Die Wandler - Nancy Jill Anderson - E-Book
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Die Wandler E-Book

Nancy Jill Anderson

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Beschreibung

Phil ist ein Wolfswandler, der von seinem Rudel getrennt in der Stadt lebt, und dort eine schlechtgehende Detektei betreibt. Als eines Tages Clarissa Fowler in seinem Büro auftaucht und ihm einen lukrativen Job anbietet, sieht er wieder Licht am Ende des Tunnels. Dass er sie außerdem außerordentlich sexy findet, ist noch die Kirsche auf der Sahnetorte. Clarissa fragt sich, ob der Vorschlag ihres Anwalts, Phil zu engagieren, wirklich so gut war. Dessen Arbeitsweise und seine ganze Art kommen ihr reichlich unkonventionell vor. Dennoch zeigen sich schnell positive Resultate, doch als sie sich zudem langsam näherkommen, wird sie in eine Welt hineingezogen, die ihr bis dahin völlig fremd war. Außerdem wird sie mit Dingen aus ihrer Vergangenheit konfrontiert, die ihr Leben auf den Kopf stellen werden.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die Wandler: Der Wolf und die Lady

Cover: SelfPubBookCovers.com/amsnead71

Das Werk aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten, einschließlich der Verviel­fältigung, Übersetzung, Mikroverfilmung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und sind nicht beabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Impressum

Kapitel 1

Phil

Es sah ganz danach aus, als könnte ich heute erneut früh Feierabend machen. Als Angestellter wäre es auch ein Grund zur Freude, doch leider war ich selbstständiger Privatdetektiv … und ziemlich pleite. Ich setzte meinen Drehsessel in Schwung, sodass ich statt auf die Tür aus dem Fenster blicken konnte. Nicht, dass es draußen etwas Interessantes zu sehen gab. Ich konnte jetzt zwar direkt in die Wohnung des Nachbarhauses schauen, aber leider wohnte dort ein älteres Ehepaar und keine gutaussehende, zeigefreudige, junge Frau, die auf bankrotte Detektive stand.

Ich zog meine Brieftasche aus der Hosentasche und warf einen Blick hinein – schon wieder. Als ob ich nicht wüsste, dass dort zwei vereinsamte Dollarscheine ihr Dasein fristeten.

»Ihr könntet euch wenigstens mal ins Zeug legen und für Nachwuchs sorgen«, knurrte ich, aber die Geldscheine blieben unbeeindruckt.

Mit einem leisen Seufzen verstaute ich die Geldbörse und wandte mich wieder dem Schreibtisch zu. Ich fixierte mit den Augen mein Handy und das Festnetztelefon, als ob ich sie so zwingen wollte, mir einen lukrativen Klienten zu besorgen. Er oder sie müsste gar nicht mit Geldbündeln um sich werfen - ich akzeptierte schließlich auch Schecks - aber allmählich wurde es Zeit für einen Auftrag.

Vor der Bürotür unterhielt sich gerade meine Sekretärin, führte wahrscheinlich Privatgespräche. Sollte ich sie bitten, nicht auch noch die Telefonkosten in die Höhe zu treiben? Nein, besser nicht, sonst erinnerte sie mich womöglich an ihr ausstehendes Gehalt. Es war sinnvoller, sie nicht zu verärgern.

Frustriert versetzte ich dem Monitor des alten Computers einen leichten Schlag. Gab es denn niemanden in der Stadt, der meine ausgezeichnete Spürnase benötigte? Musste ich wirklich mit eingezogenem Schwanz zu Donna und ihren Lakaien zurückkriechen? Ich sah jetzt schon deren Mienen vor mir.

»Wir haben es doch gewusst!«, würde sie sagen. »Wenn du bei deinem Rudel geblieben wärst … Bla bla bla!«

Nein, so einfach würde ich nicht klein beigeben. Notfalls musste ich mir eben irgendeinen Job suchen – was auch wieder leichter gesagt als getan war. Ich besaß keine Zeugnisse, keinerlei Referenzen, und was die Papiere anging … nun, viel Glück dabei. Sie reichten aus, um ein Büro in diesem windschiefen Gebäude in einer der schäbigsten Gegenden der Stadt zu mieten. Und das war auch nur der Fall gewesen, weil der Vermieter halb taub und blind war – und obendrein ein Gauner. Was er für diese Räuberhöhle an Miete verlangte … er konnte von Glück reden, wenn ich ihn nicht eines Nachts in meiner anderen Gestalt besuchte.

Was für ein lächerlicher Gedanke! Als ob ich es riskieren könnte, hier in Wolfsgestalt herumzulaufen. Die Crawler besaßen doch überall Augen und Ohren. Außerhalb des Rudels wäre ich wohl schnell totes Fleisch. Es waren zwar nur schwächliche Menschen, aber leider hatten sie ein paar unangenehme Waffen im Arsenal – und waren äußerst zahlreich.

Ich hatte mich gerade dazu entschlossen, das nutzlose Warten auf einen Kunden aufzugeben und stattdessen in der Stammkneipe etwas auf Kredit zu trinken, als meine Sekretärin Sharon die Tür öffnete.

»Du willst doch wohl nicht schon gehen?«, fragte sie. »Setz dich lieber hin. Es kommt Kundschaft!«

Sie nahm sich reichlich viel heraus, aber aus dem bereits genannten Grund schluckte ich die scharfe Erwiderung, die mir auf der Zunge lag, lieber runter.

»Um was geht es denn?«, fragte ich.

»Das wird sie dir selbst sagen. Sie ist schon auf dem Weg hierher. Vielleicht solltest du den Drecksstall, den du Büro und Schreibtisch nennst, zumindest so aufräumen, dass man sich nicht auf einer Müllkippe wähnt!«

»Hör mal gut zu …«

»Wann zahlst du mir eigentlich das ausstehende Gehalt?«

Gut, ich wusste, wenn ich geschlagen war. Schicksalsergeben räumte ich die Papiere auf dem Schreibtisch von der einen auf die andere Seite. Einige warf ich auch in den Papierkorb. Es war bestimmt nichts Wichtiges – höchstens ein paar Rechnungen, aber vor der dritten Mahnung bezahlte ich ohnehin nicht.

