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Kennen Sie die Mona Lisa? Ob bekanntes Gemälde oder wenig bekannte Skulptur: Objekte der Bildenden Kunst zum Schreibanlass zu nehmen, war die Ausgangslage der hier gesammelten vierzehn Erzählungen. Mit zum Teil überraschenden Ergebnissen, die zu neuem Sehen verhelfen. Denn Bilder vor dem inneren Auge erstehen zu lassen, gehört zu den ureigensten Aufgaben von Literatur. Ausgehend von der Frage, was man sieht, wenn man das Bild nicht vor sich hat, entstanden für den Radiosender Ö1 literarische Miniaturen zu Objekten der Bildenden Kunst. Ein neues Genre war geboren, die "Kunstgeschichte", im Buch vorgestellt von folgenden namhaften Autor:innen: Daniel Wisser, Erwin Uhrmann, Friederike Schwab, Andreas Schindl, Hans Platzgumer, Mike Markart, Stefan Kutzenberger, Margret Kreidl, Michael Köhlmeier, Monika Helfer, Petra Ganglbauer, Andrea Drumbl, Michael Dangl, Anna Baar.
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Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2023
Hg. Edith-Ulla Gasser
Kunstgeschichten
EDITH-ULLA GASSER
Was sehen wir, wenn wir nichts sehen?
DANIEL WISSER
Lisa
ERWIN UHRMANN
Nenn mich Grímur
FRIEDERIKE SCHWAB
Ein Versuch über das Sehen
ANDREAS SCHINDL
Porträt einer Dame, sitzend, undatiert
HANS PLATZGUMER
Superbia
MIKE MARKART
Die Abflusswesen
STEFAN KUTZENBERGER
Marietta
MARGRET KREIDL
Die Insel ist eine Leinwand
MICHAEL KÖHLMEIER
Der König der Katzen
MONIKA HELFER
Alkoholikerbild
PETRA GANGLBAUER
Wer geht, wer bleibt?
ANDREA DRUMBL
Bluten
MICHAEL DANGL
Besuche bei Madonnen
ANNA BAAR
Umzug auf Zehenspitzen
DIE AUTOR*INNEN
BILDVERZEICHNIS
IMPRESSUM
Die Idee zu den „Kunstgeschichten“ entstand ursprünglich im Radio. Das Genre hat sich aber inzwischen längst von seinem Ausgangsmedium emanzipiert.
Was sehen wir, wenn wir nichts sehen? In einer Sendeumgebung, die sich „Kunstsonntag“ nennt, werden im österreichischen „RadioKultursender Ö1“ Musik, Literatur und Radiokunst abgehandelt. Zunächst gab es kein eigenes Sendeformat für die Bildende Kunst. Dass man deren Hervorbringungen auch sehen müsse, scheint ein aufs Erste trivial richtiger Gedanke zu sein. Dieser Herausforderung wird im Radio normalerweise journalistisch begegnet, mit Beschreibungen von Bildern und Berichten von Ausstellungen.
Aber sind die wahren Bilder nicht im Kopf? Und hat nicht die Literatur Möglichkeiten, die über die reine Beschreibung weit hinausgehen? Auf die Idee eines literarischen Zugangs zu Objekten der Bildenden Kunst folgte ein wahrer Vorschlagsregen vonseiten der Autorinnen und Autoren. Wobei die klassische „Bildbeschreibung“, wie sie in Schreibseminaren und an Theaterschulen gerne geübt wird, ausdrücklich nur eine von zahllosen Gestaltungsmöglichkeiten bleiben sollte.
Anlässe, Genres, Erzählperspektiven und Erzählhaltungen wurden in den mehr als fünfzig gesendeten Kunstgeschichten variantenreich abgewandelt. Vom weltweit bekannten Gemälde bis zur kleinen Kinderzeichnung, von der ungewöhnlichen Objektkunst bis zur weithin sichtbaren LandArt, von der Steinskulptur bis zum kargen künstlerischen Bleistiftstrich reichten die beschriebenen Kunstobjekte. Die literarischen Themen entfalteten sich von persönlichen Erlebnissen mit bestimmten Gemälden und vom fantasievollen Lebendigmachen der in den Bildern gezeigten Motive bis hin zum kritischen Kommentar zur Lebenssituation von Kunstschaffenden.
