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Wir gehen aufeinander zu, obwohl wir doch voreinander sitzen. Manchmal gehen wir miteinander schwere Wege oder erklimmen Höhen, so wie wir auch durch tiefe Täler laufen. Es bedarf nicht unbedingt einer Wanderung mit einem Rucksack auf dem Rücken, um gemeinsame Strecken zurückzulegen. Die vier Männer in der Geschichte, liefen gemeinsam durch die Berge und doch begleiteten sie sich auch über Jahrzehnte hinweg, auf einem unsichtbaren Weg, der Zeit und des Lebens. Dann ist da noch der Lebensweg, mit seinen vielen kleinen Stationen, Veränderungen und Gedankengängen. Die Wanderung ist so zu einem gedanklichen Streckenabschnitt geworden. Wer wandert kommt ins Nachdenken und lässt vieles Revue passieren. Doch der Blick ist auch nach vorn gerichtet. Wo geht der Weg hin? Gedanken, die sich Polizisten machen, wenn Sie die Gesellschaft von einem fernab Deutschlands gelegenen Weg aus betrachten. Aber es ist auch der Aufstieg aus einem tiefen Tal zum nächsten Pass.
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Seitenzahl: 459
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Wir gehen aufeinander zu, obwohl wir doch voreinander sitzen. Manchmal gehen wir miteinander schwere Wege oder erklimmen Höhen, so wie wir auch durch tiefe Täler laufen. Es bedarf nicht unbedingt einer Wanderung mit einem Rucksack auf dem Rücken, um gemeinsame Strecken zurückzulegen. Die vier Männer in der Geschichte, liefen gemeinsam durch die Berge und doch begleiteten sie sich auch über Jahrzehnte hinweg, auf einem unsichtbaren Weg, der Zeit und des Lebens. Dann ist da noch der Lebensweg, mit seinen vielen kleinen Stationen, Veränderungen und Gedankengängen. Die Wanderung ist so zu einem gedanklichen Streckenabschnitt geworden. Wer wandert kommt ins Nachdenken und läßt vieles Revue passieren. Doch der Blick ist auch nach vorn gerichtet. Wo geht der Weg hin? Gedanken, die sich Polizisten machen, wenn Sie die Gesellschaft von einem fernab Deutschlands gelegenen Weg aus betrachten. Aber es ist auch der Aufstieg aus einem tiefen Tal zum nächsten Pass.
Andreas Trölsch, geboren 1966, trat 1987 in Berlin - West der Kriminalpolizei bei. In den zurückliegenden Jahren beschäftigte er sich mit der internationalen Organisierten Kriminalität, war jahrzehntelang Mitglied des Mobilen Einsatzkommandos Berlin und war deshalb bei nahezu allen großen kriminalpolizeilichen Lagen der zurückliegenden Jahrzehnte dabei. Religiös und politisch motivierter Terror, Schwerstkriminalität, Entführungen, Raubserien und Erpressungen gehören zu den alltäglichen Aufgaben der in jedem Bundesland vorhandenen Einheit. Bereits seit 15 Jahren setzt sich der Autor als nebenberuflicher Cartoonist kritisch mit Gesellschaftsthemen und der Polizei auseinander. Die Wanderung Vol. 2 ist die umfangreich ergänzte zweite Auflage eines 2015 geschriebenen Buchs, in der der Autor sich mit der gesellschaftlichen Entwicklung unter dem Eindruck von Terrorismus, Radikalisierung der politischen Lager und einer immer stärker werdenden Völkerwanderung aus der Sicht eines Kriminalbeamten auseinandersetzt. Andreas Trölsch lebt in Berlin.
mit Illustrationen aus «Kommissar Emmes» und das «Trollhaus»
Vorwort
Bluescreen
Schreibe ...
Die Idee
Etappe 1
km 01 Anreise
km 10 Erste Schritte
km 11 Erster Anstieg
km 12 Unter Geiern
km 13 Die Hütte
km 14 Die Hirten
km 15 Lourdes
Etappe 2
km 21 Viehzeug
km 22 How to shit in the wood
Etappe 3
km 31 Neue Begleiter
Etappe 4
km 41 «Bullen» – Gespräche
km 42 Gedanken am Bergbach
Etappe 5
km 51 How to shit ...
km 52 Vor dem Pass
Etappe 6
km 61 Wir sprechen Deutsch!
km 62 Zink, Zn, 30
km 63 Ankunft der Gottesfürchtigen
km 64 Niemand hat hier ein Trauma!
km 65 Palermo?
km 66 Der Anti – Christ
Etappe 7
km 71 Die Würde des Menschen
km 72 Currywurst – Bude
km 73 Tourmalet
Etappe 8
km 81 Ready to rumble
km 82 Albaner?
Etappe 9
km 91 Aufstieg
km 92 Unwetter
km 93 Buddha Yves
Etappe 10
km 101 Bestandsaufnahme
Etappe 11
km 111 Letzte Erlebnisse
km 112 Die Luft ist raus
km 113 Abreise
Avignon
Resümee
Quo vadis?
Streckenverlauf
Ausrüstung (incl. Tips):
1. Rucksack
2. Teleskopwanderstöcke
3. Biwacksack
4. Isomatte
5. Schlafsack
6. Brenner und Geschirr
7. Schuhe + Socken
8. Jacke
9. Hose
10. Essen
11. Getränke
12. GPS/ Karten
13. Campingplätze
Danke:
Nachtrag
«Willst Du reisen, dann fahre mit dem Auto, willst Du etwas sehen, dann fahre Fahrrad, willst Du die Menschen und Dich selbst erleben, dann wandere.»
Zitat -Kralle- , Wanderer, Extremsportler und ehemaliger Mitstreiter
Sie lesen Vorworte? Da haben Sie mir etwas voraus. Ich tue es nämlich selten bis gar nicht. Was will mir ein Autor zum Beispiel in einem Vorwort über seinen Kriminalroman sagen? Keine Ahnung! Doch Sie scheinen neugierig zu sein. Vielleicht, weil Sie sich fragen, was das für ein Buch in Ihren Händen ist und ob es sich lohnt, den restlichen Text auch noch zu lesen.
OK! Ja, das Buch wird Ihnen Spaß machen, es wird Sie zum Nachdenken anregen, ich werde Ihnen die Augen öffnen, Sie werden es immer wieder lesen. Klingt ein wenig überheblich, oder?
Bevor ich dieses Buch schrieb, informierte ich mich auf den einschlägigen Seiten, welche Schrittfehler ein Autor nicht machen sollte. Unter anderen sollte er es unterlassen, sich in einem Vorwort für sein Buch zu entschuldigen. Er soll selbstbewusst zu seinem Werk stehen. Gut, das hätte ich mit dem Absatz oben erledigt. Ich kann nur hoffen, dass dieser Rat besser ist, als all die anderen Ratgeber, die ich bisher gelesen habe, und Sie jetzt nicht spontan das Buch weglegen.
An Selbstbewusstsein mangelt es mir nicht. Viele behaupten sogar, ich hätte zuviel davon, unterstellen mir Arroganz. Früher hat mich das immer getroffen. Dann habe ich mir mal genau angesehen, wer mich als arrogant bezeichnet hat. Die Mehrheit wusste nicht einmal, was das Wort bedeutet.
Bekommen Sie auch schlechte Laune, wenn Sie an die fortschreitende Verblödung unserer Gesellschaft denken? Und wenn es nicht die Blödheit ist, die mich aufregt, dann doch wenigstens diese ewige Lügerei in die eigene Tasche. Beides geht oft einher.
Ich verstehe ein wenig etwas von Lügen und Heimlichkeiten. Nicht weil ich selbst ein verlogener Hund bin, sondern weil es dreissig Jahre mein Job war, hinter Dinge zu kommen, die aus guten Gründen Menschen nicht preisgeben wollten. Davon habe ich fünfundzwanzig Jahre Menschen beobachtet. Menschen jedes Alters, aus allen nur möglichen Nationen, in unterschiedlichen Städten und Ländern. Ich habe sie fotografiert, gefilmt, manchmal Telefonate mitgehört oder einfach im Lokal ihre Gespräche belauscht. Der Fachbegriff dafür ist «Observieren». Ich bevorzuge das Wort «Beobachten». Observieren suggeriert, dass ein Straftäter bei einer Straftat, und auch nur genau bei dieser Tat, beobachtet wird. Das ist aber nicht der Fall. Es gibt eine lange Zeit vor der Übeltat. Manchmal gibt es auch gar nichts. Denn bevor einer zum Täter wird, ist er nur ein Verdächtiger. Und die Observation soll ihn/sie entweder entlasten oder belasten.
