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Eva landet nach dem Tod ihres Mannes auf einem fremden Planeten: dichter Wald, klare Seen und seltsame Gestalten bevölkern die Gegend. Ängstlich, aber berauscht von der Schönheit der bergigen Landschaft zieht sie am Fluss entlang, denn sie braucht Nahrung und Schutz. Als der Winter kommt, erhält sie mit dem Vogel Numinos einen ersten treuen Begleiter, der sie ins warme Land führt. In der Höhle mit den heißen Quellen trifft sie auf einen wunderschönen Mann ... Und dann taucht der weiße Tiger auf. Eva kann nicht mit den Tieren sprechen, aber sie kann hören, was sie denken und fühlen. Und so spürt sie eines Tages das Unheil kommen: Die bösen Schatten wollen den Planeten auslöschen. Was kann sie mit den Kräften, die die Göttin ihr verliehen hat, dagegen ausrichten? Wird sie alle retten können?
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Seitenzahl: 219
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
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Cover
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2025 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-565-1
ISBN e-book: 978-3-99130-566-8
Lektorat: Karolin Leyendecker
Umschlagabbildung: Nicole Wickenkamp
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Es waren nicht die vielen Menschen, mit denen ich seit Wochen eingesperrt war, es war die Hoffnungslosigkeit, das Wissen, dass dies die letzte Station war, die unsere Gesellschaft für Versager wie uns zu bieten hatte. Die uns alle in einer Wolke der Depression verharren ließ.
Es gab im Hof eine Mauer, sie war so hoch, dass man gute Chancen hatte, bei einem Sprung von ihr ums Leben zu kommen. Ich hatte aufgehört, zu zählen, wie oft der Wachdienst kam, um leblose oder noch zuckende Körper rauszutragen.
Es gab hier keine Kinder und nur wenige Frauen so wie mich, fast nur Männer.
Hier brachte einen die Regierung hin, wenn man seine Steuerschulden nicht mehr bezahlen konnte.
Essen und ein Schlafplatz waren hier Mangelware. Aber einmal in der Woche wurde einem eine Therapie-Sitzung angeboten. Ich ging auch dieses Mal hin, da man vorher immer duschen durfte.
Der Therapeut sah mich kritisch durch seine dicke Hornbrille an und sagte zu mir: „Wir haben Sie auserwählt. Es gibt eine Möglichkeit für Sie, hier rauszukommen. Wir sind eine Gruppe von Forschern, die mithilfe einer von uns entwickelten Maschine auf andere Planeten im Universum reisen möchten. Allerdings sind alle Testpersonen bisher leider bei dem Versuch umgekommen. Sie sind jung und stark und könnten dann an jenem Ort ein neues, freies Leben führen.
Möchten Sie in unserer Testreihe mitmachen?“
Ich sah ihn mehr als erstaunt an. Es war für meinen Verstand nicht greifbar, was er mich da gerade gefragt hatte. Aber was ich heraushörte und das war ausschlaggebend. Nie mehr zurück in dieses Loch und nie mehr den Gestank der Angst und der Verzweiflung riechen.
Langsam nickte ich mit dem Kopf. Dann stand ich auf und ließ mich von ihm in eine Einzelzelle bringen. Ein Mann in der Uniform der Wächter brachte mir etwas zu essen.
Dann wartete ich.
Zwölf Stunden später holten sie mich.
Die Ankunft: Begegnung mit seltsamen Wesen und einem Tiger
Bevor ich die Augen öffnete, konnte ich ihn riechen. Den von der Sonne aufgewärmten Waldboden.
Vorsichtig öffnete ich meine Augen, über mir konnte ich die Kronen von riesigen, mir unbekannten Bäumen sehen. Hier und da schaffte es das goldene Licht der Sonne einen Weg bis zum Waldboden zu finden. Das Brummen und Summen in der Luft zeugte von zahllosen Insekten, die frohgemut ihr Leben lebten. Ich richtete mich auf und versuchte, mich zu erinnern, wie ich hierhergekommen war. Aber es gab nur ein paar dunkle Fetzen, die verschwanden, sobald ich mich darauf konzentrierte.
Ich hatte alte, abgetragene Kleidung an, die mir um den Körper schlabberte. Es war ein junger Körper, so viel wusste ich, allerdings ausgemergelt.