In manchen der für dieses Buch ausgewählten vierzehn Erzählungen wird das Kunstobjekt tatsächlich fast gar nicht beschrieben, wie zum Beispiel in Daniel Wissers Geschichte über einen Besuch im Pariser Louvre. Aber haben wir nicht alle ein Bild von der Mona Lisa im Kopf? Daniel Wisser erzählt seine Kunstgeschichte auf zwei Zeitebenen. Einerseits ist da die Reise des männlichen Ich-Erzählers und seiner Freundin nach Paris. Die zweite Zeitebene handelt vom Diebstahl der berühmten „Gioconda“ im Jahr 1911.
In anderen Kunstgeschichten wird ein Gemälde sogar sehr akribisch und detailliert untersucht, wie es der Wiener Arzt und Autor Andreas Schindl tut, der einem romantischen Bildporträt in seinem eigenen Haus sogar mit der Lupe zu Leibe rückt, um mehr über die abgebildete Dame und deren Schöpfer zu erfahren. Der Künstler Moritz Coschell ist heute wenig bekannt, er war jedoch bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten ein gefragter Maler und Illustrator in Berlin und Wien.
St. Petersburg, Florenz, München: ausgehend von der „Madonna Benois“, deren Geschichte Michael Dangl in Sankt Petersburg nachspürt, führt die Betrachtung dreier Madonnengemälde von Leonardo da Vinci in Städte und Museen dreier Länder. Es ist zugleich eine Zeitreise durch die Jahrhunderte und die Reflexion künstlerischer Ideale in einer fragilen Gegenwart.
Erwin Uhrmann erstand auf einer Reise eine Lithographie des Färöer Künstlers Zacharias Heinesen, in deren grafisch dargestellter Landschaft er sich nach langer und meditativer Betrachtung plötzlich selbst befindet: „Bevor ich in das Bild ging, war ich auf den nordatlantischen Inseln unterwegs.“ Für den Autor sind die Färöer Inseln „der vielleicht fernste Ort“, wobei Ferne nicht mit realer Entfernung gleichzusetzen sei, sondern eher mit einer „Illusion von Ortlosigkeit“.
Margret Kreidl sah im New Yorker Guggenheim Museum die Bildserie „The Islands I–XII“ der 2004 in New Mexico verstorbenen Künstlerin Agnes Martin und schrieb über die zwölf hellen, fein strukturierten Farbflächen eine literarische Meditation. Das Überschreiten und Überschreiben von Gattungsgrenzen ist für Margret Kreidl ebenso Programm wie für ihre Autorenkollegin Petra Ganglbauer: „Was mich an Kunst jeglicher Art besonders herausfordert, ist das Expressive, Dramatische, Aufreibende, Verstörende. Spracharbeit sollte meiner Meinung nach stets formal analog zum Thema, zum Inhalt vor sich gehen. Deshalb versuche ich in meinem Text zu Lassnigs Werk ‚Du oder Ich‘ die emotionale Bewegtheit, das Aufrührende, Provokative ganz direkt zu spiegeln.“
Wer in New York als Popmusiker gerade so richtig durchstartet, den zieht es nicht unbedingt ins Museum. Höchstens, wenn es in der Wohnung unerträglich heiß und im Central Park unerträglich kalt ist. Hans Platzgumer schreibt über eine der „Sieben Todsünden“ von Pieter Bruegel dem Älteren, über seinen eigenen Hochmut und über eine lebensbedrohliche Situation des vor diesem Bild stehenden Museumsbesuchers, in dessen Leben danach nichts mehr so ist wie zuvor. Es ist ein Überleben einzig aus dem zufälligen Grund, dass im Museum andere Menschen zugegen sind.
