Die Wächterdämonen 3: Die Bruderschaft - Lena Seidel - E-Book

Die Wächterdämonen 3: Die Bruderschaft E-Book

Lena Seidel

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Beschreibung

Nachdem bereits einige Dämonen Opfer der Bruderschaft wurden, erhalten die Wächterdämonen Verstärkung für ihr Team. Zu viert sollen sie den Kampf gegen die Bruderschaft aufnehmen, in den nach und nach auch Morten und die Engelsdelegation verwickelt werden. Doch nicht nur das bereitet Leonard Kopfzerbrechen, sondern auch sein steigenes Interesse an ihrem Neuling.

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Seitenzahl: 417

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Lena Seidel & Simone Singer

Die Wächterdämonen 3

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2015

http://www.deadsoft.de

© the authors

Cover: Josh Bailey

Bildrechte:

© MaxFrost – fotolia.com

1. Auflage

ISBN 978-3-944737-95-9

ISBN 978-3-944737-96-6 (epub)

Inhaltsangabe:

Nachdem bereits einige Dämonen Opfer der Bruderschaft wurden, erhalten die Wächterdämonen Verstärkung für ihr Team. Zu viert sollen sie den Kampf gegen die Bruderschaft aufnehmen, in den nach und nach auch Morten und die Engelsdelegation verwickelt werden. Doch nicht nur das bereitet Leonard Kopfzerbrechen, sondern auch sein steigenes Interesse an ihrem Neuling.

Entnervt rieb sich Leonard den Nasenrücken. Er war müde, hatte bereits zig E-Mails beantwortet und wollte gerade sein Mailprogramm schließen, als ein leises Klingeln ihm verriet, dass er eine neue Nachricht hatte.

Einen Moment lang war er versucht, auf das kleine X am rechten oberen Rand zu klicken und einfach so zu tun, als hätte er die Nachricht nicht mehr gelesen. Er schaute zur Uhr, beschloss, dass zwei Uhr nachts zu früh war, um vorzugeben, bereits zu schlafen und schaute ein letztes Mal in sein Postfach.

Was er da entdeckte, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Eine Nachricht von Sitri, seiner direkten Vorgesetzten.

Betreff: Supervision.

Ein unangenehmes Bauchgefühl, gepaart mit einer Gänsehaut, durchflutete seinen Körper. Er kratzte sich am Ansatz eines seiner sechs Hörner, die links und rechts seinen Kopf rahmten. Nach einem Moment, in dem er sich innerlich gestählt hatte, öffnete er die Mail und las.

Leonard,

dir ist sicher nicht entgangen, dass in letzter Zeit vermehrt Dämonen auf eurem Hoheitsgebiet angegriffen und abgeschlachtet werden.

Ich komme am Dienstag, dem Einundzwanzigsten, um fünfzehn Uhr vorbei, um mit dir die Ursachen dafür und das weitere Vorgehen zu besprechen.

Sitri

Das war typisch für sie: Keine Grußformeln, keine überflüssigen Floskeln. Sie kam sofort zum Punkt, und genau das war es normalerweise, was Leonard an ihr schätzte. Im Moment hatte er allerdings kein Bedürfnis danach, sich vor ihr dafür verantworten zu müssen, dass eine militante Gruppe Menschen sich vor seiner Nase zusammengerottet hatte und nun systematisch Jagd auf Ihresgleichen machte.

Als die Situation letztes Jahr bei einem Angriff auf seinen Untergebenen Dantalion eskaliert war, hatte er sie heruntergespielt und ihr nicht die Wichtigkeit zugesprochen, die sie verdient hätte.

Das waren zwei gravierende Fehler hintereinander gewesen. In seinem Zuständigkeitsbereich! In den vierhundert Jahren, während denen er Wächter war, war ihm nie ein solch grober Irrtum unterlaufen – schließlich ging es hier um Dämonenleben. Zwar war es nicht in erster Linie seine Aufgabe, die politische Situation der Menschen zu beobachten und die Abspaltung einzelner Gruppierungen im Auge zu behalten. Dazu hatten sie andere Delegationen. Aber wenn man die größte Verwaltungsmacht der Niederhöllen im Nacken sitzen hatte, sollte man solche Entwicklungen vielleicht in seinem Konzept berücksichtigen. Er hatte nicht bemerkt, wie die Menschen sich gegen sie gestellt hatten. Das Gros der Menschen glaubte ohnehin nicht mehr an übersinnliche Kräfte, Gott, Satan oder Dämonen. Und dann erlebte die größte anti-okkulte Gruppe einen neuen Aufmarsch.

Sie hatten die „Bruderschaft“ vor langer Zeit für zerschlagen erklärt. Nun würden sie ihre Meinung revidieren müssen.

Leonard seufzte und tippte schnell ein „In Ordnung“ als Antwort. Mehr als das würde Sitri weder erwarten noch dulden. Hoffentlich würde sie ihm nicht die Schuld an den dreiundzwanzig Toten geben, die sie zu beklagen hatten. Immerhin hatte es für ein neues, erstarktes Aufleben der Bruderschaft keinerlei Anhaltspunkte gegeben.

Endlich schloss Leonard sein Mailprogramm und fuhr seinen Rechner herunter. Er sollte lieber aufhören, sich so viele Sorgen zu machen. Wenn das so weiterging, würde er eine dritte weiße Strähne in seinem schwarzen Haar bekommen.

Die Sorgen, die ihn ohnehin plagten, reichten sogar für einen Dämonen voll und ganz. Dummerweise war sein allergrößtes Problem ausgerechnet ein Mensch. Nicht irgendeiner, sondern der Freund seines Untergebenen Seere. Leonard atmete durch, um sich ruhig zu halten, als ihm Mortens Bild in den Sinn kam. Er klammerte sich an der Schreibtischplatte fest, bis seine Finger schmerzten und die Knöchel weiß hervortraten. Dieser kleine Mistkerl war einfach nicht umzubringen – nicht dass er es nicht längst versucht hätte. Leonard konnte nicht verstehen, wie dieser Mensch es geschafft hatte, Seere so an sich zu binden, dass er niemand anderen mehr wahrnahm. Hatte Leonard zuvor Seere still angehimmelt, so litt er seitdem wahre Höllenqualen. Vielleicht war das einer der Gründe, warum er nicht bemerkt hatte, dass sich die Bruderschaft neu formierte. Ja, er wusste, dass das durchaus im Bereich des Möglichen lag.

Mit einem zornigen Kopfschütteln verjagte er die Gedanken an Seere und Morten und konzentrierte sich auf das, was ihm nun bevorstand: Sitris Visite.

Leonard schloss die Augen und rieb sich über das Gesicht. Einen Moment lang fragte er sich ernsthaft, was zum Geier er verbrochen hatte, um das zu verdienen. Er hob die Lider, sah zur Uhr, anschließend zum Kalender – und erstarrte. Es war nach Mitternacht und damit Dienstag, und es war der Einundzwanzigste. Sitri würde in etwa zwölf Stunden auf der Matte stehen! Leonard stöhnte auf, dann stieß er einen herzhaften Fluch aus.

„Dantalion! Seere!“, brüllte er in der irrigen Hoffnung, einer der beiden wäre um diese Zeit nicht mit anderen nächtlichen Aktivitäten beschäftigt. In der nächsten Sekunde packte er eine schwere Kristallvase, die auf einem Regal hinter ihm stand; einen Moment später zerschellte sie an der Wand und fiel in einem Scherbenregen klirrend zu Boden. Er hasste das, er hasste das wirklich! Wenn er einen seiner Kollegen brauchte, war natürlich niemand da. Dantalion vögelte höchstwahrscheinlich gerade Erael – wie der kleine Dämon den Engel der Tugend herum bekommen hatte, war ein Mysterium für Leonard – und Seere ... Mit einem Knurren unterbrach er diesen Gedanken, stapfte aus dem Zimmer und machte sich, nach einem Abstecher ins Bad, auf den Weg in seine Privaträume.

