Pet Shop - Lena Seidel - E-Book

Pet Shop E-Book

Lena Seidel

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Beschreibung

Auf dem Rückweg von einem Meeting gerät der Unternehmer Chris Spencer in einen Stadtteil der Unterprivilegierten "Nima". Er ist verblüfft, als er einen Club entdeckt, vor dem ganz offensichtlich Stricher stehen. Aus reiner Neugier nimmt er einen von ihnen mit nach Hause. Doch dann passiert etwas, das sowohl für Chris als auch den illegalen Stricher Dean brandgefährlich ist: Chris verliebt sich.

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Seitenzahl: 314

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Lena Seidel

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2014

http://www.deadsoft.de

© the author

http://lenaseidel.wordpress.com

Cover: Joshua Bailey

Kontakt: [email protected]

Bilder:

© Peter Atkins – fotolia.com

© lunamarina – fotolia.com

1. Auflage

ISBN 978-3-944737-50-8 (print)

ISBN 978-3-94473751-5 (epub)

1. Kapitel

Es war nach Mitternacht, für die Jahreszeit viel zu kalt und es regnete. Das Schlimmste von allem: Chris war genervt. Er hatte einen verdammt langen Tag hinter sich, der ihn bis an den Rand seiner Kräfte gebracht hatte. Der morgige würde voraussichtlich auch nicht besser werden … Obendrein hatte er sich früher am Abend für ein Fahrzeug aus seinem Fuhrpark entschieden, das über keinen Autopiloten verfügte. Das war der Grund, warum er in seiner Stadtwohnung übernachten wollte, anstatt die Fahrt zu seinem Haus außerhalb der Stadt auf sich zu nehmen.

Der Asphalt der Straße war schwarz vor Nässe, die grellen Lichter der Straßenlaternen spiegelten sich darin und blendeten ihn fast. Zudem fuhr er den Weg von dem Hotel, in dem er bis jetzt an einer Konferenz teilgenommen hatte, zu seinem Loft zum ersten Mal, und er war sich nicht sicher, ob er sich nicht verfahren hatte. Alles in allem noch mehr Grund für schlechte Laune, fand er. Wenn er sich nicht irrte, fuhr er soeben durch den Slum von Sektor fünf. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.

Energisch drückte er auf den Knopf am Lenkrad, der das Navigationshologramm auf der Frontscheibe startete und ihn in eine Onlineverbindung mit dem Computer in seiner Wohnung brachte.

„Willkomm…“

„Nachhause!“ Gott, wie er diese durch die Übertragung verzerrte Stimme hasste. So weit fortgeschrittene Technik und manchmal kam er sich trotzdem vor, als lebten sie in der Steinzeit.

„Nach siebzig Metern links abbiegen.“

Er bog um die nächste Ecke und traute seinen Augen kaum. Überrascht stieg er auf die Bremse. Die enge Straße war für die Uhrzeit und dieses Sauwetter enorm bevölkert. Zwei Fluggleiter schwebten über dem rechten Straßenrand, ein gutes halbes Dutzend verschiedenster Baureihen parkte in unregelmäßigen Abständen gegenüber. Grund dafür war offensichtlich ein Gebäude mit blinkender Neonschrift. Giftiges Grün, grelles Pink und knalliges Blau kämpften sich abwechselnd flackernd durch den nächtlichen Regen.

Er legte den Kopf schief und betrachtete die aufleuchtenden Buchstaben. Pet Shop. Das sagte so ziemlich alles, fand er, nachdem er sich weiter umgesehen hatte und einige junge Männer entdeckte, die sich leicht bekleidet und in anzüglichen Posen ganz eindeutig anboten. Dann handelte es sich um das alleinstehende Haus folglich um ein Bordell.

Er schnaubte leise. Pet Shop. Ob die Jungs ahnten, wie sarkastisch dieser Name war? Die elitäre Oberschicht betitelte die Menschen der unteren Gesellschaftsschichten als Nima. Nima, die Abkürzung für Animal. Tier. Der Besitzer des Lokals hatte entweder einen Zufallstreffer gelandet oder er war mit den Oberen in Berührung gekommen. Wobei Letzteres die wahrscheinlichere Antwort war.

Sein Blick glitt erneut zu den jungen Männern. Dass es in dieser Stadt käufliche Liebe gab, war ihm bewusst gewesen. Massagesalons, Stripclubs, Begleitservices, ja. Aber ein Bordell mit angeschlossenem Straßenstrich? Das war verdammt riskant.

Der Gedanke, Gas zu geben und nach Hause zu verschwinden, wurde von seiner Neugier wortwörtlich ausgebremst. Verdammt, seine homosexuelle Phase hatte er mit Beendigung der Pubertät erledigt geglaubt … Aber die Stricher zogen ihn wie magisch an. Er pfiff auf den Regen, parkte den Wagen und stieg aus, um sich die Jungs näher anzusehen. Normalerweise war er nicht neugierig und von bezahltem Sex hielt er nicht viel, doch diese Szenerie hatte für ihn etwas verführerisch Unwirkliches an sich. Zudem empfand er den unerwarteten Reiz des Verbotenen wie eine Droge. Offene Prostitution war seit Jahrzehnten illegal, nicht nur den Strichern, sondern auch ihren Freiern drohten empfindliche Strafen, sollten sie erwischt werden. Obwohl es vermutlich vollkommen egal war, solange es nur die Nima betraf ...

Langsam schlenderte er auf die jungen Männer zu und musterte sie aufmerksam. Sie sahen wirklich erbärmlich aus. Wahrscheinlich hatte keiner von ihnen mit derart heftigem Regen gerechnet, auch wenn er sich allmählich in leichtes Tröpfeln verwandelte.

