Die Wahrheiten des Klemens M. - Johannes Lengert - E-Book

Die Wahrheiten des Klemens M. E-Book

Johannes Lengert

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Beschreibung

Wie entsteht Literatur? Der Hochstapler Klemens Milde schlüpft in verschiedene Identitäten und erlebt eine Menge Abenteuer, über die er schreibt. Er ist Reporter in Südamerika. In Kalifornien wirkt er als Schamane und Arzt und wird wegen Tötungsdelikten angeklagt. Er landet schließlich im Gefängnis. Als sein Studienfreund von der Gefängnishaft erfährt, leistet der Detektivarbeit, um die Wahrheit über Clemens herauszufinden. Er erlebt schließlich eine gewaltige Überraschung. War alles nur ein Spiel mit Fantasie, Fake und Fiktion?

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Johannes Lengert

Nur die reine Wahrheit

Roman

Leben heißt ein ande­rer sein.

F. Pessoa

Inhalt:

Vorgeschichte

Teil I

Teil II

Teil III

Teil IV

Teil V

Nachgeschichte

Vorgeschichte

1. Kapitel

Er war fünf Jahre alt, als er das Gedicht aufsagen sollte. Ein Geburtstags­gedicht für den Pfarrer, das seine Tante, die Lehrerin, mit ihm eingeübt hatte. Die Pro­ben waren eine Qual, weil irgendeine Betonung nicht stimmte und weil er manchmal ein Wort oder eine ganze Zeile vergessen hatte.

Die Tante galt als strenge, aber gute Lehrerin, die ihren Schülern etwas bei­brachte. Da durfte er nicht versagen. Als er dann vor dem alten gro­ßen, schwe­ren Pfarrer in dem etwas fleckigen schwarzen Talar stand, da brach­te er kein Wort heraus, auch dann nicht, als ihm deutlich hörbar die An­fangszeile vorge­flüstert wurde. Ein einzi­ger Vorwurf, der sich in dem Blick wiederholte, mit dem er von der Tan­te bedacht wurde, als er den Raum der Feier verließ.

Trotz seines Versagens strich ihm der alte Pfarrer über den Kopf mit der Auf­forderung, sich ein Stück Ku­chen in der Kü­che geben zu lassen. Den Kopf hielt er gesenkt, auf dem Heim­weg, beim Abendessen zu Hause. Er wollte ihn nie mehr hochheben.

Diese Szene vergaß er nicht. Sie verfolgte ihn sein ganzes Leben. Er fühl­te sich auf der Flucht. Er wusste aber nicht, wohin er fliehen sollte. Da­mals noch nicht. Zunächst wurde er noch schweigsamer, als er ohnehin schon war. Wenn er auf­gefordert wurde, etwas zu erzählen, aus der Schu­le später oder von Freuden oder von Ausflügen, fiel ihm nichts ein. War er jedoch kurz darauf allein, so entstanden vor seinem inneren Auge Ge­schichten, die das Erlebte, von dem er nicht erzählen konnte, mit Situatio­nen verknüpften, in denen er nicht nur den Anforderungen gerecht wurde, sondern darüber hinauswuchs und zum Helden wurde, den alle bejubel­ten.

Im Grunde war er ein guter Schüler. Das letzte Jahr im Kindergarten hatte ihn gelang­weilt. Da spielte er lieber allein zu Hause. Einen Drang, end­lich zur Schule gehen zu können, verspürte er nicht, weil er sich unter dem Schulleben nichts vorstellen konnte. Obwohl ja die Tante Lehrerin war und der Großvater Lehrer gewesen war.

Lesen und Schreiben lernen fielt ihm nicht schwer. All­mählich bildeten sich auf der Schiefertafel mit den feinen roten Linien aus den Eiern und Spazierstöcken, die anfangs in die Zeilen zu malen waren, Wörter mit o und r, bis schließlich das gesamte Alphabet sich in ganzen Sätzen abbilde­te. Und umgekehrt gelang es ihm immer besser und schneller, aus dem Wust von Buchstaben, den die Äh­renfibel zunächst für ihn darstellte, das bäuerliche Le­ben von Hans und Grete mitzuerleben. Ebenso die vier Jah­reszeiten und alles, was es sonst noch gab. In dieses Leben träumte er sich hinein. Nicht dass er Hans oder Grete wäre, son­dern einer, der dabei stand, aber nicht ganz dazuge­hörte, einer, der in der Nähe war und beob­achtete und dann Hans oder Grete hätte sein können.

Die häusliche Strenge setzte sich in der Schule fort. Man saß zu zweit in Bänken, die mit dem Schreibpult verbunden waren. Die vordere Seite der Schreibfläche bildete die Rückenlehne für die vorderen Bank­nachbarn.

Jungen und Mädchen saßen gemischt. Er saß in der linken Bankreihe ziemlich hinten, so dass er glaubte, sich verstecken zu kön­nen. Vor den Blicken der Leh­rerin, des Fräulein Dietrichs, denen nichts entging, kein Tu­scheln, kein Gähnen, keine nicht gemachte Hausauf­gabe. Fürs Schwät­zen musste man nach vorn kommen, es gab mit dem Holzlineal Schläge in die Handfläche.

Man musste auch nach vorn kommen, wenn es galt, Ver­se aus der Bibel vorzutragen oder manchmal auch Ge­dichte. Das machte ihm nicht so viel aus. Er stand vor einer Gruppe be­kannter Gesichter, die es nicht besser als er konnte. Und meis­tens schnitt er beim Vortragen gut ab. Es war ein be­kanntes Publikum anwesend, es gab nicht die vielen Unbekannten wie da­mals beim Pfarrer, die ihn verun­sicherten und ihn verstummen ließen.

Häufig wurde er von der Lehrerin angesprochen, weil er dem Unter­richt nicht folgte, und aus seinen Tagträumen gerissen. Du Träumer, rief sie dann. Das war noch nicht einmal böse gemeint. Doch Disziplin musste sein. Alle hören gleich­zeitig zu, alle ste­hen gleichzeitig auf und entbieten dem Fräulein den Morgen­gruß, alle frühstü­cken zur selben Zeit im Klas­senraum, bevor es danach in ge­ordneten Reihen auf den Schulhof in die große Pause geht.

Das Träumen war für ihn die Möglichkeit, die Welt aus­zuhalten. Draußen lauer­ten mache Unannehmlichkeiten. Das waren nicht seine Mitschüler, die sich über ihn lus­tig machten. Er war kein Außenseiter. Er hatte Freun­de, mit denen er sich zum Spielen traf.

Unange­nehm war für ihn die fast tägliche Begegnung mit dem großen Hund, ei­nem schwarz-weiß-gefleckten Mischling, der dem Klemp­ner ge­hörte und der ihm regelmäßig entge­genlief, wenn er auf dem Heimweg war. Er hatte einfach Angst. Obwohl ihn der Hund noch nie gebissen hat­te. Angst machte ihm auch, wenn er gescholten wurde, für et­was, das er falsch oder nicht ordentlich ge­macht hatte. Gerügt oder korrigiert wer­den verunsichert­e ihn. Er fühlte sich dann nicht vollwertig. Andere hätten das weg­gesteckt und ver­gessen. Er trug sein Versagen lange mit sich her­um. Nur in ge­legentlichen Wutausbrü­chen konnte er sich Luft verschaf­fen. Das war ihm nachher pein­lich und machte ihn nicht stärker.

Seitdem er flüssig lesen konnte, las er. Bücher, die im Bücherschrank im Wohn­zimmerer standen, und Bücher, die er geschenkt bekommen hatte, dann Bücher aus der Pfarrbüche­rei, später Bücher aus der Stadtbibliothek, wohin er mit dem Fahrrad fuhr. In der Welt der Bücher konnte er es aus­halten. Diese Welt war größer als die von Hans und Grete in der Fibel.

Die katholischen Heilgenlegenden hatten es ihm ange­tan. Er hatte sie bei einer Großtante aufgestöbert, die in einem katholischen Teil des Landes lebte. Ihre Heilig­keit hatten die Heiligen er­langt, weil sie für ihren Glau­ben eingetreten waren und, da sie ihm nicht abschwo­ren, mit dem Tode bezahlte hatten. Diese Standhaftig­keit beeindruckte ihn. Diese Stärke hät­te er auch gern besessen. Die To­desarten, die in den Märtyrergeschicht­en auftraten, erfüllten ihn mit einer Art Wollust, wenn er sich vor­stellte, wie das jeweilige Opfer auf glühen­den Kohlen geröstet wurde, ein ande­res mit Pfeilen durch­bohrt oder wie mancher Apostel mit dem Schwert ent­hauptet wurde. Er stellte sich vor, dass er auf dem Bo­den läge und dass sein Kopf in Kürze vom Rumpf ge­trennt würde. Bald nach den wollüsti­gen Schau­ern der Foltertode und Hinrichtungen trat ein an­deres Erschau­ern an ihre Stelle.

Zu Anfang der Gymnasialzeit sorgten die Erzählungen von Karl May für die entsprechen­de Gemütsbewegung. Schafften es die Guten noch nach so viel Heimtücke, Hinter­list und Grausamkeit der Bösen den Sieg zu er­ringen?

Es war die Spannung vor der Lö­sung des Konflikts, die bisweilen auch auf der Seite der Guten nicht gewaltfrei war, die den Schauer hervorrief. Er versetzte sich in die Lage der Helden, seien es Old Shatter­hand, Kara Ben Nemsi oder Winnetou. In den Weiten Nordamerikas oder des Vorde­ren Orients war er nun der Starke.

Die Lektüre dieser neuen Heldengeschichten verursacht­en einen Hunger auf weitere Geschichten. Der Hunger ließ sich mit weiteren Karl-May-Erzählung­en stillen, die in einer mehr als siebzig bändigen Ausga­be vorla­gen. Er las einen Band nach dem anderen und reiste so um die ganze Welt. Unter den Büchern waren auch Heimatromane wie Aus dunklem Tann, Der Peit­schenmüller, Der Silberbauer, Der Wur­zelsepp und Die Kinder des Herzogs. Die lieh er vornehm­lich für seine Großmutter aus, die nach dieser Art von Literatur eine kleine Sucht entwickelte. Denn ei­gentlich mochte sie Karl May nicht. Ihr Vater näm­lich habe diesen Schrift­steller immer schon als Lügen­hammel bezeichnet, weil alle die Reisegeschichten erlogen seien. Niemals sei der in fer­nen Ländern gewe­sen.

