Die wahre Geschichte des Max Mustermann -  - E-Book

Die wahre Geschichte des Max Mustermann E-Book

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Beschreibung

Alltagshelden, Beziehungskünstler, Traumtänzer und Überflieger verraten in "Die wahre Geschichte des Max Mustermann" nicht nur, wie man Luftschlösser baut, wie man sich endlich seiner heimlichen Liebe nähert oder ganz einfach mit dem Rauchen aufhört; wie man den Kampf gegen eine Socken vertilgende Waschmaschine gewinnt, und warum ein salatgurkengrünes Faschingskostüm auf dem Ball der Jungköche Berechtigung hat. Sie geben auch die lang ersehnte Antwort auf die Fragen: Ist die Schwiegermutter kompostierbar? Und wer ist eigentlich dieser Max Mustermann?

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Die wahre Geschichte des Max Mustermann, Gabriele Ulmer

Herbert hebt Geld ab, Klaus Höfle

Grille Sybille sucht ihre Brille, Gerlinde File

Beifahrertraining, Eric Parisse

Achtung Nebenwirkungen, Susanne Koller

Das unbeachtete Leben eines…, Gabriele Ulmer

Meine Bedienungsanleitung, John Hesselaar

Hol mi doch do Guggar, Klaus Höfle

Italienisch verzollen, Eric Parisse

Chinesicher Frühling, Stefan Heinzle

Josè Manuel Rodriguez…, Valerie Travaglini

Mein Kostüm in Salatgurkengrün, Hubert Salzmann

Vorsicht Frosch nicht küssen, Judith Konzett

Die Frau aus dem dritten Stock, Horst-Stefan Jochum

Spiel der Generationen, Klaus Höfle

Raucherentwöhnung, Eric Parisse

Das Privileg der Starken, Judith Konzett

Die Erziehung des besten Freundes, Mary Rieger

Die Gewissheiten des Herrn Baumbach, Horst-Stefan Jochum

Hundemüde, Judith Konzett

Bauanleitung für Luftschlösser, Gabriele Ulmer

Was tun wenn’s klingelt, Eric Parisse

Das Labor der Dimensionen, Gerlinde File

Hortensia in der Krise, Valerie Travaglini

Betreff: Partnersuche, Gabriele Ulmer

Betriebsausflug mit Spätfolgen, Valerie Travaglini

Die Umkehrsprache, Horst-Stefan Jochum

Zu hoch gepokert, Valerie Travaglini

Preiswert oder exklusiv, Sylvia Deutschmann

Dieselben Worte, Valerie Travaglini

Über den Nutzen einer Zeitung, Gerlinde File

Biologisch abbaubar, Stefan Heinzle

Herr Schmidt, Susanne Koller

Dubiose Waschgänge, Hubert Salzmann

Die Tücken der Technik, Sylvia Deutschmann

Herbert weiß sich zu helfen, Klaus Höfle

Die Erfindung der Tortenschaufel, Horst-Stefan Jochum

Das Blaue vom Himmel, Gabriele Ulmer

Wie verteilt man einen Bonus gerecht, Eric Parisse

Für Ruhelose, Valerie Travaglini

Specimen, Hubert Salzmann

Rezepte für Alltagshelden

Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selbst.

Er gibt auch anderen eine Chance.

Winston Churchill

Die wahre Geschichte des Max Mustermann

Gabriele Ulmer

Alles fing ganz harmlos an. Überall, wo ein Bild schiefhing, musste er es gerade richten. Musste. Er konnte nicht anders. Für Max, Max Mustermann, war alles Schiefe unerträglich. Schon als Kind störte ihn der Anblick einer Schrägstellung. Egal, wo er war, bei Freunden, in Gasthäusern, in Spitälern, auf Ämtern, in Kirchen, alle verschobenen Bilder brachte er wieder ins Lot. Danach war die Welt genau so, wie sie sich gehörte, und man dankte ihm dafür. Sein Wirken beschränkte sich schon bald nicht nur auf Bilder, sondern breitete sich nach und nach auf beinahe alle Dinge in seinem Umfeld aus. Er sah immer sofort, wenn etwas nicht gerade war, und handelte, auch wenn dieses Etwas lediglich um einen Bruchteil eines Millimeters verrückt war. Er wurde in Kürze Spezialist für verrückte Dinge und damit sehr bekannt. Max war so genau und so gut im Genausein, dass sein Name später als Beispielname in Dokumenten, Formularen, Datenbanken und so weiter verwendet wurde. Wer ihm folgte, machte fortan alles richtig, nichts Krummes, nichts Abwegiges, nichts Ungerades. Er war gleichsam Garant und Vorbild, dass alles seinen rechten Lauf nahm. Jeder kennt ihn bis heute, doch kaum jemandem ist seine wahre Lebensgeschichte geläufig.