Schließlich betrachtete ich wohlgefällig meine Umgebung. Ja, es gab nichts daran auszusetzen. Es sah etwas mehr nach einem Arbeitsplatz aus. Ich war gerade rechtzeitig fertig geworden, denn schon öffnete Sharon erneut die Bürotür.

»Miss Clarissa Fowler würde Sie gerne sprechen, Sir.«

Ich hörte ganz deutlich, wie ungern sie mich 'Sir' nannte, aber ich kostete den Moment aus.

»Ich lasse bitten.« Das klang zwar überhaupt nicht nach mir, doch wenn sich schon mal ein Klient mit Geld in diese heiligen Hallen verirrte, dann wollte ich ihn auch standesgemäß empfangen.

Die Art Frau, die nun mein Büro betrat, hätte ich allerdings nie im Leben erwartet. Ich war kein Kostverächter und hatte bereits ein paar wirklich schöne Exemplare im Bett gehabt, zumal ich auf Frauen recht anziehend wirkte. Das lag höchstwahrscheinlich daran, dass sie das Wilde und Animalische in mir witterten. Außerdem war ich mit eins neunzig kein Zwerg und brachte solide und durchtrainierte einhundert Kilo auf die Waage. Das war zweifelsohne ein weiterer Pluspunkt, doch diese Clarissa Fowler ... ein fleischgewordener Traum auf zwei Beinen. Und was für Beine! Und diese Figur! Kein mageres Modellpüppchen ohne Kurven, aber auch alles andere als ein unförmiger Trampel. Das Gesicht eingerahmt von den herrlichsten, blonden Locken, die ich je gesehen hatte. Ob das wohl ihre natürliche Farbe war?

»Wollen Sie mir keinen Platz anbieten?«

Ihre Stimme klang bereits etwas ungeduldig. Wie lange starrte ich sie jetzt wohl schon an? Sharon jedenfalls schüttelte den Kopf, verdrehte gleichzeitig die Augen und schloss die Tür hinter sich, während ich meiner Klientin einen Platz anbot.

Ich räusperte mich noch einmal, derweil ich ganz froh war, dass ich ihre Beine, die so viel versprachen, nicht mehr direkt im Blickfeld hatte. Wenn ich Geld verdienen wollte, dann sollte ich die Ablenkung auf ein Minimum reduzieren und stattdessen mein Hirn auf den Fall fokussieren.

»Man sagte mir, dass Sie der richtige Mann wären, um mir zu helfen.«

'Bei allem, was Sie sich vorstellen können!', dachte ich und versuchte, die Gedanken an ein breites Bett und Clarissa Fowler nackt darin zu vertreiben. Es gelang mir nur mit sehr viel Mühe. Was war denn los mit mir? Da saß eine offensichtlich wohlhabende Frau – wenn ich sie nach ihrem Schmuck und der Kleidung beurteilte – vor mir, und ich dachte nur an Sex.

»Ich übernehme alle Aufträge. Vorausgesetzt, es ist nichts Illegales dabei.«

»Sehe ich so aus, als könnte ich in irgendwelche Verbrechen verstrickt sein?«

Sie sah wie die fleischgewordene Sünde aus, aber das meinte sie damit bestimmt nicht. »Natürlich nicht, Clarissa. Ich darf Sie doch Clarissa nennen, oder?« Immerhin wägte sie den Vorschlag eine Sekunde lang ab.

»Ich halte es für besser, wenn wir bei Miss Fowler bleiben.«

»Wie Sie wünschen. Nun, Miss Fowler, was führt Sie denn zu mir?«

»Mein Vater ist voriges Jahr verstorben und hat mir seine Firma hinterlassen.«

»Mein herzliches Beileid … also, für den Tod Ihres Vaters, nicht für das Erbe.«

Sie nickte. »Das habe ich mir schon gedacht. Sehen Sie, ich habe zwar einige Erfahrung, was Unternehmensführung angeht, aber ich könnte Unterstützung gebrauchen, was die Sicherheit betrifft.«

»Ich verstehe …«

»Das glaub ich nicht, also lassen Sie mich bitte ausreden!« Die Lady hatte echt Haare auf den Zähnen. »Es geht nicht um etwas so simples wie Schutz vor körperlichen Angriffen oder dergleichen. Davor habe ich keine Angst.«

Allmählich dämmerte es mir, dass Clarissa … Miss Fowler nicht nur einen kleinen Betrieb geerbt hatte, sondern dass es sich dabei wohl eher um einen Konzern handelte.

»Wie kann ich Ihnen dann behilflich sein?«

Sie sah sich abschätzig in meinem Büro um und rümpfte sogar leicht die Nase – zumindest kam es mir so vor. »Sie sind nicht gerade eine stadtbekannte Persönlichkeit, Mr. … Whitefang.«

»Nennen Sie mich bitte Phil. Das ist mir lieber.« Ich hätte mir schon längst einen anderen Namen zulegen sollen. Bei dem Namen war es nur eine Frage der Zeit, bis die Crawler auf ihn stießen und sich eine Weile wundern würden, bevor sie zur Jagd bliesen.

