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Die Vielgeliebte ist ein ungewöhnliches und ungewöhnlich attraktives weibliches Wesen: Anmutig und vital, verständnisreich und selbstbewusst, zieht sie die Männer der Stadt Wien auf so faszinierende wie unwiderstehliche Art an. Unter den Angezogenen befinden sich ein echter Fürst, ein echter Unterweltkönig, ein Genie, ein Medizinalrat und, nicht zu vergessen, auch der Legationsrat Dr. Tuzzi, jener Robert Musils Mann ohne Eigenschaften entsprungene Romanheld, der einst - in Jörg Mauthes erstem Roman, Die große Hitze - auf wundersame Weise Österreich vor dem Vertrocknen gerettet hat.
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Seitenzahl: 417
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Jörg Mauthe
Roman
Unveränderte Neuflage, Wien 2011
© Edition Atelier
Erstmals erschienen 1979 im Verlag Fritz Molden, Wien–München–Zürich–Innsbruck; © 1987 Wiener Journal Zeitschriftenverlag Ges.m.b.H.
www.editionatelier.at
Lektorat: David Axmann
Covergestaltung: Julia Kaldori
Cover nach einem Foto von john krempl / Quelle PHOTOCASE
Druck: Prime Rate Kft., Budapest
ISBN 978-3-900-3790-32
Das Buch ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten, insbesondere für Übersetzungen, Nachdrucke, Vorträge sowie jegliche mediale Nutzung (Funk, Fernsehen, Internet). Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und des Autors reproduziert oder weiterverwendet werden.
Mit freundlicher Unterstützung des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur.
Die Vielgeliebte
Alle sind sie gekommen, alle sind sie da.
Wir haben heute schon den elften November, aber der Himmel ist dunkelblau wie im Spätsommer, und das Thermometer zeigt zwanzig Grad bei nur schwach fallendem Luftdruck. Es paßt nicht zum Datum, dieses Wetter. Es ist unglaubhaft.
Der Geschiedene ist da und der Medizinalrat und der Fürst und der Legationsrat und …
Ja, es sind alle da.
Wir, einer wie der andere, sind viel zu früh gekommen und wissen nicht, wie das nur alles vor sich gehen soll. Also warten wir schweigsam, bis geschehen wird, was halt geschehen muß.
Da wir deshalb und aus vielerlei anderen Gründen verlegen sind, verharren wir steif und unbewegt; der Fürst und der Legationsrat bringen es jedoch immerhin fertig, selbst dies auf jene gewisse elegante Art zu tun, um die ich sie immer ein wenig beneidet habe. Nur der Medizinalrat bewegt sich; mir gegenüberstehend, verlagert er leise schwankend seinen massigen Leib hin und her von einem Bein auf das andere.
Das Genie ist da und der Brettschneider-Ferdi und der Nagl-Karl; an meinem Ellbogen spüre ich den des Großen Silbernen; und weil der da ist, werden auch der Hansi, der Heinzi und der Horsti nicht weit sein; vermutlich haben sie in einiger Entfernung hinter Büschen und Steinen Position bezogen, von denen aus sie mit ihren so wachsamen Augen unsere Umgebung kontrollieren können; der Silberne ist ein vorsichtiger Mann, der sich wirklich nur im alleräußersten Fall auf Risken einläßt.
Wenn der Medizinalrat sein Gewicht auf den linken Fuß legt, wird neben seinem rechten Oberschenkel ein kleines Stück Landschaft sichtbar, bestehend aus zwei aufeinander zulaufenden Weinberghängen und, über ihrem Schnittpunkt, etwas Überschwemmungsgebiet, hinter dem weiße Flecken schimmern. Die sehen im graublauen Dunst wie Felsufer oder Lößwände aus, aber in Wirklichkeit – freilich, was ist heute schon Wirklichkeit? – handelt es sich wohl um die Wohnblöcke einer dieser großen Stadtrandsiedlungen aus den sechziger oder siebziger Jahren.
Elfter November, aber keiner von uns trägt einen Mantel. Dazu ist es zu warm.
Ich empfinde diese Wärme als unangenehm, ja fast als widerwärtig. Ein November sollte kalt sein, denke ich, oder wenigstens kühl und regnerisch, wie damals in meiner Kindheit, als die Winde, die es heute nicht mehr gibt, die Währingerstraße hinaufpfiffen oder heruntertobten. Aber von der Art sind die November schon seit Jahren nicht mehr. Ob vielleicht doch etwas dran ist an dieser Klimaverschiebung, von der jetzt häufig die Rede ist? Der Kollege Kaiser verficht ja mit einem gewissen Fanatismus sogar die Behauptung, daß wir am Beginn einer neuen Eiszeit stehen; wie sich die mit warmen Novembern verträgt, weiß ich freilich nicht, aber daß die Natur sich neuestens selbst zuwiderläuft und unnatürliche Zustände schafft, heiße Februare, nasse Sommer und nun diese Novemberwärme, das gibt denn doch auch einem laienhaften Verstand zu denken. Vielleicht sollte ich den Medizinalrat, der einem solche Sachen gerne und ausführlich erklärt, gelegentlich fragen, welche Meinung über nahende Eiszeiten er hegt – falls eine Gelegenheit dazu sich noch ergeben wird.
Elfter Elfter: das Datum merkt man sich leicht. Übrigens feiert – feiert? Nein: hat der Legationsrat heute Geburtstag. Den zweioder dreiundvierzigsten, schätze ich, aber vielleicht sind es auch ein paar Jahre mehr oder weniger; Tuzzi gehört zu jenem Typ, der von der Reife an fast alterslos bis zum Alter bleibt; das habe ich an ihm schon oft bewundert.
Alle sind sie gekommen, alle sind sie da.
Der Medizinalrat schwankt langsam hin und her.
Im Landesmuseum in der Herrengasse haben sie ein Diorama, das in anschaulicher Weise die Eiszeit am Donauufer darstellt: wüstes Krüppelgebüsch, in dem sich Schneehasen verbergen; hinten fließt, offensichtlich sehr kalt, die Donau, vorne ducken sich im Schutze großer Steine ein paar Eiszeitmenschen, die wohl Jagd auf das Mammut machen, das vor der Silhouette des Kahlenberges den riesigen Rüssel von der einen auf die andere Seite schwenkt. Auch ein Elch ist in diesem wirklich sehr anschaulichen Bild enthalten, aber vielleicht irre ich mich in diesem Punkt und bringe versehentlich einen wirklichen Elch in die Szene hinein, jenen, der damals plötzlich in Oberösterreich aufgetaucht ist und den Zeitungen eine Weile lang amüsanten Nachrichtenstoff geliefert hat, ehe er spurlos wieder verschwand; das Erscheinen dieses nordischen Riesenviehs inmitten unserer Wälder mag kein Irrtum gewesen sein, sondern schon ein Vorzeichen; aber das konnten wir in jenen Tagen ja noch nicht ahnen.
Alle sind sie gekommen, alle tragen schwarze Anzüge. Sogar das Genie hat einen am Leibe – der Teufel wird wissen, aus welchem Abfallhaufen es sich ihn herausgefischt hat. Natürlich paßt der Anzug nicht und sind die Ärmel über den roten Händen viel zu kurz; immerhin scheint er wenigstens sauber zu sein. Ferner hat das Genie den Bart abrasiert, was wohl als Opferhandlung verstanden werden muß; nun zeigen sich unerwartet viele Falten in seinem Gesicht. Und natürlich murmelt es vor sich hin; anders hab’ ich den Mann noch nie gesehen, als unermüdlich an einem Epos murmelnd, das nach den wenigen Bruchstücken, die wir herausbekommen haben, vielleicht das bedeutendste der Welt wäre, würde es je deren Licht erblicken; aber ach, das Genie schreibt nichts nieder, es kann kaum schreiben; so wird auch dieses Kunstwerk, wie seine anderen in der Abfallgrube dort drüben auf der anderen Donauseite, nie veröffentlicht werden. Ob es weiter an seinen Gängen und Höhlen baut, nach unbestimmten, dem eigentlichen Wesen des Zufalls abgelauschten Regeln? Gleichviel. Das alles hat seine Bedeutung verloren.