Auch Stefan Kutzenbergers Protagonist befindet sich im Museum vor einem berühmten Bild. Genauer gesagt: Der Mann sitzt vor dem Gemälde auf dem Boden. Und zwar in exakt der gleichen Position, die die Figur darauf einnimmt. Broncia Koller-Pinell war die einzige weibliche Künstlerin aus dem Kreis der Wiener Secession. Ihre bekannte sitzende „Marietta“ mit den ausgestreckten Beinen und dem leicht schiefgelegten Kopf ist emblematisch für diese Kunstperiode. In Stefan Kutzenbergers Kunstgeschichte ereignet sich eine wundersame Übereinstimmung des sensiblen Helden mit der Frau auf dem 116 Jahre alten Gemälde: „Er benutzt die gleichen Muskeln wie sie, aktiviert die gleichen Nerven, die die gleichen Reize an das Gehirn senden, was die gleichen Nervenerregungen auslöst, die die gleichen Empfindungen hervorrufen. Wenn zwei Menschen dasselbe fühlen, so fühlt er, dann sind sie für diesen Moment tatsächlich dieselbe Person.“
„Meine Mutter war gehbehindert.“ So beginnt Michael Köhlmeiers Kunstgeschichte „Der König der Katzen“. „Denk dir“, sagte sie, „denk dir, ein Mensch verliert von einem Augenblick auf den anderen ganz und gar seine Fähigkeit, sich zu bewegen, und genau diesen Augenblick hält der Künstler fest. In diesem Augenblick ist alles enthalten, was dieser Mensch einmal war. Es muss nur richtig aus seinem Körper herausgelesen werden.“ Genau dieses Herauslesen aus den Körpern versucht Köhlmeier an einem Bild von Balthasar Kłossowski de Rola, genannt Balthus, aus dem Jahr 1935. Eine Katze schmiegt ihren großen Kopf an das Bein eines gut gekleideten jungen Mannes, der wenig beeindruckt, ja sogar ein wenig überheblich wirkt. „Warum fühlt sich die Katze wohl? Weil ihr Herr anwesend ist?“ Die Bildinterpretation gerät zur Psychoanalyse: „Sigmund Freud soll, so die Legende, zu Salvador Dalí gesagt haben, an seinen Bildern interessiere ihn weniger das Unbewusste als das Bewusste. Was hätte Freud zu den Bildern von Balthus gesagt?“
Monika Helfer war schon als kleines Mädchen fasziniert von der Welt der Bilder. Sie hat sich schließlich für den Weg einer Schriftstellerin entschieden, jedoch wurde ihr Sohn Lorenz Helfer Maler. Immer wieder illustriert er Erzählungen und Romane seiner Mutter, ebenso wie die seines Vaters Michael Köhlmeier. In Monika Helfers Kunstgeschichte ist es umgekehrt, sie schreibt über ein Gemälde ihres Sohnes: „Warum ich gerade dieses Bild ausgewählt habe? Es stand an der Wand und schaute mich an. Nicht jedem Menschen gelingt es, hinter ein Bild zu sehen. Es muss auch das reine Schauen genügen können.“ Beschrieben wird die Arbeitsweise des Künstlers, beschrieben werden Gespräche über das Bild, vermieden werden Interpretationen. Es ist eine Geschichte über das Freilassen und Freibleiben sowohl der Menschen als auch der Bilder.
„Ich lebe ja in einem großen Haus“, sagt der steirische Autor Mike Markart, „mit den Bildern von meinem Bruder Tom. Und mit denen von Andrea Markart, seiner Frau. Diese Bilder sind meine Mitbewohner. Ich ordne einige von ihnen an den Wänden immer wieder neu. Die ‚Abflusswesen‘ haben begonnen, ein Eigenleben zu entwickeln. Ich rede hin und wieder mit ihnen. Vor allem mit dem ‚Rettichhelmling‘, der mein besonderer Freund ist.“ Die Kunstgeschichte ist das Psychogramm eines eigensinnigen Klaustrophobikers, der seinen Lebensraum gegen eindringende menschliche Beziehungsansprüche zu schützen versucht und der schließlich mithilfe der märchenhaft bunten „Abflusswesen“ vor den Zumutungen flieht.