Tatsächlich vernahm er verhaltenes Stöhnen aus Dantalions Zimmer, als er durch den Gang ihrer Villa lief. Voller Zorn fragte sich Leonard zum wiederholten Male, warum er Erael überhaupt in ihrem Hause duldete. Vermutlich, weil er wusste, dass Dantalion seine Meinung nicht interessierte und er sich ansonsten woanders mit ihm treffen würde. So hatte Leonard zumindest das Gefühl, die Situation unter Kontrolle zu haben, auch wenn das alles andere als zutreffend war. Zwar hatte der Engel hier in ihrem Haus keine seiner Kräfte, doch als Geisel war er ebenso nutzlos, da Jelial, Eraels Vorgesetzte, sich nicht erpressen ließ.

Leonards Frust wuchs ins Unermessliche und ihm war klar, dass Sitri das Ventil dafür sein würde. Sie konnte das ab, inzwischen kannten sie sich mehr als sechshundert Jahre und sie war robust genug, um seine Wut abfangen zu können.

Kräftiger als nötig stieß er die Tür zu seinem Schlafzimmer auf und schloss sie mit einem lauten Krachen hinter sich. Kurz biss er die Zähne fest aufeinander und atmete tief durch. Dadurch gelang es ihm, sich ein wenig zu beruhigen, damit er sich ausziehen konnte, ohne seine Kleider in Fetzen zu reißen.

Nur mit Shorts bekleidet legte er sich ins Bett, boxte sein Kissen zurecht und wuchtete sich auf die Seite. Im Unterbewusstsein nahm er die Beschwörungen diverser Amateurokkultisten wahr, die ihn erscheinen lassen wollten. Als ob er keine anderen Probleme hätte ... Er stieß ein leises Grummeln aus und schloss die Augen. Wenn er morgen fit für Sitris Besuch sein wollte, sollte er jetzt schlafen. Trotzdem dauerte es lange, bis er sich entspannte und einschlief.

Um acht Uhr morgens war seine Nachtruhe bereits zu Ende, er konnte nicht mehr schlafen. Damit war wohl Kaffee angesagt, wenn er den Tag einigermaßen wach überstehen wollte.

Er schob die Küchentür auf – und erstarrte mitten in der Bewegung. Vor Entrüstung.

Zwar war es nichts Neues, dass Dantalion seinen Geliebten in ihr Haus einlud. Bislang hatte sich die Anwesenheit des Engels aber meist nur auf Dantalions Zimmer beschränkt. Hasserfüllt starrte Leonard sein schlankes Gegenüber an. Dankbarerweise hatte er wenigstens etwas an, wenn es sich auch lediglich um blau karierte Boxershorts handelte.

„Reicht es dir nicht, Dantalions Zimmer mit deiner Anwesenheit zu verseuchen?“, zischte er ärgerlich.

„Verzeihung. Du bist so spät zu Bett gegangen, dass wir nicht damit rechneten, dass du schon wach bist.“

„Wenn ich dich das nächste Mal in unseren Räumlichkeiten sehe, töte ich dich.“

Der große, schlanke Engel straffte die Flügel, zeigte sich ansonsten nicht eingeschüchtert. „In dem Fall sollte sich Dantalion seine Milch nächstes Mal selbst holen.“

Ungerührt ging Erael an ihm vorbei, und Leonard war sich nicht sicher, ob er ihn für diese Kaltschnäuzigkeit bewundern oder hassen sollte.

*

Sitri war eine pünktliche Person, was man von Seere leider nicht sagen konnte. Möglicherweise lag es an seiner Fähigkeit, sich jederzeit fast überallhin teleportieren zu können. Trotzdem hatte Leonard erwartet, dass sein Mitarbeiter zumindest fünf Minuten vor drei anwesend war.

Dantalion hatte ihm jedenfalls auf seine Anweisung hin Bescheid gegeben, denn der verfügte über telepathische Kräfte. Trotzdem war Seere nicht hier, und Dantalion lümmelte sich gelangweilt in den Sessel ihrer ledernen Sitzecke, in der sie ihre Gäste empfingen.

„Setz dich anständig hin“, befahl Leonard. Seine Geduld war nach der Begegnung mit Erael bereits überstrapaziert.

Dantalion murmelte etwas über Verstocktheit, folgte aber der Anweisung, als es an der Tür klingelte.

Leonard ging selbst zur Tür und war erleichtert, als er aus dem Salon ein vernehmliches Ploppen hörte, mit dem Seere sich zu ihnen gesellte. Somit war ihre Wächterdelegation vollständig.

Er öffnete die schwere Eichentür und begrüßte Sitri mit einem freundlichen Lächeln.

„Ich freue mich, dich zu sehen, Sitri.“ Das war eine Lüge. „Komm rein.“

Rasch musterte er sie, als sie an ihm vorbeiging und sich dann zu ihm umdrehte.

„Du siehst jedes Mal jünger aus, wenn wir uns treffen.“

Das stimmte tatsächlich. Sitri war eine wunderschöne Frau, sozusagen höllisch schön. Sie hatte schulterlange, rostrote Locken, milchweiße Haut und eine Figur zum Niederknien. Außerdem hatte sie ein braunes und ein blaues Auge, was ihren Blick irritierend wirken ließ. Sie war fast so alt wie Leonard selbst, doch ihre menschliche Form mutete keinen Tag älter als fünfundzwanzig an.

„Du Schmeichler!“, erwiderte sie die Begrüßung mit heiserer Stimme und einem kleinen, süffisanten Lächeln. Sitri machte einen Schritt auf Leonard zu, legte ihm die Hände auf die Schultern und küsste ihn auf beide Wangen. „Sind deine Leute da?“

Wie immer kam sie gleich zur Sache, und Leonard verkniff sich ein tiefes Seufzen.

„Seere und Dantalion sind in meinem Büro und warten auf dich.“

„Zuviel der Ehre“, erwiderte sie knapp.

Blieb nur zu hoffen, dass Seere anständig gekleidet war.

Tatsächlich hatte er ein ordentliches Hemd angezogen und eine Hose, die nicht ganz so abgetragen war, wie seine übliche Garderobe. Das Einzige, woran Sitri Anstoß nehmen könnte, waren seine nackten Füße. Ihre Vorgesetzte war wie immer sehr elegant gekleidet. Ihr enges schwarzes Etuikleid warf keine Falten über ihrem schlanken Körper, was davon zeugte, dass es maßgeschneidert war.

„Ich grüße euch“, sagte Sitri und nahm unaufgefordert auf dem Ledersofa Platz – in einigem Abstand zu Seere, der sie nicht besonders respektvoll von oben bis unten musterte.

„Ihr wisst ja sicherlich, warum ich hier bin.“ Ohne Verzögerung leitete sie das Gespräch ein.

Seere presste die Lippen zusammen, dafür antwortete Dantalion. „Es geht vermutlich um die Bruderschaft und die Opfer, die sie gefordert hat.“

„Richtig. Ich wünsche, dass ihr mir einen detaillierten Plan vorlegt, wie ihr gegen diese Menschen vorzugehen gedenkt. Zwar gebietet uns der Pakt mit dem himmlischen Heer, Menschen nicht eigenhändig zu töten ...“, mit ärgerlicher Miene fixierte sie Dantalion, der trotzdem dagegen verstoßen hatte, „... oder uns zumindest nicht dabei erwischen zu lassen. Diese Regel möchte ich hiermit aber außer Kraft setzen. Ich bin bereits dabei, offizielle Verhandlungen mit der Gegenseite in die Wege zu leiten. Wenn es soweit ist, bekommt ihr mein Okay und danach will ich jedes Mitglied dieser Bruderschaft tot sehen. Klar soweit?“

Leonard bemerkte, dass weder Dantalion noch Seere deutlich zustimmten. Er ahnte, woran die beiden dachten: Seere an seinen menschlichen und Dantalion an seinen himmlischen Lover, die beide nicht sonderlich begeistert wären, wenn sie erfuhren, was ihre Freunde mit den Mitgliedern der Bruderschaft vorhatten.

Er räusperte sich vernehmlich, warf ihnen einen bösen Blick zu und wandte sich anschließend mit einem leicht gezwungenen Lächeln an Sitri.

