aufspüren?«

»Sie werden nicht entkommen. Und wie du weißt, habe ich in Pendle überall meine Augen. Einem High Sheriff entgeht nichts.«

»Einem ehemaligen High Sheriff«, neckte ich ihn. »Wie alt ist sie? Das Mädchen mit dem Hund?«

»Sie weiß es nicht genau, aber ich schätze sie auf etwa siebzehn Jahre.«

»Genauso alt wie ich.« Nach einem Moment nachdenklichen Schweigens ergriff ich wieder das Wort. »Roger, vertraust du Richard?«

Er hob eine buschige Augenbraue. »Ich würde ihm sogar mein Leben anvertrauen. Oder was davon übrig ist – ich bin jetzt ein alter Mann, meine Kinder sind erwachsen, und die besten Tage meiner Arbeit liegen leider hinter mir. Warum fragst du?«

Ich hatte den Brief des Arztes in meine Tasche gesteckt, unter meiner Reitkleidung, wo er rhythmisch gegen meine Rippen stieß wie ein zweites Herz.

»Ach, nur so.«

Kapitel drei

Die Fastenzeit war noch nicht vorbei, und obwohl ich normalerweise kaum Appetit hatte, sehnte ich mich jetzt doch ein wenig nach einem Stück geschmorten Rindfleischs oder einem Streifen weichen, gesalzenen Huhns. Roger blieb zum Abendessen und rieb sich die Hände, als die Dienerschaft Silberplatten mit Hecht und Stör brachte. Ich rührte nichts davon an, obwohl ich nach der Jagd, von der wir ohne Beute zurückgekehrt waren, weil ein dichter kalter Nebel aufgezogen war, etwas Hunger hatte. Jetzt drängte der Nebel von außen gegen die Fenster, und es war kühl im Speisesaal. Ich riss mein Brot in Stücke, nippte an meinem Wein und fragte mich, wann ich jemals wieder alles auf meinem Teller würde essen können. Ich hatte keinem der Bediensteten von meinem Zustand erzählt, auch Sarah nicht, die mir beim Ankleiden half, doch der Köchin würde es wohl kaum verborgen bleiben. Auch die anderen Diener hatten wahrscheinlich bemerkt, wie ich Puck heimlich von meinem Teller fütterte, doch das hatte ich bereits getan, als er noch ein Welpe gewesen war. Mein Hund wurde immer dicker, während ich zu schrumpfen schien. Richard hatte einmal gescherzt, dass dieser Hund besser speiste als der Großteil der Bevölkerung Lancashires.

Als ich den Anblick der Fische nicht länger ertragen konnte, ging ich hinauf in mein Zimmer, um mich hinzulegen. Oben im Haus, weit weg vom Geklapper der Soßenschüsseln und Messer, war es ruhig, und man hatte das Kaminfeuer angezündet. Normalerweise hätte ich wegen meiner Kopfschmerzen noch die Vorhänge geschlossen, aber dazu fühlte ich mich jetzt zu krank und müde, also stieß ich lediglich meine Pantoffeln weg, legte mich hin und starrte aus dem Fenster, während ich die Hände auf meinen Bauch legte. Heute Morgen war ich mit allen möglichen anderen Dingen beschäftigt gewesen, doch nun kam mir der Brief des Arztes wieder in den Sinn und brachte mich ins Grübeln. Letztendlich drehte es sich wohl um die Frage, wer überleben würde: ich, das Kind, beide oder keiner von uns. Wenn man dem Arzt Glauben schenken wollte – und das musste man wohl –, wurde das Baby so fett wie eine Kastanie in ihrer grünen Stachelschale und würde mich schließlich von innen auseinanderreißen. Richard wünschte sich nichts sehnlicher als einen Erben, und vielleicht würde ich seinem Wunsch dieses Mal gerecht werden … aber um den Preis meines eigenen Lebens? Frauen trugen bei einer Empfängnis Leben und Tod in sich, das war eine unabänderliche Tatsache. Um mein Leben zu beten, war wohl so sinnvoll, wie sich das Gras blau zu wünschen.