Friederike Schwab folgt mit ihrer Kunstgeschichte Paul Klees Kunstphilosophie anhand seines berühmten Bildes „Der Goldfisch“: „Ein Mensch steht einem Bild gegenüber. Betrachtet. Er analysiert noch nicht. Es ist jenes Sehen, das gehorsam, dehnbar, Geduld sein will. Sich dem Moment bloßen Gewahrseins, einer Form offenen Abtauchens in Form und Farbe verdankt. Das Auge steuert auf die größtmögliche Farbberührung zu.“
„Das Sichtbare wird unsichtbar gemacht, um sichtbar zu werden“, sagt Andrea Drumbl über das Werk des österreichischen Künstlers Arnulf Rainer. „Man schaut sie an, die Übermalungen von Arnulf Rainer, schaut in sie wie in einen Spiegel, in dem man sich mehrfach gespiegelt sieht. Überspiegelungen, Übermalungen, Überschreibungen.“ In ihrem Text lässt Andrea Drumbl eine Frau namens Rosi vor einer „Roten Übermalung“ des Künstlers Arnulf Rainer stehen. Dabei fließt Rosis Geschichte ins Bild und aus dem Bild heraus. Die Kunstgeschichte ist ein Fortschreiben, das sich desselben Verfahrens bedient wie die „Übermalungen“ Arnulf Rainers.
Anlässlich eines Gedenktags zur Wiederkehr der sogenannten „Kärntner Volksabstimmung“ erinnerte sich Anna Baar an die jährlich auftauchenden emblematischen Bilder zu diesem für viele widersprüchlichen historischen Ereignis. Besonders ein Motiv blieb den meisten Kärntner Schülerinnen und Schülern ins Gedächtnis eingebrannt: „Gletscherblick, Gamsbarthut, die Linke zur Faust geballt“, so beschreibt Baar den Mann auf dem Plakat, der für einen Verbleib der Südkärntner Abstimmungsgebiete bei Österreich wirbt. Gerade für ein Kind, das anderen als „Tschusch“ galt, war diese Figur ein in vielen Verwandlungen erscheinender Schrecken, dessen Vexierbilder Baar in ihrer Kunstgeschichte festhält.
Bildbetrachtung ist nicht zuletzt Erinnerung: an Bilder, die man einst sah, aber auch an Bilder, die man nie gesehen hat. Und ähnlich ist es mit der Beschreibung von Bildern: Beschreibt man wirklich diese oder beschreibt man eine Auffassung davon? Der literarische Zugang zu Werken der Bildenden Kunst beinhaltet beides, denn eine Kunstgeschichte steht ganz für sich. Sie kann direkt auf das Bild verweisen, kann dieses aber auch nur als Idee verwenden. Ich wünsche den Leserinnen und Lesern viel Freude und viele neue Wahrnehmungen mit diesen vierzehn Kunstgeschichten, die formal so verschieden sind wie ihre Autorinnen und Autoren und thematisch so bunt wie die gewählten Schreibanlässe aus der Welt der Bilder.
Edith-Ulla Gasser, Wien im Oktober 2023
DIE VIERZEHN BILDER ZU DEN VIERZEHN KUNSTGESCHICHTEN FINDEN SIE AM ENDE DES BUCHES.
DANIEL WISSER
Eigentlich spielte die Stadt, die wir ausgesucht hatten, bei unseren Städtereisen keine Rolle. Paula und ich bevorzugten, im Hotel zu bleiben. Wir liebten Regen und Schlechtwetter. Dann mussten wir auch kein schlechtes Gewissen haben, die Altstadt oder ein Museum oder eine Sehenswürdigkeit nicht besucht zu haben. Nach dem Frühstück testeten wir das Spa des Hotels und aßen später auf dem Zimmer zu Mittag. Danach schlief Paula gerne zwei Stunden, und ich schrieb auf das Briefpapier, das man in jedem Hotel in einer Mappe auf dem Schreibtisch findet, eine Kurzgeschichte.