Ich ging zu einem umgestürzten Baumstamm und setzte mich. Interessiert schaute ich mich um.
Der Wald um mich herum bestand aus riesigen alten Bäumen, von deren Ästen Moose herunterhingen.
Die Kronen der Bäume bildeten eine Art Dach, welches die Welt darunter vor allen möglichen Wetterlagen zu schützen bereit war.
Allerdings kam auch die Sonne nicht so richtig durch, sodass hier unten am Boden ein dämmriges Licht herrschte. Die Bäume schienen große Früchte zu tragen, die vereinzelt am Boden lagen.
Sie waren umgeben von einer harten Schale, fast wie eine Nuss, nur sehr viel größer.
Reglos ließ ich diese Welt auf mich wirken, ich griff mit meinen Sinnen hinaus, um die Energien meines Umfeldes zu erfassen. Die Natur war sehr vielfältig und reich an mannigfachem Leben. Hier gab es keine Angst und keine Not, nur Kraft und pulsierendes Leben. Ein guter Ort, wenn man in das Rad des Lebens eintreten möchte.
Erst einmal gab es keinen Grund für mich weiterzugehen, in einiger Entfernung trat sprudelnd Wasser an die Oberfläche, um dann geborgen zwischen hohem Schilf in einen größeren morastigen Tümpel wieder zu versickern. Zwischen dem Schilf wuchsen kleine knorrige Sträucher, die eine weiche, weiße Frucht trugen.
Ich beschloss, etwas Wasser zu trinken und die Tierwelt zu beobachten, um geeignete Nahrung finden zu können.
Nachdem ich ausgiebig von dem etwas muffig schmeckenden Wasser getrunken hatte, gab ich der bleiernen Müdigkeit nach und schmiegte mich so dicht wie möglich an einen toten Baumstamm und schlief innerhalb von Sekunden ein.
Etwas hatte mich geweckt, ich versuchte, mich zu orientieren, was mit den Augen nicht möglich war, da tiefschwarze Dunkelheit mich umgab. So nahm ich meine Sinne zu Hilfe und griff hinaus, da war ein Lebewesen, das genau dasselbe tat. Unsere Energien trafen sich und prallten voneinander ab. Es gab keine Art von Verbindung, allerdings auch keine Gefahr, das Wesen hatte keinerlei Interesse an mir. Ich konnte nicht sagen, nachdem es lautlos verschwunden war, ob es gelaufen oder geflogen war. Ich blieb wach und lag bis zum ersten Licht des Tages reglos da.
Als die Dämmerung langsam die Schatten vertrieb, gab ich dem großen Durst, der meine Lippen aufeinander kleben ließ, nach. Und ging als Erstes zu jener kleinen Quelle, um zu trinken. Danach setzte ich mich wieder auf den Baumstamm, um nachzudenken. Mir fiel auf, dass jemand oder etwas sich an den großen nussartigen Baumfrüchten in der Nacht zu schaffen gemacht hatte, eine war aufgebrochen. Neugierig ging ich näher, um mir anzusehen, was im Inneren war. Die Frucht war innen ausgekleidet mit einer weichen Pflanzenfaser, die einen faustgroßen Kern, der zart und butterweich war, schützte. Dieser lag halb angenagt außerhalb der schützenden Schale, so als ob der Esser bei seiner Mahlzeit unterbrochen worden wäre. Vorsichtig nahm ich die Reste des Kerns in die Hand und roch daran. Meine Nase konnte einen sehr zarten Duft nach Butter und Vanille ausmachen. Überrascht ließ ich den Rest des Kerns wieder auf den Boden gleiten. Das hätte ich nicht erwartet. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob er für meinen Körper genießbar war.
Danach sah ich mir die weißen Früchte der Büsche am Tümpel an, sie waren weich und hatten kleine schwarze Kerne in ihrem Inneren. Der Geruch war süßlich, aber auch modrig. Fast so wie das Wasser schmeckte.
Ich sah mich weiter um: Zahllose Pilze wuchsen in allen Farben und Formen am Boden, aber auch an den Stämmen und Astgabelungen der Bäume. Wenn ich nur wüsste, was nahrhaft war und was giftig, es gab mehr als reichlich, der Tisch des Waldes war gedeckt.