»Wirst du in mir bleiben und mich töten?«, fragte ich und sah auf meinen Bauch hinab. »Oder lässt du mich leben? Sollen wir versuchen, beide zu leben?«

Ich schlief ein, und als ich erwachte, stand ein Krug Milch neben dem Bett. Ich steckte meinen kleinen Finger hinein und leckte ihn ab. Meine Mutter hatte immer gesagt, die schönsten Mädchen hätten eine Haut wie frische Milch, weiß und cremig. Meine jedoch sah aus wie altes Pergament. Ich dachte an den Wirbel, den Mutter gemacht hatte, als uns Richard mit seinem Onkel Lawrence zum ersten Mal in Barton besuchte; sie wollte sich nicht beruhigen und war um mich herumgeflattert wie eine Motte.

»Zeig ihm deine Hände«, hatte sie mir eingeschärft. »Lass sie gefaltet.« Sie musste nicht eigens betonen, dass mein Gesicht nicht gerade zu meinen Vorzügen gehörte – das wusste ich bereits. Trotzdem hatte das alles im Grunde keine Rolle gespielt, denn wir beide wussten: Das Beste an mir war mein Name und das damit verbundene Geld. Mutter hatte immer behauptet, Vater sei geizig gewesen, aber als ich sie gefragt hatte, warum wir in einem zugigen Haus wohnten und ein Schlafzimmer teilten, hatte sie die Lippen zu einem schmalen Strich verzogen und erklärt, ein altes Haus sei würdevoller als ein neues.

An dem Abend nach Richards Besuch hatte sie mich beim Zubettgehen gefragt, ob er mir gefalle.

»Spielt das eine Rolle?«, lautete meine kurz angebundene Entgegnung.

»Es ist wichtig für dein Glück. Du wirst bald jeden Tag deines Lebens mit ihm verbringen.«

Er wird mich aus diesem unglücklichen Leben herausholen, dachte ich. Ich könnte ihn gar nicht mehr mögen.

Dabei dachte ich nicht an sein angenehmes, faltenloses Gesicht und seine hellgrauen Augen. An den schönen Schmuck in seinen Ohren, die Ringe an seinen Händen, von denen ich bald einen anstecken würde, damit er mich in mein neues Leben führen konnte.

»Magst du das Theater?«, hatte er mich im Salon meiner Mutter gefragt.

Sein Onkel und meine Mutter unterhielten sich am Fenster und spähten zu uns herüber. Meine Mutter hatte die Arrangements für diese Heirat getroffen, aber falls Richard ablehnen sollte, wäre alles hinfällig.

»Ja«, schwindelte ich, denn ich war noch nie in einem Theater gewesen.

»Ausgezeichnet. Wir werden jedes Jahr einmal nach London fahren. Dort gibt es die besten. Zweimal, wenn Ihr wollt.«

Wie hätte ich nicht von diesem jungen Mann fasziniert sein sollen, der mich im Gegensatz zu allen anderen nicht wie ein Kleinkind behandelte? Jede wache und jede träumende Stunde hatte ich sein Gesicht vor mir. Nachdem der Hochzeitstermin in der Pfarrkirche vereinbart worden war, konnten die Tage nicht schnell genug vergehen, weil sie mich ihm näher brachten. Ich hatte viel darüber nachgedacht, was für eine Gattin ich wohl sein würde: gütig und klug, denn ich war nicht schön. Eines Tages wäre ich dann eine Mutter, von ihren Kindern und ihrem Mann geliebt. Was immer Richard wollte, ich würde es ihm geben. Sein Wohlbefinden wäre meine Bestimmung, sein Glück meine Lebensaufgabe. Er hatte mir das größte Geschenk gemacht und mich als seine Frau genommen, also würde ich ihm für den Rest meiner Tage eine tiefe Dankbarkeit entgegenbringen.

Irgendwann hatte sich meine Mutter in ihrem Bett herumgedreht.

»Fleetwood. Hörst du mir zu? Ich habe gefragt, ob du Richard magst.«

»Ich denke schon«, hatte ich geantwortet und mit einem Lächeln meine Kerze ausgeblasen.

