Die Welt in Ingoldau - Meinrad Inglin - E-Book

Die Welt in Ingoldau E-Book

Meinrad Inglin

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Beschreibung

«Die Welt in Ingoldau» erschien 1922 als erster Roman Meinrad Inglins und machte den Autor sofort bekannt. Das Werk gibt einen Querschnitt durch die Welt eines Innerschweizer Dorfes um die Jahrhundertwende. Eine Gruppe junger Menschen, deren geistiger Mittelpunkt der Pfarrhelfer Reichlin ist, löst sich aus der religiösen Tradition, aus dem ideenarmen und leidenschaftslosen Dasein des bürgerlichen Alltags, der ihren Forderungen nicht mehr genügt, und aus einem Erziehungssystem, das die besten Kräfte in starren Konventionen zu ersticken droht. Eine Fülle scharf umrissener Gestalten wird mit unerbittlichem, aber nicht unversöhnlichem Realismus gezeichnet. So strahlt diese Welt im ganzen doch eine ungemeine Kraft und Sicherheit aus, denn sie wird nicht nur in ihrer Unzulänglichkeit, sondern auch in ihrem unerschöpflichen Reichtum erlebt und mit dem Willen zu bedingungsloser Wahrhaftigkeit in früher Meisterschaft gestaltet.

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Seitenzahl: 774

Veröffentlichungsjahr: 2022

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© Meinrad Inglin Stiftung Schwyz

Meinrad Inglin (1893–1971)

Sohn eines Goldschmieds, Uhrmachers und Jägers, wurde mit siebzehn Jahren Vollwaise. Uhrmacher- und Kellnerausbildung, trotz fehlender Matura Studium der Literaturgeschichte und Psychologie in Bern, Genf und Neuenburg. Tätigkeit als Zeitungsredaktor, während des Ersten und Zweiten Weltkriegs Offizier im Grenzdienst. 1922 als Journalist in Berlin, danach als freier Schriftsteller in Schwyz. Meinrad Inglin zählt zu den bedeutendsten Schweizer Schriftstellern, für sein Werk erhält er 1948 den Grossen Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung und gleichzeitig den Ehrendoktortitel der Universität Zürich. Es folgen der Innerschweizer Kulturpreis (1953), der Gottfried-Keller-Preis (1965) und der Wolfgang-Amadeus-Mozart-Preis der Goethe-Stiftung Basel (1967).

www.meinradinglin.ch

MEINRAD INGLIN

Die Welt in Ingoldau

Roman

Nachwort von Daniel Annen

Inhalt

Über den Autor

Erster Teil

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Zweiter Teil

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Dritter Teil

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

NACHWORT

EDITORISCHE NACHBEMERKUNG

MEINRAD INGLIN GESAMMELTE WERKE IN 10 BÄNDEN

Erster Teil

I

In Ingoldau starb am zweitletzten Samstag vor Ostern unerwartet und unter sonderbaren Umständen der Pfarrer Klemens Bolfing.

Das Tal von Ingoldau bildet einen weiten Kessel, der nur auf der Westseite gegen den See hin offen liegt. Der scheinbar zusammenhängende, hufeisenförmige Wall, der jedoch aus verschiedenen waldreichen Vorgebirgszügen besteht, hebt sich im Osten unvermittelt zu einer kegelförmigen Höhe, die unter dem Namen «Ingoldauer Rothorn» bekannt ist. In der Mitte zwischen See und Berg liegt das Dorf Ingoldau. Die Sonne trifft es spät, denn das Rothorn wirft am frühen Morgen seinen Riesenschatten über den ganzen Talkessel hin bis an das Seeufer.

Die im romanischen Stil gebaute katholische Pfarrkirche erdrückt mit gewaltigen Flanken die bescheidenen Nachbarbauten. Rings um die Kirche und den Hauptplatz herum scharen sich zwei- und dreistöckige Giebelhäuser; zunächst noch eng gedrängt, folgen sie in unregelmäßiger Linie den fünf Straßen, die vom Hauptplatz ausstrahlen; allmählich stehen sie lichter, werden von Gärten und Rasenplätzen unterbrochen und verlieren sich endlich in die grüne Landschaft. Mehrere Herrschaftshäuser von gemeinsamem Gepräge, die bald dem Dorfe selbst, bald der Umgebung angehören, unterscheiden sich durch ihre Größe und architektonische Gliederung deutlich von den einfachen Bürgerhäusern, so die Stammsitze derer von Rickenbach, von Schönenbuch und von Sagenmatt. In breiter Behäbigkeit wachsen sie mit ihrer weißen, von Klebdächern überschatteten Vorderseite aus reichen Obst- und Blumengärten heraus. Beachtenswert sind das Rathaus und der sehr alte «Ingoldauer Hof», die mit der Kirche und zwei Bürgerhäusern zusammen den sorgfältig gepflasterten Hauptplatz umrahmen. Mitten auf diesem Platze steht ein runder Brunnen, dessen geschweifte Säule eine steinerne Madonna trägt.

Klemens Bolfing nun, Ehrenkämmerer und Kanonikus, war Pfarrer von Ingoldau. Man sah diesen sehr dicken geistlichen Herrn mit dem aufgedunsenen roten Gesichte etwa die Kirchtreppe hinaufsteigen, wie er bedächtig eine Stufe um die andere nahm, auf der obersten verschnaufend stehenblieb und sich mit dem farbigen Taschentuch den Schweiß abtrocknete; man sah ihn bei Prozessionen unter dem Baldachin langsam, feierlich, in schwere Gewänder gehüllt, das entblößte Haupt von Weihrauch umwölkt, die strahlende Monstranz vor sich her tragen; oder man hörte ihn von der Kanzel herab in kleinen Sätzen und nach jedem Satze lang aussetzend, mühsam und schwer betont, das Wort Gottes verkünden. Sein Ruf als Beichtvater übertraf den aller seiner Amtsbrüder des Bezirkes. Nie zuvor hatte Ingoldau einen Geistlichen besessen, der die menschlichen Fehler und Verirrungen mit so milder Nachsicht beurteilte. Man verdankte das wohl seiner natürlichen Güte, aber mehr noch seiner Erfahrung, die in der Sündenlast einer ganzen Generation wurzelte.

Es war an dem genannten Tage, als er in der Pfarrkirche am späten Abend schweratmend den vordersten Beichtstuhl auf der Frauenseite mit seinem mächtigen Leib ausfüllte. Er hatte wohl schon über zwanzig Lossprechungen erteilt, schob jetzt den Vorhang ein wenig beiseite, blickte hinaus und bemerkte noch zwei wartende Frauen und ein Mädchen. Sogleich zog er sich wieder zurück, um trotz Hunger und heißem Unbehagen diese letzte halbe Stunde in Gottes Namen noch auszuharren.

Die eine der Frauen, die hinterbliebene Gattin des Kantonsingenieurs Alois Reichmuth, der vor kurzer Zeit bei den Notverbauungen am Fronbachtobel um sein Leben gekommen war, saß in schwarzen Trauerkleidern aufrecht da; sie saß, weil sie ihrer Schwangerschaft wegen das lange Knien nicht ertrug. Es war eine junge, großgewachsene Frau, blondhaarig, mit goldenen Ohrringen und etwas unreiner Gesichtsfarbe, eine geborene Rosa Kälin, die jüngere Tochter des Baumeisters Maurus Kälin selig.

Das neben ihr kniende junge Mädchen, Therese Reichlin, wollte ihr den Vortritt geben, was sie jedoch freundlich ablehnte; so begab sich denn Therese zuerst zum Bekenntnis, trug dem Pfarrer, der sich mehrmals prustend den Schweiß von der Stirne wischte, ihre kleinen Fehler vor und kehrte gesammelt zurück.

In jener Haltung, die Schwangern eigentümlich ist, wandelte darauf die Witwe Reichmuth zum Beichtstuhl und ließ sich vor der vergitterten Öffnung langsam auf die Knie nieder. Sie war sich keiner schweren Sünde bewußt, ihre einzige Schuld bestand darin, daß sie in den ersten dunklen Stunden nach dem plötzlichen Tode ihres Mannes an Gottes Güte und Barmherzigkeit gezweifelt hatte und auch an den folgenden Tagen kleinmütig und verzagt gewesen war; in diesem Zustande hatte sie sich an ihrem kleinen Melchior schadlos gehalten und ihn in einer Art verhätschelt, die wohl sündhafte Übertreibung war.

Frau Reichmuth sah, daß sich der Pfarrer in einer gewissen Beklemmung befand, doch maß sie diesem Umstand keine weitere Bedeutung bei. Sie erhob sich nach der Lossprechung schwerfällig und kehrte, die Hände über dem Leib gefaltet, den Kopf erhoben, die Blicke in der bunten Dämmerung des Kirchengewölbes, langsam in ihre Bank zurück, um das Bußgebet zu verrichten.

Als nun die letzte der Wartenden, die Gattin des Doktor Betschart, auf den Beichtstuhl zuschritt, bemerkte man, wie sich am Türchen der Vorhang bewegte. Frau Betschart trug, obwohl sie nicht in Trauer war, ebenfalls schwarze Kleider und hatte unter einem schmalkrempigen Hut ein ernsthaftes Gesicht. Ihre Augen lagen in Vertiefungen zwischen dichten Wimpern und dunklen, von den sanft gewölbten Backenknochen her einfallenden Schatten, und blickten selber mit einer dunklen, zum Widerspruch reizenden Ernsthaftigkeit. Sie sah vor sich das unsichere Profil, den schwulstigen Nacken und den fetten, schwartigen Hals des Beichtvaters, sie legte in wachsamer Ängstlichkeit ihr Bekenntnis ab, neigte die Stirn und wartete mit gesenkten Wimpern auf den geistlichen Zuspruch.