An den Bäumen hängen noch viele Blätter, längst abgestorbene, die der leiseste Windhauch wegfegen würde. Aber der Wind weht schon seit Wochen nicht mehr.
Der Nagl-Karl hat eine Harmonika umhängen, nicht eine von diesen Zieh-Orgeln, die er üblicherweise benützt, sondern seine alte Budowitzer mit den Knopfregistern, die er nur zu besonderen Gelegenheiten hervorholt. Ob er beabsichtigt, heute und hier Musik zu machen? Ich fände das unpassend, doch kann, was jetzt nicht stimmt, eine Stunde später plötzlich schicklich werden. Man darf sich da durchaus auf den Nagl-Karl verlassen; seine Einsätze haben noch immer gestimmt. Übrigens ist er natürlich nicht der einzige Abgeordnete der Gilde; auch die Schneider-Brüder und der Zwerschina sind da. Und der Ferdi.
Der schwarze Anzug des Fürsten ist aus feinem Loden. Den hat er schon immer getragen, in der Schule, bei seiner Heirat und, viel später, bei seiner Verlobung. Er kann eben nicht aus seiner Haut heraus, mein alter Schulfreund Lipkowitz.
Ich kenne keineswegs alle, die da sind; einige von ihnen habe ich nie zuvor gesehen, kann mir aber trotzdem denken, wer sie sind; etliche aber sind da, von denen ich gar nichts weiß und Genaueres auch nicht wissen möchte.
Denn ein Heiliger muß zwar alles verstehen und verzeihen können, nicht aber, wenn er klug ist, alles wissen wollen.
Der Heilige bin ich.
Und darum bin ich da.
Ja, ich bin oder war bis vor kurzem ein Heiliger; und so sonderbar das auch sein mag, von allen, die da sind, hat keiner diese meine Eigenschaft bezweifelt, obgleich der eine oder andere sie vielleicht manchmal als lächerlich empfunden hat. Nur ein einziger hat es jemals gewagt, mich in vorsichtigen Worten um genauere Auskunft darüber zu bitten.
Der dies wagte, damals, in einer der Nächte des Großen Festes, war der Legationsrat gewesen, natürlich er und kein anderer, denn nur Tuzzi versteht Fragen auch nach dem Geheimnis eines Menschen zu stellen, daß man sie ohne Scheu beantwortet, weil er einem dabei den Eindruck zu vermitteln weiß, man könnte sich an jedem Punkt des Gesprächs ebensogut der Aussage enthalten wie es in eine andere Richtung lenken, ohne daß seine Anteilnahme darum geringer würde. Ich freue mich, daß ich sein Freund bin; wäre er mein Feind, würde ich mich vor diesem unvergleichlichen Amalgam von Desinvolture und Präsenz fürchten.
Wir saßen damals – das Große Fest hatte seinen Höhepunkt noch lange nicht erreicht – im »Rhodos« in der Kaiserstraße, in einer Nische, in die wir uns zurückgezogen hatten, um eine schon seit Stunden andauernde leichte Trunkenheit mit Ouzo und Retsina zu stabilisieren, abseits der kleinen Tanzfläche, auf der unsere Freundin mit dem Medizinalrat, dieser doppelt so groß wie sie und dreimal so umfangreich, einen langsamen Sirtaki tanzte, welcher die griechischen Gastarbeiter im Lokal offensichtlich entzückte, obwohl er wahrscheinlich nicht viel Ähnlichkeit mit dem aufwies, was in Piräus als Sirtaki gilt. Aber damals, während des Großen Festes, gelang uns allen ja alles: alles, was wir wollten, fiel uns damals zu und ein, warum nicht auch ein Sirtaki.
»Ja, Sie haben es erraten«, sagte ich, »ich bin ein Heiliger. Und ich werde mich bemühen, Ihre Frage nach der Ursache davon zu beantworten, obzwar es sich hier um einen Vorgang handelt, der sich einer Beschreibung weithin entzieht.« (Ich sprach in langen und pedantischen Sätzen, wie immer, wenn ich betrunken bin, weil ich damit beweisen will, daß der Alkohol mich gehirnlich nicht beinträchtigt.) »Soweit ich es beurteilen kann, wird man nicht durch eigenes Verdienst zum Heiligen, sondern weil sich der Wunsch oder das Bedürfnis nach dem Vorhandensein eines solchen unvermittelt an einem festsetzt. Ich will damit selbstverständlich nicht für andere Heilige, etwa die in den Kirchen, sprechen, o nein, sowas stünde mir nicht zu, obwohl ich vermute, daß es ihnen mit ihrer Heiligkeit nicht viel anders ergangen ist als mir: daß sie nämlich von ihr sozusagen überfallen wurden. Sie überkommt einen, die Heiligkeit, verstehen Sie?«
»Wie eine Gnade?« fragte Tuzzi.
»So ungefähr. Aber eine Gnade ist es nicht, denn besonders glücklich macht mich die Heiligmäßigkeit keineswegs. Eher im Gegenteil.«
»Es steht nirgends geschrieben«, sagte Tuzzi, »daß Gnade etwas Angenehmes ist. Nach der Meinung der Scholastiker ist sie irresistibel und infinit. Man wird sie, wenn man sie einmal hat, willentlich so wenig los wie nur irgendein Danaergeschenk. Ihr Evangelischen seid da allerdings etwas anderer Meinung, nämlich der, daß man sich durch einen Willensakt der Gnade sehr wohl entledigen könnte, aber …«
»Dann muß ich in dieser Beziehung ein Katholik sein«, sagte ich, »weil ich wirklich nicht weiß, wie ich diese Gnade, falls sie also eine ist, je wieder loswerden könnte – es sei denn, sie selbst findet ein anderes Objekt oder Subjekt, auf dem sie sich freundlicherweise niederlassen wollte.«
»Damit sollten Sie im gegebenen Fall lieber nicht rechnen«, sagte Tuzzi einsichtsvoll und mitfühlend, indem er in die Richtung unserer Sirtakitänzerin eine kleine Verbeugung machte, die von ihr mit einem lustigen Augenzwinkern beantwortet wurde. »Doch was immer Ihre Empfindungen sein mögen – ich beglückwünsche Sie dazu. Denn immerhin: was Ihnen widerfährt, ist mehr als Liebe.«
»Danke vielmals«, sagte ich. »Aber ich gestehe Ihnen, daß mir etwas weniger, nämlich schon die Liebe, völlig genügen würde. Was darüber liegt und mehr ist, übersteigt auf die Dauer meine Möglichkeiten.«
»Ja«, sagte Tuzzi nach einer Pause, »Ihnen würde es genügen. Und mir, weiß der Himmel, auch. Und uns allen. Aber ihr nicht. Ihr eben nicht.«
Wir tranken Retsina und sahen eine Weile auf die Tanzfläche, wo ein graziöses Mammut mit einem kleinen bunten Vogel tanzte. Der Kellner Antonios trug einen großen Stoß Teller herein. Die Griechen ringsum begannen rhythmisch in die Hände zu klatschen.
»Sie lieben Sie also?« sagte ich.
»Noch immer«, sagte Tuzzi (und auch mit diesem rückhaltlosen Geständnis vergab sich der bewunderungswürdige Beamte nicht das geringste – aus dem einfachen Grunde, weil es jeder von uns eh schon wußte). »Und für immer. Und falls Sie das tröstet: Meine Liebe ist ebenso irresistibel und, mir scheint, auch infinit wie Ihre Gnade.«
»Eine Art Trost ist es schon«, sagte ich ernsthaft. »Und sie?« fragte ich weiter; denn obwohl ich mehr davon wußte als Tuzzi selbst, was meiner Eitelkeit, ich gebe es zu, so nebenbei doch einigermaßen schmeichelte, war ich doch sehr erpicht darauf, zu hören, wie er seine Meinung formulieren würde: vielleicht ergab sich daraus ein kleiner Hinweis auf die Lösung meiner und einiger anderer Probleme, die sich seit geraumer Zeit in einer Weise verknüpften, welche mir Angst machte; auch hoffte ich, daß andere, Tuzzi zum Beispiel, die Situation weniger kritisch empfinden würden; als Heiliger war ich ja schließlich verpflichtet, selbst geringen Hoffnungsschimmern nachzugehen.