Der Enkel verteidigte den Reiseschriftsteller mit dem Argu­ment, das man so viel ja gar nicht erfinden könne, wie er auf seinen Reisen erlebt habe. Doch die Großmutter blieb bei ihrem Urteil, das sie nicht davon abhielt, sich weitere Heima­terzählungen besorgen zu lassen.

Jahre später erfuhr er, dass die Großmutter in gewisser Hinsicht recht ge­habt hatte mit dem Vorwurf der Lügengeschichten. Und noch später wur­de ihm klar, dass das sogenann­te Lügen ein Wesensmerkmal der Schrift­stellerei war. Was er je­doch niemals herausfand, war, ob der Urgroßvater mit der Bezeichnung Lü­genhammel auch Mays kleinkriminelle Karrie­re als Hochstapler mitgemeint hat und ob das Eine ohne das Andere über­haupt möglich war.

Die Abenteuerromane führten zu einer gedanklichen Weite, die der häus­lichen Enge und Eingeschränktheit gegenüber stand. Wie auch in der Schule war kein Widerspruch er­laubt. Anordnungen wurden ausgeführt und nicht hinterfragt. Das störte ihn nicht, denn es gab ja die andere Welt, die der Phantasie, in die man sich jederzeit zurückziehen konn­te.

Seine strenge Tante trug sogar noch dazu bei, weil sie ihm, als er von ei­ner langwieri­gen Mittelohrentzündung ge­plagt, Wochen zu Hause ver­bringen muss­te, James F. Coopers Le­derstumpf mit­brachte. So lernte er Men­schen kennen, die nach Freiheit strebten, die sie in den Weiten Nordamerikas verwirklichen konnten. Die als Einzelgänger sich ihren Weg bahnten und sich keinem Gesetz unterwerfen mussten.

Es war ein voluminöses Buch, das die Tante ihm in die Hand gedrückt hatte. Ei­gentlich fünf Romane, die in den Zeiten der nordamerikanischen Kolonien spielten, als sie noch zur englischen Krone gehörten. Ein gewis­ser Nathaniel Bamppo spielt die Hautrolle, trägt aber in den Romanen nach indianischem Brauch verschiedene Bei­namen. Er heißt einmal Wildtöter, Pfadfinder und Lan­ge Büchse, Falkenauge oder Lederstrumpf. Ein Pio­nier, der sich der Enge der Zivilisation zu entziehen sucht. Die De­laware-Indiander des Nordostens werden von den Siedlern zurückge­drängt und wehren sich. Chingachg­oog ist der edle Wilde, der auch in Bedrängnis mora­lisch handelt und daher mit Nathaniel be­freundet ist. Die Siedler machen immer mehr Indianerland urbar, der edle Wilde findet bei der guten Tat den Tod.

Es gab auch den Schurken, ohne den keine Heldentaten möglich sind. So sug­gerierte es die Lektüre. Gegen sie hilft Gewalt und List. Er bevor­zugte in seinen helden­haften Phan­tasiegeschichten, die sich nach dem Le­sen in seinem Kopf aufbauten, die List. Nicht weil er die Ge­walt verab­scheute. Prügeleien ging er nicht grundsätz­lich aus dem Wege. Son­dern weil er die seiner Meinung nach in­telligentere Lösung vorzog. Dazu brauchte man Wissen. Das wollte er sich an­eignen.

Aus der Stadtbücherei lieh er sich auch Friedrich Ger­stäckers Die Fluss­piraten des Mis­sissippi aus. In der Ju­gendbuchfassung. Der Piratenchef Kapitän Kelly verübt von einer Flussinsel aus Über­fälle auf Warentrans­porte auf dem Missis­sippi. Die Flussanwoh­ner und Schiffer fürchten ihn wegen seiner Brutalität, die Piraten vereh­ren ihn. Georgine, sei­ne dortige Frau liebt ihn, obwohl er nur selten bei ihr ist. Doch Kelly führt ein Doppelleb­en. Meistens lebt er in der Gemeinde Helena mit seiner rechtmäßi­gen Gattin Hed­wig. Hier ist er der Friedens­richter, Anwalt und Arzt Day­ton, bei der Bevölkerung beliebt und geachtet, und kann unter diesem Deckman­tel seine kriminellen Geschäfte planen und kontrollie­ren. Natür­lich nimmt die Geschichte kein gutes Ende.

Was ihn an der Gerstäcker-Geschichte faszinierte, war weniger das Exoti­sche, das Wilde, das Piratenleben, sondern die Lebens­weise der Hauptfi­gur. Dayton-Kelly oder umgekehrt kann in zwei unterschiedliche Perso­nen schlüpfen. Nicht nur in der Phantasie, sondern im realen Leben. Bei ihm gibt es nicht Wirklich­keit und Traum, sondern zwei Wirklichkeiten oder zwei Leben gleichzei­tig.

Damals wusste er noch nicht, dass der Lügenerzähler May von den Land­schaftsbeschreibungen und Figuren Gerstäckers und Coopers profitiert hatte und dass Gerstäckers litera­risches Vorbild Cooper gewesen war. Es hätte ihn auch nicht interessiert.

Bald fand er auch kein Interesse mehr an den nordameri­kanischen Helden und Bösewichtern. Ihm fiel Daniel Defoes Robinson Crusoe in die Hän­de. Das Buch faszinierte ihn solange, bis ein Tipp der Bibliothekarin ihn zu Alexandre Dumas Der Graf von Montechristo greifen ließ. Er gerät in den Bann ei­nes Rachefeld­zugs, den der unbescholtene Edmond Dantès durch­führt, nach­dem er infolge einer Intrige jahrelang in Kerkerhaft ge­sessen und durch glückli­che Umstände freigekom­men war. Es waren auch sich ändernde politi­sche Ver­hältnisse im Frankreich der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts, die bei der Intrige eine erheb­liche Rolle spielen. Er ver­stand sie beim damaligen Lesen kaum, doch sah er, welche Aus­maße die Vernichtung persönlichen Glücks an­nehmen konnte und dass das Pri­vate sich nicht al­lein im familiä­ren Raum ab­spielte.

2. Kapitel

Er war wieder aus dem Rhythmus gekommen. Er hatte im wahrsten Sinne des Wortes kein Taktgefühl. Seine Tanzpartnerin nahm es mit einem ge­quälten Lä­cheln hin, wenn er ihr wieder und wieder auf die die Füße trat. Sein Hemd war längst durchgeschwitzt, seine Hände waren feucht, und seine eigenen Füße schienen in den großen spitz zulaufenden Schuhen keinen Halt mehr zu finden. Warum hatte er sich die Tanzschule antun müssen? Nur weil er mit den anderen aus der Klasse mithalten wollte? Denn wenn er jetzt nicht mitgemacht hätte, hätte er nie mehr einen Tanz­kurs belegt. Tanzen musste man können. Ein gesell­schaftliches Muss.

Frauen schätzten Männer, die tanzen konnten. Das wusste er schon jetzt mit fünfzehn. Also musste er diese Höllenqualen erdulden. Auch die Pein­lichkeit, wenn eine der beiden Töchter der Tanzlehrerin, die ihre Mutter bei deren Arbeit un­terstützten, sich seiner erbarmten und ihm Nachhilfe gaben. Mit einer Leich­tigkeit kamen sie herbeigeflogen, boten sich ihm als Partnerin dar und halfen ihm, die richtigen Schritte zu tun. Er ließ sich von ihnen führen, ob­wohl das sei­ne Aufgabe gewesen wäre.

Und in diesen kurzen Momenten tanzte er scheinbar leichtfüßig. Schweb­te durch den Raum, durch den gerade noch eher niedrigen Tanzsaal mit ein paar Spiegeln an der Querseite ge­genüber der Eingangstür. Immer im Raum herum, der sich bei jeder Drehung erweiterte und vergrößerte. Er hatte eine strahlende Partnerin im Arm, mit der er sicher vom Walzer in den Foxtrott wechselte, die er beim Tangoschritt knapp über das Par­kett gleiten ließ und die die Rumba mit wehendem Röckchen und glühenden Blicken tanzte. Er wurde um seine Kunst und seine Partnerin beneidet. Das konnte er sehen, aus den Augenwinkeln. Die Mädchen, die ihn bei der Damen­wahl übersehen hatten, bedauerten ihre Ent­scheidung. In den Augen seiner Tanzpartnerin, mit der auch zum Abschlussball gehen wür­de, stiegen Verlangen und Eifersucht auf. Das nachsichtige Lächeln wur­de zur lächelnden Bitte. Bleib bei mir bis zum Schlussball! Er hatte es ih­nen allen gezeigt.

Abrupt hörte die Musik auf, der langsame Walzer war zu Ende, die Toch­ter der Tanzleh­rerin war verschwun­den, er stand allein. Wieder in der Wirklichkeit. Noch eine Viertel­stunde, dann konnte er an die frische Luft. Dann wäre die Un­terrichtstunde zu Ende, die mühseli­ger zu ertragen war als manche Mathe- oder Chemie­stunde.

Dann ginge er die zwei Kilometer zu Fuß nach Hause, anstatt die Straßen­bahn zu nehmen. Das gäbe ihm ein gewisses Gefühl von Befrei­ung. Er könnte dann wieder seinen Gedanken nachhän­gen, sich in starke Per­sonen hinein träumen. Auch wenn es nur gute Tänzer wären, die auf dem gut ausge­leuchteten Parkett eine gute Figur machten und den ersten Preis für ih­rer Dar­bietungen be­kamen.

Seit einiger Zeit hatten sich seine Traumwelten verla­gert. Er war der ga­lante Dandy, der die jungen Frauen mit seinen Tanzküsten und seiner Elo­quenz ver­führte. Der von seinen vielen Schulfreunden, in Wirklichkeit hatte er gerade einmal zwei, vergöttert und um Rat ge­fragt wurde, der je­den Tanzwettbewerb gewann und so­gar in den Illustrierten auf das Titel­blatt rückte, mit sei­ner neues­ten Partnerin im Arm. Er war überdies der ge­niale Schüler, der in Naturwissen­schaften glänzte, ein eigenes Labor besaß, Arzneimittel, Dün­gemittel und al­les Mögliche entwickelte, das die Welt vor Krankheit, Hunger und Ar­mut rettete. Diese Träume halfen ihm, die Zeit bis zur Reifeprüfung zu überstehen.

