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Der Roman spielt hauptsächlich in Berlin und München. Die schöne Heldin des Romans, an Kleptomanie leidend und eine Übersetzerin von Beruf, spielt als vorgebliche Filmschauspielerin in dem Gespensterfilm "Die weiße Dame" die Hauptrolle, die sie berühmt macht, denn zukünftig wird sie von vielen als "die weiße Dame" überall wieder erkannt, auch noch im Älterwerden. In den Regisseur des Films, in den Rudolph K., verliebt sie sich während der Dreharbeiten, aber ein Unglück trennt die beiden Liebenden bald wieder, die dann erst als ältere Leute wieder zusammenfinden, aber sich auch wieder verlieren. In der Zwischenzeit läuft sehr viel Unwägbares ab, mitunter auch psychische Krankheiten oder Verfolgung durch einen Detektiv, was mit viel Mühsal für die reiche Heldin des Romans verbunden ist, die sich in jungen Jahren ohne Liebe mehrfach aus Habgier mit Milliardären verheiratet hat, doch bald wieder scheiden hat lassen. Bei jeder Scheidung erhielt sie eine Abfindung von mehreren Millionen und konnte sich darum ein Stadthaus in Berlin und später eines in München kaufen. Sie baut sich in München eine Clique von künstlerischen Leuten auf...
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Seitenzahl: 306
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Es war im Jahre 1961 zu Frühlingsanfang, als folgendes Gespräch in einer Westberliner Mietwohnung zwischen Mutter und Tochter Bromberg stattfand:
Oh, Corinna, da bist du nun endlich!, begrüßte sie ihre Mutter, als ihre jüngste Tochter vom Gymnasium nachhause kam. Ich muss dir gleich eine große Neuigkeit mitteilen. Bei mir war gerade eine Wahrsagerin hier und hat mir meine Zukunft aus den Handlinien gelesen. Was glaubst du, was sie mir von dir gesagt hat?
Ich weiß es nicht, Mama.
Die Wahrsagerin sagte zu mir: Ihre jüngste Tochter wird einmal sehr schön, reich und berühmt werden, wenn sie groß ist.
Was sagst du dazu?
Was soll ich dazu sagen? Ich bin ganz überrascht, Mama.
Die Wahrsagerin fügte noch hinzu, ein Millionär wird dich heiraten, der ein Schloss oder einen Palast besitzt. Ist das nicht fabelhaft? Dann werde auch ich mit dir reich werden.
Ach, Mami, das ist ja wunderbar! Aber es ist doch noch so lange hin, ich bin doch erst 11 Jahre alt geworden.
Die Jahre vergehen schneller als man denkt, Kind, und bald wirst du groß sein.
Mama sag mir, wie konnte die fremde Frau das wissen? Das kann ich nicht ganz begreifen.
Eine Wahrsagerin kann das eben. Deshalb heißt sie doch auch Wahrsagerin, weil sie Wahres vorhersagen kann.
Mama, das wusste ich noch gar nicht, dass es solche Leute gibt.
Freilich, gibt es solche Leute! Die gab es schon immer und die wird es auch immer geben.
Mamas letzte Worte überzeugten endlich Corinna.
Das ist ja ein Ding!, Mama, wenn das wirklich stimmt.
Freilich stimmt das. Du wirst es erleben, Corinna. Warte es ab! Habe nur noch ein bisschen Geduld. Es wird so kommen, wie es uns die Wahrsagerin vorhergesagt hat.
Daraufhin setzte sich das kleine Mädchen bedächtig zu Tisch und aß mit großem Appetit zu Mittag, während sie an ihre großartige Zukunft dachte.
Ob die Mutter als Erziehungsperson richtig gehandelt hat? Das ist sehr fraglich. Jedenfalls beeinflussten Mutters Worte stark Corinna Brombergs Werdegang.
Corinna, die jüngste von drei Schwestern, fühlte sich von nun an wie auserwählt, stand fortan oft vor dem Spiegel und betrachtete mit Genugtuung, wie sie von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr schöner wurde. Sie freute sich über ihr hübsch geschnittenes rosiges Gesicht, über ihre schöne Gestalt und vor allem über ihre goldnen Zöpfe, die aufgelöst, eine wahre Lockenpracht darstellten.
Ihre Mutter, eine Berliner Großstadtdame und ehemalige Tänzerin, die viel Geld für sich selber ausgab, war keine gute Hausfrau, kochte schlecht, wusch selten die Wäsche, bügelte nie und verstand nichts vom Flicken und Stopfen. Das Haushaltsgeld reichte hinten und vorne nicht. Ihr Mann warf ihr Inkompetenz im Haushalt vor. Als nicht sehr erfolgreicher Notar mit wenig Klientel, verdiente er nicht genug Geld für seine fünfköpfige Großstadtfamilie. Kurzum, die Familie litt Not; es reichte zum Essen, aber nicht für schöne Kleidung für die heranwachsenden Töchter.
Da die jüngste Tochter Corinna sehr hübsch war, wollte sie natürlich auch schöne Kleider tragen, so wie ihre Mitschülerinnen am Gymnasium, das war doch klar. Aus dieser Not heraus, fiel sie in eine große Versuchung. Nach dem Unterricht und noch mit dem Schulranzen auf dem Rücken ging sie jetzt in große überlaufene Kaufhäuser und stahl sich still und heimlich, wenn gerade niemand zugegen war und zusah, schöne Kleider, schob sie flink in den Schulranzen, setzte diesen wieder auf den Rücken und verließ abrupt das Kaufhaus. Natürlich fragte hinterher ihre Familie, wenn sie das Kleid am Körper trug: Corinna, woher hast du plötzlich das schöne Kleid her?
Ach, sagte sie dann, ohne rot zu werden, das hat mir eine Frau auf der Straße in die Hand gedrückt und dabei gesagt: Ein schönes Mädchen muss auch ein schönes Kleid tragen. Hier, nimm es, Kleine.
Ich wollte es zuerst ablehnen und habe mich lange dagegen gesträubt, aber die Frau ließ nicht locker und drängte es mir auf; da musste ich es wohl oder übel annehmen.
Hierauf wusste man ihr in der Familie nichts mehr dagegen zu sagen und glaubte es ihr.