So kam es dazu, dass ich Menschen bei allen nur erdenklichen Handlungen beobachtete. Oft bei sehr banalen Aktionen. Zum Beispiel beim Aussaugen ihres Autos, beim Einkauf in einem Möbelhaus, beim Fremdgehen, in Hotels, im Urlaub, in der Kassenschlange usw.. Deshalb kenne ich hunderte verschiedene Art und Weisen, wie Menschen ihr Auto abstellen und aussteigen. Machen Sie das mal. Es ist sehr unterhaltsam. Manche rangieren, als wenn sie einen Preis für ein penibles Parken am Bordsteinrand bekommen. Andere scheinen eine Genugtuung darin zu finden, eben jenes niemals zu tun. Eine Art kleinbürgerliche Rebellion. Da gibt es die, die quasi aus dem Auto herausflüchten. Das Pendant dazu sind Menschen, die sich noch fünf Minuten lang im Auto sortieren, aussteigen und nach zehn Metern feststellen, dass sie doch etwas vergessen haben.
Mein absoluter Favorit sind Leute, die sich erst auf dem Parkplatz daran erinnern, dass sie einen Kleinwagen fahren. Nun müssen Sie sich entscheiden zwischen Ehefrau und Teppichrolle. Merkwürdigerweise ist es im Regelfall die Ehefrau und nicht der Mann, der das zusammengerollte Ungetüm nach Hause bringt, und später das andere ... Lassen wir das.
Fünfundzwanzig Jahre habe ich in einer Observationseinheit der Berliner Polizei zugebracht. In dieser Zeit habe ich in erster Linie nicht als Polizist beobachtet, sondern als Mensch. Denn Polizist ist nur eine Berufsbezeichnung. Ein Mensch beobachtet andere Menschen! Und dieses nicht nur innerhalb des kleinen Zeitfensters der Tatbegehung.
Es kommt zu gegenseitigen Beeinflussungen, Projektionen und Veränderungen. Das Gehirn hat einige Eigenarten, an denen wir alle nicht vorbeikommen. Da wäre der Umstand, dass unser Gehirn versucht, die Dinge stimmig zu machen.
Es benötigt kausale Zusammenhänge. Da es diese aber real oftmals nicht gibt, passieren uns Denkfehler.
Außerdem müssen wir die Dinge erfassbar, greifbar, begreifbar und messbar machen. Wir gehen gemeinsam eine Strecke, wenn wir eine in Minuten nicht erfassbare Lebenszeit miteinander verbringen. Wir gehen aufeinander zu, obwohl wir uns gegenüber sitzen. Wir kennen den Lebensweg eines Menschen. Es geht stets wieder nach oben, aber wir stürzen auch ab. Erfahrungen sind nach Konfuzius Lampen die den Weg immer nur nach hinten ausleuchten.
Es gibt unzählige Metaphern, die das zeitliche Intervall zwischen Geburt und Tod, mit einer Strecke gleichsetzen.
Ich finde dies sinnvoll. Anders dargestellt wäre ich jetzt in diesem Augenblick 18 731 Tage, kaum noch vorstellbare 449 544 Stunden, oder 26.972.697 Minuten, auf der Welt. Können Sie mit diesen Zahlen etwas anfangen? Durchschnittlich werden Männer aus meinem Geburtsjahrgang 70 Jahre. Das bedeutet, ich habe 73 % meines Lebens hinter mir. Sind Sie in Mathematik genauso schwach, wie Ich? Dann für Sie, ich bin 40 Jahre! Das war ein Spaß, ich bin 51 Jahre.
In unserer Zeit ist eine unserer größten Ängste, dass der Handyakku nicht mehr genug Ladung hat. Oben in der Anzeige steht also 27 %. Doch der Titel des Buches lautet «die Wanderung». Im Durchschnitt hatten die Pässe, die ich zusammen mit meinem Freund überschritt, 2000 Meter. Bis zum Pass meiner Lebenswanderung sind es noch 540 Höhenmeter. Ich finde, da kann ich einen Augenblick verharren, nach unten auf den bereits zurückliegenden Weg schauen und mir auch die Landschaft vor mir ansehen, die ich noch durchlaufen werde.
Ich kann auch einen Schritt neben mich treten und mich ausnahmsweise selbst beobachten. Im Job läuft das folgender Maßen. Erst wahrnehmen, dann wird alles aufgeschrieben. Mit diesem Buch habe ich eine Art Beobachtungsbericht einer Teilstrecke geschrieben. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass dieses schon die zweite Fassung ist.
Ich hatte die Sache etwas unterschätzt. Ein Buch zu schreiben, ist doch noch einmal ganz anders, als einen Bericht zu tippen.
Nach dreissig Jahren bei der Polizei verändert sich auch die Sprache und vertrauen Sie mir: nicht zum Guten. In einem Polizeibericht wäre ich jetzt gerade eine umP (unbekannte männliche Person), die an seiner Wohnanschrift am Laptop sitzt und Schreibarbeiten verrichtet.
Hinzu kam noch der zeitliche Faktor. Noch während ich am Manuskript arbeitete, geschahen Dinge, die vieles änderten.
Eines war mir immer klar. Ein größerer Terroranschlag in Europa würde jede Menge Schubladen öffnen.
Schon vor Jahren vorbereitete Anträge für mehr Personal, neue Waffen, neue Gesetze, Datenbanken und dergleichen, kämen zum Vorschein.
Gewerkschaftler stellen sich vor die Kameras und weisen darauf hin, dass sie schon immer gewarnt haben, wie im übrigen alle anderen auch, Schuld ist die Opposition. Interesse heuchelnd befragen Talkmaster Polizisten. Experten erklären die Welt. Politiker beschuldigen sich gegenseitig der Untätigkeit und behaupten nur ihre Partei hat die richtigen Antworten. Dann tritt eine Pause ein, bis sie wieder alle vor die Kameras treten und ihre abgedroschenen Worte in die Mikrofone sprechen.
«Wir sind in diesen schweren Stunden mit unseren Gedanken bei den Angehörigen.» Leeres Geschwätz und Heuchelei. In den Talkshows werden rhetorisch Wortfetzen aufgegriffen und die Aussage des Gegners, denn von einem Gesprächspartner kann nicht die Rede sein, wird zerfleddert.
Alles kam in mir wieder hoch. Ich las nochmals «die Wanderung». Ich bemerkte, dass ich mit angezogener Handbremse geschrieben hatte. Also legte ich los und überarbeitete alles.
Selbst in internen Kreisen werden die Auseinandersetzungen immer schwieriger. Differenziertes Denken ist aus der Mode gekommen. Es gibt nur noch die Muslime, die Flüchtlinge, die Ausländer oder die Migranten.
Mit wenigen Nadelstichen haben die Terroristen es geschafft, eine erste Spaltung zu erzielen.
Ich wurde auch schon gefragt, warum ausgerechnet ich denn immer noch die Einstellung vertrete, die ich in dem Buch preisgebe. «Du hast die doch auch alle auf der Straße gesehen!» Ich sage an dieser Stelle nur eins, einen lieben Gruß an meine Töchter. Es ist die Zeit gekommen, öffentlich zu kämpfen. Ich habe Euch zur Kritik erzogen und es ist an der Zeit, dass der Alte sich mal nach vorne wagt.
Bevor Sie in diesem Buch weiterlesen, sind mir ein paar Dinge wichtig. Es ist eine Wanderung in mehrfacher Betrachtungsweise. Ganz physikalisch, wenn es um die Pyrenäen geht und auch durch meine Gedankenwelt. Sie beginnt und sie endet an zwei unterschiedlichen Stellen. Warum stelle ich das so heraus?
Cops haben, wie jede Berufsgruppe, ihre Eigenarten. Aus welchem Grund wenden Sie sich an die Polizei? Im Regelfall erwarten Sie eine Handlung. Eine Problembeseitigung wird eingefordert. Es gibt Spielregeln und Gesetze, an denen sich der oder die Polizist/-in orientiert.
Deshalb neigen sie dazu, andere Menschen zu belehren. Wenn sie nicht schulmeistern, sehen sie sich zumindest dazu aufgefordert, eine Lösung zu finden. Das macht das Zusammenleben nicht einfach. Lustig wird es, wenn Lehrer und Polizisten aufeinandertreffen. Erstere kriegen genauso wenig die Kurve und vergessen schnell, dass sie keine Schüler vor sich haben.
Wenn Sie das nächste Mal in eine «Mausefalle» geraten, achten Sie doch einfach mal auf die sehr jungen Uniformierten. Sie sind blutjung und müssen der/dem dreissig Jahre älteren Fahrer/-in eine Belehrung zukommen lassen. Da hilft es ungemein, wenn man sich als junger Kerl sehr wichtig die Mütze zurechtrückt. Sehen Sie es ihm nach, er kann nichts dafür, dass er so jung direkt nach der Schule eingesetzt wird. In einigen Nachbarländern wird das anders gehandhabt. Dort können Sie sich erst bei der Polizei bewerben, wenn Sie einen «richtigen» Beruf erlernt haben. Im Buch verweise ich ab und zu auf die Schweiz. Das liegt daran, dass ich dort bei der Polizei hospitierte. Im schönsten Zürcher Dialekt sagte dort ein Kommandant zu mir: «Wir wollen nicht, dass unsere Eidgenossen von jungen Frauen und Männern etwas gesagt bekommen, die noch halbe Kinder sind. Polizei ist eine verantwortungsvolle Sache, da braucht man eine gewisse Lebenserfahrung.»
