Intrigen im Bundesrat - Daniel Schweizer - E-Book

Intrigen im Bundesrat E-Book

Daniel Schweizer

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Beschreibung

Beda Tobler aus Langnau im Emmental – sein Gmögigkeitsfaktor ist unterirdisch – hat die Wahl in den Bundesrat geschafft. Als Neuling muss er das Verteidigungsdepartement übernehmen. Aber er will an den Geld- säckel der Nation – ins Finanzdepartement. Dafür sind ihm fast alle Mittel recht. Doch im EFD sitzt eine politisch ebenbürtige Gegnerin. Wer ge- winnt den Machtkampf? Zudem hat Tobler noch ein paar Leichen im Keller. Und welche Rolle spielt eigentlich Madeleine Keller, Präsidentin der Genossen, im ganzen Spiel?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Intrigen im Bundeshaus | Daniel Schweizer

Herrmann AG, Langnau i. E.

www.herrmann-druck.ch | emmentalshop.ch

ISBN: 978-3-907229-58-3

© 2025

Vom gleichen Autor erschienen:

Die Wahl – Ein trivialer Politroman, 2023

Herrmann Druck, Langnau i. E.

ISBN 978-3-907229-45-3

Daniel Schweizer

INTRIGEN IM BUNDESRAT

Roman

Über den Autor

Daniel Schweizer wurde 1955 in St. Gallen geboren und absolvierte eine Lehre als Buchhändler in Bern. Seit gut 30 Jahren lebt er in Langnau im Emmental. Nach verschiedenen Tätigkeiten in Buchhandlungen und Bibliotheken arbeitete er über 30 Jahre bei den Parlamentsdiensten, der Stabsstelle der Bundesversammlung in Bern. Dort war er die letzten 20 Jahre Leiter des Ressorts Web, verantwortlich für die Websites des Schweizer Parlaments.

Seit seiner Pensionierung berichtet er als freier Mitarbeiter der Wochen-Zeitung für das Emmental und Entlebuch und führt weiterhin die Webagentur dane.sg

Vor zwei Jahren veröffentlichte er seinen ersten trivialen Politroman «Die Wahl».

Über das Buch

Beda Tobler aus Langnau im Emmental – sein Gmögigkeitsfaktor ist unterirdisch – hat die Wahl in den Bundesrat geschafft. Als Neuling muss er das Verteidigungsdepartement übernehmen. Aber er will an den Geldsäckel der Nation – ins Finanzdepartement. Dafür sind ihm fast alle Mittel recht. Doch im EFD sitzt eine politisch ebenbürtige Gegnerin. Wer gewinnt den Machtkampf? Zudem hat Tobler noch ein paar Leichen im Keller. Und welche Rolle spielt eigentlich Madeleine Keller, Präsidentin der Genossen, im ganzen Spiel?

Hintergrundinformationen zu diesem Buch unter

www.danielschweizer.ch

Kapitel 1

Da hatte er gleich eine deftige Duftmarke gesetzt. Nationalrat Beda Tobler, vor einer knappen halben Stunde von der Vereinigten Bundesversammlung in den Bundesrat gewählt, wurde von zwei Weibeln – in den bei solchen Anlässen in weiss-rote Uniformen gekleidet – in den Salon de la présidence begleitet. Der Weg war nicht weit. Durchs Vorzimmer des Nationalratssaals ging es weiter, auf dem gleichen Stockwerk, Richtung Bundeshaus West. Zuvor passierte Tobler eine Sicherheitsschleuse, welche auf Geheiss des Weibels vom Bundessicherheitsdienst bereits im Voraus geöffnet worden war. Wie üblich empfing in diesem, im Barockstil gehaltenen Audienzzimmer, der Bundesrat nach ihrer Wahl die neuen Mitglieder.