„In Ordnung. Ich werde dir selbstverständlich alle Pläne zur Verfügung stellen, die wir entwerfen. Wir hätten sogar die Möglichkeit, einen Menschen in die Bruderschaft einzuschleus…“

„Haben wir nicht!“, fiel ihm Seere ins Wort. Seine Miene drückte Wut aus und seine Augen schienen Blitze zu schießen. „Komm ja nicht auf die Idee, Morten als Köder benutzen zu wollen!“

Prompt vernahm er Sitris Frage: „Morten?“

„Mein ...“

„Einer seiner Vertragspartner.“ Er schnitt Seere mit dem Einwurf kategorisch das Wort ab.

Sitri sagte nichts dazu, doch an ihrer skeptisch hochgezogenen Augenbraue sah er genau, dass sie dieses Thema noch nicht abgehakt hatte.

„Ich brauche ihn!“, schob Seere als fadenscheinigen Grund vor. Die Entrüstung ließ seine Augen in wildem Smaragdgrün funkeln.

Wenn er ihm nicht schon restlos verfallen gewesen wäre, hätte Leonard sich wohl in diese leidenschaftlich glühenden Augen verliebt. Allerdings musste er seine Gefühle weiterhin verbergen, das war das Beste für sie alle, so viel war ihm klar. Darüber hinaus gehörte Seeres Herz einem Menschen, dem eben genannten Morten. Doch das war eine Information, die man besser nicht vor jemandem wie Sitri offenbarte. Zwar waren Allianzen zwischen Dämonen und Menschen nicht verboten, aber auch nicht gern gesehen. Gleiches galt für Dantalion, der mit seinem Engel ein ungeschriebenes Gesetz brach – nicht dass ihn das interessieren würde.

„Wenn ihr jemanden einschleusen könnt, so tut das. Ich will nicht nur die Handlanger, ich will den Kopf dieser Bande. Ob es nun dieser Morten ist oder ein anderer, überlasse ich euch. Es wäre gut, wenn ihr den entsprechenden Vertragspartner unter Kontrolle hättet.“

In diesem Plan witterte Leonard die Chance, den Störfaktor Morten endlich für immer loszuwerden. Die Bruderschaft war ein brutaler Verein, das hatten sie zur Genüge bewiesen. Vielleicht wäre dies endlich die Mission, von der Morten nicht zurückkäme.

„Alternativ könnten wir ein Mitglied der Bruderschaft fangen und es zum Reden bringen“, schlug Dantalion vergnügt vor. Er wippte auf seinem Sessel mit den Beinen und seinen schwarzen Federflügeln wie ein unbändiger Teenager. Seinem jugendlichen Gesicht und seinem kleinen, schmalen Körperbau nach könnte man ihn durchaus für einen halten. Doch hinter der kindlich anmutenden Fassade verbarg sich ein grausamer Dämon, der Gefallen daran fand, Menschen zu quälen, zu foltern und zu töten, wenn sich die Gelegenheit bot. Gern setzte er dazu seine telepathischen Kräfte ein. Genau das war etwas, das er für ihre Feinde vorgesehen hatte.

„Ich sehe, ihr habt euch inzwischen Gedanken gemacht“, sagte Sitri zufrieden. „Allerdings müssen auf diese Worte Taten folgen, und zwar möglichst bald. Wir können es uns nicht leisten, weitere gute Leute zu verlieren.“

„Wir werden mit denen fertig“, versicherte Leonard, um jedem Kommentar von Seere und Dantalion zuvorzukommen. „Du weißt, dass wir immer gute Arbeit leisten, wenn uns eine Aufgabe übertragen wird. Die Clowns der Bruderschaft sollten kein wirkliches Problem für uns sein.“ Sie waren nicht umsonst das beste Wächterteam und hochrangige Dämonen der Höllenhierarchie. Wenn man es ganz genau nahm, stände Leonard sogar über Sitri, wäre sie nicht gerade die Vorsitzende des Wächterrates.

Sitri betrachtete ihn schweigend, musterte Dantalion, anschließend Seere, dann seufzte sie leise. „Ich rate dir, die Versprechungen einzuhalten, Leonard.“ Sie nickte Dantalion und Seere zu. „Ihr habt gehört, was zu tun ist. Macht euch an die Arbeit!“

Seere stemmte sich in die Höhe und stapfte wortlos aus dem Zimmer, warf die Tür hinter sich zu und donnerte den Flur entlang. Prima, dachte Leonard, damit hatte Sitri Seere auf hundertachtzig gebracht. Er hasste es, direkte Befehle entgegennehmen zu müssen. Das griff seinen Stolz an. Leonard hatte gelernt, damit umzugehen, Sitri jedoch war jetzt genau auf eine Landmine getreten. Sozusagen.

Dantalion gluckste vergnügt, rutschte von dem Sessel und tänzelte mit einem breiten Grinsen auf die Tür zu.

Das ging daneben!, hörte Leonard in seinem Kopf und klammerte sich für eine Sekunde an die Armlehnen seines Sessels. So gern er Sitri mochte, hier war sie ein Störfaktor.

„Ich frage mich ernsthaft, wie Seere unter dir arbeiten kann, wenn er so ein arges Problem mit Autorität hat“, sagte Sitri. Leonard war dankbar, dass sie nicht verärgert, sondern amüsiert darüber war. Die Entspannung, die ihn gerade überkommen wollte, verflog mit ihrer nächsten Frage.

„Wer ist dieser Morten? Wenn Seere einen verlässlichen Vertragspartner hat, sollte er ihn auch einsetzen, gerade für diese Sache.“

Leonard zwang sich zu einem Lächeln. Wie angenehm es wäre, die Verantwortung für diesen Befehl auf Sitri abschieben zu können. Dennoch war ihm klar, was daraus folgen würde.

„Morten ist ... inzwischen so etwas wie ein Freund für ihn.“ Leonard versuchte, die unangenehme Wahrheit schonend zu umschreiben. Doch Sitris weibliche Instinkte brachten sie näher an die Wahrheit, als ihm lieb war.

„Freund? Oder eher Geliebter?“ Glücklicherweise war Sitri über diese Annahme nicht erzürnt, sondern eher erheitert. Daher antwortete Leonard ehrlich auf ihre Frage.

„Letzteres“, sagte er und schloss mit einem Seufzen die Lider.

„Dann lass ihm seinen Spaß, solang er dauert. Du kannst einen anderen Menschen da rein schicken.“

„Morten ist ein professioneller Dieb und Einbrecher“, wandte Leonard ein. Er hatte seine Entscheidung längst gefällt. Er wollte Morten zur Bruderschaft entsenden, in der Hoffnung, dass er nicht mehr zurückkam.

Sitri lächelte breit und entblößte dabei zwei spitze Eckzähne.

„Du bist wirklich hart mit Seere. Und sooo gemein.“ Mit diesen Worten strich sie ihm über die Wange. „Das mag ich an dir, Leonard. Du lässt dich nie von deinen Gefühle lenken.“

Wenn du wüsstest, dachte Leonard und war dankbar, dass Sitri keine Gedankenleserin war.

Vom Flur her war Dantalions lautes Gelächter zu hören und Leonard nahm sich einmal mehr vor, ihm ein für alle Mal zu verbieten, sich in seinen Gedanken herumzutreiben. Er sah Sitri in die Augen und fällte die nächste Entscheidung. Sie waren früher so einige Male miteinander im Bett gelandet – bevor Leonard Seere kennengelernt hatte. Seitdem hatte er ausgesprochen wenig Sex gehabt. Wie es aussah, würde sich das gleich ändern ...

*

Am nächsten Morgen stapfte Leonard übermüdet, aber befriedigt in die Küche, um für sich und Sitri Kaffee zu machen. Wenige Minuten zuvor hatte sich Sitri von ihm gewälzt, ihn mit einem lässigen Grinsen angesehen und ihm zugeflüstert: „Das war gut!“

„Willst du Kaffee?“, hatte er das Gespräch auf ein anderes Thema gebracht, was ein glockenreines Lachen zur Folge gehabt hatte.