Die Er­gebnisse des Abiturs waren zufriedenstellend. Mehr hatte er gar nicht ge­wollt. Nie war es ihm in den Sinn gekommen, wirklich Medizin zu studieren, denn dazu hätte man einen sehr gu­ten Abschluss vorweisen müssen. Immerhin standen ihm mit seinem Zeugnis die Universitä­ten of­fen. Und er konnte einen Studienort wählen, der soweit wie möglich von seinem Heimatort, seiner Fami­lie, seinem Bekanntenkreis entfernt lag.

Teil I

3. Kapitel

Als ich Klemens an der Universität kennenlernte, hatte ich gerade mit dem zweiten Se­mester begonnen, während er schon im Haupt­studium war. Dass Kle­mens Milde ein an­genommener Name war, erfuhr ich erst viel später. Er war Tutor im Geographischen Insti­tut und half den Studen­ten der unteren Semester beim Erlernen wissenschaftlichen Arbei­tens.

Ich hatte da anfangs Probleme, denn ich hatte das Fach Geogra­phie nur deshalb als zweites Studienfach neben Anglistik und Germa­nistik ge­wählt, weil es mir in der Schule gefallen und mir eine gute Note be­schert hatte. Tiefe Kenntnisse hatte ich keine. Die Lücken inhaltli­cher und me­thodischer Art erschienen mir auf einmal so groß, dass ich ich nicht wuss­te, wie ich sie füllen sollte. Und ich dachte daran, das Geographiestudium aufzuge­ben, wie vorher schon das Studi­um der Philosophie, weil das mir abver­langte Ar­beitspensum nicht mehr dem entsprach, das ich in der Schule aufge­bracht hatte. Kurz: ich musste erst ein­mal das Arbei­ten ler­nen. Dabei half mir Klemens.

Klemens hatte ein leises, zurückhaltendes Auftreten, war zielstre­big und zäh. Die Geo­graphie war für ihn so eine Art Offenba­rungswissenschaft, die nahezu das ge­samte Welt­wissen in sich vereinte, und er verehrte mit religiöser Inbrunst ihren berühmtes­ten Vertre­ter Alexan­der von Hum­boldt. Er verfügte über große Überzeu­gungskraft und pädagogi­sches Ta­lent. Ich glaube, dass alle Studenten, die er unter seine Fittiche genom­men hat, aus dem Tal der Tränen hinausgekom­men sind.

Seine Zurückhaltung bedeutete nicht, dass er die Öffentlichkeit oder den großen Auftritt scheute. Diese andere Seite bemerkte ich erst auf eine der vielen politi­schen Veranstal­tungen, die im Audi­torium Maximum der Marburger Universität stattfanden.

Für die Konserva­tiven galten drei Universitäten als die Kader­schmieden des lin­ken Umsturzes, de­ren Namen in al­phabetischer Reihen­folge zu nennen sie nicht müde wurden, nämlich BerlinB­remenMarburg. Wie eine Be­schwörungsformel, mit der man den Gottseibeiuns bannen möch­te.

Immerhin, die Veranstaltungen waren ein politisches Spektakel, wenn auf der Bühne berühmte akademische Honoratio­ren ihre An­sichten zu irgendwelchen innenpo­litischen Geschehnissen oder au­ßenpolitischen Ereignis­sen, insbe­sondere in der Dritten Welt, bekunde­ten und dann die geballte geistige Elite der politischen Studen­tenverbände vom SHB und MSBSpartakus und KPMDLM etc. zum Meinungsaus­tausch überging.

Ich ent­deckte Klemens auf der Bühne. Damals schlank, mittel­groß, mit hellblonden langen Locken und Nickel­brille, als es auf ei­ner der oben ge­nannten Veranstaltun­gen um den Militärputsch in Chile vom 11. Septem­ber 1973 ging.

Klemens stand am Rednerpult und eröffnete die Infor­mations- und Soli­daritätsveranstaltung. Er schilderte mit ruhiger Stimme präzise und aus­führlich die po­litischen und wirtschaftlichen Ent­wicklungen in Chile, die Regie­rungszeit Al­lendes, den scheinbar unerwarteten Putsch, die Rolle der USA, die Verhaftungen und Foltermethod­en und kam dann auf die Flüchtlinge zu sprechen, ver­streut in alle Win­de. Doch eini­ge von ihnen seien jetzt hier un­ter uns, in Sicherheit, im Asyl. Die Stimmen im Saal brausten auf. Rhythmisches Klatschen. Un pueblo unido jamás será ven­cido. Dann stellte Klemens die Redner vor, unter ihnen auch eini­ge Exil­chilenen. Wenn sie auf‘s Podium stiegen, schwollen die Begeisterungsr­ufe an.

Das konnte ich verstehen. Weil ich ziemlich vorn in der Menge saß, war auch ich von ihrer Erscheinung nicht ganz un­berührt. Denn mit ihren, merkwürdigerweise, schwarzgelockten Haaren bildeten sie einen exoti­schen Kontrast zum mitteleuropä­isch blondem Publikum. Be­sonders zu den hellblon­den schlanken Kommilitoninnen oder besser Genossinnen, die die dem Gemet­zel ent­kommenen Freiheitskämpfer liebevoll in die Arme schlossen.

Die haben schon ihre Groupies, dachte ich mir und war ziemlich neidisch. Un­ter den Klängen von Trommeln und Andenflöten pflegten diese Veran­staltungen zu Ende zu gehen. Ich weiß nicht mehr, ob damals Quilapayún selbst auftrat oder nur eine der In­diogruppen, die sie imitierten. Die Stim­mung war gut. Man hatte das Gefühl, seine politische Solidarität zum Ausdruck gebracht zu haben.

­

Ich habe kurz nach der Chile-Veranstaltung Klemens auf seine politischen Akti­vitäten hin angesprochen. Er war schon eine längere Zeit beim SHB. Sein Schwer­punkt in der politi­schen Arbeit waren die Dritte Welt und die Befrei­ungsbewegungen. Das lasse sich hervorr­agend mit seinem Studien­fach verein­baren, und in nicht allzu ferner Zeit werde er all diese Länder bereisen.

Ob ich nicht auch mitmachen wolle. Ich drückte mich um eine konkrete Ant­wort und wollte stattdessen wissen, wie es denn mit den geflüchteten Genos­sen weiterge­he. Wie ich gesehen hätte, sei­en diese ja in den besten Händen. Der be­herrschte Klemens ver­zog keine Miene, doch glaubte ich in seinen Zügen Bit­terkeit wahr­zunehmen. Natürlich wurde ich mit ein paar Floskeln abge­speist, erfuhr erst später, dass er noch die Feier danach organisiert hatte, dann jedoch ziemlich al­leine dastand, als die schönen dunk­len Jünglinge mit ihren blonden Mädchen verschwanden.

Ich kann sei­ne Emotionen nachvollziehen. Hatte er doch schon seit gerau­mer Zeit Spanisch gelernt. An diesem Abend war er noch nicht dran. Nein, er war nicht schwul. Er hatte nur ein menschliches und politi­sches Inter­esse. Ich wuss­te jetzt, dass diese Art von Aktivität nichts für mich war.

4. Kapitel

Klemens Milde hat aus diesen Erfahrungen gelernt. Die politische Arbeit, das Vertrauen in seine erworbenen Kenntnisse hatten ihm eine gewisse Kraft und Stärke verliehen. Öf­fentliches Auftreten war zwar noch lange mit Lampenfie­beranfällen begleitet, die kindli­che und jugendliche Schüchternheit war zwar nicht zur Gänze überwunden, doch er hatte sie im Griff. Sie war ihm nicht mehr anzusehen.

An seinem ersten Studienort, in Bo­chum, haben ihn einige dieser Typen, die lautstark in den Seminaren, in den Foyers, im Audimax oder auch draußen auf der freien Bühne auftraten, beeindruckt. So wollte er auch sein. Männer, mit kräftigem Schnauzbart, langem Haar. So wie ein gewis­ser Carlos Bouillon oder die Assel-Brüder, flachsblonde Zwillinge, quirlig, nervös, trotz­dem mit ei­ner gewissen Ausstrahlung. Alle waren wohl dem SHB oder der lin­ken SPD zu­zuordnen, zogen eine große Show ab und ärgerten mit ihren politischen Aktivitäten den Rektor der Universität.

Nach meinen Nachforschungen besaßen sie nach ihrer aufregenden Studi­enzeit eine Rechtsanwaltskanzlei samt Notariat in Bochum. Da hatten sie früher genug Spiel­raum, um schon mal große Auftritte zu üben. Über Bouillon, der bei Clemens so tiefe Spuren hinterlassen hat, war nichts zu erfahren.

Klemens war kein Kind des Ruhrgebiets, wie es so heißt. Auch wenn sei­ne ers­te Univer­sität die Ruhruni Bochum war, die endlich den Kindern von Bergleu­ten und Stahlarbei­tern universitäre Bildung bringen sollte. Klemens kam aus dem süddeutschen Raum. Un­ter gro­ßer Anstrengung, so vermute ich, muss er sich seinen süddeutschen Tonfall und Akzent ab­gewöhnt haben.

Ich besitze ein gutes Gehör für Sprachen und Dialekte, und meine linguis­tischen Studien haben mich den nie­derdeutschen und ober­deutschen Sprachraum unter­scheiden ge­lehrt. Die Klippe, die er immer abzustürzen drohte, war der S-Laut. Die Zahl sechs sprach er aus wie Sex und umge­kehrt. Ich brauche nicht zu schil­dern, wel­che Sätze so konstruierbar sind. Daraufhin angespro­chen, wollte er es nicht wahrha­ben.

Aber das ist ja nur Spinnerei. Viel­leicht übte er im Stil­len, mit mäßigem Erfolg, denn nach einiger Zeit melde­te sich sei­ne Hei­mat akus­tisch wieder zu­rück. Als mir das mit den S-Lauten auffiel und ich mei­ne Bemerkung­en machte, wusste ich noch nicht, welchen Weg Kle­mens – ich nenne ihn jetzt weiterhin so – gehen würde. Das Sprachtraining war nur ein kleiner Teil davon.