Da standen sie nun auch heute, seine künftigen Kolleginnen und Kollegen, sauber aufgereiht, in Erwartung, den Neugewählten zu begrüssen. Tobler, die Kameraleute des Schweizer Fernsehens für letzte Bilder in seinem Schlepptau, betrat mit energischen Schritten den Raum, ging zielstrebig auf die Wartenden zu und schüttelte ihnen und dem Bundeskanzler pflichtschuldigst die Hände. Mit seiner Parteikollegin, Aline le Normand, tauschte er – eher widerwillig – drei Wangenküsschen aus. Für letzte Aufnahmen der anwesenden Bildmedien – die abtretende Bundesrätin Andrea Burkart hatte den Saal inzwischen verlassen – stellten sich nach der Begrüssung al-le im Halbkreis hin und lächelten in die Kameras. Tobler platzierte sich vor die anderen und grinste breit. Aber hauptsächlich deshalb, weil der Bundeskanzler, mit einer Hand fuchtelnd, ihm vergeblich anzudeuten versuchte, sich als Neugewählter doch gefälligst nicht gleich ins Zentrum zu stellen. Tobler scherte sich keinen Deut darum, schliesslich hielt er sich nicht für eine Randfigur, sondern für den neuen starken Mann im Zentrum der Macht. So hatten die Medien, was sie wollten. Einen ersten kleinen Aufreger.

Anstandshalber – seine Kolleginnen und Kollegen wollten endlich auf seine Wahl mit ihm anstossen – nahm er nach dem Verebben des Blitzlichtgewitters ein Glas Weisswein, welches ihm eine Bundesweibelin auf einem silbern glänzenden Tablett bereithielt, entgegen. Auf die Apéro-Häppchen hingegen, beschied er der jungen Dame, verzichte er. Draussen auf dem Bundesplatz warte bodenständigere Kost auf ihn.

«Willkommen, lieber Beda, im Bundesrat!» Anton Moser, noch bis Ende Jahr amtierender Bundespräsident, war auf Tobler zugekommen und klopfte ihm kräftig auf die Schulter. Tobler zuckte kurz verärgert zusammen – er hasste dieses kumpelhafte Getue –, verschüttete die Hälfte seines Weissweins und stiess widerwillig mit dem Bundespräsidenten an.

«Herzliche Gratulation zu deiner Wahl. Diese hast du ja noch ganz gut hingekriegt. Ich freue mich auf unsere künftige gemeinsame Arbeit im Kollegium!»

«Danke, Toni, ganz meinerseits», entgegnete Tobler kurz angebunden, denn er musste ja auch noch mit den anderen Regierungsmitgliedern anstossen und den leidigen Smalltalk abliefern.

«Schön, Beda, dich unter uns zu haben», schleimte, so jedenfalls Toblers Empfinden, Katrin Eugster.

«Ganz meinerseits, liebe Katrin. Es ist mir eine Ehre.» Mit diesen Worten beugte er sich noch näher zu seiner neuen Kollegin und raunte ihr ins Ohr: «Nur damit das klar ist, wir sind zwar das Dreamteam in diesem Club, aber der Chef, der bin ich. Zum Wohl, Katrin!»

Auf die Eugster von den Freisinnigen war Beda schlecht zu sprechen. Die Chefin des Militärdepartements hatte ihre Ambitionen auf eine künftige Übernahme des Finanzdepartements nie wirklich unter dem Deckel gehalten. Nach langen Jahren im Männerclub VBS schien für sie jetzt der Moment für einen Wechsel günstig. Eine Vakanz bot die Chance, das Departement zu wechseln. Voraussetzung war, die anderen im Kollegium, die schon länger in der Regierung sassen, hatten selber keinen Bock auf Neues.

«Und, aspirierst du jetzt auf die Finanzen?», ging Tobler gleich zur Sache.

«Das werden wir dann sehen, Beda. Die Karten werden, falls überhaupt, übermorgen Freitag neu gemischt. Du weisst ja, wie das läuft.»

«Alles klar, Katrin. Du kennst mich. Ich bin genügsam und nehme, was übrigbleibt.»

Bundesrätin Eugster konnte ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.