***

Ich erhob mich ungelenk und betrat mit steifen Gliedern die lange Galerie an der Vorderseite des Hauses, um ein wenig auf und ab zu gehen.

Zu meiner Überraschung stand Roger dort und betrachtete das königliche Wappen über dem Kamin. Die Hände hatte er hinter dem Rücken verschränkt.

»Fürchte Gott, ehre deinen König, meide das Böse und tue das Gute. Suche den Frieden und erhalte ihn«, rezitierte ich den Spruch auf dem Kaminsims aus dem Gedächtnis.

»Sehr gut, Fleetwood. Betrachte dies auch als ein Versprechen deines Friedensrichters.«

»Richards Onkel Lawrence hat es dort anbringen lassen. In der Hoffnung, König James würde davon erfahren und daher auf einen Besuch verzichten.«

»Die Shuttleworths sind natürlich loyal gegenüber der Krone.« In Rogers Stimme lag ein warnender Unterton.

»Treu wie Gold.«

Roger wirkte nachdenklich. »Dennoch müssen in diesem Landstrich mehr Loyalitätsbeweise erbracht werden. Aber wie?«

»Ich halte es nicht so sehr für einen Mangel an Loyalität, sondern eher an Vertrauen. Außerdem würde er diese Gegend mit ihren alten Formen der Glaubensausübung sicher meiden.«

»Dieser Teil des Königreichs bereitet Seiner Majestät große Sorgen. Es könnte viel mehr getan werden, um den König zu ehren und das Böse zu meiden.« Er beugte sich vor und runzelte die Stirn. »Ich hatte die Inschrift um das Wappen des Königs übersehen. Was steht dort?«

»Honi soit qui mal y pense. ›Schande über den, der Böses dabei denkt.‹«

Er verzog das Gesicht, als müsste er darüber nachdenken. »In der Tat. Aber was mit diesem Bösen gemeint sein könnte, kann Lawrence uns leider nicht mehr sagen. Vielleicht werde ich den König selbst fragen.«

»Du bist demnächst am Hof?«

Roger nickte. »Seine Majestät verlangt, dass die Friedensrichter in Lancashire ein Verzeichnis aller Personen erstellen, die nicht zum Abendmahl in die Kirche gehen.«

»Aus welchem Grund?«

»O Fleetwood, zerbrich dir nicht deinen Kopf über die Angelegenheiten des Hofes, sie berühren kaum das Leben einer jungen Dame. Du tust deine Pflicht und schenkst deinem Mann viele kleine Shuttleworths, und ich werde meine Pflicht tun und Pendle schützen.«

Offenbar wirkte ich etwas verstimmt, denn er blickte mich sogleich freundlicher an. »Nun, wenn du es wissen möchtest: Seine Majestät ist immer noch sehr … beunruhigt nach den Ereignissen im Parlament vor sieben Jahren. Und du hast vielleicht das Gerücht gehört, dass einige der Verräter nach Lancashire geflohen sind. Es muss etwas getan werden, um die Loyalität der Grafschaft gegenüber der Krone zu demonstrieren, denn derzeit ist der König sehr misstrauisch gegenüber unserem kleinen nördlichen Landesteil und den gesetzlosen Menschen hier. Verglichen mit den vornehmeren Lords und Ladys des Südens, hält er uns für ein Rudel Tiere. Wir sind hier sehr weit von der Zivilisation entfernt, und das bereitet ihm Kopfzerbrechen. Und weißt du, was ihm außerdem große Sorgen macht?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Hexen.«

Seine Augen blitzten triumphierend auf, und ich brauchte einen Moment, um zu verstehen.