Aber ich gehe nochmals auf die spezielle Psyche des Polizisten ein. Welche Auskunft wollen Sie in einer Fernsehsendung erwarten, in der sich ein Polizist (ich vermeide ab hier dieses lästige Frau/Mann Geschreibe) zum Thema Sicherheit äußert? Natürlich wird er mit erhobenem Zeigefinger mahnen und eine klare Vorstellung von den Lösungen haben. Gleichermaßen, wird ein schreibender Polizist dazu neigen, sie zu belehren. Normalerweise ist das in unserem Staat nicht vorgesehen. Lösungen hat die Legislative zu finden. Die Judikative richtet und die Exekutive handelt im Auftrag. Mich persönlich macht es nervös, wenn Polizisten sich in der Politik zu sehr nach vorn schieben. Andererseits wird öffentlich soviel Stuss geredet, dass es einem nicht mehr im Hintergrund hält. Das beginnt bei ganz einfachen verfassungsrechtlichen Fehlern und geht weiter bei Versprechungen, die unmöglich eingehalten werden können. Die Superlative fliegen uns nur so um die Ohren. Kohorten von Experten kommen aus allen erdenklichen Löchern gekrochen. Gewerkschaftler, die schon jahrzehntelang keinen Dienst mehr gemacht haben, erzählen irgendetwas, nur nichts von der Strassenrealität. In der rechten Ecke des Rings steht die Mannschaft «Law and Order» und in der Linken sammeln sich die üblichen Dauerbedenkenträger. Da wird mit Zahlen jongliert, die Rabulistik hat Hochkonjunktur und Propagandamaschine ächzt unter Volllast. Und alle belehren und haben die Lösungen parat, oder wenigstens haben Sie schon immer gemahnt und recht gehabt.
Deshalb dieses Vorwort, alles was Sie lesen werden, ist ausschließlich meine Sichtweise. Sie muss nicht richtig sein. Alleine schon die Tatsache, dass ich die meiste Zeit in der Großstadt Berlin zugebracht habe, verpasst mir Wahrnehmungsfehler.
Und da es um eine Wanderung geht, also die Überwindung einer Strecke zwischen zwei Wegpunkten, ändert sie sich. Ich laufe mit Ihnen zusammen an einer Stelle los und ende an einer anderen. Wenn ich mir einen Überblick über eine Lage verschaffen will, dann schicke ich einen oder eine Reihe von Kundschaftern los. Ein erfahrener Teamleiter eines Observationsteams weiß, dass mehrere Aufklärer unterschiedliche Ergebnisse erzielen werden.
Das sind aber keine Qualitätsunterschiede, sondern dieser Effekt basiert auf den Grundlagen der menschlichen Wahrnehmung. Ansatzweise kann ich dem mit einer konkreten Fragestellung begegnen. In einem Befehl werden hierzu die Worte: «Ich will wissen!» verwendet. Lege ich mich vorher nicht fest, sondern sage: «Schau Dich mal um!», bekomme ich halt die Informationen, die dem anderen persönlich wichtig sind. Es kann aus diesem Grunde wertvoll sein, bewusst verschiedenartige Menschen zu beauftragen.
Amüsant ist es, sich zum Beispiel von einer Frau und von einem Mann die Kleidung einer Person beschreiben zu lassen. Frau: «Sie hatte eine petrolfarbene Capri – Hose an!» Mann: «Irgendeine grüne Hose!» Genau darum geht es mir.
Ich schildere Ihnen in der «Wanderung» meine Beobachtungen und sehe mich als nur einer von vielen, der Ihnen ein Bild wiedergibt. Am Ende ziehe ich aus meinen Beobachtungen und Erlebnissen, wie ich sie empfunden habe, meine individuellen Schlussfolgerungen. Viele Menschen haben mich in den letzten Jahren gefragt. «Wie siehst Du aus Deiner Perspektive die Geschehnisse.» Ich habe immer darüber nachgedacht, wen die da fragten. Den Polizisten im Allgemeinen, den Vater von zwei erwachsenen Töchtern, den politisch interessierten Mann oder einfach nur mich als Mensch, mit einem speziellen Blick?
Die Bezeichnung Mensch, wird ihnen in diesem Buch sehr häufig begegnen. Warum? Weil ich finde, dass wir bei all den aktuellen Diskussionen dieses immer wieder übersehen.
Alles ändert sich, wenn miteinander gesprochen wird. Erst dann kann ich die Motive des anderen verstehen. Denn alles Handeln steht und fällt mit dem Beweggrund. Ablehnen kann ich die Motivationnach dem Gespräch immer noch, aber ich entwickle ein Bewußtsein dafür, warum vieles passiert. Im zurückliegenden Jahr habe ich das getan.
Ich sprach mit Rechten, Linken, Verbrechern, den unterschiedlichsten Berufsgruppen, Kriegsflüchtlingen, Wirtschaftsflüchtlingen, Homophoben, Esotherikern und noch vielen mehr. Es gab dabei für mich überschneidende Fragen.
Was hätte ich in seiner/ihrer Situation getan? Wie empfinde ich die Argumentation auf der gegenüberliegenden Seite? Dumm? Schlau? Nachvollziehbar? Verachte ich sie? Auch darum geht es auf den folgenden Seiten. Ganz häufig wußte der Gesprächspartner auch nichts von mir bzw. hatte vollkommen falsche Vorstellungen. Es ist sogar bisweilen sehr lustig, was Leute in die Polizei hineininterpretieren. Mich hat allen Ernstes mal jemand gefragt, ob die Kollegen, die in einen Opel Corsa durch Berlin fahren, Mist gebaut hätten. Philosophischer wird es, wenn es um die Motive geht, mit denen ein Polizist handelt. Die Unterstellungen reichten von Machtgeilheit und Freude an Gewalt, bis zu rechtsradikalen Denken und Karriere.
Wer weiß, unter Umständen kann ich «streckenweise» etwas ausräumen. Zu großen Teilen gehen Polizisten nämlich auch nur zur Dienststelle, weil Sie mit dieser Polizeisache ihre Miete bezahlen. Junge Linksradikale glauben tatsächlich, dass es Kollegen auf Dauer Spaß macht, sich bei Demonstrationen herumzuärgern. Nein! Es macht keinen Spaß! Ganz persönlich? Meine individuelle Definition von dümmer als Dumm lautet: Dogmatismus. Egal auf welcher Schiene. Ob religiös oder politisch, das ist mir ganz egal. Aber wie gesagt, mein Buch, meine Sichtweise, meine Wahrnehmung. Genug der Worte hier. Die Wanderung beginnt mit der Zeit vor dem Buch, da begann der Weg.
«Sobald die Leute nicht zur Polizei gehören und sobald sie nicht zur Polizei gerechnet werden möchten, fangen sie an, sehr liebe Geschöpfe zu werden, die ganz vernünftig denken und ganz normal fühlen können!»
B. Traven
«Ihr Bullen habt es auch nicht leicht!», sagte der einstmalige Präsident des Rockerclubs und reichte mir den Whisky. Einen Augenblick später entzündete der große Schluck einen kleinen brennenden Ball im Magen. Bereits eine Stunde hockte ich auf der aufgebockten Harley. Trotzdem zeigte der Alkohol immer noch nicht die erwünschte Wirkung. Innenbeleuchtung ausschießen! Ruhe finden, Orientierung herstellen, zeitlich, räumlich, ein Bewusstsein für den Augenblick erzeugen.
All dieses war mir am Nachmittag plötzlich abhandengekommen.
Die Hauptplatine hatte sich verabschiedet. Bluescreen! Das System hängte sich auf. Sollte ich geradeaus gehen? Stehen bleiben? Telefonieren? Nach Hause fahren? Was war die richtige Richtung? Mit dem Bus fahren? Welche Linie? Telefon? Wo ist mein Telefon? Wo sind meine Zigaretten? Habe ich meine Schlüssel?
Ich fühlte mich wie ein Fremdling in einem riesigen Schwarm. Die Menschen um mich herum bewegten sich, als wenn alle Befehle bekommen würden, die ich nicht hören konnte. Dann dieser Lärm. Motoren, Bremsen, laute Stimmen, das Brummen der Busse, das Tackern der Ampel, eine in sich verschmelzende Lärmkulisse.
Über die Sinne wurde eine Unzahl von Informationen an das Gehirn weitergeleitet, die nicht mehr verarbeitet werden konnten. Mein Rechenzentrum hatte sich verabschiedet. Das Leben klickte fortwährend auf mir herum, aber die gegebenen Befehle landeten in der Warteschleife.
Ich schaue auf das Telefon in meiner Hand. Was wollte ich denn mit dem Telefon machen? Warum konnte ich keine Entscheidungen mehr treffen?
Einfachste Bewertungen. Laufen, Stehen oder Rennen, ich habe den Gedanken daran, kann es aber nicht umsetzen. Wie bin ich überhaupt an dieser Stelle hier gelandet? Blackout!
Das meinen die immer mit einem Blackout! Telefon! Hilfe! Telefonieren ist gut. Wer kann mir hier und jetzt sofort helfen? Ich drückte auf eine Kurzwahltaste. «Kannst Du mich reinholen?» ,frage ich ängstlich.