Paula und ich – wir kannten einander erst seit drei Monaten, aber wir verbrachten so viel Zeit wie möglich gemeinsam. Unsere Devise war: Wir lassen es darauf ankommen. Die Idee, nach Paris zu fahren, war von mir. Paula gefiel sie sofort. Besonders die Vorstellung, drei Tage in Paris zu verbringen, ohne den Eiffelturm zu besuchen, erregte sie. Wir besiegelten unseren Beschluss mit Sex, Koffer-Packen und noch mehr Sex.
Paula und ich – wir konnten uns schon nach drei Monaten ein Leben ohne den anderen nicht mehr vorstellen, egal, ob Paula schwanger werden würde oder nicht. Und wir hatten viele Gemeinsamkeiten: Beide liebten wir es, Geld auf der Straße zu finden. Wir liebten es, in Vier- und Fünfsternehotels zu wohnen, und wir steigerten uns unterwegs in Schimpftiraden über andere Reisende, ihre Kleidung, ihre Schuhe, ihr Benehmen, aber auch über schlechten Kaffee, mieses Essen, sehensunwürdige Sehenswürdigkeiten oder hässliche Bauwerke.
Schon auf dem Wiener Hauptbahnhof begann Paula die Hauptbahnhofstirade: Der Bahnhof habe kein richtiges Portal, sähe aus wie ein Einkaufszentrum, man fände sich nicht zurecht und überhaupt müsse ein anständiger Hauptbahnhof ein Kopfbahnhof sein und nicht eine Ansammlung von Bahnsteigen wie ein Lokalbahnhof. Ich lachte Tränen, als wir in den Zug nach Paris stiegen.
Der Tischlermeister Antonelli aus Varese war bekannt dafür, seinen Lehrlingen stundenlange Reden über die Hochblüte der italienischen Kultur im 15. und 16. Jahrhundert und deren nun schon Jahrhunderte andauernden Niedergang zu halten. Sein begabtester Zuhörer war der Tischlergeselle Luigi Piero, ein unbegabter Handwerker, der – seit er sich bei einem Unfall eine Fingerkuppe abgesägt hatte – von den anderen Lehrlingen und Gesellen Neuneinhalb genannt wurde. „Einmal im Leben musst du nach Paris fahren, um die Gioconda von da Vinci zu sehen, das größte Kunstwerk aller Zeiten“, sagte Meister Antonelli immer wieder zu Neuneinhalb.
Im Jahr 1896 begann ein junger Mann namens Vincenzo Peruggia aus Dumenza seine Lehre bei Antonelli. Peruggia befreundete sich mit Neuneinhalb und erzählte ihm, er habe vor, berühmt zu werden, wie, das wisse er noch nicht. Er beneidete Piero dafür, dass der Tischlermeister nur mit ihm über Kunst sprach und sonst mit keinem anderen seiner Gesellen und Lehrlinge. „Du musst nach Paris, Piero. Ich sage es dir“, sagte Antonelli, „und noch eines: Wenn es darum geht, einen Nagel einzuschlagen, lass das den Peruggia machen. Du kannst das nicht!“
Kaum aber war Peruggia mit Neuneinhalb allein, begann der Lieblingsgeselle über seinen Meister zu lästern. Er zog über Antonelli her und klagte, wie qualvoll es sei, seinen stundenlangen Monologen zuzuhören. Schließlich sagte er eines Tages: „Wenn diese Gioconda das größte Kunstwerk aller Zeiten ist und wenn das größte Kunstwerk aller Zeiten von einem Italiener geschaffen wurde, warum hängt es dann in einem Museum in Frankreich?“
Am ersten Tag in Paris testeten wir das Hotel. Es lag in der Rue Boissy d’Anglas im achten Arrondissement. Beim Abendessen – Paula hatte im Michelin ein Restaurant ausgesucht – hatten wir ein eigenartiges Gespräch. Das heißt, eigentlich redete nur ich. Paula aß langsam und sah abwesend in die Ferne. Noch nie zuvor hatte eine derart bedrückte Stimmung zwischen uns beiden geherrscht. Paula hatte diesen Blick, der auf mich wirkte, als schaue sie zwar in meine Richtung, fokussiere aber einen Punkt, der weit hinter mir lag. Wenn man in Paris sei, müsse man den Louvre sehen, sagte ich – oder so ähnlich. Paula nickte und aß.