Diese Vorgehensweise wiederholte sich von nun an alle ihre kommenden Jungmädchenjahre lang. Freilich hegte man in der Familie den leisen Verdacht, dass Corinna stiehlt. Aber Frau Bromberg ließ sie gewähren; denn offenbar stahl sie selber auch. Herr Bromberg steckte schwer in seinem Beruf und bekam von Vielem, was in seiner Familie ablief, gar nichts mit. Nur selten befasste er sich mit Corinna und sagte zu ihr: Du wirst doch nicht stehlen? Mache das nicht, meine Tochter, sonst wirst du bestraft werden.
Aber Corinna konnte trotz Warnung vom Stehlen nicht mehr lassen und entwickelte sich allmählich zur richtigen Kaufhausdiebin. Es ging ihr in Fleisch und Blut über. Kein Wunder, dass sich bei ihr über kurz oder lang ein krankhafter Zug zum Stehlen entwickelte. Je älter sie wurde, umso professioneller betrieb sie ihr Diebeshandwerk. Niemand kam dahinter; es glückte ihr jeder Versuch, jeder Handstreich. Langsam quoll ihr Kleiderschrank über von schönen Kleidern, Täschchen und niedlichen Schuhen. Ihre älteren zwei Schwestern, reagierten neidisch und sagten unter sich: Corinna stiehlt, das ist doch eindeutig! Sie kann doch nicht alles von dieser rätselhaften Frau auf der Straße geschenkt bekommen!
Sie wuchs und wurde so schön, dass Altersgenossinnen am Gymnasium sie beneideten, nicht zuletzt auch wegen ihrer schönen Kleider, mit denen sie durch Westberlins Straßen flanierte wie eine wahre Fee. Die Familie wohnte zur Miete in einem großen Stadthaus. Mit ihren älteren, weniger gut aussehenden Schwestern verstand sie sich überhaupt nicht gut, ließ sie links liegen und gab sich nicht mit ihnen ab. Schon früh liefen ihr junge Männer nach und wollten sie zu ihrer Freundin machen, mit ihr anbandeln, aber weil sie noch keine Millionäre sein konnten, lehnte sie diese strikt ab, vor allem auch, weil ihre Mutter hinter ihr stand und sie stets mahnte: Auf dich, Corinna, wartet niemand anderer als ein Millionär mit einem Palast, also habe noch etwas Geduld und warte ab.
Ab Fünfzehn trug sie ihre blonden Zöpfe offen. Lose fielen ihr fortan goldne Locken weit über die Schultern herab. Sehr aufreizend wirkte sie jetzt und nicht mehr wie ein braves Gretchen. Zu einem sehr koketten Geschöpf wuchs sie heran, das in Westberlins Straßen auffiel. Gerne trieb sie sich in großen Einkaufsstraßen herum, wo sich die vielen Kaufhäuser befanden und wo sie sich inzwischen als Diebin wie zuhause fühlte.
Seit langem hielt sich die Berliner Großstadtgöre schon für kein normales junges Mädchen, sondern für eine Auserwählte, besonders seit ihre Mutter ihr den Floh ins Ohr gesetzt hatte: Du wirst einmal reich werden!
Vermutlich hatte sie diese Botschaft der Wahrsagerin so unvorstellbar eitel und hochmütig gemacht und letztlich ganz verdorben. Bescheidenheit und Naivität gingen ihr verloren, besonders auch, als sie an einem Westberliner Schönheitswettbewerb teilnahm und tatsächlich den ersten Platz belegte.
Ach, wie schade um diesen Menschen Corinna!, denn so würde sie vielleicht die wahre Liebe niemals kennenlernen und zukünftig ein oberflächlicher Mensch werden wie so viele andere auch. Ja, dies war ihrer Veranlagung nach zu befürchten.
Einmal schaute ihr der Vater heimlich durch den Türspalt zu, wie sie sich mit einem neuen gestohlenen Kleid wie ein Pfau bewundernd vor dem Wandspiegel drehte. Sicher, auch ihre Figur war tadellos. Nichts war zu beanstanden! Was habe ich doch für eine große Schönheit gezeugt!, ging es dem Vater bei ihrem Anblick durch den Kopf. Aber ihre Gefallsucht missfiel ihm trotzdem sehr. Darum sagte er zu ihr: Mein Kind, du wirst aus Eitelkeit noch zugrunde gehen!
Ihr Vater prophezeite ihr also das Gegenteil von dem, was ihre Mutter ihr sagte.
Aber Vaters Worte verhallten wie ein Echo im Wald, während Mutters Worte in ihrem Herzen immerzu grünten und präsent blieben, vermutlich hatten sie schon Wurzeln geschlagen in ihren blutjungen Jahren.
Ihr Vater, der schon kränkelte, beobachtete seine heranwachsende jüngste Tochter weiterhin kritisch und argwöhnisch, wenn er erschöpft und geschwächt auf dem Sofa lag und ihr zusah. Aber er starb bald bei einem Jagdunfall im Brandenburger Wald, zu dem ihn seine Kumpanen eingeladen hatten.
Ihre zwei älteren Schwestern heirateten schon früh und lebten in armen, aber glücklichen Verhältnissen. Corinna blieb in der Mietwohnung bei ihrer Mutter wohnen, wo sich beide gerade noch mit der Witwenrente der Mutter über Wasser halten konnten. Mehr als jemals zuvor vervollständigte die Mutter ihr Werk nun an der jetzt 19-jährigen Tochter, die gerade ihr Abitur machte, indem sie ihr stets einbläute: Lass dich nicht ein mit gleichaltrigen Burschen, die sind noch nichts und haben noch nichts. Dein Los aber ist es, einmal reich zu werden, denke immer daran!
Nach dem Abitur studierte Corinna Fremdsprachen: Vier Semester in Berlin, zwei Semester in London und zwei Semester in Paris. Den Auslandsaufenthalt zahlte ihr ein reicher Onkel, der Bruder ihres verstorbenen Vaters, denn Corinna selbst hätte sich ein Studium im Ausland nie im Leben leisten können. Anschließend kehrte sie als Übersetzerin nach Westberlin zurück, wo sie in einem Buchverlag eine Anstellung erhielt.