«Alter was meinst Du?»
«Ich brauche Hilfe! Ich kann nicht mehr, ich!» Tränen laufen über meine Wangen. Ein ungewohntes Gefühl.
Jetzt saß ich auf dem Motorrad und versuchte einen Reset. Dazu musste ich ein überflüssiges Programm nach dem anderen abschießen. Ex - Frau, Dienst, Rechnungen, Freundin, Emotionen, Angst, Wut, Frust. Als wenn ich einen Programmmanager aufgerufen hatte, klickte ich mit jedem Schluck Whisky einen Prozess weg.
Mein Freund brachte mich in eine Werkstatt, die sich in einem von einer Gang aufgegebenen Vereinshaus befand; das Mobiliar und den ehemaligen Präsidenten hatten sie einfach da gelassen.
Alle Warnschüsse hatte ich ignoriert. Hörsturz! Einen zu hohen Blutdruck hatte der Arzt diagnostiziert. Angina Pectoris Schmerzen seien nicht unüblich bei derartig hohen Werten. Das ständige morgendliche Verschlafen, das Einschlafen im Sessel, die Unfähigkeit, aufzustehen, der leere abendliche Blick auf die sich stapelnden Briefe. Die berühmten Zeichen an der Wand.
Das Aufbrausen, dieses immer vorhandene Wutgefühl im Körper, die Unruhe, das Einschlafen vor Erschöpfung, die kleinen aber immer häufiger werdenden Fehler, die Erinnerungslücken, der Spott der Kollegen, wenn ich wieder einmal etwas verlegt hatte. Das stete Suchen nach allen nur erdenklichen Alltagsgegenständen entsprach längst der Normalität.
Wollte ich es einfach nicht wahrhaben? Hatte ich jeden Tag auf die Tankuhr geschaut und mir gedacht, mit der Reserve komme ich noch sehr weit?
Im Armaturenbrett leuchteten schon geraume Zeit alle Warnlämpchen. Doch ich scheute mich davor eine Werkstatt anzufahren? Hatte ich das Ende der Autobahnfahrt erreicht? Stets auf der Überholspur, jene rasante Fahrt durch das Leben.
Immer nur auf die Dinge in der Ferne schauend, den Tunnelblick starr geradeaus gerichtet. Eben noch passiert, vorbeigerast, jetzt schon hinter mich gelassen.
Dienstantritt, Feierabend, Trinken, Probleme bereden, vier Stunden Schlaf, Dienstantritt.
Stets nur unverbindliche Verabredungen, denn immer kam alles anders, als ich es geplant hatte. Mal alarmierten Sie mich plötzlich zum Dienst, dann dachte ich, alles erledigt zu haben, und irgendjemand wollte doch noch etwas wissen.
Die Einsamkeit! Du kommst ungeplant nachts vom Dienst und willst noch reden. Wo kannst Du das noch? Am Tresen, mit anderen Menschen, die erst nachts Feierabend haben. Nachtleben! Berliner Nachtleben! Eine dieser städtischen Parallelgesellschaften. Charles Bukowski schrieb einmal: «Wirkliche Einsamkeit hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, wie alleine man ist.»
Am nächsten Tag sitze ich bei einem Psychologen. Nach einer Stunde Gespräch und einen paar Tests kommt er zu einem erschreckenden Ergebnis.
«Ich habe ein Problem damit, Sie jetzt einfach gehen zu lassen.»
«Warum?» ,frage ich erstaunt. «Ich bin doch nur etwas durch den Wind, von der Rolle, wie man so schön sagt.»
«Meine Sorge gilt nicht unmittelbar Ihnen. Es ist nicht zu erwarten, dass Sie sich selbst etwas antun.
Aber wenn Sie bei ihrem aktuellen Aggressionspotential auf den Falschen treffen, knallt es. Und sie sind Polizist, sie haben eine Schusswaffe.»
Der Mann sieht in mir einer Handgranate, bei der der Sicherungssplint nur noch geradeso fest klemmt.. Er glaubt zu wissen, dass vor ihm Kirk Douglas in der Rolle des Amokläufers in Falling Down sitzt. Liegt er richtig mit seiner Einschätzung?
Etwas davon ist in mir, doch ich habe das Monster unter Kontrolle. Aber wie lange noch?
Ich will mich nicht aus dem Verkehr ziehen lassen, wenn schon, dann will ich das alleine tun. Diese Genugtuung will ich niemanden geben. Diese Entscheidung gehört mir.
Plötzlich überkommt mich eine kalte Ruhe. Ich habe wieder die volle Kontrolle. Zeit! Ich benötige Zeit, um nachzudenken. Der Doc sieht mich besorgt an. Er verschafft mir die Zeit. Er sieht meinen letzten Halt. Das Team. Doch ist der Aufschub nur von kurzer Dauer. Der Körper meldet sich lautstark und protestiert.
Kotzen! Alles kotzt mich an! Diese blasierten Typen, die Du nie zu sehen bekommst. Du bist nur eine Nummer, eine Stelle im Stellenplan, eine alphanumerische Kombination. Stellenbesoldung A11. Weder Dein Name, noch der Weg der letzten dreissig Jahre oder die Kompetenz interessiert diese Bürohengste. Typen, die beim Vögeln ein Handtuch unter den Arsch legen, damit keine Flecken auf die Couch kommen.
Regeln, Vorschriften, alles muss seine Richtigkeit haben, nichts darf eine Außenwirkung erzeugen und es darf kein Geld kosten. Kleingärtner, Spießer, Anscheißer, Vereinsmeier, Buchhalter, Erbsenzähler, Verklemmte, ein riesiger Scheißhaufen, ausgeschieden aus dem Anus einer Institution. Es beginnt mit einem Husten. Ein würgender Husten, der den Körper von all dem herunter geschluckten Dreck befreien will.
Dann kommt das Auskotzen. Jahrzehntelang heruntergewürgte Wut, Hass und Frustration wollen sich einen Weg bahnen. Erschöpft lehne ich mich mit dem Kopf an einen Laternenmast.
«Es ist vorbei mein Freund!», sage ich leise zu mir. «Du stehst nicht mehr zur Verfügung. Ich steige aus dem System aus. Ihr könnt mich am Arsch lecken!»
Burnout - ein seltsames Wort. Fleischlos, nichtssagend, ausdruckslos, nicht fassbar. Kotze vor den Schuhen ist handfest, riecht, gibt der ganzen Sache etwas sichtbares, durchbricht das Abstrakte.
Keinen klaren Gedanken mehr fassen können. Von Hass, Wut, Frustration und Isolation ferngesteuert durch die Straßen laufen, ist fühlbar.
Im Sessel zu sitzen, sich fünf Stunden lang mit Durchfall aus dem Fernseher berieseln zu lassen, aber beim Pinkeln nicht mehr zu wissen, was gerade eben noch auf der Mattscheibe stattfand, ist beschreibbar. Wenn früher das Testbild auf der Mattscheibe flimmerte, ist an seine Stelle heute ein Bob Ross getreten, der Dich mit sonorer Stimme und Pinsel durch die Nacht bringt.
Ausgebrannt? Ich würde es eher als Verlust der Funktionsfähigkeit eines kleinen Teils in einer Maschine bezeichnen. Ich bin ein Mensch, der einfach nur noch eine funktionierende Komponente in einer gigantischen Apparatur ist. Ein Zahnrad, ein Lämpchen, ein Kolben, ein Ventil, ein Keilriemen, ein Teil welches jeden Tag rund um die Uhr in Bewegung ist. Unwillkürlich drängt sich mir das Bild von Charly Chaplin in Modern Times auf. Und eines Tages bin ich halt verschlissen, dann werde ich ausgetauscht, von einem neuen Maschinenteil ersetzt, bis dieses den Geist aufgibt.
Resilienz nennt die Psychologie die Widerstandsfähigkeit des Individuums gegen Stressfaktoren. Wieder etwas nicht Greifbares. Benzin werden Additive zugesetzt, damit in den hochgezüchteten Motoren, die Ventile länger halten.
Aber wenn ein Irrer den Motor ständig auf Hochtouren laufen lässt, helfen auch die besten Additive nicht mehr. Mein Motor drehte schon jahrelang im Roten Bereich.
Ich sitze im Sessel und Worte rasen durch meinen Kopf. Fürsorgepflicht, Vater Staat, Alimentation, Disziplinarstrafe, Versorgung. Vater Staat? Also bin ich der Sohn dieses Staats.
Oder besser noch, sein Diener? Staatsdiener! Ich tue, was mir gesagt wird und er versorgt mich dafür. Widersetze ich mich seinen väterlichen Anweisungen, diszipliniert er mich. Ich werde mithilfe einer Strafe erzogen, wieder auf den rechten Weg gebracht. Verliere ich etwas, werde ich bestraft.
Mache ich einen Fehler, werde ich bestraft. Sende ich etwas nicht rechtzeitig ab, werde ich bestraft.
Halte ich eine Frist nicht ein, werde ich bestraft. Verrate ich etwas, werde ich bestraft. Mir wird der Hintern versohlt.