Während Chris an ihnen vorbeiging, schoben manche der Jungs ihr Becken vor, als wollten sie ihn auf diese Weise auf ihre Bestückung aufmerksam machen, der eine oder andere flüsterte ihm anzügliche Lockangebote zu.

Bei näherer Betrachtung entsprach keiner von ihnen seinem Typ – sofern er einen gehabt hätte. Er wollte sich gerade umdrehen und zurück zu seinem Wagen laufen, als ihn ein Lächeln erreichte, das geeignet war, ihn vom Hocker zu hauen. Wie hypnotisiert ging er auf den jungen Mann zu und musterte ihn dabei intensiv. Schulterlange dunkelbraune Haare, die ihm in nassen Wellen im Gesicht klebten. Grüne Augen, die leicht schräg im ebenmäßigen Gesicht standen. Schlank, aber nicht dürr. Zerrissene Jeans und ein weißes Shirt, das durch die Nässe allmählich durchsichtig wurde.

Ihm schoss die Frage durch den Kopf, wie der Kleine wohl hier gelandet sein mochte. Er verwarf sie wieder, es war nicht wichtig.

„Wie viel?“ Kaum hatte er die Frage gestellt, ohrfeigte er sich gedanklich. Schwachsinn, sich nur aus einer frustrierten Laune und gefahrensüchtiger Neugier heraus einen Stricher ins Bett holen zu wollen … Aber gut, er konnte die Verhandlung jederzeit abbrechen, sich in seinen Wagen setzen und nach Hause fahren, wie er es ursprünglich vorgehabt hatte. Dann hätte er wenigstens erfahren, was die Jungs so im Allgemeinen verlangten.

Für einen Augenblick wirkt der Junge, als hätte er ihn aus einem Tagtraum gerissen.

„Kommt drauf an, was du magst. Hundertzwanzig die Stunde, die ganze Nacht fünfhundert. Sonderwünsche kosten extra.“ Der Klang der Stimme jagte ihm einen heißen Schauer über den Rücken.

Trotzdem waren fünfhundert Gal ein schöner Batzen. Nicht, dass er es sich nicht leisten könnte. Im Gegenteil. Doch eigentlich war er gerade so weit gewesen, allein zu verschwinden, oder? Er stockte und wollte den Kopf schütteln. Nein. Er bezahlte für gewöhnlich nicht für Sex. Weder hundertzwanzig, noch fünfhundert. Irgendetwas an der Art des durchnässten Strichers hielt ihn jedoch davon ab, ohne Begleitung zu seinem Wagen zurückzukehren, einzusteigen und zu fahren.

„Okay. Fünfhundert.“ Erst als er den Mund wieder zu klappte, realisierte er, was er im Begriff war zu tun. Am liebsten hätte er sich an den Kopf gefasst. Er schien dringend Urlaub zu brauchen, wenn sich seine Handlungen so sehr von seinen Gedanken unterschieden … Der Stricher sah ihn abwartend und irgendwie hoffnungsvoll an, und Chris spürte, wie Mitleid für den Jungen in ihm aufwallte. Es war sicher kein Vergnügen, bei diesem Wetter auf Kundenfang gehen zu müssen … Er deutete mit dem Kopf zu dem flachen, schnittigen Wagen.

„Kommst du mit?“

Als der Stricher das Auto betrachtete, hob er beeindruckt eine Braue und sein Lächeln vertiefte sich.

„Das kostet hundertfünfzig extra. Normalerweise gehen die Kunden mit mir auf mein Zimmer.“

Chris atmete tief durch. Irgendwie war ihm die Preiserhöhung bei dem Blick auf sein Gefährt klar gewesen … Sein Wagen hatte Seltenheitswert – benzinbetriebene Autos waren vor einer halben Ewigkeit von Elektromobilen abgelöst worden. Die ihrerseits vor einigen Jahren von Solargleitern verdrängt worden waren. Der Unterhalt und vor allem der Kraftstoff für den Sportwagen kosteten ein Vermögen, was der hübsche Kerl vor ihm unter Garantie wusste.

Aber er war schon so weit gekommen, sollte es nun an einer Kleinigkeit scheitern? Zumal in ihm inzwischen, neben der Neugier, auch eine gewisse Lust aufwallte, der heimliche Wunsch, wieder einmal mit einem Mann im Bett zu liegen.

„In Ordnung. Komm.“ Im Gehen fischte er den Schlüssel aus der Hosentasche, entriegelte den Wagen per Knopfdruck und ließ die Türen nach oben gleiten. Bevor er in das Fahrzeug stieg, zog er sich die Jacke aus, um die Rückenlehne nicht zu durchnässen. Geschmeidig setzte sich der junge Mann auf den Beifahrersitz und griff nach dem Gurt, während Chris den Motor startete.

„Ich bin Dean.“

Chris wandte überrascht den Kopf. Das hatte freundlich und verführerisch zugleich geklungen. Ein kleines Lächeln bog seine Mundwinkel nach oben.

„Ich heiße Chris.“ Damit fuhr er los. Den Blick behielt er brav auf die Straße gerichtet – alles andere wäre trotz des kaum nennenswerten Verkehrs selbstmörderisch gewesen.

Es dauerte nicht lange, bis das Naviholo ihn in die Tiefgarage lotste, die zu seiner Wohnung gehörte. Chris parkte auf seinem reservierten Platz und ließ per Knopfdruck beide Wagentüren nach oben surren. Ein Kribbeln machte sich in seinem Magen breit – und erinnerte ihn daran, dass er heute bisher nichts gegessen hatte. Ein Umstand, den er schleunigst ändern sollte. Er stieg aus und ging um den Wagen herum, um Dean quasi abzuholen und ihn zum Aufzug zu führen, der sie in den obersten Stock bringen würde.