Eines Tages nahm sie der reiche Onkel, der ein großer Literaturliebhaber war, mit zur Frankfurter Buchmesse, denn Corinna interessierte sich ebenfalls in leidenschaftlicher Weise für Literatur. In Frankfurt am Main wurde sie eines Tages von einem noch relativ jungen Millionär angesprochen und um ein Stelldichein gebeten. Meine Stunde schlägt, dachte sie in heller Freude, und zeigte sich sofort mit einem Rendezvous einverstanden. Aufgeregt teilte sie diesen freudigen Umstand und Entschluss ihrem Onkel und ihrer Mutter mit. Es dauerte nicht lange, da hielten Corinna und der Millionär eine pompöse Hochzeit mit allem Drum und Dran, wie es sich für reiche Leute gehört. Scheinwerfer wurden von aufdringlichen Pressefotografen auf das Hochzeitspaar gerichtet, als es umjubelt aus dem Dom trat und sich der Menge zeigte, die über Corinnas ungewöhnlicher Schönheit staunte. Die Flitterwochen verbrachte das frisch gebackene Ehepaar atemlos vor lauter Staunen auf einem Luxusschiff, das sie rund um die Welt führte. Wieder zuhause, lebten sie in Saus und Braus. Im Schloss, wo sie wohnten, brauchte sie keine Hände zu rühren und wurde von einer Dienerschaft verwöhnt. Sie fühlte sich wie im siebenten Himmel, obgleich sie ihren Ehemann nicht liebte. Immerzu zerstreute man sich, ging laufend in Gesellschaft, auf Bälle und Hochzeiten, in Opern und Konzerte, wo ihr Ehemann immer mächtig mit seiner schönen jungen Ehefrau angab, die alle Schönheiten der Welt überträfe, so wie er glaubte. Ihre arme Mutter, die vom Glück ihrer Tochter hörte, fuhr voller Hoffnung zum Schloss, um sich Geld zu erbetteln und mit einigen 1000 DM beschenkt, fuhr sie mit Freudentränen in den Augen wieder nachhause zurück.
Die schönste Zeit ihres Lebens glaubte nun Corinna zu genießen. Sie nahm täglich die Pille, denn Kinder wollte sie keine bekommen. Ihr Ehemann aber trachtete aufrichtig auf einen Erben. Ihr Verhältnis verdüsterte sich deshalb zusehends nach zwei Jahren Ehe. So blieb es nicht aus, dass ihre Ehe wieder geschieden werden musste. Es fiel ihr weiter nicht schwer, denn mit der Zeit hatte sie ihren ungeliebten und steinreichen Mann, der immer nach seinen Jagdhunden roch, überbekommen.
Der Millionär überreichte ihr zum Trost bei der Scheidung noch einen Scheck von einigen Millionen als Abfindung. Damit gab sich Corinna recht zufrieden. Allerdings fand auf Seiten der Mutter jetzt eine große Enttäuschung statt, die nun behauptete: Tochter, du wirst noch arm werden, arm und elend!
Ihre Mutter, die auf großem Fuße leben und immer Geld von ihrer Tochter erpressen wollte, war nun, versteht sich, sehr enttäuscht.
Als Corinna geschieden war, ging sie wieder in ihren Beruf, um Übersetzungen zu machen. Ein Westberliner Buchverlag, der sie schon kannte, gab ihr wieder ein Buch zum Übersetzen. Manchmal wurde es ihr unvorstellbar langweilig, dann musste sie sich zerstreuen. Wie benommen rannte sie durch die Straßen und verschwand in den Kaufhäusern, um wieder etwas zu stehlen. Dies gab ihr wieder eine Zeitlang Aufwind und Auftrieb. Der Lauf der Dinge und ihr Schicksal eben, das sich so schrecklich ankündigte. Wie früher als armes Mädchen nahm sie wieder die Kaufhäuser unter die Lupe, fuhr Rolltreppen auf und nieder, jetzt jedoch getarnt als reiche, wohlhabende Dame mit toller Ausstattung, eleganter Kleidung, Schuhe mit Pfennigabsätzen und teuerstem Schmuck. Warum stahl sie bei ihrem Reichtum jetzt immer noch? Das kam ihr selber komisch vor. Etwas ganz Paradoxes spielte sich ab. Vermutlich war es eine Regression, ein Rückfall in frühere Verhaltensmuster, wo sie sich aus bloßer Armut nach Strich und Faden Waren in Kaufhäusern zusammen stahl. Dieser Hang zum Stehlen war ihr offenbar geblieben, was völlig unverständlich war.
Manchmal wurde sie unterwegs von Räubern überfallen und beraubt. Gedemütigt und niedergeschlagen kam sie dann zuhause an, so wie heute wieder. Sie besah sich im Spiegel und sagte enttäuscht: Ach, auch meine Perlenkette, mein teures, edles Glanzstück haben sie mir abgenommen! Sie ließ minutenlang traurig Kopf und Arme hängen und beweinte ihr tristes Schicksal. Und wie sie übertrieb: Arm bin ich geworden, die Schönheit halb verloren!
Bald darauf aber sagte sie aufmunternd zu sich selber: Ich muss mir wieder einen reichen Sonnyboy anlachen wie vormals schon; ich besitze doch noch Reiz genug, bin noch jung genug. Dann wischte sie sich energisch die Tränen fort, trat wieder vor dem Spiegel und sagte sich: Meine Figur ist noch tadellos, die Haut jung, glatt und frisch wie Morgenrot, das Haar wie edles Gold so blank und so voller Glanz, dass es jeden blendet, die Stirn sehr steil, was mich klug aussehen lässt, um von meinen schönen dunkelblauen Augen ganz zu schweigen. Oh, ich bin noch reizvoll genug für einen reichen edlen Mann, der Augen im Kopf hat!
Und so geschah es denn auch. Sie nahm jetzt den ersten reichen Mann, den Millionär Alvin Süß, der sie im Foyer der Oper ansprach und rundheraus fragte: Edle Dame, wollen Sie mit mir auf Weltreise gehen?
Er war sichtlich gerührt und verliebt auf den ersten Blick. Aber sie nicht. Sie wusste bis dato noch immer nicht, was wahre Liebe ist. Trotzdem sagte sie sofort zu, indem sie behauptete: Eine Weltreise habe ich schon immer angestrebt. Sehr gerne reise ich mit Ihnen mit.