Belohnen Väter nicht auch? Belohnt mich mein Vater Staat? Ich kann mich an keine Belohnung erinnern. Ich habe viele Geschwister oder Mitdiener. Eifersüchtige Mitdiener, die jeden Tag hechelnd und speichelleckend um die Gunst des Vaters buhlen. Wo treibt sich dieser Vater denn überhaupt herum? Kann ich den mal sprechen? Wir haben Redebedarf Herr Vater! Du und Ich, einfach mal eine Stunde miteinander reden. In Deiner Familie geht es drunter und drüber. Deine Dienerschaft hat sich verselbstständigt. Kümmert sich nur noch um sich selbst und erschafft jeden Tag neue sinnlose Regeln.
Regeln für die Erstellung von Regeln, Regeln für die Umsetzung von Regeln, Regeln für die Ernennung von Menschen, die Regeln erschaffen dürfen, die dann wieder neue Regeln erdenken. In meinem Kopf fangen die Gedanken an durchzudrehen.
Ich will diesen Vater nicht mehr. Ausziehen, verschwinden, aus dem System aussteigen. Ich habe die Schnauze voll davon, Regeln brechen zu müssen, damit das System wenigstens einiger Maßen menschlich bleibt. Vater, Du hast richtig gehört. Wir brechen jeden Tag die Regeln.
Wir riskieren jeden Tag das Leben, wenn wir entgegen allen Regeln, durch Berlins Straßen rasen. Warum? Weil sich die anderen auch nicht an die Regeln halten. Da draußen in der Stadt findet täglich ein Kampf statt, der nicht nach Regeln geführt wird. Es ist ein ungleicher Kampf. Ich soll nach Regeln kämpfen und die anderen gehen in den Freefight über.
Weißt Du, was richtig pervers ist? Bei mir weiß jeder Bescheid. Jeder weiß, was Du mir an Geld gibst, wie viele Steuern ich bezahle und wo ich wohne. Warum ist das so? Weil ich mich an Deine Regeln halten muss.
Deshalb verarschen mich die anderen. Sie lachen mich aus. Sie leben auf meine Kosten und es gibt nur einen Ausweg, wenn ich das nicht mehr will. Ausstieg! Die können nämlich nur solange lachen, wie ich funktioniere.
Sie beobachtet mich, während sie den Zucker in ihrem Kaffee verrührt. «Sei nicht sauer, aber Du siehst richtig Scheiße aus!» Nicht gerade ein Kompliment. Aber sie hat recht.
«Es läuft auch ziemlich Scheiße!», lautet meine knappe Antwort. Obwohl es noch Vormittag ist, habe ich mir ein Bier bestellt. «Ich fasse mal zusammen. Krank geschrieben, wegen Burnout, von der Freundin getrennt, Schwierigkeiten mit den Kindern und alles andere ist auch Dreck.»
Ich ernte einen mitleidigen Blick, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob sie mich ernst nimmt oder ich im nächsten Augenblick einen spöttischen Spruch kassiere. Auch wenn wir uns schon eine Weile kennen, kommt mir dieses blöde Wort Burnout genauso schwer über die Lippen, als wenn ich zugeben müsste, dass ich Schweißfüße habe.
«Woran hast Du es gemerkt?»
Ich bin überrascht. Einfühlsamkeit anderer Menschen führt bei mir immer zur Überraschung.
«Es begann mit einem Blackout!» Ich beginne ihr die ganze Geschichte anzuvertrauen und sie hört mir aufmerksam zu. Als ich fertig bin, sieht sie mich nachdenklich an.
Als sie spricht, gleite ich gedanklich schon wieder weg. Meine Ohren funktionieren, aber der Inhalt wird in meinem Kopf nicht verarbeitet. Dann dringen Wortfetzen zu mir durch.
«Komm doch eine Weile zu mir in die Schweiz. Ein paar Wochen am See werden Dir guttun. Meine Wohnung ist groß genug und Du bist einfach mal weg von allem.»
Die Idee ist verlockend. Ich bin gern in der Schweiz. Trotzdem ziere ich mich ein wenig. Ich will niemanden zur Last fallen. Am Ende muss ich alleine durch die Krise gehen. Hilfe anderer Menschen anzunehmen, gehört nicht zu meinen Stärken.
Trotz allem schafft Michaela es1, mich zu überzeugen. Schon eine Woche später sitze ich in ihrem fantastischen Appartement mit einem tollen Blick auf den Zuger See.
«Und? Was hast Du vor? Einfach nur genießen oder hast Du einen Plan?»
Schon wochenlang wächst in mir eine Idee heran. Ich will schreiben, alles heraus schreiben. Ein Ventil öffnen, damit ich nicht platze. Sie findet dies großartig. Eigenartigerweise ermuntern mich alle dazu, die Idee umzusetzen. Bei all den Büchern, die in den Regalen stehen, frage ich mich, wer denn das Lesen will. Ich komme mir dabei dämlich vor. Anders herum, fühle ich mich in diesen Tagen ständig so. Noch ein Jahr zuvor ließ ich an Menschen, die einen Psychologen konsultieren, kein gutes Haar. Psychologen waren in meiner Welt bislang die Vögel, die selbst eine Klatsche haben. Burnout und Depressionen hielt ich für Modewörter. Wenn schon Depressionen, hatten diese meist Menschen, die gerade nicht darüber sprachen. Depression? Alleine schon das Wort konnte ich nicht einordnen.
Wer Depressionen hat, sitzt heulend wie ein Mädchen in der Ecke und spielt mit der Dienstwaffe.
Kennen Sie diesen Effekt, den Kurzsichtige haben, wenn Sie erstmalig mit einer Brille den Optiker verlassen? «Dolles Ding! Bäume sind nicht nur eine grüne Masse, sondern sie haben
einzelne Blätter?»
Ähnlich erging es mir. Nur das ich keine Brille bekommen hatte, sondern auf eine sehr schmerzliche Art und Weise meinen Horizont erweitern musste.
Ein weiteres Problem stellte der infrage kommende Inhalt des Buchs dar. In den zurückliegenden dreissig Jahren arbeitete ich selten in einem Bereich, über den einfach so gesprochen werden kann. «Sie sind Geheimnisträger!» Diese Worte begleiteten mich ständig. Und wenn nicht dieser Satz, dann mindestens die Feststellung: «Das darf da draußen niemand erfahren.»
Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass das durchaus an vielen Stellen einen Sinn ergibt. Aber oftmals werden durch diese Geheimniskrämerei auch Sauereien gedeckelt.
Besonders fies wird es, wenn dadurch ein Betroffener quasi geknebelt wird. Zwangsweise sich nicht äußern dürfen, weil das Ansehen der Behörde geschädigt wird, kann zerstörerisch sein.
«Du musst ja nichts Geheimes hineinschreiben. Es wird doch sicherlich einiges geben, was Du ganz normal preisgeben kannst.», sagt Michaela. Was weiß Sie schon? Ich bin nicht die Berliner Ausgabe des Schweizer Autors Fausto Cattaneo, der im Buch «Deckname Tato» gnadenlos alles berichtete, was ihm als Verdeckter Emittler passierte. Mit der Folge, dass für ein ganzes Schweizer Kanton Verdeckte Ermittlungen jahrzehntelang tabu waren.
«Ich könnte meinen Schwerpunkt auf das Menschliche legen. Also wie sich Leute innerhalb der Polizei bei bestimmten Sachen fühlen.»,überlege ich laut.
«Das ist doch ein Ansatz. Ich denke, daraus kannst Du etwas machen. Du musst ja auch nicht nur an einem Skript arbeiten. Schreib einfach und Du wirst sehen, was Dir am Besten gelungen ist.»
«Ich habe Dir doch mal von der Wanderung erzählt, die ich vor ein paar Jahren mit einem Kollegen machte. Ich meine, da haben wir uns ja auch über vieles unterhalten. Vielleicht schaffe ich es, in der Geschichte noch eine andere Geschichte unterzubringen. Dann könnte ich auch noch ein paar Kurzgeschichten zusammentragen.»
Michaela lächelt besänftigend. «Fang doch einfach erst einmal an, wo Dich die Reise hinführt, wirst Du doch sehen.»
Gedanklich bin ich in diesem Augenblick immer noch bei den Klippen, die es zu umschiffen gilt. Ich muss an einen ehemaligen Verdeckten Ermittler aus einem anderen Bundesland denken, der unvorsichtigerweise über seine Pläne an der falschen Stelle redete. Prompt durchsuchten sie seine Wohnung, da sie annahmen, dass er im Manuskript einen Geheimnisverrat begehen würde.
Anders herum, erinnere ich mich aber auch an Bücher, in denen zumindest alles über Observationen herausposaunt wird, was der erlebnisorientierte Gangster wissen muss. Auch das Fernsehen hatte in der Vergangenheit einiges zum Thema zu bieten.
Aber darum ging es mir ja auch nicht. In meiner Vorstellung müsste das Buch nach Mensch riechen. Der Frust, die Ängste, die Brüche in den Biografien, verursacht durch die Konfrontation mit Lebensumständen, in denen die Protagonisten nur wegen ihres Jobs gerieten, sollten sich wie Körpergerüche dem Leser aufdrängen.