„Hast du heute schon was gegessen?“ Die Frage klang beiläufig. Er wollte sich nicht anmerken lassen, dass er im Moment reichlich ratlos war, was er mit Dean eigentlich anfangen sollte.

Missmutig schaute Dean an sich hinunter. „Willst du essen gehen? Dafür bin ich nicht richtig gekleidet.“

„Was?“ Chris stand für einen Moment auf der Leitung, während der Fahrstuhl sie nach oben trug. „Nein. Ich geh heute nirgendwo mehr hin, außer ins Bad und ins Bett. Aber wir können uns etwas bestellen, wenn du auch Hunger hast. Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm.“ Er zuckte lapidar mit einer Schulter und grinste sein Lausbubenlächeln, das so einige Geschäftspartner aus dem Konzept und die meisten Frauen für gewöhnlich in sein Bett brachte. Ob er mit diesem unbeschwerten und frechen Grinsen auch bei Dean Erfolg hatte? Obwohl es gleichgültig war, immerhin bezahlte er ihn ja. Es war vollkommen egal, ob Dean ihn mochte oder ob er von ihm begeistert war, oder nicht.

Der Aufzug bremste sanft ab und blieb stehen, mit einem leisen „Willkommen“ erlosch die Sicherheitsschranke der Lichtschleusentür und gab den Blick auf einen gepflegten Flur frei. Lediglich zwei Türen gingen davon ab. Chris schritt voran, das Schloss der linken Tür öffnete sich mit einem elektronischen Knacken. Er stieß sie auf und betrat die Wohnung.

„Hallo, Hal! Licht!“ In die Wände eingelassene Lichtfäden flammten auf und erhellten die Räume.

„Mit wem redest du? Ist noch jemand hier? Ein Dreier war nicht abgemacht.“

Er drehte sich zu Dean um, der anscheinend unschlüssig war, ob er nicht besser schleunigst das Weite suchen sollte.

„Ich rede mit Hal, meinem Computer.“

„Wieso nennst du deinen Computer Hal?“ Deans Ton war anzuhören, dass er ihn wohl für nicht ganz dicht hielt.

„Er heißt so. HAL 9001.“

Zögernd machte Dean den ersten Schritt in die Wohnung und sah sich dabei stirnrunzelnd und aufmerksam um. Er kam Chris vor wie ein scheues Tier, jederzeit bereit, zu flüchten.

„Wie kommst du ausgerechnet auf so einen Namen?“

Chris lachte leise. „Den habe ich in einem alten Film entdeckt und fand ihn passend.“

Mit einem „Hm“ kam Dean näher. Chris überließ seinem Gast mit einer eleganten Handbewegung den Vortritt in seine Wohnung.

Als Dean an ihm vorbei in den weitläufigen Wohnbereich schritt, hatte er einen kurzen Moment Gelegenheit, dessen ausgesprochen ansehnliche Rückseite zu bewundern. Aus Reflex leckte er sich über die Lippen. Verdammt, Dean sah in Klamotten schon traumhaft aus. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie er erst ohne aussehen mochte.

„Ich hoffe, ich kann dich bei beidem begleiten.“ Dean hatte sich umgedreht und lächelte verführerisch.

Chris hatte keine Ahnung, wovon Dean sprach, was der ihm anscheinend ansah. „Bad und Bett? Wenn du vorher etwas essen willst, bestelle ich gerne mit.“

Bei Chris fiel der Groschen. Die Antwort blieb ihm jedoch im Hals stecken, weil sich Dean in diesem Moment bückte, um sich die Schuhe auszuziehen, und ihm dabei seinen Hintern entgegenreckte. Er war so in die Betrachtung vertieft, dass erst wieder Bewegung in ihn kam, als Dean schon auf die Couch zusteuerte.

„Beeindruckende Wohnung, wirklich.“

Er nickte lächelnd, entledigte sich seiner Schuhe und des Jacketts und atmete erleichtert auf. Zuhause. Endlich. Na ja, zumindest halb. Das hier war sozusagen seine Notabsteige, wenn es zu spät wurde, um wirklich nach Hause zu fahren. Was leider immer öfter vorkam.

Er gesellte sich zu Dean ins Wohnzimmer, stellte sich an den Schrank und öffnete das Barfach.

„Willst du auch was?“ Er wandte sich halb um und hob dabei das Glas fragend in die Höhe.

„Nein, danke. Ich bleibe lieber nüchtern. Aber auf das Angebot von vorhin wegen des Essens komme ich gern zurück.“

Chris hob das Glas an die Lippen. Während er trank, verfing sich sein Blick in Deans strahlenden Augen. Ihm wurde warm, eine merkwürdige Spannung brodelte in ihm auf. Er war nicht nervös, nur aufgeregt wie ein Kind vor Weihnachten.

„Klar. Willst du etwas Bestimmtes?“ Seine Stimme klang rau und nicht so fest wie sonst.

Die Spannung in ihm stieg weiter an, als er beobachtete, wie sich Deans Mund zu einem sehr anzüglichen Grinsen verzog und die strahlenden Augen einen aufreizenden Schlafzimmerblick bekamen.

„Ich überlasse dir die Entscheidung. Ich nehme, was du mir gibst.“

Das Kribbeln in seinen Lenden verstärkte sich, seine Hose begann, über dem Schritt unangenehm zu spannen.

Verdammt, Dean hatte es wirklich drauf, ihn nur mit Blicken, Gesten und wenigen Worten zu erregen. Chris atmete tief ein, um wenigstens einen Teil seiner Beherrschung zu behalten.