„Gern, trotzdem will ich erst duschen.“ Ohne Scham kletterte sie aus dem Bett und präsentierte sich Leonard noch einmal in ihrer ganzen Pracht. Leonard beschloss, jetzt wirklich Kaffee zu holen, sonst würde er sie ein weiteres Mal nehmen. Sitri wusste, was sie ihm geben musste und das hatte sie die ganze Nacht getan. So hatte er zumindest vorübergehend ein wenig Frieden gefunden, kreisten doch sonst seine Gedanken ausschließlich um Seere.

Als er mit dem Frühstück zurückkam, polierte sie gerade ihr einziges Horn, das über ihrer Stirn aus dem Mittelscheitel entsprang.

„Leonard, ich habe nachgedacht. Denkst du, es ist gut für euer Team, wenn du Seeres Menschen in den Tod schickst?“

Sie sprach so beiläufig, als würde sie über das Wetter reden. Das war etwas, das Leonard aufregte.

„Halt dich da raus!“, zischte er.

„Ich mein’ ja nur ... Vielleicht ist Dantalions Vorschlag zunächst vorzuziehen.“

Das Schlimmste an der Sache war, dass Sitri recht hatte. Leonard verzog die Mundwinkel nach unten und brummte leise.

„Gut, ich werde Morten nicht in die Bruderschaft schleusen“, knurrte er, während er das Tablett auf den Schreibtisch stellte. Sitri erhob sich geschmeidig und kam in eleganten Schritten auf ihn zu, legte ihm die Arme um die Schultern und gab ihm einen Kuss auf das Kinn.

„So ist es brav! Dafür schicke ich dir einen jungen Dämon zur Verstärkung. Er wird euch in jeder Hinsicht unterstützen und er ist übermütig genug, um sich mit Leidenschaft in jede Gefahr zu stürzen.“

Leonard schnaubte abfällig.

„Dazu muss er nicht jung sein ... Sieh dir nur Dantalion an. Der ist über fünftausend Jahre alt und führt sich auf wie ein Kleinkind.“

„Ach, Leonard, was beschwerst du dich? Jeder von euch hat seine Macken, und doch seid ihr ein hervorragendes Team.“

Sie ließ ihn los und schlenderte zum Schreibtisch, um sich endlich die Tasse zu nehmen, die Leonard ihr gebracht hatte.

„Im Übrigen wird dir euer Neuzuwachs gefallen. Er ist Gestaltwandler.“

Leonard stellte mit einem etwas zu lauten Klirren seine Kaffeetasse auf die Untertasse.

„Nein“, sagte er entschlossen.

„Warum nicht?“

„Das ... Wozu sollten wir einen vierten Mann brauchen?“

Sitri lachte.

„Das war meine Entscheidung. Harte Zeiten erfordern harte Maßnahmen. Er ist auf jeden Fall hoch motiviert. In Wahrheit hat er um diesen Job gebeten, obwohl ich ihn auf die Gefahren hinwies.“

„Wer ist er?“, fragte Leonard.

„Kein Reinblütiger, er wurde erst vor zwei Jahren zu einem von uns. In seinem menschlichen Leben war er ein Einbrecher, Betrüger und Dieb.“

Dieses Profil kam Leonard bekannt vor und es gefiel ihm nicht.

„Er hat eine ungewöhnliche und starke Kraft erhalten. Ich bin gespannt, was er daraus machen wird.“

Leonards Blick ging an Sitri vorbei, während er nachdachte, wie er den Mann einsetzen konnte. „Ich auch“, sagte er.

Sitri trank, immer noch nackt, ihren Kaffee aus.

„Gehst du gleich in die Hölle zurück?“, fragte Leonard und versuchte dabei, sich seine Erleichterung nicht anmerken zu lassen.

„Nein. Wenn ich schon mal hier bin, will ich das ausnutzen. Ich werde einen Einkaufsbummel machen.“ Typisch Frau, dachte Leonard, sprach das aber klugerweise nicht aus.

„Moroi wird gegen Abend herkommen, wenn ich zurück bin und ihm grünes Licht gebe. Er steht sozusagen in den Startlöchern und kann es gar nicht mehr erwarten, herzukommen.“

Leonard seufzte leise und ließ sich auf dem zerwühlten Bett nieder.

„Muss das wirklich sein, Sitri?“

„Ja“, antwortete sie einfach. „Bei dir ist er bestens aufgehoben und lernt, was er zum Überleben braucht. Ich weiß, dass du ihn fair behandeln wirst, obwohl du so ein kaltschnäuziger Bastard bist. Auch wenn du ihn nicht magst, wirst du ihm das nicht zeigen.“

Sitri ging auf Leonard zu und strich ihm durch die Haare, wobei sie ihre Finger an den Ansätzen der Hörner entlang gleiten ließ, was Leonard zu einem tiefen Einatmen veranlasste. Er hob seine Hand und legte sie auf ihre.

„Wenn jemand aus ihm einen guten Wächter machen kann, dann du, Leonard“, raunte sie ihm zu. Er lachte trocken auf. „Du weißt genau, wie du erreichst, was du willst.“

„Ach ja?“, knurrte er leise und legte seine Hände um ihre schmalen Hüften.

„Ja“, hauchte Sitri zurück. „Das ist deine Gabe. Du bist der geborene Anführer, kannst andere anleiten. Und ich weiß, dass du ihn in die richtigen Bahnen lenken wirst. Deswegen vertraue ich ihn dir an.“

Sie gab ihm einen kleinen Kuss auf jedes seiner sechs Hörner und entzog sich ihm völlig.

In eleganten Bewegungen klaubte sie ihre Kleider zusammen und strippte rückwärts für ihn. Leonard beobachtete sie und lächelte sie an.

„Pass auf dich auf!“, flüsterte er ihr zu, als sie sich verabschiedeten. Sitris Antwort bestand in einem kleinen Zwinkern, dann wandte sie sich ab und stolzierte wie ein Model auf dem Laufsteg die Einfahrt hinunter. Leonard sah ihr nach, bis sie sich fast am Eingangstor befand, schloss endlich die Haustür und lehnte sich von innen dagegen. Na toll. Jetzt blieb ihm die Aufgabe, Seere und Dantalion beizubringen, dass sie Zuwachs bekommen würden. Einen erst zwei Jahre alten Dämon. Er konnte sich ausmalen, was für einen Lachanfall die beiden bekommen würden. Leonard wusste, dass dieser junge Dämon Kanonenfutter sein sollte. Er war in allem unerfahren, einschließlich seiner Kräfte. Die würden ohnehin erst in fünfzehn bis zwanzig Jahren komplett ausgereift sein. Der Kleine wäre das schwächste Glied in ihrer Kette und somit ein gefundenes Fressen für die Bruderschaft. Warum vertraute sie ihm einen Frischling mit solch einer wertvollen Fähigkeit an und setzte ihn derartigen Gefahren aus?

Leonard wusste nicht wirklich, was er davon halten sollte.

Doch fliegen lernte man nur, wenn man das Nest verließ. Und Leonard würde den kleinen Vogel von der Dachrinne stoßen, wenn es nötig war. Zunächst einmal musste er den beiden anderen etwas vom Vogel erzählen.

Dantalion war in seinem Zimmer, überraschenderweise sogar allein. Seere war gestern Abend in die Wohnung zurückgekehrt, die er mit Morten teilte.

Also musste er Dantalion bitten, ihn herzurufen.

Wie üblich war Seere darüber nicht erfreut. Leonard tat sein Bestes, um das zu ignorieren.

„Ich hoffe, es ist wirklich wichtig“, motzte er.

„Das ist es in der Tat“, erwiderte Leonard. „Ich muss euch etwas mitteilen. Sitri stellt uns einen vierten Wächter zur Seite, einen Gestaltwandler.“

„Einen WAS? Das ist nicht dein Ernst!“ Dieser Einwand kam – wie erwartet – von Seere. Es war Leonard so klar gewesen, dass sein Schwarm etwas zu meckern haben musste. Und das, obwohl er derjenige war, der die seltenste Zeit im Haus war.