Tuzzi gab mir keinen.
»Sie? Sie liebt mich natürlich auch«, sagte er. »Aber nicht mehr als alle anderen.«
»Sie hätten zutreffender sagen sollen: so sehr wie alle anderen.«
»Das ist richtig, und ich danke Ihnen für diese Korrektur; sie war notwendig, denn selbstverständlich teile ich mit allen Rittern und Narren ihres Hofstaats, Sie keineswegs ausgenommen, die Überzeugung, daß keiner von uns auch nur das Maß verdient, das man uns da so leicht zubilligt. Trotzdem: ich kann’s nicht ertragen, nicht mehr geliebt zu werden als Sie und ihr alle. Ich bring’s einfach nicht über mich. – Ich habe Ihnen nun meine Amfortas-Wunde gezeigt, die unaufhörlich blutende, aber da wir beide halb betrunken sind, wollen wir einander verzeihen: Sie mir, daß ich solche Sachen sage, ich Ihnen, daß Sie mich’s haben sagen lassen. Verzeihen Sie vielmals. Sehr zum Wohl!«
So verziehen wir einander als gute Freunde und tranken miteinander Ouzo und Retsina. Dann verbarg Tuzzi die Wunde wieder unter dem Mantel seiner Desinvolture und fragte mich, leichthin wie eh und je, wie sie mich denn erwischt und überkommen habe, die Gnade der Heiligkeit? Und ob sich dies unter sehr dramatischen Umständen abgespielt habe?
»Keine Spur von Dramatik«, sagte ich. »Es war das die einfachste Sache der Welt und kam so selbstverständlich, daß ich’s zunächst gar nicht bemerkt habe und erst viel später begriff. Es war weiter nichts, als daß sie mich eines Tages fragte, ob ich sehr gebildet sei.«
Aber weiter kam ich damals im »Rhodos« nicht, denn es war die Stimmung inzwischen zur Turbulenz gediehen. Die Musiker hatten ihre Verstärker auf höchste Lautstärke gedreht, und die Griechen klatschten rasend in die Hände, weil der Medizinalrat unsere Freundin, ohne seine Schrittfolge zu unterbrechen, mit beiden Händen über seinen Kopf hinaufstemmte, und in diesen Wirbel hinein knallten die zerbrechenden Teller, die nun von allen Seiten vor die Füße der Tanzenden geschleudert wurden.
Da unten in der Senke, hinter den beiden sich überschneidenden Bergrücken, wird geschossen. Das Echo der Schüsse läuft im Zickzack zwischen den Hängen herauf. Der Medizinalrat hat in seinem Hinund Herschwanken innegehalten, ich habe endlich den Blick frei auf das Stück Donaulandschaft dort unten, sehe aber weiter nichts. Die Schüsse verhallen, der Medizinalrat beginnt sich wieder hin und her zu wiegen.
Die fade Wärme, das regungslose Herumstehen, die Nachwirkungen der Schlafpulver aus den letzten Nächten machen mich ganz benommen, das mammuthafte Schwanken vor mir wird mir noch Übelkeit bereiten. Ich muß die Augen schließen.
»Lehnen S’ Ihnen ein bissl an mich«, flüstert eine Stimme neben mir, und eine kräftige Hand schiebt sich unter meinen Ellbogen. Ich nehme diese Stütze dankbar an, froh darüber, daß mich nach alldem, was geschehen ist, noch einer so freundlich zu berühren wagt; ehe ich die Augen schließe, sehe ich einen prüfenden Blick aus dem Einauge des Medizinalrats; aber das kränkt mich nicht.
»Und tun S’ Ihnen wegen der Schießerei nicht beunruhigen«, flüstert die Stimme; es ist die des Silbernen. »Das hat weiter nix zu bedeuten. Nicht um diese Zeit.«
»… Sind Ihre Buben da?« frage ich ebenso leise.
»Freilich.«
Da kann ich ja beruhigt die Augen zumachen und mich von der Wärme ein bißchen narkotisieren lassen.
Ja, der Medizinalrat hat den kleinen Vorgang natürlich wahrgenommen. Sicherlich hat er mit dem Computer, der sich neben vielen anderen Sachen in seinem Riesengehirn verbirgt, in Sekundenschnelle meinen Blut-, den Luftund psychischen Druck sowie etliche andere Parameter in Relation gebracht; falls es notwendig sein sollte, wird er sich um mich kümmern. Vorderhand hat er sich damit begnügt, dem Silbernen mit einem Kopfnicken zu bestätigen, daß der Griff unter den Ellbogen schon richtig ist.
Zwischen uns dreien, dem Arzt, mir und dem Silbernen, besteht eine Beziehung besonderer Art. Wir waren dem Geheimnis etwas näher als die anderen. Der Medizinalrat wäre nicht hier, wenn es nicht den Silbernen gäbe, und den Silbernen gäbe es ohne den Medizinalrat nicht mehr. Und wir alle stünden jetzt nicht hier, wenn ich nicht versucht hätte, die unheiligste Pflicht zu erfüllen, die je einem Heiligen auferlegt worden ist.
Unerwartet von jäh einsetzendem Schmerz überfallen zu werden, von so gräßlichem Schmerz, daß man sich, auch wenn man ein starker tapferer Mann ist, wie ein Wurm krümmen und laut stöhnen muß, ist ein widerwärtiges Erlebnis.
Wenn sich dergleichen aber in einem gutbesuchten Heurigenlokal und zu jener nachmitternächtlichen Stunde ereignet, in der das Publikum endlich dahin gekommen ist, seiner Sinne nicht mehr ganz mächtig und somit gut aufgelegt zu sein – dann tritt zum hilflos machenden Schmerz auch noch die Scham hinzu, aus der Rolle gefallen zu sein und ein ganz und gar unpassendes Schauspiel zu bieten. Vollends schlimm wird die Sache, wenn man, sei’s aus Charakter, sei’s aus beruflichen Gründen, viel Wert darauf legen muß, so wenig Aufmerksamkeit wie nur möglich auf sich zu ziehen. Um Haltung zu ringen nützt da wenig, das vermehrt den Krampf der Kolik nur noch. In einem solchen schlimmen Augenblick will man nur eines, nämlich rascheste Hilfe.
Die anderen Gäste aber, die sich nun um den Stöhnenden drängen, reagieren leider panisch. Einer empfiehlt, den Leidenden in die Seitenlage zu bringen; ein anderer rät, gleichfalls aus vagen Erinnerungen an weit zurückliegende Erste-Hilfe-Kurse, die Füße – oder besser den Kopf? – hochzulagern; einer stürzt zum Telefon, aber das ist von einem Betrunkenen blockiert; die Kellnerin ruft laut, ob vielleicht ein Arzt im Lokal ist, aber gerade diesmal ist natürlich keiner da; um den Telefonhörer, den der Betrunkene nicht aus der Hand geben will, entspinnt sich eine Rauferei; der plötzlich Erkrankte stößt nun bereits dumpfe Schreie aus; manche steigen auf Sessel, um besseren Überblick zu haben …
… und dann kann es, wenn der Leidende Glück im Unglück hat, passieren, daß eine kleine Person mit schneidender Stimme für Vernunft sorgt, die zwei relativ Nüchternsten aus der Menge heraussucht, mit deren Hilfe den sich Krümmenden aus dem Lokal schafft, ihn in ihr Auto verlädt und schleunigst zum nächsten Spital fährt.