Ich trank viel Wasser, damit ich nicht so sehr den nagenden Hunger spürte, und vergrößerte meinen Radius um die kleine Quelle.
Wenn ich mir den Boden und die Bäume ansah, konnte man von großen Mengen Regenwasser ausgehen.
Ich brauchte einen Unterschlupf.
Es gab Bäume, die einen Durchmesser von mindestens drei bis vier Metern hatten, in einiger Entfernung lag einer dieser Riesen am Boden. Ich wollte mir lieber nicht ausmalen, welche Kraft ihn zu Boden gezwungen hatte. Aber das Holz war schon an vielen Stellen mürbe und weich. Ich fing an, mit den Händen probeweise eine Höhlung aus dem weichen Holz zu kratzen. Es dauerte lange und war mühsam, aber es war eine Möglichkeit, mir einen wettergeschützten Unterschlupf zu bauen, in dem ich auch bei Nacht schlafen konnte. Ich ließ den Blick über den Waldboden gleiten, auf der Suche nach Gegenständen, die mir als Werkzeug dienen konnten, da fiel mir die zerbrochene Schale der großen Nuss wieder ein. Ich ging zurück, um sie zu holen. Überrascht blieb ich stehen, als ich sah, dass noch weitere aufgebrochen da lagen. Nur der Kern fehlte. Das war sehr gut für mich. Ich sammelte alle Schalenreste ein und brachte sie nach und nach zu meinem Baumstamm.
In eine Hälfte hatte ich mir Wasser von der Quelle gefüllt, sodass ich erst einmal in Ruhe an meinem Unterschlupf arbeiten konnte.
Mithilfe der Schalen kam ich gut voran, sodass ich bei beginnender Dunkelheit schon einen kleinen Vorsprung herausgearbeitet hatte, unter dem ich mich zusammenkauern konnte. Der Hunger nagte mittlerweile sehr in meinen Eingeweiden.
Ich beschloss, mir die Kerne aus der Riesennuss genauer anzusehen und frisches Wasser zu holen.
Ich suchte mir einen großen Stein, um die Schale aufschlagen zu können. Es war ein hartes Stück Arbeit, aber es gab einen Trick und bei der zweiten Nuss ging es schon besser.
Wasser und Kerne füllte ich jeweils in eine halbe Schale. Unentschlossen blieb ich vor den kleinen knorrigen Büschen mit den weißen Früchten stehen. Eine nahm ich mit, dann ging ich wieder zurück zu meinem unfertigen Unterschlupf.
Vorsichtig probierte ich den Kern der Nuss, er zerging zart auf der Zunge und schmeckte tatsächlich nach Vanille-Butter. Er schien sehr fetthaltig zu sein und machte gut satt.
Die Reste des Wassers und der Früchte ließ ich für das Frühstück übrig. Ich rollte mich in der kleinen Höhlung zusammen und schlief ein.
Erst als die Sonne durch die Blätter schimmerte, wachte ich wieder auf. Ich fühlte mich kräftig und gut. Zum Frühstück konnte ich mit Vergnügen den anderen Kern essen und den Rest Wasser trinken. Die weiße Frucht ließ ich noch liegen.
So gestärkt konnte ich mit neuer Energie an meinem Unterschlupf arbeiten.
Heute ging es leicht, da ich an eine weiche, schon weit vermoderte Stelle des Holzes gelangt war. Das abgeschabte Holz legte ich wie einen Teppich vor den Eingang. Im hinteren Teil ließ ich einen Vorsprung in Form einer Bank oder Bett stehen zum Setzen oder Liegen. Ich hatte bedingt durch das Material, was mir zur Verfügung stand, einen Knick im Flur direkt hinter dem Eingang, da ich dem weicheren Material gefolgt war.
Stolz und zufrieden beendete ich an diesem Abend meine Arbeit. Um dann müde und verschwitzt Erfrischung in der Quelle zu suchen.
Freudig legte ich an diesem lauen Abend meine Kleidung neben der Quelle ab und watete nackt in das kalte Wasser. Prustend und lachend platschte ich in dem seichten Wasser, bis ich vor Kälte zu zittern anfing. Ich breitete die Arme aus und lief über die kleine Lichtung, bis das zirkulierende Blut mich wieder von innen wärmte, dann schlüpfte ich in meine fadenscheinige Kleidung.