»Gut … Phil. Jedenfalls sind sie ein kleiner Detektiv mit einer Praxis irgendwo im dreckigsten Winkel der Stadt. Sie verfügen über so gut wie kein Geld, kleiden sich wie ein Clochard, Ihre Einrichtung stammt anscheinend vom Sperrmüll, die …«

»Entschuldigen Sie bitte, aber kommt auch noch etwas Positives? Wie sind Sie dann auf mich gekommen, wenn Ihnen weder mein Äußeres, noch mein Büro oder sonst irgendwas gefällt?«

Nun lächelte sie tatsächlich, was sie in meinen Augen noch viel hinreißender erscheinen ließ. »Es war mein privater Anwalt, der Sie empfohlen hat. Sie kennen Mr. Vandenbergh?«

»Bill? Natürlich kenne ich ihn. Ich habe einige Fälle für ihn bearbeitet.« Und mit ihm zusammen noch viel mehr Flaschen in diversen Kneipen vernichtet, aber das sollte ich ihr wohl nicht unbedingt auf die Nase binden. Sonst war ich womöglich den potenziellen Job und ganz sicher einen recht guten Freund los.

»Gut. Jedenfalls hält er große Stücke auf Sie … warum auch immer … und ich habe mich bisher auf sein Urteil verlassen können.«

Ich sah ihr an, dass sie sich diesbezüglich nicht mehr uneingeschränkt sicher war.

»Und wie kann ich Ihnen nun behilflich sein?«, wiederholte ich meine Frage. »Und bitte fangen Sie jetzt nicht wieder mit der Einrichtung oder meiner Kleidung an. Das Thema hatten wir schon.«

Ah, sie lächelte erneut. Die Dame zappelte am Haken.

»Ich denke, Sie sollten es mir überlassen, welche Themen ich anspreche!«

Schön, mit dem Hakenzappeln hatte ich mich wohl geirrt.

»Ich habe mir gedacht, Sie fangen morgen beim Hauptsitz meiner Firma als Bürobote an.«

Diese Wendung des Gesprächs verwunderte mich jetzt doch. »Entschuldigen Sie, Miss Fowler, wenn ich nachfrage: Wann habe ich mich denn um eine Stelle in Ihrer Unternehmung beworben? Soweit ich weiß …«

»Bitte, lassen Sie mich ausreden!«

»Ich bin gespannt.«

»Sie werden für mich Augen und Ohren offenhalten. Das geht am besten in einer völlig unauffälligen Stellung. Sie können das gesamte Haus und sämtliche Abteilungen betreten, ohne dass jemand Verdacht schöpft. Außerdem befindet sich Ihr Arbeitsplatz direkt beim Empfang, sodass Sie leicht in Erfahrung bringen können, welche Besucher ins Haus kommen.«

Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Hände hinterm Kopf. »Wenn ich Sie richtig verstehe, dann vermuten Sie, dass jemand in Ihrer Firma falschspielt und Ihrer Konkurrenz Informationen zukommen lässt.«

Sie lächelte wieder und dieses Mal wirkte sie sogar etwas beeindruckt. »Sie scheinen schnell zu begreifen, Phil. Vielleicht hat mir Mr. Vandenbergh erneut einen guten Rat gegeben, als er Sie mir empfohlen hat. Wie Sie richtig vermutet haben, bin ich mir ziemlich sicher, einen Maulwurf in der Firma zu haben. Wahrscheinlich hat er schon zu Lebzeiten meines Vaters dort gearbeitet, denn den Mitarbeitern, die ich seitdem eingestellt habe, vertraue ich voll und ganz.«

Ich ließ mir für einen Moment die Sache durch den Kopf gehen. Den Terminkalender musste ich nicht kontaktieren. Außer leeren Seiten würde ich darin nichts finden.

»Mein Tagessatz beträgt 500 Dollar – zuzüglich Spesen, versteht sich«, gab ich schließlich das Ergebnis meiner Überlegung bekannt.

Sie lächelte erneut, aber dieses Mal war sie keineswegs beeindruckt. »Es mag sein, dass Sie sich wünschen würden, diesen Satz bezahlt zu bekommen. Ich biete Ihnen 300 Dollar und keinen Cent mehr.«

Ich verzog das Gesicht, als hätte ich auf eine besonders saure Zitrone gebissen. »Also schön, weil Sie es sind und Bill Vandenbergh ein guter Freund von mir ist. Ich akzeptiere.«

Sie zog eine kleine Mappe aus ihrer Handtasche, entnahm ihr ein Blatt und schob es mir über den Tisch hinweg zu. »Hier ist der Vertrag. Unterzeichnen Sie und wir sind im Geschäft. Den Tagessatz habe ich bereits eingetragen.«

Ich dachte an den Standardvertrag, dessen Vordrucke im Aktenschrank links von mir fleißig Staub ansetzten. Die Dame hatte eindeutig ganz eigene Vorstellungen, was Verträge anging. Ich überflog ihn, fand nichts, was mir nicht gefiel, und kritzelte meine Unterschrift über die dafür vorgesehene gepunktete Linie. Ich war kaum damit fertig, als sie auch schon das Papier an sich nahm.

»Sie erhalten eine Kopie per Post. Ich nehme nicht an, dass Sie so etwas wie ein Fotokopierer hier im Büro haben, oder?«

»Nun, normalerweise schicke ich meine Mitarbeiterin nach unten zur Imbissbude …«

»Dann machen wir es auf meine Weise.« Sie wartete gar nicht erst ab, ob ich damit einverstanden war, stand auf und reichte mir eine Visitenkarte. »Sie melden sich morgen früh um acht Uhr dort am Empfang. Sie werden von Mr. Poulter abgeholt und in Ihre Arbeit eingewiesen. Er weiß Bescheid.«

»Sie vertrauen ihm?«

»Sonst hätte ich ihn ja wohl kaum eingeweiht. Bis morgen also und … ziehen Sie sich bitte entsprechend an. Guten Abend.«

Nach diesen Worten rauschte sie aus meinem Büro und ließ mich einigermaßen verdattert zurück. Immerhin hatte ich allen Grund, gut gelaunt zu sein. Es würde eine Menge Geld hereinkommen, denn obwohl sie mich auf 300 Dollar heruntergedrückt hatte, waren es immer noch hundert Dollar mehr, als ich normalerweise nahm. Aber sie sah reich genug aus, um es sich leisten zu können. Ich konnte jedenfalls etwas optimistischer in die Zukunft blicken.