5. Kapitel

Viel später, als ich einmal in San Francisco meine Osterferi­en ver­brachte, sah ich Klemens zufällig wieder. Er war zu einem Meeting zu Welternährungs­problemen im Rahmen der WHO angereist, aller­dings unter dem Namen Carl Cle­ment.

Er erzählte es mir, ohne dass er sich dazu verpflichtet sah, seinen der­zeitigen Namen zu rechtfertigen, ferner dass er sein Studium in Marburg abgebro­chen bezie­hungsweise ruhen ge­lassen habe, um in Südamerika - wie er ironisch lä­cheln formu­lierte - auf den Spu­ren Alexander von Hum­boldts zu wandeln, je­doch als Cle­mens Tem­plado. Chile habe er zunächst ausge­spart, der Gefähr­lichkeit we­gen, doch mithilfe entsprechender Camoufla­ge und Beziehun­gen, über die er sich nicht näher aus­ließ, habe er dann dort einige produktive Jahre ver­bracht. Er lä­chelte leicht, wie frü­her, wenn er jemanden für sich ein­nehmen wollte. Die alte Nickel­brille hatte er durch eine dunkle Hornbrille er­setzt, die gelockten Haa­re waren auf der Stirn zurückgewichen, an den Seiten kurz gehalten und leicht er­graut, so dass er den Ein­druck eines seriösen Wissen­schaftlers oder Arztes mach­te.

Etwas später ließ er mir die Nachricht zukommen, dass er sich er eine neue Legende zugelegt hatte. Um For­schungen zu betreiben. So wie es bei Geheimdienstleu­ten üblich war, mutmaßte ich.

Er gab sich als Klemens Templado aus und war angeb­lich das Kind des Peruaners Gusta­vo Pablo Templa­do. Des­sen Vater, also sein Großvater, war aus der Schweiz eingewandert, hatte im Bewässer­ungsgebiet der Küsten­ebene Avocado-Plantagen aufge­baut und in die Ober­schicht hineingeheiratet. Sein Vater Gustavo war nach einem Europa-Be­such in Deutschland geblieben, hatte eine Deut­sche kennengelernt, ge­schwängert und gehei­ratet. Klemens Templado Lange wuchs in Stuttgart auf, wo sein Vater bei Mercedes eine passable Anstel­lung gefunden hatte. Diese „Mischehe“ seiner Eltern diente als Er­klärung für seine nicht ganz perfekte Beherrs­chung des Spanischen und seine etwas harte Aussprac­he.

Nachdem Klemens etwa ein Jahr lang durch Südameri­ka gereist war, von Ko­lumbien die Anden entlang bis nach Feuerland, um so einen Eindruck fast aller spa­nischsprachigen Länder zu bekommen – Brasilien inter­essierte ihn nicht - , ließ er sich in Ecuador, einem klei­nen Land, in dem er sich binnen kurzem bes­tens aus­kannte.

Der Grund dafür war, so verbreitete er, die Bedeu­tung, die das Land für Humboldts Forschung besaß und demzufolge auch für ihn. In Wahrheit hatte er hier ohne Probleme auf seinen Namen Templado Papie­re bekom­men, die ihn als Botaniker auswiesen, der an diversen Universität­en der umliegenden Länder wie Bolivien Ar­gentinien und Kolumbien ge­forscht und gelehrt hatte. In Quito war er Lehrstuhlinhaber für das Fach Ökologie an der Päpstlichen Katholischen Universität.

Er hatte sich einen Namen gemacht bei der Erforschung von Biotopen im Tief­land von Ecuador, wo die Bohrung nach Erdöl ein staatliches Anlie­gen war. Durch einen polemischen Artikel im Interes­se der dort ansässi­gen in­digenen Bevöl­kerung und zur Erhaltung der Biodiversi­tät und ge­gen die kurzfristige Profitmaxi­mierung wurde man auch im Erzbistum München und Freising auf ihn aufmerksam, das intensive Kontakte zur Univer­sität hielt.

Für Klemens, den leidenschaftlichen Geographen, war es ein Leichtes ge­wesen, sich als Biologen auszugeben. Die Aneignung des entsprechenden Fachwissens war nur eine Fra­ge von einigen Monaten. Bis auf explizit biologische Sachver­halte, z.B. Botanik, Zoolo­gie, Gene­tik, Mikrobiolo­gie, Biochemie und Biotech­nologie war ihm das Denken in ökologischen Zusammenhängen ge­läufig.

Auf seinen Reisen hatte er Pflanzen und Tiere fotogra­fisch doku­mentiert, so dass er auf diesen Fundus immer zurückgreifen konn­te. Als der Mün­chener Kardinal auf ihn aufmerksam wurde, stand er kurz davor, einen Rei­sebericht zu vollenden, der die Lebens­weise der Bevöl­kerung und die Machenschaften der Ölindustrie im ecua­dorianischen Regenwaldgebiet beschrieb und der auf in­tensiven Ge­sprächen mit der betroffenen Bewoh­nern, Arbeitern vor Ort und auch anonymisiert mit Ver­tretern der Ölkon­zerne be­ruhte. Schon vor der endgülti­gen Drucklegung versprach der Kar­dinal, ein Begleit­wort zu schreiben.

Dieser Reisebericht, den er Viaje a través del infierno (Reise durch die Hölle) nennen sollte, basierte nach An­gaben des Verfas­sers auf mehrwö­chigen Aufent­halten im Oriente, dem tropischen Teil Ecuadors, die immer nur kurz von den Rückzugpha­sen in Quito unter­brochen wurden, wo er eine gewisse Prä­senz zeigen und sich gleichzeitig von den Strapa­zen des Lebens im Dschun­gel erholen musste.

In der Hauptstadt lebte er mit Ana María zusammen, ei­ner Stu­dentin aus der weißen Oberschicht, die trotz ihrer Herkunft für die Interes­sen der in­digenen Bevölkerung eintrat und die schon während des Entstehungspro­zesses des Bu­ches die Werbetrommel für den Reisebe­richt rühr­te und die auch den Titel vor­geschlagen hatte. Sie entsprach dem Schönheits­ideal der Mit­tel- und Ober­schicht, war schlank und blond, und offensichtlich war niemals ein Tropfen in­dianischen Blutes durch die Adern ihrer Fami­lie, die stolz auf ihre reine Ab­kunft aus dem spanischen Norden war, ge­flossen. Kle­mens erin­nerte sie stark an die blonden Stu­dentinnen, die sich den exilierten Chilenen an den Hals gewor­fen hatten. Ihm war bewusst, dass er für Ana María ebenfalls einen ge­wissen exo­tischen Reiz besaß, al­lerdings im umgekehr­ten Verhältnis, denn er war jetzt ein Nordländer im Sü­den, dessen, sagen wir einmal, Schwerfälligkeit beim Sal­sa-Tanzen bei den Einheimischen für Amüse­ment sorgte.

Wenn er, von seinen Reisen in den Oriente zurück in Quito war und sei­ner Freundin in wohl dosierten Portionen, so wie man ei­nem hungrigen Tier Futter hinstreut, von seinen Expeditionen erzählte, hatte er zunächst alle Mühe, ihr auszureden, ihn beim nächsten Mal zu begleiten. Dann schilderte er ihr in kras­sen Szenen die im wahrsten Sin­ne des Wortes lau­sigen Unterkünfte, das misera­ble Essen, die schreckliche Hitze und furchtbaren Regenfälle mit Überschwem­mungen, die alles mögliche Ge­tier ans Ufer der Flüsse spülten, die Unberechen­barkeit der dort lebenden Menschen, die fehlende Kultur und alles Mögliche, was das Leben da un­ten von ihrem Leben hier oben in der klaren Luft der An­den unterschied. Dieser Gefahr wollte sich Ana María nicht ausset­zen, schon ihren Eltern zuliebe, die ohnehin schon skeptisch den Deutschen, wie sie ihn zu Kle­mens Ärger nannten, beäugten.

Die glückliche Rückkehr aus der Wildnis pflegten sie auf Wunsch Ana Marías im Re­staurant auf dem Panecillo, der höchsten Erhe­bung Quitos, zu feiern. Dort trafen sie dann regel­mäßig Freunde, die sich gern von dem Abenteurer und Wis­senschaftler unter­halten ließen. Und Klemens hat­te das Gefühl, dass er seine Kindheit und Jugend und die ersten Lehrjahre auf der Universität weit hinter sich zurückgelassen hat­te.

Mir ist nicht bekannt, nach allem, was ich herausbekom­men habe, ob Ana María jemals den Bericht über die vermeintliche Höllenreise gelesen hat. Wahr­scheinlich glaubte sie ihn schon aus den Erzählhäppchen, die ihr vorgesetzt wurden, zu kennen und hielt daher eine Lek­türe für überflüs­sig.

6. Kapitel

Meine Reise in den Oriente, so beginnt der Bericht, ist keineswegs das, was man einem Touristen als Leitfaden für eine Durchquerung des ecua­dorianischen Tieflandes zur Ver­fügung stellen würde. Es geht nicht um schöne Landschaften, indianische Folklore, exoti­sche Mahlzei­ten. Es geht um Tatsachen, es geht um die Dokumentati­on brutaler Lebensum­stände. Es geht um die gro­ße Öl­katastrophe am südamerikanischen Äquator, in dem Lan­de, das nach dem nullten Brei­tengrad benannt ist, nämlich Ecua­dor, genauer, dessen nördliches Tiefland, des­sen Flüsse Quellflüsse des großen Amazonasflusses sind. Hier herrscht das gan­ze Jahr über dieselbe Tempe­ratur. Eine feuchte Hitze durchdringt die Land­schaft. Tägliche Re­gengüsse lassen mancherorts die jährliche Niederschlags­menge auf 6000 mm steigen.

Wir waren am Vormittag von Quito aus losgeflogen, mit einer zweimoto­rigen Propeller­maschine, die schon seit Jahrzehnten ihren Dienst versehen musste. Außer mir waren elf weitere Passa­giere an Bord. Geschäftsleute, ihrer Kleidung nach zu schließen, Arbeiter der Ölfelder indianischer Ab­stammung, drei Frauen, ebenfalls Indias, die, was ihre Klei­dung und ge­samte Aufmachung betraf, sich an den gerade herrschenden Modeideal der Hauptstadt ausgerichtet hatten und gerade deshalb, da sie sich so auf­geputzt in den Re­genwald begaben, klar als se­xuelle Dienstleisterinnen zu erkennen waren.