Als das gewohnte Räuspern, das gruchsende Atemholen und die väterlich mahnenden Worte ausblieben, schielte sie vorsichtig unter den Wimpern hervor, dann blickte sie erstaunt auf. Der Pfarrer war ganz in sich zusammengesunken, der Kopf hing vornüber, der Mund stand offen, das Kinn ruhte tief in den faltigen Halspolstern. Sie glaubte, daß er eingeschlafen sei und rief leise: «Herr Pfarrer!» Darauf wiederholte sie lauter: «Herr Pfarrer! Herr Pfarrer!» Er rührte sich nicht. Erschrocken starrte sie durch das Gitter, dann schoß sie auf, wollte fortrennen, wandte sich noch einmal um und rauschte endlich, als sie keine Veränderung wahrnahm, aufgeregt hinaus. «Frau Reichmuth! Um Gottes willen, ich glaube dem hochwürdigen Herrn ist etwas geschehen.»

Die Frau und das Mädchen starrten sie einen Augenblick mit fragender Erschrockenheit an, als ob sie es noch nicht recht begriffen. Dann faßte sich Therese und folgte der Aufgeregten rasch zum Beichtstuhl. Die Schwangere erhob sich langsam und wechselte die Farbe.

Frau Betschart schob zaghaft den Vorhang weg. Der geistliche Herr saß immer noch zusammengekauert zwischen den vier engen Holzwänden. Sie rief ihn wiederholt beim Namen, den Blick scheu auf die ihr zugewandte, mit Schweißtropfen behangene Glatze gerichtet. Er rührte sich nicht.

Da ließ die Frau tief erschrocken den Vorhang fallen und sagte, völlig ratlos: «Jesses Gott!» Therese aber bemerkte leise: «Man muß den Sigrist holen!»

Mit einem Ruck wandte sich die Frau zu ihr herum und bettelte eindringlich: «Ja, nicht wahr! Hol’ ihn doch! Er wird in der Sakristei sein.»

Therese nickte schweigend und ging.

Der Sigrist erschien hastig mit zwei anderen Männern, die Frauen blickten ihnen eifrig und zu Ratschlägen bereit entgegen.

Frau Reichmuth verließ die Bank, in die sie zurückgekehrt war, näherte sich etwas und sah, wie man den mächtigen Körper des Pfarrherrn mühsam aus dem Beichtstuhl herauszog, wie sich die Männer, mit den Füßen immer wieder neuen Halt suchend, am Boden sperrten und die gewaltige, plumpe Last ächzend und ruckweise hochhoben. Ihre Stirn wurde kalt und feucht, sie sah plötzlich das fahle, erloschene Antlitz ihres toten Gatten vor sich und fühlte, wie ihr alles vor den Augen schwand.

Frau Betschart und Therese griffen ihr unter die Arme, führten sie in die frische Luft hinaus, wo sie rasch wieder zu sich kam, und begleiteten sie nach Hause. Sie wandelte zwischen ihnen wie eine erwachte Leiche, erschrocken, schweigend, mit erhobenem, milchweißem Gesicht und feuchter Stirne.

Unter dem Eindruck des gemeinsamen Erlebnisses und erfüllt von der Begier, die Nachricht zu verbreiten, verabschiedeten sie sich vor dem Hause der Witwe mit ernster Herzlichkeit.

Die Neuigkeit lief trotz der späten Stunde rasch durch das ganze Dorf. Manche Frauen und viele junge Leute eilten nach der Kirche. Auf dem Hauptplatz und vor den Wirtschaften bildeten sich kleine Gruppen.

In der Dämmerung beim nördlichen Kirchenportal stieß der Pfarrhelfer Ehrler auf einen Kapuziner und sprach ihn sogleich an: «Sagen Sie nur – der Herr Pfarrer, hä!» Der braune Klosterbruder nickte, ohne ein Wort zu finden. «Im Beichtstuhl!» fügte der Pfarrhelfer mit flüsterndem Nachdruck hinzu. Der Bruder sah ihn forschend an und schüttelte fassungslos den Kopf. Darauf gingen sie rasch und schweigend ihrer Wege.

Zwei Sigristen trugen den schwarzbedeckten Leichnam des Pfarrers auf einer Bahre eilig zur Kirche hinaus; ein Altardiener mit einer Laterne begleitete sie, der Pfarrhelfer Ehrler folgte. Das herbeigelaufene Volk drängte murmelnd auf die Kirchtreppe und blickte der dunklen Gruppe nach, bis sie unter dem Torbogen des Pfarrhofes verschwand.

II

Das Hochamt ist zu Ende, drei Priester in goldgestickten Meßgewändern verschwinden mit den Altardienern in der Sakristei, die Orgel braust erlöst und stürmisch auf, während das Volk durch fünf geöffnete Portale aufatmend ins Freie strömt und sich in der sonntäglichen Morgensonne mit Wohlbehagen auf die Straßen und Plätze ergießt. Überall entstehen größere und kleinere Gruppen, Familien betreten, von daher und dorther begrüßt und dahin und dorthin grüßend, den Heimweg, der Orgelsturm in der Kirche bricht plötzlich ab, und die Musikanten tragen ihre Hörner und Geigen vorbei.

Vor dem westlichen Eingang der Kirche, wo die Marktstraße in den Hauptplatz mündet, staut sich eine zähflüssige Masse; Bauern der Umgebung treffen hier zu einer feiertäglichen Unterhaltung oder zur Besprechung eines Handels zusammen. Dichtgedrängt, Schulter an Schulter, versperren sie einander den Weg, drängen und schieben sich schwerfällig vorwärts, bleiben zu zweien und dreien stehen, rauchen ruhig ihre Pfeifen und reden breit vom Heuen, Kalbern und Handeln. Handwerker aus dem Ober- und Hinterdorf, Schreiner, Schmiede, Spengler, Schuster mischen sich unter das Bauernvolk, während mehr gegen den Hauptplatz hin, auf dem Randstein und dem südlichen Kirchtreppenabsatz, Lehrer, Beamte, Bankangestellte und andere besser gekleidete Dorfbewohner zu finden sind.

Mitten auf dem Hauptplatz bewegt sich ungezwungen in mehrfach durchbrochenem Kreise eine Schar gutgekleideter junger Herren, Söhne vornehmer bürgerlicher Familien, die zusammen das Gymnasium oder die Realschule absolviert haben, aus den verschiedenen Hochschulstädten nach Hause in die Ferien gekommen sind und sich hier ohne Verabredung gefunden haben. Sie zeigen eine gewisse städtische Eleganz, sie tragen Hüte, wie man sie in Ingoldau nicht kaufen kann, und Anzüge, deren Schnitt eben noch in der Mode war. Zwischen den Fingern der Rechten die Zigarette, die Linke in der Tasche oder auf den Hüftknochen gestützt, aufrecht oder etwas verzwängt auf einem Beine ruhend, stehen sie da, wechseln häufig ihre Stellung, reden von Kneipen, von Bummeln, vom Militärdienst, nennen Ingoldau ein langweiliges Nest und beobachten im übrigen mit unauffälligem Fleiß die Kirchtreppen, den Platz und die Straßenausgänge. Sie warten, ohne daß einer dem anderen so etwas eingestehen möchte, auf jene jungen Damen, die zu gut erzogen sind, um sich häufiger, als es gerade notwendig ist, derartigen Beobachtungen auszusetzen. Kehrt nun so ein Fräulein, das man vor zehn Jahren noch am Zopfe gezerrt hat, in Begleitung ihrer Angehörigen, geschmackvoll gekleidet, heiter und sittsam von der Messe zurück, dann lockert sich der Kreis unmerklich, über die Gesichter schattet rasch ehrfürchtiger Ernst, und die Hüte heben sich gemessen; der Gruß wird von der ganzen Familie entgegengenommen und mit einem leichten Senken des Hauptes gelassen erwidert.

Manchmal zeigen sich auf dem Hauptplatz auch einzelne bekannte Kaufleute und Handwerksmeister. Viele von ihnen haben die heilige Messe geschwänzt und den Sonntagmorgen am Stammtisch verbracht, denn es geht ihnen gut, und daher brauchen sie keinen göttlichen Beistand. Es sind zumeist fleißige, wohlgenährte und angesehene Männer, Spezereiwarenhändler, Apotheker, Bäcker, Gastwirte, Uhrenmacher, die mit ihren zahlreichen Familien den bürgerlichen Grundstock der Bevölkerung bilden.

