Die Wanderung - Andreas Trölsch - E-Book

Die Wanderung E-Book

Andreas Trölsch

0,0

Beschreibung

Wer einfach nur von A nach B kommen will, setzt sich in ein Auto, einen Zug oder in ein Flugzeug. Wer etwas sehen möchte, setzt sich auf ein Fahrrad. Wer aber wirklich das Land, die Landschaft und die Menschen kennen lernen will, der muss wandern. Dies erkannte schon Goethe. Die Wanderung ist die Erzählung über zwei Polizisten, die genau dieses tun wollten. Am Ende brachte Ihnen die Wanderung auch die Erkenntnis, dass sie auch gemeinsam ein Stück Leben gemeinsam abgelaufen haben. Dialoge und Erfahrungen, die einem die Polizei und die Menschen in diesem Beruf ein Stück näher bringen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 213

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Besonderen Dank an

Frank W., Jürgen K., „Ute“, „Käthe“, Frank T.

meine Schweizer

meine „Agenten“

Prof. Dr. med. habil. Dipl.- Psych. D. Seefeldt

Michaela

alle Unterstützer

„Sobald die Leute nicht zur Polizei gehören und sobald sie nicht zur Polizei gerechnet werden möchten, fangen sie an, sehr liebe Geschöpfe zu werden, die ganz vernünftig denken und ganz normal fühlen können.“

—B. Traven

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Wir haben eine Idee

Eine Hütte - Drei Hirten und wir

Das Buch der Bücher

Die beiden Neuen

Typische Konversationen

Der Zinkleinenverband

Die Trennung

Post nach Albanien

Der Notabstieg - die Geschichte von Yves

Höher geht’s nicht

Am Ende …

Avignon

Mein persönliches Ende - oder mein Anfang

Vorwort

Naheliegend wäre es einen Kriminalroman in den Händen zu halten. Worüber sollte denn ein Berliner Polizist sonst schreiben? Nun, ich habe mich anders entschieden. In dreißig Dienstjahren haben mich immer wieder die gleichen Dinge gestört. Da wäre als Erstes dieses gegenseitige Unverständnis zwischen dem Auftraggeber, nämlich dem Steuerzahler und dem Polizisten. Seltsamer Weise verstehen die wenigsten Menschen, dass niemand anderes vor ihnen steht, als eben auch nur ein Mensch. Oft wird dem Polizisten auch ein eigener Anspruch unterstellt, der überhaupt gar nicht vorhanden ist. So wie jeder andere im Berufsleben auch, bekommt er eine Weisung erteilt und diese führt er aus,. Hinzu kommen gesetzliche Formalien und schlichte Erfordernisse des Grundgesetzes.

Besonders dramatisch wird es immer dann, wenn die Politik mit ins Spiel kommt. “Deutsche Polizisten schützen Faschisten!”, wird regelmäßig bei Gegendemonstrationen skandiert. Das Problem dabei ist nur, viele der Kollegen mögen die rechten Demonstranten auch nicht, aber es ist nun einmal ihre Aufgabe, jedem Bürger seine Demonstrationsfreiheit zu ermöglichen, solange niemand sagt: Die Gruppierung ist verfassungsfeindlich! Wesentlich sinnvoller wäre eine Demonstration vor dem Bundesverfassungsgericht.

Ebenso liegt es in der Natur der Sache, dass sich niemand gerne in seiner Freiheit einschränken lassen will. Aber wie viele Eltern haben schon zu ihren Kindern gesagt: Mach das nicht! Überlege mal was passiert, wenn das jeder machen würde? Aber wie lautet die Standardantwort eines Autofahrers, der unberechtigter Weise in der zweiten Spur hält? Richtig! Kümmern Sie sich mal lieber um die richtigen Verbrecher! Dieses Argument war nie ein richtiges Argument und wird auch niemals eines werden. Es ist beinahe unnötig zu erwähnen, dass dieser Autofahrer eine Stunde später fordern wird: Wie steht der denn da? Da müsste sich doch mal die Polizei drum kümmern. Der Autofahrer sagt diesen Satz vielleicht einmal die Woche, der Polizist bekommt ihn im Straßenverkehr quasi stündlich zu hören und ist irgendwann einmal vollkommen entnervt.

