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Ein bewegender historischer Roman über zwei ungleiche Frauen, die ihre Geheimnisse wahren und ihre Familien beschützen wollen. West Yorkshire, 1904. Ruby May hofft, dass ihre Stelle als Kindermädchen bei der wohlhabenden Familie England der lang ersehnte Neuanfang wird. Doch die schöne Mrs England verhält sich seltsam: Sie ist distanziert und verschlossen, zeigt kaum Interesse an ihren Kindern oder dem charmanten Ehemann. Mysteriöse Ereignisse umgeben sie. Je mehr Ruby über die Englands erfährt, desto mehr stellt sie alles infrage, was sie zu wissen glaubt und sieht sich mit ihren eigenen Dämonen konfrontiert. Denn Ruby und Mrs England haben mehr gemeinsam, als die beiden Frauen ahnen. Der neue historische Roman der Sunday-Times-Bestseller-Autorin Stacey Halls, geboren 1989, wuchs in Rossendale, Lancashire auf. Neben einem Studium in Journalismus schrieb Halls u.a. für den Guardian, Psychologies und The Independent. Ihr erster Roman war in England das meistverkaufte Debüt 2019 und gewann den Betty Trask Award. Stacey Halls wird als neue Stimme des authentischen historischen Romans gefeiert. »Mrs England« ist mittlerweile ihr dritter Roman. »Sehr fesselnd, bedrohlich und wunderbar geschrieben« - Daily Mail »Gefährlich, verlockend und wunderschön.«-Sunday Express »Hoch atmosphärisch und spannend.« Richard Osman
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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Aus dem Englischen von Alexander Wagner
© Stacey Halls, 2021
Titel der englischen Originalausgabe: »Mrs England«, Bonnier Zaffre UK, London 2021
© Piper Verlag GmbH, München 2024
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Covergestaltung: FAVORITBUERO, München, nach einem Entwurf von Jenny Richards
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Cover & Impressum
Widmung
Zitate
Der Wald
Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
Kapitel acht
Kapitel neun
Kapitel zehn
Kapitel elf
Kapitel zwölf
Kapitel dreizehn
Kapitel vierzehn
Kapitel fünfzehn
Kapitel sechzehn
Kapitel siebzehn
Kapitel achtzehn
Kapitel neunzehn
Kapitel zwanzig
Kapitel einundzwanzig
Kapitel zweiundzwanzig
Kapitel dreiundzwanzig
Kapitel vierundzwanzig
Kapitel fünfundzwanzig
Danksagung
Anmerkung der Autorin
Liebe Leserinnen und Leser,
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Dieser Roman ist den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des National Health Service gewidmet. Vielen Dank für alles, was ihr getan habt und weiterhin tut.
»Wie sich das kleine Krokodil
Den blanken Schwanz poliert,
Mit Wassergüssen aus dem Nil
Die goldnen Schuppen schmiert!
Wie grinst es fröhlich nur zum Schein
Und spreizt die Klauen weit;
Die Fische bittet es herein
Und lächelt dabei breit.«
Alice’s Abenteuer im Wunderland, Lewis Carroll
Fortis in arduis
(Stärke in schwierigen Zeiten)
Motto des Norland-Instituts
Der Wald war in der Nacht alles andere als still. Eulen und Nachtschwalben stießen seltsame Rufe aus, und meine Stiefel knirschten auf dem steinigen Weg. Rundherum war das Geräusch von Wasser zu hören: kleine Rinnsale und Bäche, die sich unaufhörlich zum Fluss hinunterbewegten, glucksend, plätschernd, murmelnd. Der Regen hatte aufgehört, und der Mond lugte hinter einem nebligen Schleier hervor. Ich zog meinen Mantel am Hals fester zu und schlang meinen Schal um den Kopf.
Ohne die Lampe, die alles jenseits ihrer Reichweite noch dunkler erscheinen ließ, war der Weg einfacher zu bewältigen. Der Schimmer des Mondes war Wegweiser genug, und meine Augen stellten sich ohne Schwierigkeiten darauf ein. Ich verließ den Mühlenhof, blieb auf dem Reitweg stehen, der an den Nebengebäuden vorbeiführte, und blickte nach links auf das Moor und nach rechts Richtung Stadt. Dann wandte ich mich nach links, vorbei am Mühlenteich, dessen glatte Oberfläche an einen Spiegel erinnerte. Der Weg schlängelte sich wie ein geisterhaftes Band durch das Tal, und Kiefern ragten am Hang in die Höhe. Ich versuchte, mich daran zu erinnern, wie ich zu dem niedrigen, einsamen Häuschen im Moor gelangt war.
Ich hatte die Kinder in ihrem Zimmer eingesperrt. Dieses Mal würde es kein Entkommen geben. Wenn alles in Ordnung war, könnte ich unbemerkt wieder hineinschlüpfen. Vorausgesetzt, der Master kehrte nicht vor mir zurück …
Nein, sagte ich mir, denk nicht darüber nach. Geh einfach weiter.
Meine Beine trugen mich nach oben, und Felsen tauchten wie Gespenster zu meiner Linken auf.
»Ruby?«, zischte es.
Vor Schreck wäre ich fast gestolpert. Ich erstarrte und spähte zwischen den schlanken Stämmen und schwarzen Ästen hindurch. Das Blut rauschte so laut in meinen Ohren, dass ich kaum etwas hören konnte.
Und dann erneut: »Ruby? Sind Sie das?«
London, August 1904
Ich kehrte mit Georgina auf dem üblichen Weg durch den östlichen Teil des Kensington Gardens und in Richtung Hyde Park nach Hause zurück. Sie war mit einem Strauß Gänseblümchen in der Hand eingeschlafen, und ich nickte den anderen Kindermädchen zu, während ich den Kinderwagen den Reitweg entlangschob. Ihre Schuhe stießen gegen das untere Ende des gepolsterten Wagens, aus dem sie bald herausgewachsen sein würde, und ich spürte einen leisen Stich der Trauer um das Baby, das sie nun schon bald nicht mehr sein würde. Sie konnte sich jetzt schon selbst aufrecht hinsetzen, was sie an schönen Tagen bei heruntergeklappter Haube auch tat. Sie liebte es, das berittene Wachregiment der Gardekavallerie mit ihren paspelierten Uniformen und gefiederten Helmen zu beobachten. Dabei senkten die Damen jedes Mal ihre Sonnenschirme, um die Kleine zu bewundern.
Ich bückte mich, um einen Wollbären aufzuheben, der neben einem Kinderwagen im Sand lag. Das Kindermädchen des Babys, das auf einer Bank einen Roman las, hatte den Verlust nicht bemerkt. Hinter ihr tobte ein Haufen kleiner Jungen durch das Gras und schlug mit Stöcken aufeinander ein.
»Oh, danke«, sagte sie, als ich ihr den Bären reichte. Sie musterte meine Uniform, die uns Norland-Kindermädchen von den anderen unterschied. Neben einem schicken braunen Umhang und einem Hut trug ich ein rehbraunes Uniformkleid aus Kammgarn mit einer weißen, mit Rüschen besetzten Schürze. Um den Hals hatte ich ein flauschiges cremefarbenes Halstuch gebunden. Im Winter trugen wir hellblaue Serge, und körperlich anstrengende Arbeiten wie das Säubern des Kinderzimmers und das Schüren des Feuers verrichteten wir das ganze Jahr über in rosa gestreiften Galatea-Kitteln.
»Ich wünschte, meine würde auch so schön schlafen«, sagte sie und nickte in Richtung ihres Kinderwagens. Darin saß ein schlankes, ernst dreinblickendes Kind, das etwas älter als Georgina war und mich unter einem weißen Sonnenhut hervor anschaute. »Wie alt?«
»Siebzehn Monate«, erwiderte ich.
»Und schauen Sie sich nur diese süßen Locken an. Es ist schade, dass ihr Haar«, sie deutete auf ihren Schützling, »so glatt ist. Sie reißt ihre Bänder heraus, sobald ich sie in ihre Haare winde.«
»Sie könnten versuchen, sie während des Schlafs einzudrehen. Wenn Sie sie vorher anfeuchten, werden die Haare beim Trocknen lockig.«
Das Gesicht des Kindermädchens hellte sich auf. »Eine gute Idee.«
Ich verabschiedete mich, und sie widmete sich wieder ihrem Buch. Wir spazierten durch das Albert Gate, wo schwarze Hirsche an den schmiedeeisernen Zäunen Wache hielten, und ich lächelte der alten Frau zu, die Luftballons und Windräder verkaufte. An diesem Augustnachmittag warteten die Windräder in ihren Kisten vergeblich auf eine belebende Brise, und die Alte drehte halbherzig an einem. Sie lächelte nie zurück, aber ich nahm an, dass ich für sie genauso aussah wie all die anderen Kindermädchen. Nach dem Mittagessen strömte unsereins in den Park, besetzte die Rasenflächen und Bänke, breitete Decken im Gras aus, fütterte die Enten und schob Kinderwagen durch die Rosengärten. Ein oder zwei Stunden später kamen wir auf dem Heimweg wieder an ihr vorbei, um die Kinder für ein Nickerchen hinzulegen und Sandwiches vorzubereiten, bevor wir unsere Schützlinge in den Salon zu ihren Eltern brachten.