„Es ist mein Ernst“, antwortete Leonard trocken. „Und ich wäre dir dankbar, wenn du mich erst ausreden lassen würdest, bevor du herumschreist.“

Seere warf ihm einen Blick zu, der seinen Puls einmal mehr in die Höhe schnellen und ihn Morten in die unterste Hölle verfluchen ließ.

„Gut. Er wird heute Abend hier ankommen, und ich will – das ist ein Befehl! – dass ihr beide euch freundlich und kooperativ verhaltet. Sitri sagte, er wollte unbedingt hierher zu uns, um uns zu unterstützen. Allerdings ist er sehr jung und wird unsere Hilfe in mehr als nur einer Hinsicht brauchen.“

„Wie alt ist er denn?“, fragte Dantalion gelangweilt nach.

„Gerade mal zwei Jahre.“ Leonard kam sich wie ein Verräter an seinen Freunden vor, als er das sagte.

Dantalion sah ihn zuerst verblüfft an, dann zogen sich seine Mundwinkel auseinander und erreichten beinahe seine Ohren, ehe das laute Lachen durch den Raum hallte. Nach einer Schrecksekunde fiel Seere ebenfalls in diesen Lachflash ein. Dantalions Lachen war furchtbar ansteckend.

„Du ... du willst uns ... tatsächlich ein ... Baby aufhalsen?“, japste Seere, als er halbwegs in der Lage war, zu sprechen und wischte sich die Lachtränen aus den Augen.

Leonard dagegen war nicht nach Lachen zumute und es ärgerte ihn, dass seine Gefährten ihn so wenig ernst nahmen.

„Er ist kein Reinblütiger, wie du dir vielleicht denken kannst. Sitri wird gute Gründe haben, warum sie ihn zu uns schickt. Es liegt wahrscheinlich an der Aufgabe, die wir vor uns haben, und an seiner Fähigkeit. Er wäre ein perfekter Spion, wenn er seine Kräfte unter Kontrolle hat.“

Gut, damit war nach nur zwei Jahren nicht zu rechnen, aber hoffentlich würde es ausreichen, um nicht bei seinen Spionageakten zu sterben.

„Mit seiner Geduld und seinem Einfühlungsvermögen wird Seere garantiert der perfekte Lehrer für ihn sein“, witzelte Dantalion ironisch.

„Besser als ihn zu Dummheiten zu verführen, wie du das tun wirst“, konterte Seere.

„Schluss jetzt! Ihr werdet euch BEIDE zusammenreißen. Seine Gabe ist zu selten und zu wertvoll, um ihn einfach draufgehen zu lassen. Ich denke, ihr seid in der Lage, Risiken abzuschätzen und ihm nichts zuzumuten, was ihn ernstlich in Gefahr bringt.“

„Mal im Ernst, Leonard“, sagte Seere gefasster und trotzdem immer noch mit einem hörbaren Glucksen in der Stimme. „Du willst uns als Babysitter für einen jungen Dämon, den wir zudem als Spion in die Bruderschaft schleusen sollen, und zwar nach Möglichkeit so, dass ihm nichts passiert?“

Es derart auf den Punkt gebracht, ließ Leonard schnauben. Seere zog süffisant eine Augenbraue nach oben.

„Okay, er ist ein Gestaltwandler“, fuhr er mit arroganter Miene fort. „Was hilft uns das, wenn er seine Kraft nicht vollständig nutzen kann? Du weißt besser als jeder andere, dass er das mit zwei Jahren auf gar keinen Fall kann. Dann sollen WIR unser Leben riskieren, um IHM aus der Patsche zu helfen? Das ist ein Witz, Leonard, und weder ich noch Dantalion werden das tun.“

„Das erwarte ich auch nicht. Sitri würde ihn nicht ins Feld schicken, wenn er absolut unfähig wäre. Wir werden sehen, wofür wir ihn gebrauchen können. Behandelt ihn mit Respekt, mehr verlange ich gar nicht.“

Leider war genau das von jemandem wie Seere schon zu viel verlangt. Und Dantalion ... er würde sich nichts anmerken lassen, aber heimlich doch über ihren Neuzuwachs spotten. Gut, damit müsste dieser Gestaltwandler leben.

*

Leonard saß in seinem Arbeitszimmer, als es an der Haustür klingelte. Er legte die Akte, in der er gelesen hatte, zur Seite, sah stirnrunzelnd auf die Uhr und machte sich auf den Weg zur Tür. Es war elf Uhr vormittags und somit noch längst nicht Abend. Er erwartete keinen Besuch und die anderen hatten einen Schlüssel. Daher nahm er seine menschliche Gestalt an, falls jemand vor der Tür stand, der nichts mit der Dämonenwelt zu schaffen hatte. Dantalion bestellte gern DVDs im Versandhandel und er musste sie dann entgegennehmen.

Es klingelte noch einmal, bis er sich im Erdgeschoss befand und die Klinke in der Hand hatte. Mit einem Ruck zog er die schwere Tür auf und sah sich einem jungen Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren gegenüber. Der Fremde war schlank, hatte rotbraune Haare und strahlend blaue Augen. Er war fast so groß wie Seere, was bedeutete, dass er nur knapp zehn Zentimeter kleiner als Leonard war.

„Ja?“, fragte Leonard statt einer Begrüßung.

„Mein Name ist Moroi. Ich komme in Sitris Auftrag, Leonard.“

Bei Morois tiefem Blick fühlte sich Leonard seltsam nackt und verletzlich, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gab. Das war er also, ihr Neuzugang.

„Wir haben dich schon erwartet“, erwiderte er sehr neutral. „Allerdings erst gegen Abend. Was machst du jetzt schon hier?“ Er hasste Unpünktlichkeit jeglicher Art, auch wenn der erwartete Besuch zu früh kam.

Die Miene seines jungen Gegenübers verfinsterte sich. „Du wurdest nicht benachrichtigt? Sitri ist gestern auf offener Straße angegriffen worden. Sie ist schwer verletzt und konnte sich mit knapper Not in die Hölle flüchten. Ich hatte den Auftrag, heute Vormittag hierher zu kommen, und da niemand meine Instruktionen geändert hat ...“ Er beendete den Satz mit einem Schulterzucken.

„Sitri ist verletzt?“, wiederholte Leonard ungläubig. Sitri war stark, in einem direkten Kampf wäre sie unschlagbar.

„Sie konnte nicht viel erzählen. Es heißt, dass sie überrascht wurde. Genaueres weiß ich nicht. Der Rat vermutet erneut die Bruderschaft dahinter.“

Leonard fluchte durch die Zähne und bemerkte, dass der Türrahmen wohl nicht der beste Ort war, um das zu besprechen.

„Komm rein und setz dich.“

Moroi folgte ihm in den Salon und setzte sich auf einen der angebotenen Sessel.

„Du bist also Moroi. Ein Gestaltwandler, wie ich höre. Wie gut bist du?“

Statt einer Antwort begann Moroi zu grinsen. Seine Gesichtszüge und seine Statur veränderten sich von einer Sekunde auf die andere. Seine Haare verdunkelten sich, wurden kürzer, Hörner sprossen aus seinem Kopf.

Die Veränderung war fließend, als sei er nichts weiter als ein computeranimiertes Bild, das von einem anderen Motiv überblendet wurde. Dies ging so schnell vonstatten, dass Leonard völlig überrascht war, als er sich plötzlich selbst gegenüber saß. Die Imitation war perfekt; es war, als blickte er in einen Spiegel. Auch Morois Stimme hatte sich verändert, als er fragte: „Ist das gut genug?“

Zwar wusste Leonard nicht genau, wie er sich selbst anhörte, aber wenn seine Stimme so voll und tief klang, wunderte es ihn nicht, warum selbst Seere nach einer lauten Standpauke nachgab.

