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Ein Buch, in dem es im doppelten Sinne um Elementarisches geht. Es unterhält und lässt gut erkennen, was es den 25 Autoren selbst für die eigene Lebensart bedeutet, wenn das eine Ursprüngliche - der Umgang mit dem Wort - mit einem anderen originären Typus, wie Feuer und Wasser oder Erde und Luft, zusammenfließt. Ein Wortgestöber, ein Aufdecken, eine Huldigung an den Kosmos des Lebens: all das vermag sie zu sein - die Jubiläumsausgabe zum 25-jährigen Bestehen des DIALOG e.V.
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2018
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DIALOG e.V.
Herausgeberin Hannelore Crostewitz
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
Impressum
Herausgeber & Endlektorat:
Hannelore Crostewitz, DIALOG e.V.
Redaktion & Korrektorat:
Anne Meinecke, Paul Schacher, Brigitte Schubert, H. Crostewitz
Cover & Illustrationen:
Gisela Kohl-Eppelt
Coverbearbeitung:
Frank Crostewitz
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2018) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei den Autorinnen und Autoren
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Immer wieder ist es eine Freude, etwas aus Sprache zu schaffen. Wahr ist, dass Autoren zuweilen keine andere Wahl haben, da es für sie zum „Muss“ wird, sich mit der Umwelt und Gesellschaft auseinanderzusetzen, und so entstehen kleine Kunststücke, die an Gehalt und Gestalt beeindrucken und in der vorliegenden Anthologie ihren Platz gefunden haben.
Um in dieses Buch aufgenommen zu werden, spielte es keine Rolle, ob man vom Realen, von Fiktionen, Reiseimpressionen oder Wortspielen ausging. Einzig das Ergebnis war entscheidend: ein eindrucksvoller Gedankenaustausch, der zugleich ein Dialog mit den Elementen werden sollte. Was einem Verein, der sich DIALOG e.V. nennt, gut ansteht. Er offenbart mit der Herausgabe dieser Anthologie sein 25jähriges Jubiläum, ist auch mit Lesungen in der kulturellen Szene Leipzigs und darüber hinaus bekannt.
Nicht nur Erzählungen, Geschichten, Porträts und Gedankensplitter sind entstanden. Nein, hier gibt es etwas, was man nicht mehr marktüblich findet, ganz bewusst noch: und das sind die Gedichte. Bei uns bekommen sie Zeit und Raum.
Zum 25. Jahr sind unter den 25 Autoren sowohl Werke der Oldenburger Autorengruppe WortStatt, als auch einige von Mitgliedern des Freien Deutschen Autorenverbandes Sachsen aufgenommen worden; eine Geste, die sich beide Male auf die Freundschaft und auf einen temporär stattfindenden fachlichen Austausch gründet.
Unvergessen ist und bleibt zudem unsere Christel Hartinger. In ehrendem Gedenken sind auch von ihr Texte hier mit eingebunden. Wofür wir auch Marlene und Anselm Hartinger herzlich danken.