Im Vorbeigehen nahm ich noch zwei Nüsse mit.
Als ich satt und müde an diesem Abend vor meiner Höhle saß und zusah, wie das Tageslicht schwand, fühlte ich mich frei, aber auch einsam und traurig.
Ich konnte die Zukunft nicht abschätzen. Es gab Lebewesen in diesem Wald, aber ich wusste fast überhaupt nichts über sie.
Gab es mehr auf diesem Planeten außer diesem Wald?
Würden die Jahreszeiten einen Winter mit Eis und Schnee bringen?
Aber trotz allem konnte ich zufrieden sein. Ich konnte mich heute Abend satt und müde auf mein schmales hartes Bett legen und geschützt vor Wind und Wetter einschlafen.
Als ich am nächsten Morgen aus meinem Eingang hinaussah, regnete es in Strömen. Ein kühler Wind blies durch die Baumwipfel und ließ große Nüsse von den Bäumen fallen. Ich legte ein paar Schalen nach draußen in den Regen, in der Hoffnung, sie würden sich mit Wasser füllen.
Danach ging ich hinein. Ich hatte die weichen Schutzfasern der Nüsse gesammelt und überlegte nun, was ich mit ihnen anfangen könnte.
Ich versuchte den ganzen verregneten Tag, einen dicken Faden aus ihnen zu spinnen. Es war mühsam, da ich keine Erfahrung hatte, ich konnte keinen wirklichen Erfolg bis zum Abend erzielen.
Mein Blick fiel auf die weiße Frucht der knorrigen Büsche, bisher hatte ich noch nicht den Mut gehabt, sie zu probieren.
Ich setzte mich im Schneidersitz in den Eingang und sah in den Regen hinaus. Ich träumte von einer großen warmen Decke, die ich mir jetzt gerne um die Schultern gelegt hätte.
Es war kühl geworden.
Ich trank eine halbe Schale Regenwasser und biss vorsichtig in die weiße Frucht. Sie schmeckte sehr süß und klebte unangenehm am Gaumen. Der Nachgeschmack war jedoch leicht muffig.
Ich hörte nach einem Bissen auf.
Wie ich so da saß, veränderten sich die Farben der Bäume und Büsche, sie erstrahlten in einem lichtdurchfluteten Regenbogen, das Triste des verblassenden Regentages verwandelte sich in ein fröhliches, vibrierendes Lichterfest.
Erfreut und berauscht von jener Schönheit glitt ich hinaus und ließ mich treiben. Ich fühlte mich nicht mehr einsam, denn ich war hier willkommen. Ich durfte ein Teil von dieser wunderschönen Welt sein. Als ich an mir hinuntersah, strahlte ich selbst auch in jener Farbenpracht.
Jauchzend stieg ich auf über die Baumwipfel bis hinauf zu den Sternen und sah hinunter auf diesen wunderschönen Planeten, der mich zu sich gerufen hatte, um mir ein Zuhause zu geben.
Er war riesig, bestand fast nur aus großen Wäldern, unterbrochen von Seen und Gebirgen, auf denen Eis und Schnee glitzerte.
Es gab auch Steppen, die sich über Hügel und über flache Gebiete zogen.
Ich flog dahin – berauscht und glücklich.
Plötzlich wurde es kalt und dunkel und ich fand mich in meinem Körper im Eingang meiner Höhle wieder.
Es dauerte ein paar Minuten, bis ich wieder sehen konnte, es war inzwischen dunkel geworden.
Nach ein paar Versuchen konnte ich aufstehen und mit wackeligen Beinen zum Bett gehen. Wegen der feuchten Kälte rollte ich mich wie ein Hund, so gut es ging, zusammen und schlief glücklich ein.
Ich schlief lange und traumlos.
Hunger und Durst zwangen mich nach ein paar Tagen wieder wach zu werden.
Als ich im Eingang stand, vertrieben gerade die ersten Sonnenstrahlen die Nacht.
