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Nationalrat Beda Tobler aus Langnau im Emmental ist ein politisches Schwergewicht im Bundeshaus. Er weiss das – aber er will mehr. Er will in die Regierung, in den Bundesrat. Er ist auch ein grosser Fussballfan. Die FIFA weiss das auch und lädt ihn ein an die Fussball-WM in Katar. Als Gegenleistung muss Tobler die Sitzungsplanung seiner Kommission manipulieren. Ein parlamentarischer Vorstoss gegen die FIFA soll zu einem späteren, der FIFA genehmeren Zeitpunkt, behandelt werden. Am Tag der Ersatzwahl in den Bundesrat – Tobler ist haushoher Favorit – werden dessen Mauscheleien mit dem Fussball-Weltverband der Presse gesteckt. Wird Tobler trotzdem gewählt?
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Die Wahl | Daniel Schweizer
Satz + Druck Herrmann AG, Langnau i. E.
www.herrmann-druck.ch | emmentalshop.ch
ISBN: 978-3-907229-46-0
© 2023
Daniel Schweizer
Die Wahl
Ein trivialer Politroman
Über den Autor
Daniel Schweizer wurde 1955 in St. Gallen geboren und absolvierte eine Lehre als Buchhändler in Bern. Seit 25 Jahren lebt er in Langnau im Emmental. Nach verschiedenen Tätigkeiten in Buchhandlungen und Bibliotheken arbeitete er über 30 Jahre bei den Parlamentsdiensten, der Stabsstelle der Bundesversammlung in Bern. Dort war er die letzten 20 Jahre Leiter des Ressorts Web, verantwortlich für die Websites des Schweizer Parlaments.
Seit seiner Pensionierung berichtet er als freier Mitarbeiter für die Wochen-Zeitung für das Emmental und Entlebuch und führt weiterhin die Webagentur dane.sg
Über das Buch
Nationalrat Beda Tobler aus Langnau im Emmental ist ein politisches Schwergewicht im Bundeshaus. Er weiss das – aber er will mehr. Er will in die Regierung, in den Bundesrat. Er ist auch ein grosser Fussballfan. Die FIFA weiss das auch und lädt ihn ein an die Fussball-WM in Katar. Als Gegenleistung muss Tobler die Sitzungsplanung seiner Kommission manipulieren. Ein parlamentarischer Vorstoss gegen die FIFA soll zu einem späteren, der FIFA genehmeren Zeitpunkt, behandelt werden. Am Tag der Ersatzwahl in den Bundesrat – Tobler ist haushoher Favorit – werden dessen Mauscheleien mit dem Fussball-Weltverband der Presse gesteckt. Wird Tobler trotzdem gewählt?
Hintergrundinformationen zu diesem Buch unter
www.danielschweizer.ch
Kapitel 1
Er liegt auf dem Elfmeterpunkt. Der Spieler geht nochmals zum Ball, dreht diesen, hebt ihn auf, wischt ein paar feuchte Gräser ab und legt ihn erneut auf die Markierung. Den Blick zu Boden gerichtet macht er fünf Schritte rückwärts, stellt sich aufrecht, breitbeinig hin. Wie CR7, der grosse Selbstdarsteller von der portugiesischen Insel Madeira, der zum Schluss seiner Karriere für ein unanständig hohes Gehalt im Wüstensand der saudischen Scheichs kickt.
Die wenigen Gästefans pfeifen, einige johlen, die etwas zahlreicheren Einheimischen halten den Atem an. Jetzt gellt der Pfiff des Schiedsrichters über den holprigen Rasen. Für den Schützen das Zeichen, den alles entscheidenden Strafstoss auszuführen. Er tänzelt dem Ball entgegen, seinen Blick auf den Torhüter gerichtet, verlangsamt seine Schritte, täuscht den Schuss in die untere rechte Torecke an. Sein Duellgegner – dieser Tormann hat keine Angst – reagiert und springt – während der Ball bereits links oben im Netz zappelt.