Ich begann zu tippen. Stunde um Stunde versetzte ich mich wieder in das Panorama der Pyrenäen. Ich sah mir die Bilder von der Wanderung an. Erinnerte mich an die einzelnen Etappen und vollzog den Streckenverlauf auf den Karten nach.
Gleichzeitig erinnerte ich mich an immer mehr. Was konnte ich schreiben? Was musste ich weglassen?
Wo sind die Grenzen? Immer wieder kam in mir das Bedürfnis hoch, nachträglich ein paar Leuten mit meinen Worten in die Eier zu treten. Was bildeten sich diese blasierten Vögel ein?
Die Selbstgefälligkeit, mit der einige Vorgesetzte in den zurückliegenden Jahren ihre Stellung ausgenutzt hatten, erzeugte wieder Übelkeit.
Wie kann ich die ganze Brutalität aufschreiben, wenn jeder der darüber schreibt, schon bei der Hälfte der Geschichten einen Gerichtsprozess riskiert. Beweisbar? Nichts ist beweisbar, dafür haben alle Beteiligten gesorgt. Am Ende geht es ohnehin nur noch um Rufmord, die ursprünglichen Handlungen sind längst verjährt oder interessieren niemanden mehr.
Vorgesetzte, die sich das Kokain durch die Nase ziehen und auftreten, als wenn sie ein Geschenk an die Menschheit wären. Leitende Beamte, die Dienstfahrzeuge quasi als Eigentum benutzten, ihren Mitarbeitern aber nicht den Schmutz unter den Fingernägeln gönnten. «Hast Du schon mal auf den Fußboden gesehen?»
«Nein!»
«Da liegt ein Teppich. Hast Du schon einmal auf einer Dienststelle gearbeitet, in der ein Teppich auf dem Boden liegt? Nein! Dann halt gefälligst die Klappe!»
Was für ein borniertes Arschloch!
Andere ließen ihre Leute mit vollen Wissen ins Verderben rennen, nur damit sie eine Planstelle frei machen konnten. Narzissten, Borderliner, Sadisten, eine Ansammlung von Persönlichkeitsstörungen, eine wilde Zusammenstellung geballter Inkompetenz.
Menschen, deren Machtmissbrauch intern gern als Gutsherrenmentalität bezeichnet wird. Die Ohnmacht, die eine Hierarchie erzeugt, wenn der Fisch am Kopf anfängt zu stinken.
Aber ein System, welches für Vorgesetzte nur die Maßnahmen «Wegbefördern» oder «Versetzen» kennt, kann sich nicht reinigen.
Der Kritiker ruft an dieser Stelle das Reflexprogramm ab. «Es ist doch nicht alles schlecht!»
Stimmt! Denn da gibt es noch die Männer und Frauen, die das Ganze am Laufen halten. Die sich am liebsten jeden Tag gegenseitig anschreien würden: «Wie bescheuert sind wir?» In Uniform oder in Zivil, vollkommen egal.
Menschen, die sich am System aufreiben. Tag für Tag Vorschriften, die sich ein weltfremder Drehstuhlbewacher ausgedacht hat, in den Wind schreiben.
Immer mit einem Gedanken im Kopf: «Wie schreibe ich meinen Arsch an die Wand, damit mir niemand einen Strick aus der Nummer drehen kann.»
Menschen, die auf den Grenzlinien zwischen Spätgebärenden aufgeklärten renden «Prenzlbergern», Arabischen Clans, hilflosen Underdogs, Spießern, Freaks, Nutten, Zuhältern, Brutalos, Radikalen, Ideologen, Arbeitern, Intellektuellen, Armen und Reichen, balancieren. Sie sollen vermitteln, trennen, beschützen, bekämpfen und verstehen. Sie sollen auch noch Verständnis haben, wenn es nichts mehr zu verstehen gibt. Jedoch sitzen diese Trapezkünstler nicht auf orthopädischen Bürostühlen und ernähren sich in Kantinen von Lactose- und glutenbefreiten Essen. Die Bürostühle stehen in Kaninchenbuchten, denen wie in einem Zoo, eine Quadratmeterzahl für artgerechte Haltung zugewiesen ist. Buchten, die sich in Häusern befinden, die Menschen anschreien: «Hau ab! Hier regiert der Wahnsinn.
Entweder sind es Häuser aus einer Zeit, in der ein Architekt mit seinem Konstrukt den Machtverhältnissen ein Gesicht geben wollte, oder bizarre Ejakulate aus dem Skrotum egozentrischer Architekten der Moderne.
In den Fluren befinden sich substanzlose Dekorationen, die der Betrachter bereits nach einer Sekunde wieder vergessen hat.
Überall verbreitet sich der Gestank von Borniertheit. Ein Geruch, der sich aus den Dämpfen von Kopierern, Druckern, altem Papier, eingekochten Kaffee, schimmeligen Bürotassen, dahinvegetierenden deplatzierten Dschungelpflanzen, stockpilzigen Schwämmen, Industriereinigungsmitteln, Leberwurstbroten, Asservaten aller Art und billigem Rasierwasser zusammensetzt.
Den Rahmen geben Anweisungen vor. Die Anzahl der zustehenden Quadratmeter, die zulässige Größe der Fenster, die amtlich genehmigte Raumtemperatur, die Schriftgröße, die Schriftart, der Zeilenabstand, die Farbe der Tinte, die Position des Datums, die Grußformel, nichts wird der Kreativität überlassen. Kreativität bedeutet Individualität, diese ist gefährlich in einer Hackordnung, wie dieser.
Dort sitzen nicht Dienstleister für andere Menschen. Sie bearbeiten Sachen, deshalb werden sie Sachbearbeiter genannt.
Sie erschaffen sich eine eigene Sprache und die Sprache formt danach sie. Es ist die Sprache der Unverbindlichkeit, eine Sprache, die sich niemals festlegt und wenn sie es doch tut, dann in Form von Anweisungen, Erlassen und Vorschriften.
Es ist die Sprache von Menschen, die stets in der Angst leben müssen, festgelegt zu werden, denen im Zweifel ein Regress droht.
Wenn sie Gold als Gold bezeichnen, dann ist das amtlich. Eine amtliche Aussage ist quasi der Stein der Weisen, aus Messing macht sie auf dem Papier in vorschriftsgemäßen Arial 12, 1,5 Zeilenabstand, einen Goldklumpen.
Es ist die Ausdrucksweise, die einen simplen Scheißhaufen, in eine düngersuspekte braune Masse umdeutet. Jeden Tag werden neue Wortungetüme generiert. Doch damit nicht genug. Reichen die Möglichkeiten der deutschen Sprache nicht mehr aus oder soll Eindruck geschunden werden, erfolgt der Griff ins Kauderwelsch der Wirtschaft.
Ausdrücke, wie Gender Mainstream, Kompetenzzentrum, Akzeptanzmanagement, Balanced Scorecard, Assessment Center oder die berühmte Corporate Identity, werden ohne Nachfragen abgesondert. Kaum einer der Benutzer weiß jedoch, was er da von sich gibt.
Ich glaube an nicht viel, aber ich glaube an die Macht von Worten. Worte sind der Versuch unsere Gedanken mit der Außenwelt zu teilen. Die Nazis arbeiteten genauso. Klare kurze Begriffe wurden, mit denen jeder etwas anfangen konnte, wurden ausgetauscht gegen verschleiernde Neuschöpfungen. Die DDR übernahm das System. An der Sprache erkennt man als erstes, dass etwas versteckt werden soll.
Manchmal fehlen mir die richtigen Worte. Ein anderes Mal bin ich nur noch angefüllt von verbalen Müll. Wenn ich mir selbst zuhörte, entdeckte ich in meinem Kopf einen Müllplatz, der die Ausmaße eines Berges angenommen hatte. Mir waren die Worte für die guten Dinge im Leben abhandengekommen.
Diese Kunstsprache in Behörden formt die Menschen, die sie sprechen. Sie ist auf Schwammigkeit ausgelegt. Die Behörde agiert, das Individuum handelt nicht selbst, sondern handelt im Namen der Behörde. Jede eigene Verantwortung verschwindet nach und nach. «Die Behörde will das so!» ,oder «Da kann man nichts machen, so ist das halt in der Behörde!»
Bevor ich Polizist wurde, lernte ich in der Schule einen Satz: «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.»
Wenn ich von Kant auch vieles nicht verstanden habe, dieser Satz leuchtet mir ein.
«Man macht, man muss, man darf nicht!» Nur nicht selbst Position beziehen. «Ich denke! Ich habe mich entschieden! Ich will das nicht!»
Mein Problem mit dem «man» ist auch nicht neu. Der Philosoph Heidegger machte sich ebenso Gedanken darüber.
Wenn ich ihn richtig verstanden habe, geht er davon aus, dass es wichtig ist, sich ab und wann mal aus Verantwortung zu entlassen und sein Handeln auf die allgemeinen vorherrschenden ethischen Grundsätze abzustellen.