Heute sammelte ich Schilf, das an der Quelle wuchs, es war stabiler als gedacht, eigentlich wollte ich mein Bett damit polstern. Aber so hölzern, wie das Schilf war, wäre das kein Gewinn. Als ich jedoch das Bündel neben dem Eingang an den Stamm lehnte, kam mir eine Idee. Wenn ich es zu einer Matte verweben könnte, dann hätte ich so eine Art Tür. Begeistert ging ich gleich ans Werk. Aber ich musste wenigstens einen Teil im Wasser einweichen, um es mit den anderen verweben zu können.
Es gelang.
Zwei Tage später hatte ich eine Tür, die ich zwar nicht abschließen konnte, aber sie gab mir etwas Schutz auch vor der kühlen Luft der Nacht.
Da das Wetter angenehm war, beschloss ich, meine Umgebung zu erkunden, ich würde meinen Weg markieren müssen, um wieder zurückzufinden. Aber ich wusste einfach noch viel zu wenig von meiner neuen Heimat.
Und so an einem frühen Morgen ging ich frisch und ausgeruht los.
Erst einmal veränderte sich nicht viel.
Viele Quellen gab es hier. Ihr Wasser schmeckte nicht so modrig wie an meiner Quelle.
Gegen Mittag stand ich auf einmal auf einer Lichtung, überrascht blieb ich stehen und sah mich um. Es gab Anzeichen von Arbeiten, die den Boden einmal urbar gemacht hatten, auch gab es Reste einer Siedlung. Allerdings wuchsen überall schon wieder junge gesunde Bäume empor und zeigten mir an, dass das Lager schon seit Jahren verlassen war.
Ich erforschte den Rest des Tages alles, was die Unbekannten zurückgelassen hatten. Viel war es nicht.
In der Mitte der Lichtung, eingefasst mit Steinen, gab es eine Feuerstelle, erstaunt setzte ich mich und blickte gedankenverloren darauf: Welche Möglichkeiten hatten sie gefunden, um Feuer zu machen?
Waren es mir ähnliche Wesen?
War es möglich, mit ihnen zu kommunizieren?
Waren sie friedlich oder musste ich mich vor ihnen in Acht nehmen?
Ein fahler Geschmack von Angst legte sich auf meine Zunge, tief in Gedanken versunken ging ich zurück. Ich nahm die Markierungen wieder mit. Jetzt, da ich wusste, ich war nicht allein, musste ich vorsichtig sein. Es dämmerte, als ich zurück in mein Zuhause kam. Ich aß und trank etwas von meinem kleinen Vorrat. Danach setzte ich mich in meinen Eingang.
Heute Abend erschien mir meine Höhle noch wertvoller als sonst. Sie gab mir Schutz und das Gefühl, nach Hause zu kommen. In der Ruhe des Abends versuchte ich, mich an meine Vergangenheit zu erinnern, die Schatten in meinem Kopf waren nicht greifbar, doch ich wusste, irgendwann würde ich mich erinnern.
Gerne würde ich den Himmel sehen, doch wie konnte ich diese Bäume hinaufklettern?
Diese Frage war für den nächsten Tag, mal sehen, ob ich sie beantworten konnte.
Ich zog meine Tür vor den Eingang und legte mich auf mein hartes Bett.
Doch heute Abend wollte der Schlaf nicht kommen. Aufgewühlt und voller Angst warf ich mich hin und her. Ich lauschte in den Wald hinaus und hörte Geräusche und Tierlaute, die ich nicht einsortieren konnte. Bisher hatte ich noch keine Anzeichen gesehen, aber es war doch möglich, dass es hier Wesen gab, die sich von dem Fleisch der anderen ernährten.
Da gab es einen hohen zirpenden Laut. Ich nahm an, dass es sich um eine Art Vogel handelte, vielleicht jenen, der die Riesennuss knacken konnte, er musste einen gewaltigen Schnabel haben.
Aber auch andere Geräusche wie ein tiefes Brummen – es kam mir vor, als wenn mehrere Wesen sich auf diese Weise unterhalten würden. Das Brummen gab es in kurz, in lang und in verschiedenen Höhen. Ja, es war bestimmt ein Gespräch.
Am Morgen brach ich wieder nach dem Frühstück auf, diesmal ging es in die andere Richtung. Ich kam in ein sehr nasses Gebiet, in langen Fäden hingen Moose von den Bäumen und bewegten sich wie kleine Flaggen im Wind. Ich musste sorgsam darauf achten, wo ich hintrat, damit mich der moorige Untergrund nicht verschlingen würde.