Hartnäckig hält sich auch das Vorurteil des dummen Polizisten, der nichts besseres gelernt hat, der stocksteife Beamte, der stets staatstreu ohne zu Hinterfragen seinen Dienst versieht. Ich habe diese Erzählung geschrieben um an der einen oder anderen Stelle Polizisten ein menschliches, vielleicht nicht immer sympathisches Gesicht zu geben.

Es ist aber auch die Geschichte eines Weges. Ein Weg, der an vielen Stellen zum Nachdenken angeregt hat und viel Stoff für Metaphern gab. Es obliegt jedem selbst, zu beurteilen, inwieweit eine Wanderung auch ein Stück weit das Leben selbst spiegelt. Es ist die Geschichte von zwei Männern, die sich dazu entschlossen, gemeinsam eine Wanderung durch die Pyrenäen zu unternehmen. Viele der folgenden aufgeschriebenen Erlebnisse und Gespräche, haben nicht unbedingt auf dieser einen Wanderung stattgefunden. Manches hätte so geschehen können oder ist an anderer Stelle passiert. Dieses Buch ist auch geschrieben in Gedanken an den einen oder anderen Mitstreiter in der Vergangenheit, der auch vor hatte seine Gedanken über unsere gemeinsame Zeit in einem besonderen Leben auf einer besonderen Dienststelle zu Papier zu bringen, aber leider vorher die Erfahrung machen musste, wie höhere Stellen vor lauter Angst die Skripte beschlagnahmen ließen.

In einigen Passagen musste ich aus rechtlichen Gründen auf die Schilderung von Details verzichten. Auch musste ich alle erwähnten Kollegen mit Synonymen schützen, da sie sich zu großen Teilen immer noch im aktiven Dienst befinden. Der Verzicht auf Details bedeutet aber nicht, dass die Ereignisse nicht stattgefunden haben.

In den Medien werden Polizisten, insbesondere Mitglieder von Spezialeinheiten sehr unterschiedlich dar gestellt. Da gibt es Sendeformate, in denen Spezialeinheiten über den Bildschirm rennen, Zivilfahnder die als Verdeckte Ermittler dargestellt werden, obwohl sie eigentlich nur für ein paar Stunden die Uniform ausgezogen haben oder Kommissare, die mal eben so „Under Cover“ arbeiten. Mit Verlaub – alles Blödsinn.

Aber dieser Blödsinn hat seine Berechtigung, denn nichts ist vermutlich so langweilig wie die Realität. Ärgerlich finde ich nur, wenn der Anschein von Realität erzeugt werden soll. Niemand wird in einem amerikanischen Film auf die Idee kommen, ein Dirty Harry würde tatsächlich so auftreten, wie es in den Filmen geschildert wird. Jeder der mal einen 45er Revolver abgefeuert hat, weiß wovon ich schreibe. Es ist halt Unterhaltung. Leider ist das im Deutschen Fernsehen ein wenig anders.

Ich weiß nicht wie es Ihnen als Leser geht. Jedoch wie seltsam mutet es an, wenn im Fernsehen die Wohnung eines bewaffneten Straftäters erstürmt wird, die Spezialeinheit aussieht wie ein Haufen schwarzer Ritter und der Staatsanwalt rennt als erster in die Wohnung hinein?

Aber hierbei handelt es sich noch um eines der geringeren Probleme. Die folgende Erzählung verfolgt mehrere Richtungen. Als erstes ist sie ein Reisebericht über einen wirklich lohnenswerten Wanderweg, den ich wirklich nur jedem empfehlen kann. Zwischen den Zeilen ist sie eine Beschreibung von Menschen, die jeden Tag auf ein Neues versuchen, die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten. Die den Beruf des Polizisten immer als eine Berufung gesehen haben und deshalb weit über den Beruf hinaus viele private Opfer gebracht haben. Es ist auch der Versuch ein wenig Verständnis für diese Menschen zu erzeugen. Letztens sagte mal ein Vertreter der Linksradikalen Szene zu mir: Ich will diese Menschen gar nicht kennenlernen, einen Menschen den man kennt, kann man nicht mehr hassen. Ich glaube, da ist etwas dran.