Unter den Zuschauern auch ein stattlicher Herr Mitte fünfzig; sein Schnauz ist wesentlich dichter als sein graumeliertes Haupthaar. Unter dem hellblauen Poloshirt von Ralph Lauren, nicht zu übersehen, der Ansatz eines Bierbauchs; ansonsten aber eine elegante Erscheinung im lockeren Freizeitlook, mit marineblauen Chinos, allerdings ohne die weissen Sneakers eines Schweizer Laufschuhherstellers. Er scheint kein Anhänger des Tennisspielers aus Basel zu sein. Über die Schultern hat er sich lässig einen dunkelblauen Pullover von Tony Hilfiger gelegt; denn selbst bei hochsommerlichem Wetter kommt hier unten im Moos gegen Abend stets eine kühle Brise auf.
Ja, wer sich zuerst bewegt, hat verloren, freut sich Beda Tobler. Mit diesem letzten Elfmeter, verwandelt in Cristiano-Ronaldo-Manier, ist der Aufstieg des Dorfclubs, seines Clubs, tatsächlich vollbracht, auf den letzten Drücker. Der Mann in Schwarz, er trägt heute einen knallgelben Dress, lässt nicht mehr anspielen.
Tobler sprach immer von seinem Club, da er das Präsidium schon bald nach seinem Zuzug nach Langnau, dem grössten Dorf im Emmental, übernommen hatte. Der Fussballclub war sein Hobby. Daneben war Tobler Politiker, Berufspolitiker. Er sass seit Jahren für die Sozialdemokraten im Nationalrat und galt dort als Schwergewicht. Aber trotz randvoller Agenda verpasste der Präsident kein Heimspiel.
Noch ein letzter Schluck laues Bier aus dem Plastikbecher. Holzbecher wie im Berner Wankdorf waren hier, wie Tobler feststellte, zum Glück noch nicht angekommen. Dann schmiss er den Becher in eine blaue Tonne und ging Richtung FC Beizli. Der Wirt wollte ihm eine Bratwurst aufdrängen. Doch Tobler lehnte lachend ab. Er geniesse lieber das Original aus seiner Ostschweizer Heimat. Da wisse er, was drin sei.
«Nur frisches Kalbfleisch, Bratstücke, Voressen, Schulter, Brust und Hals gehören dazu. Selbstverständlich keine Innereien, kein Schweinefleisch. Als Geschmacksträger», so predigte Tobler weiter, «kann etwas Halsspeck dazugegeben werden. Weitere Zutaten sind Magermilch, Kochsalz, Milcheiweiss, Pfeffer, Muskatblüte und wenig Phosphat.» So, das hatte er wieder mal an den Mann gebracht. Der Beizer staunte.
Mit dem musste er sowieso noch ein ernstes Wort reden. Zumindest das Bier könnte dieser von der ältesten Schweizer Brauerei aus der Gallusstadt beziehen. Mit dem hier ausgeschenkten Gebräu der führenden Bierproduzentin der Schweiz konnte Tobler nicht viel anfangen.
Er zückte das Mobiltelefon, ein iPhone Pro der neusten Version. Nicht dass er jetzt scharf auf News gewesen wäre, sondern weil er im schwarz glänzenden Display die korrekte Ausrichtung seines Oberlippenbarts kontrollieren wollte. Seine Eitelkeit nervte ihn selber, aber das liess sich nun mal nicht ändern, fand er.
Ja, apropos Schnurrbart. Da hatte die Tochter seiner Partnerin, nicht gerade aufs Maul gefallen, bei seinem letzten Besuch tatsächlich gemeint, dieser Pornobalken gehöre abrasiert in seinem Alter.