Das war’s dann wohl für heute, dachte Tobler und wollte sich verdrükken. Denn draussen auf dem Bundesplatz wartete Martha, seine Partnerin aus dem Tirol. Und auch bei seinem Fanclub Triple B aus der Ostschweiz, angereist mit Bratwurst, Bürli und Bier, wollte er schnell vorbeischauen.

«Halt, Beda, nur noch ganz kurz, bevor du zu deinen Würsten gehst!» Der Bundespräsident war nochmals auf Tobler zugegangen.

«Damit das jetzt schon zumindest informell geklärt ist: Am Freitag, bei der Departementsverteilung, da bekommst du das Militär. Aber du hast ja wohl nichts anderes erwartet.»

«Alles klar, Toni. Das habt ihr sicher im Voraus unter euch schon gedeichselt. Aber kein Problem! Lieber in der Zweiten Liga starten als dort enden – dein dünnhäutiger Parteikollege aus dem Berner Oberland lässt grüssen.»

Damit liess Tobler den sichtlich verdutzten Bundespräsidenten stehen, grüsste zum Abschied nochmals in die Runde und begab sich auf den Bundesplatz. Auf Begleitschutz, bemerkte er zu den beiden Weibeln, könne er heute dankend verzichten.

Draussen herrschte dichtes Schneetreiben. Tobler liess seinen Blick mehrmals über den Bundesplatz streifen, bis er endlich Martha entdeckte. Seine Partnerin ass, lässig an den Stand seiner Wurstlieferanten aus der Ostschweiz gelehnt, eine der wenigen noch vorhandenen Olma-Bratwürste. Es schien, als hätten die hungrigen Bernerinnen und Berner sehnlichst nach Würsten gelechzt. Auch Martha hatte den frischgewählten Bundesrat erblickt und prostete ihm schon von Weitem mit einem Bier aus der ältesten Schweizer Brauerei zu.

Tobler fand’s toll, wie unkompliziert seine Partnerin sich einmal mehr gab. Seinen geliebten Borsalino zum Schutz gegen den Schneefall tief ins Gesicht gezogen, schritt er rasch auf den Stand zu. Martha hatte Wurst und Bier beiseite gestellt und fiel ihrem Partner, einen kräftigen Tiroler Jauchzer ausstossend, um den Hals. Tobler genierte sich nicht, denn er kannte und schätzte Marthas natürliche Art.

«Hei Beda, meine herzlichsten Glückwünsche zur glanzvollen Wahl! Zwar, zwischendurch habe ich schon etwas gezittert, aber zum Schluss – einfach bäumig, dein Resultat!» Dabei drückte sie ihm einen dicken Kuss auf den Mund.

«Danke, danke, Martha! Lief doch alles ziemlich easy, oder? Dem Grünliberalen Tesla-Pilot ist im vierten Wahlgang der Strom ausgegangen. Viel Lärm, aber geringe Reichweite. Aber jetzt gibt’s den verdienten Lohn.»

Damit wandte sich Tobler seinen angereisten Anhängern aus der Ostschweiz zu, begrüsste alle – ganz wie es sich für einen Politiker gehört – mit Handschlag und dankte für ihren Einsatz. Nach dem politischen Höhepunkt, so Tobler, folge nun der kulinarische. Damit langte er dankend nach der Wurst, die ihm der Grillchef eiligst hingestreckt hatte, biss hinein, hob sie hoch, grüsste und winkte, genussvoll kauend, in die Runde. Denn auch hier draussen blieb ihm die vierte Gewalt dicht auf den Fersen und schickte telegene Bilder mit dem triumphierenden Tobler vom nasskalten Bundesplatz in die warmen Stuben.

Beinahe hätte er sich verschluckt, denn nach allen Seiten grüssend und zuprostend, erblickt er Carlo Inalbon, den Generalsekretär der FIFA, der sich ebenfalls durchs Schneetreiben kämpfte und sich dem Wurststand näherte.