Die kleine Maschine flog durch die untere Wolken­schicht. Die Sicht hatte sich ver­schlechtert, da die mit­täglichen sintflutartigen Regenfälle einsetz­ten. Ich sah, dass die Scheibenwischer überlas­tet waren und Sturzbä­che von Regenwasser an den kleinen Schei­ben herablie­fen. Ich weiß nicht, wie der Pilot es schaffte, die Landeb­ahn von Puerto Francisco de Orella­na, dem frü­heren Coca, zu finden. Aber nachdem wir mehrere Male ruck­artig an Höhe verlo­ren hatten, fanden die Räder Berührung mit der Lan­debahn, ei­gentlich mehr mit den Wasserlachen, die sich darauf gebildet hat­ten, denn die Maschine glitt wie auf Kufen auf die Eingangshalle des Flughafengebäudes zu, bevor sie abrupt zum Stillstand kam.

Die Stadt ist klein, sie verfügt über nicht mehr als rund 40.000 Einwoh­ner, be­sitzt jedoch einige leidlich be­wohnbare Hotels. Ana María hatte mir ein Zimmer im Hotel de Lago re­serviert, das unmittelbar an der Stelle liegt, wo der von Norden kommende Coca-Flusss in den aus dem Anden­raum stammenden und nach Osten strö­menden Río Napo ergießt und eine seeartige Vergröße­rung schafft und so dem Hotel seinen Namen gegeben hat.

Vom Flughafenge­bäude war es nur einen halben Kilometer zum See-Hotel, den ich zu Fuß gehen konn­te, da der Mittagsregen aufgehört hatte und auch mit keinem weiteren Regen­guss mehr zu rechnen war. Keiner der anderen Passagiere schien in meinem Ho­tel zu logieren. Mit dem Auf­hören des Regens verzogen sich die die dicken Wolkenbänke, der Him­mel klarte in Teilen auf, so dass ich von meinem Zim­merfenster aus auf den See blicken konnte und mir vorstellte, wie der Río Napo, jetzt vereint mit dem Río Coca und verstärkt um etliche Wassermassen dem Amazonas entgegen­strebte, um östlich vom pe­ruanischen Iquitos in den größten Strom des Halbkontinents zu münden.

Ich war müde, denn solche Inlandsflüge sind anstren­gend, und be­schloss daher, ein we­nig auszuruhen, damit ich vor dem Einbruch der Dunkelheit noch ein Restaur­ant finden konnte.

Zwei Stunden später betrat ich ein kleines Restaurant, mehr eine Bar, am Fluss­ufer. Im Innern war es schumm­rig, die Abenddäm­merung war noch nicht hereingebroc­hen, der Wirt sparte offens­ichtlich am elektrischen Strom, so dass man sich mit dem langsam abnehmenden Ta­geslicht be­gnügen musste. Ich be­stellte das Ta­gesgericht und ging davon aus, dass ich von dem gebratenen Meer­schweinchen ver­schont bliebe, das in jeder Ecke der Haupt­stadt so wie im gan­zen An­denraum angeboten wurde und dessen ich längst überdrüssig geworden war. Das Gericht kam schnell. Ich war der einzige Gast, und auf dem Teller, den mir der zu­nächst schweigsame Wirt mit nicht ganz sauberen Händen hinge­stellt hat­te, be­fand sich ein Stück Fisch, aus dem Fluss, wie ich annahm, zusammen mit zerkoch­ten Kar­toffeln und einem Stück Kochbanane. Unaufgefordert wurde mir eine Flasche Bier ser­viert.

Ich mache mir nicht viel aus Essen. Essen ist für mich nur Nahrungsauf­nahme. Das Getue der Oberschicht um Edelrestaurants, Menüfolgen, tra­ditionelle und ge­rade angesagte Kü­che empfand ich immer schon als aufge­setzt und überf­lüssig. Wenn ich esse, möchte ich nicht übers Essen reden. Ich möchte beim Essen mit jeman­dem re­den oder wie jetzt gera­de darüber nachden­ken, mit wem ich demnächst über das große Thema Ölkata­strophe re­den könnte.

Ich beschloss, gleich mit dem Wirt anzufangen. Der hatte nichts zu tun, tauschte mit dem Koch irgendwelche banalen Tratsch über irgendwelche Nachbarn aus und schien nicht unzufrieden, als ich ein paar Fragen an ihn richtete. Ich wollte wissen, wie der Ölboom sich auf das Leben der Stadt ausgewirkt hat, auf das kleinen Nest, das Coca noch vor gar nicht langer Zeit gewesen war.

Ach wissen Sie, Señor, ich komme gut über die Runden. In einer Stunde wird es hier voll. Da kommen die kleineren Leute, die eine Arbeit gefun­den haben, die irgendwie mit dem Öl zusammenhängt, essen etwas und trinken ihr Feieraben­dbier. Ich will nicht kla­gen, habe mein Auskommen, kann meine Familie ernäh­ren, meine Kinder gehen zur Schule, können später was Größeres im Öl wer­den, Ingenieur vielleicht. Die werden ja ge­braucht. Ich bin nicht neidisch. Man­che sind hier richtig reich gewor­den. Das ist ja auch wieder gefährlich. Die le­ben in abgeschotteten Häu­sern, mit Personenschutz. Wenn da mal einer drauf­geht. Die Polizei unter­nimmt nichts.

Er kam ganz dicht an mich heran: Hier geht nichts ohne El Capitán.

Auf meinen fragenden Blick wurde ich darüber aufgeklärt, dass das der Chef, der Beherr­scher der Region, sei und die Geschäfte steuere und ohne den keiner Arbeit finde.

Ich dachte gleich an einen Mafia-Paten oder so etwas Ähnlichem, sagte es na­türlich nicht, um Genaueres zu erfahren.

Der Capitán wohnt flussaufwärts, und dabei zeigte er mit der Hand nach drau­ßen auf den Río Coca, dessen Fluten jetzt schon nicht mehr zu sehen waren.

Wenn er nicht gerade in Quito oder Guayaquil ist, zieht er sich auf seine Haci­enda zu­rück, ein paar Kilometer von hier in Richtung Nueva Loja zurück.

Ich wusste, das war im Norden, dahin wollte ich sowieso, in die Erdölfel­der. Und ich wusste nun auch, über wen ich Informationen brauchte.

Noch einmal rückte der Wirt näher und flüsterte: Es gibt noch die Capita­na. Die ist noch bedrohlicher. Die wohnt immer auf dem Landgut.

Kurz darauf verließ ich das Lokal, nachdem ich noch ein zweites Bier ge­trunken und zur Rechnung ein gutes Trinkgeld gegeben hatte, und spa­zierte am Flussufer entlang, bis zur Hafenstelle, wo die Lastschiffe und die Einbäume vertäut waren, von denen mich einer bald stromaufwärts über den Coca-Fluss tragen würde.

7. Kapitel

Mit ihren Außenbordmotoren erreichen die Einbäume eine hohe Ge­schwindigkeit. Der Fahrtwind sorgt für Kühle, trotz der immens feucht­heißen Luft im Amazo­nasbecken. Als ich das erste Mal, vor einigen Jah­ren, mit einem sol­chen Einbaum fuhr, also mich fah­ren ließ, hatte ich mir eine schwere Erkältung zugezogen, da ich diese Fahrt nur in in T-Shirt und leichter Hose unter­nommen hatte. Daraufhin versah ich mich immer für derarti­ge Expeditionen mit wärme­rer Kleidung und vor allem mit Re­genschutz. So auch dieses Mal. Und außer­dem mit einem Basis-Vorrat an Lebensmitteln und Aguardiente, diesmal einem peruanischen Schnaps, den man für Verhandlungs- und ausführliche Auskunfts­gespräche braucht. José, mein Wassertaxi-Fahrer, war mir vom Kneipenwirt empfohlen wor­den, er sei vertrauenswürdig, verschwiegen und vor allen Din­gen, er ken­ne sich her­vorragend im nördlichen Oriente aus, in erster Linie was die Wasserstraßen angehe, aber auch in Bezug auf die Leute, die an den Fluss­ufern lebten. Ich hoffte, mit seiner Hilfe ei­niges über die Capitana zu erfahren.

Die Landschaft ist wenig abwechslungsreich. Sitzt man im Boot, so sieht man nichts als einen Fluss, der sich ab und zu verbreitert oder schmaler wird, ein paar schwim­mende Inseln aus in sich verhakten Baumstämmen und Ästen. An den Ufern Bäume unterschied­licher Höhe, für den Igno­ranten einfach Biomas­se, für den Botaniker je­doch eine Vielfalt schier un­endlicher, auch noch unent­deckter Pflanzenarten, deren Untersuchung ich dies­mal hintanstellen musste.

Wer Luftaufnahmen von tropischen Regen­wäldern kennt, sieht rötlich-braune Wasser, die durch wuchern­des Dun­kelgrün mäandrieren. Die Fließgeschwindig­keit ist nicht hoch, der Fluss sucht sich sein Bett da, wo er es am einfachsten findet, und so entstehen am Ufer kleine Sandablage­rungen, Strände sozusagen, die von oben aus der Luft nicht zu sehen sind.

An einer der­artigen Stelle mach­ten wir nach meh­reren Stunden Fahrt erst­malig Quartier. Bis zum Einbruch der Dunkelheit fehlte lediglich eine Stunde, und die brauchten wir, um unser Lager aufzuschlagen.

Allerdings sind die Flussufer nicht unbe­wohnt. Immer dort, wo die Vege­tation etwas zurückweicht, wo Lan­deplätze für Boote existieren, sind Hütten errichtet, auf kleinen Stämmen, die die Behau­sung vor Hochwas­ser und uner­wünschter Fauna schützen. Kinder und Hunde spielen am Ufer und unter den Stelzen. Hier leben Menschen in Famili­enverbänden, die sich von der Fi­scherei ernähren und kleinen Pflanzungen in der Nähe ihrer Hüt­ten, manchmal be­trächtlich tief in den Regenwald hinein, die niemand von au­ßen erkennen kann und von denen nicht jedermann wis­sen soll, was da so wächst. Und wenig überraschend, der Handel floriert, von der Stadt hier­her und umgekehrt.