»Du meinst Alizon Device?«

Roger nickte. »Wenn ich den König davon überzeugen kann, dass Lancashires Volk von diesen Wesen bedroht wird, die er so verabscheut, dann könnte er uns seine Anteilnahme schenken und weniger misstrauisch werden. Wenn man mich dabei wahrnimmt, wie ich diese böse Saat ausrotte, würden wir im Königreich möglicherweise einen neuen Ruf genießen, die Grafschaft könnte wachsen und gedeihen.«

»Aber Katholiken und Hexen sind nicht dasselbe. Von ersteren gibt es hier sicher reichlich, aber nicht von letzteren.«

»Mehr, als du glaubst«, lautete Rogers knappe Antwort. »Außerdem betrachtet der König beide als die Wurzel ein und desselben Übels.«

»Nun, der König braucht sich wohl kaum Sorgen darüber zu machen, dass wir hier Schießpulver für Anschläge lagern. Es ist viel zu feucht«, sagte ich. Roger lachte. Sollte ich ihm von dem tief in meiner Tasche vergrabenen Brief erzählen? Wusste er möglicherweise bereits davon? »Wo ist Richard?«, fragte ich stattdessen.

»Er hat etwas mit seinem Verwalter zu erledigen, dann führt er mir seinen neuen Falken vor, bevor er mich zurück nach Read begleitet. Wirst du mitkommen?«

»Er verbringt mehr Zeit mit diesem Geschöpf als mit mir. Nein, vielen Dank. Aber du kannst ihm sagen, er soll den Schneider rufen lassen. Ich brauche ein paar neue Kleider.«

Roger lachte leise, während wir die Tür zu meinen Zimmern passierten und die Treppe erreichten.

»Du und meine Katherine seid euch in diesem Punkt wirklich ebenbürtig. Aber keine von euch kann es mit Richard aufnehmen. Er hat die umfangreichste Garderobe neben der des Königs.« Er hielt am obersten Treppenabsatz inne. »Du wirst Katherine bald einmal besuchen? Sie fragt oft nach dir und deinen neuesten modischen Errungenschaften. Sie ist fasziniert davon, was die jungen Leute tragen.«

Ich lächelte und verbeugte mich, bevor er die Wendeltreppe im Turm hinunterstieg. Ehe er ganz verschwand, rief ich noch einmal seinen Namen, denn ich spürte einen plötzlichen Schmerz und sehnte mich nach einer väterlichen Umarmung. Roger roch wirklich wie ein Vater, zumindest stellte ich es mir so vor – nach Holzrauch, Pferdefell und Tabak. Er blieb abwartend unter dem Porträt von meiner Mutter und mir als Kind stehen, das ich weder in der langen Galerie noch an einem anderen Ort als diesem aufhängen wollte. Niemand verweilte lange auf der Treppe, sodass die Gäste daran vorbeigingen und es oft schon vergessen hatten, wenn sie die nächste Etage erreichten. Meine Mutter dominierte mit ihrem weiten Kragen und dem scharlachroten Kleid das lebensgroße Porträt. Für mich war die linke untere Ecke verblieben, und meine Mutter streckte ihren Arm nach mir aus, als wolle sie mich schnell aus dem Bild befördern. Auf meiner Hand hockte ein kleines schwarzes Schwalbenschwänzchen, das ich als Haustier in einem Käfig gehalten hatte und das hier verewigt worden war. Ich erinnerte mich noch an die peinliche Stille, als ich in Bartons großer Halle für das Bild Modell gesessen hatte, an den Künstler mit seinem spitzen Gesicht, den mit Ölfarben verschmierten Fingern und der geschwärzten Zungenspitze, die wie eine Schlange aus seinem Mund hervorschnellte.

»Roger …« Meine Stimme blieb mir im Hals stecken. »Glaubst du, dass John Law überleben wird?«

»Mach dir keine Sorgen«, erwiderte Roger. »Sein Sohn kümmert sich um ihn.«

Ich kehrte in mein Zimmer zurück und fragte mich, wie Roger Nowell wohl mit einer Hexe im Haus schlief, und ich vermutete: tief und fest.

***

Ich hatte das Nachtgeschirr unter dem Bett versteckt und mit einem Tuch abgedeckt, trotzdem zuckte Richard kurz zurück, als er das Zimmer betrat. Ich lag erschöpft in meinem Nachthemd auf dem Bett, und das kleine Stückchen Hecht, das ich beim Abendessen zu mir genommen hatte, schwamm am Boden der Schüssel. Richard seufzte und kniete sich neben mich.