Georgina war Audrey und Dennis Radletts einziges Kind, wobei Mrs Radlett wieder guter Hoffnung war. Ich hielt Georginas gereinigte Säuglingskleidchen bereit und hatte in Katalogen mehrere Kinderbetten eingekreist, um sie Mrs Radlett zu zeigen. Georgina würde ihres noch brauchen, wenn das Baby kam. Ich freute mich auf den Neuankömmling, obwohl ich noch keine Amme gefunden hatte, und die Aussicht, das Kinderzimmer auch nur für einen Monat zu teilen, löste ein vages Gefühl der Unruhe in mir aus. Das Kinderzimmer in Perivale Gardens Nummer sechs war mein Reich, meine Domäne: mein Büro, mein Schulzimmer und meine Werkstatt. Manchmal war es eine Teestube, wenn Georgina ihren Puppen eine Erfrischung gönnen wollte; manchmal war es ein Dschungel, und wir beide krochen auf den Knien auf dem Teppich auf der Jagd nach Löwen und Tigern.
Georginas Händchen öffnete sich, sodass sich die Gänseblümchen über ihre Decke verstreuten, und ich sammelte sie sorgfältig auf und steckte sie in meine Tasche. Gemeinsam hatten wir die Blumen, die wir im Park gepflückt hatten, auf dem Fensterbrett des Kinderzimmers in Marmeladengläsern aufgestellt, und ich hatte ihr die Namen der Blumen beigebracht. Georgina verfügte bereits über einen beeindruckenden Wortschatz und nahm still die Namen der Dinge in sich auf, während ich auf Teller und Löffel, Spielzeug und Briefmarken zeigte. »Irsch!«, hatte sie eines Nachmittags vor ein paar Wochen verkündet und sich aus ihrem Kinderwagen gebeugt, um auf die Hirsche am Albert Gate zu zeigen. Ich spürte einen Anflug von Stolz und Liebe für dieses fröhliche, selbstbewusste kleine Mädchen, das alle anhimmelten, wenn sie ihm begegneten, und das die Bewunderung freudig erwiderte.
Auf der Knightsbridge überholten knatternde Automobile die Kutschen und verpesteten die Straße mit Abgasen. Ich betrachtete die roten Backsteingebäude, den Kartoffelverkäufer, den grünen Omnibus auf seinem Weg durch das Bayswater-Viertel und den chinesischen Wäschemann, der frische Wäsche aus seinem Wagen auslud. Straßenkehrer machten Platz für Damen mit breiten Hüten, die von ihren Einkäufen heimkehrten, gefolgt von mit Schachteln beladenen Dienstmädchen. Perivale Gardens war ein großer, ruhiger Platz nur wenige Minuten von der belebten Hauptstraße entfernt. Mehrere Häuser gruppierte sich um eine längliche Rasenfläche, die von schwarzen Eisengeländern eingefasst und mit Zedern und Rhododendren bepflanzt war. Das Haus der Radletts war hoch und mit Stuck verziert, die glänzende schwarze Eingangstür wurde von glatten weißen Säulen flankiert. Im obersten Stockwerk befand sich das Kinderzimmer, von dem aus man die langen, sonnigen Gärten hinter den Häusern überblickte. Die Bowlers nebenan hielten Hühner und ließen Georgina manchmal die Eier einsammeln.
Die Eingangshalle war leer und still, und ich trug Georgina die Treppe hinauf. Sie erlaubte mir, ihre cremefarbenen Lederschuhe auszuziehen, dann kuschelte sie sich mit einem Seufzer in ihr Bettchen. Ich schloss die Jalousien und zog die Vorhänge zu, wobei ich kurz auf die Straße spähte. Gerade machte der Metzgerbursche mit einem Korb seine Runde und stieg die Treppe zum Souterrain hinunter, wo ein Küchenmädchen den Inhalt an der Tür begutachtete und die Pakete in die Ellenbogenbeuge stapelte. Mein Vater hatte seine Runden immer mit Damson gedreht, unserem gutmütigen Pony, und auf den Seiten seines Wagens hatte in großen weißen Buchstaben A. May, Erstklassige Früchte & Gemüse gestanden. Meine Brüder und ich hatten uns immer darum gestritten, wer mit ihm vorne auf dem Kutschbock sitzen durfte, während wir durch die Straßen rumpelten und den Leuten zuwinkten. »Du übernimmst die Zügel, Rübchen«, hatte er gesagt und sie mir in die Hand gedrückt.
Ich schloss die Vorhänge.
Um halb vier brachte mir Ellen, das Hausmädchen, ein Schinkenbrötchen und eine Kanne Tee, und ich gab ihr das Exemplar von Young Woman zurück, das ich zu Ende gelesen hatte, und einen Groschenroman, für den ich keine Zeit gehabt hatte. Ich setzte mich an den Tisch unter der Fenstergaube und aß, während ich mich im Raum umsah, um zu entscheiden, was noch abgestaubt werden musste. Im Sommer wehte beständig feiner Schmutz herein, der innerhalb weniger Stunden nach meiner morgendlichen Reinigung alles mit einer dünnen Schicht überzog. Im Bücherregal blinkten auf dem schwarzen Buchrücken die goldenen Buchstaben meines Zeugnisbuches.
Miss Simpson, die Schulrektorin des Norland Institutes – von den Schülerinnen und Praktikantinnen liebevoll Sim genannt –, hatte uns die Bücher am Abschlusstag aus einem glänzenden Stapel einzeln ausgehändigt. Die Bücher enthielten alles, was wir für unseren beginnenden Berufsweg brauchten, so auch Anleitungen für die korrekte Bekleidung und natürlich die leeren Seiten am Ende für Beurteilungen und Referenzen unserer Arbeitgeber. Vorne war eine Fotografie von mir eingeklebt, größer, als mir lieb war. Darauf wirkte ich ernst, zeigte keine Spur eines Lächelns und stützte mich mit einer Hand unsicher auf dem Tisch neben mir ab. Am Ende meiner dreimonatigen Probezeit hatte Mrs Radlett meine Handarbeiten als sehr gut bewertet, meine Pünktlichkeit als ausgezeichnet, meine Sauberkeit als ausgezeichnet, meine Ordnung als ausgezeichnet, mein Betragen als ausgezeichnet, mein Taktgefühl im Umgang mit Besuchern als sehr gut, mein Taktgefühl im Umgang mit Kindern als ausgezeichnet, mein Taktgefühl im Umgang mit Bediensteten als sehr gut, meine Fähigkeit, Kinder zu unterhalten, als ausgezeichnet, meine Fähigkeit, Kinder zu führen, als ausgezeichnet und meine allgemeinen Fähigkeiten als hervorragend. Ich hatte mein Zeugnis im Herbst überreicht bekommen und bewahrte es in einem Umschlag in meinem Koffer auf. Einige Kindermädchen hatten ihre Zeugnisse nach Hause geschickt, damit ihre Eltern sie einrahmen konnten, aber ich hatte mir ausgemalt, wie ich es meiner Mutter überreichte, die sich vermutlich nur darüber gewundert hätte, dass es so etwas wie eine Urkunde für die Betreuung von Kindern gab.
Ich hatte mein Sandwich aufgegessen und begann gerade, aufzuräumen, als es leise an der Tür klopfte. »Komm herein, Ellen«, rief ich, schob den Miniaturglobus einen Zentimeter nach rechts und richtete den Äquator korrekt aus. Keine Antwort.
»Mrs Radlett!« Sofort richtete ich mich auf. Sie war eine junge Mistress, nur wenige Jahre älter als ich, etwa vierundzwanzig, und sehr sanft und weiblich. Ihr breiter Mund lächelte von Natur aus, und hübsche Kleider und schimmernde Broschen betonten ihre mollige Figur und cremefarbene Haut. Ihr Haar hatte die Farbe von auf dem Herd abkühlendem Toffee, und sie trug es nach der neuesten Mode frisiert, die sie in Zeitschriften entdeckt hatte. Mein eigenes Haar war dünn und dunkel und ließ sich nicht in die Höhe stecken. Meine Haut wurde leicht braun, und da der Norland-Hut keinen Schatten bot, achtete ich darauf, die Sonne zu meiden.