Einige Jahre nach seinem großen Durchbruch mit Musterpapieren und kurz nach seinem frühen Tod entdeckte ein Psychiater den Grund für seinen Hang zum Geraden. „Eindeutig“, sagte der Psychiater, „schief gewickelt. Das Baby ist schief gewickelt. Man sieht es auf diesem Foto.“ Danach war Max’ Mutter lange seine Klientin. Sie litt unter dem Kindheitstrauma ihres Mustersohnes. Dass Max’ Liebe zur Begradigung jedoch so endete, hatte sie und niemand gewollt und auch niemand vorhersehen können, obwohl er schon als Kind das Geradlinige geliebt, alle Bauklötze im rechten Winkel angeordnet und Rutschen sowie Wippen ihrer Neigung wegen tunlichst gemieden hatte, wie es aus seiner Mutter unter Tränen bei einer der therapeutischen Sitzungen hervorbrach. Für sie war Max aber immer recht gewesen. Auch als er als Jugendlicher auf der Maturareise den Schiefen Turm von Pisa in einer besoffenen Nacht- und Nebelaktion mit einem Bulldozer zu begradigen versucht hatte und daraufhin von den Carabinieri verhaftet und von Chianti sowie seiner Schulklasse getrennt worden war.

In jener Nacht konnte Max nicht schlafen. Er saß ganz aufrecht auf seiner Pritsche und betrachtete den italienischen Nachthimmel durch geradlinige Gitterstäbe und fragte sich ständig, warum die Mondsichel denn heute so schief, ja geradezu italienisch schlampig am Himmel hängen musste und ob der Mond, der ja bekanntlich allerhand auf der Erde bewirkte, auch Einfluss darauf gehabt habe, dass sein Unterfangen schiefgegangen war. Und vor allem fragte er sich, ob dieser schiefe Mond gerade gehängt werden könnte und wenn, dann wie und von wem, und ob die Mondanziehungskraft vielleicht auch dafür verantwortlich sei, dass der Haussegen daheim nun schief hänge. Damals fiel seine Eigenartigkeit erst als Eigenartigkeit richtig auf. Was vorher als schrullig galt, wurde nun als krankhaft bezeichnet. Und wie es bei den meisten Krankheiten ist, brachen Max’ Inkli- nationsphobie und die damit verbundene Korrekturmanie erst nach der Diagnose vollständig aus.

Als er sich wieder auf dem rechten Weg befand – er wurde geradewegs von Pisa nach Hause geschickt – beschloss er zu studieren. Er studierte Recht in Graz. Graz klang gut: „Grad-s.“ Und er spezialisierte sich auf Senk- und Waag-Recht. Die Uni besuchte er an allen geraden Tagen, an den ungeraden meldete er sich stets krank. In Wahrheit war es ihm unmöglich, an ungeraden Tagen in aufrechtem Gang in Vorlesungen zu gehen. Da blieb er daheim in der Horizontalen liegen und schrieb aufrichtige Briefe an lokale Tageszeitungen, Leserbriefe, in denen er sich zum Beispiel vehement gegen eine Petition einiger Sportbegeisterter wehrte, bei der gefordert wurde, dass Schieflaufen eine olympische Disziplin werden sollte.

Er stellte nebenbei komplizierte Untersuchungen über komplexe Schwerpunktverlagerungen an und machte in diesem Zuge die bahnbrechende Entdeckung, dass die anhaltende globale Schieflage der Banken unabhängig vom Magnetfeld der Erde dafür verantwortlich war, dass das Geld immer an die gleichen Stellen floss. Auch Zusammenhänge mit der politischen Situation konnte er nachweisen, indem er sie im schiefen Licht genauer unter die Lupe nahm und gleichzeitig den erhöhten Energieverbrauch bei Betrachtungen in eben diesem schiefen Licht dafür als Fehlerquelle ausfindig machen konnte. Selbst Isaac Newton stellte er in den Schatten, indem er die Schwerkraft als Scheinkraft entlarvte.

Er promovierte mit Auszeichnung. Seine Dissertation war eine Lotstudie zum Fall „Niagara“.