»Die Ärzte«, sagte diese kleine Person am darauffolgenden Montagmorgen zu mir, ehe wir unsere Arbeit aufnahmen, »gehören vertilgt. Und in die Spitäler sollte man Bomben schmeißen. Aber große!«
»O je!« sagte ich mißtrauisch, denn ich wußte, was von solchen Mitteilungen zu halten war. »Du hast wieder einmal Krach gemacht?«
»Und was für einen!« sagte sie in einem Tonfall, der darauf schließen ließ, daß sie bei der Ausrottung von Ärzten und der Demolierung von Spitälern bereits schöne Anfangserfolge verzeichnen konnte.
»Na, dann schildere, mein Kind.«
»Sag nicht Kind zu mir. Daß ich dir erzähl …«
Sie hatte also den Mann kurzerhand in ihren Volkswagen verladen, um ihn schnellstens ins nächste Spital zu bringen. Auf dem Weg dorthin war die Kolik oder der Anfall oder was immer so überwältigend geworden, daß der Unbekannte schon mehr tot als lebendig, jedenfalls aber bereits bewußtlos schien. Der Nachtportier des Krankenhauses aber war davon keineswegs beeindruckt, sondern eher geneigt gewesen, die Sache als eine gegen ihn persönlich gerichtete Ruhestörung aufzufassen, hatte umständlich wissen wollen, warum man denn da nicht die Rettung oder den ärztlichen Notdienst gerufen hätte, und schließlich wissen lassen, daß man den Erkrankten ins Ferdinand-Spital am entgegengesetzten Ende der Stadt zu bringen habe, wo erstens sowieso Nachtdienst gemacht werde und zweitens freie Betten vorhanden seien.
»Da hab’ ich dann Krach geschlagen!« beendete die Freundin die drastische Schilderung dieses Vorgangs.
»Mit Erfolg?«
»Meine Krachs haben meistens Erfolg.«
»Ich weiß, ich weiß. – In welchem Krankenhaus hat sich denn diese Geschichte abgespielt?«
»Im Dorotheer-Spital. Na, die werden dort noch eine Weile an mich denken!«
Diese Mitteilung am Montagmorgen freute mich wenig, denn es gehörte zu meinen Gewohnheiten, am Abend eines jeden Montags einen alten Freund aufzusuchen, um in seinem Dienstzimmer ein Glas Rotwein zu trinken und gescheit zu plaudern, ehe wir gemeinsam und gemächlich die Mariahilfer Straße hinunter in die Innere Stadt spazierten; Montage pflegen, wie jeder Berufstätige weiß, von Ärgerlichkeiten erfüllte Tage zu sein – und eben drum hatte ich’s mir so eingerichtet, daß ihnen dergestalt wenigstens ein harmonischer Ausklang sicher war.
Jenes bequeme Dienstzimmer jedoch befand sich im Dorotheer-Spital, und sein Inhaber – und Leiter dieses Krankenhauses – war mein Freund, der Medizinalrat.
Ob sie im Spital ihren Namen oder ihre Arbeitsadresse hinterlassen habe, fragte ich sie besorgt. Nein, sagte sie, oder vielleicht doch, das wisse sie nicht mehr so genau. Ob sie nach dem Portier womöglich auch noch einem Arzt Krach gemacht habe? Und wie! sagte sie. Einem großen Dicken, der ein schwarzes Monokel getragen und vor Arroganz gestunken habe.
Was eine ziemlich zutreffende Charakterisierung des Medizinalrates war.
Die kleine Affäre fügte also den üblichen Montag-Widrigkeiten noch eine weitere hinzu. Zwar war der Medizinalrat nie in meinem Büro gewesen, konnte also nicht wissen, daß es sich bei der Krachmacherin der letzten Nacht um meine Mitarbeiterin handelte, wußte andererseits auch sie nicht, daß ich mit jenem einäugigen Arzt befreundet war – aber wenn sie ihren Namen und ihre Adresse doch hinterlassen hatte, war damit zu rechnen, daß über kurz oder lang auch ich in die Angelegenheit einbezogen würde. Und obwohl es sich im Grunde nur um eine Lappalie handelte, ging’s mir doch den ganzen Tag im Kopf herum, wie und mit welchen entschuldigenden Worten ich sie, falls sie zur Sprache käme, ausbügeln sollte. Ich muß in meiner Kindheit ein Trauma erlitten haben, das mich Zwistigkeiten zwischen mir lieben Personen stets über Gebühr fürchten ließ.
Es war aber dann überraschenderweise der Medizinalrat, der, kaum daß ich abends in einem seiner Lederfauteuils versunken war, das Wort ergriff – und wenn ich sage, daß er es »ergriff«, dann meine ich das auch, denn genauso ging er stets mit Worten um: zugreifend und sie packend, ausschweifend mit ihnen und sie so bald nicht wieder hergebend.
»Kannst du dir vorstellen«, sagte er, während er wie ein Elefant durch die üppige Landschaft seines Zimmers stampfte, »daß ich Beängstigung verspüren könnte? Daß ich in Angstzustände, ja aus Angst geradezu in ein, wenn auch nur sekundenlanges, Koma verfallen könnte? Kannst du dir das vorstellen?«
»Nein«, sagte ich. Ich wußte, daß der Medizinalrat im letzten Krieg als Jagdflieger zweimal abgeschossen worden war, daß sie ihm dafür erst ein Ritterkreuz umgehängt und später aus ähnlicher Ursache noch das Eichenlaub draufgepickt hatten.
»Du kannst es nicht, denn du kennst mich«, sagte er befriedigt. »Und ich konnte es auch nicht, schon seit langer Zeit nicht mehr.«
Später war er dann degradiert, an den Füßen aufgehängt, fast zu Tode geprügelt und schließlich in eine Strafkompanie gesteckt worden; seither trug er ein schwarzes Monokel vor einer leeren Augenhöhle.
»Heute nacht aber hab’ ich Angst gehabt – echte Angst. Man sollt’s nicht glauben.«
Dann, nach dem Krieg, war er zwei Tage und eine Nacht lang mit zerbrochenen Knochen im Steilhang des Mount Cirbiz gehangen, hatte er den zweiten Platz einer Judo-Staatsmeisterschaft (Schwergewicht) errungen und so weiter.
Er war ein Mann von großer Extravaganz, berstend vor Wissen, von lärmendem Wesen und sehr melancholisch; die flache Glasdose auf seinem Schreibtisch enthielt etliche Gelatinekapseln, die, wie er behauptete, mit Zyankali gefüllt waren; ihr Anblick, sagte er, gäbe ihm allerhand interessante und gelegentlich auch köstliche Gedanken ein: Schau dir, sagte er etwa, diese kleinen Dinger an und bedenke, daß in ihnen alles enthalten ist, was du wünschst, das Nichts und die Unendlichkeit, das Absolutum und das endgültige Arkanum! – Ich bin nie dahintergekommen, ob er’s ernst meinte oder ob er mit solchen Bizarrerien nur seinem Drang nachgab, andere zu verblüffen, jenem Drang, der ihn zu einem der begehrtesten Pokerspieler der Welt hatte werden lassen (er ist deswegen oft nach Paris oder New York geflogen, immer angenehm erschöpft zurückgekommen, hat dann umgehend für sein Spital sündteure Apparaturen angeschafft, die ihm von den Beamten verweigert wurden, doch hat er diese Wohltaten jedesmal sorgfältig an die große Glocke gehängt, worauf ihm die Beamten erst recht Scherereien verursachten) – ja, er war stets ein Mann mit vielen Eigenschaften, unter denen Gier und eine ordentliche Portion Narrheit nicht die am wenigsten charakteristischen waren; aber Ängstlichkeit gehörte gewiß nicht zu ihnen.
»Es ist nicht zu glauben«, sagte er und schüttelte den Riesenkopf mit den weißen Stoppeln, »was einem auf dieser Welt nicht alles passieren kann! Zum Beispiel, daß mir ein weibliches Wesen, ich weiß nicht, war es ein Mädchen oder eine Frau, das mir nicht einmal bis zur Brust reichte …«
Er zeigte mit der Hand in eine Gegend, in der sich sein Nabel befinden mochte.