„Hal, Bestellung beim Italiener, zweimal Spaghetti mit Lachs und Shrimps. Badewasser einlassen. Morgen Früh Kaffee für zwei.“ Entscheidungen zu treffen und Befehle zu geben, und sei es nur dem Computer, ließ ihn wieder sicherer werden. Das war seine Welt, da wusste er, was zu tun war. Er lauschte kurz und wandte sich wieder Dean zu, als er das Wasser dumpf in die Wanne rauschen hörte. Ein spöttischer Blick traf ihn und prompt verflog das trügerische Gefühl von Sicherheit und Kontrolle.

„Ähm ...“ Er hatte keine Ahnung, was üblich war: Sollte er Dean jetzt oder erst morgen bezahlen? Er zückte seine Brieftasche, holte ein Bündel Scheine heraus und legte sie behutsam unter Deans Beobachtung auf den Tisch. So konnte er sie nehmen, wann immer er wollte. Wenn Chris Pech hatte, schnappte Dean sich jetzt das Geld und verschwand. Aber das musste er in Kauf nehmen.

Dean schlenderte auf ihn zu und blieb erst stehen, als nicht einmal mehr eine handbreit Platz zwischen ihnen war. Ohne etwas zu sagen, nahm er das Whiskyglas und stellte es in einem Fach im Schrank ab, leckte sich lasziv über die Lippen und lehnte sich leicht gegen Chris, dem von diesem kaum spürbaren Körperkontakt heiß wurde. In seinem Magen prickelte es heftiger als je zuvor. Bis das Essen kam, würden sie beide ein wenig Zeit haben, sich auf das Kommende einzustimmen. Auch wenn es lediglich aus einer Laune heraus entstanden war.

„Hast du was dagegen, wenn ich kurz ins Bad gehe und mich ein wenig herrichte?“ Er schenkte ihm ein hinreißendes Lächeln und fuhr sich durch die nassen Haare, die ihm ins Gesicht hingen.

„Gute Idee. Ich will nicht daran schuld sein, wenn du dich erkältest.“ Das war das Einzige, das die Wissenschaftler noch nicht hatten ausrotten können. 99,9 Prozent aller viralen und bakteriellen Krankheiten waren seit Langem eliminiert – nur gegen die Gefahr eines läppischen Schnupfens gab es noch kein Gegenmittel.

Dean drehte sich um und ging mit eleganten Schritten auf das Bad zu. Chris verkniff sich ein Seufzen, das sowohl der unterbrochenen Nähe als auch dem atemberaubenden Anblick von Deans Rückseite gegolten hätte. Er nahm das Glas wieder auf und setzte sich damit auf die Couch. Nachdenklich drehte er es zwischen den Handflächen. Tausend Fragen schwirrten ihm durch den Kopf, zu schnell, um sich mit einer von ihnen eingehender zu beschäftigen. Warum hatte er der spontanen Ideen nachgegeben, Dean zu sich zu holen? Was hatte Dean an sich, dem er nicht widerstehen konnte? Was erwartete Dean von ihm? Erwartete er überhaupt etwas? Wie sollte er ihn behandeln? Um diese lästigen Gedanken loszuwerden, hob er das Glas an die Lippen und stürzte den Inhalt in einem Zug die Kehle hinunter. Das sanfte Brennen in seinem Hals und die heiße Explosion des Alkohols in seinem Magen wischten die Fragen tatsächlich aus seinem Denken. Mit einem leisen Klacken stellte er das Glas auf den Tisch und wandte den Kopf, als er ein leises Geräusch hörte. Ihm blieb einmal mehr der Atem weg. Dean hatte das nasse T-Shirt und die Socken ausgezogen und stand nun lediglich in der engen Jeans vor ihm, die seine Beine herrlich zur Geltung brachten. Verdammt, sah der Kerl gut aus! Chris lief das Wasser im Mund zusammen. Okay, für diesen Anblick hätte er auch wesentlich mehr als fünfhundert bezahlt. Für einen Moment vergaß er seinen Status als Oberer gegenüber einem Nima und starrte Dean begeistert an, während er krampfhaft versuchte, Luft in seine Lungen zu bekommen. Bei diesem Anblick fühlte er sich merkwürdig overdressed; ein dummes Gefühl, das er bisher nie in dieser Weise gehabt hatte. Als er sein Hemd aufknöpfte, spürte er, wie ihm heiß wurde. Tatsächlich noch einmal Sex mit einem Mann zu haben, hätte er sich nicht träumen lassen. Er zog sich das Hemd von den Schultern, das dünne Shirt, das er darunter trug, folgte. Beides landete beiläufig auf der Couch und dem Boden. Damit war Gleichstand hergestellt, nur dass er statt der Jeans eine Leinenhose trug. Er machte einen Schritt auf Dean zu, den Blick fest an dessen Augen geheftet. Es war, als wären sie sein Rettungsanker. Wenn er woanders hinsah, würde er nur Dummheiten machen … Dean war so unglaublich verführerisch.

Dean hob die Hände, legte sie auf Chris' Brust und jagte ihm damit die nächste Gänsehaut über den Körper. Er war zu lange allein gewesen, um vor solch deutlicher Verlockung geschützt zu sein.

„Ich hoffe, das Essen kommt bald.“ Die Stimme dicht an seinem Ohr vermittelte Chris das Gefühl, zärtlich gestreichelt zu werden. Seine Lider sanken nach unten und er konzentrierte sich einzig auf diese weiche, dunkle Stimme. Deans Hände schienen ihn zu verbrennen, wo sie ihn berührten. Wieso hatte es ein derart schöner Mann nötig, sich zu verkaufen? Eine Sekunde später hatte er diese Frage vergessen, weil ein warmer Hauch sanft über seine Haut strich. Gleichzeitig spürte er das leichte Ziehen, das Fingernägel auf seiner Brust ausübten, und sog scharf die Luft durch die Zähne. Es war nicht schmerzhaft, nur erregend auf eine unglaubliche Art.