Er war gut als Student und gut als Rechtsanwalt. In seinem ersten Prozess ging es darum, dass die Krankenkasse nicht zahlen wollte, als sich ein Mandant schiefgelacht hatte. Er gewann diesen Prozess und gleich darauf einen weiteren, weil eine Person schief angeschaut worden war. Nebenbei veröffentlichte er zahlreiche Musterartikel in rechtswissenschaftlichen Schriften, unter anderem eine Abhandlung über die Geradlinigkeit der Querdenker und ihre signifikante statistische Häufung auf schiefer Bahn.

Max Mustermann selbst lag bei allem, was er schrieb oder tat, nie schief. Er wurde für seine mustergültige Richtigkeit und Geradheit geschätzt und vor allem einschätzbar, denn jeder wusste, dass er seine Linie hatte und dass er und nie und nimmer vom geraden Weg abweichen würde. Das tat er unermüdlich und so konsequent, dass er sogar Bananen, Schrägdächer, Querformate, Rundschreiben, Querulanten, Hängematten, Bogenschießen, Querfeldeinwanderungen, schielende Menschen und Diagonalen aller Art verachtete. Am meisten hasste er es aber, wenn Querflöten schräge Musik spielten. Das fand er entsetzlich. Stets achtete er darauf, dass seine Klagschriften frei von Schrägstrichen und kursiven Schriftzeichen waren, seine Krawatte und alles nicht direkt Sichtbare an seinem Körper gerade hing oder stand.

Das gefiel Erika. „Du bist so genormt!“, gestand sie ihm in schüchterner Bewunderung.

Und Max fühlte sich geschmeichelt und heiratete sie.

Alles an ihr war so schön gerade: die Beine, die Nase, die Schultern, der Blick, nichts Verschobenes an ihr. Nur der Rocksaum verrutschte gelegentlich. Seltsam, dass ihn dies nicht störte. Nichts ist großzügiger als die Liebe.

Sie führten eine Musterehe, die mit zwei mustergültigen Kindern gesegnet war, dem g’raden Michel und der aufrichtigen Gerda.

Erika Mustermann liebte ihren Max leider nur kurz. Sein Tod kam plötzlich, an einem Abend des dreizehnten März, an jenem ungeraden tieftraurigen Tag, als sich gerade die Sonne senkte und als sich in einem Restaurant hinter Max Mustermann bei dessen Versuch, einen Stuhl gerade zu rücken, ein Bild von seinem Nagel schob, erst ein wenig verrutschte und schließlich ganz von der Wand löste. Daraufhin grub sich der schwere barocke Goldrahmen mit seinem rechten Winkel so unglücklich tief in Max’ Kopf, dass unter der Wucht des Aufpralls die Schädelnaht platzte und sich über dem rechten Auge sofort eine klaffende Wunde auftat, aus der sich alsbald Blut ergoss, welches nicht mehr aufhörte, zu bluten, bis die Totengräber ihn drei Tage später waagrecht ins senkrechte Grab legten.

Von diesem Moment an wurde es umständehalber ruhig um Max Mustermann.

Noch findet man aber in verschiedenen Schubladen und auf Auslagetischen von Ämtern milliardenfach Musterpapiere. Und manchmal, wenn die Erde irgendwo bebt, wird posthum gemunkelt, Max Mustermann arbeite unter der Erde wohl an der Begradigung der Erdachse.

Herbert hebt Geld ab

Klaus Höfle

Herbert sitzt im Bushäuschen und friert. Wirsch blättert er vom Lokal- zum Wirtschaftsteil. Dass er sich freitags, statt mittwochs auf dem Weg zur Bank befindet, ist wirklich nicht seine Schuld. Schließlich wird man nicht alle Tage neunzig. Der Gedanke an die Geburtstagsfeierlichkeiten zaubert kurz Entspannung in sein Gesicht. Aber dass ihn Egon oder Eugen…, egal, dass ihn sein Jugendfreund, den er alle heilige Zeiten einmal trifft, mit seiner Neugier über sein Jubiläum derart aufhält, dass ihm doch glatt der Bus vor der Nase davon fährt. Das ist Herbert, der inzwischen seit einer geschlagenen halben Stunde auf den Bus wartet, jetzt doch zu viel. Denn wenn er eines nicht ausstehen kann, dann eben dieses, dass seine jahrzehntelang bewährten, strategisch aufbereiteten Zeit- und Ablaufpläne durcheinander geraten. Nicht umsonst geht er jeden zweiten Mittwoch im Monat, genau um neun Uhr fünfzehn, seine Pension abheben. An diesem Tag, exakt zu dieser Zeit, ist die Bankfiliale am wenigsten frequentiert. Das hat Herbert, Oberstleutnant im Ruhestand und Träger des Silbernen Verdienstzeichens der Republik Österreichs, akribisch genau recherchiert. Aber heute ist alle Ordnung, und mit ihr sämtliche Busanschlusszeiten, dahin.