Und neben diesen Beschreibungen ist die Erzählung auch eine Botschaft. Eben jene Botschaft über das Leben, die ich bereits erwähnte. Wir liefen los ohne nennenswerte Erfahrungen. Wir packten unsere Rucksäcke mit lauter Sachen voll, die wir für wichtig erachteten. Am Ende hatte jeder von uns 25 kg Gepäck auf den Schultern. Während der Wanderung entledigten wir uns vieler unnützer Dinge. Wir versuchten erfolglos andere zu beraten, ebenfalls Ballast abzuwerfen. Oftmals hatten wir einen Plan, der sich am Ende als undurchführbar erwies, trotzdem endeten wir überraschender Weise an einem Ort, den wir uns nie hätten vorstellen können. Wir kämpften uns auf Pässe, nur um dann wieder hinab zu steigen und am nächsten Tag wieder empor zu klimmen. Nach und nach verstanden wir die Botschaft, dass das Leben an sich eine Wanderung ist.

Ich selbst habe diese Botschaft jahrelang ignoriert. Weder war ich bereit Ballast abzuwerfen, noch erkannte ich, wie ich jeden Tag neu den Berg anbrüllte: Beweg Dich! In den Niederungen war ich zu blind die Tatsache zu erkennen, dass ich einfach nur los laufen musste, um wieder nach oben auf den Pass zu kommen. Ich sah auch nicht die Unmöglichkeit ewig dort oben zu bleiben und erkannte nicht den Reiz des Abstiegs. Und unten ist nicht immer negativ. Unten ist manchmal auch einfach nur Ruhepause für den nächsten Aufstieg.

So wie wir auf der Wanderung einen Rucksack dabei hatten, so habe ich die Erzählung selbst als Rucksack im übertragenen Sinne benutzt. Ich habe die ersten Zeilen der Erzählung „unten“ geschrieben und befinde mich jetzt gerade wieder auf dem Anstieg nach „oben“

Berlin, im Februar 2016

Wir haben eine Idee

„Wer ans Ziel kommen will, kann mit der Postkutsche fahren, aber wer richtig reisen will, soll zu Fuß gehen.“ Jean-Jacques Rousseau

Geburtshelfer für das ursprüngliche Projekt „Wanderung durch die Pyrenäen“ waren einige Feierabendbiere in einer kleinen Berliner Kneipe, in der wir uns damals gerne nach dem Dienst trafen und besonders unser Kamerad Kalle. Wir, das waren die Mitglieder des Mobilen Einsatzkommando Berlin, eine der in Berlin vorhandenen Spezialeinheiten zur Terrorismus- und Kriminalitätsbekämpfung.

Eine Einheit die 1974 unter dem Eindruck des Terrors einer Roten Armeefraktion gegründet wurde. Zunächst erkannten die Sicherheitsbehörden die Notwendigkeit der Errichtung einer Spezialeinheit zur Bekämpfung des Terrorismus. Eine Einheit, die gegen schwer bewaffnete Terroristen bestehen kann. Es hatte sich als unhaltbar erwiesen, Polizisten in Jogginghosen, Stahlhelmen und unzureichender Ausbildung versuchen zu lassen, den Terroristen im Olympia Dorf und auf dem Flughafen entgegen treten zu lassen. Der Ausgang der Befreiungsaktion ist bekannt.

Neben der Entscheidung parallel zur GSG9 Zugriffseinheiten in den einzelnen Bundesländern aufzustellen, zeigte sich die Erfordernis, spezialisierte Beamte einzusetzen, die dazu in der Lage waren, Terroristen bereits im Vorfeld einer Tat verdeckt zu beobachten. Später erweiterten sich die Aufgaben dieser neuen Einheit, genannt Mobiles Einsatzkommando, um die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität und die Ermittlungen im Bereich der Schwerstkriminalität.

In den 90ziger Jahren des letzten Jahrtausends, ein furchtbarer Ausdruck, lag der Schwerpunkt tatsächlich ausschließlich in der Beobachtung der Täter und der von ihnen gebildeten Organisationen. Die Frauen und Männer des Mobilen Einsatzkommandos sahen nach so ziemlich allem aus, aber nicht nach Polizei. Im Regelfall gaben sie ihre Zugehörigkeit nicht einmal gegenüber ihren Familien und schon gar nicht innerhalb ihres Freundeskreis zu.