»… daß mir ein solches Geschöpf Angstgefühle verursachen könnte. Kannst du dir das vorstellen? Ist dir schon sowas passiert?«
»Erzähl bitte Genaueres«, sagte ich und war erleichtert, denn er würde anders gesprochen haben, wenn er mich nicht für ahnungslos gehalten hätte.
»Bitte sehr. Und trink einen Schluck – Übung macht den Meister, und vielleicht bring’ ich dir durch allmähliche Gewöhnung doch noch bei, was Rotwein ist. Der Casus ist wirklich exakter Beschreibung wert: Heute nacht also gegen zwei – ich habe wieder einmal hier geschlafen, oder vielmehr: ich schlafe schon seit einigen Wochen hier, denn meine Familie geht mir wieder einmal in unbeschreiblicher Weise auf die Nerven, ja, ich weiß, ich bin ein schwer erträgliches Monstrum, dies ist wahr, gehört aber nicht hierher – wie dem auch sei, heute nacht also gegen zwei erhebt sich draußen am Gang vor meiner Tür, erhebt sich, wie soll ich es definieren: ein Geschrei? ein Getöse? ein Streit? Sagen wir, daß es ein Mordskrawall war, höchst unpassend für ein Institut wie dieses, dem ein Arzt vorsteht, der Schlaf schon deshalb für die beste aller Medizinen hält, weil sein eigenes Schlafbedürfnis ein außerordentliches ist. Ich schlafe gern und tief, und meine Sklaven wissen, daß ich unleidlich bin, wenn ich aus meinen süßen Träumen geweckt werde. Dementsprechend wütend über den Krach vor meinem Zimmer fahre ich auf, sause zur Tür, reiße sie auf – und was finde ich dort draußen vor? Was?«
Der Medizinalrat war, ich bemerkte es verwundert, ziemlich aufgeregt; ich hatte ihn so eigentlich noch nie gesehen. Trotzdem vergaß er auch jetzt nicht seine rhetorischen Kniffe, die er, wie vieles andere, meisterhaft beherrschte: er ließ die unbeantwortete Frage in der Luft hängen, putzte nachdenklich sein schwarzes Monokel – eine Gewohnheit von ihm, die rätselhaft war, denn er sah ohnehin nicht hindurch steckte es wieder vor die Augenhöhle, holte ausreichend Luft und beantwortete seine eigene Frage:
»Ich sah zu meiner Linken die Oberschwester an der Wand lehnen, und zwar bleicher als ebendiese; du wirst nach so vielen Besuchen bei mir vielleicht den Eindruck gewonnen haben, daß es sich bei der Schwester Sigrid um eine ausgesprochene Bestie handelt, und dieser Eindruck wäre richtig, denn die Schwester Sigrid ist wahrhaftig eine solche, ein Dragoner mit Busen, ein Weib aus Eisen, das den Teufel das Fürchten lehren könnte – gottlob, wie ich fromm hinzufüge, denn solcherart werden die Damen und Herren des medizinischen Personals in der Zucht und Ordnung des Herrn gehalten wie in keinem anderen Wiener Spital.«
»Ja, so einen Eindruck habe ich von ihr«, sagte ich.
»Umso besser. Und nun imaginiere bitte weiter, daß diese Oberschwester nach Luft schnappt und der Sprache nicht mehr fähig ist. Denke dir ferner zu meiner Rechten den Portier Brosenbauer, an welchem die Rettungsleute schon so viele Haufen von Blutüberströmten, in Schmerzen sich Windenden und Sterbenden vorbeigetragen haben, daß ihm längst Hornhäute über die Seele gewachsen sind – denke dir diesen Mann in einer Erscheinungsform, in der es ihm vor Wut die Red’ derart in den Hals hinein verschlagen hat, daß er am Rande eines Apoplexus steht. Stell dir ferner einen mazedonischen Krankenpfleger vor, der von unserer Sprache nur die bösen Worte kennt, die ihm der liebe Herr Brosenbauer und die liebe Schwester Sigrid zwanzigmal pro Tag an den Kopf werfen, der aber jetzt vor Glück buchstäblich die Zähne bleckt. Stell dir das vor!«
»Und wo bleibt in diesem Bild der Kranke?« sagte ich.
»Der Kranke? Woher weißt du, daß da ein Kranker vorhanden war?«
»Ich denk’ mir’s halt«, sagte ich und schwor mir, besser auf der Hut zu sein. »In einem Spital? Um diese Zeit?«
»Na ja, ein Kranker war natürlich da. Eine schwere Nierenkolik offenbar oder eine akute Appendicitis. Lag auf der Bahre hinter jenen Vertretern der Spitalsfolklore und war bewußtlos. Und vor alledem stand … ah, ich sage dir!« Das Mammut, viel zu groß selbst für dieses geräumige Zimmer, blieb eine Weile stehen und wiegte sich nachsinnend hin und her; in den Regalen schepperten leise die geschmacklosen, aber massiv silbernen und goldenen Tee-und Kaffeegeschirre, welche dankbare Exoten als Präsente für die Behandlung streng geheimer Krankheiten hinterlassen hatten; in den Fenstern wurde es schon dämmrig, und ich dachte, daß es Zeit würde, endlich die Mariahilfer Straße hinunterzubummeln, um dem ärgerlichen Montag einen harmonischen Abschluß zu geben. Aber der Medizinalrat dachte leider nicht daran; er war begierig, seine Geschichte loszuwerden.
»… Ich sage dir: es hatte dieses Geschöpf, nur wenig über den Nabel reichte es mir, es hatte zu dieser unmenschlichen Zeit von zwei Uhr morgens und in der miserablen Nachtbeleuchtung, die wir draußen haben, etwas von einer Erscheinung an sich. Von einer Erscheinung, jawohl, ich finde kein präziseres Wort dafür, obwohl sich diese Erscheinung in Worten und Wendungen äußerte, die ausgesprochen irdisch klangen und ziemlich bodenständig artikuliert waren, sehr originell, wie ich trotz meiner Verschlafenheit und meines Erschreckens bemerkte, nicht gerade zimmerrein, und in einer Lautstärke vorgetragen, die einem durch Mark und Bein schnitt; es würde mich nicht wundern, wenn der Verputz im Gang seit heute nacht Sprünge zeigte …«
»Na schön«, sagte ich ungeduldig, denn ich begriff noch immer nicht, was den Medizinalrat eigentlich so erregte, »du bist halt von einer nervösen Person beschimpft worden. Trag’s mit Würde, sowas kann schon einmal passieren, auch einem berühmten Mediziner, und wir sollten jetzt endlich …«
»Du verstehst überhaupt nicht, was ich dir erzählen will«, sagte der Medizinalrat. »Laß mich gefälligst ausreden. Wo war ich? Ach ja, bei den Posaunen von Jericho. Trotz dieser Töne also und trotz der unüberhörbaren Ordinärität etlicher Ausdrücke, unter denen der mehrfach wiederholte Hinweis, daß ich ein fettes Arschloch sei, noch vergleichsweise milde war, trotz und bei alldem hatte dieses winzige Frauenzimmer, du wirst lachen, wenn ich es dir sage, etwas Leuchtendes an sich. Eine Aura sozusagen. Einen buchstäblich sinnlich wahrnehmbaren Schein, wenn du willst. Und das war es, was mich erschreckt hat, was mir, glaub’s oder glaub’s nicht, Angst gemacht hat! Ja, ich habe mich vor diesem Geschöpf gefürchtet.«
Ich sagte nichts, denn ich merkte endlich, daß der Medizinalrat nicht, wie so oft, nur ein amüsantes Histörchen erzählen, sondern von einer ernstlichen Beunruhigung berichten wollte.