»Guten Tag, Miss May«, begrüßte mich Mrs Radlett. Sie war gutmütig und immer zu kleinen Neckereien aufgelegt. Eines ihrer Lieblingsspiele war es, so zu tun, als ob wir ausgesprochen vornehm und schicklich wären, auch wenn mir der Humor oft entging. »Würden Sie mich in den vorderen Salon begleiten, sofern Sie einen Moment Ihrer Zeit erübrigen können?«
»Natürlich, Ma’am, ich komme sofort. Miss Georgina macht gerade ein Nickerchen.«
Ich folgte ihr hinunter ins Haus. Der Wohnbereich der Herrschaften lag weit entfernt von meiner eigenen ruhigen Etage. Dort herrschten eigene Regeln, Vorschriften und Zeiten, von denen ich glücklicherweise befreit war. Kindermädchen waren keine Dienstboten, sie bewegten sich auf dem schmalen Grat zwischen Hauspersonal und Familie und gehörten zu keinem von beiden. Sim hatte uns davor gewarnt, dass der Beruf einsam sein könnte, als »freundlos« hatte sie ihn bezeichnet. Aber ich war die meiste Zeit meines Lebens ohne Freunde gewesen und fand nur in den arbeitsreichen Stunden Freude und nur in den stillen innere Ruhe.
Jeden Morgen brachte ich Georgina in das Speisezimmer und jeden Abend in den Salon, wo Mr und Mrs Radlett sie vor dem Abendessen eine Stunde lang unterhielten. Mr Radlett spielte auf dem Klavier, während Mrs Radlett mit ihrer Tochter tanzte, sie in die Luft hob und ihre kleinen Füßchen über den Teppich führte. Sie freuten sich jedes Mal so sehr, sie zu sehen, als wären sie eine Woche weg gewesen, und manchmal schluchzte Georgina, wenn ich sie zurück in ihr Kinderzimmer trug und sie sich rückwärts nach ihrer Mama ausstreckte. »Lalelu, nur der Mann im Mond schaut zu«, summte ich dann jedes Mal, während wir die Treppe hinaufstiegen, und wenn die Kinderzimmertür geschlossen war, hatte Georgina ihren Kummer oft schon vergessen. Sie lutschte am Daumen, wenn sie müde war, und ich nahm ihn ihr immer aus dem schlaftrunkenen Mund, wenn Mrs Radlett kam, um ihr einen Gutenachtkuss zu geben.
Der Salon befand sich an der Vorderseite des Hauses, wurde selten benutzt und war im Sommer stickig. Die Fenster waren geschlossen, um zu verhindern, dass sich auch hier der Straßenstaub auf den Möbeln ansammelte. Die Jalousien waren wegen der Hitze geschlossen, und davor hing ein dekorativer Spitzenvorhang. Das Haus der Radletts war geschmackvoll eingerichtet und voller Antiquitäten. Die Mistress hatte sogar eine eigene Bibliothek. Das Ehepaar war sehr gebildet und politisch interessiert, gab oft Gesellschaften, und häufig kamen Freunde zu Besuch, die das Haus mit Zigarrenrauch erfüllten, Ringe von Sherrygläsern auf den Anrichten hinterließen und Hutständer mit Federboas und Schals bevölkerten, die dann wie ein seltsamer Baum mit exotischen Vögeln wirkten. In der Dachkammer des Hauses störte mich das wenig, aber gelegentlich bat mich Mrs Radlett, Georgina vor dem Schlafengehen zum Küssen und Herumreichen herunterzubringen. Ansonsten folgte sie immer meinen Empfehlungen, erkundigte sich freundlich nach dem Speiseplan und den Gewohnheiten ihrer Tochter.
Es gab jedoch keinen Zweifel, wer in Bezug auf das Kind die Entscheidungen traf.
»Setzen Sie sich doch.«
Ich nahm auf einem gepolsterten Sessel neben einem Blumenfarn Platz.
»Ich habe eine aufregende Neuigkeit.« Mrs Radlett legte eine Hand auf ihren runden Bauch. Er hatte erst vor Kurzem begonnen, sich unter ihrem Taillenbund zu zeigen, und Ellen hatte ihre Kleider herausgelassen. »Ich wollte es Ihnen schon seit Wochen sagen, aber Mr Radlett hat es mir verboten, bevor nicht alles geregelt ist, und das war gestern Abend der Fall, sodass ich es Ihnen jetzt mitteilen kann.« Sie klatschte in die Hände, und ihr Ehering glänzte.
Aufmerksam richtete ich meine Schürze.
»Wie Sie wissen, entwickelt sich Mr Radlett bei Dalberg and Howard prächtig. So gut, dass«, sie sprach langsam und legte eine Pause ein, als ob sie die Spannung noch erhöhen wollte, »die Firma ihn nach Chicago schickt, um dort als leitender Architekt zu arbeiten. Er wird eine Universität entwerfen, Miss May, ist das nicht wunderbar?«
Rasch fuhr sie fort: »Natürlich möchten wir, dass Sie mit uns kommen, um dort Georginas Kindermädchen zu sein. Ich hoffe, Sie denken nicht eine Sekunde lang, dass wir ohne Sie gehen würden! Oh, bitte sagen Sie zu, dass Sie mitkommen. Mr Radlett sucht gerade nach einem Haus für uns. Sie glauben nicht, was man in Amerika bekommen kann. Gute Villen für praktisch keinen Penny! Es gibt wunderschöne Parks und Geschäfte, und es werden ständig neue Gebäude gebaut. Mein Gott, unser nächstes Kind wird ein kleiner Amerikaner. Was sagt man dazu? Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Wie seltsam.« Ein Ausdruck kindlichen Staunens huschte über ihr Gesicht.
»Chicago«, war alles, was ich herausbrachte. Aus meinem Mund klang der Name fremd und glamourös. Ich hielt London für den exotischsten Ort der Welt, aber Chicago war für mich so weit entfernt wie der Mars. Ich überlegte, wie lange es dauern würde, bis mich dort ein Brief erreichte, wie lange es dauern würde, von dort nach Hause zurückzukehren, und etwas in meinem Magen fühlte sich plötzlich klein und hart an – wie ein Kieselstein.
»Ja«, sagte Mrs Radlett. »Wir müssen hier noch alles zusammenpacken und unsere Sachen verschiffen, das wird also einige Zeit dauern. Aber wir hoffen, in ein oder zwei Monaten selbst auf einem Dampfer zu sein. Dennis kann es kaum erwarten, loszukommen. Die Überfahrt geht nach New York, und von dort aus können wir einen Zug nehmen. Ich denke, wir werden eine Weile in New York bleiben, wäre das nicht toll? Ich wollte schon immer mal dorthin. Miss May, ist Ihnen nicht wohl? Sie sehen nicht gut aus.«
»Mir geht es gut, Ma’am.«
»Oh, sagen Sie doch, dass Sie mitkommen werden. Sie kommen doch, oder?«
»Ich fürchte, das kann ich nicht.«
Schweigen. Die Standuhr tickte, und die Staffordshire-Hunde beobachteten uns ruhig vom Kaminsims aus. Mrs Radlett hatte nicht mit dieser Antwort gerechnet. Sie versuchte, sich zu sammeln, und strich sich mechanisch über den Bauch. »Warum denn nicht? Natürlich werden Sie sich ein paar Tage freinehmen, bevor wir aufbrechen, um sich von allen zu verabschieden.«
Unfähig, ihren Blick zu erwidern, starrte ich auf den Teppich.
»Miss May? Ich dachte, Sie würden sich freuen.«
»Oh, das tue ich, Ma’am. Ich freue mich sehr für Sie und Mr Radlett.«
»Aber nicht für sich selber. Fühlen Sie sich nicht wohl bei uns?«
»Doch. Ich bin hier sehr glücklich.«
»Warum in aller Welt wollen Sie dann nicht mitkommen? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, ohne Sie zu gehen. Ich habe es nicht einmal in Erwägung gezogen. Sie sind wie ein Familienmitglied für uns, und Georgina betet Sie an. Ich bete Sie an, und Dennis auch.« Ihre Stimme zitterte und wurde höher, und ich merkte mit Schrecken, dass meine Mistress kurz davor war, zu weinen.