Hannelore Crostewitz
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
FEUER
Andreas Knapp
elementare fragen
Walter Lüders
Feuerspiele
Ulrike Diez
Masuren-Urlaub
Walter Lüders
Der große Auftritt
Brigitte Ellen-Werner
Feuer
Gisa Kossel
Herz verschenken
Die Danei mit dem brennenden Haus
Maria Anna Stommel
Brennende Fragen
Gedeutet
Feuerpferd Dampfross
Feuergeist
Eveline Hoffmann
Feuerschein
Mario Otto Viebranz
Feuer
Reina Darsen
Ein „Gomorrha“ der Gegenwart
Alexander Sassimowitsch Fehlin
Stell dir vor
Wagnis
Norbert Arzberger
Spiel mit dem Feuer
Hannelore Crostewitz
Zwei Elemente unter sich
Gisela Kohl-Eppelt
Göttliches Feuer
Silvesterfeuer
Katja Ullmann
Feuertod
Judith Zeising
Unterwegs zu den zwei Seiten einer Medaille
WASSER
Gisela Kohl-Eppelt
Undines Kleid
Brigitte Ellen-Werner
Wasser
Marlis Michel
Mein Freund, der wunderbare Pianist
Reina Darsen
Gewitter
Eveline Hoffmann
Auf der Brücke über die Schlucht
Auf der Klippe
Ulrike Diez
Ein unergründliches Meer seid ihr anderen
Metamorphosen im Winter
Eveline Hoffmann
Funkspruch an Elbe und Mulde
Reif für die Insel
Alexandra Gollan
Stille blaue Weite
Paul Schacher
Dublins Bucht
Wesen in Wasserrohren
Regentag
Katja Ullmann
Hochwasser im Juni
Brigitte Schubert
Vom Ladiser Burgfräulein
Schlechter kann es nicht kommen
Fränky
Das Wasser
Walter Lüders
Der Überflutungsalarm
Land unter
Komm in den Regen
Sturm
Maria Anna Stommel
Sonne und Meer
Überfahrt
Briefwechsel
Anne Meinecke
Ein Hauch von Meer
Alexander Sassimowitsch Fehlin
In Erwartung
Hannelore Crostewitz
Inventur
J. R. König
Wassererlebnisse
ERDE
Ulrike Diez
Gehmeditation
Beruhigend
Hannelore Crostewitz
Unumgänglich
zufällig
Mensch an Erde
Walter Lüders
Der Hexenritt
Der Blick nach oben
Landluft
J. R. König
Das schöne Erlebnis I
Das schöne Erlebnis II
Marlis Michel
Vorgabe: Suchen
Zehn Gedankensplitter
Frank Crostewitz
Lebenselexier
Brigitte Ellen-Werner
Rätsel
Der Gärtner
Wie leuchten mir
Paul Schacher
Geruch von Laub
Alexander Sassimowitsch Fehlin
Gravitation der Kreativität
Reina Darsen
Namenlos
Anne Meinecke
Ein friedlicher Sommertag
Ulrike Diez
In Erinnerung an Christel Hartinger
Christel Hartinger
Im Apothekergärtchen. Eine Ohrenweide
Besuch in P. Volkstrauertag
Jenes Mannes Hand.
Zur aktuellen Nachrichtenlage. Kommentar
Zum Fracking-Verbot
Das Zitat
Katja Ullmann
Llorona oder die drei goldenen Hennen
LUFT
Hannelore Crostewitz
Der Luftikus
Paul Schacher
Das Windspiel
Walter Lüders
Fliegen
Matthias Albrecht
Sommersonnenwende
Gisela Kohl-Eppelt
Wolkenschwer
Die Mauersegler und Fred
Eveline Hoffmann
Fernweh
Anne Meinecke
Glück ab – gut Land
Ulrike Diez
Ariel und ich
Biographische Hinweise
Bibliographisches
ob der erde übel ist
wenn sie aus dem innern speit
oder ob sie angst erlebt
wenn sie bebt und zittert
ob das meer erobern will
wenn es über ufer schlägt
oder ob es mordgelüstet
wenn es todeswogen rollt
ob das feuer hunger spürt
wenn es züngelnd um sich frisst
oder ob es wut empfindet
wenn es welt in asche legt
ob die luft nur spielen will
wenn sie um sich selber wirbelt
oder ob sie gierig ist
wenn sie alles mit sich reißt
ob erde wasser feuer luft
nein sie kennen kein gefühl
wir menschen aber müssen leiden
und wissen nicht warum
Seht euch diese Narren an,
ob Putin, Trump, ob Erdogan,
zündeln ohne Unterlass
immerfort am Pulverfass.
Jeder gibt sich hart
blufft auf seine Art.
Doch tut diese Wut
uns Menschen wirklich gut?
Wir sollten für das Leben
nach echtem Frieden streben,
drum blicket den Despoten
auf die verdammten Pfoten.
Mit Störchen und Mücken
in den Wiesen, die Freunde
rechts und links – ein Streifen Salz
in den Sand gegossen
Fremde Feuer, wo ich
mich am besten wärme
Oder ich decke mich mit Blättern zu
Von Zeit zu Zeit der Wunsch,
dass mich jemand etwas fragt
Viele Schaulustige sind schon erschienen.