Herbert blättert zum Sportteil und zieht die Stirn in Falten. Hoffentlich muss er beim Nachhauseweg nicht wieder derart lange auf den Bus warten.

Aber wer weiß schon was kommt? Und wer weiß, wie alles gekommen wäre, hätte Herbert an seinem üblichen Mittwoch, anstatt heute am Freitag, seine Pension abgehoben.

Wie auch immer! Herbert betritt also mit exakt zwei Tagen und dreiundvierzig Minuten Verspätung den Vorraum der Bankfiliale und ist perplex. Kaum zu glauben: Neun Uhr achtundfünfzig und die Schalterhalle ist vollkommen leer. Sein Blick fällt auf den ebenfalls unbesetzten Serviceschalter und den dahinter befindlichen Schreibtisch, an welchem Frau Bösch gebannt auf ihren Bildschirm starrt.

Herbert lüftet seine Schirmmütze, was er immer tut, wenn er angestrengt überlegt. Und mit einem zweiten Blick zum Schalter kombiniert er blitzschnell. Was ohne Zweifel seinem Berufsstand und der damit verbundenen Gabe der Improvisation anzurechnen ist.

Schalterhalle leer – Frau Lösch in Arbeit vertieft – Pensionsauszahlung direkt am Kassenschalter erledigen – Zeit gewonnen – Abfahrt mit Anschlussbus in guter Viertelstunde gesichert.

Herbert zieht seine Schirmmütze tief in die Stirn. Na dann los, bevor ihn Frau Rösch doch noch entdeckt. Er kann sie nicht leiden, diese Frau Hösch… oder Lösch… oder etwa doch Rösch? Egal, diese ihm unsympathische Serviceangestellte, die ihn allmonatlich abfängt, überfreundlich die Quittung ausstellt und währenddessen in ihrer zuckersüßen Art bemuttert, als sei er ihr pflegebedürftiger Vater in Person.

Gedacht, getan. Herbert nutzt die Gunst des Augenblicks und betritt die Schalterhalle, während sich Frau Hösch noch immer hinter ihrem Bildschirm versteckt.

In Wirklichkeit aber versteckt sich Frau Bösch nicht. Nein, sie nutzt lediglich die Abwesenheit des Filialleiters und kümmert sich in aller Heimlichkeit um ihre Internetkontaktanzeige.

Herbert seinerseits macht sich ihre geistige Abwesenheit zunutze. Dabei ist er sorgfältig darauf bedacht, das Klacken seines Gehstocks auf dem Marmorboden weitgehend zu minimieren. Dieser Spazierstock bereitet ihm viel Freude, war es doch das Geburtstagsgeschenk seines Urenkels. Das Originellste, wie Herbert findet. Und laut Severin, der modernste und raffiniertest ausgearbeitete Spazierstock, den das Internet hergegeben hat. Ein Teleskopgehstock, der dank seines ergonomisch geformten Kunststoffgriffs gut in der Hand liegt und sich zusammenschieben lässt, sodass er in jede Tasche passt.

Am Kassaschalter angelangt, schiebt Herbert den Hightechstock in sich zusammen. Die Gleitstücke rasten mit metallischem Klicken ein. Er klemmt den Stock zwischen die mitgebrachte Zeitung und legt das Bündel auf dem Kassenschalter ab. Schließlich muss nicht jeder mitbekommen, dass er seit seinem neunzigsten Geburtstag mit einem Gehstock unterwegs ist.