„Es ist auf jeden Fall beeindruckend. Wie lange kannst du diesen Zustand anhalten?“

„Unterschiedlich. Wenn ich nicht zu stark abgelenkt werde, kann ich das einen ganzen Tag aushalten. Stell es dir so vor: Du willst dir unbedingt merken, nach der Arbeit Milch zu kaufen. Der Stresslevel, der nötig ist, um dich das vergessen zu lassen, ist ungefähr die Grenze für mich.“

Nachdenklich nickte Leonard. Unglaublich, wie gut Moroi nach nur zwei Jahren seine Fähigkeit im Griff hatte. Selbst er als reinblütiger Dämon hatte länger für das Beherrschen seiner Fähigkeit gebraucht. Unreine Dämonen, die nach dem Ende ihres menschlichen Lebens zu Dämonen wurden, waren tatsächlich erst nach zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren in der Lage, ihre Kräfte voll einzusetzen.

„Dann wirst du in der nächsten Zeit weiter üben“, bestimmte er. „Du wirst deine Stressresistenz erhöhen müssen, um uns eine Hilfe zu sein.“ Nach wie vor hatte er den dumpfen Druck im Magen, den Morois erste Worte ausgelöst hatten. Sitri ... Unfassbar!

Leonard nahm sich bewusst zusammen, um sich auf Moroi zu konzentrieren und nicht gedanklich zu seiner alten Freundin abzuschweifen.

„Ich zeige dir jetzt dein Zimmer und das Haus. Du kannst danach deine Sachen herbringen und ich werde nach Sitri sehen.“

Moroi nickte stumm und Leonard fragte sich, was die hochgezogene Augenbraue wohl zu bedeuten hatte. Im nächsten Moment hatte er das verdrängt und begann mit der Führung durch das Haus. Die meisten Räume waren schnell erklärt: Im Erdgeschoss gab es außer dem Salon das Ess- und Wohnzimmer, ein Bad, die Bibliothek, die Küche. Im Obergeschoss lagen ihre Privaträume, sein Büro, ein zweites geräumiges Bad. Eines der beiden Gästezimmer würde zu Morois Quartier umfunktioniert werden. Mehr ging den jungen Dämon erst einmal nichts an.

„Ihr habt ein sehr schönes Haus“, sagte Moroi anerkennend. Sein Lächeln war aufrichtig und freundlich, trotzdem war noch etwas anderes in seiner Miene, das Leonard nicht genau deuten konnte. Der junge Dämon wirkte, als wollte er etwas sagen, traute sich jedoch nicht.

„Solltest du Fragen haben, kannst du sie jederzeit stellen. Nun gehen wir erst einmal in die Hölle, ich will Sitri besuchen.“

„Sie ist außer Lebensgefahr, aber ...“ Moroi brach ab und sprach erst weiter, nachdem Leonard ihn mit einem scharfen Blick dazu aufgefordert hatte. „Sie sieht nicht gut aus.“

Daraufhin zog Leonard die Brauen zusammen. Was hatten diese Menschen ihr nur angetan? Leonard führte Moroi in den Keller, wo sich außer diversen ‚Zimmern‘ für unliebsame Gäste auch ein Wegportal befand, das sie direkt zum Senatsplatz der Hölle führen würde.

Den Bruchteil einer Sekunde später befanden sie sich auf dem Schwarzen Platz. Hier fiel es schwer, die menschliche Gestalt beizubehalten. Leonards Hörner wurden ebenso sichtbar wie die Stierhörner, die aus Morois Schläfen wuchsen.

Er wandte sich nach links, um eine breite Straße entlangzugehen, die sie direkt zu Sitris Haus führte. Schon jetzt, nach wenigen Augenblicken, spürte Leonard, wie seine Kräfte sich regenerierten, und ihm fiel ein, dass sein letzter Heimaturlaub eine geraume Weile zurücklag. Das war kein Wunder. Er wollte nicht zu lange von Seere weg sein – es beschlich ihn immer das Gefühl, dass Seere und Morten enger zusammenwuchsen, wenn er sie allein ließ. Zudem war es zurzeit nicht gerade günstig, seinen Wächterposten zu verlassen, da die Bruderschaft so aktiv war.

„Sie ist nicht zuhause“, sagte Moroi, als er sah, in welche Richtung Leonard strebte. „Sie ist im Hospital.“

Dort wurden die schlimmen Fälle hingebracht und bei Leonard schlugen alle Alarmglocken. „Du sagtest doch, sie sei außer Lebensgefahr.“

„Ja, aber ihr Gesicht ... Sie haben sie völlig entstellt.“ Morois Stimme war dünner geworden, fast zu einem Flüstern gesenkt. „Diese verfluchten Hunde haben sie vermutlich irgendwie betäubt und verschleppt ... Genaues konnte sie nicht sagen. Wenn du mich fragst, muss die Patrouille verdammt gut ausgerüstet gewesen sein, um Sitri zufällig ergreifen zu können.“

„Diese verfluchten Schweine!“ Damit war die Bedrohung durch die Bruderschaft noch ernster, als selbst Sitri angenommen hatte.

Moroi zuckte mit den Schultern. „Du weißt wahrscheinlich besser als jeder andere, dass sogar Dämonen ihre Schwachstellen haben. Und die nutzen sie aus.“

Der Fluch, der über Leonards Lippen kam, ließ sich beim besten Willen nicht unterdrücken. Er wirbelte herum und lief in großen Schritten in die andere Richtung weiter, um zum Hospital zu gelangen.

Zwar hatte er sich auf das Schlimmste gefasst gemacht, aber auf das, was ihn tatsächlich erwartete, als er Sitris Zimmer betrat, hätte er sich nicht einmal vorbereiten können, wenn er Stunden Zeit gehabt hätte.

Sitri war wach und ansprechbar, doch das meiste ihres Gesichts war, wie große Teile ihres Körpers, unter dicken Verbänden verschwunden. Als sie ihren Besucher erkannte, verzogen sich die blassen, trockenen Lippen zu einer Grimasse, die wohl ein Lächeln darstellen sollte.

„Leonard, schön, dass du da bist“, krächzte Sitri und Leonard zuckte zusammen. Das war kein Vergleich mehr zu der dunklen, vollen Stimme, die Sitri sonst hatte. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Sitri nahm ihm dieses Problem ab: „Mach diese Schweine fertig!“

„Keine Sorge, Sitri. Dafür werden sie bluten“, erwiderte Leonard ernst. Sitri nickte schwach und schloss die Augen.

„Pass auf deine Wächter auf. Besonders auf Moroi. Er ist ... zu übermütig.“

Moroi war anzusehen, wie gern er widersprechen würde, doch er tat es, vielleicht aus Respekt vor Sitri, nicht.

„Das werde ich“, sagte Leonard stattdessen. „Das werden sie büßen, meine Liebe.“

Sitri gab ein Geräusch von sich, wohl ein Lachen, das als unheimliches Zischen aus ihrer Kehle entwich. „Danke. Jetzt haut ab und lasst mich schlafen.“

Die beiden gingen; dieser Besuch war wirklich kurz gewesen. Leonard vermutete, dass Sitri so nicht gesehen werden wollte.

„Wenigstens hat sie ihren Humor nicht verloren“, sagte Moroi nachdenklich.

Natürlich hatte sie das nicht, dachte Leonard bitter. Sie würde den Menschen nie zugestehen, sie gebrochen zu haben.

„Du hast hoffentlich schon gepackt?“

Moroi grinste ihn an, offensichtlich erleichtert über diesen Themenwechsel.

„Ich habe meine Sachen bereits zu einem Wegpunkt bringen lassen“, berichtete Moroi und erzählte von seiner Zeit auf der Akademie, wohl um Schweigen zu vermeiden.

Leonard hörte nur mit einem halben Ohr zu, nickte ab und zu und hing ansonsten seinen eigenen Gedanken nach. Sie mussten unbedingt gegen die Bruderschaft vorgehen. Mit aller Härte. Tote würden unvermeidlich sein, besonders nach dem Anschlag auf Sitri. Wenn sie einen so hochrangigen Dämon angreifen konnten, mussten sie sehr fähige Mitglieder haben, die sehr genau wussten, was sie taten. Das machte die Sache noch schwieriger. Verdammt!

Sie erreichten das Portal, Moroi nahm seine Taschen auf. Leonard schritt durch die Dimensionentür und stand gleich darauf im Keller der Villa. Hinter ihm trat Moroi aus dem Portal.