Auf einem Luxusschiff genossen sie dann die endlose Fahrt übers Meer rund um die Welt. Endlich kehrten sie wieder zurück. Sie gab vor, Alvin Süß zu lieben, doch es war eine Lüge. Zuhause feierten sie mit all dem aufwendigen Pomp ihre Hochzeit. Aber trotz all dem Positiven, dem Luxus, dem Reichtum, was ihr vom neuen Ehemann kam, war sie nicht recht zufrieden mit ihm und wartete die Möglichkeit ab, sich wieder von ihm zu trennen, was nicht ausblieb; denn auch er sagte schließlich nach zwei Jahren Ehe so wie schon vorher der erste Ehemann: Du wirst nicht schwanger, Corinna, ich jedoch brauche Erben für meine Millionen, also müssen wir uns scheiden lassen. Bist du einverstanden? Ich werde dich abfinden mit 3 Millionen.
Ja, sagte sie, ich bin einverstanden, Alvin.
All das Verwöhnen, das Schweben im Schönen war wieder verebbt und Corinna, obgleich wieder abgefunden mit Millionen, stakste nun einsam durch Westberlin und wusste nichts Rechtes mit sich anzufangen vor lauter Ödnis und unbestimmtem Verlangen. Schlecht gelaunt, besann sie sich wieder auf ihren Beruf, ging zu ihrem Buchverlag und übersetzte Bücher aus fremden Sprachen ins Deutsche. Ihr Buchverlag war höchst verblüfft darüber, wie schnell und präzise, ganz ohne Fehler, ihr die Übersetzungen gelangen. Wegen Ihrer großen Kompetenz im Übersetzen, Frau Bromberg, sagte ihr Chef, verdienten Sie eine Auszeichnung.
Corinna machte anschließend, nachdem sie einige Bücher übersetzt hatte, Urlaub, besuchte verschiedene Großstädte, reiste nach Paris, flog nach London, wo sie sich längere Zeit aufhielt. Immer zogen sie die Metropolen an. Dies war schon immer so. Als sie einmal im Londoner Hyde Park spazieren ging, um nichts zu suchen, das war ihr Sinn, da entriss ihr plötzlich ganz unerwartet in Sekundenschnelle eine Bande routinierter Taschendiebe all ihre Habseligkeiten, die sie mit sich führte. Sie erleichterten sie sehr. Leicht wie ein Vogel fühlte sie sich hinterher. Wie die das nur machen?, wunderte sie sich. In England, dachte sie, sind Räuber und Diebe zuhause, denkt man nur an Oliver Twist oder Robin Hood. Aber vielleicht ist meine vorschnelle Meinung ein bloßes Vorurteil, denn Menschen sind doch überall gleich.
Sie war froh darüber, dass sie wenigstens ihre Bankkarte in ihrem Büstenhalter versenkt hatte. Aber London gefiel ihr plötzlich nicht mehr. Zu viel Gesindel an allen Ecken und Enden und keine Millionäre, sagte sie sich, also, fort von hier. Lieber flog sie direkt nach Rom, wo sie sich um eine Privataudienz beim Papst bemühen wollte. Sie glaubte, alles und alle stünden ihr, der Schönen, zur Verfügung. Aber es kam ganz anders. Im selben Flugzeug, mit dem sie von London aus nach Rom flog, befand sich ein orientalischer Prinz, der sie in Englisch ansprach, sich vorstellte als Omar und sie dringend um ein Stelldichein bat, als sie nebeneinander in Rom den Flughafen verließen. Sie willigte ohne Umschweife ein, denn sie wollte wieder verheiratet sein, um sich erneut als richtige Ehefrau zu fühlen, der ein Ehemann zu Füßen liegt und sie anbetet. Und es kam genauso wie gewünscht. Sie dachte dabei: So ein arabischer Ölscheich hat sicher noch mehr Geld als deutsche Millionäre, denn Ölscheiche besitzen neben unsäglichen Millionen auch noch unerschöpfliche Ölfelder, so wie man heutzutage von überall her hören kann. Es ist mir recht! Den angle ich mir jetzt.
Er nahm sie tatsächlich gleich mit in seine kürzlich erst gekaufte Villa. Sie war nicht sein einziges Weib, musste sie leider gleich feststellen. Viele schöne Frauen gingen hier in der feudalen Villa aus und ein, die den Scheich mit zurückgeworfenem Schleier und einem Kuss begrüßten, wenn sie ihm begegneten. Um ihre Situation zu klären, da sie ihn fragend anschaute, sagte er zu ihr: Corinna, du sollst meine Hauptfrau sein, denn du bist das blondeste und schönste Weib unter allen meinen Haremsdamen. Also kannst du recht zufrieden sein.
Gleich nach der Ankunft führte er sie ins Bad, das nach orientalischen Essenzen duftete. Sie befragte ihn wieder: Bist du wirklich ein Prinz, Omar, oder tust du nur so als ob?
Jawohl, ich bin ein Prinz, gestand er ihr mit Nachdruck, da liegst du ganz richtig.
Die vielen Nebenfrauen reagierten sauer, weil Omar sich eine Hauptfrau angeschafft hatte. Die obskure Situation mit dem Harem befremdete Corinna sehr. Auf so etwas Fremdartiges war sie wirklich nicht gefasst gewesen, und nur schlecht konnte sie sich damit abfinden. Aber auch den Omar liebte sie nicht. Daher hielt sich ihre Eifersucht auf die andern Haremsdamen in Grenzen. Überhaupt wusste sie bis dato noch immer nicht, was wahre Liebe ist, von der sie so viel gehört, geträumt und in Romanen gelesen hatte, eine Tatsache, die sie mitunter beunruhigte und fassungslos machte. Eines Tages bat sie Omar: Fliegen wir doch nach Westberlin, dort ist mein Zuhause, ich will dich endlich meiner Mutter vorstellen. Sie erwartet unseren Besuch.
Gut, sagte Omar, fliegen wir nach Westberlin.
Corinna gefiel dem Scheich über alle Maßen, darum wollte er nur noch mit ihr verkehren und vernachlässigte total seinen Harem in Rom, was ihm seine Haremsdamen natürlich verübelten. Er sagte zu ihr: Jetzt brauche ich keinen Harem mehr, Corinna, seit ich dich kenne, du allein genügst mir vollkommen. Oder er sagte: Für dich könnte ich mich zerreißen und monogam leben wie die abendländischen Herren. Weder Komplimente noch seine Schönheit ließen bei Corinna Liebe aufkommen. Omar war nämlich ein schöner Mann mit kohlschwarzen Augen und rabenschwarzem Haar, ein eleganter Herr von Kopf bis Fuß, der immer weiße Anzüge und einen extravaganten bunten Turban trug, der an einen Papagei erinnerte. Seine langen gepflegten Fingernägel glänzten wie Elfenbein so prächtig.