Einer, der quasi die ersten Stunden der Dienststelle in Berlin mitgemacht hatte, erzählte mir einmal von seinem ersten Tag in der Einheit. Er hatte sich beim Pförtner zum passenden Gebaude durchgefragt. Dort angelangt, sah er sich ein wenig um. Nach kurzer Zeit ging er wieder zum Haupteingang zurück und fragte erneut nach dem Weg, da im ersten Haus, welches er seiner Auffassung nach fälschlicher Weise betreten hatte, eine Therapieeinrichtung für Drogenabhängige untergebracht wäre.

Einer dieser „Drogenabhängigen“ holte ihn dann mitleidig am Haupteingang wieder ab, und erklärte ihm, dass er sehr wohl richtig gewesen wäre.

Der zunehmende Kampf um finanzielle Mittel innerhalb der Bundesrepublik Deutschland und im Besonderen in den Bundesländern, bedingte auch für das Mobile Einsatzkommando Berlin die Notlage, die Einsatzerfolge zu veröffentlichen. Werbung bringt Geld und Zuwendungen, da unterscheidet sich eine Behörde nicht von der Freien Marktwirtschaft. Im gleichen Zuge verschlechterten sich innerhalb der Jahre die Möglichkeit einer Beförderung. Junge Beamte, auf der Suche nach Bestätigung, den sie per Dienstgrad nicht mehr erhielten, gingen dazu über, sich durch ihre Zugehörigkeit bei einer Spezialeinheit zu definieren. Und genau dieses wollten sie dann natürlich auch dem Rest der Welt zeigen.

Wer heute den Fernseher einschaltet, wird feststellen, es ist nur noch von Experten, Spezialisten und Eliteeinheiten die Rede. Beim erheblichen Imageverlust der Polizei in der Gesellschaft stellt sich kaum noch ein junger Beamter als ganz normaler ehrenwerter Polizist vor. Es muss schon etwas Außergewöhnliches sein. Kopfschüttelnd musste ich sogar ein paar von den Jungens dabei beobachten, wie sie mit eigens angefertigten Shirts, auf denen sich das frei erfundene Logo der Dienststelle befand, in einer Kneipe am Tresen saßen. Das Unterstatement der alten Tage hatte sich erledigt. Parallel hierzu beschloss die Polizeiführung, dass von den Observanten auch besonders gefährliche Täter festgenommen werden sollten. Hierfür ist aber ein bestimmter Typ Mensch notwendig und selbstverständlich besteht die Gefahr der Enttarnung. Ich denke dieses leuchtet fast jedem ein. Diese Entscheidung veränderte auch das Auftreten der Mitglieder. Wahrend zuvor der schlaksige Intellektuelle Typ gefragt war, liefen plötzlich durchtrainierte junge Burschen mit Sonnenbrillen durch die Gange.

Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit einem SEK Beamten, der mich schon Jahre persönlich kannte. Er selbst war für seine kompromisslose und manchmal auch brutale Vorgehensweise im Einsatz bekannt. Er ging frei nach dem alten einfachen höchst inoffiziellen Einsatzmotto vor: Kann man nicht essen, kann man nicht ficken ... kaputt machen. „Was ist da passiert bei Euch? Die sehen ja alle gleich aus. Fruher wart ihr coole Typen. Wenn ich in eine Kneipe gehe, gibt es nach einer Stunde Stress und ich zerlege den Laden. Du gehst hinein und nach funf Stunden trinken alle Bruderschaft mit Dir, so muss das sein!“

An dem Abend, als die Idee zu einer gemeinsamen Wanderung geboren wurde, saßen eben jene alten Kollegen zusammen, die die neue Entwicklung mit steigender Skepsis betrachteten. Ich kann nicht mehr sagen, wie viele Stunden wir gerade in dieser Zeit miteinander nach dem Dienst verbrachten und uns den Kopf heiß redeten. Besonders das Thema Islamistische Straftäter lieferte immer wieder neuen Stoff für Diskussionen. Das eine Lager wies darauf hin, dass die Bekämpfung dieser Täter in einem Anschlagsfall durchaus eine schon nahezu militärische Ausbildung rechtfertigen würde.

Ich befand mich mehr im Lager der Skeptiker. Ich gehe im Falle eines Anschlages von zwei Optionen aus. Entweder der observierende Beamte ist Nahe am Geschehen, dann muss man sich über das Fortleben keinerlei Gedanken mehr machen oder eben meilenweit entfernt.