Kapitel 2

Clarissa

Als ich auf der Straße vor meiner Limousine stand, warf ich noch einen Blick zurück zum Haus. In diese morsche, halb abbruchreife Bruchbude war ich also tatsächlich gegangen, um einen Privatdetektiv zu engagieren. Der Kerl hatte mich durchaus beeindruckt und ich hoffte nur, dass er es mir nicht angesehen hatte. Irgendwas war an ihm, eine gewisse rohe Wildheit, die ich nicht genau beschreiben konnte.

Die Bezahlung, die ich ihm zugestanden hatte, war exorbitant. Warum war ich mit dem Vorschlag von 300 Dollar plus Spesen herausgekommen? Er hätte sich bestimmt mit der Hälfte zufriedengegeben. Egal, die Summe tat mir nicht weh, auch wenn er zwei Monate nur herumfaulenzen würde.

Mein Chauffeur stand immer noch in vorschriftsmäßiger Haltung neben dem Fahrzeug und hielt mir den Wagenschlag auf. Unwillkürlich verglich ich ihn mit Phil, was natürlich albern war. Mit einem leichten Kopfschütteln ließ ich mich auf dem Rücksitz nieder.

»Nach Hause«, sagte ich dem Fahrer und fuhr anschließend die Trennscheibe hoch. Ich wollte ungestört über meine Schwierigkeiten nachdenken. Ich hatte dem Detektiv die Lage, in der ich mich befand, noch schöngefärbt. Es war nicht nur das eine oder andere Geschäft, was nicht zustande gekommen war und von dem ich annahm, dass es jemand in der Firma der Konkurrenz verraten hatte. So etwas war schon zu Vaters Zeiten vorgekommen - nein, es war damit nicht zu vergleichen, sondern es war viel dramatischer. Irgendjemand wollte mich aus dem Unternehmen drängen, indem er die Banken unruhig werden ließ. Der Kreditrahmen der Firma war schon ziemlich angespannt und noch mehr Verluste konnten wir uns nicht leisten.

Ich lehnte mich zurück und lächelte grimmig. Jetzt sollte mir also ein Detektiv aus der Schmuddelecke der Stadt aus der Patsche helfen. Es war eigentlich lächerlich, aber irgendwie traute ich Phil einiges zu, auch wenn ich nur wenige Minuten mit ihm gesprochen hatte.

Das Signal meines Handys riss mich aus den Gedanken.

Meet the Flintstones, meet the Flintstones, Yabbadabadu …

Ich sollte mir wirklich mal ein neues Klingelsignal aufspielen und nicht mehr die Titelmelodie meiner Lieblingsserie aus der Kindheit verwenden. Aber irgendwie sah ich dann immer Vater und mich auf dem Sofa sitzen und die uralte Zeichentrickserie auf dem Fernseher anschauen. In den Meetings benutzte ich sinnvollerweise den Vibrationsalarm.

Ein Blick auf die Rufnummer ließ mich dann doch wieder lächeln.

»Hallo, Derek!«

»Hallo, Schätzchen. Wie geht es denn meinem armen, schwer schuftenden Mäuschen?«»Wie soll es schon gehen? Viel Arbeit, einige Probleme und … du fehlst mir. Wo bist du? Wann sehen wir uns wieder?« Oh mein Gott, klang das erbärmlich. Aber es war auch die Wahrheit. Die letzten Tage waren wirklich schwer gewesen und ich brauchte jemanden, um mich auszusprechen.

»Ich bin noch in L.A. und treffe mich morgen mit einem Geschäftsfreund, um einen Deal in trockene Tücher zu bringen. In drei Tagen werde ich wieder in Seattle sein können.«

»Das wäre schön. Du fehlst mir so sehr.«

Für einen Moment blieb es still in der Leitung. »Sag mal, Clarissa, ich höre doch, dass du große Probleme hast. Ist es was Geschäftliches? Soll ich besser noch heute zurückfliegen? Ich könnte bestimmt eine Ausrede erfinden, um …«

»Nein, das möchte ich nicht!« Es entsprach auch der Wahrheit. Was würde es bringen, wenn er eine lukrative Möglichkeit verstreichen ließ, nur um sich am Abend mein Gejammer anzuhören. So tief gesunken war ich dann doch noch nicht. »In drei Tagen reden wir über alles, Derek.«

»Gut, wenn du dir sicher bist …«Er klang nicht völlig überzeugt, aber bis zum Ende des Gesprächs gab ich mir alle Mühe, seine Bedenken zu zerstreuen. Dennoch hätte ich mir fast gewünscht, er wäre in den nächsten Flieger gestiegen.

*****

Am anderen Morgen ließ ich mich recht früh in die Firma fahren. Ich wechselte ein paar Worte mit Poulter, dem Abteilungsleiter der Zentralen Dienste, und wies ihn noch einmal auf die besonderen Aufgaben des von mir engagierten Detektivs hin.

»Sie können sich auf mich verlassen, Miss Fowler«, versicherte er mir, und ich glaubte ihm. Poulter war schon in der Firma gewesen, als Vater die Leitung des Unternehmens übernommen hatte. Wenn ich ihm nicht vertrauen konnte, wem dann?

Mein Assistent Stuart Clarkson war überrascht, als ich um kurz vor acht in das Büro marschierte.

»Haben Sie es schon gehört?«, fragte er.