«Einmal mehr – einfach toll geliefert von dir, ein sauberer Sieg, wenn auch mit einer kleinen Zusatzschlaufe.» Inalbon war auf Tobler zugegangen. «Die FIFA und ich, wir freuen uns, einen Kenner und Liebhaber des Fussballs im Bundesrat zu haben. Schön zu wissen, dass wir auch mit dir in deiner neuen Rolle sicherlich bestens zusammenarbeiten werden. Ist doch so, oder?»

Du weisst gar nichts, dachte Tobler, dem dieses Anbiedern ziemlich auf den Sack ging. Er war sich im Klaren, der Inalbon hätte ihm eine krachende Niederlage in der heutigen Wahl nur allzu gern gegönnt. Denn sein wutentbrannter Blick von der Zuschauertribüne hinunter in den Saal, nach Toblers Vereidigung, hatte Bände gesprochen. Inalbon hatte noch eine Rechnung offen mit ihm. Zwar hatte Tobler, nach seinem Abstecher an die letzte Fussballweltmeisterschaft, offeriert von der FIFA, geliefert. Er hatte die Sitzungsplanung seiner nationalrätlichen Kommission, die er präsidiert hatte, manipuliert, so dass die Beratung eines parlamentarischen Vorstosses, der sich gegen die FIFA richtete – wie von Inalbon als Gegenleistung gefordert – in der Agenda nach hinten verschoben wurde. Dass Tobler dann bei der Beratung des Geschäfts den Stichentscheid zugunsten des Vorstosses geben musste – politisch konnte er nicht anders – trieb ihn noch heute auf die Palme. Und den Inalbon ebenso.

«Du kannst wie immer mit mir rechnen, lieber Carlo», rang sich Tobler zu einer Reaktion durch. «Aber jetzt muss ich weiter. Also, auf Wiedersehen, Carlo!» Aber wenn Tobler etwas nicht wollte, dann diesem Kerl je wieder einmal begegnen.

«Was war das denn?» Martha, von Inalbon schlicht nicht zur Kenntnis genommen, hatte den Generalsekretär wiedererkannt. «Dieser Inalbon scheint den Narren an dir gefressen zu haben. Läuft da wieder etwas, das besser nie ablaufen sollte?»

Tobler verstand Marthas Anspielung auf seine Mauscheleien mit der FIFA und schüttelte nur ärgerlich den Kopf.

«Komm, vergiss den, Martha. Aha, dort hinten gibt’s noch Unterhaltung.» Damit zog er seine Partnerin ziemlich energisch ans andere Ende des Bundesplatzes, wo das Jodlerchörli aus seinem Wohnort Langnau sich Gehör zu verschaffen versuchte.

Ziemlich viele falsche Töne, fand Tobler. Aber die haben die Wahl wohl bei mehr als nur einem Glas Weisswein in einer nahen Beiz mitverfolgt. Gleichwohl, Tobler tat, was sich gehörte, hörte anstandshalber und allmählich leicht unterkühlt, denn das Schneetreiben hatte nicht nachgelassen, den Jodelversuchen zu. Nach zwei Liedern hatte er definitiv genug, hob kurz seinen Borsalino zum Abschied, nahm Martha bei der Hand, grüsste nochmals winkend in die Runde und verdrückte sich rasch in eine Seitengasse des Bundesplatzes.

«He, Beda, wohin geht’s? Gehen wir nicht nach Hause?»

«Mein Zuhause ist, zumindest bis zu meinem Amtsantritt, gleich in der Nähe.» Damit führte Beda, den Borsalino noch tiefer ins Gesicht gedrückt – er hatte keine Lust auf Gaffer und Medienbegleitung – Martha auf Umwegen Richtung Hotel Bellevue Palace, ganz in der Nähe des Bundeshauses.

«Voilà – meine Liebe. Hier ist mein Hauptquartier.» Beda ging zielstrebig – Martha hatte Mühe, ihm mit ihren unbequemen Stadtschuhen so rasch zu folgen – zum Empfang.