Vor den zwei nördlichen Portalen der Kirche aber drängen sich Frauen jeden Standes schwatzend zusammen oder wimmeln rufend, lachend und Grüße nickend langsam auseinander. Man beflüsterte eben den plötzlichen Hingang des Pfarrers Bolfing, man nannte die Namen der Frauen, die seinen letzten Augenblicken beigewohnt hatten, und ließ sich immer wieder mit ergriffener Anteilnahme die Art seines Todes beschreiben. Ein seliges und schönes Ende sei es gewesen. Er habe den Blick aufwärts gerichtet, kurz und inbrünstig gebetet, darauf sein Haupt geneigt und mit einer überirdischen Verklärung auf dem Gesichte seinen Geist aufgegeben. An diese Betrachtung schlossen sich eifrig vermutende Gedanken über die bevorstehenden Neubesetzungen. «Jetzt wird, denk’ ich, der Herr Pfarrhelfer Ehrler zum Pfarrer gewählt, meinen Sie nicht auch?» – «Jaja, das glaube ich auch; aber dann müssen wir doch einen neuen Pfarrhelfer haben! Wer wird wohl da …» – «Ja, das nimmt mich jetzt wunder … vielleicht der Herr Abegg?» – «Nein, das glaub’ ich nicht, der Herr Abegg ist doch erst Kaplan geworden.» – «Oh, es wird etwa ein Fremder kommen!» – «Das wäre aber eben gar nicht vorteilhaft, wissen Sie, er hat doch die ganze religiöse Leitung der Jugend unter sich.» – «Hoffentlich ist es ein guter Beichtvater!» – «Der Bischof wird ihn halt auslesen.» – «Jaja, ja natürlich …»

Plötzlich streifte die wundrigen Frauen das Gerücht, man wisse bereits, wer bestimmt sei, die Viktoria wisse es. Es sei der junge Herr Reichlin, ein Ingoldauer, der im letzten Jahre seine theologischen Studien beendet und in der Pfarrkirche Primiz gefeiert habe. Mehrere Frauen suchten darauf die Viktoria und knüpften unauffällig mit ihr an.

Viktoria von Rickenbach, die Schwester des alten Obersten von Rickenbach, war ein betagtes Fräulein von hohem Wuchse und erstaunlichem Umfang. Sie trug bauschige schwarze Seidenkleider, sprach die Mundart gewählt mit französischer Betonung, und lächelte, wenn sie mit Ingoldauern in Berührung kam, unnahbar süß und fern, wie aus einem anderen Zeitalter herüber. Obwohl sie die am meisten genannte Person des ganzen Dorfes war, kannte kein Mensch sie genau. Es schien, als ob das Volk eine Gestalt brauche, an der es seine Ehrfurcht und heimliche Dienstbereitschaft, seinen Witz, seine Spottsucht und seine Entrüstung auslassen konnte. Allgemein wurde sie nur Viktoria genannt. «Jesses, Pfiktoria!» schrie jene dicke Bürgerin wahrhaft erregt, als sie die ansehnliche Dame zum erstenmal im Leben gänzlich unerwarteterweise auf ihre Spielwarenhandlung zusteuern sah. «Viktoria, Viktoria, Viveli vumm, Pum pumm!» sangen die Lausbuben auf der Straße. «Guten Tag, Fräulein von Rickenbach!» grüßte die Frau des Zuckerbäckers, in ungeheuchelter Ehrfurcht ersterbend, wenn die begehrte Kundin den Laden betrat. «O die cheibe Paßgiige!» maulte der kleine Bürger, wenn im Wirtshaus von ihr die Rede war. «Luegid au, luegid au, wie kommt die wieder daher!» tuschelten die Frauen lachend hinter ihrem Rücken.

Aber freilich, wenn sie langsam, gemessen, mit feierlicher Schleppe und hoheitsvoller Miene, wie an der Spitze einer ganzen Prozession durch die Straßen wandelte, konnte man ihr trotz allem eine gewisse komische Großart nicht absprechen.

Als die Frau des Genossenschreibers Schibig auf dem schützenden Umweg über eine Angelegenheit des Frauenvereins an jenes Ende gelangt war, wo man das sachliche Gespräch entweder abbricht oder in eine vertrauliche Unterhaltung umbiegt, erlaubte sie sich die Frage nach dem neuen Pfarrhelfer. Liebenswürdig auflächelnd und, wie es schien, etwas herablassend, gab Viktoria ihre Ansicht kund. An ihrer Aussprache der Ingoldauer Mundart fiel die ungewohnte Betonung der Endsilben auf; außerdem formte sie das R nicht mit der Zungenspitze, sie holte es, wie manche Franzosen, aus der Kehle herauf. Diese Gewohnheit besaßen, mehr oder weniger, alle von Rickenbach.

«Ich will nicht sagen, daß ich weiß, wer der neue Herr sein wird, aber wenn es auf mich ankäme, dann müßte es der junge Herr Reichlin sein», erklärte Viktoria, indem sie den Namen Reichlin mit einer Entschiedenheit betonte, als ob jemand dagegen Einsprache erhoben hätte.

«Ich habe ihn», fuhr sie freundlich überlegen fort, «bei der Primiz als unseren Gast kennen gelernt, Madeleine war doch seine geistliche Braut. Ich darf schon sagen, daß es ein sehr geistvoller junger Mann ist. Unser gnädiger Herr und Bischof, mit dem wir ja verwandt sind, wird vermutlich selber an ihn denken, und sonst, mon dieu, könnte man ihm immer noch den Vorschlag machen.»

Das Fräulein nickte mit vorsichtiger Liebenswürdigkeit, ließ die eifrig zustimmenden Frauen stehen, und rauschte zwischen rasch und schweigend beiseite tretenden Leuten hindurch feierlich nach Hause.

III

Oberst Benedikt von Rickenbach saß vornübergebeugt und unentschieden, als ob er sich sogleich wieder erheben wollte, auf dem äußersten Rand des gepolsterten Lehnstuhls und musterte durch einen goldenen Klemmer, den er sich mit der rechten Hand vor die Augen hielt, ärgerlich zweifelnd die gelblich angelaufenen Kupferstiche eines alten Werkes über die kriegerische Entwicklung der alten Eidgenossenschaft. Als er auf der letzten Seite angekommen war, ließ er den Klemmer am Schnürchen baumeln, klappte den Band zu, warf ihn auf den Tisch, erhob sich langsam und ging brummend zum Bücherschrank, dem er einen neuen, umfangreichen Band entnahm. Nachdem er auch darin eine Weile geblättert hatte, begab er sich zum Tische zurück, drückte den Klemmer heftig auf die Nase, schrieb stehend einige Sätze auf ein Blatt Papier, ließ den Klemmer wiederum baumeln, lief mit mühsamer Heftigkeit vor einen kleinen Seitentisch und musterte die Karte, die darauf ausgebreitet war, wobei er sich bald ächzend mit krauser Stirn über sie beugte, bald aufgerichtet nachdenklich das ganze Bild überblickte.

Dieser alte Soldat arbeitete trotz seiner Gebrechlichkeit mit einem unsteten Tateifer, er konnte nicht eine Stunde ruhig nachdenken und schreiben, er mußte immer etwas herumzirkeln, blättern, zeichnen oder rechnen. Er verfaßte ein Werk über die Verteidigung der Ingoldauer Anno 1798 beim Angriff der Franzosen auf die Fronegg und auf andere Punkte der umliegenden Höhen. Diese Arbeit, die er mehr aus Liebhaberei als aus wissenschaftlichem Antrieb unternommen hatte, füllte einen großen Teil seiner Tageszeit aus; indessen ließ er sie oft auch wochen- und monatelang liegen. Daneben präsidierte er das Kantonsgericht, verfolgte mit ruppiger Kritik das öffentliche Leben, und begab sich nach dem Mittagessen regelmäßig in den Ingoldauer Hof zum Kaffeejaß.

Er hatte mit seiner um fünf Jahre jüngeren Schwester Viktoria zusammen die Jugend in Ingoldau verbracht, darauf ein Jesuitengymnasium in Österreich absolviert, in Heidelberg und in Paris die Rechte studiert, und sich kurz vor dem Tode seines Vaters, des Landammanns Theodor von Rickenbach, mit der Tochter einer alten französischen Emigrantenfamilie in Genf verlobt. Nach der endgültigen Rückkehr widmete er sich der Politik, um auf dem üblichen Weg in die Regierung zu gelangen; allein ein junger Herr von Schönenbuch kam ihm zweimal in so unverschämter Weise zuvor, daß er sich verbittert aus der Politik zurückzog und seinen Ehrgeiz ausschließlich auf die militärische Laufbahn richtete. Er führte längere Zeit das Ingoldauer Bataillon, später vertraute man ihm das Kommando über das Regiment des Kantons an, und schließlich wurde er zum Brigadekommandanten ernannt. Sein ältester Sohn widmete sich mit mehr Glück, als ihm beschieden gewesen, dem Staatsdienst, sein jüngerer dem Handel, was er zwar billigte, aber nicht besonders schätzte, während die einzige Tochter zu seinem größten Ärger einem von Schönenbuch in die Ehe folgte. Nachdem man ihn zur Verfügung des Generalstabes gestellt hatte, wählte ihn der Kantonsrat zum Gerichtspräsidenten.