»Geht es dir noch nicht besser? Du hast kaum etwas gegessen. Ich möchte so gerne, dass es dir gut geht.«

Ich zupfte mein Nachthemd zurecht, sodass die kleine Wölbung meines Bauches sichtbar wurde. Richard betrachtete sie, dann legte er sanft eine Hand darauf. Ich berührte den goldenen Ring, den sein Vater ihm vermacht hatte und den er niemals ablegte. Ich wusste nicht, was schlimmer war: die beständige Übelkeit oder die Ungewissheit, ob mein Mann mir eine entscheidende Wahrheit vorenthielt. Irgendwann an diesem Abend, allein in meinem Zimmer mit den flackernden Kerzen als einziger Gesellschaft, hatte ich es verstanden: Natürlich war Richard das Leben seines Kindes wichtiger als meines. Wäre das nicht bei jedem Mann der Fall, der so viel zu hinterlassen hatte?

»Richard?«, fragte ich. »Was geschieht, wenn ich dir keinen Erben schenken kann?«

Ich dachte an die Ehefrauen früherer Könige, deren Hälse auf den Richtblock gelegt wurden. Was wäre besser: in einem blutgetränkten Bett qualvoll und langsam zu sterben oder schnell und sauber, im schönsten Kleid? Scheidungen gab es zwar schon seit Jahrzehnten, aber das Wort löste in den Menschen immer noch ebenso viel Angst aus wie der Tod.

»Sag so etwas nicht. Diesmal wird es nicht passieren – Gott wird uns wohlgesonnen sein. Wir werden die beste Hebamme einstellen.«

»Wir hatten auch beim letzten Mal eine Hebamme. Sie konnte nicht verhindern, dass es tot geboren wurde.«

Er erhob sich, um sich auszuziehen. Das Kerzenlicht ließ seine Knöpfe glänzen, ehe es auf seiner nackten Haut schimmerte. Er schlüpfte in sein Nachthemd, dann legte er sich an meine Seite, nahm meine kalte Hand und hielt sie fest. Obwohl seine Stimme ruhig klang, wirkte sein Gesicht besorgt.

»Bis du wieder gesund bist, schlafe ich in der Ankleidekammer.«

Mein Magen krampfte sich zusammen. »Nein! Richard, bitte, ich will nichts davon hören. Mir wird nicht mehr übel. Ich lasse das Nachtgeschirr von einem Dienstmädchen entfernen.«

Ich wollte aus dem Bett klettern, aber Richard hielt mich auf.

»Ich schlafe nur so lange im Nebenzimmer, bis es dir wieder besser geht, und das wird schon sehr bald sein.«

»Richard, nicht. Ich bitte dich. Ich schlafe nicht gern allein, das weißt du doch – der Albtraum.«

Immer wenn ich schweißgebadet und blind vor Angst erwachte, hielt er mich fest, bis ich zu zittern aufhörte. Es passierte nur wenige Male im Jahr, aber er wusste, dass ich Angst hatte, wenn er nicht da war.