«He, Nationalrat Tobler, wir spielen jetzt in einer anderen Liga! Wie läuft’s bei dir? Wann schaffst du den Aufstieg?» Gemeindepräsident Wüthrich – er stand, mit einer minderwertigen Wurst in der Hand, mit einer Gruppe gleich neben dem Beizli – hatte es selber trotz zahlreicher Anläufe nie in den Nationalrat geschafft. Tobler kannte Wüthrich und seine Sprüche, nahm’s locker, freute sich gar im Stillen. Denn sein Name war auch hier Programm, Bundesratsprogramm. Sein Name fiel, wann immer die Rede war von einer anstehenden Vakanz im Siebnergremium, welches die Eidgenossenschaft, das fand jedenfalls Tobler, meist mehr schlecht als recht übers glatte politische Parkett führte.
Tobler ging auf die Gruppe rund um den Gemeindepräsidenten zu.
«Aha, die Regierung in corpore am Feiern. Freut mich, erweist uns auch die Lokalpolitik die Ehre», lachte Tobler und begrüsste jeden Gemeinderat sowie die einzige Frau im Gremium, mit Handschlag. Damit tat Tobler, was alle Politiker tun: Jede nur ergreifbare Hand schütteln. Eigentlich war das Tobler ein Graus. Schwammige, feuchte, verseuchte, schweissnasse, schmierige Hände, die sich kurz vorher womöglich noch im Gesichtserker getummelt hatten. Bei der nächsten Gelegenheit wollte er sich verstohlen seine Hände desinfizieren. Seit der Coronapandemie ging bei ihm nichts mehr ohne die kleine Sprühflasche. Aber jetzt rief die Pflicht, denn Tobler wusste, was sich gehörte.
«Werner», rief er dem Wirt des FC Beizli zu, «die nächste Runde geht auf mich! Aber zuerst die Mannschaft, dann die Behörde.»
Zwar hatte Tobler weiss Gott genügend Ämtli und Pösteli am Hals, wie im Dorf häufig leicht abschätzig vermerkt wurde. Dies bestätigte ein Blick in das öffentliche Verzeichnis der sogenannten Interessenbindungen der Mitglieder des eidgenössischen Parlaments, aufgeschaltet auf der Website der Bundesversammlung. Hier war minutiös aufgeführt, wer in welchen Verwaltungsräten sass, wer welchen Verband präsidierte, wer welche Interessengruppe vertrat. Aufschlussreich war auch zu erfahren, welche dieser Mandate bezahlt wurden. Tobler, für einen Sozialdemokraten eher untypisch, war dabei tatsächlich unter denjenigen mit den meisten Mandaten.
Dennoch hatte er den Job als Präsident des heimischen Fussballclubs bewusst gesucht. Damit wollte er ein kleines Zeichen setzen gegen den anderen Sportclub, um den sich alles drehte in diesem Dorf. Denn obwohl die Langnau Sharks mit ihren stumpfen Zähnen, jede Saison gegen den Abstieg kämpfend, sich seit Jahren in einer sportlichen und finanziellen Dauerkrise befanden und sich immer nur knapp über Wasser oder viel mehr auf dem Eis halten konnten, fanden sich immer wieder Investoren, die Geld à discretion in den heimischen Eishockeyclub reinbutterten. Unverständlich für Tobler die masochistisch veranlagten Fans, die trotz Niederlagen in Serie die Halle an der Ilfis füllten. Klar, da nahmen sich die achtzig Nasen, die heute den Aufstieg seines FC mitfeierten, mager aus.
Tobler verscheuchte diese Gedanken. Er ärgerte sich über sich selbst, dass er ob dieser eigentlichen Marginalie immer wieder in Erregung geriet. Schliesslich hatte er ja hier einen kleinen Plausch für sich. Er genoss das meist friedliche samstägliche Gekicke. Da fühlte er sich wohl, als aktiver Passivsportler und vergass für Momente die politischen Machenschaften und Tricksereien unter der Bundeshauskuppel.