Meine Kehle schnürte sich zu, und meine Nase kribbelte vor Tränen. »Danke, Ma’am. Sie sind so gut zu mir, Sie und Mr Radlett. Und ich habe Miss Georgina so gern.«
»Warum kommen Sie dann nicht mit? Liegt es an Ihrem Gehalt? Natürlich werde ich mit Dennis über eine Gehaltserhöhung sprechen, wenn das der Fall ist.«
Ich schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht.«
»Sind Sie krank? Oder … verlobt?« Sie stürzte sich auf diesen Gedanken wie auf ein Rettungsfloß. »Planen Sie, zu heiraten?«
»Nichts dergleichen.«
»Um Himmels willen, was ist es dann?«
»Es ist meine Familie. Ich kann sie nicht verlassen.«
Sie bebte vor Sorge und Wissbegierde. »Verzeihen Sie meine Unverblümtheit, aber sind Ihre Eltern noch am Leben?«
»Ja, Ma’am.«
»Sind sie krank?«
»Nein.«
»Sind sie arbeitslos?«
»Nein.«
»Warum können Sie sie dann nicht verlassen?«
Meine Stimme versagte beinahe vor Kummer. »Es tut mir so leid, Mrs Radlett.«
Sie lehnte sich in fassungslosem Schweigen zurück. Draußen auf dem Platz entlud eine Droschke ihre Fahrgäste, das Geklapper der Pferdehufe steigerte sich kurz zu einem Crescendo, bevor es in der Ferne verhallte. Ich dachte an Georgina, die oben schlief, und an die Marmeladengläser auf der Fensterbank und an die Gänseblümchen in meiner Tasche, die nun verwelkt und zerdrückt waren. Ich dachte an den Tee, den Ellen mir gebracht hatte und der nun in der Kanne kalt wurde, und an das zur Hälfte gelesene Exemplar von Woman’s Signal, das ich für später neben den Sessel gelegt hatte. Und daran, dass das Kinderzimmer an einem regnerischen Abend beim Zischen und Flackern der Gasflammen der gemütlichste Ort war, den ich je gekannt hatte. Georgina würde bald aufwachen und nach mir rufen, in der Gewissheit, dass ich sie aus ihrem Bettchen heben und ihr eine geschälte Mandarine oder einen Zuckerkeks geben würde. Ich konnte ihre Mutter nicht ansehen, weil mir die Tränen die Sicht vernebelten. Das Zimmer war so still, dass ich mein Herz brechen hörte. Es klang wie ein Gänseblümchen, dessen Stiel in der Mitte entzweigebrochen wird.
»Miss May«, begrüßte mich die Schulrektorin mit neutraler Stimme.
Sie war persönlich an die Tür gekommen. Neun Monate waren seit unserer letzten Begegnung vergangen, damals hatte Sim mich in Perivale Gardens zu meinem Vorstellungsgespräch begleitet: Ellen hatte im Wohnzimmer Kaffee und Madeleines serviert, während die Rektorin sich Notizen gemacht hatte und Mrs Radlett umhergeschwebt war. Jetzt, wo ich ihr gegenüberstand, war die ganze Zwischenzeit wie Staub verflogen. Ich war genauso verschwitzt und nervös wie zu Schulbeginn und widerstand dem Drang, mir über die Stirn zu wischen. Ich folgte ihr hinein und schloss die schwere schwarze Tür hinter mir.
In dem weiß getünchten Eingangsbereich strömten mir die vertrauten Gerüche entgegen: frisches Brot, Karbolseife, saubere Wäsche und Bleistiftspäne. Der Geruch von Weiblichkeit war überwältigend, von all den Mädchen, die sich durch die Räume bewegten, parfümiert und schwitzend. Für mich roch es vor allem nach Lernen. Das Haus am Pembridge Square war ein glänzender Palast im Vergleich zu meinem alten Schulhaus in Balsall Heath, einem tristen, elenden Ort mit hohen Fenstern und in der Luft tanzendem Kreidestaub. Zu Hause kam ich nach der Schule nicht in den Genuss intensiven Lernens. Meine Eltern waren zu sehr mit dem Geschäft beschäftigt gewesen, um uns zu unterrichten. Also hatte ich mich abends mit meinen Brüdern und den unterschiedlichsten Büchern hingehockt. Ted und Archie waren damals drei und fünf Jahre jünger als ich, sie waren lernwillig und büffelten sich durch meine Lektionen. Aber Robbie, der nur fünfzehn Monate jünger war als ich, war langsam und unwillig und schrieb auch jetzt noch Briefe, die voller Rechtschreibfehler waren.
Das Norland Institute befand sich in einer großen weißen Stuckvilla am Pembridge Square, zehn Minuten mit der Droschke von Perivale Gardens. Ich hatte mich an jenem Morgen dort verabschiedet und hätte es vorgezogen, durch Kensington Gardens zu spazieren, aber die Radletts hatten darauf bestanden, mir eine Droschke zu bestellen. Mein Koffer würde mir zu meiner neuen Adresse folgen. Der Abschied war genauso schrecklich gewesen, wie ich es befürchtet hatte, und Georgina hatte in den Armen ihrer Mutter auf der Türschwelle verwirrt die Stirn gerunzelt. Mrs Radlett hatte einen ihrer Arme gehoben und gewinkt, und sie hatte laut geweint, als die Droschke losgefahren war. Das war zu viel gewesen. Ich hatte mich abgewandt und mein Taschentuch auf mein Gesicht gedrückt.
Das Institut war die erste Einrichtung dieser Art überhaupt: eine Schule, ein Heim und eine Agentur für Kindermädchen. Etwas mehr als zwei Jahre zuvor hatte ich die Aufnahmeprüfung für das Maud-Steppings-Stipendium abgelegt und es wie durch ein Wunder bestanden. Ich hatte damals kaum eine der Fragen verstanden: Erzählen Sie die Geschichte von Enoch Arden nach. Beschreiben Sie die Lage folgender Londoner Straßen und Geschäfte. Notieren Sie das Rezept für Orangenmarmelade. Enoch Arden war mir nicht geläufig, und ich hatte Birmingham bisher nur einmal verlassen, sodass mir die Standorte von Gooch’s, Harrods und Urquarts ebenso unbekannt waren wie der Palast und der Tower. Aber ich wusste, wie man Marmelade machte. Ich hatte ihnen das Geheimrezept meiner Großmutter verraten, bevor ich den Stift auf den Tisch gelegt und mit düsterer Verzweiflung auf die anderen Mädchen gestarrt hatte, die alle fast gelangweilt etwas niederschrieben, als würden sie ständig Prüfungen ablegen. An jenem Nachmittag hatte ich gedacht, ich würde London nie wiedersehen. Meine Aufpasser waren Mr und Mrs Granville, Nachbarn, die sich während der Woche gelegentlich um uns Kinder kümmerten. Sie hatten mir bei Whiteley’s noch eine Sarsaparille gekauft, bevor wir wieder den Zug bestiegen hatten und ich mit bleiernem Herzen nach Norden zurückgekehrt war. Niemand war überraschter als ich gewesen, als dann der Brief auf der Matte in der Longmore Street lag, in dem mir mitgeteilt wurde, dass die Studiengebühr von 36 £ gratis sei, ein Wort, das ich in der öffentlichen Bibliothek nachschlagen musste. Außerdem müsste ich auf eigene Kosten den Stoff für meine Uniformen bei einem Stoffhändler namens Debenham & Freebody bestellen. Dafür musste ich meine gesamten Ersparnisse opfern und hatte gerade noch genug übrig, um Hefte und Bleistifte zu kaufen. Bald schon sollte ich herausfinden, dass alle anderen Füllfederhalter verwendeten.
Meine neun Monate im Norland Institute waren eine unfassbar glückliche Zeit gewesen. Anfangs war ich noch ängstlich und verschlossen, bei Weitem nicht so gebildet und selbstbewusst wie die zwei Dutzend anderen Mädchen in der Klasse. Das einzige andere Mädchen mit einem Dialekt wie ich war eine einfache Bedienstete. Ich hatte mir ein Zimmer im hinteren Teil des Hauses mit einem irischen Mädchen namens Bridget geteilt, das schwarzes Haar und eine scharf geschnittene Hakennase hatte, wie eine Dohle. Sie war aber freundlich und unkompliziert, und als wir uns nebeneinander eingerichtet hatten, war bald jedes Unbehagen verflogen.
Nun aber kehrte es zurück, so vertraut wie ein alter Umhang, während ich Sim folgte. Sie war klein und schlank, fast puppenhaft, ganz im Gegensatz zu ihrer inneren Haltung. Ihr dunkelbrauner Haarschopf war mit Strähnen aus grauem Stahl durchzogen, so wie ihr ganzes Wesen. Trotzdem war sie eine gerechte und großzügige Rektorin, die sich nicht scheute, stehen gebliebene Teetassen aufzuräumen und persönlich die Post zu verteilen. Sie war die Einzige vom Lehrkörper, die selbst im Institut wohnte, obwohl ich sie immer nur in ihrem adretten Serge-Kleid mit der goldenen Uhr an der Taille gesehen hatte. Wann sie badete, war den Schülerinnen ein Rätsel. Ihr abschließender Rat war es gewesen, dass wir in unseren neuen Unterkünften unsere silbernen Haarbürsten für die Bediensteten sichtbar ausstellen sollten. Ich hatte damals nur einen Kamm, aber Sim entging nichts. In meiner letzten Woche hatte ich eine Schachtel von William Comyns auf meiner Kommode vorgefunden. Darin hatte eine schwere silberne Haarbürste gelegen, deren Borsten so steif wie Stecknadeln waren.