»Ich habe mich heute den ganzen Tag hindurch, als ob ich nichts Besseres zu tun hätte, mit der Frage beschäftigt, ob gewisse Redewendungen wie die von der glühenden Wut, vom sprühenden Zorn, von der flammenden Begeisterung und so weiter, ob die nicht einen physikalischen Zustand beschreiben, der an dazu besonders disponierten Personen, an Menschen zum Beispiel von einer gewissen gesteigerten Lebensintensität, tatsächlich so etwas wie ein wahrnehmbares Leuchten hervorrufen kann. Bei Heiligen, die ja sicherlich sehr lebendige Wesen waren, gilt das ›leuchtende Antlitz‹ ja fast als Stereotyp; der bekannte Heiligenschein ließe sich solcherart als rares, aber nicht übernatürliches Phänomen erklären. Ich habe mich während meiner medizinischen Laufbahn nie um solche Schwerbeweis barkeiten gekümmert, aber vielleicht tu’ ich’s noch einmal, denn diese Begegnung hat mich beeindruckt, ja, sehr beeindruckt.«
Diese Schilderungen meines Freundes bereiteten mir Freude und große Sorge. Ich freute mich, daß er das Einzigartige am Wesen der in Frage stehenden Person so gut erkannt hatte und davon so überwältigt war. Was er gesagt hatte, stimmte alles, besonders aber seine Erkenntnis ihrer Lebensintensität. Ja, ihre Präsenz war überwältigend: was immer sie tat, tat sie ganz und gar, als täte sie es nur ein einziges, nämlich dieses Mal, ohne Erinnerung daran, daß sie es vielleicht schon früher einmal getan hatte, und ohne daran zu denken, daß sie es vielleicht wieder tun würde. Darum auch war sie durch und durch unschuldig, als stünde sie gänzlich außerhalb von Ursachen und Wirkungen. Auch tat sie alles, was sie tat, ohne Rückund Vorsicht, vielmehr ganz dem augenblicklichen Tun hingegeben: sie konnte zweiundsiebzig Stunden durcharbeiten, ohne auch nur von ihrem Sessel aufzustehen – das bedeutete drei aufeinanderfolgende Nächte ohne Schlaf; aber sie konnte – was sie freilich zu selten tat – gut und ebenso lange schlafen, denn sie benützte den Schlaf nicht als Droge, sondern genoß ihn wie Essen oder Trinken oder das Schwimmen in einem See. Sich zu verstellen, war ihr unmöglich: wenn sie sich freute, zeigte sie es, wenn sie litt, zeigte es sich, und wenn sie zornig wurde – nun, der Medizinalrat hatte es erlebt.
»Leuchten, ein sinnlich wahrnehmbares Leuchten! Sowas wie ein Heiligenschein, verstehst du?« sagte er. »Nicht, daß es sich um eine Heilige gehandelt haben dürfte, nein, so weit gehe ich nicht, eine Heilige würde mich ja wohl nicht einen ausgefressenen Volltrottel nennen und Verbrecher, der die Menschen glatt krepieren läßt, weil er vor Faulheit stinkt und so weiter.«
Warum aber war ich auch besorgt, wenn ich mich doch freute, daß ich diesen Mann, dessen Urteil mir in vielen Dingen wichtig war, mit solcher Anerkennung, ja Begeisterung von einem Menschen sprechen hörte, den ich liebte?
Da ist sie nun wieder, die Frage, um die ich einen Umweg gemacht habe, sooft sie sich mir stellte, täglich also, die Frage, die ich sowenig beantworten kann wie die nach den Umständen und Ursachen meiner sonderbaren Heiligkeit. Nicht danach, ob sie liebte, ging die Frage, sondern nach dem Wie davon; denn ich liebte sie nicht nur als eine Frau, wie fast jeder Mann, der in ihre Nähe kam, sondern auch als der Heilige, zu dem sie mich wider Willen gemacht hatte und dem sie sich ein für allemal so völlig anvertraut hatte, daß er solcherart unausgesetzten Zugang zu der wirklichen Wahrheit eines anderen Menschen fand, was, wie der Mensch nun einmal beschaffen ist, selbst dem Liebenden höchstens augenblicksweise gelingt, auf Dauer aber eben nur dem Heiligen zuteil wird; darum war sie einzigartig für mich, wie das letzte noch lebende Exemplar einer schon längst ausgestorben geglaubten Spezies für einen Naturforscher oder Ethnologen; ich wußte zu jeder Minute, was sie dachte, aber immer hatte sie mit viel unschuldiger Listigkeit schon längst vorher aus mir herausgebracht, was ich dachte, oder wußte sie, wie ich von Mal zu Mal denken würde, um so denken zu können wie ich (daß dem so war, wußte sie hingegen nicht; das Reflektieren war keineswegs ihre Stärke); am Ende liebte ich sie wohl als mein besseres, weil deutlicheres Ich. Ich bin kein glücklicher Mensch, also bin ich sentimental; da ich sentimental bin, suche ich das Glück nicht bei mir, sondern bei anderen. Und sie war, könnte ich heute sagen, mein Glück.
Deshalb war meine Sorge um sie jederzeit fast so groß wie meine Liebe: wie ein Entdecker suchte ich meinen Fund ein wenig geheimzuhalten oder ihn wenigstens davor zu bewahren, von anderen in seiner ganzen Bedeutung erkannt zu werden. Ich war nicht eifersüchtig, niemals, auf keinen, den sie liebte – nicht auf Tuzzi, nicht auf den Fürsten, nicht auf ihren Geschiedenen. Aber ich fürchtete jeden, der ahnungslos und unwissend in ihren Kreis trat und vielleicht nicht genug Liebe mitbrachte, um das Einmalige dieser Existenz zu begreifen und mit uns anderen zu bewahren, sondern es aus Unwissenheit zerstören würde.
Das war, so ungefähr, der Grund, warum mich die Mitteilungen des Medizinalrates mit Sorge erfüllten; seine in jeder Hinsicht schwergewichtige, raumverdrängende und zynische Persönlichkeit wünschte ich nicht in der Nähe meines Geheimnisses zu sehen; ich konnte mir den Medizinalrat nur allzugut als Zerstörer vorstellen; und er kannte mich wahrhaftig gut genug, um mich, falls er’s wollte, in meiner Rolle als Hüter und Heiliger in jedermanns Augen lächerlich machen zu können oder zu peinigen bis aufs Blut.
Alle sind gekommen, alle sind sie da.
Ich lasse mich ein wenig tiefer in die Hand des Silbernen sinken, öffne trotz meiner Benommenheit die Augen und sehe lächelnd die schwankende Silhouette des Mammuts an: Wie falsch habe ich den Medizinalrat eingeschätzt! Und wie sehr habe ich damals sie unterschätzt!
Er zieht fragend die Schultern hoch, aber ich habe ihm nichts mehr zu sagen. Ich schließe die Augen wieder und gehe weiter nach innen und den langen Weg zurück.
Es ist ein interessanter Weg; das eilige Gras der Zeit hat ihn da und dort bereits überwachsen; hier und dort setzt sich an den Tatsachen der vergangenen Gegenwarten schon das Moos der Vergeßlichkeit an. Vieles ist nicht mehr so, wie es damals schien, und ich bin durchaus nicht sicher, daß der Weg wirklich dorthin zurückführen wird, wo er einst angefangen zu haben schien.
Aber das macht nichts: im Nachhinein beginnt alles zu stimmen.
Was jetzt geschieht und noch geschehen wird, ist verwirrend, unsicher und nicht bedeutend.
Aber was schon passiert ist, ist wahr. Die Zeit hat’s in Sicherheit gebracht.
Ja, da staunt man manchmal.
Der Medizinalrat hatte sich eine Zigarre angezündet, und die glühte, wenn er daran sog, in dem nun schon fast dunklen Zimmer auf, bald da, bald dort, als wäre sie sein verlorenes Auge.