In Westberlin angekommen, verlor der Scheich Omar fast die Kontrolle über sich, als er feststellen musste, wie die vielen hübschen Berliner Mannsbilder hinter seiner koketten, vollbusigen Corinna her waren. Darum wich er keine Sekunde mehr von ihrer Seite. Grenzenlose Eifersucht ergriff ihn hier. Entsetzt sagte er zu Corinna: Es ist wahr, dass einem eine schöne Frau nicht alleine gehört. Mir fällt dies sehr auf hier in Westberlin.
Er musste sich daran gewöhnen, mit ihr in der Öffentlichkeit aufzutreten, weil dies Corinna von ihm forderte. In seiner aufgeflammten Eifersucht umarmte und küsste er sie jetzt oft in Gegenwart der umstehenden Berliner Herren, was Corinna beinahe empörte. Omar sagte zu ihr: Die Berliner Herren sollen sehen, dass du mir gehörst. Das musst du verstehen, Corinna.
Sei nicht so eifersüchtig, Omar, das ist doch kindisch, ich laufe dir nicht davon, beruhigte sie ihn, während sie einem schönen Berliner Herrn, ihr gegenüber, heimlich zuzwinkerte. Oder sie sagte: Ich weiß doch, was ich an dir habe, Omar! Du bist Gold wert für mich!, und dann lachte sie plötzlich hell auf, denn Omar benahm sich wirklich lächerlich in ihren Augen.
Sie beklagte es sehr, noch immer nicht die wahre Liebe kennengelernt zu haben. Was ist nur mit mir los? Auch meinen schönen Omar, der in Liebe zu mir entbrannt ist wie sonst keiner, kann ich nicht lieben. Vielleicht ist die Liebe nur ein Märchen oder eine bloße Worthülse.
Ihre Mutter hegte gegenüber ihrer Tochter schon wieder den leisen Verdacht, sie könnte sich schon wieder scheiden lassen und warnte sie inständig davor: Bei dir Corinna folgen Scheidungen Schlag auf Schlag. Gib Acht! Dies ist nicht normal. Bleibe nun bei Omar, denn er ist reich, besitzt riesige Ölfelder und Ölquellen und ist dir ganz ergeben, so weit ich das sehe.
Und wieder bestätigte ihr der Scheich: Wenn man dich hat, Schatz, braucht man als Mann wirklich keinen Harem mehr; ich werde ihn demnächst in Rom auflösen.
Vielleicht aber ist Omars Liebe nur ein Strohfeuer. Mal sehen.
Schließlich reisten sie weiter nach Paris, wo sie in einem Luxushotel für mehrere Wochen wohnen blieben. Omar gab viel Geld aus für Corinnas mannigfaltige Wünsche, wobei er seinen großen Geldkoffer bei sich trug und alles bezahlte.
Sie unternahmen viel in Paris, aber im Grunde langweilten sie sich entsetzlich. Nachdem sie vom Eiffelturm aus einen letzten Blick über das steinerne Häusermeer Großparis geworfen hatten, setzten sie ihre Reise fort in Richtung Mittelmeerküste, um dort Ruhe und Erholung zu suchen.
Allerdings fühlte Corinna in ihrem flauen Herzen, dass Omar sie entsetzlich zu langweilen anfing. Darum überlegte sie ganz verzweifelt, wie sie es anstellen könnte, ihm zu entkommen. Er aß nämlich hier im Süden Frankreichs rohen Knoblauch und auch rohe Zwiebeln en masse, was ihr den stinkenden Mann jetzt ganz widerwärtig machte. Sie hielt den Knoblauchgeruch einfach nicht mehr aus; es würgte sie stets in seiner Nähe und jedesmal, wenn er zum Küssen ansetzte, drehte sie schnell ihren Kopf von ihm weg. Wie nur, dachte sie, geht es weiter mit uns? Man musste baldmöglichst eine Lösung finden, und die kam gottlob von Omar selber. Er sagte ihr nämlich eines Abends im Dämmerlicht und mit abgewandtem Gesicht, ohne ihr in die Augen zu sehen: Corinna, meine Geldgeschäfte rufen mich leider zurück nach Rom, du verstehst schon. Fliege du inzwischen zu deiner Mutter nach Westberlin, bis alles geregelt ist, denn ich habe keine Zeit zu verlieren.
Vermutlich, dachte Corinna unterwegs nach Berlin, hat er jetzt plötzlich genug von mir und Sehnsucht nach seinem Harem bekommen, denn so lange hält es doch kein Scheich ohne Haremsdamen aus. Dies wäre ja ein wahres Wunder gewesen. Wer weiß, ob wir uns wiedersehen. Jedenfalls werde ich selber nichts Diesbezügliches unternehmen. Dieser jetzige Zustand ist eine Chance, sich zu trennen.
Und sie hatte recht; sie sahen sich nie wieder, nicht nur sie, auch er ließ nichts mehr von sich hören, außer dass er ihr einen Scheck von mehreren Millionen nach Westberlin schickte.
Ihre Mutter, ganz entrüstet, schimpfte Corinna wieder wegen ihres großen Leichtsinns und sagte wirsch: Wie stehst du jetzt da? Ganz ohne Millionär! Du wirst noch ganz verarmen! Und mit dir auch ich!
Aber Corinna wusste sich auch ohne Ehemann gut zu behelfen. Sie hätte im Grunde das Geld vom Scheich Omar gar nicht nötig gehabt, denn sie besaß noch allerlei Millionen von ihren vorherigen Ehemännern. Außerdem, um sich nicht zu langweilen, übersetzte sie wieder Bücher. So saß sie fortan wieder daheim oder im Verlag im Übersetzungszimmer und tippte in die Schreibmaschine schnell und gekonnt Satz für Satz. Man war höchst zufrieden mit ihr wie immer. Doch brauchte sie hin und wieder selbstverständlich Urlaub, um sich vom Berufsstress zu erholen. Sie blieb auch im Urlaub in Berlin und schaute sich jetzt, wo sie Geld wie Heu hatte, im Umland der Stadt leerstehende Häuschen an, wobei sie sich immer fragte, ob sie hier auch wohnen möchte, allein und ohne Anhang selbstverständlich, denn ihre geldgierige, anhängliche Mutter wollte sie sich nicht unbedingt aufhalsen. Lieber lebte sie ohne sie für sich ganz allein. Sie teilte ihr die neue Adresse erst gar nicht mit. Warum hängt sie so an mir? Ich bin erwachsen und will mein eigenes Leben leben. Das mit ihr und mir nimmt gewiss kein gutes Ende. Darum muss ich einen Schlussstrich ziehen und die Schmarotzerin nicht mehr an meinem Reichtum teilnehmen lassen. Ich muss Härte zeigen. Sie dreht mir ja bei all meinen Unternehmungen einen Strick, beinahe wie die böse Stiefmutter im Märchen, finde ich.