Nun führte sie mich zur Hintertreppe und zu ihrem Büro, vorbei an zwei Schülerinnen in Uniform, die die Treppe herunterkamen. Sie bemerkten meinen Mantel und meinen Hut und lächelten mir schüchtern zu. Auf der linken Seite befand sich der Speisesaal, wo weitere rehbraun und weiß gekleidete Mädchen über Bücher gebeugt waren und an Bleistiften kauten. Mit einem Anflug von Nostalgie wurde mir klar, dass gerade Prüfungszeit war. Samstags fand kein Unterricht statt, und die Tür zum Hörsaal stand offen: ein hoher Raum mit verglasten Bücherregalen und frischen Blumenarrangements, immer mit blauem Ehrenpreis, dem Symbol des Instituts. Hinter dem Pult erstreckte sich eine Karte von London über eine ganze Wand, daneben stand ein Klavier. Über den Bücherregalen hing ein drei bis vier Meter hoher Wandteppich, der einen Löwen beim Erklimmen eines Hügels zeigte.
Ihr Büro war durch eine Messingplakette mit der Aufschrift M. Simpson, Schulleitung gekennzeichnet. Sie schloss die Tür hinter uns. Das Fenster stand zum Hof hin offen, und der Schreibtisch war mit Teetassen, Zeitungen, Kerzenstummeln und Schreibfedern übersät. Neben einer vertrockneten Begonie stand ein bemalter Briefbeschwerer aus Ton. An der Wand hing eine weitere Karte von London, auf der sie die Standorte der Kindermädchen mit roten Stecknadeln markiert hatte. Daneben befand sich eine kleinere Karte des Britischen Reiches mit weiteren Stecknadeln von Paris bis nach Indien. Bücher und Zeitschriften waren wahllos in die Regale entlang der Wände gestopft. Oben auf einer schmalen Kommode stand ein gerahmtes Bild des ersten Norland-Jahrgangs, fünf schüchterne Mädchen in Hauben und Schürzen, flankiert von Sim und Mrs Ward, der Gründerin der Schule, deren rundes Gesicht wohlwollend unter einem breiten Hut hervorlugte. Die Atmosphäre im Büro der Schulleiterin hatte beinahe etwas Bohèmeartiges. Sim hatte an der Universität studiert und war unverheiratet. Und sie war der Mensch, den ich am meisten bewunderte.
»Ich war enttäuscht, als ich Ihren Brief erhielt«, sagte sie, entfernte die Morgenzeitung von ihrem Stuhl und kam wie üblich direkt zur Sache. »Hier in Norland nehmen wir Kündigungen nicht auf die leichte Schulter. Ich bin gespannt auf Ihre Beweggründe. Aber vorher«, sie zog an der Klingelschnur neben ihrem Schreibtisch, »trinken wir einen Tee.«
Das war eine Premiere für mich: Ich war schon ein- oder zweimal in Sims Büro gewesen, aber mir war nie eine Erfrischung angeboten worden. Ein Teil von mir hatte erwartet, dass sie mich nun, da ich nicht mehr in der Probezeit war, in den Salon bitten würde, wo Klienten empfangen und Möbel zur Schau gestellt wurden. Dieser war für Schülerinnen üblicherweise tabu, außer zu Weihnachten, wenn alle um den Flügel am Fenster herumstanden und Weihnachtslieder sangen. Trotzdem staubten die Dienstmädchen den Flügel zweimal am Tag ab.
Wir sprachen über die Hitze und meinen Weg zum Pembridge Square an diesem Morgen, und ein oder zwei Minuten später brachte ein Küchenmädchen ein Teeservice, das wie durch ein Wunder noch auf dem Schreibtisch Platz fand.
Nachdem sie uns eingeschenkt hatte, sagte Sim: »Nun denn, Miss May. Sie haben gekündigt. Wollen Sie mir davon erzählen?«
Ich nahm einen Schluck, wobei die Untertasse klapperte. »Mr und Mrs Radlett werden auswandern. Nach Chicago. In Amerika«, endete ich lahm.
Sim starrte mich aus ihren blauen Augen an. »Und Sie möchten nicht mitgehen.«
Schwach schüttelte ich den Kopf.
»Wie Sie aus den Einsätzen Ihrer Kolleginnen wissen, wird ein großer Teil unserer Norland-Kindermädchen im Ausland tätig. Die ausländischen Familien wünschen sich englische Kindermädchen, mehr noch als die englischen selbst. Ihnen war doch klar, dass Reisen eine Möglichkeit ist, als Sie Ihr Studium begannen, oder nicht? Das ist sogar einer der Anreize für manche Schülerinnen: ein Gratisticket, um in einem anderen Land zu leben und den eigenen Horizont zu erweitern.«
»Ich möchte nicht auswandern.«
Sims Körperhaltung war vorbildlich. Sie senkte ihr Kinn, um mich genauer zu betrachten. »Eine klare Aussage, aber was sind Ihre Gründe?«
Ich schwieg und vertiefte mich in meine Tasse.
»Ein neues Leben in Amerika könnte eine wunderbare Chance sein, Miss May. Es ist ein junges Land, relativ liberal in seiner Moral und Politik. Es ist kein schlechter Ort für eine junge Frau. Ich habe schon viele Kindermädchen über den Atlantik geschickt, die sich dort gut eingelebt haben. Erst letzten Monat sandte ich eines nach Boston, und wir haben zwei oder drei in New York. Ein Mädchen aus dem Jahrgang ’97 befindet sich in diesem Augenblick auf einem Dampfer nach North Carolina, um eine Stelle bei den Vanderbilts anzutreten.«
Ich starrte angestrengt auf den Briefbeschwerer. Der Ehrenpreis darauf war schlecht gemalt – ohne Zweifel das Geschenk einer Schülerin.
»Aber das scheint Sie wenig zu beeindrucken.«
»Ich fürchte ja, Miss Simpson. Ich hatte gehofft, Sie würden eine andere Stellung für mich finden.«
Sie wirkte unschlüssig, dann nahm ihr Gesicht den Ausdruck müder Resignation an. »Um ehrlich zu sein, Miss May, wird es im Moment nicht einfach sein, eine neue Stelle für Sie zu finden. Viele Familien weilen noch in ihren Landhäusern, kehren erst in einem Monat zurück oder sind auf Reisen. Außerdem treten Sie in Konkurrenz zu den Mädchen, die bald ihr Examen ablegen werden, und auch für sie muss ich einen Platz finden, um die Zahl der Absolventinnen auf dem Arbeitsmarkt zu gewährleisten. Mrs Radlett hat mich um ein weiteres Kindermädchen gebeten, und ich habe schon eines im Auge. Immerhin hat sie Ihnen ein glänzendes Zeugnis ausgestellt. Apropos: Ihr Zeugnisbuch.« Sie streckte ihre kleine Hand aus.
Ich war darauf vorbereitet, hatte es unterwegs unter dem Arm getragen und reichte es jetzt über den Schreibtisch. Ein Hund bellte in der Ferne, während sie umblätterte, den Eintrag von Mrs Radlett fand und beim Lesen die Seite zwischen Finger und Daumen hielt. Trotz ihrer Bildung hatte Mrs Radlett in ihre Prosa viele Ausrufezeichen eingestreut und Wörter und Sätze unterstrichen, um sie zu betonen, was sie atemlos und mädchenhaft erscheinen ließ. Sie hatte mir ein Abschiedsgeschenk gemacht: ein mit meinen Initialen besticktes Seidentaschentuch und eine brandneue Ausgabe von Der Zauberer von Oz.
Ich versuchte, nicht an das Kindermädchen zu denken, das meinen Platz einnehmen, seine Uniform in meinen Spind hängen und in meinem Bett schlafen würde. Vielleicht würde Georgina den Unterschied gar nicht bemerken und mich schon bald ganz und gar vergessen haben. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Mein Taschentuch war feucht und staubig von der Straße, und Sim reichte mir ein sauberes, das ich dankend annahm und mir sogleich die Nase putzte.