Vieles von dem, was wir damals diskutierten, ist heute aktueller als es jemals war. Ein vorstellbares Szenario machte mir damals schon immer am meisten Sorge. Einer unserer „Kunden“, wie wir gerne unsere potentiellen Täter nannten, verließe sein Haus wie so oft auch schon davor. Doch dieses Mal enthielte sein Rucksack eine explosive Botschaft an die Kuffar, wie die Salafisten uns gerne bezeichnen. Ein Szenario, in dem man nur verlieren kann. Selbst wenn wir die Brisanz der Lage erkennen würden, hätten wir keine Chance. Denn den Abstand, den man zu einem entschlossenen Attentäter einhalten muss, hätten wir weder damals, noch heute mit der uns zur Verfügung stehenden Bewaffnung einhalten können.

Dies gilt im übrigen auch für Täter, die eine Kalaschnikow benutzen, wie gesagt, ich bin der Vertreter der Auffassung: Das Leben ist bisweilen sehr endlich! Eine sehr angenehme Besonderheit an diesem Abend war die Anwesenheit von Kalle. Kalle berichtete uns von seinem Marsch nach Venedig. Das war mal etwas vollkommen anderes. Der verrückte Kerl war tatsächlich innerhalb eines Sabbaticals von Berlin nach Venedig gelaufen. Als ich seinen Schilderungen zu horte, beschloss ich wenigstens einmal im Leben auf Wanderschaft zu gehen.

Ich wollte das auch erleben, Schritt fur Schritt, Meter fur Meter eine tolle Landschaft kennen lernen. Geschichten erleben, fremden Menschen naher kommen, die von ihm bewunderte Gastfreundschaft gegenüber Wanderern kennen lernen und vor allem wollte ich das Kopfkino nachvollziehen, von dem er sprach. Ich wollte verstehen, wovon er redete. Ganz besonders wollte ich nachvollziehen, warum er an der einen oder anderen Stelle nichts erzählte, sondern uns fast mitleidig an sah. Dieser Blick eines Mannes, der still besagte, ich weiß Dinge, die ich euch nicht beschreiben kann.

Kaum hatte ich meinen Wunsch laut ausgesprochen, schloss sich Herman meinem Wunsch an. Ihm war es vollkommen egal, wo es lang gehen sollte. Seine Begeisterung galt allein dem Plan. Wenige Biere spater gab es einen Beschluss, es musste ein Teilabschnitt des GR10 sein. Was fur den einen der Triathlon auf Hawaii, dem anderen der Marathon in New York ist, stellt fur viele Wanderer der Grand Randonneur No. 10, kurz GR10, dar. Dieser Fernwanderweg geht einmal auf der franzosischen Seite quer durch die Pyrenaen. Wir trennten uns an diesem Abend mit der festen Bekundung: Wir machen das!

Wie erwähnt, die Planung oblag zunächst ausschließlich mir. Einzige wesentliche Übereinkunft zwischen Herman und mir war von Anfang an, auf die Benutzung unserer Mobiltelefone zu verzichten. Außerdem beschlossen wir, das Ende, sowie die Lange der einzelnen Tagesetappen nicht festzulegen. Wahrend ich mich im Winter um Literatur, Streckenplanung, Kartenmaterial und Anreise kummerte, beschrankte sich Herman auf die Zusammenstellung seiner Ausrüstung. Manchmal zweifelte ich ab dem Frühling etwas an seinem Verstand, wenn er bei Outdooraustattern Unsummen ausgab. Ich erwahne bereits hier, dass bis auf den GPS Tracker, nichts von den teuren Survival Gadgets in Berlin wieder ankam. Bis zum Ende des Winters, glaubten viele der eingeweihten Kollegen nicht an uns. Dennoch machten wir uns dann an einem Sommertag in Berlin mit Interrail Tickets auf den Weg. Zwei riesige Rucksacke, die Köpfe frisch rasiert, jede Menge „Gebamsel“ am Rucksack und hoch motiviert. Wir sahen aus, als wüssten wir, was wir taten. In der jeweiligen Ausrüstung steckten immerhin etwas uber eintausend Euro.