Ich wollte ungestört sein, diesmal keinen Kontakt mit der Flussbevölke­rung aufnehmen. Denn ein neugieriger Besucher spricht sich herum. Für meine Auf­gabe brauchte ich ver­schwiegene Informanten. Nachdem wir den Einbaum an Land gezogen hatten, bauten wir das Zelt mit Mücken­schutz auf, ich richtete die Feuerstelle her, suchte trockenes Treib­holz und Baumäste zusammen und schichtete alles so auf, dass wir oben an einer Art Spieß die Fische braten konn­ten, die José im Begriffe war zu fangen. Er hatte mir in die­ser Beziehung als Einheimischer einiges voraus, und schon nach kurzer Zeit kam er mit einem halb­en Dutzend heringsgroßer Fische zurück, deren Art, ge­schweige denn deren Namen mir unbekannt waren.

José war von mittlerer Statur, muskulös und wendig. Selbstver­ständlich trug er keinen Lendenschurz und auch keine Frisur, die man von Fotos kennt, auf de­nen „Urwald- India­ner“ abgebildet sind: Das glatte tinten­schwarzblaue Haar im Nacken kurz, über die Ohren gleichmäßig rund ge­schnitten, die Stirn von einem Pony bedeckt. Frau trug diese Frisur in den zwanziger Jahren des letzten Jahr­hunderts, und Ana Wintour trägt sie noch heute. José hingegen band sein schul­terlanges Haar zum Pferde­schwanz, zeigte auf seinem ge­drungenen Ober­körper ein ver­waschenes T-Shirt mit irgendeiner Rekla­me, darunter eine Cargo-Ho­se von ebenfalls undefinier­barer Farbgebung, die dann gefälschte Mar­kensneekers se­hen ließ, ein Allerwelts-Outfit. Der Globalisie­rungsei Dank!

Längst ist es dunkel. Nur die Restglut des Feuers lässt unsere gegenseiti­gen Umrisse er­kennen. Wir nehmen wechselseitig Schlucke aus der Pis­co-Flasche.

Das war aber nicht billig, sagt mein Fährmann. Es sei denn, du hast ge­schmuggelten Pis­co ge­kauft. Gefälscht ist er jedenfalls nicht.

Der ist echt und entsprechend teuer, auch geschmuggelt, sage ich. In Peru gibt‘s nur we­nig Traubenanbau. Das erhöht den Preis.

Du glaubst nicht, wieviel Ware über den Napo und den Coca geschmug­gelt wird. Der Pisco macht nur den geringsten Teil aus. Das meiste ist Ko­kain. Das kommt nachts auf hoch motorisierten Schlauchbooten herauf und landet bei der Capitana.

Ich horche auf und werde schlagartig hellwach, obwohl wir schon eine Flasche geleert haben.

Verdammt José, was weißt du darüber?

Das, was alle hier wissen. Etwas weiter flussaufwärts liegt ihre Hacienda. Der Umschlag­platz, von dem die Ware nach Quito und Guayaquil und in alle Welt geht. Mensch, wir le­ben alle davon.

Das ist für mich kein Geheimnis. Man wäre naiv, wenn man sich hier eine heile Welt vor­stellte. Aber ich muss mehr über diese Frau erfahren, denke ich. Ich brauche Zeugen und Informanten. José wird mir dabei helfen. Für solche Zwe­cke führe ich immer ein Bündel US-amerikanischer Dollars bei mir, wohlver­wahrt in einer wasserdichten Bauchtasche.

Die Glut des Feuers ist inzwischen erloschen. Wir kriechen ins Zelt und schlie­ßen den Mückenschutz.

Am anderen Morgen biegen wir westwärts in einen Zufluss des Río Coca ein. Es gibt hier am Ufer eine kleine Ansiedlung, deren Bewohner José gut kennt, wie er sagt. Wir verste­cken das Baum-Kanu im Gebüsch, ich lege mich hinein, mache mir Notizen. José ver­schwindet lautlos und kehrt nach circa einer Stunde zurück. Dann fahren wir mit gedros­seltem Mo­tor, nahezu unhörbar, den Fluss weiter hoch. Ich sitze im Bug, schaue ange­strengt auf das mir entgegen strö­mende braune Wasser, als plötzlich das Boot leicht schaukelt. Wir sind jetzt zu dritt. Eine Person ist, von mir un­bemerkt, vom Ufer ins Boot geglitten. José und der andere legen den Finger auf den Mund. Wir fahren noch eine Zeit­lang weiter.

Der neue Passagier, dessen Namen ich nicht erfahre und der, wenn ich ihn er­führe, ein falscher wäre, trägt eine Art Uniform. Die Mütze ist tief her­untergezogen, so dass ich sei­ne Ge­sichtszüge nicht erkennen kann.

Keine Aufzeichnungen mit einem Gerät, auch nicht schriftlich, wird mir befoh­len. Ich bin gezwungen, später ein Gedächtnispro­tokoll anzulegen.

8. Kapitel

1. Protokoll: Der Diener

Ich weiß nicht mehr, wann genau ich angefangen habe, bei der Señora Merce­des zu ar­beiten. Vielleicht vor zehn Jahren. Wir waren zu fünft. Fünf Jungen etwa in meinem Al­ter, also zwischen vierzehn und fünfzehn. Pater Antonio hat uns dahin gebracht. Unsere Eltern waren gestorben oder hatten sich aus dem Staub gemacht. Ich selbst kann mich an meine Eltern nicht erinnern, nur an ver­schiedene Waisenhäuser und später an Herrschaf­ten, bei denen ich gearbeitet habe. Bis Pater Antonio kam und mich und die andren vier auf die Hacienda brachte. Er sagte dann, wir hätten Glück gehabt, wir hätten auch im Ge­fängnis landen können. Denn wir sind schon mal bei einigen Diebstählen erwi­scht wor­den und auch bei Raufereien und so.

Die Señora Doña Mercedes ist eine schöne Frau. Sie hat eine ganz helle Haut und schwarze lange und gelockte Haare. Sie ist immer in Weiß gek­leidet. Als ich sie das erste Mal sah, erschien sie mir außerirdisch. Wie eine Madonna, sag­te Pablo. Und wir waren natürlich einge­schüchtert. Nicht nur weil sie so schön war, sondern auch die Herrin. Und das war sie: eine Herrin. Sie sprach von An­fang an im Befehlston. Ja, wie auch sonst. Wir waren ja nichts und auch nur zum Arbeiten da.

Und die Arbeit ist hart, aber gut geregelt. Zehn Stunden am Tag, bei drin­genden Termi­nen natürlich länger. Wenn viel Ware auf einmal an­kam. Aber es gibt im­mer gutes Essen, nicht wie vorher bei den anderen Herren nur Reis, Kar­toffeln, Bananen. Hier bekamen wir Fisch und häufig auch Fleisch. Auf der Hacienda gibt es alles, ich meine, was das Essen angeht. Also Rinder­herden, Schweine­ställe, Hühner.

Wir können nicht klagen. Für Leute wie uns gibt es kleine Häuser mit ein paar Zimmern. Wir schlafen zu viert in einem Raum. Zum Haus gehören Waschräume und eine Sala, wo ein Fernseher steht, der manchmal abge­schaltet ist. Gegessen wird im großen Speisesaal im Zen­trum der Anlage, wo dann alle, also alle Arbeiter und Bediens­teten, zusammen sitzen. Wir tragen alle diese Uniform, so ähnlich wie ich jetzt, nur die Aufseher ha­ben hellrot, anstatt hellgrau wie fast alle anderen. Und sie dürfen Hüte tragen und Stiefel. So kann man sie immer gut erkennen. Ich glaube, das ist kein Zu­fall. Das er­höht unsere Disziplin. Es gibt ja immer welche, die was zu meckern haben. Manche Compañe­ros habe ich irgendwann nicht mehr gesehen.

Zuerst habe ich bei den Ställen gearbeitet. Im hinteren Teil der Hacienda. Erst später, als sie mir trauten, durfte ich an den Fluss, um beim Ausladen zu helfen. Die Pakete haben ein ganz schönes Gewicht, und wehe, wenn einem was runter fiel, etwa sogar ins Wasser!! Ich wusste dann bald, was da umgeladen wurde, obwohl niemand direkt darüber sprach. Das war auch verboten.

Hinter der Casa Señorial liegt das große Lagerhaus. Hier werden die Pa­kete aus Peru ge­öffnet, in andere und kleinere Portionen verteilt. Sie be­kommen dann die Adressen auf­geklebt, für die Länder, für die sie be­stimmt sind. Da muss man lesen und schreiben kön­nen. Das konnte ich schon vorher gut, und so kam ich nach einer Probezeit unten am Fluss ins Lagerhaus, wo auch die Zentrale unter­gebracht ist, also die Verwaltung. Hier konnte ich auch schon mal die Chefin se­hen, wenn sie Verpackung und Versand inspizier­te und dann mit den Capos ins Büro ging.

Zwei, drei Jahre habe ich im Lagerhaus gearbeitet. Ich glaube, ich habe gut ge­arbeitet. Denn eines Tages wurde ich ins Büro gerufen. Da war Doña Mercedes. Ich brachte kein Wort heraus, wirkte wie ein Trottel.

Wir haben beschlossen, dass du ab jetzt im Herren­haus arbeitest, bei mir, sagte sie streng. Du bist nicht dumm, siehst hübsch aus. Nur, du brauchst noch Ma­nieren. Du bekommst auch noch eine hellblaue Uniform. Es war die, ich ich jetzt trage.

Wir bekamen keinen eigentlichen Lohn. Wozu auch? Wir hatten ja alles. Ich zu­mindest brauchte weiter nichts. Aber eine Art Taschengeld, mit dem wir Tabak, Bier und Pisco, aber nur in kleinen Mengen im Hacienda-La­den kaufen konn­ten. Wer öfter als betrunken auffiel, der verschwand. Im Herrenhaus brach für mich eine neu Zeit an, im Palast, wie wir die Casa Señorial auch nennen.