Am darauffolgenden Tag besuchten wir den Louvre. In der langen Schlange begann Paula ihre Tirade: „Wozu man sich hier stundenlang anstellt? Es geht ja doch nur um die Mona Lisa. Schon der Name ist ein Hohn. So wie Beethoven heute nicht wüsste, was gemeint ist, wenn man von der Mondscheinsonate spricht, so würde Leonardo nicht verstehen, wenn von der Mona Lisa die Rede wäre. Sie hieß einfach Lisa, dieser hässliche Erdapfel ohne Augenbrauen mit dem trottelhaften Grinsen. Es ist ein ganz durchschnittliches Gemälde. Berühmt wurde es nur, weil es ein Mann gestohlen hat, der durch den Diebstahl berühmt werden wollte.“ Am meisten lachte ich über den hässlichen Erdapfel. Doch Paula hörte nicht auf: „Es ist mir schleierhaft, warum du hier hergehen willst. Wozu haben wir ein teures Hotel genommen? Damit wir den ganzen Tag in einer Warteschlange verbringen? Damit wir die gleichen Fotos machen wie die halbe Milliarde Chinesen, die mir gerade auf die Ferse tritt und in den Nacken hustet?“ Ich begann mich zu ärgern. Jetzt musste ich mich verteidigen. Ich sagte zu Paula, ich habe sie doch noch am Vortag gefragt, ob wir den Louvre sehen wollten oder nicht. Doch Paula war ungehalten: „Du hast mich nicht gefragt, du hast gesagt: Wenn man in Paris ist, muss man den Louvre sehen.“
Im Gegensatz zu Neuneinhalb, der jedes Wochenende Ausflüge unternahm und sich dabei jedes Mal frisch verliebte, verbrachte der junge Peruggia die Wochenenden in seinem Bett. War er früher noch einmal am Tag aufgestanden, um kurz nach draußen zu gehen oder zumindest auf die Toilette, so verbrachte Peruggia die Sonntage bald nur noch liegend. Er stellte fest, dass er ganz auf Wasser und Essen verzichten konnte, so sparte er noch mehr von seinem Lohn für eine Reise nach Paris. Auch die Notdurft konnte Peruggia einen Tag lang zurückhalten. Das Einzige, was er tat, war, die Zeitungen zu lesen, die er unter der Woche gesammelt hatte, wobei er manche Artikel an einem Sonntag zehn- bis zwanzigmal las. Besonders faszinierte ihn die Meldung, dass ein Amerikaner namens Hamilton einen Weltrekord aufgestellt hatte, indem er sich in einem Sarg sieben Tage lang hatte begraben lassen. Peruggia war der Meinung, er könne das auch, und beschloss, sich einmal krankzumelden, um das Liegen zu üben und drei Tage im Bett zu verbringen.