„Das hoffe ich auch.“ Er fühlte sich wie hypnotisiert, hob die Hand und legte sie in Deans Nacken. Ganz langsam, fast schon in Zeitlupe, zog er ihn näher, genoss das statische Kribbeln, das sich in seiner Magengegend aufbaute. Beinahe hätte er gefragt, ob er ihn küssen dürfe, doch bereits in der nächsten Sekunde war das irrelevant. Dean lehnte sich gegen ihn, warme, kräftige Arme schlossen sich um seinen Oberkörper, eine weiche, glattrasierte Wange schmiegte sich an seine Schulter. Angenehmes Schweigen entstand und Chris genoss die Nähe, Wärme und Ruhe, die ausnahmsweise kein Zeichen von Einsamkeit war. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie noch ewig so stehenbleiben können, aneinander gekuschelt und sich haltend. Doch Hal unterbrach diese Zweisamkeit.

„Das Essen wird geliefert.“

Er löste sich atemlos von Dean, behutsam und bedauernd ließ er ihn los und grinste entschuldigend.

„Hal, öffne die Tür“, befahl er und marschierte aus dem Wohnzimmer, um das Essen in Empfang zu nehmen. Er war gerade dabei, dem Lieferjungen ein Trinkgeld zu geben, als er eine warme Hand auf seiner Schulter spürte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, das allerdings verschwand, als er den Blick des Lieferanten bemerkte. Anscheinend war dem der Anblick zweier halb nackter Männer, die vertraut miteinander umgingen, ein Gräuel. Chris runzelte die Stirn, doch ehe er den Pizzaboten entsprechend zusammenfalten konnte, kam ihm Dean zuvor.

„Was hältst du davon, wenn wir in der Badewanne essen?“ Die Frage und vor allem der anzügliche Ton, der keinen Platz für Missverständnisse ließ, brachten Chris' Grinsen zurück. Auf so eine Idee wäre er nicht gekommen. Er fing den angewiderten Blick des Essensboten auf, drehte den Kopf und gab Dean einen Kuss auf die Nasenspitze.

„Klingt nicht schlecht. Dann kommen wir schneller ins Bett.“ Damit schlug er dem Boten die Tür vor der Nase zu. Als er sich mitsamt den beiden Schachteln umwandte, ließ ihn Deans Gegenwart fasziniert erstarren und raubte ihm jeglichen Verstand. Gott, er wollte diesen Jungen. Unbedingt!

Was hatte er gerade noch sagen wollen? Chris starrte auf die beiden Behälter in seinen Händen, als hätte er sie noch nie gesehen. Ach ja, Essen … Er drückte Dean die Schachteln in die Hände.

„Bringst du die zum Tisch? Ich hole uns Besteck … und Wein, wenn du Lust dazu hast.“

Den Vorschlag, im Bad zu essen, tat er als Scherz ab.

Er wuselte davon, ohne die Antwort abzuwarten. Auf dem Weg in die Küche spielte er sogar mit dem Gedanken, Kerzen mitzubringen. Himmel, wie kitschig war das denn bitte? Nein. Keine Kerzen. Dean würde vor Lachen wahrscheinlich umkippen … Er war ein Stricher und das hier sein Job, und Chris war lediglich ein Kunde wie jeder andere auch. Gut, nicht ganz wie jeder andere – Dean hatte sicher noch keinen Kontakt mit einem Oberen gehabt, aber das tat nichts zur Sache. Morgen würde er wieder auf der Straße stehen und Chris in seinem Büro sitzen, Meetings halten und sich um Verkaufszahlen und Werbekampagnen kümmern.

Er nahm das Besteck aus einer Schublade, entnahm einem Schrank zwei Teller, öffnete eine Flasche Weißwein – der besser zu Pasta mit Fisch passte als roter – füllte zwei Gläser und machte sich auf den Weg ins Wohnzimmer. Dabei meinte er beiläufig: „Hal, ich brauche Musik.“ Gleich darauf tönten gedämpfte Rockballaden durch die Wohnung.

Er stellte das Geschirr auf den Tisch und setzte sich Dean gegenüber auf einen Hocker. Wie selbstverständlich machte Dean sich nützlich und gab das Essen auf die Teller. Sein Magen knurrte vernehmlich, was Chris ein leichtes Lächeln entlockte.

Dean grinste verlegen und begutachtete das Essen. „Das sieht wahnsinnig lecker aus.“ Sein Blick fiel dabei erneut auf Chris, und der hatte das Gefühl, als redete Dean nicht vom Essen. Jedenfalls nicht nur.

„Sollte es auch. Ich bestelle nur in guten Restaurants.“ Hals oberlehrerhafter Tonfall ließ Chris leise seufzen. Ehe er Hal für seine Einmischung tadeln konnte, verwandelte sich Deans Miene von vorfreudig zu entsetzt.

„Bekommt der alles mit?“

„Mein Name ist nicht der, ich heiße Hal, und ja, ich registriere alles, was hier vor sich geht.“

Deans Gesicht wurde kalkweiß, er sah sich suchend um, als ob er die Kameras suchte, mit der Hal die Wohnung überwachte. Die aufgerissenen Augen blieben schließlich an Chris hängen.