«Meine Schlüssel, bitte. Danke, den Weg finde ich selber.» Der Concierge fand kaum Zeit, den frisch gewählten Bundesrat zu grüssen und ihm zur Wahl zu gratulieren. Beda nahm den Schlüssel in Empfang und eilte mit Martha zum Lift.

Martha, die selber aus der Hotelbranche stammte und zurzeit mit ihren beiden Töchtern ein neues Hotel-Grossprojekt in ihrer Tiroler Heimat stemmte, staunte nicht schlecht. Die Deluxe Suite, die sie betraten, mit den historischen Möbeln, den Stuckaturen an der Decke, aber insbesondere mit der grandiosen Aussicht auf die Alpen – der Schneefall hatte inzwischen aufgehört und das Wetter sich aufgehellt – verschlug selbst ihr den Atem.

«Wow, Beda. Nicht schlecht. Würde mir auch gefallen.»

«Platz hat’s für uns beide. Komm, wann immer du Lust hast. Allerdings, ich werde bis Ende Jahr ziemlich absorbiert sein. Denn zu behaupten, wie das immer wieder beschönigend kolportiert wird, die drei Wochen nach der Wahl seien die ruhigsten im Leben eines Bundesrates, ist Unsinn. Du weisst ja, all die Personalentscheide, die persönlichen Mitarbeiter, der Beraterstab, das Kommunikationsteam – schlicht eine Menge Arbeit. Denn am ersten Januar muss die Mannschaft aufgestellt sein, muss alles picobello aufgegleist und startklar sein. Zudem, die zentrale Lage hier ist optimal. Schnell erreichbar für alle. Ich kann ja nicht von Hinz und Kunz erwarten, nur für eine Kurzbesprechung ins tiefe Emmental zu reisen.» Mit diesen Worten ging Tobler zur Bar, entnahm ihr zwei gekühlte Flaschen Spezialbier – den bereits auf Eis gelegten Dom Pérignon ignorierte er – und stiess mit Martha an.

«Auf uns, auf unsere Projekte!»

«Und nochmals, auf deine Wahl. Meine herzlichsten Glückwünsche, lieber Beda. Aber auch auf uns zwei, auf unsere …»

Aber Beda hatte nach wiederholtem Klingeln schon sein Handy hervorgezogen. Ein Blick aufs Display: Madeleine Keller, die Präsidentin der Sozialdemokraten. Schlechtes Timing, befand Tobler.

«Ja, hallo. Nein, das will ich nicht am Telefon besprechen. Komm ins Bellevue Palace. Ich bin heute Abend ab neun Uhr wieder hier anzutreffen.» Tobler fühlte noch die Umarmung seiner Parteipräsidentin bei der Gratulation zu seiner Wahl vom Vormittag. War das nur Einbildung oder hatte ihn die Keller inniger als bei solchen Ereignissen üblich an sich gedrückt?

«Wer war denn das», fragte Martha, die sich inzwischen in einem nicht allzu bequemen, dafür umso historischeren Gestühl, niedergelassen hatte.

«Äh, das, das war einer unserer Vizepräsidenten von den Sozialdemokraten», drückte Beda nach kurzem Zögern hervor. «Du weisst ja, übermorgen Freitag ist die Departementsverteilung. Und da müssen wir uns noch eine Strategie zurechtlegen.

«Schön, Beda. Da haben wir ja noch genügend Zeit für uns.»

«Leider, Martha, reicht’s nur für ein schnelles Bier. Um vier Uhr muss ich mich, wie halt so üblich, den Medienfritzen an meiner ersten Medienkonferenz stellen. Und gleich anschliessend geht’s ab ins Fernsehstudio nach Zürich. Du kennst das ja. Den neugewählten Bundesräten fühlen die in der «Schweizer Politwoche» jeweils auf den Zahn und löchern sie mit mehr oder weniger gehaltvollen Fragen. Aber solche Begleitmusik gehört jetzt zu meinem Job.»

«Aha, ich verstehe.» Martha tönte etwas enttäuscht.

Das wird, sagte sich Tobler, wohl leider nicht die letzte Enttäuschung sein. Zeit zu zweit, die dürfte rar werden.