Tobler entnahm der gelben Schachtel, die er immer bei sich hatte – aber selbstverständlich nicht in einem läppischen Lederhandtäschli, welches ein früherer Finanzminister seiner Tabakpfeife wegen immer mit sich trug – eine Brissago Blauband, zog den Strohhalm heraus, entzündete diesen mit einem Streichholz. Dann hielt er das brennende Ende des Strohhalms an die Brissago, zog leicht am Mundstück und genoss den kräftigen Geschmack dieser Raucherware, noch heute produziert am Schweizer Ufer des Lago Maggiore. Danach nahm er sich aus den bereitstehenden Harassen beim Clubbeizli nochmals ein Bier und ging auf die Spieler zu. Diese sassen, alle noch nicht geduscht, auf den zusätzlich bereitgestellten Festbänken und prosteten sich laut johlend zu.
«Toll, wie ihr das Ding heute hingekriegt habt, Jungs. Und erst recht der letzte Elfmeter – schlicht affengeil versenkt», rief Tobler ihnen ziemlich anbiedernd zu. «Ich bin stolz auf euch, auf euren enormen Einsatz während der ganzen Saison. Imponiert hat mir aber vor allem euer Teamgeist. Genau das, was ich immer fordere, auch im Fussball: Teamplayer, keine Einzelkämpfer!»
Gibt’s noch mehr zu sagen, überlegte sich Tobler oder habe ich meine Schuldigkeit endlich getan? Halt, dem Trainer müsste er auch noch die Hand schütteln, obwohl der nicht seine erste Wahl war.
«Gratuliere, Küsu. Ich hoffe, du bist nächste Saison auch wieder dabei.» Das hoffte Tobler zwar nicht, aber es gehörte sich wohl so.
«Klar, Präsi! Wenn der Lohn stimmt. Immerhin sind wir dann Zweite Liga», lachte oder vielmehr grölte der Trainer.
Tobler wusste, warum er den auf der Latte hatte.
«Vergiss es! Bei mir gibt’s weder Vorschuss noch Vorschusslorbeeren. Zeig, was du mit der Mannschaft drauf hast in den höheren Sphären. Alles Weitere dann nach einem ersten Fazit in der Winterpause. Prost!» Damit liess er den Übungsleiter stehen.
Mehr Lohn, was stellte der Kerl sich nur vor! Mehr Lohn bekomme ich, wenn ich im Bundesrat angekommen bin. Da winkt mir gut und gern eine knappe halbe Million im Jahr.
Zwei Schritte weiter entfernt stand noch immer der Gemeindepräsident, jetzt im Gespräch mit dem Goalie, der gekleidet war wie ein Kanarienvogel. Wüthrich nippte weiter an seinem Mineralwasser. Tobler klopfte ihm kräftig auf die Schulter, so dass Wüthrich die Hälfte seines Getränks verschüttete.
«Sorry, tut mir leid!» Was es Tobler natürlich nicht tat.
«Aha, morgen ist ja der Napf-Marathon, da liegt kein Bier drin. Wir haben heute sportlich vorgelegt. Hoffentlich schaffst auch du den Aufstieg – wenigstens auf den Napf.»
Wüthrich rang sich ein Lächeln ab, mehr nicht. Obwohl Parteikollege, wusste Tobler, dass sie nie Freunde würden; hauptsächlich, weil Tobler dort hockte, wo Wüthrich selber immer hingewollt hatte, im Nationalrat in Bern.
«Klopf du nur deine Sprüche. Für dich wäre der Napf eine Nummer zu gross.»
«Du kennst mich ja. Für mich kommt Genuss vor Stress.»