»Es war der Auftritt dieser kleinen Furie«, sagte seine dröhnende Stimme, »ein grandioses Ereignis, und wie alle großen Begebenheiten spielte er sich sehr rasch, sozusagen in Sekundenschnelle ab. Nichtsdestoweniger fand das salamandrische Geschöpf Zeit genug, mir auch noch Watschen anzudrohen, falls ich mich nicht umgehend über den Patienten hermachen sollte, und als ich, das rein technische Problem dieser Drohung bedenkend – denn das kleine Ding reichte mir wie gesagt knapp über den Nabel, fragte, wie sie das wohl anstellen würde, schleudert diese winzige Erinnye da nicht einen von den Wartesesseln vor mich hin, springt mit einem Satz hinauf – und wahrhaftig, besäße ich nicht hervorragend funktionierende Reflexe, ich hätte die erste Ohrfeige seit Kindertagen gekriegt!«
»Wie ging die Sache aus?« fragte ich, denn ich wollte ihr ein Ende machen.
»Da ist weiter nicht viel zu sagen. Der Mann wurde operiert, von meinen eigenen Händen, die ja an sich viel zu kostbar für einen Blinddarm sind, aber es war gut, daß ich selbst dranging, denn, das muß zur Unehre des Portiers Brosenbauer gesagt sein, mit diesem Appendix war’s höchste Eisenbahn, allerhöchste. Weshalb man mit Recht folgern könnte, daß besagte kleine Leucht-Furie dem Mann das Leben gerettet hat, einem Mann, der übrigens ein bemerkenswerter Fall ist, nicht in medizinischer Hinsicht, meine ich, sondern in beruflicher. Offenbar ein ganz großes Kaliber auf seine Art.«
»Inwiefern?«
»Erzähl’ ich dir vielleicht ein anderesmal, wenn meine Klatschsucht zufällig gerade größer sein sollte als meine Achtung vor der ärztlichen Schweigepflicht.«
»Auch recht«, sagte ich und stand auf. »Und da nun alles in Ordnung ist, können wir ja endlich gehen?«
»Es ist nichts in Ordnung«, sagte der Medizinalrat. »Nichts.«
Natürlich nicht. Er hatte mir die Szene nicht als Anekdote erzählt wie anderes, was ihm täglich mit seinen Schwestern, die ihn fürchteten, seinen Patienten, die ihn vergötterten, und seinen Kollegen, die er laut verachtete (weshalb sie ihn herzlich haßten), an Kuriosem widerfuhr, sondern er wollte sich mir anvertrauen.
Ausgerechnet er ausgerechnet mir.
Ich versuchte, schwächlich genug, noch einmal auszuweichen.
»O je«, sagte ich, »… nicht in Ordnung? Ist dein bemerkenswerter Patient schließlich doch noch … ?«
»Mit dem ist alles bestens, ich sagte es schon. Aber diese Person: sie ist verschwunden, während der Appendix in den Operationssaal gerollt wurde. Einfach verschwunden, keinen Namen hinterlassend oder sonst einen Hinweis. Ich habe natürlich den Patienten befragt, kaum daß er aufgewacht war, aber er hat sie nicht gekannt, nie zuvor gesehen, wurde von ihr lediglich in einem Heurigenlokal aufgelesen und hierher gebracht – aus und erledigt. Ich habe inzwischen selbstverständlich Fallen aufgestellt, wenn sie anrufen oder in persona hier auftauchen sollte, um sich nach ihrem Schützling zu erkundigen, aber die sind bis jetzt leer geblieben.«
»Du scheinst das sehr zu bedauern.«
»Und du beliebst mich heute partout nicht verstehen zu wollen, guter Freund!« sagte der Medizinalrat wütend. »Bedauern!? Ja begreifst du Idiot denn nicht, was da heute nacht vorgegangen ist? Das passiert mir ja nun wahrhaftig nicht alle Tage beziehungsweise Nächte, daß mich da jemand teils mit deutlich sichtbarer Aura, teils mit Watschendrohungen dazu zwingt, einem Menschen das Leben zu retten! Ist es mir denn wirklich nicht gelungen, dir beizubringen, daß es sich bei diesem furchterregenden Hexengeschöpf um etwas absolut Einzigartiges, schlechthin Einmaliges handeln muß, das einem in solcher Lebendigkeit nur einmal und nicht wieder über den Weg läuft? Wo bleibt deine von uns so hoch gerühmte Einfühlungsgabe?«
»Gelegentlich versagt sie halt«, sagte ich, »vielleicht, weil es sich da um übersinnliche Erscheinungen handelt. Laß uns endlich gehen. Ich habe einen Montag voll Ärger hinter mir und brauche frische Luft.«
Es half nichts. Er kannte mich zu gut.
»Mein lieber Freund«, sagte er, und seine Stimme klang nun gefährlich leise, »ich muß mich heute sehr über dich wundern. Deine Reaktionen sind nicht so, wie ich sie nach langjähriger Freundschaft von dir erwarten darf. Sie gehen daneben; sie sind falsch. Oder sind sie vielleicht gar gefälscht? Es kann nicht sein, daß du mich nicht verstanden und nicht begriffen hast, daß dies das bewegendste Ereignis war, das ich seit – ach, was weiß ich, seit wann erlebt habe. Und doch tust du so, als hätte ich dir lediglich erzählt, daß die Schwester Sigrid mit dem Türhüter Brosenbauer eine Liebschaft hat. Ich werde dich nicht fragen, warum du dich so seltsam verhältst, wenn du mir’s nicht selbst sagst, denn du bist ein so entsetzlich schlechter Lügner, wie du ein recht guter Schweiger bist, und ich will mir deine Freundschaft nicht verderben, indem ich dich zum Lügen zwinge. Aber wenn da etwas verschwiegen wird, was mit jener Person zusammenhängt, dann krieg’ ich’s noch irgendwie heraus aus dir, verlaß dich drauf!«
»Ich glaube«, sagte ich, »daß ich heute nicht mehr in die Stadt gehen werde. Ich bin müde. Vielleicht bin ich deshalb so wenig einfühlsam heute.«
»Verstehst du’s denn wirklich nicht?« sagte der Medizinalrat. »Daß ich mich auf meine alten Tage in diese winzige Höllengeburt verliebt habe und voll Angst deswegen bin?«
Ich fragte sie am nächsten Tag, ob sie wisse, was aus dem Mann geworden sei, den sie da ins Spital geschafft habe, wie es ihm gehe und so weiter. Sie sagte, nein, sie wisse nichts davon und habe auch keine Lust, sich über den Ausgang der Operation zu informieren: »Entweder hält er mich dann von der Arbeit ab, weil er sich bei mir bedanken muß, oder ich müßte womöglich noch zu seinem Begräbnis gehen und kondolieren. Aber was geht denn mich eine wildfremde Witwe an?«
Das war mit der Vernünftigkeit gesprochen, wie sie heute noch in der Wiener Vorstadt, aus der sie kam, zu Hause ist. Und mir war’s recht, des Medizinalrats halber und weil offenbar auch seitens des unbekannten Erretteten keinerlei unvorhersehbare Verwicklungen zu befürchten waren.
Denn Verwicklungen gab’s damals nachgerade genug – oder jedenfalls so viele, daß ich mir der Last, ein Heiliger sein zu müssen, mit zunehmender Bestürzung bewußt zu werden begann.
Die größte Schwierigkeit, die man als Heiliger hat, besteht nämlich darin, daß man von der Macht, die man als solcher hat, praktisch keinen Gebrauch machen darf. Wenigstens sehe ich das so. Denn was wäre das für ein Heiliger, der in das Schicksal seiner Gläubigen eingreift, um es dahin oder dorthin zu wenden, wie er es gerade für notwendig hält? In ein Schicksal einzugreifen heißt, es von sich abhängig zu machen – und das kann doch wohl unmöglich ein heiliges Tun sein?
Nein, ein Heiliger, der seine Funktion ernst nimmt, darf nichts tun, auch wenn’s ihm schwerfällt; seine einzige Aufgabe ist, dazusein. Er darf lediglich hoffen, daß alles schon irgendwie gut ausgehen wird.
Nur einer, der selbst ein Heiliger war, kann ermessen, wieviel Sorgen man in dieser Stellung hat und wie miserabel man sich dabei meistens vorkommt.