Der auf dem Kassatresen aufschlagende Griff reißt die Kassiererin aus ihren Tagträumen. Sie sieht sich einem hageren Mann in schwarzem Lodenmantel, tief ins Gesicht gezogener Schirmmütze und zusammengekniffenen, beinahe lauernden Augen gegenüber. Aus der vor ihr liegenden Zeitung ragt…

Das Herz der jungen Kassabediensteten scheint für einen Augenblick still zu stehen. Hitze wallt durch ihren Körper, ihre Beine drohen, nachzugeben. Instinktiv tappt sie nach dem Tresen. Eine Schusswaffe, begreift sie sofort. In dieser einen Zehntelsekunde, in der sie sich über die Gefährlichkeit der Situation klar wird, macht sich nicht nur ihr ohnedies schwacher Kreislauf bemerkbar. Nein, selbst das metallische Klicken der schussbereit gemachten Waffe hallt in ihren Ohren nach. Spätestens jetzt wünscht sich die junge Frau Herrn Schmid an ihre Seite. Auch wenn ihr Filialleiter sie während der Einschulung mit seinen ständigen Ratschlägen mächtig genervt hatte. Jetzt, sozusagen in Zeiten zwischen Geld oder Leben, hätte sie ihn liebend gern nach vorn geschoben.

Das Räuspern des Bankräubers zwingt ihre Gedanken zurück an den Schauplatz. Ihre Wangen glühen und der Mund steht offen. Ein Blick aus den Augenwinkeln lässt sie erkennen, dass Frau Bösch vollkommen in ihren Bildschirm vertieft ist. Und so bleibt ihr nichts als die erlernte Theorie.

Tief durchatmen – alles tun, was der Bankräuber verlangt – und vor allem… kein unüberlegtes Handeln – genau nach Lehrbuch, und alles wird gut.

Herr Schmid, der Filialleiter, ist mit der neuen Kassiererin mehr als nur zufrieden. Sie ist intelligent, schnell von Begriff und hat all seine Ratschläge gerne entgegengenommen. Kurzum – trotz ihrer Jugend – ein Goldgriff. Und da sie früher als erwartet die Kassa selbstständig führen kann, genießt er heute erstmals seit Beginn ihrer Einarbeitung seinen Kaffee im Aufenthaltsraum nebenan. Noch mehr als seinen Kaffee genießt Herr Schmid aber den Aus- und Einblick des prächtig zur Schau gestellten Dekolletees seiner Assistentin.

Das Fräulein ist neu hier, das erkennt Herbert sofort. Ihren Namen kann er allerdings nicht entziffern. Da kann er seine Augen noch so angestrengt zusammenkneifen. Die Schrift auf ihrem Namensschild ist zu klein. Egal, sowieso bloß ein Name mehr, den er sich nicht merken kann. Er räuspert sich. „Mein Geld, junges Fräulein“, fordert Herbert nicht zu leise, aber auch nicht zu laut. Schließlich will er nicht Frau Lösch auf sich aufmerksam machen. Und da ihn das Fräulein hinter dem Tresen lediglich mit großen Augen anstarrt, tippt er auf seine Armbanduhr. „Ich habe wenig Zeit! Die Uhr tickt – Sie verstehen?“

Ein Sicherheitsblick über die Schulter verrät ihm, dass Frau Rösch noch immer mit ihrem Bildschirm liiert ist.

Bis ins kleinste Detail durchgeplant und alles im Blick. Ein waschechter Profi eben. Dessen ist sich die Kassabedienstete sicher. Ungebeten regt sich die blanke Theorie zu Wort.

Tief durchatmen – Ruhe bewahren – und falls irgend möglich, den stillen Alarm auslösen.

Fuck Theorie, fuck Lehrbuch, fuck alles!

Ihre Hände umklammern noch immer den Tresen; die Beine der jungen Frau drohen mehr denn je zu versagen.

Herberts Blick wechselt von der Armbanduhr und fixiert die großen, blauen Augen seines Gegenübers. „Was ist jetzt mit dem Geld?“

„Das ganze Geld?“ Die Gegenfrage kommt spontan und ehrlich, wenn auch ein wenig unüberlegt.

Instinktiv legt Herbert seine Hand auf den Tresen und beugt sich vor. Die Zeitung samt Gehstock wird unmerklich Richtung Kassiererin geschoben.

„Was denn sonst, junges Fräulein. Aber zack, zack!“

Herbert ist es gewohnt, dass ihm Frau Hösch allmonatlich sein gesamtes Guthaben ausbezahlt. Er besitzt kein Bankkonto und erhält seine Rente per Postanweisung. So kann er alles auf einmal abheben. Seit der Bankenkrise traut Herbert dem Bankenapparat nicht die Bohne und ist absolut nicht gewillt, dieser in marmorbestückten Goldpalästen residierenden, zuckersüßen Bettelbande auch nur einen Cent Kontoführungsspesen in den Rachen zu werfen. Ungeduldig tippt er auf die Zeitung.

Die vorgeschobene Schusswaffe und die nervösen Zuckungen des Bankräubers machen die Situation für die Kassabedienstete nicht leichter.