Eines Tages wurde in der Werkstatt von Antonelli ein Sarg gezimmert, den ein reicher Sänger, der noch am Leben war, beim Tischlermeister bestellt hatte. Peruggia versuchte zuerst im Scherz, Neuneinhalb zu überzeugen, dass er im fertigen Sarg Probe liegen müsse, um zu testen, ob der Sarg auch in Ordnung sei. Doch Piero winkte ab; Scherze mit dem Tod seien ihm zu makaber. Schließlich musste Peruggia darum bitten, dass er am Samstag zu Mittag in den Sarg steigen dürfe. Neuneinhalb solle den Sarg zunageln und Peruggia am Montagmorgen, wenn er vor Antonelli in die Tischlerei kam, wieder aus dem Sarg befreien. Doch Piero war die Sache nicht geheuer, und schließlich musste Peruggia ihm die Zeitungsmeldung über Mister Hamilton zeigen und ihm erklären, dass er, Vincenzo Peruggia, vorhabe, den Weltrekord im Lebendig-Begraben-Sein zu brechen, um berühmt zu werden. Neuneinhalb war nicht umzustimmen. Er hielt die Sache für gefährlich, sinnlos und dumm und sagte zu Peruggia: „Wenn du berühmt werden willst, geh nach Paris, hol diese Gioconda aus dem Museum und bring sie zurück nach Italien. Dann wirst du ein Held!“
Als wir den Raum erreichten, in dem die Mona Lisa ausgestellt war, sahen Paula und ich, dass es unmöglich war, auch nur kurz vor dem Gemälde zu stehen. Hinter der Absperrung herrschte dichtes Gedränge. Der Platz ganz vorne war unerreichbar. Das Gemälde wurde außerdem von einer riesigen Panzerglasplatte geschützt, sodass sich vermutlich auf allen Fotos, die die Besucher machten, Spiegelungen der fotografierenden Menge befanden. Ich hatte Angst, vor Paula das Mobiltelefon zu zücken, um ebenfalls zu fotografieren.
Die Panzerglasplatte war absurd groß und erinnerte mich an das Glas, hinter dem Barack Obama bei seinem Besuch in Berlin eine Rede gehalten hatte. Wir sahen nicht viel vom Gemälde. Wirklich war die Mona Lisa ein hässlicher Erdapfel. Mir fiel auf, dass sie dickliche Hände hatte, nämlich solche, deren Fingerknöchel keine Erhebungen, sondern Vertiefungen sind. Und dass ihre Finger zu den Spitzen hin rötlich wurden.
Abends aßen wir wieder in einem teuren Restaurant. Ich wollte Paula erheitern und begann eine Tirade über den Wein: „Also dieser Château Dauzac ist vielleicht ein Brackwasser. Sollen wir Cola dazu bestellen und ihn mischen?“ Paula lachte nicht. Sie stieß ihr Weinglas um, stand auf und ging. Alle Köpfe drehten sich zu unserem Tisch. Manche bemerkten meine Scham und Verzweiflung und versuchten, nicht zu mir zu blicken. Andere hatten weniger Erbarmen. Paulas Glas war noch sehr voll gewesen, der Château Dauzac war auch auf meiner Hose gelandet. Der Ober brachte mir ein Tuch und fragte, ob er Paulas Teller abservieren könne. Ich saß da und trank den Wein alleine aus. Und ich begann mit mir selbst zu reden: „Das war das letzte Mal, dass ich mit ihr essen war. Das letzte Mal, dass ich für ein teures Hotel bezahlt habe und für dieses Brackwasser hier. 110 Euro für eine Flasche Brackwasser. Scheiß Mona Lisa! Scheiß Louvre! Scheiß Paris!“
Zwei Stunden später kehrte ich ins Hotel zurück. Bis zu diesem Tag hatten Paula und ich täglich Sex gehabt und täglich gesagt, dass wir einander liebten. An diesem Tag rollte Paula sich ein, drehte sich von mir weg und sagte: „Du stinkst!“
Als Angestellter eines Glasermeisters hatte Vincenzo Peruggia es geschafft, einen Auftrag vom Louvre zu erhalten. Als er das erste Mal im Salon Carré vor der Gioconda stand, war er über sich selbst verärgert. Er dachte, dass er eigentlich Tränen in den Augen haben sollte. Aber das Gemälde beeindruckte ihn nicht.
Peruggia ging nun öfter im Louvre aus und ein. Am Montag war das Museum für die Öffentlichkeit geschlossen und nur Handwerker und Kopisten hatten Zutritt. In Paris machte das Gerücht die Runde, der Künstler Pablo Picasso habe vor, die Gioconda aus dem Louvre zu stehlen, um zu zeigen, wie schlecht das Museum seine Kunstwerke gegen Diebstahl sicherte. Oder – so dachte Peruggia – dieser Picasso will durch diesen Diebstahl berühmt werden und in die Zeitungen kommen. Er musste ihm zuvorkommen.