»Es tut mir furchtbar leid«, sagte ich und seufzte. »Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist.«
»Ihr altes Zimmer ist im Moment frei, da Miss Jenkins gerade bei ihrem Kindergartenpraktikum ist. Sie können ein oder zwei Nächte bleiben, und wir können die Bewerbungen heute Nachmittag durchgehen, wenn ich Zeit habe.« Sie blickte auf die Uhr. »Oder morgen früh. Danach müssen Sie bei Ihren Eltern unterkommen, bis wir eine Familie für Sie gefunden haben. Wo war das noch mal? Birmingham?«
»Nein. Ich meine, ja, es ist Birmingham, aber nein, ich kann nicht.«
Sie blinzelte. »Nun, ich fürchte, Sie müssen. Miss Jenkins kommt Ende der Woche zurück, und am ersten September kommen meine neuen Schülerinnen an. Niemand kehrt gern mit eingekniffenem Schwanz nach Hause zurück«, fügte sie sanfter hinzu. »Vor allem nicht, wenn man schon mal auf eigenen Beinen gestanden hat und unabhängig geworden ist, aber es wird nur für kurze Zeit sein. Eine Auszeit ist genau das Richtige. Wie viel Urlaubsgeld haben Sie dieses Jahr noch?«
»Alles.«
Das missfiel ihr offensichtlich. »Ich muss die Kindermädchen ständig ermahnen, weil sie ihren Urlaub nicht nehmen. Das Urlaubsgeld ist nicht ohne Grund großzügig bemessen, denn in diesem Beruf ist Erholung überaus wichtig. Ein erschöpftes Kindermädchen ist ein unglückliches Kindermädchen.«
»Ich kann keinen Urlaub nehmen«, sagte ich. »Ich muss eine andere Stelle finden. Bitte, Miss Simpson. Ich schicke jedes Quartal die Hälfte meines Lohns nach Hause, und ich kann es mir nicht leisten, den nächsten Monat nichts zu verdienen.«
Ihr Ausdruck wurde sanfter, und sie seufzte. »Was ist Ihr Vater von Beruf?«
»Meine Eltern haben einen Obst- und Gemüseladen. Und meine Geschwister sind zu Hause, alle vier. Die Jungs arbeiten, aber meine Schwester Elsie, sie ist jetzt elf, geht noch ein Jahr zur Schule. Aber sie verpasst viel, weil sie Probleme mit ihren Gliedmaßen hat. Es ist ihre Wirbelsäule, wissen Sie. Sie kann nicht weit laufen und humpelt. Meistens geht es ihr gut, aber wenn sie einen Schub hat, kann sie nicht gut Sachen schleppen oder an der Kasse arbeiten. Sie lässt Dinge fallen und ist frustriert, und … nun, ich möchte, dass sie mit der Schule weitermacht. Sie kann mit beiden Händen schreiben, sie hat es gelernt, falls ihre rechte Hand einmal nicht mehr funktionieren sollte.«
Sim schien eine Entscheidung getroffen zu haben, stellte ihre Untertasse ab, öffnete eine der Schreibtischschubladen und holte einen kleinen Stapel Briefe heraus. »Vorhin habe ich einen kurzen Blick auf unsere Bewerbungen geworfen, aber wie ich schon sagte, im Sommer kommt eher ein Rinnsal als ein Strom. Die Leute regeln ihre Angelegenheiten um Michaeli herum, und für ein Kindermädchen mit nur einem Jahr Erfahrung … Also, was haben wir da …« Ich knetete meine Handschuhe in meinem Schoß, während sie verstummte und die Papiere durchging. »Da war ein Brief von einer Dame aus St. John’s Wood … Wo ist er …? Ah ja, sie bietet ein Gehalt von dreißig Pfund pro Jahr. Das wird nicht angemessen sein. Ich werde die Dame über unsere Tarife informieren.«
»Werben Sie für Ihr Institut?«, fragte ich.
»Um Himmels willen, nein. Das haben wir nie getan, und Mrs Ward möchte auch gar nicht erst damit anfangen. Schauen wir mal, hier ist einer von einer geschiedenen Schauspielerin. Nun, das scheint mir völlig unpassend.«
»Das macht mir nichts aus«, sagte ich.
»Nun, aber ich fürchte, mir macht es etwas aus.«
Ein weiterer Brief wurde aus dem Stapel ausgemustert.
»Dieser ist von einer Mrs Charles England in Yorkshire.« Ich wartete. »›Bitte schicken Sie ein Foto und detaillierte Angaben und teilen Sie das Gehalt mit, das Ihre Kindermädchen verdienen‹ … Das ist schon eher etwas, aber wo war der andere …?« Sie blätterte in den übrigen Papieren mit ihrer eleganten Schrift. »Da gab es einen von einer Lady in … ah ja, Edwardes Square. Mrs Askew-Laing. Warum kommt mir der Name bekannt vor, Askew-Laing? ›Meine liebe Freundin, Mrs Henry Cadogan, empfahl mir Ihr Institut als‹ … Askew-Laing, Askew-Laing. Könnte es das Auktionshaus sein?« Sim befeuchtete ihre Lippen, betrachtete den Brief stirnrunzelnd und las ihn erneut. »Ich werde Mrs Ward befragen müssen, aber ich bin mir fast sicher, dass sie die Auktionshäuser besitzen.«
Ich strahlte und setzte mich aufrechter hin.
»Ja, sie haben Geschäftsräume am Piccadilly und in New York, glaube ich. Oh«, sagte sie, denn mein Gesicht hatte sich verzogen, und Sim verstand sofort, warum. »Keine Auslandsreisen. Ich denke, eine solche Familie verbringt nur einen Teil des Jahres in London, und es wäre dumm von mir, sie deswegen zu fragen. Sagen Sie mir, lehnen Sie es lediglich ab, auszuwandern, oder widerstreben Ihnen auch Reisen im Allgemeinen?«
»Ich habe nichts dagegen, in Züge zu steigen oder so, ich kann nur nicht in ein anderes Land ziehen.« Ich ärgerte mich zunehmend über Sims Herablassung, als ob ich irrationale, unberechenbare Einwände hätte. Aber sie, für die Arbeit eine Wahl und keine Notwendigkeit war, die nie Schlange gestanden hatte, um eine Geldanweisung an ihre Mutter zu schicken, verstand das natürlich nicht.
»Dann fürchte ich, dass Ihre Optionen eingeschränkt sind, Miss May, denn die Familien, die sich bei Norland bewerben, erwarten Flexibilität. Wenn Sie ein oder zwei Wochen Geduld haben, werde ich sehen, wer sich noch bewirbt, aber ich muss auch die diesjährigen Absolventinnen berücksichtigen. Mrs Ward hat sich in den üblichen Kreisen erkundigt und bereits mehrere Vorstellungsgespräche vereinbart.« Ein Aufblitzen von Gold, als sie auf die Uhr sah. »Tatsächlich muss ich mich schleunigst zu einem Termin in Marylebone aufmachen.«
»Was ist mit dem Brief aus Yorkshire?«
»Was soll damit sein?«
»Mrs … England.«
Sie fand das Schreiben und überflog es. »Vier Kinder: zwei Söhne, zwei Töchter. Sie sind Webereibesitzer.« Ihrem Ton nach zu urteilen, hätten sie ebenso gut Akrobaten sein können. »Mrs England hat in der Zeitung über das Institut gelesen, und ihr Kindermädchen ist kürzlich verstorben. Sie war bereits das Kindermädchen des Ehemannes, als er noch ein Kind war, gütiger Himmel … Erfahrungen mit sensiblen Kindern sind erforderlich. Sie erwähnt, dass ihr Ältester unter schwacher Gesundheit leidet. ›Das Kinderzimmer befindet sich in einem separaten Flügel mit eigenem Eingang, und wir haben eine Unterkunft im Kinderschlafzimmer für die Nacht, oder wenn das Kindermädchen es vorzieht, werden wir eine Unterkunft im Haupthaus für sie finden.‹ Nun, das steht außer Frage.« Sie wendete das Schreiben, um einen Blick auf die Unterschrift zu werfen. »Sie unterschreibt zwar nicht mit eigenem Namen, aber Mrs England scheint sehr daran interessiert zu sein, die Stelle baldmöglichst zu besetzen.«
»Ich nehme sie an.«
»Wollen Sie denn so weit weg wohnen? Die Familie hat zwar ein Haus in London, aber hier gibt es nicht viel, was mit Textilhandel zu tun hat.«
»Es ist mir egal, wo ich arbeiten werde, Miss Simpson.«
Sie musterte mich und wandte sich wieder dem Brief zu. »Sie verfügen natürlich über die erforderlichen Fähigkeiten und eine entsprechende Ausbildung, aber ein Haushalt mit vier Kindern ist ein großes Unterfangen. Offenbar gibt es kein zusätzliches Kindermädchen oder eine Hilfskraft. Und Mrs England macht keine näheren Angaben über den Zustand ihres Sohnes. Wenn er eine Behinderung hat, braucht er möglicherweise fachkundige medizinische Hilfe. Ich werde mich diese Woche erkundigen«, sagte sie und schob den Brief zurück in den Umschlag, als sei die Sache damit erledigt.