Das junge Ding ist neu in der Filiale und mit dem Kassadienst völlig überfordert. Das steht für Herbert außer Frage. Was aber kein Grund ist, ihn länger als nötig aufzuhalten. Schließlich will er den Bus nicht ein zweites Mal verpassen.

„Was ist jetzt mit dem Geld?“

Die junge Kassabedienstete blickt noch ratloser zu Herbert. In all den Sicherheitsschulungen hatte der Räuber immer eine Tasche für die Beute dabei.

„Und wohin damit?“

Die zusammengekniffenen Blicke treffen auf die blauen Augen. Schnell senkt sie den Blick.

Keinen direkten Augenkontakt – keine Provokation – genau nach Lehrbuch, und alles wird gut.

Herbert schüttelt den Kopf, kramt in seiner Manteltasche und reicht ihr eine zusammengefaltete Nylontasche. Diese führt er stets mit sich. Warum soll er bei jedem Einkauf eine Neue kaufen. Sein Blick wechselt zwischen dem jungen Fräulein, die seine Rente in die Tasche füllt, seiner Armbanduhr deren Minutenzeiger die Busabfahrt einmahnt sowie über die Schulter zum Infoschalter. Dort zumindest ist alles in Ordnung.

Das junge Ding ist nervös und mit ihrer Arbeit hoffnungslos überfordert. Würde nicht sein Bus in wenigen Minuten abfahren, hätte er sie gerne aufgeklärt, dass nur in der Ruhe die Kraft liege und sie sich vor ihm nicht zu fürchten brauche. Aber so übernimmt Herbert die Tasche und ist glücklich, dass Frau Lösch weiterhin auf ihren Bildschirm glotzt. Sie wird ihm frühestens nächsten Monat wieder auf die Nerven gehen.

Frau Bösch ihrerseits schwelgt im neu gewonnenen Glück oder zumindest in der Vorfreude des für übermorgen vereinbarten Dates.

Herr Schmid wird von Glückshormonen nahezu überschüttet und bietet seiner Assistentin angesichts des freizügigen Einblicks eine zweite Zigarette zur noch halbvollen Tasse Kaffee an.

Selbst die Kassabedienstete ist glücklich, ihren ersten Banküberfall unverletzt überstanden zu haben. Auch wenn ihre Beine sie doch noch im Stich lassen, nachdem der Bankräuber ihr den Rücken zugedreht hat.

So schwelgen sie alle im kurzen Glück.

Herberts Glücksmoment währt länger. Er sitzt vor einem Haufen gebündelter Scheine und gönnt sich ein Kellerbier. Sein Groll ist verflogen, hat sich doch allem Widerspruch zum Trotz seine verspätete Pensionsbehebung als Glücksfall entpuppt. Spätestens jetzt ist ihm klar, dass Frau Rösch ihn stets so freundlich bediente, um ihm einen Teil seiner Pension vorzuenthalten. Aber heute hat er sich geholt, was ihm zusteht.

Herbert trinkt den letzten Schluck mit Genuss. Und das ist nicht das Einzige, das er dazugelernt hat. Seit heute hat er begriffen, dass selbst der ausgereifteste Termin- und Ablaufplan noch verbesserungswürdig ist. Und diese Erkenntnis ist ihm ein zweites Kellerbier wert. Zurück bei seinem Geld, greift er zu Stift und Monatsplaner und schreibt: „Bankbesuch jeden zweiten Freitag im Monat – Abfahrt neun Uhr vierzig – Pensionsbehebung beim jungen Fräulein persönlich.“

Grille Sybille sucht ihre Brille

Gerlinde File

„Wo ist bloß meine Brille?“, klagte Grille Sybille. „Ich kann meine Brille nicht finden.“ Schillerkäfer Jaromir polierte eben seine ohnehin makellos glänzenden Flügel und drehte und wendete sich selbstgefällig vor dem Spiegel.

„Keine Ahnung, wo deine Brille ist“, murrte er. Eben hatte er ein unscheinbares Stäubchen auf seiner linken Schulter entdeckt und blies es weg. „Du musst halt nachdenken, wo du die Brille zuletzt gehabt hast, dann wirst du sie schon finden.“

Grille Sybille grübelte. Wo bloß habe ich die Brille zuletzt verwendet? Ach ja, es fällt mir wieder ein: gestern am Nachmittag in der Veilchenbar. Da habe ich auf dem grüngestreiften Liegestuhl gesessen und habe mir die Nägel lackiert. Schnurstracks lief sie zur Veilchenbar, um nachzusehen.