Es herrscht eine große Spannung.
Nebel liegt in der Luft.
Im Becken bildet sich eine große Blase.
Sie verschwindet wieder im Schlund.
Das Wasser brodelt.
Es bewegt sich auf und nieder.
Ein versteckter Riese scheint zu gurgeln.
Noch einige Male das Zischen und Gurgeln.
Jetzt starrt alles wie gebannt.
Ein Schwall kochenden Wassers schießt zum Himmel.
Dampfschwaden breiten sich aus.
Wassermassen fallen in sich zusammen.
Die Zuschauer sind noch immer fasziniert.
Nur eine große Dampfwolke verweilt.
Stokkur hatte seinen großen Auftritt.
Stokkur, der zuverlässige Geysir
meldet sich wie immer
viertelstündlich zu Wort.
Farbenspiel, Flammen, knistern von Holz,
beeindruckte Sinne,
bergende Kraft, Wärme, Vernichtung
Liebe und Hass.
Sie war die allerliebste, niedlichste kleine Hexe, die man sich vorstellen kann. Ja, eine Hexe war sie schon, aber wie es eben in der Natur der Hexen liegt, war sie viele in einer. Sie war Fee, Nixe, Kassiererin, Politiker, Rumpelstilzchen, Pilot, Bürgermeisterin, die Geliebte des Papstes – oh je, darüber sollte ich ja eigentlich nicht reden. Jedenfalls war sie alles, was immer sie sein wollte. Und das war sie dann immer ganz und gar herzinniglich, dass alle sie liebten.
Nun, alle liebten sie, aber damit ist das Glück eben noch nicht vollkommen. Sie wurde geliebt, aber sie selbst fand den nicht, an den sie ihr Herz verschenken könnte. Das lag nicht etwa daran, dass sie beim Schenken knauserig gewesen wäre. Nein, nein, im Gegenteil, sie schenkte überall reichlich und mit Hingabe. Aber mit dem Herzen ist das nun mal so eine Sache. Damit man das verschenken kann, muss es glühen. Dann erst löst es sich und ist verschenkbar. Na, ihr kennt das ja.
Kleine Anzeichen spürte sie schon. Seit gestern rührte sich ihr Herz und hüpfte, wenn sie an ihn dachte. Und es begann zu glühen, wenn sie ihn zu Gesicht bekam. Dann sprühte die Glut aus ihren Augen, und alle, die sie nur ansah, entbrannten. Ihr Herz glühte heiß. Es hüpfte himmelhoch. Singen tat es auch. Es war schon fast so weit, also fast verschenkbar –
„Mein Kind“, sprach Teufels Großmutter, die ihr gerade über den Weg lief, „warum der?“ Nun sitzt die kleine Hexe bei der Großmutter in Teufels Küche – psssst! Mal sehen, wie’s weitergeht.
Es war einmal eine Frau, die lebte allein in ihrem Haus am Rand der Stadt. Ihr Mann war vor Jahren gestorben, die Kinder waren groß geworden und fortgezogen. Alles, was ihr Mann einst besessen hatte, hatte sie aufbewahrt und auch alles, was von den Kindern zurückgeblieben war. Von ihren Reisen brachte sie Erinnerungsstücke mit, und Freunde machten ihr gern Geschenke, weil sie sich über alles freute.
Sie hatte geschickte Hände, und wo sie Wolle oder Stoffe günstig kaufen konnte, da griff sie zu. Wo man ihr freundlich Tischdecken und Handtücher, Taschen und Schuhe, Töpfe und Teller anbot, da sagte sie nicht nein und dachte: Man kann nie wissen, was noch für Zeiten kommen. Und Bücher liebte sie. Von jedem Gang in die Stadt brachte sie neue interessante Bücher mit, die sie später alle einmal lesen wollte. So waren in ihrem kleinen Haus die Schränke und Regale gefüllt, Tische und Stühle beladen, die Fußböden bedeckt mit Stapeln von nützlichen Dingen.