«Danke, Martha, für dein Verständnis. Aber das Wochenende haben wir für uns, daheim in Langnau.»

«Sorry, aber das passt mir leider nicht. Mein Hotelprojekt ruft, ich muss zurück ins Tannheimer Tal», erwiderte Martha, ziemlich heftig. Damit drückte sie Beda einen Kuss auf den Mund und schlüpfte in ihren Wintermantel, den sie nur kurz abgelegt hatte. Unter der Tür drehte sie sich nochmals um: «Servus Beda. Und gell, du meldest dich, sobald du wieder etwas Zeit hast für mich. Pfiat di!»

Kapitel 2

Tobler war etwas verwirrt. Marthas überstürzter Abgang – das hatte er so doch nicht gewollt. Gross Zeit, darüber zu sinnieren, hatte er nicht, wollte er auch gar nicht. Der Vizekanzler und Bundesratssprecher, der ihn zur Medienkonferenz im Medienzentrum, ganz in der Nähe des Bundeshauses, begleiten würde, verging wohl schon vor Ungeduld. Nur keinen Stress, fand Tobler. Der soll sich ruhig noch etwas gedulden; erst recht auch die Medien. Ab heute tanzen die nach meiner Pfeife. Jetzt diktiert der Bundesrat Tobler die Agenda.

Tobler war dann doch leicht enttäuscht, nur ein knappes Dutzend Medienschaffende vorzufinden. Langsam liess er seinen Blick durch den Konferenzsaal wandern, atmete kurz durch und liess gleich los: «Les absents ont toujours tort. Es freut mich, ein paar verirrte Seelen hier unten im Medienzentrum begrüssen zu dürfen. Ja, ich bin glücklich über meine heutige Wahl. Nein, daran gezweifelt habe ich eigentlich nie. Zweifel ist eine suboptimale Eigenschaft, wenn man in der Politik erfolgreich sein will. Ja, ich werde Gas geben, werde alles tun, um die Regierung, beziehungsweise unser Land, wieder auf Vordermann zu bringen. Ich gehe diese Aufgabe nicht mit Demut, sondern mit Mut, mit Überzeugung, Elan und – Sie verzeihen den martialischen Ton – mit Kampfgeist an. Ja, auch ich kenne das Kollegialitätsprinzip. Aber ich kenne auch die Ziele, die unser Land, die ich erreichen will. Und um auf diesem Weg Erfolg zu haben, wird es zwischendurch etwas unzimperlich zu und her gehen. Ja, ich bin der Tobler, wie man ihn kennt und werde auch im Kollegium dieser Tobler bleiben. Kein Genosse, der kuscht, sondern ein Sozi, der zwischendurch aneckt. Nein, ich kann nicht sagen, wie es sonst ja alle hier in dieser Situation tun, ich übernähme jedes Departement mit Freude. Nein, mit dem VBS beginnen zu müssen, da herrscht bei mir keine Freude. Aber, das ist nicht der Anfang vom Ende, sondern erst der Anfang vom Bundesrat Tobler. Und ja, ich werde meinen Wohnsitz in Langnau im Emmental beibehalten, meine Partnerin wird nach wie vor zwischen dem Tirol und dem Emmental hin- und herpendeln und auch so ihre Aufgaben und Pflichten bei offiziellen Anlässen wahrnehmen können, mich aber auch beraten, denn auf sie höre ich – meistens. Sonst noch Fragen? Schön, dann haben Sie herzlichsten Dank!»

«Moment, Herr Hasler von der Neuen Zürcher Zeitung hat noch eine Frage», griff der Vizekanzler ein. Tobler warf diesem einen ärgerlichen Blick zu.

«Gewählter Herr Bundesrat, Sie werden wohl mit dem Verteidigungsdepartement Vorlieb nehmen müssen, also auch quasi oberster Schweizer Sportler sein.» Leises Gelächter im Saal. «Ich habe Sie im Sommer in ziemlich angeregtem Gespräch mit dem FIFA-Generalsekretär Inalbon gesehen. Haben Sie da schon mal vorsondiert für irgendwelche sportlichen Pläne mit dem Weltfussballverband?»