An einem heimlichen einsamen Ort in Westberlin fand sie für sich ein idyllisch gelegenes Einfamilienhäuschen und kaufte es sofort. Das Haus war innen und außen in bester Ordnung. Im Nu hatte sie es mit Hilfe von einem Innenarchitekten und etlichen Hilfskräften gemütlich eingerichtet. Dort hielt sie sich jetzt täglich auf.
Sie war nun eine stattliche Großstadtdame geworden, bestens gekleidet, meistens in ein frisches Weiß gehüllt, und immer noch strahlend schön mit ihren 28 Jahren. Jeder gut aussehende Berliner drehte sich bewundernd nach ihr um. Sie dachte: Will ich mich vielleicht doch wieder eine Zeitlang binden? Aber ein Millionär muss es nun wirklich nicht mehr sein, Millionäre kann ich offenbar nicht lieben. Außerdem habe ich jetzt Geld genug fürs Leben! Oder bleibe ich lieber allein? Allein wäre auch nicht schlecht. Ich kann wählen so oder so, für mich steht die Türe zur Welt noch weit offen. Momentan jedoch habe ich von Männern genug und kein Verlangen mehr, mir einen zu angeln.
Heute ging die Gelangweilte wieder kreuz und quer die Straßen entlang, bis sie ihr Kaufhaus fand. Sie entdeckte viel, worauf sie Lust hatte. Sie schaute sich ausführlich um, besonders was echten Schmuck anbetraf oder elegante Kleidung und Schuhe, aber auch Parfüms, die jedoch in Vitrinen eingesperrt waren, wie sie leider feststellen musste, denn gerade auf diese hatte sie es heute abgesehen. Sie wusste, sie besaß einen krankhaften Hang zum Stehlen, den sie nicht zügeln konnte. Sie wusste nicht, woher das eigentlich kam. Diebstähle beging sie schon, seit sie denken konnte, und was sich dann als Heranwachsende noch verstärkte. Aber heutzutage war Stehlen für sie unangebracht, eine Paradoxie, das gestand sie sich selber ein, denn sie war ja inzwischen superreich geworden, enorm reich, eine Neureiche, was sie den von ihr geschiedenen drei Ehemännern zu verdanken hatte. Die Armut entschuldigte sie also nicht mehr bei Diebstahl. Nun machte sie sich bloß ein Spiel daraus und dieses Spiel hob sie aus ihrer Langeweile heraus, weil es so aufregend war zu stehlen und sie jedesmal einen Kick davontrug, der sie lachen und zugleich erregt machte. Irgendwie brauchte sie diesen Nervenkitzel, fand sie, der besitzergreifend durch alle ihre Glieder zuckte und sie neu belebte wie ein Sprung ins kalte Wasser, so und nicht anders musste man sich das vorstellen. Auch diese ungeheuren Erfolgsmomente, wenn der Diebstahl glückte und er keine Strafe nach sich zog, wirkten bei ihr wie ein Schuss Heroin in die Vene.
Schließlich übersetzte sie wieder monatelang ein dickes amerikanisches Buch ins Deutsche. Sie wurde als weibliche Angestellte gewiss nicht gut bezahlt; ihre männlichen Kollegen verdienten fast das Doppelte; man wusste allgemein, es herrschte eine große Ungerechtigkeit überall im Berufsleben hinsichtlich der Frau. Außerdem musste man sich als Frau manchen Sexismus von Seiten der dominierenden Männerwelt gefallen lassen. Auch ihr Verlagschef machte sie an, griff ihr beim Vorübergehen an ihren vollen Busen oder ans Gesäß, und sie ließ es sich gefallen, weil sie dachte, den andern Frauen erginge es nicht besser als ihr. Ja, die schöne Corinna fassten viele Männer an beim Vorübergehen oder fragten sie rundheraus: Wie wäre es mit uns beiden, schöne Frau? Haben Sie ein Stündchen Zeit für mich? Das wäre sehr schön!
Ihr Verlagschef lud sie tatsächlich einmal direkt zu sich ins Hotelzimmer ein, wobei sie vorerst dachte, er habe etwas Wichtiges mit ihr zu besprechen. Als sie dort ankam, empfing er sie leger im Hausmantel, was sie gleich entsetzte. Er sagte so nebenher: Verzeihen Sie, aber ich habe gerade gebadet, Frau Bromberg. Ich liebe das Bequeme. Sie werden doch nichts dagegen haben?
Sie war so schockiert, dass sie darauf nichts zu erwidern wusste. Widerwillig setzte sie sich zu ihm auf die Couch, als er ihr den Platz neben sich anwies, da sonst keine Sitzgelegenheit vorhanden war. Er bot ihr sofort ein Gläschen Likör an. Sie machen Ihre Arbeit hervorragend, begann er das Gespräch, nur Lob gibt es für Sie von allen Seiten.
Er wollte sie sicher betrunken machen, allerdings verweigerte sie schon das zweite Gläschen Likör. Und als sie merkte, dass der Chef gar nichts mit ihr zu besprechen hatte, sagte sie: Mein Boss, ich habe gleich einen Termin, den muss ich unbedingt wahrnehmen. Darum muss ich mich schon wieder empfehlen.
Wie schade doch, sagte er fast empört, tief enttäuscht über ihre Absage und den schnellen Rückzug, jetzt wo wir gerade so gemütlich beisammensitzen. Sie sollten sich das noch einmal gründlich überlegen, Frau Bromberg. Bleiben Sie doch noch für ein Stündchen bei mir.
Nein, sagte sie bestimmt, es muss sein und stand auf. Sie nahm ihre Handtasche, ihre Jacke, empfahl sich und ging Richtung Tür, während sie im Fortgehen sagte: Auf Wiedersehen, Chef, dann bis morgen.