»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie heute Abend zurückschreiben könnten«, erwiderte ich. »Und Mrs England mitteilen, dass Sie ein Kindermädchen für sie gefunden haben.«
Sim musterte mich und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Miss May«, sagte sie. »Wissen Sie, warum ich Ihnen das Maud-Steppings-Stipendium verliehen habe?«
Ich spürte einen Stich der Enttäuschung, dass sie mich daran erinnerte, und schüttelte den Kopf.
»Sie wissen vielleicht noch, dass ich damals die Prüfung im Hörsaal beaufsichtigte. Auf halbem Weg durch die Prüfung ließ eine Bewerberin ihren Bleistift fallen. Er rollte in den vorderen Teil des Hörsaals. Erinnern Sie sich? Und ohne zu zögern, haben Sie aufgehört, zu schreiben, sind aufgestanden und haben ihn aufgehoben. Sie liefen zum hinteren Teil des Raumes, um die Besitzerin ausfindig zu machen und ihr den Stift zurückzugeben – auf Kosten Ihrer eigenen Zeit. Ohne Ihre Arbeit gelesen zu haben, wusste ich, dass Sie an das Institut gehörten.«
»Weil ich einen Bleistift aufgehoben habe?«, fragte ich betroffen.
»Was Kinder am meisten brauchen, sind Freundlichkeit, Geduld und Aufmerksamkeit. Diese Eigenschaften kann man Menschen beibringen, aber es ist besser, wenn sie instinktiv vorhanden sind. Als ich Sie nach der Prüfung befragte, bestätigte sich nicht nur, dass Sie diese Eigenschaften besitzen, sondern auch, dass Sie …« Sie kniff die Augen zusammen und suchte nach dem richtigen Wort. »Entschlossen sind. Ich konnte erkennen, dass Sie unbedingt einen Platz hier haben wollten, vielleicht mehr als jede andere Schülerin, die ich bisher getroffen habe. Sie haben Lebenserfahrung, Miss May, und die ist viel wertvoller als eine Ausbildung, wenn es um die Betreuung von Kindern geht. Viel wertvoller sogar, als das Gedicht Enoch Arden zu kennen.«
Wieder einmal war ich entwaffnet von ihrer Gabe, sich an alles zu erinnern und jeden zu durchschauen. »Ich dachte, Enoch Arden wäre ein Premierminister«, sagte ich. »Das habe ich geschrieben.«
»Ich erinnere mich.« Ein leichtes Lächeln umspielte die Mundwinkel der Rektorin, und die ernste Atmosphäre lockerte sich ein wenig auf.
»Sind Sie sich sicher, dass Sie die Stelle wollen? Sobald ich an Mrs England geschrieben habe, gilt das Angebot als angenommen. Ich erinnere Sie daran, dass Kindermädchen, die in drei Situationen scheitern, aufgefordert werden, aus dem Institut auszutreten.«
Ich straffte meine Schultern und setzte mich ein wenig aufrechter hin. »Ich werde Sie nicht noch einmal enttäuschen, Miss Simpson. Sie haben mein Wort.«
»Nun gut. Ich werde Mrs England nach meiner Rückkehr antworten.«
»Sie scheinen mir die perfekte Familie.« Ich bemühte mich, fröhlich zu klingen.
Sim lachte trocken. »Miss May, so etwas wie eine perfekte Familie gibt es nicht.«
Liebe Elsie,
ich schreibe dir aus Norland, wo ich gerade auf meinem alten Bett sitze. Es ist seltsam, zurück zu sein, und obwohl ich schöne Erinnerungen daran habe, möchte ich schon wieder weg. Mein Schlafsaal (Temperance) hat sich kein bisschen verändert: Die cremefarbene und braune Tapete ist so hässlich wie eh und je, und die lockere Diele neben der Kommode ist immer noch nicht repariert, ebenso wenig wie die rissige Fliese am Kamin. Ich habe mich daran gewöhnt, ein Zimmer mit Babys zu teilen, die früh ins Bett gehen und manchmal weinen! Aber ich bin es nicht mehr gewohnt, mit Mädchen meines Alters ein Zimmer zu teilen, die abends das Licht lange brennen lassen, um zu lesen, und nach dem Zubettgehen noch flüstern. Ich teile mein Zimmer mit einer Studentin namens Banford, die tagsüber auf einer Kinderstation arbeitet. Sie kommt spätabends nach Hause und verpasst immer das Abendessen, aber wir haben uns mehrmals gut unterhalten.
Ich warte darauf, dass ich erfahre, ob ich eine neue Familie in Yorkshire bekomme. Ich werde als Nächstes von dort aus schreiben, falls es sich so ergibt. Bitte sprecht ein Gebet für mich. Denkt daran, meine Adresse sicher aufzubewahren, wenn ihr sie erhaltet. Es war schwer, von den Radletts Abschied zu nehmen. Sie waren so gut zu mir, und ich hatte sie so lieb gewonnen. Ich hoffe, dass du mit deinem Lernen gut vorankommst. Bestelle den Jungs liebe Grüße von mir, und sag Mutter, dass ich das Geld schicke, sobald ich kann.
Alles Liebe
Ruby
Innerhalb weniger Tage war alles arrangiert. Ich hatte nicht ausgepackt, da ich niemandem, auch nicht mir selbst, den Eindruck vermitteln wollte, mein Aufenthalt am Pembridge Square sei mehr als nur vorübergehend. Außerdem hatte Miss Jenkins einige ihrer Habseligkeiten in den Schubladen gelassen: ein halb aufgegessenes Glas Birnendrops, zwei oder drei verstaubte Taschentücher und ein leeres Schulheft. Ich blieb in meinem Zimmer oder schlenderte durch die Straßen und beobachtete, wie sich das Laub der Bäume langsam gelb, gold und karamell färbte. In der Zwischenzeit wurden Leumundszeugnisse verschickt, Züge gebucht und meine Kleidung gewaschen und gebügelt. Der Arzt presste ein Stethoskop gegen meinen Rücken und warnte mich vor Atemwegserkrankungen, die durch die Feuchtigkeit im Norden und den Rauch der Mühlen verursacht werden könnten.
Am Morgen meiner Abreise wusch ich mich, zog mich an und frühstückte, dann machte ich ein letztes Mal das Bett, obwohl die Hausmädchen es für die nächste Bewohnerin abziehen würden, bevor sich auch nur ein Stäubchen darauf niederlassen konnte. Eine Droschke wartete am Zaun, und als ich die Treppe hinunterstieg, bemerkte ich peinlich berührt, dass sich eine kleine Abschiedsgesellschaft vor der Haustür eingefunden hatte: Sim mit ein oder zwei Schülerinnen und Mrs Ward höchstpersönlich, die meine Hand in ihre eigene weiche Hand nahm und mir Lebewohl wünschte. Ich war sehr unsicher, da ich es nicht gewohnt war, im Mittelpunkt zu stehen, und bemerkte die kurzen bewundernden Blicke der Schülerinnen, die sich darauf freuten, ihre eigenen Umhänge umzubinden und in die Welt hinauszugehen. Der Kutscher schloss die Tür hinter mir, und ich winkte der kleinen Gruppe auf der Türschwelle zu, bevor ich mich in den Schatten zurückzog, durstig und bereits schweißgebadet.
Auf dem Weg nach Osten durch die Bayswater Road hatte ich das Gefühl, in die falsche Richtung zu fahren, wie eine rückwärts laufende Uhr. Es würde keine Theaterbesuche mit den anderen Kindermädchen mehr geben und keine Scones von Ellen. Mir fiel ein, dass ich meine Ausgabe von Woman’s Signal halb gelesen neben dem Sessel hatte liegen lassen. Ich starrte aus dem Droschkenfenster auf die glänzenden schwarzen Kutschen, die wie Käfer über die Straße krochen, auf die grelle Werbung für Kakao, Seife und Senf, auf die vielen Geschäfte und Straßenverkäufer: Blumenhändler, Straßenkehrer, Schuhputzerjungen … Anfangs war ich schockiert gewesen, so viele Kinder bei der Arbeit auf der Straße zu sehen, aber sie waren inzwischen zu einem selbstverständlichen Teil des Stadtbildes geworden, fast als wären sie eine andere Spezies als die pummeligen milchweißen Kinder, um die wir Kindermädchen uns kümmerten. Obwohl sie das natürlich nicht waren.