Mein Warnmelder sprang mit lautem Heulen an und ich wandte mich ihm alarmiert zu. »Wovon sprechen Sie da?«

»Ach so … ich dachte … ich habe Ihnen eine Notiz auf den Schreibtisch gelegt.«

Das klang nach mächtig Ärger. »Spannen Sie mich nicht auf die Folter und sagen Sie es mir ins Gesicht, was passiert ist.«

»Die Allgemeine hat den Kreditrahmen gekündigt.«

Ich fühlte mich in dem Moment, als hätte mir der Weltmeister im Schwergewichtsboxen einen harten Treffer verpasst. »Wann? Wieso?«

»Ein Kurier hat noch kurz vor Mitternacht einen Brief beim Nachtportier abgegeben. Ich habe ihn heute als allererstes aufgemacht, weil ich mir dachte, dass es wichtig sei. Die Bank wollte wohl einen bestimmten Termin einhalten.«

Darauf wäre ich auch von selbst gekommen. Gestern war der Monatsletzte und heute …

»Verbinden Sie mich mit der Allgemeinen, mit … Jefferson!«

Der Kerl war der Generaldirektor der Bank. Es war viel zu spät, mich jetzt noch mit Leuten aus der Kreditabteilung herumzuärgern. Das kam von ganz oben. Ich stürmte in mein Büro, warf den Mantel auf die Möbel in der Besucherecke, setzte mich hinter den Schreibtisch und wartete darauf, dass das Telefon klingelte. Doch stattdessen öffnete sich die Bürotür und Clarkson blickte zerknirscht in den Raum.

»Tut mir leid, aber Mr. Jefferson ist in einer Besprechung und kann nicht ans Telefon kommen.«

Jetzt? Um acht Uhr morgens? Wollte mich der Kerl verarschen?

»Soll ich jemanden aus der Kreditabteilung zu erreichen versuchen?«

Hatte das einen Zweck? Nein, wohl kaum. Die Allgemeine würde mir keinen Kredit mehr einräumen, das war sonnenklar. »Richten Sie Jeffersons Sekretärin aus, dass ich um einen Rückruf bitte«, sagte ich Clarkson, um ihn loszuwerden.

Er nickte und wir beide wussten nur zu genau, dass ich auf den Rückruf würde warten können, bis die Hölle zufror … und wahrscheinlich noch ein bisschen länger. Ich lehnte mich im Sessel zurück und massierte mir die Schläfen. »Denk nach, Clarissa, denk nach!«, murmelte ich ständig, als ob ich ein Mantra beten würde. Als allererstes musste ich in Erfahrung bringen, wie viel Geld wir innerhalb der nächsten Tage brauchten, damit mir der Laden nicht mit einem Knall um die Ohren flog.

In den folgenden Stunden konferierte ich mit dem Chefbuchhalter, der Rechtsabteilung, den obersten Einkäufern und dem Vertriebsleiter. Wenn es schon vorher nicht rosig ausgesehen hatte, so lag die Zukunft nun pechschwarz vor mir.

»Wir hätten ohnehin um eine Kreditausweitung nachsuchen müssen«, sagte der Buchhalter und präsentierte mir einen ellenlangen Bankauszug. »Jetzt, wo die Allgemeine ausfällt …«

Er sprach nicht weiter, aber ich konnte mir die Konsequenzen auch so vorstellen.

»Wie viel benötigen wir?«

»Fünf Millionen – das ist das Minimum – zuzüglich zu den zehn Millionen, die die Allgemeine uns bisher eingeräumt hat.«

Erneut spürte ich einen harten Wirkungstreffer. Im Geiste ging ich die ganzen Banken durch, die uns vielleicht noch einen Kredit gewähren würden – und wurde damit schnell fertig. Wenn nicht ein Wunder geschah, dann musste ich noch dieses Quartal Insolvenz anmelden. Es sah nicht so aus, als würde Mr. Phil Whitefang allzu lange für mich tätig sein.

*****

Letztendlich löste ich das Meeting ohne konkrete Ergebnisse auf. Meine Mitarbeiter schienen fast erleichtert zu sein. Vermutlich kontaktierten sie in dem Moment bereits ein paar Headhunter, damit diese für sie neue, lukrative Pöstchen besorgten. Ob ich auch einen anrufen sollte? Aber wer würde jemanden einstellen, der einen geerbten Konzern in relativ kurzer Zeit in die Insolvenz geritten hatte? Nicht einmal ich würde mir einen Job anbieten.

Ich rief Poulter an, um ihn zu fragen, ob mein Detektiv seine Stelle bereits angetreten hatte. Dem war so. Da gingen die ersten dreihundert Dollar durch den Schornstein, aber retten könnte mich der Betrag ohnehin nicht mehr.

»Schicken Sie ihn bitte in mein Büro.«

Hatte ich das gerade wirklich gesagt? Warum denn? Wenn ich mich so fragte, dann lag es womöglich daran, dass ich mich unterhalten wollte, ohne an die riesigen Schuldenberge zu denken, die ich aufgehäuft hatte. Im Grunde genommen wusste ich noch nicht einmal, wie ich das geschafft hatte. Mein Einkaufsdirektor hatte etwas von steigenden Rohstoffpreisen gefaselt und der Vertriebschef über anspruchsvolle Kunden schwadroniert. Der oberste Jurist hatte mich vor dem Tatbestand der Insolvenzverschleppung gewarnt … ich wollte nicht weiter darüber nachdenken. Es war zwar erst elf Uhr, aber vielleicht konnte ich Phil zum Essen ausführen und ihm dabei mitteilen, dass er ab morgen nicht mehr zu kommen brauchte. Wenn ich mir meine finanzielle Situation so überlegte, sollte ich mich möglicherweise besser einladen lassen.

So ein Unsinn! Resolut warf ich den Kugelschreiber, den ich immer noch in der Hand hielt, auf die Schreibtischablage. So schnell gab ich nicht auf, das sah mir gar nicht ähnlich. »Krönchen richten und Klinken bei den Banken putzen, das steht nun auf dem Programm! Noch ist nicht aller Tage Abend. Also jammer nicht herum, Clarissa!«

Ich seufzte leise. So weit war es schon gekommen. Ich führte Selbstgespräche und gab dabei Glückskekssprüche von mir.