Wenn er sich in seiner bequemen, mit Hirschhornknöpfen bis zum Halse geschlossenen Jacke hinter einem Stuhl breit aufpflanzte, die Arme straff auf die Lehne stellte und, den grauen geschorenen Kopf zwischen den vorgeschobenen Achseln, mit halb argwöhnisch, halb listig zusammengekniffenen Augen einen fremden Menschen musterte, machte er den Eindruck eines noch äußerst spannkräftigen Alten. Seine lahmen Bewegungen zeigten jedoch rasch, daß er keine großen Sprünge mehr ausführen konnte. Das kennzeichnende Merkmal seiner Familie, die scharf aus der Wurzel springende, steil abfallende Nase war auf seinem Gesicht infolge einer alten, aufgequollenen Narbe, nicht sehr deutlich ausgeprägt, so daß man ihn ebensogut für einen von Rickenbach anderer Herkunft halten konnte. Es gab nämlich neben der Ingoldauer Hauptlinie einzelne Abzweigungen, die früh mit der Überlieferung gebrochen und sich bürgerlichen Berufen zugewandt hatten.

Da in diesem durchaus demokratischen Staatswesen keinerlei Vorrechte mehr gewährt wurden, beruhte der starke öffentliche Einfluß der Familie und anderer alter Geschlechter, wie der von Schönenbuch, lediglich auf Reichtum, Ansehen und Tüchtigkeit. Sie führten Stammbäume, die bis in das dreizehnte Jahrhundert zurückreichten. Viele ihrer Ahnen hatten als Edle und Anführer von Söldnertruppen in französischen und neapolitanischen Diensten gekämpft und waren reich an Geld und Ehren nach Ingoldau zurückgekehrt. Während die von Rickenbach sich einen gewissen französischen Anstrich gaben, in öffentlichen Angelegenheiten und im Verkehr mit der bürgerlichen Welt Zurückhaltung übten, ihre Söhne bei österreichischen Jesuiten, ihre Töchter in französischen Instituten erziehen ließen, und im politischen Leben die konservative Hauptrolle spielten, hatten sich die von Schönenbuch den liberalen Strömungen des Zeitalters nicht verschlossen und rechtzeitig den Anschluß an das Bürgertum gesucht.

Der alte Oberst war mit seiner Arbeit auf eine Klippe geraten. Er hatte Dokumente aus dem Familienarchiv benutzt und stieß nun auf Tatsachen, die bisher unbekannt geblieben waren und ihm jede Freude verdarben. Es stellte sich heraus, daß die Ingoldauer den «Heldenkampf auf der Fronegg» nur aus Mangel an Einsicht und Überlegung unternommen und eine gründliche Abfuhr erlitten hatten, an welcher der Hauptmann Jakob von Rickenbach keine geringe Schuld trug. «Lueg, der Hagel, der Hagel!» brummte der Oberst, als er auf den entscheidenden Beweis stieß. Er ließ Bücher und Karten unschlüssig liegen und blieb aufrecht in seinem Lehnstuhl sitzen.

Da klopfte Viktoria und trat, als sie keine Antwort erhielt, spähend in den Türspalt, um sich sofort mit Förmlichkeit zu entschuldigen: «Pardon, colonel! Ich hätte gern mit dir über etwas gesprochen.» Damit schloß sie die Tür, schritt auf den Bruder zu und begann, seine Zustimmung voraussetzend, mit ihrer gläsernen Stimme in familiärer Weise herauszusprudeln: «Es handelt sich nämlich um die Besetzung der neuen Pfarrhelferstelle …» Daran knüpfte sie, ohne auf die geladene Schweigsamkeit ihres Zuhörers zu achten, eine Betrachtung über die Wichtigkeit des Postens, über die Hoffnungen der Bevölkerung, über die besondere Eignung des jungen Herrn Reichlin, und kam schließlich zur Hauptsache: «… und darum habe ich gedacht, du könntest vielleicht unseren gnädigen Herrn davon verständigen? Er wird sicher auf dich hören!»

Der Oberst wartete drei gespannte Sekunden lang, um sich zu überzeugen, daß sie ausgeredet hatte, dann fuhr er entrüstet auf: «Das würde euch wieder passen, hä?» Er stützte seine Arme auf die Seitenlehnen, drehte sich, seiner Schwester den Rücken zukehrend, mit einem mühsamen Ruck herum, blickte mit zusammengekniffenen Augen durch das gegenüberliegende Fenster und fuhr etwas mäßiger, aber in unwillig wegwerfendem Ton fort: «Fällt mir nicht ein. Ich bin kein Anwalt für Weiberwünsche. Und dann geht mich die Sache auch gar nichts an.»

Viktoria verwahrte sich gegen die Weiberwünsche und drang weiter in ihn. Da erhob sich der Oberst plötzlich, trat dicht vor sie hin, zeigte mit einer Kopfbewegung auf ein Ahnenbild, das den Hauptmann Jakob von Rickenbach darstellte, und sagte, gespannt, als ob er eine Drohung ausspräche: «Weißt du auch, daß das mit den Heldentaten von unserem Herrn Vorahn da ein verdammter Schwindel ist?»

Viktoria tat zwei rasche Schritte rückwärts und sah ihren Bruder verblüfft an. Darauf sagte sie leise, entsetzt: «Quelle horreur!» Sogleich aber besann sie sich und suchte, mit Erkundigungen eifrig anknüpfend, auf diesem Umweg die brüderliche Bereitschaft. Sie erhielt jedoch keine Antwort mehr und zog sich endlich zurück, wobei sie tief Atem holte, einen Seufzer ausstieß, die Achseln zuckte und den Kopf schüttelte.

Im Wohnzimmer setzte sie sich in einen gewaltigen Lehnstuhl, drückte ihr Doppelkinn unzufrieden in den faltigen Hals und überlegte, ob es ratsam sei, den fehlgeschlagenen Versuch bei ihrem ungalanten Bruder zu erneuern; da trat Madeleine zu ihr. Sie zog die Kleine an sich, strich ihr mit der Rechten über den braunen Scheitel, sagte: «So, ma petite», und betrachtete sie lächelnd. Dann fuhr sie freundlich fort: «Denkst du auch noch an deinen hochwürdigen Herrn Bräutigam?»

«Ja, natürlich! Das vergesse ich doch nicht, was meinst du!» entgegnete sie sogleich mit komischer Selbstverständlichkeit und dachte an den feierlichen Tag zurück, da sie im weißen Seidenkleidchen neben dem jungen Primizianten zum Altare geschritten und dem Schauer der Ehrfurcht in ihrer Schwäche beinahe erlegen wäre. «Jä – wo ist er jetzt?» fragte sie weiter. «Kommt er etwa wieder nach Ingoldau?»

Die Großtante lächelte. «Voyons! Möchtest du, daß er wieder käme? Weißt du was?! Sag’ es dem Großpapa! Sag’ ihm, er solle es dem Bischof schreiben!»

«Aber wenn der Großpapa böse wird, wenn ich ihm das sage?» fragte sie zweifelnd.

«O nein, er wird nicht böse. Sei nur recht lieb mit ihm! Er hat dich gern, weißt du.»

«Ja, aber dann muß ich ihm wieder einen Kuß geben, und er hat immer so einen Bart», wandte sie schmollend ein.

Die Großtante erklärte ihr lachend, daß man den Großpapa auch auf die Stirn küssen könne, wo kein Bart wachse. Daran fand die Kleine Gefallen und erklärte sich einverstanden.

Sie ging sogleich hinüber zum alten Herrn und trat vorsichtig bei ihm ein. Der nickte zuerst freundlich, aber als er ihren Wunsch vernahm, kniff er die Augen zusammen und sagte schroff: «Geh, sag’ deiner Großtante, sie soll sich nur nicht weiter bemühen!»

Die Kleine erschrak, zog sich mit Tränen in den Augen zurück und ging, um der Großtante auszuweichen, der sie nun ernstlich böse war, in den Gartensaal hinab. «Ach, die Großtante!» dachte sie ärgerlich, trat zum offenen Fenster und sah nachdenklich über den Garten hin. Ihr hübsches, schmales Köpfchen war leicht geneigt und ganz von Licht umflossen. Nach einer Weile traf ihr Blick den Kirchturm, der scheinbar zwischen Tannen und knospenden Bäumen stand. Es fiel ihr ein, daß es doch schöner wäre, wenn sie beim Herrn Reichlin beichten könnte, statt beim Pfarrhelfer Stöckli, der gar keinen Takt besaß. Der Herr Reichlin war jung und lustig und machte nicht immer ein Gesicht wie sieben Tag Regenwetter. Wenn er nur wieder nach Ingoldau käme …

Sie öffnete den Mund, sperrte die Augen auf und hing dem Gedanken nach. Plötzlich lachte sie ganz entzückt, lief zum Großpapa, legte den Arm um seinen Nacken, sah ihm tapfer in die grauen Augen und sagte ernsthaft: «Großpapa, du mußt mir verzeihen, ich habe dich nicht zornig machen wollen. Es ist wahr, die Großtante hat mich geschickt. Aber diesmal, Großpapa, hat mich niemand geschickt.»

Der Oberst taute auf und sagte mit scherzhaftem Grimm: «Jäh, Leneli – sicher? Schön! Und was willst du nun von mir, hä?»

Da antwortete sie zögernd und kleinlaut: «Ich möchte halt auch, daß der Herr Reichlin kommt.»

«Was? Warum denn?» fragte er rauh.

Sie erschrak ein wenig, fühlte aber sogleich, daß sein Wohlwollen nicht erloschen war. «Weil er doch so ein … so ein … weil ich doch seine geistliche Braut gewesen bin», erklärte sie. «Gelt, du schreibst dem Bischof», fuhr sie ermuntert fort, «gelt, Großpapa?» Sie schmeichelte ihm spielend, umschlang ihn mit den Armen und küßte ihn plötzlich auf die Stirn.