Der erste Abschnitt der Anreise fuhrte uns nach Saarbrucken in eine Jugendherberge. Es war geplant nach einer Übernachtung Karten fur einen TGV in Richtung Paris zu kaufen. Allerdings war es denn doch nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte. Der freundliche Berater der Bundesbahn erklarte uns, dass alle Zuge ausgebucht waren. Doch der Mann gab uns augenzwinkernd einen sehr einfachen Rat. “Steigen sie einfach ein, der Zug hat keinen Zwischenhalt.“ Wir verstanden.

Also befolgten wir diesen Rat dann auch wenig spater. Im Zug trafen wir auf einen gar nicht freundlichen französischen Kontrolleur, der auf uns einredete und unsere Zusatzbilletts fur den Schnellzug sehen wollte. Zur Verzweiflung des Kontrolleurs holte Herman auf jede Frage stoisch immer wieder seinen Personalausweis hervor und hielt diesen in die Höhe. Die beiden gaben wirklich ein sehr schönes Bild ab.

Er merkte, bei Herman würde er nicht weiter kommen, deshalb versuchte er anschließend mich in die Mangel zu nehmen. Da ich ganz gut Franzosisch spreche, war mir sehr wohl klar, was er von mir wollte. Es galt Verhandlungsgeschick zu entwickeln. Da war er bei mir genau richtig. Wozu hatte ich mich in meiner Jugend mehrfach durch Südfrankreich geschlagen? Ich entschloss mich zu einem Schachzug, der in Frankreich fast immer hilft. Ich fing an auf Englisch zu antworten. Als echter franzosischer Kontrolleur konnte er natürlich ebenso wenig, wie seine hinzu gerufene Kollegin, Englisch. Wenn zwei sich streiten, in dem Falle England und Frankreich, freut sich sich der Dritte. Ich!

Am Ende gab er auf. Er hielt mir einen Zettel vor die Nase. Darauf hatte er einen Betrag notiert, der deutlich unterhalb meiner Befurchtung angesiedelt war. Geht doch! In Paris mussten wir zwischen den beiden Bahnhofen Gard du l'Est und Gard du Nord wechseln, um unseren Anschlusszug nach Lourdes zu bekommen.

Bereits beim Kauf der Tickets bewahrte sich eine der vielen Eigenarten meines Reisebegleiters. Vor dem Fahrkartenschalter hatte sich eine sehr lange Schlange gebildet. Wir wiederum standen unter erheblichen Zeitdruck und mussten dringend in die Metro. Genau auf solche Opfer hatten sich einige auf der Metrostation herumlungernde junge Marokkaner spezialisiert. Aus einer funfkopfigen Gruppe strebte einer der jungen Kerle zugig auf uns zu . Er bot mir zwei echt aussehende Fahrscheine an. Nicht das ich wirklich gewusst hätte, wie ein echtes Billett auszusehen hat, aber irgendwie hat man so etwas im Gefühl. Meine Überraschung hielt sich trotzdem in Grenzen, als sich die Schranke dann doch nicht öffnete. Selbstverständlich wollte sich der Marokkaner mit unserem Geld aus dem Staub machen. Er scheiterte aber jämmerlich nach zwei Metern am taktisch gut positionierten Herman, der ihn mit einem ziemlich kräftigen Griff packte und per entschlossenen Blick seine Freunde in Schach hielt.

Es stellte sich heraus, sie hatten uns Ermäßigungskarten angedreht, die nur die Schleuse fur Rollstuhlfahrer öffnete. Wir hatten den Kumpel und die anderen das Know How schnell einen anderen Fahrschein aufzutreiben. Notgedrungen lieferten am Ende die Marokkaner zwei passende Karten als Lösegeld für ihren als Geisel genommenen Freund. „Ick bin ein Berliner Bulle, soweit kommt`s noch!“ kommentierte Herman die ganze Aktion. Ohne weitere Vorkommnisse erreichten wir mit dem Regionalzug den südfranzösischen Wallfahrtsort Lourdes. Nicht erwähnenswert sind eine von Herman zurecht gewiesene französische Schulklasse, zwei vollkommen verschreckte Französinnen, die nicht begriffen hatten, wie Herman auf seine spezielle Art nur nett sein wollte und der gebrochene Finger eines Taschendiebs, der sich am Rucksack von Herman zu schaffen gemacht hatte.