In ihrem Haus war der Platz zum Umhergehen immer kleiner geworden, und Besuche konnte sie nun nicht mehr empfangen. Das fand sie zuerst bedauerlich, aber dann gewöhnte sie sich daran. Irgendwann war die Treppe zum oberen Stockwerk nicht mehr begehbar, und im Erdgeschoss gab es nur noch schmale Gänge, durch die sie sich hindurchwand. Das war mühsam, aber auch daran gewöhnte sie sich.
Eines Tages aber blieb sie mitten in all ihren Habseligkeiten stecken. Sie konnte weder vor noch zurück. All die Dinge und das Haus begannen mit ihr zu verwachsen. Das geschah an einem sonnigen Tag im Mai, und sie begann zu weinen. Der mitleidige Wind trug Düfte aus dem Garten und dem Wald herbei, brachte die fröhlichen Stimmen der Kinder, die Musik vom Rummelplatz und das Lachen der Nachbarn zu ihr herein. Aber je länger sie feststeckte, Stunde um Stunde, desto trauriger wurde sie. Größer und größer wurde ihre Sehnsucht nach der Sonne und dem Wind, nach Wald und Wiesen, nach Vögeln und Schmetterlingen, bis sie es fast nicht mehr aushalten konnte und laut zu klagen begann.
Da rief der Wind seine Brüder herbei, und sie kamen aus allen Himmelsrichtungen. Sie spielten ihre wilden Spiele, tobten und bewarfen sich mit Wolken. Donner krachte, Blitze zuckten. Ein Blitz sprang durch den Schornstein zu ihr ins Haus hinein. Sofort stoben Funken, Flammen knisterten, und sie schrie vor Angst.
„He, warum schreist du?“, fragte die Feuerfee.
„Ich verbrenne!“, keuchte die Frau.
„Nein, du nicht“, rief die Fee. „All die Dinge um dich herum brennen.“
„Ich auch, ich hänge daran“, heulte die Frau.
„Das ist deine Sache“, lachte die Feuerfee und tanzte mit den Flammen. Die Winde sprangen in wildem Tanz. Die Flammen glühten und hüpften.
Da gab sich die Frau einen gewaltigen Ruck, riss sich mit aller Kraft los und stand auf der Straße und hatte nur noch ein Unterröckchen an. Und sie schrie immer noch.
„He, warum schreist du?“, fragte die Feuerfee. „Willst du die Sachen wiederhaben?“
Da merkte die Frau, dass ihr gar nichts wehtat, dass sie unverletzt war und sich leicht und gut fühlte. Sie hörte auf zu schreien und sagte: „Danke, nein.“
Wind und Feuer tanzten und sprangen, bis das Haus mit allem Inhalt verschwunden war. Mit dem letzten Feuerstoß warf der Wind einen blinkenden Gegenstand in die Höhe und dann direkt vor ihre Füße. Sie erkannte ihn sogleich: Es war der Schlüssel zu ihrem Gartenhaus.
Hinten in ihrem Garten stand ein Gartenhaus mit grünen Fensterläden, das sie früher einmal für Gäste eingerichtet hatte. Dort zog sie ein und hatte alles, was sie zum Leben brauchte.
Wenn die mitleidigen Nachbarn kamen und aus Kellern und Dachböden abgestellte Sachen herbeischleppten, um ihr zu helfen, dann sagte sie nur lächelnd: „Danke, nein.“ „Danke, nein.“
„Die Danei mit dem brennenden Haus“ wurde sie fortan genannt. Manche dachten, sie sei verrückt geworden, andere, sie sei weise.
Aber wer kann das schon unterscheiden.