Ich bin sehr enttäuscht von Ihnen, Frau Bromberg, sagte er noch, dass Sie mir keine Gesellschaft leisten wollen, stand verdrießlich auf und schloss hinter ihr die Türe ab.
Diese Anzüglichkeit der Männer ging Corinna auf die Nerven, sie lief in einem innerlichen Protest den Flur entlang und murrte stets vor sich hin: Diese selbstherrliche Vorrangstellung der Männerwelt gehört ausgemerzt. Was bilden die sich überhaupt ein! Gottlob war ich noch nicht betrunken und noch so willensstark, neinsagen zu können. Was sich dieser Sechzigjährige nur denkt!
Darum hatte Corinna das Übersetzen irgendwann sehr satt und dachte schon an einen Berufswechsel. Ach, ich brauche ein ganz anderes Milieu! Ein ganz anderes Berufsfeld!, fiel ihr ein. Vielleicht sollte ich zum Film gehen und eine Filmrolle übernehmen. Eine Schönheit kann man doch in jedem Film brauchen, überlegte sie, auch wenn ich dafür nicht ausgebildet bin. Aber ich bin ein großes Naturtalent, davon darf man ohne Weiteres ausgehen.
Heute machte sich Corinna gestylt als große elegante Dame auf den Weg zum Filmstudio. Sie wusste instinktiv, wie man so etwas macht, anzukommen und engagiert zu werden. Im Filmstudio eingetroffen, standen ihr sofort alle Türen offen und jeder, der ihr im Flur begegnete, rief dem anderen zu: Jetzt kommt sie, jetzt kommt sie!
Vermutlich erwartete man eine andere Dame.
An jeder offenen Türe fragte sie vergeblich nach einem Filmregisseur, bis einer von den Leuten ihr sagte: Gehen Sie eine Tür weiter, dort werden Sie den Regisseur Rudolph Kahn antreffen.
Corinna ging weiter, klopfte an die Türe, öffnete diese und fragte: Sind Sie Rudolph Kahn, der Filmregisseur? Sie wurden mir empfohlen.
Jawohl, sagte er, der bin ich. Was wünschen Sie, meine Dame?
Sie dachte: Das ist gewiss nicht irgendein Regisseur, sondern sicher der beste hier in den Filmstudios, denn wie der schon aussieht! Alle Achtung!
Sie gab ihm die Hand und stellte sich vor: Ich bin Corinna Bromberg und von Beruf Schauspielerin, mein Terminplan ist zwar übervoll, dennoch könnte ich zur Zeit, solange ich in Berlin weile, bei Ihnen kurzzeitig aushelfen und eine kleine Filmrolle übernehmen, falls es passt. Welchen Film machen Sie zur Zeit? Kann ich da mitspielen?
An welcher Schauspielschule haben Sie gelernt?, fragte er.
In Paris, sagte sie, aber leider habe ich mein Ausbildungszertifikat dort verloren und kann es nicht mehr ersetzt bekommen.
So machte sie sich wichtig mit reinen Erfindungen.
Nichts entsprach der Wahrheit.
Sie entpuppte sich als impertinente Lügnerin.
Dem Regisseur jedoch kam die schöne Corinna Bromberg gerade recht, denn er suchte wirklich schon seit langem eine passende Filmdiva für seinen nächsten Spielfilm „Die weiße Dame“, und keine wollte ihm bisher für diese Rolle so recht passen. Geblendet von ihrer großen Attraktivität, sagte er: Ich kann Ihnen nur sagen, ich habe eine ausgezeichnete Rolle für Sie, die gut zu Ihnen passen wird. Ist es Ihnen recht, wenn ich mit Ihnen jetzt gleich zum Mittagessen gehe? Dort könnten wir schon Einiges besprechen und alles Weitere anschließend in meinem Hotelzimmer, wo ich zur Zeit wohne. Können Sie sich dazu heute Zeit nehmen für ein Stündchen, Frau Corinna Bromberg?
Sie war überrascht, wie unerwartet schnell sie hier als angebliche Schauspielerin engagiert wurde.
Ja, antwortete sie, doch muss ich zuerst noch einen andern Termin abblasen. Kann ich schnell Ihr Telefon benützen? Sofort trat sie ans Telefon, das er ihr zuwies, wählte eine Nummer und sagte zum Schein ins Telefon: Herr Dr., ich muss leider meinen Termin verschieben. Es tut mir sehr leid. Auf Wiederhören. Dann hängte sie das Telefon ein. Sie glaubte nämlich, man müsste gestresst und tatkräftig wirken, so wie die selbstbewussten Herren, die Manager, um im Leben voran zu kommen. Alles käme auf den ersten Eindruck an, den man hinterließe, und sie fühlte sich sehr klug und weltbewusst dabei. Ja, man muss auf den andern einwirken, damit er einen akzeptiert. Sich rar machen, heißt das. Eine viel begehrte Frau und Künstlerin scheinen, das muss man unbedingt, dann bringt man es zu etwas, dachte sie. Ihren Instinkt führte sie hiermit ins Feld. Sie war grundsätzlich ein Lügenbold und glaubte, nur mit Lügen könne man die Welt erobern und alles erreichen, was man wünscht. Ein wahrer Machiavelli war sie als Frau. So zu handeln, als ob, ist immer das Beste und Gängigste, glaubte sie. Heute würde man sagen, sie verbreitete nur „Fake News“ und dies mit größtem Erfolg. Sie selber nannte sich insgeheim ein Lügenmaul sogar, ohne Gewissensbisse zu haben.
Beim Mittagessen lernten sich der Regisseur Rudolph Kahn und Corinna Bromberg erstmals ein wenig kennen, wobei ihm Corinna Unwahrheiten en masse auftischte, indem sie behauptete, sie habe in Paris eine Schauspielschule besucht und anschließend dort in Kurzfilmen mitgewirkt. Aber leider habe sie, wie schon erwähnt, ihr Schauspielzertifikat verloren. Ob dies schlimm sei? Außerdem gäbe es diese Schauspielschule in Paris gar nicht mehr; sie könnte deswegen kein Ersatz-Zeugnis anfordern. Wahrscheinlich hätte es ihr der Wind vom offenen Fenster aus in die drunten vorbeifließende Seine hinabgeblasen, dies wäre gut möglich gewesen, da sie immer das Fenster neben dem Schreibtisch weit offen stehen hatte, machte sie ihm weis.