Die zweifelhafte Laune des alten Herrn verschwand fast augenblicklich; wohlig durchdrungen und nicht ohne heimliche Rührung tätschelte er seine Enkelin auf den Rücken, lachte in tiefen, heiseren Stößen leise vor sich hin und knurrte vergnügt: «Wir wollen sehen, wir wollen sehen! Aber du darfst der Großtante nichts davon sagen, verstanden?»

Madeleine versprach es eifrig und machte sich mit strahlendem Gesicht davon.

Der Oberst aber warf einen mißtrauischen Blick auf seine Papiere, besann sich ein wenig, packte sie plötzlich zusammen und legte das ganze Bündel in ein Wandkästchen. «Ich pfeif’ doch auf den alten Chabis», brummte er mit Überzeugung und schloß über der staubigen, irreführenden und unfruchtbaren Vergangenheit den Deckel ab.

Darauf reckte er sich ein wenig, tat ein paar Schritte und fühlte sich durchsonnt, erwärmt und froh bewegt. «Cheibe Meiteli!» schmunzelte er und lachte seine leise knurrenden Stöße aus einer so tiefen Befriedigung heraus, als ob er in seinem ganzen übrigen Leben nie etwas anderes geerntet hätte als Haß oder Gleichgültigkeit.

IV

Außer dem Stammsitz gehörte der Familie von Rickenbach noch ein Haus an der Marktstraße, ein einfaches, zweistöckiges Giebelhaus. Im Erdgeschoß hatte Jakob Sigrist, der Mieter des ersten Stockes, eine Wirtschaft eingerichtet. Das war die Wirtschaft zur «Rebe». Über der Tür hing ein Schild mit zwei von Weinlaub umrankten Trauben, auf die Fensterscheiben war mit weißer Farbe gemalt: Wein, Bier, Most.

Wenn sich keine Gäste in der Wirtsstube befanden, stand Sigrist vor der Tür, rauchte behaglich seinen Stumpen, nickte einem Fuhrmann zu und betrachtete teilnehmend das langsam vorüberknarrende Fuhrwerk. Abends half er seinen Stammgästen beim Jaß aus, oder setzte sich zu anderen, die nicht jaßten, erspähte den Augenblick, da einer sein Glas bis zur letzten Neige austrank, und begann unvermittelt den neuesten Witz zu erzählen; mittendrin hielt er plötzlich inne, griff nach dem geleerten Glas, fragte freundschaftlich auffordernd: «Nisch nu es Bierli?» und erzählte seinen Witz lebhaft zu Ende. Es schien, als ob er beim Sprechen etwas stottere, doch war es kein eigentliches Stottern, da er mit der Zunge nicht anstieß, es waren vielmehr gewisse Hemmungen, die da und dort den raschen Fluß seiner Rede für eine oder zwei Sekunden unterbrachen. Diese Eigentümlichkeit machte sich aber erst dann auffallender bemerkbar, wenn er hitzig wurde und die Unterhaltung mit seinen blumigen Anschaulichkeiten würzte.

Lief das Gespräch um Dinge, die ihn nichts angingen, dann lehnte er sich mit seinem breiten Rücken an den Ofen, rollte den Stumpen vom rechten in den linken Mundwinkel oder nahm ihn mit drei Fingern heraus, betrachtete ihn, schob ihn langsam wieder zwischen die Lippen, kreuzte behaglich die Füße und blickte mit seinen wässerigen Äuglein über die dicken roten Backen hinweg pfiffig gemütlich nach den Menschen.

Hinter dem braungelben Schenktisch, zwischen zwei Flaschenreihen farbiger Schnäpse, erhob sich breit, üppig und gelangweilt seine Frau.

Sigrist hatte sie im Kurort am See in einem Gasthof zweiten Ranges kennen gelernt. Er war dort zuerst Schenkbursche, dann Portier gewesen und eben zum Concierge vorgerückt, als sie die Gouvernantenstelle übernahm. Da sie beide aus Ingoldau stammten, war zwischen ihnen ein freundschaftliches Verhältnis entstanden.

Es ergab sich, daß sie vom unsteten Hotelleben genug bekommen und längst auf die Gelegenheit gewartet hatten, sich auf eigene Füße zu stellen. Die Freundschaft endete mit der Verlobung, sie kündeten gleichzeitig, lösten in Ingoldau das Wirtschaftspatent und gründeten in der leerstehenden Wohnung des von Rickenbachschen Hauses an der Marktstraße die «Rebe».

Den zweiten Stock desselben Hauses bewohnte der Genossenschreiber Schibig mit seiner Familie und der Nichte Verena. Der Genossenschreiber war groß, kurzgeschoren und von sehr gerader Haltung. Er trug einen Stahlklemmer mit Schnürchen, der sich nach vorn neigte und zu den Augen in einem beträchtlichen Winkel stand; da er aber, um richtig zu sehen, die Mitte der Gläser durchblicken mußte, die etwas tiefer lag als seine Augensterne, schien es, als ob er alles in überhebender Weise von oben herab betrachte. Dabei besaß er ein äußerst mißvergnügtes Gesicht; besonders die Züge um seinen Mund herum waren von einer Verächtlichkeit, hinter der man viel beleidigte Würde und unverdiente Zurücksetzung vermuten konnte. Unwillkürlich traute man diesem Munde keinen anderen Ton zu als den der äußersten Geringschätzung.

Schibig hatte bis zu seinem sechzehnten Jahre neben neun Geschwistern in sehr beschränkten Verhältnissen gelebt, darauf, vom Geist der Strebsamkeit ergriffen, dem ärmlichen Kreise den Rücken gekehrt, mit Schreibarbeiten seinen Unterhalt verdient und auf eigene Rechnung gelebt. Von jenem Zeitpunkt an aber, da er seine alten, verflickten Kleidungsstücke an den Nagel hängen, einen bürgerlichen Anzug kaufen und ein Zimmer mieten konnte, war die ganze Familie mit einer Hartnäckigkeit hinter ihm her gewesen, als ob er das Geld nur so haufenweise verdiente. Gegen diese Zumutungen, die oft der Bedürftigkeit und wirklichen Not entsprangen, oft aber auch nichts anderes waren als Neid und Mißgunst, wehrte er sich zäh und rücksichtslos. Er sagte sich, daß ihm, um vorwärtszukommen, nichts anderes übrigbleibe, als alle Beziehungen mit den zudringlichen Geschwistern abzubrechen, und er führte dies auch mit einer Gründlichkeit durch, die nicht ohne Folgen blieb. Alsbald hielt man ihn dort, wo er hergekommen war, für einen herzlosen, hochmütigen Menschen, und dort, wo er zunächst hinwollte, für einen etwas beschränkten, eigensüchtigen Streber.

Als er vom bloßen Schreibgehilfen auf dem Büro der Allmendsgenossenschaft zum eigentlichen Genossenschreiber vorgerückt war, glaubte er, daß nun etwas erreicht sei, und heiratete zum siegreichen Abschluß seiner Kämpfe um ein bürgerliches Dasein die Witwe seines Vorgängers. Von jener Zeit an begann er mit einer fast fanatischen Gewissenhaftigkeit seine Beamtenpflicht zu erfüllen, wie um sich selber zu beweisen, daß er nicht der war, für den man ihn hielt, und um damit die Welt wenigstens zu seiner eigenen Genugtuung der Ungerechtigkeit zu überführen. Diese seltsame Art von Rache gelang ihm denn auch. Er konnte jetzt, nach einer mehr als zwanzigjährigen Tätigkeit, mit Befriedigung feststellen, daß es sehr wenige Menschen gab, die so verkannt gewesen waren und trotzdem ihre Pflicht täglich so gewissenhaft erfüllt hatten wie er. Die, seiner Natur eigentümlich gewordene, blinde, verächtlich geringschätzige Abwehrstellung gegen seine Mitmenschen erhielt damit einen gewissen rechtfertigenden Grund, und sein Selbstbewußtsein wurde unerschütterlich.

Nach dem Tode seines ältesten Bruders, der sich ebenfalls ordentlich heraufgearbeitet und seiner Tochter Verena rund zweitausend Franken hinterlassen hatte, wurde er zum Vormund bestimmt und nahm das Mädchen vorläufig zu sich. «Ja – kannst am Ende zu uns kommen», antwortete er der Ratlosen mit einer Miene, als ob er das größte Opfer brächte. «Freilich müßtest du dann im Haushalt helfen. Und so ganz umsonst könnte ich es auch nicht tun, ich würde ein Geringes für Kost und Unterkunft verlangen. Wir bekommen auch nichts geschenkt.»

Verena oder das Vreni, wie es bald allgemein genannt wurde, war froh über die hilfbereite Hand des Onkels und erklärte sich einverstanden. Es zog in das Haus an der Marktstraße und übernahm willig alle Arbeiten, die man von ihm verlangte. Es nähte, flickte, machte Gänge zum Metzger, besuchte den Markt, half der Dienstmagd, besorgte die Kinder und erwies sich als zuverlässig. Nach vier Wochen wurde die Magd entlassen, und Vreni übernahm nun auch die Arbeiten in der Küche. Es brannte das Feuer an, kochte und wusch das schmutzige Geschirr ab, es heizte die Öfen, fegte die Treppen und war tätig von früh bis spät. Man sah etwa, wie es am Herde kauerte und mit runden Backen das Feuer anblies, man sah sein gerötetes Gesicht über einen brodelnden Topf gebeugt, man sah es hochgeschürzt mit losen Haaren neben einem Wasserkübel knien, eine triefende Bürste in der Hand, Schweiß auf der Stirne.