Tobler hatte aber bald genug von diesem Wortgeplänkel, prostete mit seinem Bier dem Gemeindepräsidenten nochmals aufreizend zu und verzog sich. Nach einem letzten Gruss in die Runde war’s genug für Tobler. Er freute sich auf einen genussvollen Abend mit Martha. Denn nach jedem Matchbesuch hatte er Lust nach Fleisch. Aus dem Pfännli. Tobler liebte Rituale; und das Fondue Bourguignonne, welches er und seine Partnerin sich samstags zum Abendessen gönnten, war eines. Er hatte da einen Tipp eines Nationalratskollegen befolgt, mit dem er sonst nicht gerade viel am Hut hatte. Dieser Eggenberger, ein Metzger aus dem Thurgau, hatte ihm während eines Mittagessens mit der nationalrätlichen Wirtschaftskommission, die Tobler präsidierte, in der Galerie des Alpes, im Restaurant des Bundeshauses, vorgeschwärmt, wie Fleischfondue gehe. Nur mit Öl, nicht mit dieser Bouillon-Brühe; das sei die richtige Art der Zubereitung. Das zarte Fleisch bekomme aussen eine leicht knusprige Kruste, während es im Innern zartschmelzend bleibe. Tobler, ein Fleischtiger ohne jegliches schlechte Gewissen, nahm das auf. So wurde das Gericht zum samstäglichen Standardmenu bei ihm Zuhause. Diesem näherte er sich nur langsam.
Früher, da ging’s bedeutend schneller. Denn bei seinem Umzug ins Emmental hatte er eine ehemalige Käsebaron-Villa, unweit vom Zentrum gelegen, gemietet; mit viel zu vielen Zimmern und einem für seinen Bedarf überdimensionierten Umschwung. Aber darunter ging für Tobler nichts, denn sein Zuhause sollte auch repräsentieren und zugleich genügend Platz für eine Familie bieten. Dazu war es allerdings nie gekommen. Er hatte bald einmal feststellen müssen – Tobler und Familie, das war nicht sein Ding. So war ihm der Umzug in eine Attikawohnung in einem in rekordverdächtiger Zeit aus dem Boden gestampften Quartier an sonniger Lage oberhalb des Dorfes leichtgefallen. Hier gab es nichts zu jäten, keinen Rasen zu mähen; und die sechs Zimmer liess er wöchentlich durch eine dafür qualifizierte Fachkraft in Stand halten. Er selber, räumte er bereitwillig ein, hatte diese Qualifikation nicht.
Tobler genoss den gemütlichen Spaziergang durchs ruhige Dorf, die letzten Züge an seiner Brissago und die Vorfreude auf die gemütliche Zweisamkeit mit Martha. Die Anhöhe oberhalb des Dorfes endlich erreicht, blickte er hoch in Richtung seiner Attika-Wohnung – dort war alles dunkel.
Kapitel 2
War ihm da etwas entgangen? Beda hatte den Blick auf die Mitteilungszentrale seines Handys gemieden. Er wollte den Fussballnachmittag ungestört geniessen. Die Flut an E-Mails, mit welcher ihn nicht zuletzt sein Kommissionssekretär übers Wochenende einzudecken pflegte, konnte warten. Jetzt erst sah er die drei verpassten Anrufe von Martha – in der Hitze des Fussballgefechts schien er diese überhört zu haben.
«Servus Beda – bin bereits unterwegs ins Tirol», begrüsste ihn Martha mit einer Sprachnachricht. «Bei Olivia und Karla brennt’s mal wieder an allen Ecken und Enden. Hochsaison und zu wenig Personal. Du weisst ja, wie’s ist. Ich melde mich, pfiat di!»
Beda kannte das. Nicht das erste Mal, dass Martha ihren Töchtern unter die Arme greifen musste. Das Vier-Sterne-Wellness-Hotel, welches Olivia mit ihrer Schwester Karla vor einem Jahr von ihrer Mutter übernommen hatte, lief prächtig. Doch auch im Tannheimer Tal im nördlichen Tirol – nach Eigenwerbung angeblich das schönste Hochtal in den Alpen – litten die Hotelbetriebe an einem massiven Arbeitskräftemangel. So ergaben sich immer wieder Situationen, in welchen die Töchter auf zusätzliche Unterstützung ihrer Mutter hofften und diese in der Regel auch bekamen.