Ich glaube nicht, daß sich – außer mir – heutzutage noch irgend jemand den Kopf über die Frage zerbricht, was denn nun eigentlich das Heilige an einem Heiligen ist; das Heilige besitzt derzeit nur einen geringen soziologischen und überhaupt keinen ökonomischen Stellenwert, und was die Träger des Heiligen, also die Heiligen, betrifft, so sind fast alle Funktionen, die sie früher ausübten, von der Sozialgesetzgebung, der neuzeitlichen Medizin, und, soweit Seelisches im Spiele ist, von psychotherapeutischen Beratungsstellen und der pharmazeutischen Industrie zweckentsprechend übernommen worden; und schließlich ist auch das Problem, daß die Gesellschaft (jenes gespenstische Monstrum, von dem keiner recht weiß, was es eigentlich ist) nun einmal aus kollektivpsychohygienischen Gründen eine gewisse Dosis an Verehrungsund vielleicht Anbetungswürdigem benötigt, völlig zufriedenstellend, ja perfekt durch die Massenmedien gelöst worden; deren hauptsächliche, um nicht zu sagen: vornehmste Aufgabe besteht ja darin, der Gesellschaft jene Vorbilder und Devotionsfiguren zu liefern, die gerade gebraucht werden beziehungsweise den aktuellen Trend in idealer Weise personifizieren, Kurzzeitund Wegwerf-Heilige also, die jederzeit zur Hand und anstrengungslos im Gebrauch sind.
Die Öffentlichkeit hat somit derzeit wirklich kaum Veranlassung, sich über die Frage nach dem Heiligmäßigen Gedanken zu machen.
Ich freilich habe mir über sie jahrelang und bis vor wenigen Tagen den Kopf zerbrochen. Denn da ich nun einmal ein Heiliger war, wollte ich immer auch dahinterkommen, warum und inwiefern ich einer war.
Wenn ich durch die Stadt ging oder übers Land fuhr, hielt ich mich oft damit auf, in die eine oder andere Kirche einzutreten, nicht aus Frömmigkeit, auch nicht aus dem Wunsch nach dieser, sondern der Stille wegen, jener unvergleichlichen und endgültigen Stille, die man nur in diesen heiligen Häusern und sonst nirgends findet.
Fast immer waren sie leer, wenn ich sie besuchte, abgesehen vielleicht von kleinen alten Frauen, die so unbeweglich in den Gestühlen kauerten, daß man sie für Teile der Einrichtung hätte halten können, und – gelegentlich – einem Priester, der geduldig in einem einzigen von vielen Beichtstühlen auf einen Sünder wartete.
Diese alten Priester haben mir immer leid getan; es muß, denke ich, schrecklich sein, zwar die Macht zu besitzen, andere Menschen von ihren Sünden freizusprechen, aber keine Chance zu haben, von dieser einzigartigen Macht auch Gebrauch zu machen, sondern untätig zusehen zu müssen, wie sich die Sünden dieser Welt ungetilgt zu riesigen Bergen häufen oder zu einer kritischen Masse verdichten, die irgendwann nicht mehr zu beherrschen sein wird.
Wahrscheinlich ist dieses Mitleid überflüssig, weil die Priester selbst solche Gedanken wohl gar nicht haben, sondern in den Beichtstühlen nur ihre Pflichtstunden absitzen, als Beamte einer zwar höheren, leider aber mit unklaren Kompetenzen ausgestatteten Behörde. Dennoch, oft habe ich das Gefühl gehabt, man sollte den einsamen Männern was Gutes tun, sich hinknien und ihnen irgend etwas beichten, irgendwelche verwickelten und ausgiebigen Sünden, von denen sie ein paar Tage lang zehren könnten. Aber da ich solche Sünden nicht begehe, müßte ich sie erfinden, und das würde von diesen geschulten Spezialisten sicher durchschaut werden; übrigens weiß ich die Worte und Zeichen nicht, mit denen sich ein Gläubiger im Beichtstuhl zu erkennen gibt.
(Und außerdem geht mich das alles ja gar nichts an; im Gegenteil könnte ich ganz zufrieden sein wenigstens mit diesem Ergebnis einer vor langem begonnenen Entwicklung, denn haben nicht solche Männer meine Väter und Vorväter dreimal vertrieben? Haben sie nicht meinen Brüdern im Geiste so übel mitgespielt, wie sie’s nur konnten und solange sie’s konnten? Und würden sie’s nicht wieder tun, wenn sie’s nur könnten? Ich weiß nicht, ob zwischen Abeliden und Kainiten je Liebe möglich sein wird; aber ich, ein Kainit und weiter kein Christ, bin christlicher als sie: Ich habe wenigstens Mitleid mit ihnen. Ob es wohl, nach ihren Maßstäben, eine Sünde wäre, mitleidige Sünden zu erlügen? Ich sollte den Legationsrat danach fragen – als Jesuitenzögling und Jurist müßte er eine so kasuistische Frage beantworten können. Aber dazu wird’s wohl nicht mehr kommen.)
Ich trat als Fremder ein in diese Kirchen, blieb stehen, atmete ihre Stille – die wahre, echte Stille riecht nach Staub, nach Verwelkung und verbranntem Harz, und dann schritt ich, wie ich es gelernt habe, von rechts nach links an den nördlichen Seitenaltären vorbei, blieb vor dem Hochaltar, höflicherweise, eine Weile stehen und ging dann die Südseite entlang zum Eingang zurück.
Auf diesen Wanderungen bin ich vielen anderen Heiligen begegnet.
Sie stehen auf Voluten und Podesten, breiten die Arme aus oder drücken sie ans Herz. Niemals sahen sie mich an, sondern nur still vor sich hin oder auch in einen Himmel hinauf, der, dem Blickwinkel ihrer Augen nach zu schließen, früher viel tiefer herabgehangen sein muß als heute.
Ich betrachtete sie sorgfältig und versuchte, irgendeine Ähnlichkeit zwischen ihnen und mir zu entdecken, fand aber keine.
Meistens kam ich nicht einmal hinter die Gründe ihrer Heiligkeit. Viele wurden wohl einfach nur deswegen heilig, weil sie ihres Glaubens wegen auf besonders komplizierte Manier umgebracht worden waren; zur Erinnerung daran tragen sie die Instrumente ihrer Tötung mit sich herum, Pfeile und Lanzen, aber auch Blattsägen, Steine, Roste sowie Hacken und Kreuze in verschiedenen Ausführungen; einer hat ein Schlachtermesser im Schädel stecken, ein anderer zeigt die Haut her, die man ihm heruntergeschunden hat, ein dritter die Spindel, auf die seine Gedärme gewickelt wurden; auch große Wasserkessel, Giftbecher, Schwerter, Nägel, Mühlsteine und Zangen kommen vor; das ist gewiß eindrucksvoll, meiner Meinung nach aber nicht hinreichend: Diese Leute wußten doch wenigstens, warum sie umgebracht wurden oder sich umbringen ließen, und darin lag doch ein gewisser Vorzug, eine Belohnung vielleicht sogar, die mit dem Begriff des Heiligen nicht recht in Einklang zu bringen ist – du liebe Güte, wie viele sind nicht ebenso oder auf noch viel gräßlichere Weise umgebracht worden und mußten dabei noch die zusätzliche Folter erleiden, nicht zu wissen, warum man ihnen das antat? Und doch brachte sie das nicht einmal in die Nähe der Heiligkeit.
Ich will mich damit nicht an den frommen Märtyrern vergehen – wenn es auch genug fanatische Absonderlinge unter ihnen gegeben hat, die ihrem Tod geradezu nachliefen, so mögen es doch in der Mehrzahl bedeutende und sympathische Leute gewesen sein, sondern will nur sagen, daß ich an dieser Art von Heiligkeit keinerlei Anteil habe; auch zähle ich sowieso nicht zu den Schafen, die ihres Glaubens wegen, sondern eher zu den Böcken, die von Zeit zu Zeit ihres Unglaubens willen vertilgt werden.