„Sieht der … Hal uns auch?“

Chris nickte. „Das ist seine Aufgabe.“

„Ich weiß nicht, ob ich das kann … Also, mit dir vögeln, wenn er zusieht.“

„Er sieht uns nicht wirklich zu. Hal ist ein Computer, wenn auch ein sehr weit entwickelter. Nicht mehr und nicht weniger.“

„Kannst du ihn nicht ausschalten? Nur für heute Nacht?“

„Das wäre zu kompliziert, tut mir leid. Vergiss ihn einfach. Er hat keine körperliche Präsenz und lediglich eine künstliche Intelligenz. Außer dir und mir ist niemand sonst hier.“

Offensichtlich konnte auch seine Beschwichtigung Deans Bedenken nicht vollständig auslöschen. Unschlüssig kaute er auf seinem Zungenpiercing herum und sah dabei hinreißend aus.

Chris saß da wie ein Ölgötze und konnte sich nicht von dem Bild losreißen, das sich ihm bot. Er fühlte sich wie in einen schönen Traum versetzt und fürchtete, jeden Augenblick aufwachen zu müssen.

Nach einem verlangenden Blick auf das Essen zuckte Dean die Schultern, packte das Besteck und begann zu essen. Nein, korrigierte Chris sich gedanklich, Dean aß nicht, er schlang.

„Du hast heute wohl noch nicht viel gehabt, was?“, erkundigte er sich mit hochgezogenen Augenbrauen, griff selbst nach der Gabel und wickelte die ersten Spaghetti auf. Die Antwort bestand in wildem Kopfschütteln. Immerhin hatte Dean offensichtlich so viel Anstand, nicht mit vollem Mund zu reden. Nein, doch nicht, revidierte Chris seine Ansicht, als Dean undeutlich nuschelte: „Boah, iff daff effter Fiff?“

Einen Moment lang überlegte er, was Dean wohl gemeint haben könnte, dann antwortete er mit einem Grinsen: „Ja, das ist echter Fisch. Lachs, um genau zu sein.“

Dean blinzelte überrascht, kaute nun gründlich, schluckte und strahlte ihn an.

„Sowas esse ich zum ersten Mal. Ich kenne nur diese Surrogate, die man kaufen kann.“

Kein Wunder, überlegte Chris und schob sich dabei eine Gabel voll Nudeln in den Mund. Es gab viele Sachen – Lebensmittel, Kleidung, Technologie, alltägliche Dinge, deren Gebrauch für ihn völlig normal war – die den Nima nicht zur Verfügung standen, ja, von deren Existenz sie wahrscheinlich nicht einmal wussten.

„Dann genieße es.“ Chris lächelte.

Dean griff zum Weinglas, schnupperte daran und leckte sich über die Lippen. Er trank einen großen Schluck und atmete tief durch. „Das ist der Wahnsinn!“

Mit aller Macht verkniff sich Chris ein überlegenes Schmunzeln. „Du bekommst nachher noch mehr davon, wenn du magst.“ Begeistertes Leuchten schlich sich in Deans Augen.

Als die Teller und Gläser leer waren, ließ sich Dean nach hinten fallen und gluckste leise. „Das war wirklich himmlisch!“ Er richtete sich wieder auf und sah Chris schelmisch an. „Was ist jetzt mit dem Bad?“

Chris erhob sich und sammelte das Geschirr ein. „Geh schon vor, ich komme gleich nach.“ Während er die Teller in die Küche brachte, flammte erneut Erregung in ihm auf. Er würde gleich Sex mit einem Mann haben. Herrlich verbotenen Sex …

An der Tür zum Bad zögerte er kurz, schüttelte den Kopf und machte kehrt, stieg aus seiner Hose und zog sich die Socken von den Füßen. Nur in eng anliegenden Shorts betrat er das Bad.

Dean saß in einer eleganten Pose nackt auf den Rand der Badewanne. Lächelnd stieß er sich von der Marmorumrandung ab und kam auf ihn zu. Mit einem neckischen Zwinkern ging er vor ihm in die Hocke und zog ihm dabei langsam die Shorts über die Beine. Chris hielt die Luft an und biss sich auf die Unterlippe. Shit! So würde Dean sein Schwanz, der bei dem traumhaften Anblick in Sekundenschnelle steinhart geworden war, gleich ins Gesicht springen.

„Ich habe schon auf dich gewartet.“ Das verführerische Raunen und der freche Blick von unten durch die feuchten Ponyfransen sorgten dafür, dass ein neuer Hitzeschwall durch seinen ganzen Körper waberte. Der Duft, der aus dem Badewasser aufstieg, regte ihn noch mehr an. Fuck, nein, das hier war nicht gut. Ganz und gar nicht. Er musste sich daran erinnern, dass er für all das bezahlte. Dass morgen alles wieder beim Alten sein würde. Und er allein.

Geschmeidig erhob sich Dean und kletterte mit anmutigen Bewegungen in die Wanne. Chris zwang sich, ruhig zu bleiben und nicht auf der Stelle über ihn herzufallen. Die Atmosphäre, die Gegenwart des schönen Strichers, die Aussicht auf das kommende Vergnügen, all das pushte ihn in ungeahntem Maße. Fest biss er die Zähne zusammen und stieg in das perfekt temperierte Wasser.

„So sollte es immer sein“, seufzte er zufrieden und träge, und meinte alles inbegriffen: Dean, das Bad, das Essen, den Wein, die Musik, die Entspannung. Ein Streicheln war hauchzart an seinen Beinen zu spüren, und Chris zuckte zusammen. Er schlug die Augen auf. Deans Gesicht kam langsam näher. Genau wie seine Hand, die sich über seinen Schenkel nach oben schob.

„Dann stell dir vor, dass es immer so ist.“

Bei den geflüsterten Worten stockte ihm erneut der Atem. Er weigerte sich, den Bezug zur Realität zu verlieren, doch kaum berührten Deans Lippen seine Brust, war dieser Plan hinfällig.