Der Palast ist prächtig. Soweit ich das beurteilen kann. Ich kenne ja nur diesen einen. Die Anzahl der Zimmer wüsste ich gar nicht zu sagen. Ich habe ja auch nicht überall Zutritt. Selbst der Trakt für uns Diener ist schon groß. Es gibt drei Abstufungen oder Ränge, ähn­lich wie beim Mili­tär. Damit kann man‘s wohl am besten ver­gleichen. Im unteren Rang, dem ich zunächst angehörte, gib es die meisten Leute. Darüber schon we­niger und im obersten nur ein gutes Dutzend. Das wären dann die Of­fiziere. Soweit bin ich nicht auf­gestiegen. Denn die Die­ner an der Spitze müs­sen absolut vertrauensvoll und schon lange im Dienst sein.

Die Herrin ist äußerst misstrauisch. Mir ist aufgefallen, das wir Diener alle aus dem ein­fachen Volk sind, wie man so sagt,. Wir sind aus dem Oriente und ha­ben noch indianische Wurzeln, also dunkelhäutig, schwar­zes glattes Haar, kräf­tige Statur. Einfache und aufgeweckte Menschen. Herr Journalist! Ja, wir die­nen der Capitana mit unbeschreiblichem Eifer und Hingabe, weil wir sehr gut wissen, dass wir einzig und al­lein durch den Willen unserer ehrwürdigen Herrin in diese Positionen gelangt sind. Durch unseren Dienst nehmen wir an der Herr­schaft teil. Das sagen uns täglich die Offi­ziere.

Wie soll ich den Palast beschreiben? Er ist kein altes Gebäude aus der Spanier­zeit, denn Spanier wohnten oben in den Anden, wo das Klima an­genehmer für sie war. Aber der Pa­last sieht aus, als wäre er aus der Spani­erzeit, nur viel grö­ßer als ein originaler. Die Capi­tana stammt ja nicht aus dem Oriente, das sieht man ja schon. Woher genau, das wissen wir nicht, dürfen wir nicht wissen. Doch sie kennt die Herrenhäuser aus der Koloni­alzeit, mit zwei Etagen und dem großen Innenhof, den Balkonen mit den Eisengittern. Und so wurde er auch ge­baut.

Der Palast ist extrem gut bewacht, wie ein Königsschloss. Auch elektro­nisch, mit Alar­manlagen und so. Zudem hat die Capitana noch eine Leib­garde oder Leibwache. Die steht mit Maschinenpistolen an den Eingän­gen und begleitet sie bei den Inspektionsgängen. Überhaupt, das ge­samte Gelände ist überwacht und ein­gezäunt. Man kommt ohne weite­res weder rein noch raus. Hier möchte ich be­tonen, dass das so sein muss. Es gibt zu vie­le Neider und Konkurrenten, die ohne viel Arbeitseinsatz ans große Geld kommen wol­len. Und wir alle, ich mei­ne wirklich alle, oben und un­ten, wir arbeiten hart.

Im hinteren Teil des Hacienda-Geländes befindet sich eine Start- und Landpiste. Von der fliegen die kleinen Transportflugzeuge in Richtung Quito und Guaya­quil. Fast regelmä­ßig alle vierzehn Tage und manchmal auch zwischendurch landet El Capitán aus der Hauptstadt. Man sagt, dass er der eigentliche Chef ist, dass die Capitana ihn hier nur ver­tritt.

Zu Ge­sicht bekommen habe ich ihn nur flüchtig. Als er in der Rolls-Royce-Li­mousine von der Landepiste abgeholt wur­de, hinter den Auto­scheiben. Pablo meint, er sieht präsidental aus, mit seinem schmalen Schnurrbärt­chen. Natürlich ist er ein Weißer. Er soll früher selbst noch die Flüsse be­fahren haben, als das Geschäft noch im Aufbau war. Er kennt alle Seiten des Geschäfts. Ich sage es ganz offen: das macht ihn sympa­thisch, den Señor. Wie ein Flusspirat soll er ausgesehen haben.

Auch wenn ich im Herrenhaus tätig bin, ab und mit den Chefin direkt zu tun habe, bin ich nicht dabei, wenn in Anwesenheit des Capitán eine gro­ße Cena, das Abend­essen, stattfindet, nicht selten mit Gästen, die eben­falls eingeflogen werden. Da bedie­nen nur Offiziere. Es sind auch keine Dienstmädchen dabei. Alles ungemein diskret. Es darf nichts nach drau­ßen drin­gen. Wahrscheinlich sind Minister und andere Würdenträger da­bei. Pater Antonio aller­dings nicht. Vielleicht der Bi­schof. Pablo meint, ihn mal gesehen zu haben. Gerüchte, sage ich dann, Herr Journalist, nichts als Gerüchte.

Auch ich habe das Vertrauen der Señores. Als Zeichen dafür besitze ich einen Passier­schein, mit dem ich das Areal verlassen kann, um meine Freunde in der Pfarrgemeinde zu besuchen. Sonst könnte ich nicht hier mit euch sitzen. Bald werde ich heiraten. Meine Juanita. Ich habe sie auf der Fiesta Mayor kennenge­lernt. Sie muss mit mir auf die Haci­enda kom­men. Es gibt auch Häuser für Ver­heiratete. Sie wird als Dienstmädchen arbei­ten. Zunächst in der Dienstbotenkü­che. Ich weiß, sie wird sich hoch­arbeiten, bis zur Don­cella bei Doña Mercedes. Da bin ich mir sicher. Sie brauchen nicht zu lächeln, Herr Jour­nalist!

So wie mein Gesprächspartner gekommen ist, ist er auch wieder ver­schwunden, leise und geschmeidig wie ein Jaguar. Wir wenden den Ein­baum und fahren den Fluss bergab, ohne Motor, lassen uns nur von der Strömung treiben. An der Mündung in den Coca bie­gen wir links ab und fahren mit Motorhilfe wieder stromauf­wärts. Bis Lago Agrio liegt noch ein beträchtliches Wegstück vor mir. José, mein treuer Fährmann, wird sich bald von mir verabschieden, weil der Fluss, den wir gerade befahren, nach Nordwesten in Richtung Anden­gebirge ab­biegt. Ich jedoch muss ge­radewegs nach Nor­den und kann nur die Landstrecke nehmen.

Es ist unsere letzte Nacht, unser letztes Quartier am Flussufer. Es ist schon zu dunkel zum Fische Fangen. Wir teilen uns die Fleischkonserven. Da ich mich morgen wieder auf dem Landweg befinde, kann ich meine kleinen Vorräte un­terwegs auffüllen. Trotzdem machen wir ein kleines Feuer, um Insekten und an­deres kleines Getier fernzuhalten. Wir teilen die letzte Flasche Pisco und rau­chen dazu Zigarren, die José auf irgend­welchen krummen Wegen, über die er nicht sprechen will, aus Brasilien bekommen hat. Ein schar­fes Zeug, das mich schwindlig macht.

Das schwache Licht des Lagerfeuers spiegelt sich in kleinen Punkten auf der Oberfläche des Flusses, der fast bewegungslos erscheint. Ab und zu springen Fische hoch und unter­brechen durch das Zurückfallen ins Was­ser die Stille. Eine Stille, die bald abgelöst wird von den Tiergeräuschen aus dem umgeben­den Wald.

José hat sich schon im Zelt schlafen gelegt. Er muss schon früh zurück­fahren, neue Arbeit wartet auf ihn. Welche, will er nicht sagen. Mir gehen noch zu viele Dinge im Kopf herum, insbe­sondere denke ich an Pater An­tonio und seine Rolle in dem ganzen Spiel. Man müsste an ihn herankom­men, ein Gespräch mit ihm führen! Entscheidender sind allerdings Infor­mationen über El Ca­pitán, die Schlüsselfi­gur im großen Geschäft mit dem Rauschgift. Zu­nächst aber geht es morgen in die Ölfelder. Ich kontrollie­re, bevor ich mich ebenfalls hin­lege, mei­ne Kamera, ob sie unterwegs keinen Schaden genommen hat. Ich brauche sie zum Doku­mentieren der gewaltigen Naturschäden.

9. Kapitel

Im Imbiss-Raum der Tankstelle, die noch das alte Gulf-Oil-Schild trägt, an der Natio­nalstraße E48A, die nach Kolumbien führt, nehme ich eine kleine Mahl­zeit ein. Ich bestelle ein Käsesandwich und dazu eine Cola. Die Tische sind mit hellblau­en Plastikdecken ausge­legt, die regelmäßig von der Bedienung abge­wischt wer­den. Ich habe auf einem der ro­ten, et­was wackeligen Plastikstüh­le Platz genom­men. Um mich herum sitzen Fernfahrer, die die Route Quito-Lago Agrio und manchmal weiter hoch nach Kolumbien und zurück machen. Aus dem kleinen Radio quäkt Sal­sa-Musik, mit der mittlerweile das ganze Land be­schallt wird. Eine gutge­launte Män­nerstimme weist alle fünf Minuten auf das Salsa-Festi­val in Nueva Loja/La­goAgrio hin.

Ich komme mit meinem Nachbarn ins Gespräch, der auf seinem Truck Bauteile für Ölpumpen transportiert. Auf jeden Fall wolle er zwei Tage dort oben blei­ben. Lieder von Henry Fiol, Charlie Rodriguez und Willie Colón könne er sich nicht entgehen lassen.

Er erklärt mir, dem scheinba­ren Gringo, ge­nerös, dass es sich um die größten Salsa-Sänger des ameri­kanischen Kontinents handle, die dürfe man einfach nicht verpassen. Ich ent­gegne, dass ich noch eine Mitfahrge­legenheit suche, dass ich für ein US-amerikanisches Magazin eine Bildre­portage über die Schönheiten des ecuadorianischen Regenwaldes schriebe und dass mir dieses Kulturevent bestens in den Kram passe.

Er wohne bei sei­ner Schwester, ich könne mitkommen, in ihrem Haus sei genug Platz, ihr Mann sei kürz­lich abge­hauen, habe wohl eine andere jen­seits der Grenze, schlägt mir Án­gel, der Tru­cker, der gar nicht engelhaft aussieht, vor. Ich bin ein verstanden, wir fahren in einer Stunde los.