Wer raubte das Feuer
den Göttern
Wer zähmte das Feuer
für Menschen
Wer wirft das Feuer
Vom Himmel
In Flammen
sehen sie Geister
Im Blitz
fürchten sie Götter
Im Brand
erblicken sie Strafe
In Wärme
spüren sie Liebe
Kohle dein Futter
Feuer dein Geist
Dampf deine Kraft
für große Taten
Wartest am Startplatz
atmend im Takt und
im Puls der Maschine
scharrst mit den Hufen
Doch wenn der Heizer feuert
wenn deine Zügel gelöst sind
wenn du rauchige Wolken
hoch und heiß in die Luft puffst
Stemmst du dich gegen die Last und bewegst
schneller und schneller die Räder die Hufe
Fort im Galopp auf den glänzenden Gleisen
lockt dich die Ferne in feuriger Fahrt
In Wärme der Flammen
der Geist der Gemeinschaft
Im Blitz der Erleuchtung
der Geist der Erkenntnis
In feurigen Zungen …
Im Fernsehen sah er fast schön aus –
der Schein des Feuers nach dem Aufprall der Bomben
damals und immer wieder auf Städte in Nahost.
Vor über siebzig Jahren in Dresden
staunten Kinder über die leuchtenden Christbäume am Himmel,
bevor sie starben – manche noch in Fastnachtsverkleidung.
Doch ehe Dresden brannte, fielen Dynamit und Phosphor
von deutschen Fliegern auf fremde Städte,
starben Kinder in Coventry durch die „Operation
Mondscheinsonate“.
Wohin wären sie alle geflohen, wäre nicht damals
Brand und Tod gewesen überall auf Land und auf See?
Sie hatten höchstens unter ihren Häusern die Keller.
Die heute übers Meer zu uns kommen aus brennender Heimat,
mit verängstigten Kindern im Arm ihr bloßes Leben zu retten,
staunen über die unzerstörten Städte mit all ihren Lichtern.
Doch plötzlich brennt und zerfällt unweit von Dresden ihr
künftiges Obdach.
Das Feuer des Hasses, im ganzen Land sichtbar,
will zerstören ihre Hoffnung, löschen wir nicht diesen Brand nun
für immer.
Bei uns sollen brennen die Feuer des Friedens,
die zum Leuchten bringen die Augen der Kinder, woher sie auch
kommen.
Über das Kreuz der Versöhnung auf der wieder erbauten Kirche in
Dresden
senden wir ihren Schein weit hinaus in die Welt.
Funke des Lebens
Wärmender Freund
Hilfreicher Geselle
Zerstörer der Hoffnungen
Vernichter der Träume
Grausamer Tod
Asche, die verbleibt
Ein neuer Anfang …
Krieg, ein Wort, das in meiner kindlichen Naivität eine Bedeutung hatte wie etwa ein Naturereignis, etwas Unbeeinflussbares, mit dem man sich widerspruchslos abzufinden habe. Mit dieser Einstellung erfuhr ich zum ersten Mal, was es heißt, seinen Heimatort unfreiwillig verlassen zu müssen. Zusammen mit meiner Mutter und meinem elf Monate alten Bruder wurden wir im Januar 1945 in Richtung Westen evakuiert. Hilfsbereit nahmen uns unsere Verwandten in der Danziger Vorstadt Langfuhr auf.
Die Wintermonate überlebten wir mehr schlecht als recht entsprechend den Möglichkeiten, die die Kriegssituation und die Lebensmittelmarken zuließen.
Hier erlebte ich, was ein Bombenalarm bedeutet. Zunächst nur manchmal. Und jedes Mal hieß es dann, raus aus den warmen Betten, in die Kleider schlüpfen, die nötigen, vorsorglich gepackten Habseligkeiten raffen und runter in den Keller rennen, so schnell es ging.
Dann überflogen uns die todbringenden, metallenen Vögel immer häufiger, sodass wir unsere Nachtquartiere in den Kellern aufschlugen. Schließlich verließen wir die Luftschutzräume nur noch zum Kochen und zur Notdurft in den Parterrewohnungen.
In der Nacht zum Karfreitag, am 30. März, riss uns das durchdringende, an- und abschwellende Geheul unzähliger Sirenen aus dem Schlaf. Eine nach der anderen jaulte ihre schaurige Melodie in die Nacht – wie ein Kanon – und zerrte an unseren Nerven. Verstört und verschlafen zogen wir uns an, setzten uns abwartend ängstlich auf unsere provisorischen Betten. Drohende Stille folgte. Die Mütter drängten sich dicht an ihre Kinder. Wir waren auf das Schlimmste gefasst. Banges Schweigen beherrschte das unterirdische Asyl.