Eigentlich, wenn es Tobler sich so richtig überlegte, war Martha viel häufiger im Tirol als bei ihm im Emmental. Auf ein regelmässiges Einkommen war sie allerdings nicht mehr angewiesen. Martha stammte aus einer Hoteliers-Dynastie, welche mit ihren Betrieben beinahe das ganze Tal beherrschte. Ja, die Schölls waren die Hotelkönige im Tal. Beda hatte mit dem Gastgewerbe nicht viel am Hut, doch er erhob nie Einspruch, wenn Martha wieder mal auf dem Sprung war. Und zumindest finanziell war er an ihrem Hotelbetrieb ja auch noch beteiligt. Er hatte den beiden Töchtern nach der Betriebsübernahme bei der Finanzierung des Ausbaus mit einem äusserst grosszügigen Wellnessbereich unter die Arme gegriffen. Nach dem Verkauf seiner Online-Versandhandelsfirma Tobeda verfügte er über mehr als genügend Mittel, um den Unternehmergeist der beiden jungen Frauen zu unterstützen.
Mit dem Entscheid vor drei Jahren, sich von seinem Unternehmen zu trennen, hatte Tobler voll auf die Karte Politik gesetzt. Den immer wieder bemühten Mythos vom schweizerischen Milizparlament fand er ohnehin aus der Zeit gefallen. Denn mit einer durchschnittlichen Entschädigung von knapp 150’000 Franken für Sitzungsgeld, Spesen, Entschädigung für Personen- und Sachauslagen konnte auch jemand, der nicht wie Tobler im Geld schwamm, getrost seinen Beruf an den Nagel hängen. Zudem liessen sich aus seiner Sicht eine seriöse Vorbereitung auf die immer zahlreicheren und komplexeren Sessions- und Kommissionsgeschäfte heutzutage nicht mehr vereinbaren mit einer erfolgreichen beruflichen Laufbahn.
Zu den zwölf Wochen, die er an den ordentlichen Sessionen in Bern verbrachte, kamen die zahlreichen, meist zweitägigen Kommissionssitzungen seiner Wirtschaftskommission, die er präsidierte, sowie die Sitzungen dreier weiterer Kommissionen, in denen er Einsitz hatte, hinzu. Tobler passte die Arbeit in den Kommissionen, denn hier konnte er etwas bewegen, hier spielte die Musik. Was nach harter Kommissionsarbeit am Ende im National- und im Ständerat ablief, war dann nur noch für die Bühne.
So gab es für Tobler, detailversessen und bekannt für seine Sattelfestigkeit in den politischen Dossiers, keine andere Wahl, sich entweder von der Firma oder von der Politik zu verabschieden. Der Entscheid, den er seinerzeit getroffen hatte, war ihm erstaunlich leichtgefallen. Er hatte bereits einiges erreicht in seiner politischen Laufbahn. Er sass seit elf Jahren für die Sozialdemokraten im Parlament, hatte vor zwei Jahren die grosse Kammer, den Nationalrat, präsidiert und war jetzt seit einem Jahr Präsident der Wirtschaftskommission, einer der einflussreichsten Kommissionen im politischen Bundesbern.
Doch Tobler wollte noch mehr. Obgleich das Parlament nach dem Souverän die oberste politische Gewalt war im Land – nur einer unter 246 Volksvertretern zu sein, entsprach nicht Toblers Selbstverständnis. Sein Ziel war die Regierung, denn nur dort stand man im Rampenlicht.
Kapitel 3
Unten auf dem Fussballplatz waren die Scheinwerfer inzwischen erloschen.
«Hallo Karl. Lust auf ein gutes Stück Fleisch? In einer halben Stunde bei mir?»