«Lieber Herr, wie heissen Sie noch mal, Herr Basler, Fasler, Häsler? Ach egal. Also, im Sommer war mir sicher nicht nach Bundesrat. Da standen die Parlamentswahlen vor der Tür. Aber ja, Sie haben Recht. Ich habe mich, in meiner Eigenschaft als Präsident des Zweitliga-Fussballclubs FC Langnau im Emmental – Ihnen sicher ein Begriff – quasi auf fachlicher Ebene ausgetauscht mit dem Herrn von der FIFA. Auch die FIFA kann von Provinz-Clubs profitieren.» Erneutes Gelächter. War’s das? Schön!»

Damit hatte sich Tobler erhoben, der Vizekanzler stammelte noch ein paar hilflose Worte in seine Richtung. Aber Tobler war schon unterwegs zum Lift nach oben. Seine Agenda drängte.

Der Termin beim Fernsehen hatte ihm nicht in den Kram gepasst. Die übliche Fragerei nach seinen politischen Schwerpunkten, die er setzen würde, nach seinem Wunschdepartement, das er besetzen wolle, was er in die Regierung an Mehrwert einbringen könne – irgendwann hatte er genug. Er habe sich nun wohl bis zur Genüge offenbart. Alles andere werde sich weisen. Er hatte keine Lust, sich jetzt schon auf die Äste hinauszulassen und blieb bei allen Antworten ziemlich vage. Das Journalistenduo schien im Verlauf der Sendung immer frustrierter, wie Tobler voller Schadenfreude feststellte. Aber ihm ging’s dabei auch um das Prinzip. Die Medien, die vierte Gewalt im Lande? Sicherlich nicht mit ihm! Jetzt war er an der Macht. Da wollte er die Zügel in der Hand haben, die Deutungshoheit für sich behalten. Mehr, warf er den beiden zum Schluss gnädigst hin, erführen Öffentlichkeit und Medien nach den ersten hundert Tagen im Amt.

Kapitel 3

Kaum zurück in seiner Deluxe Suite, hörte er kurz nach neun Uhr ein leises Klopfen an der Tür.

«Schön von dir, Madeleine, dass du in meinem Hauptquartier vorbeikommst. Es gibt Dinge, die bespreche ich lieber unter vier Augen als am Telefon.»

Die SP-Präsidentin hatte sich aus seiner begrüssenden Umarmung gelöst und sah sich staunend um.

«Nicht schlecht, Beda. Und wie lange residierst du hier?»

«Spätestens, bis die wichtigsten Personalentscheide gefällt und die vordringlichsten Aufgaben rund um mein neues Amt aufgegleist sind.»

«Dann fangen wir doch gleich an», legte Keller los. «Am Freitag geht’s bekanntlich darum, wer das freiwerdende Finanzdepartement unserer zurückgetretenen Genossin Andrea Burkart übernimmt. Die Haltung der SP …»

Beda hatte nur mit halbem Ohr zugehört. Denn er fummelte an der Champagnerflasche herum. Das Knallen des befreiten Korkens unterbrach Keller.

«Äh, Beda, gibt’s was zu feiern?»

«Ich will endlich mit jemandem auf meine Wahl anstossen. Martha hatte leider nur wenig Zeit. Das Tirol hatte gerufen.»

«Gleich, mein lieber Beda. Nochmals wegen nächstem Freitag. Offiziell reklamieren wir, so wie wir das seit Burkarts Rücktritt gemacht haben, das Finanzdepartement wieder für uns. Aber unter uns – ich befürchte, jemand dürfte uns dieses Departement streitig machen. Ich rechne mit einer Rochade.»

«Ach komm, Madeleine, das ist alles bereits geritzt. Unser Bundespräsident hat mir das beim Empfang nach der Wahl noch mit auf den Weg gegeben. Mir bleibt das Militär, aber dabei wird es nicht bleiben. Meine Zeit wird kommen. Aber jetzt kommt vorerst unsere Zeit.» Damit hob Beda sein Glas und stiess mit Madeleine an.