„Ich bin hier und ich bleibe die ganze Nacht. Das hier ist unsere Nacht. Nur unsere. Und sie kann ewig andauern.“

Ein kräftiges Ziehen breitete sich in seinem Bauch aus, Anspannung und Aufregung pur. Er zog Dean zu sich hoch und nahm seine Lippen in Beschlag, um auch das letzte Bisschen Denken abschalten zu können. In seinem Inneren kochte einmal mehr die Nervosität hoch. Es war so lange her, dass er mit einem Mann geschlafen hatte. Fast fünfzehn Jahre. All das wurde unwichtig, als weiche Lippen über seinen Hals wanderten. Chris spürte die Zungenspitze, die heißfeuchte Streifen auf seine Haut brachte. Er legte beide Hände um Deans Gesicht, doch als er es anhob, um ihn zu küssen, entzog Dean sich ihm. Stumm schüttelte er den Kopf. Und Chris verstand. Er hatte keinerlei Erfahrung mit käuflicher Liebe, doch dass in diesem Gewerbe nicht geküsst wurde, war sogar ihm bekannt. Es blieb ihm nichts übrig, als das zu respektieren.

Mit einem knappen Nicken und einem kleinen Lächeln ließ er sich tiefer in das Wasser sinken. Lediglich sein Kopf ragte noch aus dem Schaum, dafür fühlte er den anderen Körper umso deutlicher an seinem. Sein Herz geriet ins Stolpern, als ihm auffiel, dass ein Mann ja so einiges vorspielen konnte, die deutlich spürbaren Zeichen von Deans Erregung jedoch auf keinen Fall gespielt waren. Der harte Schwanz drückte sich gegen seine Lenden und ließ ihn ungewollt aufkeuchen. Ganz automatisch fanden seine Hände den Weg zu Deans Rücken und strichen darüber, zeichneten die Wirbelsäule nach und glitten zuletzt zu den festen Pobacken. Für einen Augenblick massierte er die Halbkugeln, die perfekt in seine Handflächen passten, dann rutschten seine Finger in den engen Spalt und tasteten über die seidige Haut. Deans Stöhnen war Musik in seinen Ohren. Chris massierte den Eingang, der unter seinen Fingerkuppen zuckte. Langsam schob er einen Finger in den engen Tunnel.

„Oh ja!“ Heißer Atem streifte sein Ohr und er schmiegte sich fester an ihn. Chris versuchte, seine Unsicherheit vollständig zu verdrängen. Immerhin hatte er hier jemanden über sich liegen, der jede Menge Erfahrung hatte. Vorsichtig bewegte er die Fingerspitze in Deans Innerem.

„Keine Sorge, du tust mir nicht weh.“ Bei der rauchigen Stimme wurde ihm schwindelig. Er spürte, wie Dean an seinem Ohrläppchen saugte und eine Hand in sein Haar schob. Gleichzeitig bog er den Rücken so weit durch, dass sich ihre Körper noch näher kamen.

Wieso hatte er sich nur für die Badewanne entschieden? Zu gern hätte er diese schöne Gestalt jetzt angesehen und bewundert. Aber nun war es zu spät. Auf der anderen Seite hatten sie ja die ganze Nacht vor sich …

„Mach weiter!“

Erneut ging ihm die verlockende Stimme unter die Haut. Er keuchte leise, als er Deans Forderung nachkam und seinen Finger weiter in der betörenden Hitze versenkte. Dean stöhnte auf, ein Geräusch, das Chris einen Schauer über den Rücken jagte. Gut, Dean war ein Profi, er konnte ihm mit Sicherheit alles Verlangen und alle Lust dieser Welt mustergültig vorgaukeln. Aber selbst wenn – es wirkte. Sacht bewegte Chris den Finger tief in Dean und erntete ein unbeherrscht klingendes Japsen.

„Ich will dich“, raunte Dean, und Chris bildete sich ein, wirkliche Sehnsucht in diesen Worten zu hören. Er zog den Finger zurück und drückte ihn an den Schultern in eine aufrechte Position.

„Nimm dir, was du willst.“ Er schloss die Augen. Eine verwirrende Weile lang geschah nichts, außer dass das Wasser zu schwappen begann. Im nächsten Moment schrie er lustvoll auf. Dean hatte ihn beim Wort genommen und sich in einer einzigen Bewegung bis zum Anschlag auf ihn gesetzt. Er klammerte sich an Dean und presste sein Gesicht in dessen Halsbeuge. Seine Hände krallten sich in die schlanke Taille. Eigentlich hätte er jetzt ein paar Sekunden Verschnaufpause gut vertragen können, doch Dean war offensichtlich anderer Meinung. Sofort fing er an, sein Becken kreisen zu lassen.

Chris erzitterte, die heißen Innenwände schlossen sich um seinen Schwanz und massierten ihn der Länge nach. An der Wurzel drückte ihn Deans Rosette hart zusammen. Er stöhnte hemmungslos auf. Scheiße, war das gut! Wieso um alles in der Welt hatte er damals aufgehört, mit Männern zu vögeln? Was hatte ihn nach so einem Gefühl ins Bett einer Frau treiben können?

Er schlug seine Zähne in die zarte Haut am Übergang von Deans Hals zur Schulter, was von Dean mit einem zufriedenen Brummen quittiert wurde. So musste das sein. Immer.