Toblers nicht gerade bescheidener Fleischkonsum würde heutzutage wohl als politisch höchst unkorrekt taxiert. Aber grosse Lust, die doppelte Portion Fondue Bourguignonne jetzt allein zu verdrücken, verspürte selbst er, Fleisch hin oder her, nicht. Deshalb sein Anruf, noch draussen vor der Haustüre, bei Karl Liechti. Karl, sie trafen sich ab und zu beim Fussballmatch im Mösli, war der Chef einer lokalen Gratiszeitung. Tobler hatte, was bei ihm eher selten vorkam, Respekt vor dessen erfolgreichem Geschäftsmodell. Wie dieser Liechti, auch ohne Presseförderungsgelder, sein Blättli in Zeiten des Zeitungssterbens über die Runden brachte, imponierte ihm. Auch wenn ihre politischen Ansichten selten deckungsgleich waren, hatte Tobler einen guten Draht zu ihm, zumal sie beim Fussball die Politik beiseiteliessen.
Liechti hatte den Sieg des FC auch kurz mitgefeiert, sich aber bald von Tobler verabschiedet. Er sei heute Abend allein, müsse in der Küche selber anpacken.
«Klar, Beda. Ich komme gern», antwortete Liechti. Den Wein bringe ich mit.»
«Nicht nötig, Karl. Den habe ich bereits entkorkt.»
Tobler traute nur seinem eigenen Geschmack. Er hatte keine Lust auf allfälligen Fusel.
Der Aufstieg seines Clubs musste noch gefeiert werden. Mit Karl darauf anzustossen, das passte Beda. Bei dem war er auch sicher, dass er nicht bis in alle Ewigkeit sitzen blieb.
Klar, den Abend hätte er sich mit dem Abarbeiten seiner Mails verderben können. Aber die Post konnte er morgen erledigen. Tobler gab zwar meistens Vollgas, nahm sich aber auch die Zeit, zwischendurch ganz abzuschalten und nichts zu tun. Er gab wenig auf das permagestresste Gehabe vieler seiner Kolleginnen und Kollegen, für die ein gehetzter Alltag und wenige Stunden Schlaf Statussymbole waren. Unter stetigem Druck machte man Fehler, doch Tobler suchte Fehler möglichst zu vermeiden. Souveränität ausstrahlen, ruhig, überlegt und gleichwohl entspannt zu wirken, das war sein Erfolgsrezept.
In seinem Alter hielt er Sport für Mord. So nahm er den Lift hinauf in seine Sechszimmerwohnung und gönnte sich nochmals ein kleines «Schützengarten», während er das Fondue Bourguignonne zubereitete. Pro forma servierte er dazu noch eine Schüssel Nüsslisalat mit Ei. Bratspeck dazu, der durfte ebenfalls nicht fehlen. Bei der Beilage hatte er erst noch seine Zweifel, entschied sich aber rasch für die knusprigen Kartoffelscheibchen aus dem roten Kunststoffsack. Wenig Aufwand für eine gute Sache, so seine Begründung.
Schön, Martha hatte trotz der Eile das Wesentliche schon bereitgestellt. Scheint wohl doch ein schlechtes Gewissen gehabt zu haben, einfach so Hals über Kopf zu verreisen, dachte Tobler. Diese kleine Aufmerksamkeit freute ihn. Ansonsten war er es gewohnt, allein zurecht zu kommen. Für ihn gab’s nichts Schrecklicheres als Politiker, die in Interviews mit Pseudowohlwollen betonten, wie ihre Frau ihnen immer den Rücken freihalte. Für ihn war das nicht mehr als peinlicher Lebensstil von vorgestern.
Inzwischen war Karl eingetroffen. Mit leeren Händen, wie Tobler erleichtert feststellte. Tobler drückte ihm ein Bier in die Hand und forderte ihn auf, es sich draussen auf der Terrasse gemütlich zu machen. Zuschauer bei den Vorbereitungen brauchte er nicht.
Tobler genoss den Biss ins leicht knusprige Rindfleisch, das sanfte Zergehen auf der Zunge. Dieser Metzger, sonst ein Büffel, hatte wirklich Recht gehabt mit seinem Tipp. Wozu Chinoise, wenn’s Bourguignonne gab! Auch beim Kulinarischen, fand Tobler, sollte man sich von den Chinesen abnabeln. Sicher, er hatte keine Ahnung, wieso das Fondue Chinoise so hiess, aber in der heutigen Zeit galt es klare Kante zu zeigen gegenüber der Abhängigkeit von China – auf allen Ebenen, sei’s auch nur bei so einer Nebensächlichkeit wie dem heutigen Abendessen.