Auf dem grüngestreiften Liegestuhl lag der dicke Hummelmann Boruslav, hatte sich den Strohhut über die Augen gezogen und schnarchte gemächlich vor sich hin. Grille Sybille rüttelte ihn sanft an der Schulter.

„He Boruslav“, sie flüsterte fast, „ich habe meine Brille hier verloren. Hast du sie vielleicht gefunden?“

„Mensch, lass mich doch schlafen!“, maulte der Hummelmann, hob aber doch ächzend sein Hinterteil, damit die Grille nachgucken konnte. Nichts. Auf dem Liegestuhl lag keine Brille, auf dem Tisch daneben lag sie nicht und im weichen, gepflegten Rasen zu ihren Füßen, da lag sie auch nicht.

„Frag doch die Spinne Elvira!“, grummelte der Hummelmann Boruslav unter seinem Strohhut hervor. „Die sammelt alles ein, was herumliegt, und hängt es an ihr Netz. Scheinbar gefällt ihr das.“

„Okay, danke für den Rat!“, nickte Grille Sybille und lief los.

Spinne Elvira hauste im Hollerbusch am Rande der Wiese. Schon von weitem sah man das seltsame Netz, auf dem alle möglichen Sachen hingen: der Deckel von einem Uhu-Stick, eine Samtmasche, eine Büroklammer, eine Plastikgabel mit einer abgebrochenen Zinke, keine Brille.

„Hast du meine Brille genommen?“, fragte die Grille Sybille sicherheitshalber nach.

„Schau doch selber nach, ob sie irgendwo hängt!“, keifte Spinne Elvira aus luftiger Höhe. „Siehst du nicht, dass ich spinne? Ich muss mich konzentrieren!“ Und wirklich, eben spannte sie einen roten Faden von Speiche eins zu Speiche zwei, einen blauen von Speiche zwei zu Speiche drei und dann einen gelben von Speiche drei zu Speiche vier. Grille Sybille staunte. Noch nie hatte sie so ein buntes Netz gesehen.

„Konzentration ist alles“, erklärte die Spinne. „Du musst dich einfach konzentrieren, dann wirst du die Brille schon finden.“

„Aha, konzentrieren!“, das leuchtete der Grille ein. Sie schloss die Augen, legte die Stirn und alle Hirnwindungen in Falten und hielt sogar die Luft an vor lauter Anspannung. Nichts geschah. Als Grille Sybille mit einem tiefen Atemzug die Augen wieder öffnete, entdeckte sie vor ihrer Nase eine dünne, geringelte Socke vom alten Netz der Spinne Elvira baumeln. Die gehört doch bestimmt dem Tausendfüßler Alfred, dachte sie, der hat immer solche Socken an. Kurzerhand pflückte sie die Socke aus dem Netz und rannte los, um Alfred sein Eigentum zurück-zubringen.

Tausendfüßler Alfred saß auf seinem Handy und hieb wie ein Irrer mit allen Füßen gleichzeitig in die Tasten.

„Schau, was ich im Netz von Spinne Elvira gefunden habe“, rief Grille Sybille keuchend. „Die Socke gehört doch sicher dir.“

„Kann schon sein, leg sie einfach hin und stör mich nicht!“, japste Alfred und starrte wie gebannt aufs Display.

„Schon gut, schon gut, Alfred, ich hab‘s doch nur gut gemeint“, entschuldigte sich Grille Sybille, „aber ich suche schon die ganze Zeit verzweifelt nach meiner Brille. Hast nicht du zufällig irgendwo meine Brille gesehen?“

„Was schert mich deine Brille!“, gab Alfred genervt zurück. „Lauf einfach kreuz und quer durch die Wiese, dann wirst du schon irgendwo drüberstolpern.“

„Danke für den guten Rat!“, entgegnete Grille Sybille und machte sich sofort auf den Weg kreuz und quer durch die Wiese. Sie stolperte über eine Kiwischale, über eine Zigarettenkippe und zuletzt über ihre eigene Weste. Hoppla! Die ist mir noch gar nicht abgegangen, wunderte sich die Grille, zog die Weste an und lief weiter. Sie stolperte nicht mehr, schon gar nicht über ihre Brille. Aber auf einmal stand sie wieder vor dem Schillerkäfer Jaromir.

„Hast du die Brille jetzt gefunden?“, erkundigte er sich. Eben hatte er seine Morgentoilette beendet, drehte sich um und musterte die Grille Sybille aufmerksam.