Zwei dezent paramilitärisch wirkende Manner mit Safarihemden und Dreiviertel – Cargohosen, die sich zwei voluminöse Rucksacke auf die Schultern luden, im Wallfahrtsort Lourdes. Der Hotspot für Siechende, Gelähmte und Verzweifelte. Fur uns beide war Lourdes der Beginn einer Wanderung. Die Uberzahl der anderen Personen um uns herum, hatten hier ihr Ziel gefunden. Karawanen von Rollstuhlfahrern, rollenden Krankenbetten und gestützten Menschen aus allen Ländern zogen an uns vorbei. Ein etwas seltsamer, ich gebe zu, auch bedrückender Kontrast zu uns beiden.

Die großen Rucksacke, die fur zwei Monate alles beinhalteten, was wir glaubten zum Leben zu brauchen, zogen schwer an unseren Schultern. Da wir beide keinerlei Erfahrung mit dem Wandern hatten, befanden sich in den Rucksacken viel zu viel unnutzes Zeug, welches uns in den ersten Tage noch das Leben schwer machen sollte. Jeder Wanderer wird mir bestatigen, wie das Thema Inhalt eines Rucksack ein stets begleitender Gedanke ist.

Herman, mit seinen fast zwei Metern Korperlange gute 20 cm länger als ich, zundete sich seit Stunden die erste Zigarette an und beobachtete eher amusiert das Treiben um sich herum. Sein einziger trockener Kommentar war, „Verrückt!“.

Ein weiterer Umstand, der Herman als Wanderpartner empfahl, war seine gnadenlose direkte einfache Art zu denken, somit wohltuend anders als ich unterwegs war. Im Gegensatz zu ihm, dachte ich zuviel. Was nicht bedeutet, dass er wenig dachte, halt anders.

Nun da standen wir also endlich am Start unserer Wanderung, noch eine kurze Busfahrt bis Arrens, welches uns zunächst mit besten Wetter empfing, und die ersten Schritte konnten gegangen werden. Die Etappe ließ uns zwar noch nicht die eigentliche GR10 Wegstrecke erreichen, aber wir fanden eine wunderbare Stelle an einem Fluss, um unser erstes Nachtlager aufschlagen zu konnen.

„Genau so habe ich es mir vorgestellt. Natur, einsam, ein Fluss zum Waschen ... Freiheit!“, stellte ich fest.

„Yeap ... und dazu Salami, Baguette und einen ordentlichen Schluck Rum!“ bestätigte Herman, der es sich auf einem Baumstamm gemütlich gemacht hatte.

„Endlich einmal Ruhe vor diesen ganzen Schwachmaten, Frauen ... übrigens ... ist bei Dir endlich Ruhe eingekehrt?“

„Welche Ruhe meinst Du? Mit Christine oder meiner zukünftigen Ex – Frau?“

Herman hatte die Eigenart laut und drohnend zu Lachen. Genau dieses tat er in jenem Augenblick.

„Ich meinte Deine Ex – Frau! Also die richtige Ex – Frau.“, konkretisierte er.

„Tja, die hat mich auf Unterhalt verklagt.“

„Ach echt? Warum? Die ist doch noch jung genug ... kann gefälligst alleine arbeiten!“, sagte er offensichtlich ehrlich erstaunt.

„Das sieht unserer toller Staat ein wenig anders. Sie hat behauptet, in der Ehe hatte sie weder studieren konnen, noch arbeiten konnen. Sie hat sich ja immer um die Kinder gekümmert.“ Ich musste an dieser Stelle tief seufzen. „Der Umstand, dass sie als Homöopathin immer ein Studium abgelehnt hatte und nichts anderes wirklich kann … interessiert keine Sau.“

„Aber sie hat doch eine Praxis gehabt.“

„Ja ...“, antworte ich etwas das Wort langziehend, „Und einen guten Steuerberater, namlich mich. Auf dem Papier hat sie keinen Cent verdient, war echt schlau von mir. Am Ende habe ich jetzt den Kredit, den Dispo und die Wohnungsauflosung an der Backe.“

Herman kaute an seinem Baguette. „Au Mann, da war ich ja mit meiner echt schlau. Die hat ihr eigenes Geld verdient, ich muss nur fur den Jungen zahlen!“, er schluckte einen Bissen herunter, „Seien wir mal ehrlich, Kinder ist OK! Wie viel musst Du denn abdrücken?“

„Siebenhundert fur sie, dreihundert pro Kind!“

Herman stieß einen leisen Pfiff aus.