Und das genossen er und sein Gast in vollen Zügen. Der italienische Rotwein aus dem Aldi, von dem sie, also hauptsächlich Tobler, inzwischen die zweite Flasche in Angriff genommen hatten, vervollständigte den Genuss. Martha, dieser Goldschatz, hatte eine Flasche bereits entkorkt. Sie kannte Beda und seine Gewohnheiten – dazu gehörte, dem Wein genügend Zeit zu lassen, sein Bouquet voll zu entfalten. Dass Tobler seinen Lieblingswein jeweils beim deutschen Discounter einkaufte, hinterliess bei ihm zwar immer ein schlechtes Gewissen. Aber er musste das ja nicht an die grosse Glocke hängen.
Natürlich waren der Sieg und der damit erreichte Aufstieg des FC das Thema beim Essen.
«Und, Karl? Ich gehe davon aus, der Chef selber schreibt den heutigen Matchbericht.»
«Unter der Super League greife ich nicht in die Tasten. Dafür habe ich meine Freischaffenden. Da war heute einer vor Ort, der sich darum gerissen hat. Aber den Bericht über deinen Aufstieg in die oberste politische Liga, den werde ich höchst persönlich aufs Papier bringen.»
Tobler hatte keine Lust, weiter darauf einzugehen. So verebbte das Gespräch allmählich. Nach Toblers zweitem, wenig verstohlenem Blick auf seine Apple Watch verabschiedete sich Liechti. Er müsse morgen ohnehin früh aus den Federn und fit sein für den Napfmarathon.
«Was, du auch!» Sport, fand Tobler, sei ja gut und recht, aber je passiver desto gesünder. Liechti bedankte sich lachend und liess den Lift links liegen.
Tobler hatte die mächtige Fensterfront des Wohn- und Esszimmers geöffnet und war auf die breit ausladende Terrasse in die laue Frühsommernacht hinausgetreten. Das friedliche Gebimmel der Kuhglocken von der Weide auf der anderen Talseite drang bis zu seiner Wohnung hinauf. Gewohnt an diese abendliche Unterhaltung schon seit seiner Kindheit im damals noch vorwiegend ländlichen Rheintal, hatte ihn das nie gestört. So hatte er nur verständnislos den Kopf geschüttelt, als Mitbewohner aus dem neu erstellten Quartier Unterschriften für eine Intervention gegen diese, wie sie fanden, Nachtruhestörung sammelten. Auch die, das musste selbst Tobler eingestehen, je nach Windlage recht unfreundlichen Geruchsemissionen des nahen Schweinestalls stachen diesen versnobten Mitbewohnern in die Nase. Aber auch da verweigerte er seine Unterschrift. Hier ging Tobler glatt als Landei durch.
Er ging weiter bis zur Brüstung und blickte hinab auf sein Dorf. Dank ihm gab es hier im Tal nicht nur Biscuits und Käse, nicht nur krachende Hockey-Niederlagen – sondern seit vielen Jahren auch den Tobeda Onlinehandel.
Auf der Suche nach einem neuen Standort für seinen rasant wachsenden Betrieb war er im Westen von Langnau auf eine Industriebrache gestossen. Heute standen dort mehrere Lagerhallen sowie ein Bürokomplex mit dem Sitz seiner Firma.
Damit hatte er hier, im tiefen Emmental, Wertschöpfung generiert, Dutzende von Arbeitsplätzen geschaffen, dem Dorf nach all den früheren Käsehändlern einen erfolgreichen Online-Händler beschert. Tobler sinnierte noch leicht wehmütig über seine Zeit als Unternehmer, schüttelte diesen nostalgischen Anflug aber gleich wieder ab und setzte sich in den gepolsterten Gartensessel.