Er wird es selbst am besten gewusst haben. Immerhin sympathisierte er zeitweilig mit den Nazis. Ich hab es nicht sonderlich mit Philosophen. Mir sind sie meistens zu abgehoben, in Ihrer intellektuellen Entrücktheit dem realen Leben entzogen. Beispiele gibt es dafür genug. Besonders beschämend finde ich es, wenn sie sich dann auch noch vor den falschen Karren spannen lassen. Ich denke da zum Beispiel an Jean -Paul Sartre, der die Haftbedingungen der RAF bemängelte, aber die Kontaktzelle mit der tatsächlichen Gefängniszelle verwechselte. Auch der Terrorist und Mörder Christian Klar studierte anfangs Philosophie.
Philosophieren ohne echte Lebenserfahrung ist scheinbar nicht ganz ungefährlich für die eigene Entwicklung.
Ich begann zu tippen. Bis zu neun Stunden saß ich in Walchwil am Zuger See und schrieb meinen Kopf leer. Vier Wochen nach der Ankunft in der Schweiz lag das fertige Skript vor mir. Ich wollte nicht mehr warten. Es musste heraus, diesen Kotzen musste ein Ende haben. Ich glaubte daran, mit dem Akt der Veröffentlichung Ruhe in meinen Körper zu bekommen. Ein paar Euro in einen Selbstverlag investiert, hochladen, raus damit. Gespickt mit Fehlern, sprachlichen Auswüchsen und stilistischen Sünden. «Die Wanderung!», die Beschreibung eines Trips durch die Berge war online.
Ich verabschiedete mich von meiner Gastgeberin und fuhr zurück nach Berlin. Kaum verließ ich den Zug, begann ich wieder zu würgen.
Was zum Teufel passierte da in meiner Psyche? Ich sah nur noch Dreck. Dreck auf dem Boden, Müll, südländische Männer mit Machogehabe, Bettler, protzige Autos, angepisste Wände, überquellende Mülleimer, die Stadt ekelte mich an.
Wie in einem Video beobachtete ich ein Polizeifahrzeug, dessen Fahrer sich mit Blaulicht und Sirene durch den dichten Verkehr kämpfte, gefolgt von einer Zivilstreife, die sich ebenfalls mit gewagten Fahrmanövern nach vorn drängelte. Passt auf Euch auf, Jungs! Schoss durch meinen Kopf.
An der Bushaltestelle stand ein zwanzigjähriger Mann neben mir, der fortwährend auf den Boden spuckte. «Kannst Du das mal sein lassen?» ,fauchte ich ihn an. «Geht Dich nichts an Alter, mach den Kopf zu.» ,war seine Antwort. Ich ballte in der Jackentasche die Faust. Berlin! Jeder kann machen, was er will, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Sagt doch einer etwas, wird es gewalttätig. Ich beließ es dabei.
Ich erinnerte mich an die Polizeistreife, die es gewagt hatte in Neukölln langsam zu fahren. Prompt wurden sie von den Arabern aus dem Daimler hinter ihnen bedroht. Die Kerle wollten ernsthaft eine Schlägerei provozieren. Hätte ich die Nerven behalten? Würde ich jemals wieder die Nerven behalten?
Oder wäre es nicht viel realistischer, dass ich die Waffe ziehen würde?
In Gedanken brüllte ich den Typen an: «Was bildest Du Affe Dir ein? Es klatscht gleich, aber nicht Beifall!» Dann wäre er auf mich losgegangen. Am Ende hätte ich ihm vermutlich einiges gebrochen.
Wenige Tage später sitze ich in einem Lokal. Plötzlich kommt ein Kerl mit einem aufgeklappten Taschenmesser auf mich zu. Er brüllt: «ACAB, Du Fotze!» Mein Kumpel greift ihn sich und versucht ihn vor der Tür zu beruhigen. Der Angreifer überschätzt sich. «Ich ficke Deine Mutter!» Er kassiert den ersten Schlag. Jetzt wird es mir zu bunt. Ich bin nicht gewillt, einem anderen meine Probleme zu überlassen.
Er steht wieder auf und hat immer noch das Messer in der Hand. Es reicht! Ich bringe ihn zu Boden und ziehe ihm die Jacke am Hals zu, bis er aufgibt. Ich reiße die Faust zum letzten Schlag hoch. Doch dann gelingt es mir, mein Monster wieder einzusperren. Ich gebe dem Knallkopf noch einen Tritt zum Abschied. Er ist es nicht wert.
Woher kannte er mich? Geht das immer so weiter? Es ist nicht das erste Mal in meinem Leben. Es ist nochmals glimpflich abgelaufen. Andere Ereignisse drängen sich in mein Gedächtnis.
Ich erinnere mich an die beiden Jugos, die am Ku'damm vorhatten mich vor der Tür platt zu machen. Die hatten schon ein anderes Kaliber, als dieser Spinner. Dieser ständige Hass, der einem entgegenschlägt.
Es wurmte mich, sowenig aus der einige Jahre zurückliegenden Wanderung durch die Pyrenäen gelernt zu haben. Bis zum Schreiben hatte ich die Symbolkraft unseres Trips nicht verstanden. Erst beim Tippen sah ich die Parallele zwischen einem Rucksack und dem inneren Seelenleben. Doch dazu später mehr.
1Der guten Michaela haben Sie auch die Illustrationen „Emmes“ zu verdanken. Sie machte mir den Vorschlag eine Figur zu entwickeln, mit der ich mir wieder Luft verschaffte.
Vor zehn Jahren saß ich nach Dienstschluss wie so oft schon vorher mit Kollegen in dem kleinen Lokal, Nähe der Dienststelle.
Wir kehrten immer in dasselbe ein. Über die Jahre hinweg lernten wir auch einige Stammgäste aus der Umgebung kennen.
Da gab es diesen Automatenspieler, der von allen «Millionen Klaus» genannt wurde. Er hatte reich geheiratet und seine Frau spendierte ihm ein monatliches Taschengeld.
Der mindestens siebzigjährige «Millionen Klaus» stand fast jeden Nachmittag am Geldspielautomaten und trank stets Weizenbier.
Martin, ein Physikprofessor, der früher einmal in Magdeburg gelebt hatte, tauchte meistens sehr spät in der Nacht erst auf.
Er verstrickte die restlichen Gäste immer in politische Diskussionen. Dabei lenkte er das Gespräch geschickt auf Angela Merkel, mit der er angeblich am Wissenschaftlichen Institut der DDR zusammengearbeitet hatte.
Ein anderer ständiger Gast, wurde der «Schwule Kurt» genannt. Er gehörte zu den Schwulen, die noch die Verfolgung des § 175 erlitten hatten. Jeden Abend lief er zehn Kilometer zur Kneipe hin, fünf Bier später spazierte er die Strecke zurück.
Gewissermaßen zum Interieur gehörte Günther, der Philosoph. Ein Existenzialist und Trinker, der die Kneipe zum Wohnzimmer deklariert hatte. Der Typ hatte eine eigenartige Aura. Wir bekamen heraus, dass er von der Familie eine Pension geerbt hatte, welche er von einer etwa zwanzig Jahre jüngeren Ehefrau führen ließ.
Andere Stammgäste tauchten unregelmäßig auf. Zu den Unangenehmen gehörte ein verrückter Säufer, der von sich behauptete Kriminalbeamter gewesen zu sein. Lallend erzählte er jedem von uns seine Geschichte.
Er gab vor, wegen eines traumatischen Erlebnisses im Kosovo zu saufen. Ich glaubte ihm die Geschichte nicht. Wir kannten viele, die im Auslandseinsatz gewesen waren, aber niemand erinnerte sich an ihn.
Mehr interessierte mich ein ehemaliger Globetrotter, der Captain genannt wurde. In den Siebzigern führte er das Leben eines durch Europa tingelnden Straßenmusikanten, hiernach verschlug es ihn einige Jahre nach Griechenland. Kam er in Stimmung, holte er die Gitarre aus dem Koffer. Sich selbst begleitend sang er dann bekannte Lieder mit eigenen Texten, in denen er auch uns bedachte.
Die Kneipe unterteilte sich in zwei Segmente. Vorn der Tresen und ein Gastraum mit ein paar alten Holztischen, in einem Hinterraum stand auf einem Podest ein Flipper sowie ein großer langer Tisch.
Wir verzogen uns immer in den Hinterraum, dort konnten wir halbwegs offen miteinander reden. Nicht immer war dies der Fall. Aus irgendwelchen Gründen entdeckte das restliche Berliner Nachtleben dieses kleine Lokal. Ich sprach die Wirtin darauf an, die dem keine Bedeutung beimaß.
Später erfuhr ich warum. In einem übel beleumdeten City Laden, entdeckte ich zwei Kollegen, die mit Prostituierten und gepuderter Nase die Toilette verliessen. Auch die besagte Wirtin trieb sich an diesem Abend ebenfalls dort herum. «Was willst Du?», fragte sie mich. «Ihr habt doch genauso viel Dreck am Stecken! Du weißt doch, wie es läuft.»
An einem Abend bediente uns eine Polin, die sich mit der Lokalbesitzerin zerstritten hatte. Sie schenkte einen Gratisdrink nach dem anderen für die zahlreich Anwesenden aus.