Der ungefähr 35-jährige Regisseur ist ein Mann nach meinem Geschmack, ganz und gar, dachte sie insgeheim während dem Mittagsmahl, und je länger sie ihn anschaute und ihm zuhörte, desto mehr nahm ihre Befangenheit ihm gegenüber zu. Dergleichen passierte ihr einem Mann gegenüber noch nie in dem Ausmaß wie heute, so viel sie sich erinnern konnte. Noch wusste sie aus Erfahrungsmangel nicht, wie es ist, wenn man sich verliebt.
Ist schon in Ordnung, meinte der Regisseur, das Zeugnis ist nicht das Wichtigste, wichtiger ist ihr angeborenes Talent, Frau Bromberg, und Sie scheinen meines Erachtens sehr talentiert zu sein. Also können Sie sich Ihr Zertifikat schenken. Sparen Sie sich das, ich brauche es nicht. Ich poche nicht darauf. Ihr wunderbares Aussehen macht alles wett in einem Film, das ist nun mal so, verehrte Dame, sagte er. Eine schöne Filmschauspielerin ist zugleich auch eine gute, dies weiß man allgemein. Eine Schönheit bringt den Film erst ins Rollen und außerdem zusätzlich viel Geld ein. Mein Spielfilm wird „Die Weiße Dame“ heißen und von einer kuriosen Gespenstergeschichte nach einer wahren Begebenheit handeln. Aber ich glaube, Sie passen wie geschaffen zu dieser exklusiven Rolle, die zwar etwas schauderhaft und gruselig ist, das gebe ich ohne Weiters zu, allerdings auch gut darstellbar. Keine andere Frau könnte diese Rolle meiner Auffassung nach besser darstellen als gerade Sie, Frau Bromberg, dessen bin ich überzeugt.
Wer ist denn überhaupt die weiße Dame?, fragte Corinna neugierig, aber auch schüchtern in ihrer großen Verwirrung und Verunsicherung. Sie wollte selbstverständlich wissen, was da alles demnächst auf sie zukäme, was sie erwartete, damit sie eine Vorstellung über ihren zukünftigen Einsatz bekäme und sich schon seelisch darauf vorbereiten könnte.
Ich will es Ihnen in aller Kürze einmal schildern, sagte er, und trank einen großen Schluck Bier. Die ermordete junge weiße Dame erscheint nach ihrem Ableben wiederholt zur Geisterstunde im hellen Mondschein einer Schlossgesellschaft, entweder im Schlossgarten oder auch in den mannigfaltigen Räumen des Schlosses, um die Gesellschaft aufzuschrecken und an ihren Mord zu erinnern, der bislang ungesühnt geblieben ist, da er nicht aufgeklärt wurde. Über die Ermordung der jungen Schlossherrin, die eines morgens mit einem Messerstich ins Herz im Bett aufgefunden wurde, ist die Polizei noch keinen Schritt weiter gekommen, obgleich es bereits einige Jahre her ist, seit dies geschah. Man tappt also weiterhin im Dunkeln. Die junge hübsche, aber auch sehr reiche Schlossherrin, eine Blondine, will sich vermutlich durch ihre Erscheinungen noch immer rächen. Der verwitwete 40-jährige Graf bestreitet bislang die Tat. Er hat alles von ihr geerbt und so viel man weiß, war er schon immer ein sehr habgieriger Mann gewesen. Da keine Indizien vorhanden sind, kann der Graf jedoch nicht belangt werden. Er flieht sonderbarerweise jedesmal durch den Hinterausgang des Schlosses in den Wald, sobald er vom Fenster aus von Ferne die Kriminalpolizei herannahen sieht, die ihn verhören will.
Die Schlossgesellschaft, die seit Jahrzehnten im Schloss wohnt, ist ratlos und weiß von nichts. Von ihr gibt es keine Hinweise, keine Aufschlüsse zur Bluttat. Kein Wort dringt nach draußen. Vermutlich hat die Schlossgesellschaft vom Grafen Schweigegeld erhalten, das nimmt man stark an. Verschwiegenheit scheint ihr oberstes Gebot zu sein. Eine durch und durch korrupte Gesellschaft womöglich. Jetzt gehört der Graf zu den Reichsten Norddeutschlands. Sein Schloss, in dem sich der Mord abspielte, sieht proper aus und ist mitnichten zu vergleichen mit der alten, verwitterten, halb schon verfallenen Schlossruine, in der unser Film spielen wird, Frau Bromberg. Der Film hat wie die wahre Geschichte ein offenes Ende. Der Fall bleibt ungelöst. Die weiße Dame im Film geistert im blutverschmiertem Totenhemd um Mitternacht bei Vollmond um die Schlossruine herum. Grauen erfasst jeden, der sie so durch den Park wandeln sieht. Ein wahrer Horror zwar, Frau Bromberg, aber Sie werden diese Rolle sicher mit Bravour meistern. Dies sehe ich ich kommen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dazu. Können Sie sich vorstellen, in diese Rolle zu schlüpfen? Es ist gewiss keine schwere Rolle, sogar eine Taubstumme könnte sie spielen, denn man muss dabei kein Wort sprechen. Nur eine unheimlich wirkende Filmmusik untermalt den ganzen Film vom Anfang an bis zu seinem Ende. Man wird Sie leichenblass schminken müssen und ihr Totenhemd mit roter Farbe beklecksen. Wenn Sie nachts in den Schlafkammern der Schlossbewohner bei dezentem Scheinwerferlicht plötzlich erscheinen, dürfen Sie sich nicht erschrecken, wenn diejenigen augenblicklich aus dem Schlaf hochfahren und laut um Hilfe schreien. Sie müssen den Erschrockenen starr und mit weit aufgerissenen Augen gegenüberstehen. Das muss einfach eingeübt werden.
Nach diesem kurzen Überblick des Films „Die Weiße Dame“ erklärte sich Corinna trotz Bangen und Ängstlichkeit mit der Hauptrolle einverstanden, vermutlich auch wegen dem Regisseur, der ihr wahnsinnig gut gefiel und in den sie sich vermutlich bereits verliebt hatte, wie sie glaubte. Gut, sagte sie schweren Herzens, es ist zwar eine grausliche Rolle, aber ich werde mich dreinfügen und die weiße Dame spielen nach Ihrer Regie.