Die leere Flasche erinnerte Beda nach seinem frühen Erwachen, inzwischen wieder allein in seiner Suite, an die letzten Stunden mit der Parteipräsidentin. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht. Beim Frühstück, das er auf dem Zimmer zu sich nahm, poppte als Erstes eine Nachricht von Keller auf seinem Handy auf.

«Gell Beda, die letzte Nacht hat nicht stattgefunden.»

«Keine Ahnung, wovon du sprichst», Toblers Antwort. Wenig später schickte er noch eine zweite Meldung hinterher: «Aber schön war’s!»

Kapitel 4

Tobler überprüfte ein letztes Mal den Sitz seines schütteren Haupthaars. Auf der Seite und hinten auf fünf Millimeter runter geschnitten; oben blieb einfach noch, was übrig war. Er wischte ein paar Hautschuppen von seinem dunkelblauen Veston, prüfte nochmals den Knopf der roten Krawatte. Beinahe hätte er den Pin mit dem SP-Logo vergessen anzustecken. Er musste ja den Schein wahren. Auf Mantel und Borsalino verzichtete er. Die gut dreihundert Meter vom Hotel Bellevue Palace zum Bundeshaus West schaffte er auch ohne, fand er. Sieben Minuten vor Neun verliess er seine Suite. Wie üblich nahm er den Lift. Ziemlich gut gelaunt erwiderte er die Morgengrüsse des Personals an der Reception und trat in den kühlen, aber trockenen Morgen hinaus. Leicht enttäuscht stellte er das Fehlen von Fernsehkameras fest. Er hielt zwar wenig bis nichts von den Medien, aber ein paar flotte Bilder des neu gewählten Bundesrates, unterwegs zur ersten Bundesratssitzung, hätten ihm gepasst.

Eine Minute vor neun Uhr betrat Tobler das Bundesratszimmer. Pünktlichkeit ist, sagte er sich, die Höflichkeit der Könige. Und heute fühlte er sich wie ein kleiner König.

Obwohl Tobler bereits seit vielen Jahren als Mitglied des Nationalrates im Bundeshaus schon überall verkehrt hatte – bis in dieses spezielle Zimmer hinein hatte auch er es nie geschafft. Allerdings, der Raum imponierte ihm nicht besonders. Das viele Holz und Täfer bedrückten ihn mehr als dass es ihn beeindruckte. Hinzu kam die hierarchische Sitzordnung, mit dem Sitz des Bundespräsidenten in der Mitte, flankiert vom Bundeskanzler sowie der Vizekanzlerin und dem Vizekanzler und Bundesratssprecher, der für das Protokoll verantwortlich war. Letztere Plätze blieben heute jedoch leer. Die Departementsverteilung wurde, wie üblich, nur unter den amtierenden Bundesräten geregelt. Darüber wurde auch kein Protokoll geführt. Die Pulte der sechs übrigen Bundesräte waren im Halbrund angeordnet. Als Amtsjüngster sah Tobler seinen Platz ganz aussen am Rand. Kein Wunder, lästerte er vor sich hin, verlassen bei dieser steinzeitlichen Sitzordnung selten grosse und politisch weitsichtige Würfe den Raum.

Bundespräsident Moser unterbrach seine Gedanken.

«Herzlich willkommen, Herr Bundesrat Tobler, zur ersten Sitzung in neuer Zusammensetzung.»

Tobler hatte schon wieder vergessen, dass im Sitzungszimmer, obwohl man sonst längst mit allen per Du war, die gestelzte Sie-Form der Anrede galt.

«Danke, freut mich sehr, Herr Bundespräsident!» Tobler erwiderte den Handschlag und begrüsste seine künftigen Kolleginnen und Kollegen, die ihn offensichtlich schon längst erwartet hatten.

---ENDE DER LESEPROBE---