»Bitte schlaf nicht im Ankleidezimmer. Bitte bleib bei mir. Ich habe Angst.«

Aber er küsste mich auf die Stirn und verließ das Zimmer, wobei er den verschmutzten Nachttopf mit leicht angewidertem Gesicht auf Armeslänge vor sich hielt. Ich rutschte am Kopfteil des Bettes hinunter, und die Tränen stiegen mir in die Augen. So etwas hätte er zu Beginn unserer Ehe niemals getan. Nach der Hochzeit hatte ich angesichts des Trubels vor den Fenstern unseres Hauses in London nicht einschlafen können. Noch nie hatte ich so viele Kutschen und solche Menschenmassen auf einem Fleck gesehen wie auf der verkehrsreichen Straße Strand, auch das wilde Geschrei der Schiffsleute oder die zahllosen dröhnenden Glocken waren neu für mich. Richard saß nachts mit mir auf dem Bett und las oder lag einfach nur still da und streichelte mein Haar. Mit Wintereinbruch zogen wir weiter nach draußen zu den Feldern und weiten Himmeln Islingtons. Eines Abends erklärte ich ihm, dass ich mich mittlerweile an die Geräusche des Strands gewöhnt hätte und nun wegen der Stille nicht mehr einschlafen könne. Er lachte und meinte, ich sei viel zu verwöhnt und das einzige Mittel gegen meine Schlaflosigkeit sei, dass er Geräusche für mich machen würde. Und so begann er damit, Nacht für Nacht zur Schlafenszeit in der Dunkelheit wie ein Pferd zu wiehern, den Ruf eines Messerschleifers zu imitieren oder wie ein Kohlenhändler zu jonglieren, der sich die Hände verbrannt hatte. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie so viel gelacht. Einmal, als draußen Schnee fiel und das Feuer im Kamin prasselte, wollte ich sehen, was er in mein Skizzenbuch zeichnete. Ich solle warten, bis er fertig sei, erwiderte er.

Ich sah ihm bei der Arbeit zu, betrachtete sein konzentriertes Gesicht, die schnellen kleinen Bewegungen der Hände, lauschte den leisen Geräuschen auf dem Papier. Als er das Papier schließlich umdrehte, erblickte ich mich selbst. Mit einem schön verzierten Hut, einer Halskrause und eleganten spanischen Pantoffeln. Um meine Schultern lag ein Mantel, der mit Pariser Knöpfen besetzt war. Ich konnte fast die Schwere des Stoffs spüren.

»Welche Farbe hat er?«, flüsterte ich und fuhr mit den Fingerspitzen die Linien entlang.

»Der Mantel ist aus feinem Satin und orangefarbener Wolle. Ich werde ihn morgen anfertigen lassen. Du wirst ihn tragen, wenn wir zu deinem neuen Zuhause reiten. Nach Gawthorpe.«

So etwas hatte noch nie jemand für mich getan. Nach Ende des Winters ritten wir wie versprochen zu dem nagelneuen Haus, in dem noch niemand gewohnt hatte. Die Reise dauerte neun Tage, und während der ganzen Zeit konnte ich nur daran denken, wie es wohl wäre, als Mistress Shuttleworth in Lancashire einzutreffen, in einem Gewand, wie es in dieser Gegend noch niemand gesehen hatte. Richard sah in seinem selbst entworfenen Aufzug mit einem Dolch und einem Schwert an der Seite ebenso gut aus. Bei unserer Ankunft säumten die Dorfbewohner die Straßen, lächelten und winkten uns zu. Doch mit der Zeit veränderte sich das Bild in meinem Kopf, und heute kamen mir unsere damaligen Gestalten wie zwei Kinder vor, die sich für ein Theaterstück kostümiert hatten.

Ich blies die Kerze aus und lauschte auf Geräusche aus dem anderen Zimmer. Es war das erste Mal in unserer Ehe, dass ich allein schlief, obwohl wir beide im Haus waren.

***

Am nächsten Morgen kam er nicht zu mir, sondern ging, ohne mich zu wecken, direkt hinunter zum Frühstück. Er las seine Korrespondenz, als ich mich ihm gegenüber niederließ, mir Brot mit Honig in den Mund schob und bei mir zu behalten versuchte. Beim Lesen verzog sich sein Gesicht gelegentlich unwillig, bevor es sich wieder aufhellte; ich fragte nicht, wer ihm geschrieben hatte. Während die Dienerschaft im Esszimmer ein und aus ging, überlegte ich, wer von ihnen wohl wusste, dass im Ankleidezimmer ein Klappbett und frische Bettwäsche bereitgestellt worden waren. Eines der Küchenmädchen bemerkte meinen Blick, und als hätte sie meine Gedanken geahnt, schaute sie eilig und mit hochroten Ohren beiseite. Mir fröstelte, ich bekam nichts hinunter und war unfähig mitzuteilen, was mich bewegte, daher verzog ich mich feige auf die lange Galerie, um dort auf und ab zu gehen und um ein Zeichen Gottes zu beten. Ich sah hinaus auf die Bäume und den Himmel und verspürte das brennende Verlangen, im Freien zu sein, weit weg von meinen quälenden Gedanken.