Auf einmal schritt in langsamen, anmutigen Schritten ein weißer Tiger zwischen den Bäumen aus dem Halbdunkel des Waldes auf mich zu und blieb vier Meter vor mir stehen.
Bis auf seine schwarzen Streifen war sein Fell makellos weiß, er hatte beinahe die Schulterhöhe eines Pferdes, seine Augen waren groß und leuchteten in einem goldenen Glanz.
Er betrachtete mich mit einer Intelligenz, die der meinen weit überlegen war. Als mir das bewusst wurde, senkte ich den Blick und ließ mich auf die Knie fallen.
Eine tiefe, wohlklingende Stimme sprach in meinem Kopf. „Schönes Menschenkind, was hat dich durch Raum und Zeit zu uns auf diesen Planeten geführt?“
Tief ergriffen sah ich auf, sah dieses Geschöpf an und suchte nach Worten, die angebracht waren.
Doch Worte fand ich nicht, stattdessen öffnete ich ihm meinen Geist und ließ ihn sehen, wer ich war.
Er bewegte sich ohne einen Laut, bis er ganz nahe vor mir stand. Dann sprach er abermals in meinem Kopf. „Sei uns willkommen, du bist zwar anders als wir, doch in den wichtigen Dingen uns sehr ähnlich.
Bleibe dort an jener Quelle, sie wird deinen Körper heilen und ihn unserer Welt anpassen, sodass deine suchende Seele wachsen kann. Sie wird schöner und heller erstrahlen als alles, was du dir im Moment vorstellen kannst. Wenn du nicht weiterweißt oder Fragen hast, rufe mich mithilfe deines Geistes. Ich werde dich immer hören.“ Bevor ich noch etwas sagen konnte, verschwand er im Dunkel des Waldes.
Auf dem Rückweg stellte ich fest, dass er mir einige wichtige Fragen beantwortet hatte.
Das Wichtigste war für mich aber, dass die Kälte der Einsamkeit ein Stück weit von mir genommen worden war. Das Wissen, dass ich hier an diesem Ort willkommen war und dass ich immer zu jeder Zeit Kontakt aufnehmen konnte, hatte etwas Beruhigendes an sich. So war aus Einsamkeit wohltuende Ruhe und Frieden geworden.
Wieder zurück in meinem kleinen Zuhause ließ ich es mir gut ergehen. Ich hatte genug zu essen und zu trinken. Ich sammelte die weichen Fasern der Nüsse, um mir ein weicheres Nachtlager bereiten zu können. Ich versuchte auch weiterhin, einen Faden daraus zu spinnen, was nach vielen Fehlversuchen gelang. Er war nicht gleichmäßig, aber doch zu gebrauchen.
So konnte ich mir nach einiger Zeit aus Fasern und dem Faden eine Art Schlafmatte herstellen. Ich liebte alle meine selbst erbauten Errungenschaften, die mir das Leben leichter machten.
Es fiel mir zuerst an meinen Händen auf: als ich herkam, waren sie rissig, die Nägel brüchig.
An diesem Morgen hielt ich inne, denn meine Hände waren die einer jungen Frau. Ungläubig drehte und wendete ich sie, aber es lag nicht am Licht, die Haut war weich und rosig frisch. Auch waren meine hervortretenden Rippen verschwunden, sie wurden ebenfalls durch eine schöne glatte Haut überspannt, mein Haar, das immer strähnig und dünn gewesen war, wurde weich und lang.
Im Stillen dankte ich dem weißen Tiger.
Es wurde eine Art Ritual: morgens schenkte ich ihm meine ersten Gedanken und abends meine letzten. Ich bekam keine Antwort, aber ich war mir sicher, er hörte mich.
Wenn ich nachts wach auf meinem Bett lag, hörte ich Stimmen in meinem Kopf, es waren ruhige, gleichmäßige Gespräche; ich denke, sie waren durch den dicken Stamm des Baumes, in dem ich lebte, gedämpft, sodass ich nichts verstehen konnte.