Der Genossenschreiber aber schrieb sich als Entschädigung für Kost und Unterkunft monatlich fünfzig Franken zu. Wenn er den Posten mit sauberer Rundschrift in sein Buch eintrug, runzelte er die Stirn und dachte: Wir bekommen auch nichts geschenkt.

Als Vreni eines Abends in den Keller ging, kam der Rebenwirt vom Weinkeller herüber. Es stand tief gebückt in der Dämmerung, warf Kartoffeln in die aufgehobene Schürze und gewahrte ihn erst, als er sich dicht hinter ihm befand.

Er sagte, es habe aber einen strengen Dienst, man sehe es ja den ganzen Tag an der Arbeit, er an seiner Stelle würde sich nicht so abschinden für fremde Leute, man sei doch auch ein Mensch.

Es hörte ihm mit offenem Munde zu, sagte mehrmals: «Jaja, das schon!» und zuletzt: «Aber was will ich denn machen?»

«Besser haben könntest du es, viel besser, wenn du nur wolltest», begann er ihm einzureden und wurde vertraulich. Schließlich faßte er es um die schmalen Hüften und beschwichtigte: «Brauchst dich vor mir … vor mir nicht zu fürchten, Vreneli!»

Seither trafen sie sich öfters im Keller.

Als das Vreni achtzehn Jahre alt wurde, begehrte es mehr Freiheit. Vor allem wollte es in den Kirchenchor eintreten. Das konnte man ihm nicht abschlagen, und so begann es denn zweimal in der Woche die Proben zu besuchen. Am Sonntag nach dem Tode des Pfarrers Bolfing sang es zum erstenmal in einem Requiem mit. Es sang hingegeben mit rundem Mund und andächtigem Augenaufschlag; eine Strähne seines nachlässig aufgebundenen Haares fiel ihm über die linke Wange.

Am selben Abend traf Sigrist im Gang den Genossenschreiber, der in bolzgerader Haltung die Treppe hinabstieg. Er grüßte, ohne den Stumpen aus dem Munde zu nehmen, hintergründig schmunzelnd: «’n Abend, Herr Genossenschreiber! Wir haben scheint’s eine Sängerin im Haus? Gratuliere!»

Schibig zögerte etwas, wollte sich aber nicht aufhalten lassen und antwortete grämlich, flüchtig: «Ja, das Vreni, das einfältige Geschöpf! Weiß der Himmel, auf was die noch verfällt. Aber so Weiber … du mein Gott!» Damit stelzte er langsam über die Schwelle.

«Jaa, jesses! Jaja!» lärmte Sigrist zustimmend hinter ihm drein. «Dümmer als Bohnenstroh.» Grinsend trat er in die Wirtschaft hinter den Schenktisch, neigte sich leicht zu seiner Frau und sagte, indem er mit dem Daumen über seine Achsel hinweg auf die Straße deutete, wo eben der Genossenschreiber vorüberging, listig, verschmitzt, in unterdrücktem Ton: «Siehst ihn da draußen, den anderen? Den schönen Herrn Genossenschreiber? Der sieht doch beim Eid aus, wie wenn er … wie wenn er … wie wenn er einen Besenstiel verschluckt und Essig gesoffen hätte.»

Die Frau lachte grell und kreischend auf, die Stammgäste sahen dem Wirt erwartungsvoll entgegen.

V

Am Tage, da Pfarrhelfer Ehrler von der Kirchgemeinde mit großer Mehrheit zum Pfarrer gewählt, und ein geistlicher Herr, Abegg mit Namen, zur vorläufigen Aushilfe an das noch unbesetzte Pfarrhelferamt bestellt wurde, gebar Frau Reichmuth einen Sohn.

Die zur Taufpatin ausersehene Frau Kreszentia Niederöst, Rosa Reichmuths Stiefschwester, wurde sogleich von der Geburt benachrichtigt; die kleine, rundliche Witwe hatte das Ereignis kaum erfahren, als sie sich schon auf die Beine machte und wie aus der Kanone geschossen mit walzenden Hüften die Straße hinabfuhr.

Die junge Mutter, die etwas eingeschlummert war, wurde durch den stürmischen Eintritt Kreszentias geweckt. Sie wandte ihr grüßend das bleiche Gesicht zu, legte das hilflose Würmchen in ihre Arme und nahm glücklich lächelnd die Beteuerung entgegen, daß es ein außergewöhnlich hübsches Kind sei und die Augen vom Vater, Mund und Nase aber von der Mutter habe. Darauf wurde ausgiebig über die Behandlung des Neugeborenen gesprochen und die Erledigung der bevorstehenden, öffentlichen Gebräuche reiflich erwogen.

Die beiden Frauen hatten sich erst auf ihre Geschwisterschaft besonnen, als nach dem schon früher gestorbenen, kinderlosen Landwirt August Niederöst auch der junge Kantonsingenieur Alois Reichmuth infolge eines unglücklichen Zufalls bei den Notverbauungen am Fronbachtobel vom Schicksal ereilt wurde. Ihr Vater, der Baumeister Maurus Kälin, hatte sich nach seiner ersten Ehe, aus der Kreszentia stammte, wenig mehr um die Familie bekümmert, und seine zweite Frau, Rosas Mutter, umgab das Stiefkind nicht mit der nötigen Herzwärme. So fehlte die Brücke zwischen den freilich etwas ungleichen Schwestern, sie sahen nur das Trennende, liebten sich nicht und fuhren nach dem Tode der Eltern in blindem Groll auseinander, um sich erst als Witwen wiederzufinden.

Kreszentia war sieben Jahre älter als Rosa, sie war kleiner, runder, einfacher, entschiedener, eine gesunde, energische Witfrau ohne sinnliche Anziehungskraft. Dagegen besaß ihre großgewachsene Stiefschwester noch alle fraulichen Reize, sie kleidete sich besser, lächelte feiner und gab sich liebenswürdig zurückhaltend, um dann aber als Mutter ihre Pflicht zu übertreiben und ihren Melchior in unüberlegter, tändelsüchtiger Art zu verhätscheln. Im übrigen gehörte sie mit ihren Eigenschaften zu den Frauen aus dem guten bürgerlichen Mittelstand des Dorfes, die einander mehr oder weniger gleichen; sie sind, von Natur aus tüchtig und durch die Erziehung zu Hausfrauen bestimmt, mit ihrem unerschütterten Glauben an die Heiligkeit der Ehe vorzügliche Gattinnen und dank ihrem gesunden Instinkt im allgemeinen auch vernünftige Mütter. Dabei haben sie ihre Reize keineswegs eingebüßt; sie sind ihrem Wesen nach heiter und zur Fröhlichkeit geneigt, deshalb bewahren sie die Frische der Jugend länger als ihre vielen, nur auf die äußere Erscheinung bedachten Genossinnen. Ihre Gestalt ist immer zweifellos und oft von einem prächtigen, kraftvollen Ebenmaß, ihre Gesichter tragen nicht selten die Merkmale wirklicher Schönheit.

Ruhig lag Frau Reichmuth nun in ihrem Bette, nahm Kreszentias wichtig vorgebrachte Ratschläge mit einer gewissen Gleichgültigkeit entgegen und blickte häufig nach dem neben ihr eingeschlafenen Kinde. Von ihrem Scheitel herab floß das blonde Haar in zwei gekräuselten Zöpfen unter die Decke.

«So, jetzt will ich der Anna die Adressen aufschreiben, damit sie gleich gehen kann», sagte Kreszentia und begann mit einem Bleistiftstümpchen, das sie ab und zu zwischen den Lippen anfeuchtete, auf ein abgerissenes Blatt die Namen der Personen und Familien zu notieren, denen die Geburt mündlich mitgeteilt werden mußte.

«Vergiß dann den Fürsprech Stutz und das Fräulein Tschümperlin nicht, gelt!» mahnte Frau Reichmuth gleichgültig. Nachdem ihr Kreszentia die fertiggestellte Liste vorgelesen hatte, besann sie sich eine Weile, dann bemerkte sie zögernd: «Es ist mir immer … als ob wir noch jemand vergessen hätten … ja richtig, der Frau Doktor Betschart muß man es auch sagen; weißt, die hat mich doch damals heimbegleitet …»

«Herrjeh!» wandte Kreszentia unbedenklich wegwerfend ein, «zu was auch! Ich kann es ihr ja selber sagen, aber da noch extra …»

«Doch, doch!» unterbrach sie Frau Reichmuth nunmehr besorgt. «Die würde es mir sonst übelnehmen.»

«Gut! Mir ist das gleich!» entschied Kreszentia, fuhr mit dem Bleistift durch die Lippen, zog den Kopf ein, buckelte die Schultern und schrieb mit aufgestelltem Zeigfingerknöchel auch diesen Namen rasch hin.

Als endlich Anna, die Dienstmagd, mit dem dreijährigen Melchior vom Spaziergang zurückkehrte, nahm Kreszentia kurzen Abschied.

Melchior drang sogleich in das Schlafzimmer ein und entdeckte jubelnd die Mutter. Da erwachte das Kind und schrie. Er pustete es mit runden Backen an und lachte aus vollem Halse über seine hilflosen Bewegungen.