Er ließ sich nach hinten sinken, bis sein Hinterkopf auf dem Wannenrand lag, und winkelte die Beine an, um sich gegen Dean bewegen zu können. Was eigentlich nicht nötig war. Dean schien das, was er tat, so sehr zu genießen, dass Chris stillhalten und sich den vielfältigen Empfindungen hingeben konnte, die in ihm aufbrandeten. Allen voran die ständig steigende Lust, die sich wie ein Lauffeuer durch seinen ganzen Körper ausbreitete und ihn ein ums andere Mal erregt aufstöhnen ließ. Seine Nerven kribbelten, es kam ihm vor, als würde aus den Armen und Beinen Energie in seinen Unterleib schießen, sich zusammenballen. Wenn diese Energie erst stark genug wäre, würde sie sich in einem sinnesraubenden Orgasmus entladen. Chris genoss dieses Gefühl, trotzdem konnte er kaum erwarten, endlich die heiß ersehnte Erlösung zu bekommen. Er packte Dean kräftiger und drückte ihn mit jeder Bewegung tief auf seinen Schoß, um sich weiter in ihn zu bohren.

Dean fiel nach vorn, Chris bemerkte die Lippen an seinem Hals und spürte das dunkle Stöhnen heiß an seiner Haut.

„Gott, ist das geil!“

Er schlang die Arme um Dean und grollte lustvoll auf. Ja, geil, das war es in der Tat.

„Fass mich an!“ Zusammen mit seiner Forderung drängte sich Dean seinen Händen entgegen. Es bedurfte nicht sonderlich viel Fantasie, um herauszufinden, was genau Dean meinte. Fest umschloss Chris die pulsierende Latte und lauschte begeistert dem lauter werdenden Stöhnen. Durch den Ritt brauchte er nicht nennenswert agieren, Dean stieß von selber bei jeder Aufwärtsbewegung in seine Faust. Es dauerte nicht lange, bis seine Bewegungen fahriger und schneller wurden, das Stöhnen lauter und das Keuchen unbeherrschter. Auch in ihm staute sich die Energie weiter, bis er es schließlich nicht mehr aushielt. Hart hob er das Becken an, rammte sich tief in Dean hinein und schrie dunkel auf. In heißen Kaskaden ergoss er sich, überstreckte den Kopf in den Nacken und erstarrte für endlose Sekunden. Nachdem der letzte Schub Samen aus ihm gespritzt war, sank er kraftlos zurück und rutschte fast unter Wasser. Der Schaum war verschwunden, dafür schwammen kleine weiße Flocken knapp unter der Oberfläche. Er grinste zu Dean auf, der reichlich geschafft aussah. Er gönnte ihnen einen Moment, um zu Atem zu kommen, und strich währenddessen versonnen über Deans Hintern.

„Lass uns ins Bett gehen.“

Er verkniff sich ein Seufzen, als sich Dean auf diese Aufforderung hin prompt anhob. Nach ihm stieg Chris ein wenig ungelenk aus der Wanne und hielt ihm die Hand hin. Ohne sich abzutrocknen, brachte er ihn in sein Schlafzimmer und ließ sich mit ihm auf das Bett fallen. Es war ihm egal, ob das Bettzeug nass wurde oder nicht.

Kaum lagen sie auf der Matratze, zog er Dean auf sich und sah ihn von unten her an. Deans Augen hatten förmlich zu leuchten begonnen, stellte er fest, und als er beobachtete, wie das verführerische Lächeln auf den vollen Lippen erschien, hatte er das Gefühl, sämtliche Sinne zu verlieren.

Er tobte sich an Dean aus, ohne zu vergessen, dafür zu sorgen, dass auch der seinen Spaß bei der Sache hatte. Oder dass es ihm wenigstens leicht fiel, so zu tun, als hätte er Spaß …

Es war weit nach Mitternacht, als sie endlich erschöpft nebeneinanderlagen und ihm die Augen zufielen. Bereits im Wegdämmern legte er seinen Arm um Dean und sorgte dafür, dass der sich an ihn kuschelte, dann übermannte ihn der Schlaf.

*

„Einen wunderschönen guten Morgen. Es ist acht Uhr dreißig, die Außentemperatur beträgt zweiundzwanzig Grad bei klarem Wetter und Sonnenschein.“ Zeitgleich mit der weichen, melodischen Stimme ertönte ein metallisches Klacken. Dean schoss in die Höhe, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie sich die schwarzen Wände in deckenhohe Fensterscheiben verwandelten. Helligkeit blendete ihn.

Er ließ sich in das Bett zurückfallen und wälzte sich herum, konnte aber den Sonnenstrahlen nicht entkommen, die ihm rot durch die geschlossenen Lider in die Augen stachen. Seufzend öffnete er die Augen, um eine Bestandsaufnahme zu machen: ein riesiges und vor allem zerwühltes Bett, in dem er alleine lag. Das alles in einem Schlafzimmer, in dem schwarzes Holz, Rauchglas und geflextes Metall vorherrschte. Wo zum Henker war er? Und – die vielleicht sogar bessere Frage – wo war sein Freier von letzter Nacht?

Ächzend fuhr er sich durch die Haare, stellte die nackten Füße auf das dunkle Parkett und versuchte sich dabei zu erinnern, was in den vergangenen Stunden passiert war. Ach ja! Ein Mann mit dem Aussehen und offensichtlich auch dem Geldbeutel eines Models hatte ihn die ganze Nacht gebucht. Chris. Das war der Name gewesen, den er in der letzten Nacht immer und immer wieder gestöhnt hatte. Dabei hatte das nicht wirklich etwas mit seinem Job zu tun gehabt. Normalerweise fickten ihn die Kerle lediglich hart durch oder ließen sich von ihm einen blasen, vorwiegend in Autos, dreckigen Seitengassen, schmuddeligen Hotelzimmern oder dem kleinen Verschlag im Pet Shop, den er sein Zimmer nannte. Daran war nichts erregend. Im Gegensatz zu dem, was er am gestrigen Abend erlebt hatte. Nicht nur, dass er in eine richtige Wohnung gebracht worden war, nein, sein Kunde hatte tatsächlich Manieren gehabt – und den Körperbau einer griechischen Götterstatue.