An diesem Abend stand ich wieder auf, eine innere Unruhe ließ mich nicht schlafen. Draußen war es bereits dunkle Nacht, mir stellten sich die Nackenhaare auf, als ich die vielen Lebewesen hörte, die im Dunkeln unterwegs waren und ohne dass ich sie sehen konnte, in meiner Nähe herum wuselten oder flogen.
Sehnsüchtig sah ich nach oben, ich hatte schon sehr lange den freien Himmel nicht mehr gesehen. Ich ging ein wenig umher in dem Versuch, einen Stern zu sehen, aber es gelang nicht. So setzte ich mich schließlich vor mein Zuhause und lauschte hinaus in die Nacht. Das Gewirr der vielen Stimmen blieb undurchsichtig für mich, ich konnte keine einzelne isolieren und somit verstehen.
In meinem Kopf formte die Sehnsucht ein Bild von einem Sternenhimmel, der sich wie ein großer Baldachin über diesen wunderschönen Planeten spannte und gleichzeitig für Geborgenheit sowie große Freiheit stand. Ich war so in meinen Träumen verwoben, dass ich das Licht erst nicht bemerkte, was zwischen den Bäumen immer heller wurde. Erst als eine der hell leuchtenden Kugeln vor mir umherschwirrte, riss ich erstaunt die Augen auf. Ich streckte meine Hand aus und die Kugel ließ sich darauf nieder. Liebe und eine Spur Zärtlichkeit durchströmten mich. Die anderen Kugeln formierten sich in den Blättern der Bäume und als ich nach oben sah, konnte ich beinahe einen echten Sternenhimmel sehen.
Mein Herz machte einen freudigen Sprung: „Wie schön“, jubilierte ich.
Diese Nacht verbrachte ich unter meinen eigenen Sternenhimmel.
Als der Morgen kam, verblassten die Lichtkugeln und verschwanden wieder, ich trank durstig aus der Quelle, bedankte mich bei allen und ging zu Bett.
So verging die Zeit. Ich lernte, mit den Wesen dieses Planeten zu kommunizieren und bekam viele große und kleine Geschenke, die mit viel Liebe angeboten und gegeben wurden. Aber die Zeit lehrte mich, dass ich, was die Intelligenz des Planeten und seiner Bewohner anging, nur etwa auf der Stufe eines 3-jährigen Kindes stand. Ich wurde geliebt und versorgt, aber ich musste noch wachsen und reifen, um die Kommunikation, die die Wesen und der Planet miteinander führten, zu verstehen.
Der Regen, der von den Blättern auf den Waldboden tropfte, verlor langsam an Beständigkeit, immer länger wurden die Pausen. Mit den Fingern entwirrte ich gerade mein dickes, dichtes, schwarzes Haar, was mir mittlerweile bis fast zu den Knien reichte. Mein Körper bedurfte keiner wärmenden oder schürzenden Kleidung mehr. Ein dünner Film dichtes, glattes, weißes Haar hatte sich auf meiner nackten Haut gebildet. Es glänzte und schimmerte in der Sonne. Auch fester Nahrung bedurfte ich nicht mehr, allerdings war das Wasser der Quelle noch überlebenswichtig für mich. Wenn ich meinen Geist öffnete, bekam ich die starke reine Energie direkt vom Planeten, sodass ich keine Energie mehr aus der Nahrung schöpfen musste. Allerdings fehlte es mir noch an der Reife, meine Gedanken so rein und klar zu halten, wie es notwendig war. Deswegen brauchte ich das Wasser der Quelle, es spülte immer und immer wieder die schlechte Energie aus mir heraus.
Etwas war anders an diesem Morgen, als ich mein Zuhause verließ. Es war noch zu dunkel. Doch mir war, als ob ich verschwommene Gestalten zwischen den Bäumen wahrnahm. Erst als eine hervortrat, konnte ich die Gestalt erkennen, die wie ich auf zwei Füßen stand. Ihr Fell war braun und staubig und ihr Haar stand in allen Himmelsrichtungen vom Kopf ab. Das Wesen hatte starke furchterregende Zähne und rote Augen. Aus seinem Fuß und den Fingerspitzen traten lange scharfe Krallen hervor.
Als es näherkam, konnte ich den ekelerregenden Gestank des Wesens wahrnehmen, welches Fleisch als Nahrung zu