„Bring deine Sachen in dein Zimmer. Danach kommst du in mein Büro.“

Leonard verließ den Keller, ohne sich zu Moroi umzudrehen.

Er hatte sich gerade erst hingesetzt und leise geseufzt, als es an der Tür klopfte. Der Junge musste seine Sachen lediglich in das Zimmer geworfen haben, um in diesem Tempo schon hier zu sein.

Etwas übereifrig. Aber das hatte Sitri ihm ja angekündigt.

Er würde ihn in seine Schranken weisen müssen. Besser, er fing gleich damit an.

„Setz dich“, sagte er und wartete, bis Moroi seiner Aufforderung nachgekommen war. „Du wirst eine Weile Dantalion oder Seere begleiten, wenn sie ihre Arbeit machen. Dir eine eigene Aufgabe zu übertragen, wäre etwas verfrüht.“

Die Enttäuschung war deutlich in Morois Gesicht zu sehen. Daran würde er arbeiten müssen.

„Traust du mir etwa nichts zu?“ Moroi klang beleidigt.

„So ist es“, erwiderte Leonard und genoss den Ausdruck der Bestürzung in Morois Augen. „Du bist zu jung und unerfahren. Dass selbst jemand wie Sitri von der Bruderschaft angegriffen werden konnte, ist ein deutliches Zeichen dafür, wie gefährlich sie ist. Und du hast es selbst gesagt: Wir sind nicht unsterblich. Wenn es dich erwischt, geht der Dämonenschaft eine wertvolle Gabe verloren und das will ich verhindern.“

„Aber ...“

„Du tust, was ich sage und wenn ich es dir sage.“ Leonards Stimme ließ keinen Widerspruch zu. Dennoch zeigte sich Moroi nicht einverstanden, sondern stierte ihn zornig an.

„Alleingänge werde ich bestrafen. Auf eine Weise, die du nie vergisst, klar?“

Morois Hände hatten sich so fest um die Armlehnen seines Stuhls geklammert, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Doch er protestierte nicht. Diesmal war er nicht mehr in der Lage, Leonards Blick standzuhalten, und senkte den Kopf zu einem Nicken.

Leonard schmunzelte ungesehen. Seine Gabe war in seiner Position ungemein praktisch. Was immer er mit seiner Befehlsstimme anordnete, wurde prompt erfüllt, zur Not auch gegen den Willen seiner Untergebenen.

„Sitri sagte, du hättest dich darum gerissen, Wächter zu werden. Warum?“

Moroi seufzte leise und hob den Kopf langsam an.

„Das ist so nicht ganz richtig“, sagte er ruhig.

Leonard sah ihn fragend an.

„Ich wollte nicht einfach zu irgendeinem Wächterteam. Ich wollte hierher.“

„Wieso? Weshalb ausgerechnet zu uns?“

Irritiert sah er das schmale Lächeln in Morois Gesicht.

„Ihr seid das erfolgreichste Wächterteam und du bist der beste Teamleiter der Hölle. Ich wollte zu euch, um von den Besten zu lernen.“

Na bravo! Moroi würde sehr schnell ernüchtert auf dem Boden der Tatsachen aufschlagen, wenn er Seere und Dantalion erst einmal näher kennenlernte.

„Erwarte hier keine Unterrichtseinheiten wie auf der Akademie. Ich hoffe zudem, du hast die Bande zu den Menschen abgelegt und trägst keine Altlasten mehr mit dir herum. In deinem Job wirst du nicht zimperlich mit ihnen umgehen.“

„Schon in meinem Menschenleben habe ich mich von den Menschen abgegrenzt. Ich halte nicht mehr allzu viel von ihnen, seit sie mich gequält und getötet haben.“

„Erzähl mir davon. Ich konnte keinen Blick in deine Akte werfen“, forderte Leonard. Vor allem, um zu sehen, wie viel Abstand Moroi bereits von seinem weltlichen Leben als Mensch hatte.

„Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich war ein Betrüger und Kunstdieb, wurde geschnappt und landete im Gefängnis. Dort konnte man von einem hübschen Typen wie mir natürlich nicht die Finger lassen. Ich wehrte mich und irgendwann haben sie mir dafür die Kehle mit einem angeschärften Löffel aufgeschnitten. Alles danach war wie ein langer Traum, an den ich mich nicht mehr erinnere. Ich kam zu mir, als ich aus einem überdimensionalen, durchsichtigen Ei schlüpfte und man mir sagte, dass ich jetzt ein Dämon sei. Ende.“ Moroi grinste ihn an. „Reicht das, oder mehr Details?“

Leonard stand auf und ging um den Stuhl herum, auf dem Moroi saß. Unter dem engen Shirt zeichnete sich am Rücken eine Erhebung ab, die Leonard neugierig machte.

„Zieh dein Oberteil aus.“ Moroi kam dieser Aufforderung unverzüglich nach – ihm blieb nichts anderes übrig. Überrascht entdeckte Leonard zwei kleine schwarze Hautflügel, wie die von Fledermäusen. Allerdings waren Morois Flügel auch nicht viel größer als Fledermausflügel. Das sah niedlich aus und Leonard konnte sich ein kurzes Schmunzeln nicht so ganz verkneifen.

Er zupfte an einem der winzigen Flügelchen. Eine weitere Taktik, um zu sehen, wie er auf persönliche Angriffe reagierte.

„Fliegen kannst du mit den kleinen Dingern wohl nicht“, raunte er mit einem spöttischen Lachen.

Tatsächlich bildete dies eine Lücke in Morois gelassener Haltung und er zischte erbost: „Die wachsen noch!“

„Wer hat das behauptet?“

„Nalissa, eine Heilerin im Hospital.“

„Schon klar.“ Leonard lachte. Gut, das war etwas, das Moroi mit Seere und Dantalion üben konnte. Wenn er jedes Mal so ärgerlich wurde, würde das eine verwundbare Stelle geben.

„Putzig!“, setzte er eins drauf und erntete ein genervtes Zischen von Moroi, das ihm einmal mehr ein Grinsen entlockte.

„Moroi, du wirst dich besser unter Kontrolle halten müssen, wenn du hier bestehen willst. Dantalion ist ein Telepath, er wird jede noch so kleine Lücke in deiner Selbstbeherrschung ausnutzen. Und Seere ...“ Leonard atmete tief durch, als er an seinen geliebten Rotschopf dachte. „... wird dich erbarmungslos niedermachen, wenn er merkt, dass du dich über so was aufregst. Gib ihnen keinen Anlass, dich in Grund und Boden zu stampfen.“

Eigentlich tat Moroi ihm leid. Leonard wusste, dass Dantalion und Seere gegen seine Anwesenheit waren und ihm das Leben so schwer wie möglich machen würden, ohne dass er es verhindern konnte. Blieb nur zu hoffen, dass sich Moroi ausreichend wehren konnte.

„Wo sind Dantalion und Seere überhaupt?“, erkundigte sich Moroi und Leonard schätzte, dass er die berühmt-berüchtigten Wächter kennenlernen wollte.

„Dantalion erledigt gerade einen Auftrag und Seere ist bei Morten, nehme ich an.“

„Morten?“, fragte Moroi. Sein Kopf war in die Höhe geschossen.

„Ja, Seeres ... Vertragspartner, laut seiner Aussage. Die Wahrheit ist, dass sie so etwas wie eine Beziehung führen“, knurrte Leonard. Nein, er machte keinen Hehl daraus, dass ihm das nicht recht war.

„An dieser Stelle sei gesagt, dass du am Besten gleich die Finger von deinen Vertragspartnern lässt, sonst handelst du dir nur Ärger ein. Du musst in der Lage sein, einen Vertragspartner zu töten, wenn er gegen deinen Willen verstößt, und ich glaube, dazu ist Seere nicht mehr in der Lage. Dantalion wird Seere nicht in den Rücken fallen. Von daher wäre es gut, wenn du im Ernstfall einschreiten würdest.“

„Ist dieser Morten so unzuverlässig?“

„Im Gegenteil. Aber er ist sehr eigensinnig und hat keinen guten Einfluss auf Seere. Er lässt ihn weich werden und überreagieren. Letztes Jahr hatten wir fast schon Krieg gegen die Engel wegen ihm. Im Moment ist er Seeres größte Schwachstelle. Das ist leider gemeinhin bekannt, und das haben diese verfluchten Lichtträger versucht auszunutzen.“

„Dieser Morten ... Ist er ein Kunstdieb?“, fragte Moroi vorsichtig.