„Alter Verwalter. Lass uns hier einfach irgendwo eine Imbissbude aufmachen und gut ist. Dieser Kackstaat wird schon irgendwann merken, wo er damit hin kommt. Aber wenn das so gewollt ist, dass ein Bulle am Existenzminimum lebt, bitte sehr.“ Verächtlich spuckte er auf den Boden.

Wir sammelten Reisig für unser erstes Feuer im Freien. Nun stocherte ich mit einem Ast ein wenig Gedankenverloren in den Flammen herum. „Kannst Du Dich noch an Lanske erinnern? Der kam mal bei uns rein und meinte, sie haben da was nicht verstanden. Sie sind Polizisten. Ich kann ihnen alles weg nehmen und sie werden am Ende doch weiter machen. Sie konnen einfach nicht anders.“ Die Funken stieben im Feuer hoch. Mein Begleiter hatte sich sein Baguette zwischenzeitlich vollständig einverleibt. So konnte er mich mit leeren Mund fragen.

„Und die Neue?“

Ich überlegte kurz. „Ich weiß nicht, irgendwie Ja und irgendwie Nein.“

„Wie lauft es im Bett?“, setzte Herman ungeniert nach.

„Da ist sie der Knaller, aber das ist ja nun auch nicht alles.“

„Wenn`s Liebe sein soll, dann nicht, aber sonst ist die Fickerei schon einmal die halbe Miete.“

Da hatte er wohl Recht. Wollte ich Liebe? Wollte ich nach achtzehn Jahren gescheiterter Ehe auf Liebe machen? „Es ist kompliziert. Ich mache immer wieder den gleichen Fehler. Ich versuche Weibern immer einen Partner zu finden, Tja, daran scheitere ich dann immer im Kopf, kannst Du das verstehen? Weißt Du, was ich meine?“

Er nickte zustimmend. „Meine letzte Vermieterin war fast so etwas, aber dich hab' s vermasselt.“ Herman hatte sich die Eigenart zugelegt, den Begriff Freundin wie die Pest zu meiden. Wir verfielen beide in eine nachdenkliche Pause.

„Lass uns uber was anderes reden.“, sagte Herman und beendete das Schweigen. Hast Du an das Buch gedacht, in dem dieser Irre die ganzen Etappen beschrieben hat? Ich habe mir so ein Buchlein zum Eintragen gekauft. Habe mir vorgenommen, jeden Tag ein wenig etwas einzutragen, so als Erinnerung fur spater mal, verstehst' e?“

Nebenbei ist dieses Notizbuch verschollen. Ich wollte es von Herman ausleihen, als mit der Erzählung hier begann. Soviel zum Erinnerungswert solcher Bücher.

Im Zuge der Vorbereitung hatte ich eine ganze Menge Bücher zum Thema GR10 gefunden. Am Ende hatte ich mich für ein Buch entschieden, in dem der Autor jede einzelne Etappe inklusive Zeitangaben für die Wegstrecke niedergeschrieben hatte.

„Ja, habe ich. Das Buch zieht aber erst, wenn wir die Wegstrecke des GR10 erreicht haben. Und denk dran, wir haben eine Vereinbarung. Wir laufen immer nur so weit, wie wir Lust haben, keine Durchdreherveranstaltung! Aber wenn Du schon nach Etappen fragst ... was ich vollkommen vom Schirm verloren habe, sind die beiden Strategen, die Du noch treffen wolltest.“ Wenige Tage vor der Abfahrt hatte Herman mehr am Rande gefragt, ob ich etwas dagegen haben würde, wenn uns zwei mir unbekannte Kollegen begleiten würden. Allerdings wollten die beiden nicht gesamte Strecke dabei sein.

"Ist denn schon klar, wann sie zu uns stoßen wollen?“, fragte ich. Wieder lachte Herman lauthals.

„Du meinst Ute und Käthe? Nein, die beiden haben erst einmal vorsorglich die goldene Kundenkarte beim Outdoor Ausstatter beantragt und den Laden leer gekauft. Ha, Ha, ich tippe mal sie werden hier mit einem Handwagen aufschlagen.“