Es klopfte an der Tür und meine Sekretärin meldete Phil an. Sie sah ziemlich verwirrt aus, weil ich einen Büroboten in das Arbeitszimmer bat. Vielleicht lag es aber auch an dem Anzug, in dem er steckte und irgendwie verkleidet darin aussah. Nicht, dass er ihm schlecht stand, das nicht. Es war nur so, dass er unverkennbar einen extrem athletischen Körperbau besaß und daher wohl in jedem Anzug merkwürdig wirkte.

Sein Erscheinen hatte gleichzeitig eine anregende und beruhigende Wirkung auf mich. Ersteres, da er wirklich unverschämt gut aussah, und Letzteres, weil ich mich in seiner Gegenwart geborgen fühlte. War das jetzt erbärmlich? Ach zum Teufel, er war ein Mann und ich eine Frau!

»Sie wollten mich sprechen, Miss Fowler?«

»Natürlich. Deswegen habe ich Sie ja hergebeten. Setzen Sie sich!« Es klang viel barscher, als ich es vorgehabt hatte. Aber ich war es gewohnt, in jeder Lage die Zügel in der Hand zu halten, und wollte nicht gerade bei einem engagierten Detektiv mit dieser Angewohnheit brechen.

»Ich habe noch nichts herausgefunden, wenn es um meinen Auftrag gehen sollte.«

Er lächelte geradezu unverschämt, während er mich mit seinen grünlich schillernden Augen betrachtete. Wusste er eigentlich um die Wirkung dieses Blickes? Mit Sicherheit, wie könnte er denn nicht? Ich schluckte die Spucke runter, die sich im Mund angesammelt hatte, und winkte nur ab.

»Mittlerweile habe ich weitere Probleme bekommen – mehr als genug, um es genau zu sagen.«

»Erzählen Sie mir mehr.«

»Dabei werden Sie mir kaum weiterhelfen können. Es geht um Kreditlinien, die sich auf einmal in Luft aufgelöst haben.«

»Einfach so?«

»Die Allgemeine hat mich im Stich gelassen und somit habe ich jetzt eine Lücke in den Büchern, wenn man es salopp formulieren will.«

»Und Sie meinen nicht, dass es mit den Gründen zusammenhängt, weswegen Sie mich engagiert haben?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Wenn man den Vertrieb sabotiert oder der Firma Kunden abspenstig macht, ist das eine Sache. Aber um eine Bank dazu zu bringen, auf das Geschäft zu verzichten, das ist doch ein ganz anderes Kaliber.«

»Und was haben Sie jetzt vor? Wollen Sie mich rauswerfen, bevor ich angefangen habe?«

»Die Idee war mir tatsächlich gekommen, aber Ihre Tagesgage kann ich mir noch leisten.«

Er lächelte. »Sagen Sie mir bitte rechtzeitig Bescheid, bevor ein Scheck platzt.«

Ich lehnte mich enttäuscht zurück. »Nur keine Sorge. Sie bekommen schon Ihr Geld.«

»Jetzt habe ich Sie verärgert.«

»Wie kommen Sie denn darauf? Nein, ich … habe jetzt nur viel zu tun. Halten Sie weiter Augen und Ohren offen und melden Sie, wenn Ihnen etwas auffällt.« Komisch, heute Morgen hatte ich noch recht viel Hoffnung in seine Arbeit gesetzt, aber nun brauchte ich keinen Detektiv, sondern ein Wunder.

Er musterte mich herausfordernd und traf keinerlei Anstalten, mein Büro zu verlassen.

»War noch was?«, fragte ich daher.

»Ich hatte recht, Sie sind verärgert.«

»Ich habe ja auch recht viele Probleme am Hals. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich muss mit sehr vielen Banken sprechen, um irgendwie an Geld zu kommen.«

Nun lehnte auch er sich zurück und faltete seine Hände. »Etwas sagt mir, dass Sie damit kaum Glück haben werden.«

»Versuchen muss ich es ja wohl!«, fauchte ich ihn an, da er allmählich meine Geduld strapazierte. »Haben Sie einen besseren Vorschlag?«

»Den habe ich.«

»Ich lausche gespannt.«

»Ich würde anregen, Sie klappern gemeinsam mit mir die großen Banken ab. Wir sprechen zusammen mit den Bankdirektoren und es wäre doch gelacht, wenn wir nichts erreichen.«

Ich deutete auf das Telefon. »Meinen Sie nicht, dass Telefonate zielführender wären? Glauben Sie wirklich, dass man uns ohne Probleme vorlässt? Einen Privatdetektiv in Verkleidung und eine Frau mit einem fast bankrotten Unternehmen?«

»Wieso Verkleidung?«

»Na wegen Ihres Anzugs ... darin sehen Sie recht merkwürdig aus. Ich weiß, ich wollte es so, aber trotzdem ...«

»Lassen Sie es uns auf meine Art versuchen. Ich habe gelernt, dass ich auf viele Menschen sehr überzeugend wirken kann.«

»Vermutlich auf den weiblichen Teil der Menschheit.«

Nun grinste er wie ein kleiner Junge, dem man sein Lieblingseis versprochen hatte. »Die im Besonderen. Nun? Was haben Sie denn zu verlieren? Außerdem ... vielleicht habe ich noch eine Idee.«

Ich sah mich schon bei ihm im Bett liegen, mit einer großen, roten Schleife um den Körper und ihn nackt neben mir ...

Ich schüttelte den Kopf, um ihn wieder klarzubekommen. »Also gut. Ich werde es zwar bereuen, aber wir treffen uns um ein Uhr nachmittags im Restaurant 'Vier Jahreszeiten'. Es liegt ...«

»Ich weiß, wo es ist«, sagte er und überraschte mich erneut. Die Preise auf der Speisekarte waren eigentlich weit über seiner Gehaltsklasse, wie ich annahm. Und auch weit über dem, was ich mir leisten sollte, aber für Tütensuppen und stilles Wasser war ich noch nicht bereit.