Leonard nickte. „Du bist informiert. Wer hat dir das erzählt?“

Moroi wandte betreten den Kopf zur Seite. „Ich kenne ihn aus meinem früheren Leben.“

„Nein!“

Der junge Dämon versuchte ein beschwichtigendes Lächeln. „Er war mein Partner.“

Leonard hätte Moroi am liebsten geschlagen, doch der konnte ja nichts dafür. Oder?

„Bist du wegen ihm hier?! Sag die Wahrheit!“, zischte Leonard ärgerlich.

„Nein“, antwortete Moroi. Leonard war zufrieden. Auf seinen Befehl hin hatte Moroi nicht lügen können. Doch was er anfügte, ließ Leonard hellhörig werden. „Ich bin wegen dir hier.“

„WAS?“ Leonard wirbelte herum und starrte Moroi entgeistert an. „Wie darf ich das verstehen?“

Vor lauter Überraschung hatte er diese Fragen in einem normalen Tonfall ausgesprochen – was Moroi die Möglichkeit zu Ausflüchten gab. Auch wenn Leonard nicht davon ausging, dass Moroi das jetzt wagen würde.

„Wie ich schon sagte: Ich will von den Besten lernen. Es gibt keinen Wächter, der besser ist als du.“

Leonard gab sich vorerst mit dieser Antwort zufrieden und nickte.

„In Ordnung. Dann wirst du jeden Befehl ohne Fragen ausführen. Wenn du Erklärungen brauchst, wirst du sie bekommen, sobald ich Zeit dafür habe. Ich gebe nie Befehle aus purer Laune heraus. Alles hat einen Grund, selbst wenn er für dich nicht ersichtlich ist. Mein erster Befehl an dich lautet: Du wirst dich von Morten fernhalten.“

Es reichte, wenn Seere diesem Mistkerl mehr und mehr verfiel. Moroi nickte gehorsam.

Leonard setzte sich an seinen Schreibtisch, lehnte sich gemütlich zurück und musterte das hübsch geschnittene Gesicht des jungen Dämons.

„Ich hatte ohnehin nicht den Hang danach, mich mit ihm abzugeben. Nach meiner Wiedergeburt habe ich ihn einmal in einem Café getroffen, aber ... Na ja, da ist nichts mehr. Ich habe nicht das Verlangen danach, ihn zu treffen, und das beruht wohl auf Gegenseitigkeit.“ Moroi zeigte ihm ein leichtes Lächeln. „Ich werde dich nicht enttäuschen, Leonard.“

Dieser Kerl war wohl sehr redselig und bemerkte nicht, wann eine Unterhaltung vorbei war. Leonard schwieg ihn an. Moroi sprach einfach weiter.

„Wann lerne ich meine neuen Kollegen kennen? Und an wen soll ich mich zuerst heften?“

Zur Hölle, konnte man den Kerl abstellen?

Moroi musterte ihn neugierig und Leonard seufzte innerlich.

„Du wirst dich zuerst an mich ‚heften‘“, erklärte er. „Dantalion wird dich anfangs sicher nicht mitnehmen und Seere ... Von dem hältst du dich besser erst mal fern.“

Es ging Leonard nicht darum, dass Seere Moroi nicht ausreichend schützen würde, wenn es hart auf hart kam. Nein, er wollte schlicht und ergreifend nicht, dass dieser hübsche Dämon in Seeres Nähe war. Noch dazu, da sie beide mit Morten zu tun gehabt hatten.

 „Du wirst dir zuerst die Unterlagen über die Bruderschaft ansehen und die Daten der wichtigsten Leute auswendig lernen.“ Eine langweilige und nervige Aufgabe, wie er wusste. In erster Linie war das Beschäftigungstherapie für Moroi.

„Wenn du auf dem Laufenden bist, werden wir einen Plan austüfteln, wie wir die Organisation infiltrieren und auseinandernehmen.“

Zu Leonards Erstaunen grinste Moroi ihn breit an und wirkte sehr vergnügt.

„Okay. Soll ich gleich anfangen? Wo hast du die Akten?“

So viel Tatendrang hatte Leonard nicht erwartet, nun, da er ihm Papierkram angedroht hatte. Vielleicht sollte er ihn noch bitten, Kopien zu machen und Kaffee zu kochen.

„Ich könnte uns später etwas zu Mittag kochen. Oder willst du lieber ausgehen? Ich bezahle.“

„Nein, danke. Ich kann mir ein Brot machen“, sagte Leonard, der ahnte, dass die Zeit mit Moroi anstrengend werden würde.

„Ich koche gern. Und ich kann das ganz gut.“

Ehe Leonard sich auf weitere Diskussionen einließ, gab er nach. Ihm fehlten schlichtweg die Nerven dafür. „In Ordnung. Sofern du die Küche hinterher wieder in den Zustand versetzt, in dem sie jetzt ist.“

„Kein Problem.“

Leonard legte Moroi den Aktenstapel vor, den sie über die Bruderschaft erstellt hatten. Etliche Mitwirkende hatten sie bereits identifiziert, doch die waren lediglich Mitläufer und Handlanger. Genauere Informationen über die Anführer der Bruderschaft hatten sie nicht. Noch nicht. Sicherlich hoffte Sitri, diesem Umstand mit Morois Unterstützung Abhilfe schaffen zu können.

Mit vor der Brust verschränkten Armen sah Leonard zu, wie Moroi die erste Akte aufschlug und sich darin vertiefte. Amüsiert beobachtete er, wie Moroi die Zungenspitze zwischen den Lippen hervorlugen ließ, während er sich konzentrierte. Zusätzlich rieb er mit einem Finger über das Kinn und wickelte schließlich eine Haarsträhne auf den Zeigefinger. Es war interessant, solche Angewohnheiten zu verfolgen und brachte Leonard zum Schmunzeln. Er setzte sich leise auf seinen Chefsessel, legte die Fingerspitzen beider Hände aneinander und betrachtete Moroi darüber hinweg.

Plötzlich schaute Moroi auf und direkt in Leonards Augen. Leonard kam sich ein wenig ertappt vor, brach aber den Blickkontakt nicht, sondern lächelte leicht.

„Spannende Lektüre, was?“, fragte er, mehr oder weniger rhetorisch.

Moroi nickte, wobei er die Augen nicht abwandte. Sein Blick hatte etwas seltsames, stechendes an sich, was Leonards Puls ein klein wenig in die Höhe trieb.

So etwas war ihm seit Jahren nicht mehr passiert. Trotzdem wäre er kein derart guter Anführer, ließe er sich seine Irritation in diesem Moment anmerken.

Interessant an dem Mann war auch, dass er ihn als Wächterchef zwar zu respektieren, jedoch nicht zu fürchten schien. Vielleicht hatte Sitri ihm nicht genug über ihn erzählt? Den meisten jungen Dämonen jagte er mit seiner Fähigkeit Angst ein, könnte er sie doch alles tun lassen, was er wollte, notfalls gegen ihren Willen. Er musste die Sache ergründen.

„Du meintest vorhin, du wolltest in meine Wächterdelegation kommen, weil du mich für den Besten hältst. Weißt du, was meine besondere Fähigkeit ist?“

Moroi zog tadelnd eine Augenbraue hoch. „Natürlich weiß ich das, ich habe mich schließlich informiert. Du kannst andere nach deinem Willen lenken wie ein Puppenspieler.“

„Ich könnte das jederzeit mit dir machen.“

Morois Antwort überraschte ihn.

„Wahrscheinlich hast du das schon getan.“ Dabei wirkte der junge Dämon amüsiert. „Oder etwa nicht?“

„Woher willst du das wissen?“, versuchte Leonard sich aus der Affäre zu ziehen. Moroi hatte ihn offenbar durchschaut und grinste ihn an.