Zu fortgeschrittener Stunde gingen alle, ohne einen Pfennig zu zahlen. Ich hatte einen sehr weiten Weg nach Hause, deshalb blieb ich bis zum bitteren Ende, um im Abschluss auf der Dienststelle zu schlafen. Mit einem Mal drehte die Polin vollkommen durch. Sie griff sich eine leere Flasche Wodka und warf sie in das Flaschenregal hinter dem Tresen.
Es folgte ein Stuhl, den sie quer durch den Gastraum schleuderte.
Beim Anblick des entstandenen Chaos bekam die Wirtin morgens einen gehörigen Schreck. Anfangs vermutete sie einen Einbruch. Da sie aber ein paar Telefonnummern von uns hatte, kam sie schnell dahinter, was sich wirklich in der Nacht abgespielt hatte. Einer nach dem anderen trat nachmittags bei ihr an und bezahlte nachträglich seine Zeche.
Zwei Nachtschwärmer mochte ich besonders. Bei dem einen handelte es sich um Uwe. Er hatte früher selbst Lokale in Berlin besessen. Wie er immer betonte: «Nur Haut, nichts mit anfassen.» Als er gerade auf Mallorca seinen Urlaub verbrachte, brannte eine verflossene Freundin mit seinem gesamten Vermögen durch. Er kommentierte dies lakonisch: «Kann ich Ihr nicht übel nehmen, hätte ich in ihrer Situation auch gemacht.»
Der Zweite nannte sich Chauffeur. Den Namen leitete er aus seiner alten Beschäftigung als Fahrer für verschiedene Botschafter ab.
Im Milieu hatte sich die Geschichte durchgesetzt, dass der Chauffeur einmal Box Europameister gewesen sei.
Bestätigen konnte dies aber niemand, denn der Chauffeur ging auf die Achtzig zu und die wenigsten konnten sich soweit zurückerinnern. Bis seine Frau verstarb, hatte er drei Jahrzehnte das Milieu gemieden. Kaum lag sie im Grab, zog es ihn wieder in den Bann. Wochenlang gab er sein Geld für Prostituierte und Alkohol aus.
Wir drei sprachen gern über die Achtziger. Uwe berichtete, wie er auf Mallorca viele traf, die sich dort auf der Insel aus unterschiedlichsten Gründen versteckten. Einige waren auf der Flucht vor der Polizei, andere hatten sich vor ihren Gläubigern in Sicherheit gebracht. Nicht wenige dieser Flüchtlinge kannte ich auch aus meiner eigenen Vergangenheit. Gegen manch einen hatte ermittelt. Es frustrierte mich und erzeugte bei mir Spannung zugleich, wie sich das Leben alter Bekannter entwickelt hatte.
Ich schreibe dies alles nur, damit Sie verstehen, unter welchen Umständen und innerhalb welchen Milieus das Folgende stattfand. Hitzig diskutierten wir in dieser Umgebung die Sicherheitslage in Berlin.
Besonders das Thema islamistische Straftäter lieferte immer wieder neuen Stoff für Debatten. Das eine Lager wies darauf hin, dass die Bekämpfung dieser Täter in einem Anschlagsfall durchaus eine schon nahezu militärische Ausbildung rechtfertigen würde.
Ich befand mich mehr bei den Skeptikern, die davon ausgingen, dass wir im Falle eines Anschlages faktisch nur zwei Optionen haben würden.
Entweder wären wir so nah am Geschehen, dass wir uns über das Fortleben keinerlei Gedanken mehr machen müssten oder eben meilenweit entfernt.2
Ein vorstellbares Szenario machte mir bereits damals schon immer am meisten Sorge. Einer der «Kunden», wie wir gerne unsere potentiellen Täter nannten, verließe sein Haus. Genauso, wie wir es an anderen Tagen zuvor schon beobachtet hatten. Doch dieses Mal enthielte sein Rucksack eine explosive Botschaft an die Kuffar, wie die Salafisten uns bezeichnen. Ein Szenario, in dem der Polizist nur verlieren kann, jedenfalls in Deutschland. Selbst wenn wir die Brisanz der Lage erkennen würden, hätten wir keine Chance gehabt.3
Denn den Abstand, den ein Beobachter zu einem entschlossenen Attentäter einhalten muss, hätten wir weder damals, noch heute mit der uns zur Verfügung stehenden Bewaffnung überbrücken können. Ganz konkret wurde mir das zur Fußballweltmeisterschaft bewusst. Es gab da diese Frau, die im Internet angekündigt hatte, sich und ihr Kind für den Dschihad in die Luft sprengen zu wollen.
Anfänglich wollte sie dieses im Ausland machen. Aber die Deutschen Behörden untersagten ihr eine Ausreise und damit zu ihrem Mann, einem bekannten Terroristen des IS. Ich stellte mir die Frage, was sie denn davon abhalten sollte, ihren Plan in Berlin umzusetzen.
Wie sollten wir uns verhalten, wenn sie mit ihrer Burka sich der Fanmeile an der Siegessäule nähern würde? Niemand könnte erkennen, ob sie einen Sprenggürtel unter der Burka trägt. Von offizieller Seite bekam ich auf diese Frage niemals eine Antwort. Zu solchen Fragen bekommen Sie sehr selten eine Reaktion. Es müsste jemand verantwortlich Stellung beziehen. Dumm wenn dann irgendwer erschossen wird, der doch keinen Sprengstoff dabei hatte. Meine Meinung dazu? Wenn sich ein Kerl dazu hinreißen lässt, öffentlich anderen damit zu drohen, dass er sie töten will, muss er sich nicht wundern, wenn er eine Kugel abbekommt. Immerhin fordert aktuell die Berliner CDU GPS Fesseln für alle Gefährder. Das will ich sehen! Wer ist denn ein Gefährder? Reicht für die GPS Fußfessel schon das Verkehren in salafistischen Kreisen aus? Wohl kaum, da hat das Grundgesetz etwas dagegen. Oder ist der Besuch einer radikalen Moschee Grund genug? Was soll die Fußfessel bewirken? Ich weiß jetzt, wo der Gefährder sich herum treibt, und was nun?
Ich habe erlebt, wie es in den Morgenstunden hieß, von einem Anschlag ist auszugehen. Mittags waren die Ermittler vom BKA nicht mehr so sicher, abends endete die Angelegenheit mit einer simplen Identitätsfeststellung.
Der zu zweifelhaften Ruhm gelangte Reda Seyam, lebte jahrelang unbehelligt in Berlin und bezog Sozialleistungen. Immerhin wurde er verdächtigt, seine Finger beim Attentat in Bali im Spiel gehabt zu haben.
2013 reiste er nach Syrien aus und filmt dort Enthauptungen. Was genau hätte eine Fußfessel ausgerichtet? Seine Gefährlichkeit rührte vor allen Dingen aus seiner Tätigkeit als Anwerber her. «Wir haben die Amerikaner und ihre Hollywood-Visionen mit ihren eigenen Waffen geschlagen – der Kamera.», soll er gegenüber dem Ägypter Asiem El Difraoui, 4 gesagt haben. Normalerweise wäre er der klassische Kandidat für eine Black Ops des CIA oder des Mossad gewesen. Intern spöttelten wir, dass die aber nie zum Zuge kommen könnten, da wir ihn jeden Tag beschützten. Zum Kreis von Seyam gehörte auch ein junger Mann mit dem Kampfnamen Abu Azzam Al Almani. Dahinter steckte der junge Berliner Florian Labahn5. Der Typ spazierte in voller islamistischer Montur zum Neuköllner Jobcenter. Dort vermittelte ihm ein Sachbearbeiter eine Stelle bei einem Sicherheitsdienst, der für den BER zuständig ist. Erst fielen wir vom Glauben ab, dann zog die Presse nach.
2015 erschoss in Nothilfe ein Berliner Polizist den 41 jährigen Iraker Rafik Y. Y. trug eine GPS Fußfessel, weil er im Irak an einem vereitelten Attentat auf den irakischen Ministerpräsidenten Ijad Allawi beteiligt war. 2008 erfolgte wegen der Mitgliedschaft in einer Terroristischen Vereinigung die Verurteilung zu einer Haftstrafe. Nach seiner Entlassung 2013, konnte er aber nicht in den Irak abgeschoben werden, da ihm dort eine Hinrichtung drohte. Also verpasste man ihm eine Fußfessel. Ab sofort durfte er sich in Berlin nur in einem festgelegten Umkreis bewegen.
Die erste Unterbringung entsprach nicht seinen Vorlieben, woraufhin ihm ein Ausweichquartier am Stadtrand von Berlin zugewiesen wurde. Y. lotete zunächst erst einmal aus, was denn dieses Ding am Bein alles kann. In seiner Vorstellung konnte es Gespräche aufzeichnen, Stromschläge verpassen und andere fürchterliche Dinge mit ihm anrichten. So stellte er sich zum Beispiel an die Grenze des Gebiets und hielt das Bein in den verbotenen Bereich hinein. Zu seiner Beruhigung passierte ihm nichts.