„Nein!“, sagte die Grille traurig, „und ich habe wirklich alles versucht.“

Jaromir lächelte. „Vielleicht sitzt die Brille ja mitten im Spiegel. Ich an deiner Stelle würde nachschauen.“

„So ein Blödsinn!“, schimpfte die Grille. Trotzdem warf sie einen Blick auf das glänzende Glas. Und siehe da, da saß sie tatsächlich, die Brille, mitten im Spiegel, mitten auf der Nase von Grille Sybille.

Beifahrer(innen)training

Eric Parisse

Viel entsetzlicher als Lenker, die bei Rot über die Ampel fahren, sind Beifahrer, die ihre Klappe nicht halten können. Eigentlich sollte nichts leichter sein, als auf dem Hintern zu hocken und aus dem Fenster zu starren, während man chauffiert wird.

Aber nein, sie geben dir Anweisungen, die du nicht brauchst, und Meinungen von sich, die du nicht hören willst. Derweil du sie sicher ans Ziel bringst, bringen sie dich um den Verstand.

Beifahrer sind eine chronische und unheilbare Plage, sozusagen die Hämorrhoiden der Straße. Warum fällt es ihnen nur so schwer, Passagier zu sein? Von A nach B zu kommen, ohne das obligatorische Blabla, scheint ein schier unmögliches Unterfangen.

Was treibt sie an? Die notorische Angst vor dem totalen Kontrollverlust? Das Wissen darum, sein Leben einem Primaten anvertrauen zu müssen? Oder einfach nur ihre Ohnmacht, nicht selbst zeigen zu können, wie man eine Kurve richtig nimmt oder den vor dir kriechenden Traktor endlich killt?

Während deine erfahrene linke Hand lässig das Lenkrad umschließt und deine rechte auf dem Schaltknüppel ruht, um gegebenenfalls ultraschnell zu schalten, kämpfen sie um die Herrschaft – wohlgemerkt – von deinem Wagen.

Worüber beklagen sie sich?

Über alles! Über die Geschwindigkeit, die Abkürzung, die Stauumfahrung und natürlich über die kühle Überheblichkeit, mit der du Schilder ignorierst, die sowieso bloß für ausgemachte Rowdys gelten. Wenn du vorausschauend vorsichtig in der Kolonne bleibst, schütteln sie missbilligend den Kopf; wenn du aber vorschießt und zeigst, dass du alles im Griff hast und keinesfalls bereit bist, wegen eines Irren, der ausschert, zu bremsen, bist du aggressiv und rücksichtslos. Nichts als profunder Neid, wie du mit deinem Wagen zurechtkommst und auf deine unglaubliche Selbstsicherheit, mit der du deine Karosse über die Straße jagst. Das Wissen darum macht deine Beifahrer stinksauer. Also versuchen sie, den Status als Beifahrer zu ignorieren. Mit nebulösen Instruktionen wie: „Die Ampel eben war rot, pass auf den Fahrradfahrer auf, die Kurve hast du aber sauber geschnitten. Aber hallo! Da wollte einer über den Zebrastreifen…“

Gott sei Dank hatte ich kürzlich während so einer Fahrt einen geradezu genialen Geistesblitz. Ich werde Benimmseminare für Beifahrer(innen) geben. Eine bestimmt noch nie da gewesene Geschäftsidee, dachte ich! In meinem Kopf sah ich bereits Hunderte im Saal sitzen und meinen Ausführungen aufmerksam lauschen. Und erst die Presseberichte, die Dankesbriefe von Lenkern. Wahnsinn!

Als ich am nächsten Tag meinen Steuerberater wegen der Gewerbeanmeldung aufsuchte, meinte er allerdings, dass ich das ohne weiteres steuerschonend, sprich schwarz machen könne. Es käme sowieso niemand, weil sich nämlich lediglich ein ausgemachter Idiot des einzigen Genusses berauben lasse, den man als Beifahrer habe. Jetzt stehen bzw. fahren wir also wieder im Regen und müssen uns von inkompetenten, selbsternannten Co-Lenkern volllabern lassen.

Dabei wäre es so einfach, so beruhigend – wenn sie einfach nur still dasitzen und anstatt Kommentare in Endlosschleife abzugeben, endlich das Kartenlesen lernen würden, sodass man sich als Fahrer wieder auf das Fahren konzentrieren könnte.

Achtung Nebenwirkungen

Susanne Koller