Die Mutter legte das Kind dicht neben sich hin, lächelte ein wenig, strich mit der gewölbten Rechten über den Kopf Melchiors und sagte: «Geh jetzt hinaus!»

Melchior lachte, hob die Ärmchen und lockte: «Muetti!»

«Geh hinaus, Melk, geh!» wiederholte die Mutter. Als dies nichts nützte, zischte sie ärgerlich mit der Zungenspitze und schob den Widerspenstigen von sich weg.

Der öffnete den Mund und schaute sie mit seinen großen, dunklen Kinderaugen erstaunt und zweifelnd an.

«Ja, schau nur!» machte die Mutter ernsthaft nickend, und fügte nachdrücklich hinzu: «Geh, Melk! Ich kann dich jetzt nicht brauchen.»

Da ging der Kleine. Er ging bis zur Türe, wo er sich noch einmal umdrehte und verzweifelt nach der Mutter hinsah, die eben das Kind an ihre Brust legte. Dann verließ er das Schlafzimmer, verkroch sich in eine Ecke der Wohnstube und begann zu weinen.

VI

«Frau Doktor, wissen Sie es schon?» rief die Witwe Niederöst, als sie, auf dem Gang in ihre Wohnung hinauf, an der Stubentür im ersten Stockwerk flüchtig geklöpfelt und, den Kopf durch den Türspalt streckend, Frau Betschart gewahrt hatte. Die Angerufene stand, mit Abstauben beschäftigt, auf einem Stuhl unter der Wanduhr; sie wandte sich ein wenig herum und bejahte die Frage lebhaft.

Ohne einzutreten oder die Tür weiter aufzumachen, fügte die Witwe mit dem ganzen Gesichte lachend hinzu: «Es ist halt es herzigs Göfli! Aber lassen Sie sich nur nicht stören, ich habe auch noch zu tun. Adie, Frau Doktor!»

Mit dem ihr eigentümlichen schattenhaften Ernst auf dem eben noch freundlich erhellten Gesichte stieg Frau Betschart langsam vom Stuhl herab und setzte ihre Gedanken, die sich auch vorher mit nichts anderem beschäftigt hatten als mit dieser Neuigkeit, ohne die Arbeit zu unterbrechen, ziellos schweifend fort. Die Gewohnheit führte indessen ihren Arm, und achtlos fuhr sie den Stuhllehnen und Gesimsen entlang, über die Möbel des Schlafzimmers, über das Kruzifix in der Ecke, über die kleine Antoniusstatue und über die eingerahmte Tafel mit der Inschrift: «Bis hierher hat uns der Herr geholfen.» Dann trat sie in das Büro ihres Mannes, das zwischen Wartezimmer und Untersuchungsraum lag, nach Karbol roch und außer der bildlichen Darstellung einer Körpersektion keinerlei Schmuck aufwies. Am Fenster blieb sie nachdenklich stehen.

Unbestimmt überdachte sie die kurze und dennoch so lange Zeit, die seit ihrer Verheiratung verstrichen war. Sechs Jahre mochte es nun her sein, daß sie ihrer alten Tante, der ängstlichen Hüterin ihrer siebenundzwanzigjährigen Tugend, am Sterbebett, ernsthaft entschlossen, ein klösterliches Gelübde abgelegt hatte. Nach ihrem Tode aber war ihr Arzt, Doktor Josef Betschart, völlig unerwartet vor sie hingetreten, um ihr zu beweisen, daß eine junge Frau ganz andere Aufgaben habe, als der Welt den Rücken zu kehren und in einem Nonnenkloster das Absterben ihrer natürlichen Regungen zu erzwingen, und daß sie deshalb am besten seine Frau werde. Das war ihr damals, nach der ersten Überraschung, bald so selbstverständlich erschienen, als ob sie früher nur deshalb nicht dieser Ansicht gewesen, weil noch kein Mann sie ihr auf diese Art bestätigt hatte. Fünf Ehejahre. Was war seither geschehen? Sie hatte einen Knaben geboren, den Damian, und zwar eben an jenem Tage, da Kreszentias Schwester mit dem Kantonsingenieur Reichmuth Verlobung feierte. Reichmuth war tot, seine junge Frau aber hatte jetzt ihr zweites Kind. Sie selbst besaß nur ein Kind, und ihr Mann lebte noch …

Mit dunklem, unzufriedenem Blick sah sie auf die Straße hinaus und rupfte mechanisch an einer Feder des Staubwischers.

Sie dachte an ihren Mann in hässigen, liebevollen und ärgerlichen Gefühlen, die wie helle und dunklere Wolkengebilde rasch vorüberzogen, blaue Ausblicke öffneten und schlossen, sich übereinander schoben, zusammenflossen und doch kein unzweideutiges Ganzes bildeten. Dieser kleine, schmalbrüstige Mann mit der kränkelnden Lunge, mit den tiefliegenden Augen, mit den eingesunkenen Schultern, dieser ungläubige, kluge, kaltüberlegene Geist, was war er ihr gewesen? Was hatte sie noch von ihm zu erwarten? Am Morgen machte er seine Krankenbesuche, nachmittags empfing er Patienten, nach dem Abendessen las er Bücher, legte sich um Mitternacht schweigend in sein Bett und schlief regelmäßig noch, wenn sie früh erwachte und sich erhob. Dies alles kam ihr in diesem Augenblick furchtbar alltäglich vor, ihr Dasein erschien ihr unbefriedigend, zwecklos, verfehlt, und darüber geriet sie in eine dunkle Entrüstung.

Als sie nun so dastand, die blicklosen Augen voll eines schmerzlich glühenden Unmuts, die Stirn über der Nasenwurzel senkrecht gefurcht, die Lippen aufgeworfen, den Zeigfinger der rechten Hand vergessen in eine Feder des Staubwischers gewickelt, blökte es plötzlich im Hausgang «Mammäh», die Türe ging auf, und Damian trippelte herein. Sie wandte sich um, riß ihn an sich und liebkoste ihn so leidenschaftlich, daß dem erschrockenen Kleinen die Tränen kamen. Darauf ging sie mit heiterer Gedankenlosigkeit an eine andere Arbeit.

Kurz vor dem Mittagessen entdeckte sie auf der Straße ihren Mann, der von seinen Besuchen zurückkehrte; ihm zur Seite ging, lebhaft gestikulierend, Fürsprech Stutz, der Nachbar. Sie trat hinter den weißen Spitzenvorhang und sah den beiden neugierig entgegen.

Betschart ging in gebeugter Haltung, als ob er aufmerksam den Boden mustere. Von Zeit zu Zeit senkte er bestätigend den schmalen Kopf, ohne jemals den ungelenken, fetten, unaufhörlich auf ihn einschwatzenden Fürsprech anzusehen. Vor dem Hause blieben sie stehen. Stutz klopfte mit dem Rücken der rechten Hand häufig mit Nachdruck in die geöffnete Linke oder drehte die Rechte wie eine Schraube, er warf die Arme hoch, er trat einen Schritt zurück, er drang mit wippenden Knien auf seinen Zuhörer ein und behauptete und bewies und wollte nicht aufhören.

Zu alledem aber sagte Betschart kein Wort. Die Flut der Rede ging über ihn hin, er stemmte sich mit keinem Einwand dagegen, er stand mit gesenktem Haupt und eingesunkenen Schultern da und nickte manchmal, als ob er mit allem durchaus einverstanden sei.

Frau Betschart ärgerte sich. Sie öffnete das Fenster, lehnte sich über die Brüstung und bewegte die Lippen. Die Männer schauten kurz auf, und nach einer Weile machte Betschart Miene, sich zu verabschieden. Der Fürsprech reichte ihm flüchtig die Hand, krallte die Daumen in die Armlöcher der Weste und trug seinen Bauch gemächlich ins Nachbarhaus.

Frau Betschart empfing ihren Mann mit unwilligem Kopfschütteln: «Wie kannst du dem entsetzlichen Menschen nur zuhören?»

«Versuch’ du es einmal und hör’ ihm nicht zu!» entgegnete er bitter auffordernd mit trockenem Lachen, indem er in die Küche ging und über dem Schüttstein die Hände wusch.

«Ich würde zu diesem Geschwätz allweg nicht so lange den Mund halten. Der meint ja sonst, weiß Gott, was er sei.»

«Ach, was verstehst du davon!» warf er ärgerlich hin. «Wenn ich mir die Mühe nehmen wollte, unseren Bierbürgern meine Meinung beizubringen … dank schön! Aber du freilich … Übrigens», unterbrach er sich, als er von ihr das Handtuch entgegennahm, «von dir sagt er, du habest Kuhaugen.»

«Hn, der – », fuhr sie mit verächtlicher Entrüstung auf, ohne das Wort auszusprechen, und fügte nach einer Weile wie etwas Selbstverständliches hinzu: «Und du hast es ihm natürlich nicht zurückgegeben. Ich glaube, dir könnte man schon die größten Gemeinheiten sagen, ohne daß du den Mund aufmachst.»