Später sah ich Richard und seinen Verwalter James in der großen Halle sitzen. Zwischen ihnen lag das aufgeschlagene Hauptbuch. Das Gawthorpe-Hauptbuch war in unserem Haus so wichtig wie die King’s Bible: Sämtliche Einkäufe, jede Rechnung, alles, was man nach Gawthorpe hinein- oder auch hinausbrachte, ob auf Rädern, zu Pferd oder in Fässern, wurde in James’ makelloser Handschrift auf den dicken Seiten vermerkt. Rüstungen, Wandteppiche und andere Luxusartikel, für die Richard gerne sein Geld ausgab, wurden ebenso festgehalten wie ganz alltägliche Dinge: Strümpfe für die Dienerschaft, Korken für den Wein. Aber ebenso wie ich interessierte sich auch Richard im Grunde nur wenig für das Geschäftliche und überließ es lieber unseren Angestellten; das Gerede über Pachten und Zinsen langweilte ihn. Wie eine Mahnung, die Geschäfte des Gutes ernst zu nehmen, hing das Porträt seines Onkels Reverend Lawrence über den beiden, und die Worte Der Tod ist der Weg zum Leben prangten über seiner Schulter.

Ich schluckte. »Richard?«

Er blickte sofort auf, offenbar erfreut über die Ablenkung. Dann geschahen zwei Dinge: James blätterte rasch auf ein leeres Blatt um, obwohl das vorige erst zur Hälfte beschrieben war, und ich bemerkte, dass Richard Reisekleidung trug.

»Du verreist?«

»Lancaster. Ich reite heute Abend.«

»Oh. Hat es mit dem Schreiben zu tun, das du heute Morgen erhalten hast?«

»Das waren nur Neuigkeiten aus London von meinen Schwestern. Jede von ihnen schreibt mir stets einen eigenen Brief, aber im Grunde würde ein einziger genügen, denn sie erzählen immer von denselben Leuten, Theaterstücken und den neuesten Skandalen. Wenigstens ist es dort unterhaltsamer für sie als bei meiner Mutter in Forcett; ich glaube, sie werden nie wieder nach Yorkshire zurückkehren. Brauchst du mich?«

Ja, ich brauche dich.

Im Raum machte sich Stille breit. James’ Feder zitterte, ihre tintenschwarze Spitze wartete begierig darauf, erneut über das Papier zu kratzen.

Ich wollte sagen: Geh nicht. Doch stattdessen erwiderte ich: »Wie geht es den Mistresses Shuttleworth?«

»Eleanor deutete an, dass sie etwas sehr aufgewühlt hat, aber Anne erwähnte es überhaupt nicht.«

»Vielleicht hat sie sich verlobt.«

»Zurückhaltung ist nicht Eleanors Art.«

»Dann hofft sie vielleicht auf eine Verlobung.«

James räusperte sich demonstrativ.

»Ich reite heute Morgen nach Padiham, um Leinen von Mrs Kendall zu holen. Brauchst du irgendetwas?«, fragte ich ihn.

»Warum schickst du nicht einen Diener?«

»Die würden sicher das Falsche besorgen.«

»Geht es dir gut genug?«

Aus dem Bilderrahmen starrten mich Lawrences graue Augen an. Der Tod ist der Weg zum Leben.

»Ja.«

Ich wollte ihn nicht fortlassen; immer ging er, und immer blieb ich allein zurück.

»Wann kommst du wieder?«, fragte ich.

»In ein paar Tagen. Soll ich unterwegs in Barton vorbeischauen?«

»Warum? Meine Mutter wohnt nicht mehr dort. Es gibt da nichts als leere Zimmer und Mäuse.«

»Ich sollte dort dennoch ab und zu mal nach dem Rechten sehen.«

Ende der Leseprobe