An dieser Stelle muss ich kurz einschieben, dass ich meine Identität ge­genüber dem Fernfahrer nicht offenbaren konnte. Die Leute hier le­ben von der Ölwirt­schaft, und wenn ich etwas über die Le­bensumstände, die wirkli­chen Verhältnisse erfahren will, dann darf ich mich nicht als kritischen Wissen­schaftler zu erkennen geben. Der klei­ne Schwindel sei also erlaubt. Er ist einer höheren Wahrheit geschuldet.

Ángel arbeitet seit etwa acht Jahren als Trucker. Er hat alle möglichen Tä­tigkeiten bezie­hungsweise Berufe hinter sich, vom Kellner, Maurer, Co­ca-Pflücker in Kolumbien, Facharbei­ter an der Ölbohrstelle bis jetzt zum Fernfahrer. Den Job habe er dem Vorarbeiter zu ver­danken, der ihm einen Gefallen schuldig gewe­sen sei. Er habe für ihn eine Heirat arrangiert, mit einem Mädchen, das er gut kannte. Das war ein Traumpaar. Ich hoffe, das ist noch so, sagt er und lacht.

Weißt, du, Clemente, wir sind nicht so prü­de wie ihr da im Norden. Wir Männer nehmen das Leben, wie es kommt - und die Frauen. Und er lacht wieder.

Während der Fahrt photographiere ich immer wieder aus dem Fenster heraus. Der Laster kann keine hohe Ge­schwindigkeit aufnehmen, weil die Nationalstra­ße allzu oft eine ka­putte Asphaltdecke aufweist oder noch die Schlammreste der letzten Überschwemmun­gen die Fah­rer zum Bremsen zwingen. Unentwegt du­delt die Salsa-Musik. Es scheint nichts anderes auf den Radiosendern zu geben. Die Unterhaltung ist etwas problema­tisch, da dann unsere Stimmen die Musik übertönen müssen.

Je näher wir unserem Ziel kom­men, desto mehr lichtet sich der Wald. Durch das Ob­jektiv der Kamera nehme ich glit­zernde Flächen wahr. Sind das Seen?

Ja klar, das sind Ölreste. Die werden bald wieder verschwinden, klärt mich mein Fahrer auf. Da solle man sich keine unnötigen Sorgen machen. Die Firma wird alle Schäden be­seitigen. Es gibt Leute in der Hauptstadt, die das dramati­sieren. Ich finde auch nicht alles gut, was hier passiert.

Er schnaubt verächtlich. Lass dich von denen nicht einwickeln!

Doch leider ist die tatsächliche Situation eine ganz an­dere. Und die habe ich gründlich re­cherchiert. In Quito habe ich mich wochenlang in Doku­menten ver­graben, um über die Ölver­schmutzung im nordöstlichen Ecua­dor Bescheid zu wissen. Ich fasse hier und jetzt wesent­liche Fakten kurz zusammen.

In den sechziger Jahren lösen mehrere Präsidentschaften und Militärdik­taturen einander ab. 1963 vergab die Mi­litärjunta Ölförderkonzessionen an die US-Fir­men Texa­co und Gulf, für ein Gebiet im Oriente, den ecuadorianis­chen Teil des Amazonastieflandes, das eine Fläche von 14.000 km² umfasst. Der Oriente war war bis dahin unberührtes, noch nicht kolo­nialisiertes Ge­biet. Die Erdölförde­rung und die Kolonialisierung, also die Ur­barmachung und Ansiedlung von Landwirten usw. führte zu erhebli­chen ökologischen und sozialen Folgen, be­sonders in der Provinz Sucum­bíos und der Region zwischen Nue­va Loja (früher Lago Agrio) und Coca (inzwischen Puerto Francisco der Orellana), nörd­lich des Rio Napo. Nach meinen Unterlagen ge­langten circa 60.000 t Ölrückstände und über 50.000 t Rohöl in die Umwelt, versickerten im Boden. Diese Schäden sind nicht mehr zu beseitigen. Die Verantwortlichen sind nicht mehr al­lein die Öl­konzerne, denn 1976 stieg der Staat in die Förderung ein und übernahm im Öl­konsortium den Anteil von Gulf-Oil.

Im Pipeline-Gebiet um Lago Agrio herum und im Korridor von hier bis zum südlichen Coca lassen sich wegen fehlender Kontrollen und man­gelnder Um­weltauflagen direkte und indirekte Auswirkungen festhalten.

Zu den direkten Folgen zählen die irreversiblen Schäden durch Umwelt­gifte, hervorgeru­fen durch freigesetztes Erdöl, Abwässer und Abfallpro­dukte bei der Förderung und dem Transport von Öl, mit der Konsequenz, dass der tropische Boden degradiert und die Ge­wässer verseucht sind.

Die indirekten Folgen sind zunächst einmal die Anlagen von Straßen (Zu­gangs- und Transportstraßen) und Lan­deplätzen selbst, die Umwandlung von Waldflä­chen in Agrar­flächen, die damit einhergehende Besiedlung ent­lang dieser Stra­ßen durch Kolonisten, also Landwirte von außerhalb der Regenwaldgebiete. Die Siedler tref­fen auf indigene Ethnien, deren Landaneignung zu sozialen Span­nungen und teilweise gewalttätigen Aus­einandersetzungen, die häufig mit der Vertreibung der ursprünglichen Be­völkerung ein­hergeht, führen. Man kennt die­ses Muster, zum Beispiel aus Brasilien. Des Weiteren wird der Lebensraum di­verser Tierarten einge­engt oder gar zerstört. Ein Grund dafür ist unter anderem die unkontrol­lierte Jagd.

Eine exakte nummerische Bilanz der Schäden ist nicht möglich. Es bleibt nur die Doku­mentation mittels transkribierter mündlicher Zeugenaussa­gen der un­mittelbar Betroffe­nen. Das ist eben meine Aufga­be. Vielleicht könnte das zu ei­ner Klage ecuadorianischer Bürger führen, so dass die An­gelegenheit vor das Bundesgericht kommt und so in den Blick der na­tionalen und inter­nationalen Öffentlichkeit gerät.

Wir kamen bei Anbruch der Dunkelheit in unserem Zielort an. Die Stra­ßen wa­ren gut be­leuchtet. Offenbar hatte die Stadtverwaltung einen Teil der Steuerein­nahmen nicht in die eigene Tasche, sondern in Infrastruktur­maßnahmen ge­steckt.

Da siehst du, Gringo, wie gut es uns geht, meinte Ángel, als er mein Er­staunen sah. Ich schwieg dazu.

Ángels Schwester Angélica war nicht besonders erstaunt darüber, dass ihr gro­ßer Bruder einen Gast mitbrachte. Wahrscheinlich war das öfter der Fall. Die Schwester war kleiner, zierlicher als der etwas bullige ältere Bruder, hatte ihre glatten Haare blond gefärbt, trug eine grellfarbige Hose und Bluse, wirkte trotz des Verlusts ihres Lebensgefährten heiter. Womöglich war die Heiterkeit die Freude über den Weggang?

Jedenfalls führte sie mit Hilf eines Mädchens aus der Nachbarschaft den Haushalt und sagte leichthin, während wir den Abend mit ein paar Fla­schen Bier ausklingen ließen, dass sie ja eine Pension aufma­chen könne, wenn ihr Bruder demnächst regelmäßig Gäste anschleppe. Das sei aber überhaupt nicht gegen mich gemeint, und offenbar hatte sie mich schon ins Herz ge­schlossen, denn ständig suchte sie meinen Blick. Und auch ich fühlte mich von ihr angezogen.

10. Kapitel

Am nächsten Morgen sah ich mir das Kaff, das sich durch den Erdölboom zu ei­ner kleinen Stadt zu mausern begann, genauer an. Es machte auf mich den Eindruck einer Westernstadt, mit ihren schnell hingezimmerten Häusern, den Läden, die alles anboten, was man für den Haushalt und die Arbeit brauchte, die Apotheke, die in keinem lateinamerikanischen Dorf fehlte, eine Art Rathaus für die Verwaltung, die große Baracke von Texa­co, in den entsprechenden Farben gestrichen, und natürlich die Kirche, vor deren Wellblech bedecktem Schiff man einen hölzernen Turm mit ei­ner kleinen Glocke gestellt hatte. Das Haus dane­ben, ebenfalls blechge­deckt, musste das Pfarrhaus sein. Der kirchliche Segen fehlte nicht. Im wilden Osten!

Ich beschloss, in einen der Läden zu gehen, mich darin umzusehen, am besten gleich mit dem Händler zu plaudern. Das Geschäft war nicht voll und, wie ich mir gedacht hatte, und mit Haushaltsartikeln, Werkzeugen, billigen bunten Klei­dungstücken, frischen und verpack­ten Lebensmitteln vom Boden bis zum nied­rigen Dach aufgefüllt.

Ein beleibter Mann mittleren Alters saß an der Kasse, ein junger hochge­wachsener räumte Regale ein oder aus. Ich schlenderte durch die zwei Gänge, nahm mir eine Packung Zigaretten und eine Flasche Cola, dazu ein mit der Flagge Ecuadors bedrucktes T-Shirt, das ich für Angélica mit­bringen wollte und hoffte, dass die Größe stimmte. Ich wartete mit dem Bezahlen, bis die letzte Kundin den Laden verlassen hatte und ich anneh­men konnte, das der Besitzer herauskä­me, um der stickigen Luft im In­nern zu entkommen.

Tatsäch­lich trat er nach ei­niger Zeit mit einem Bier heraus, sah mich an der Hauswand neben der Tür leh­nen. Mein Äußeres hatte ihn, wie erwar­tet, neugierig gemacht. So viele Touris­ten fielen in dieses Nest nicht ein, dass man sie ignorieren könn­te. So kam ich gleich zur Sache und trug ihm den Spruch mit dem Journalisten des US-Maga­zins vor und signalisierte ihm meine Bereitschaft, seine Ansicht von die­sem schönen Fleckchen Erde zu hören. Denn im Grunde sind wir doch alle Patrio­ten, zumindest Lokalpatrioten.

Sie haben doch bestimmt schon Schöneres gesehen als dieses Lago Agrio, aber es wird schon besser. Besser als vor zehn Jahren als ich den Laden aufge­macht habe. Als hier noch viel Gesindel herumhing, fuhr er fort, als es noch kei­ne Polizei gab, die durchgriff.