Das unheilverheißende Gebrumm von Flugzeugen löste den „Sirenenchor“ ab, schwoll dröhnend an. Kaltes Grauen kroch in uns hoch. Das einsetzende Getöse der Flak ließ verzweifelte Hoffnung aufkeimen. Doch wenig später vernahmen wir das pfeifende Geräusch der fallenden Bomben. Unwillkürlich duckten wir uns. Ihr Aufprall und Zerbersten, alles in geringer Entfernung, erschütterte den Boden unter unseren Füßen. Die Gläser in den Regalen klirrten verdächtig. Der teuflische Zerstörungswahn schien kein Ende zu nehmen. Wann wird es uns treffen? – stand die bange Frage in den Gesichtern der Kellerinsassen. Die Zeit troff in endlosen Minuten dahin. Jemand hielt sich die Ohren zu …
Endlich! Das monoton heulende Entwarnungssignal erlöste uns aus der Starre. Der Luftschutzwart lief zur Straße hinauf. Kurz darauf rief er in den Keller: „Die Altstadt brennt!“ Wir Kinder rannten gegen den Willen der Erwachsenen zuerst nach oben.
Ein unnatürliches Licht beherrschte die Nacht. Über Danzig wölbte sich ein grausiges Schauspiel aus Flammen. Die Konturen der Häuser des Vorortes hoben sich scharf von dieser „Kulisse“ aus Feuer ab, wie ein Schattenriss auf rotem Grund. Ein purpurner Schein erhellte die Straßen von Langfuhr, der alles gespenstisch umhüllte. Geisterhaft erschienen verstörte Wesen, die sich zögernd aus den Kellern herauswagten. Welch ein Inferno! Welch ein vernichtendes Werk durch Menschenhand! Wie versteinert starrten sie auf dieses Gomorrha der Gegenwart.
Mich fröstelte, trotz des warmen Hauchs, der von dem zur Hölle gewordenen Ort sanft zu uns herüber wehte.1
Im Wald, da brennt ein Feuer
es lodert ungeheuer.
Es brennen Eich‘ und Tannen
Wie könnt man dieses bannen?
Guter Rat ist teuer.
Wer versucht, an das
Feuer der Materie zu kommen
riskiert dabei
selbst zu verbrennen.
„Teflon!“, kam es aus Machens, „hundert Prozent Teflon!“
Studienrat Machens spuckte das Wort aus wie einen faulen Apfel und knallte seinen Unterrichtskoffer angewidert auf seinen Stuhl im Lehrerzimmer.
„Wie?“, erlaubte sich Junglehrer Lenz neben ihm nachzufragen.
Machens sah ihn entgeistert an und wiederholte:
„Teflon. Nichts bleibt hängen. Noch nie gehört?“
Lenz verstand. Die Unterhaltung zwischen den beiden versiegte indessen, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Weder Machens noch Lenz hatten ernsthaft Interesse an einer weiterführenden Unterhaltung. Nein, es war nicht die alte Feindschaft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Machens sah in Lenz ohnehin nur den Junglehrer mit Traumtänzer-Diplom, viel Kumpel, wenig Autorität. Für Lenz wiederum war der Unterricht dieses Fossils unter den Kollegen des Herzog-Ernst-Gymnasiums nur die sinnfällige Verkörperung des Trägheitsgesetzes. Mit der von ihm praktizierten Tafelphysik schaffte es Machens höchstens, das Gesetz der Schwerkraft an seinen Schülern bis zum Wegnicken zu demonstrieren.
Die Pause war zu Ende und Lenz eröffnete seinen Unterricht, wie um es sich zu beweisen, dass es doch ein Leichtes war, einen Funken von Begeisterung bei Schülern zu wecken.
These eins: Ich befreie die Menschen von der schmutzigen und erniedrigenden Selbstpeinigung des Gewissens. Selbst in einem