Der Verkehr kam nur langsam voran, und alle waren heiß und gereizt. Als die Droschke den Bahnhof King’s Cross erreichte, hatte ich noch zwanzig Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Ich bezahlte und gab dem Kutscher ein Trinkgeld, wobei ich es immer noch bemerkenswert fand, dass ich zu den Menschen gehörte, die zu so etwas in der Lage waren. Die Bahnhofshalle war höhlenartig, hoch und mit dem Rauch der Lokomotiven gefüllt. Ich fragte nach dem Bahnsteig und kämpfte mich dann durch die riesige Bahnhofshalle. Erleichterung durchflutete mich, als ich ein leeres Abteil in der zweiten Klasse fand, gerade als ich zu zerfließen drohte. Ich freute mich auf die Aussicht, das Fenster öffnen zu können, sobald der Zug die rauchgeschwängerten Tunnel hinter sich gelassen hatte, zog meine Handschuhe aus, fächelte mir Luft zu und hörte ein oder zwei Minuten später den gellenden Pfiff. Die Wagentüren schlugen zu, ein weiterer Pfiff ertönte auf dem Bahnsteig, und der Zug rollte über die Schienen, nahm Fahrt auf, mit einem Bauch voller Kohle und auf dem Weg gen Norden.
Ein entferntes Pfeifen ließ mich aufschrecken. Die Dunkelheit war hereingebrochen, und der Zug fuhr bereits durch Yorkshire. Die Deckenlampe, in der das Öl hin und her schwappte, spendete nur schwaches Licht. Obwohl es in London ein heißer Sommertag gewesen war,S kroch hier feuchte Kühle durch die zugigen Fenster, und der Regen zeichnete Muster auf die schwarzen Scheiben. Ich sah mich nach der Bonbon lutschenden Elsie um, nach unserem durch das regennasse Fenster spähenden Vater, bis mir klar wurde, wo ich mich befand und dass der Zug stillstand. Instinktiv tastete ich nach dem Portemonnaie in meiner Tasche, erhob mich rasch und suchte den Schaffner. Der Zug war voll gewesen, als ich in Leeds umgestiegen war, wo ich mir ein Abteil mit einer Familie mit drei Kindern geteilt hatte. Aber jetzt hatte sich der Waggon geleert, und in meiner Panik dachte ich, ich hätte meine Haltestelle verpasst. Doch der Schaffner beruhigte mich damit, dass es erst die nächste sei. Auf einmal empfand ich zugleich Angst und Erleichterung, Nervosität und Aufregung. Ich hob mein Buch auf, das zu Boden gefallen war, und begann, mich zurechtzumachen, indem ich mein Spiegelbild im dunklen Fenster nutzte, um Haarsträhnen zurückzustecken und meinen Umhang zu schließen.
Fünf Minuten später kam der Zug in einer so tiefen Dunkelheit zum Stehen, dass wir uns in einem Tunnel hätten befinden können. Niemand stieg aus, und die Abteile, an denen ich vorbeikam, waren alle leer. Zwei blasse Laternen leuchteten an beiden Enden des Bahnsteigs, als wüssten sie, dass ihre Chancen, die tiefe Nacht zu durchdringen, nur gering waren, und als hätten sie sich damit abgefunden, bald gelöscht zu werden. Es regnete nicht mehr, aber die Luft war dick und feucht, wie in einer Wäscherei im Winter. Der Schaffner pfiff, und der Zug setzte sich langsam und keuchend in Bewegung.
Ich spähte den Bahnsteig auf und ab, doch niemand war zu sehen. Auf der anderen Seite der Gleise erhellten weitere Laternen den Eingang zum Bahnhof und den Fahrkartenschalter. Ich nahm mein Gepäck und machte mich auf den Weg zur Unterführung, die unter den Gleisen verlief. Doch dann hörte ich eilige Schritte, und jemand kam die Rampe herauf. Zuerst konnte ich einen Hut ausmachen, dann ein lebhaftes braunes Gesicht mit einem dunklen Schnurrbart, einen eleganten schwarzen Mantel und eine grüne Weste mit einer dünnen, geschmackvollen Kette. Eine große Hand hielt eine Laterne in die Höhe, und im Licht erweckte der Mann den Eindruck eines geselligen Gastwirts. Er war groß und kräftig gebaut, und als er mich entdeckte, verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Lächeln.
»Miss May.«
Seine Stimme klang selbstbewusst und vertraulich, als würden wir uns bereits kennen. Ich ging auf ihn zu und stellte meine Reisetasche ab, um seine Hand zu schütteln. Sie war warm und kraftvoll, sein Blick war direkt, seine Augen schwarz und glänzend wie Juwelen.
»Ja«, sagte ich. »Erfreut, Sie kennenzulernen.«
»Es tut mir schrecklich leid, dass ich mich verspätet habe, das Pferd brauchte ein neues Hufeisen, und Broadley … Macht nichts, jetzt bin ich ja da und werde Sie mitnehmen. Kommen Sie, ich helfen Ihnen, geben Sie mir Ihre Sachen, wie sich das gehört. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise?« Er äußerte dies alles in warmherzigem Ton, wobei er meine Hand so intensiv schüttelte, wie ich es stets mit der Bettwäsche meiner Schützlinge zu tun pflegte. Schließlich befreite ich meine Hand aus seinem Griff, und wir stiegen in die Unterführung hinab, in der noch mehr düstere Lampen mit der Dunkelheit kämpften und Werbetafeln im Schein der Laterne glänzten.
»Sehr angenehm, danke«, antwortete ich. »Sind Sie der Kutscher?«
»Ha!« Seine dröhnende Stimme drang in jeden dunklen Winkel und hallte von dort wider. »Meine Güte, nein. Ich habe versäumt, mich vorzustellen. Ich bin Charles England.«
Beinahe wäre ich vor Scham gestorben. »Es tut mir furchtbar leid, Mr England. Das war mir nicht bewusst.«
»Kein Problem, Miss May.« Er schien sich über meinen Irrtum köstlich zu amüsieren, und ich folgte ihm an den geschlossenen Fahrkartenschaltern vorbei in einen Vorhof, wo ein geschecktes Pferd mit einer Kutsche wartete. »Das ist Magpie, und bitte bewundern Sie sein neues Hufeisen, sonst wird er furchtbar beleidigt sein. Ich habe ihn selbst beschlagen, nicht wahr, alter Junge?« Er klopfte dem Hengst auf die Flanke, hielt den Kutschenschlag auf und warf mein Gepäck hinein wie Wäsche in einen Schacht. Ich bedankte mich und kletterte hinterher. Die Kutsche schaukelte, als er aufsprang und die Zügel nahm, während ich mich vor Peinlichkeit krümmte. Der Kutscher! Was musste er nur von mir denken? Dass nie ein dümmeres Mädchen gelebt hatte und, was noch schlimmer war, es nun hier war, um für seine Kinder zu sorgen.
Ich setzte mich ordentlicher hin und zog den kleinen Vorhang beiseite, um aus dem Fenster zu schauen, aber es war so dunkel, als hätte man eine schwarze Jalousie heruntergezogen. Die Kutsche war groß und luxuriös, mit Ledersitzen, und ich fragte mich, warum die Englands wohl keinen Kutscher hatten und der Master selbst mich abholte. Sie hatten doch wohl Personal? Hoffentlich erwarteten sie nicht, dass ich mit vier Kindern und ohne eine Hilfskraft an meiner Seite irgendwelche häuslichen Arbeiten übernahm. Egal, ich würde mit der Mistress darüber sprechen, sobald wir ankamen.
Das Terrain veränderte sich, und wir fuhren bergauf, wobei wir hier und da leichte Kurven nahmen, was mich an eine lange, gewundene Passstraße an einem steilen Hang denken ließ. Ich schloss die Augen und versuchte, das Bild aus meinem Kopf zu verdrängen und mir den Ort vorzustellen, der zumindest für die nächsten Jahre mein Zuhause sein würde. Ich fragte mich, ob die Kinder schliefen oder ob sie im Kinderzimmer warteten. Vier davon: Das schien mir plötzlich ziemlich viel, obwohl ich mich damit tröstete, es könne nicht viel anders sein, als die Älteste von fünf zu sein. Viele Jahre lang war ich für meine Geschwister wie eine zweite Mutter gewesen, während unsere Eltern im Laden beschäftigt gewesen waren. Ich war es, zu der sie kamen, wenn sie sich ein Knie aufgeschürft oder Hunger hatten. Ich war es, die sie wusch, ankleidete und beaufsichtigte. Ich war es, die von unserer Mutter gefragt wurde, wo Ted steckte oder ob ich Archies Mütze gesehen hätte. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass ich es schon einmal geschafft hatte und einmal erworbene Fähigkeiten nicht einfach so verschwanden.
Nach knapp zehn Minuten rollte die Kutsche abwärts, wurde langsamer und kam schließlich zum Stehen. Doch statt einer Stille folgte lautes Brausen, wie von einem Zug oder einem großen Ventil, das Dampf ausstößt. Mr England landete schwer auf dem Boden, öffnete den Schlag der Kutsche und schwenkte die Laterne ins Innere. Wieder lief mir ein für die Jahreszeit ungewöhnlich kalter Schauer über den Rücken.