»Abgemacht«, sagte Phil und stand auf. »Seien Sie pünktlich.«

Mir blieb vor Verwunderung der Mund offenstehen, und ich sah ihm nur stumm nach, wie er aus meinem Büro stiefelte. Was für eine Chuzpe ... und was für ein Arsch – in doppelter Hinsicht.

*****

Ich erschien um fünfzehn Minuten nach eins im Restaurant und ließ mich vom Empfangschef zu Phils Tisch führen.

Er deutete nur ein kurzes Nicken zur Begrüßung an und blickte danach weiter in die Karte, während ich mich auf meinen Platz setzte. Sogar der Ober zog erstaunt eine Augenbraue nach oben, als er diesen seltsamen Empfang bemerkte.

»Sonderlich gute Manieren haben Sie nicht«, schnappte ich, nachdem der Empfangschef gegangen war.

»Sie sind zu spät!«

»Das ist die akademische viertel Stunde.«

»Sie sind hier nicht an der Uni!«

Langsam hatte ich genug. »Ich treff mich hier mit Ihnen – warum auch immer – obwohl ich Besseres zu tun hätte und Sie …«

»So? Was haben Sie denn vor? Ich nehme an, Sie haben in den letzten beiden Stunden einige Ihrer sogenannten Freunde angerufen und um Hilfe gebeten. Lieg ich damit richtig?«

Ohne es zu wollen, lief ich rot an. War ich denn so leicht zu durchschauen? »Und wenn dem so wäre? Sollte ich die ganze Zeit über im Büro sitzen und Däumchen drehen?«

»Haben Sie irgendwelche Banken angerufen?«

»Wieso wollen Sie das wissen? Ja, ich habe den Direktor der Danziger Bank angerufen. Mit dem Herrn hat mein Vater vor drei Jahren sehr gute Geschäfte gemacht, die ihm zu einigem Wohlstand verholfen haben.«

»Aha. Und ich nehme an, er hat Ihnen einen herzlichen, aber gut gemeinten Tritt verpasst, als Sie ihn um einen Kredit angegangen sind?«

Nun glühte ich wahrscheinlich wie eine Verkehrsampel. »Der Kerl … sagte, es wäre jetzt keine gute Zeit … die Konjunktur und das Finanzwesen lägen am Boden … daher täte es ihm leid …«

Phil hatte mir aufmerksam zugehört und … jetzt lächelte er auch noch! Das war zu viel!

»Grinsen Sie nicht so dämlich! Lassen Sie uns diese Farce beenden und …«

Er schob mir eine Liste zu. »Ich habe in den letzten zwei Stunden ein paar vielversprechende Adressen rausgesucht, die wir heute Nachmittag abklappern sollten.«

Ich nahm das Blatt Papier und ging die Namen durch. Keiner darauf sagte mir etwas. »Was soll das sein? Sind das Ihre Buchhalter? Zocken Sie gerne? Wie können uns die Kerle helfen?«

»Es sind auch ein paar Frauennamen auf der Liste.«

Ich schnaubte durch die Nase. »Das sehe ich, bin ja nicht blind! Dennoch steht die Frage im Raum: Was soll ich damit anfangen? Es geht um zehn Millionen Dollar, nicht um ein paar Cent für einen Hamburger!«

»Dies sind alles gute Bekannte, Kumpel, Freunde von mir. Jeder Name auf der Liste hat so einiges an Bargeld in der Hinterhand, die er mir sicher gerne ausleihen wird.«

»Ich sag es gerne noch einmal, falls Sie es nicht verstanden haben sollten: Zehn Millionen Dollar!«

»Und deswegen steht nicht nur ein Name auf der Liste. Vorher können wir aber dem Plan gemäß die verschiedenen Banken abklappern. Ich habe mich aber schlau gemacht und vorher etwas recherchiert.«

»Alles in den zwei Stunden?«

Er grinste schon wieder so anzüglich und nickte. »Ja, habe ich. Mein Job als Bürobote ist dabei leider etwas zu kurz gekommen, aber Sie können es mir ja vom Gehalt abziehen.«

Ich trommelte mit den Fingern nervös auf die Tischplatte. Da saß ich hier in einem Restaurant und vergeudete Zeit. Vielleicht sollte ich jetzt und hier meinen Anwalt anrufen und ihn feuern.

»Wenn Sie mich nur verarschen, dann ziehe ich Ihnen mehr als nur das Gehalt ab!«

Nun schüttelte er den Kopf, während sein Grinsen noch breiter wurde. »So hässliche Drohungen aus einem so hübschen Mund.«

Ich gab es auf. Dann würde ich eben das Spiel mitspielen und falls dabei nichts herauskam, würde ich ihn achtkantig feuern. Resolut langte ich über den Tisch und riss ihm die Karte aus der Hand – auch wenn vor mir natürlich eine eigene lag. »Geben Sie her. Jetzt essen wir eine Kleinigkeit und dann machen wir uns endlich an die Arbeit!«

Kapitel 3

Phil

Ich genoss es, sie etwas auf die Palme zu bringen. Je mehr sie vor Wut kochte, desto schöner und begehrenswerter erschien sie mir. Es war dieses innere Feuer, dass ihre Augen zum Strahlen und ihre animalische Seite, die jeder Mensch besaß, deutlich zum Vorschein brachte.

Mir gefiel auch, dass sie genau wusste, was sie wollte – zumindest was die Getränke und das Essen anging. Ihr fehlender Kredit war ganz etwas anderes. Mit der von ihr vorgeschlagenen Vorgehensweise würden wir nichts erreichen, das war mir nach einer kurzen Recherche im Netz klargeworden. Selbst mit meiner besonderen Wirkung auf Menschen könnten wir bei den Bankern nur Schiffbruch erleiden. Es war ohnehin fraglich, ob ein Bankier überhaupt zur menschlichen Rasse gehörte. Gut, ich übertrieb manchmal, aber diese Personen hatten häufig nicht mehr als Zahlen im Kopf.

»Würden Sie endlich aufhören, mich anzustarren?«, hörte ich Clarissa sagen. »Das macht mich langsam nervös.«

Mir war gar nicht aufgefallen, dass ich meine Augen nicht eine Sekunde von ihr abgewendet hatte. »Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe nachgedacht.«

»Ein Mann, der eine Frau derartig fixiert, stellt sie sich ohne Kleider vor. War das auch bei Ihnen der Fall?«

»Ich versichere Ihnen, dass das nicht zutrifft.«

»Und warum nicht? Bin ich in Ihren Augen so häßlich?«

»Öh … was? Nein, natürlich nicht.«

Sie nickte zufrieden und trank den Rest ihres Weins aus. Die letzte Frage hatte mich überrascht, da ich mit einer solchen Reaktion nicht gerechnet hätte. Sie gefiel mir mit jeder Minute besser. Ich winkte den Ober herbei, um die Rechnung zu begleichen, was Clarissa mit einer mokant hochgezogenen Augenbraue kommentierte. Wenn sie wüsste, dass ich mir Geld von einem Freund hatte leihen müssen.

»Anscheinend bezahle ich Ihnen zu viel«, meinte sie, nachdem wir das Restaurant verlassen hatten. »Wir sollten nachverhandeln.«

»Das können wir machen, wenn wir nachher nichts erreichen.«

»Ich nehm Sie beim Wort.«

*****

Es war zwei Uhr am Nachmittag, als wir die erste der fünf Banken aufsuchten, die sie vorgeschlagen hatte. Ich gab mein Bestes, um unsere Gesprächspartner zu überzeugen, doch drei Stunden und fünf Gespräche später hatten wir null Komma nichts erreicht.

»Das hätte ich am Telefon auch geschafft«, sagte sie und ich hörte ihr an, wie niedergeschlagen sie war. »Bei den anderen Banken brauchen wir es gar nicht mehr zu versuchen. Ich sollte der Tatsache ins Auge sehen: Ich gehe bankrott.«

»Sie geben zu schnell auf!«, widersprach ich. »Nun kommen wir zu meiner Liste!«

»Wollen Sie jetzt noch damit beginnen? Es ist schon fünf Uhr durch.«

»Für die Typen, die wir nun aufsuchen, ist es gleichbedeutend mit frühem Vormittag. Und eines möchte ich gleich vorwegschicken: Ich führe die Verhandlungen, Sie mischen sich nicht ein, klar?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Hab nichts dagegen. Falls wir einem dieser zwielichtigen Geschäftsleute ein paar Dollar aus dem Kreuz leiern, können wir uns ja auf dem Rückweg noch ein Hot Dog gönnen. Für einen reicht es ja vielleicht.«

»Vertrauen Sie mir. Ich weiß, was ich tue!«

Sie stieß die Luft durch die Nase aus. »Ich kenn den Spruch aus einer Fernsehserie, Sledge Hammer. Danach kam es dort regelmäßig zu mittelschweren Katastrophen.«

Ich erwiderte nichts darauf, sondern schlug stattdessen den Weg zu dem größten und gleichzeitig exklusivsten Nachtclub der Stadt ein, dessen Besitzer mir ein paar Gefallen schuldete. Außerdem war er ein Wandler, wie ich sehr gut wusste – wenn auch ein Fuchs.

Ich sah, wie meine Auftraggeberin die Innendekoration misstrauisch beäugte. Besonders die Stangen, an denen sich nachts die Tänzerinnen lasziv rekelten, schienen es ihr angetan zu haben. Wenn sie wüsste, dass viele der Frauen Katzenwandler waren und deswegen auf die Männer sehr anziehend wirkten, hätte sie sich noch bedeutend mehr gewundert.

»Worüber denken Sie nach?«, fragte ich schließlich, während wir an der Bar auf unseren Gesprächspartner warteten.

»Nicht an das, was sie wohl vermuten.«

»Und das wäre?«

»Ich überlege nicht, mir hier einen Job zu suchen, falls meine Firma den Bach runter geht.«

»Sondern?«

»Ich frage mich, wie sich die Frauen wohl fühlen, wenn sie sich hier fettbäuchigen Kerlen anbieten.«

»Das ist kein Sexclub. Die Mädchen hier werden sehr gut bezahlt und bekommen Trinkgelder, von denen wir beide nur träumen können. Und wenn sich einer der Gäste daneben benimmt oder übergriffig wird, ist er hier schneller draußen als er piep sagen kann.«

»Trotzdem … es ist entwürdigend!«

Ich sah, wie Jonathan Foxworth den Hauptraum des Clubs betrat, und winkte ihm zu, bevor ich mich noch einmal an Clarissa wandte. »Schmieren Sie es ihm nicht aufs Brot, wie sehr Sie diesen Ort verabscheuen«, wisperte ich ihr zu. »Denken Sie daran, dass wir das Geld brauchen.«

»Ich werde schweigen wie ein Grab!«

Jonathan begrüßte mich eine Spur zu herzlich und für ein paar Sekunden ging ich im Kopf meine Schulden durch. Nein, bei ihm stand ich nicht in der Kreide, deswegen wohl auch die freundliche Begrüßung.

Im Gegensatz zu den Gesprächen mit den Bankiers kamen wir hier schnell auf den Punkt. Ich sagte ihm, warum wir hier waren, und bot ihm einen anständigen Zinssatz für ein Darlehen – wenn auch nicht übertrieben hoch. Clarissa schwieg eisern, während Jonathan sie eingehend betrachtete.

»Ich habe schon so einiges läuten hören«, sagte er schließlich. »Probleme mit den Banken, nicht wahr, Miss Fowler?«

Das überraschte mich jetzt doch, denn ich hätte nicht gedacht, dass er sich für die Geschäftswelt interessierte und jemanden wie Clarissa kannte.

»Was glaubst du, welche Art Männer sich hier die Zeit vertreiben?

---ENDE DER LESEPROBE---