«Jaa, die beleidigte Eitelkeit, ha!» höhnte er vollkommen teilnahmslos, trocknete ruhig seine Hände und fuhr im selben Ton fort: «Du hättest am liebsten, wenn ich mich für dich herumbalgte, so nach alter Ritterart. Ein rechter Haudegen, das wäre dein Ideal, aber für andere Dinge hast du keinen Sinn; das ist die alte Geschichte …»

Beleidigt, sanft vorwurfsvoll, mit einem warmen, leise flehenden Unterton, unterbrach sie ihn: «Ach du! Weißt schon, woran du bist mit mir, und brauchst nicht immer zu sticheln! So kann man ja gar nicht mit dir reden. Ich habe dich gerade heute einer wichtigen Sache wegen etwas fragen wollen. Du könntest mir nämlich einen großen Gefallen erweisen.»

«Jaja, deine wichtigen Sachen! Geh mir weg damit!» antwortete er gelangweilt, warf das Handtuch hin und trat gleichmütig in sein Büro.

Die Frau seufzte auf, ließ sich auf einen Stuhl nieder, stützte die Ellbogen auf die Knie und legte den Kopf in die Hände.

Doktor Josef Betschart war wohl der einsamste Mann in Ingoldau. Er hatte sich darein finden müssen, seine Anschauungen über die Welt und den Menschen endgültig für sich zu behalten, da es in diesem Dorf wohl heimliche und erklärte Ungläubige gab, aber kaum einen, der den christlichen Glauben mit einer wissenschaftlich stichhaltigen, der menschlichen Vernunft angemessenen Weltbetrachtung überwunden hätte. Die Leute aufzuklären, fiel ihm nicht ein, wie er denn auch seine Frau in ihrer religiösen Betätigung ruhig gewähren ließ, ja nicht einmal den Versuch unternahm, ihr seinen Unglauben wenigstens begreiflich zu machen. In seinem Bücherschrank standen Darwins «Entstehung der Arten» und Haeckels «Natürliche Schöpfungsgeschichte». Für den englischen Naturforscher hatte er sich schon als Student begeistert, später waren ihm auch die Werke des Jenaer Professors vertraut geworden. Es bestand für ihn gar kein Zweifel, daß alle zukünftige Weltanschauung ausschließlich auf Naturerkenntnis beruhen werde. Die Tatsache aber, daß hier in Ingoldau noch täglich Hunderte die Kirche besuchten, erschien ihm oft ganz unglaublich und als ein unwiderleglicher Beweis menschlicher Dummheit. Er lebte in der Überzeugung, einer neuen Zeit anzugehören, und fühlte im Bewußtsein des beständigen Fortschreitens der Naturerkenntnis etwas wie eine stolze Beruhigung. «Springt ihr nur in die Kirche, springt, springt, und betet den lieben Gott an», dachte er höhnisch, «deswegen wird von euerem Aberglauben einmal doch nichts mehr übrigbleiben.» Da man ihn selbst nie in einer Kirche sah, wußte wohl jedermann etwas von diesem Unglauben, seine Art aber kannte niemand. Man sagte etwa von ihm, er sei halt ein Atheist, und dieses Wort besaß in den meisten Ohren einen ebenso anrüchigen Klang wie Anarchist oder sonst eine Bezeichnung gemeingefährlicher Menschen, was freilich die Ingoldauer keineswegs abhielt, bei verwickelten Fällen mit Vorliebe die Kunst dieses weit herum bekannten Arztes in Anspruch zu nehmen.

Seine Praxis war nicht mehr so umfänglich wie früher, er hatte sie bereits ein Jahr lang unterbrochen und eine Kur in Davos gemacht. Da seine Krankheit seit jener Zeit keine besorgniserregenden Merkmale mehr zeigte, war er abgewichen von der ursprünglichen Absicht, die berufliche Tätigkeit aufzustecken, und mit hartnäckigem Schaffenseifer wiederum an die Arbeit gegangen. Die Folge davon war eine neuerdings einsetzende Kräfteabnahme, die mit Brustschmerzen und Schwächezuständen einen ernsthaften Charakter anzunehmen drohte. Er entschloß sich zu einer zweiten Kur und eröffnete seiner Frau, daß er wieder mehrere Monate in einem Sanatorium in Davos zubringen werde.

Einige Tage darauf, am späten Abend nach dem Nachtessen, als die bevorstehende Trennung ein flüchtiges, aber von beiden gleichzeitig empfundenes Gefühl der Zusammengehörigkeit in ihnen wachrief, äußerte sie so nebenbei den Wunsch, ihn auf seiner Reise bis nach Maria Einsiedeln zu begleiten, wenn er sich zu diesem Abstecher entschließen könnte.

«Nach Einsiedeln?» argwöhnte er mit fragend gerunzelter Stirne. «Was hab’ ich denn dort zu tun? Deine Wallfahrten kannst du doch allein machen?»

«Jaja, das schon, aber – » Sie stockte und zögerte ein wenig, dann erklärte sie, die Rechte spielend auf der Lehne seines Stuhles, mit unsicherer Harmlosigkeit: «Du könntest dir doch auch einmal die Gnadenkapelle ansehen!»

Er lachte kurz, aber nicht unfreundlich auf. «Hä! Ich interessiere mich stark für euere Wunderkurorte, ja. Nach Einsiedeln! Meine Lunge ist leider nicht sehr empfänglich für …»

«Ach, ich meine ja gar nicht deswegen», unterbrach sie ihn unmutig.

«Ja, was willst du denn?» fragte er mit ungeduldig erhöhter, eindringlich leiser Stimme.

Sie quälte sich, einen Grund zu finden, der nicht gegen die Wahrheit verstieß, ihn aber auch zu keiner abschlägigen Antwort veranlaßte, und sagte nach erneutem Zögern: «Ich möchte einfach, daß wir einmal zusammen die Gnadenkapelle besuchten.»

Er sah sie mit gewollter Verständnislosigkeit zwei Sekunden lang an und schüttelte den Kopf. Dann entgegnete er entschieden: «So rück’ doch endlich heraus mit dem Geheimnis! Da steckt ja doch etwas dahinter.»

Jetzt blickte sie ihn voll und ernst an. «Versprich mir, daß du mich ruhig anhören willst!»

«Was für Vorbereitungen! Jaja, nur los!» antwortete er ärgerlich und in einem Ton, der das kommende Geständnis nicht besonders wichtig nahm.

Daraufhin schwieg sie noch einmal entmutigt und begann erst zu sprechen, als er sie mit gemachter Bereitwilligkeit von neuem dazu aufforderte. Sie wurde ein wenig rot, ihre Augen glühten dunkel aus Angst vor seinem Mißverständnis, und der warme Ton ihrer Stimme war unmerklich bewegt vom behutsamen Eifer, ihn zu überzeugen. «Siehst du», begann sie, «ich glaube fest an die Macht der göttlichen Mutter Maria und ich bin ganz sicher, daß ihre Fürsprache beim Heiland das bewirken kann, um was wir sie demütig und vertrauensvoll bitten …» Sie glaubte in seinen Mundwinkeln ein spöttisches Lächeln zu bemerken und wehrte sich rasch und erregt: «Also da kannst du meinetwegen lachen, das lasse ich mir nicht nehmen …»

«Ä – ich lache doch nicht», unterbrach er sie unwillig. «Das ist dein Glaube, fertig; deswegen habe ich noch nie gelacht.»

«Ja, in Einsiedeln», fuhr sie mit leicht übertriebener Entschlossenheit fort, «da möchte ich also gern in deiner Gegenwart vor dem wundertätigen Bild in der Gnadenkapelle ein kurzes Bittgebet verrichten.»

Er kniff die Augen zusammen und sah sie zweifelnd an. «Ein Bittgebet? Um was willst du denn bitten?»

Eine gespannte Pause entstand, darauf sagte sie zaghaft: «Schau, ich habe immer gedacht … wenn wir wenigstens zwei Kinder hätten … – »

Er erhob sich und ging wortlos auf und ab. Sein erstes Gefühl war eine gereizte Rechtfertigung. Dann entstanden in ihm nacheinander und durcheinander Empfindungen verschiedener Art; er ärgerte sich über das verblümte Geständnis, er hätte gern gesagt: «Lächerlich! Lächerlich!» Aber ein uneingestandenes Schuldgefühl hinderte ihn daran. Er fand ihr Ungenügen verächtlich und echt weibisch, aber zugleich mußte er es rechtfertigen, da er in ihr nichts anderes suchte und nie etwas anderes gesucht hatte als nur das Weib. Er ahnte, daß sie sich um den ihr natürlicherweise zukommenden Anteil am ehelichen Leben betrogen fühlen mußte, aber das alles schien ihm peinlich, dumm und unangebracht, da er für sein eigenes Verhalten doch schließlich auch seine Gründe hatte.

Während er zwischen Tür und Fenster schweigend mit bedächtigen Schritten den Boden maß und im rasch aufgewirbelten Gemisch seiner Empfindungen den zur Antwort geeigneten Gedanken suchte, hing sie ihm heimlich mit einer Spannung an den Lippen, als ob von seinen ersten Worten das Glück ihres ganzen Lebens abhinge.

Er hatte auch kaum den Mund zu einer Beschwichtigung geöffnet, da fühlte sie schon heraus, daß er sich zur Erfüllung ihrer Bitte nicht entschließen konnte, und setzte sich, ohne viel auf seine weitere Antwort zu achten, schwer und schmerzlich ergeben auf den nächsten Stuhl.

Er machte ihr das Abergläubische ihrer Hoffnung auf überirdische Hilfe klar und blickte ihr, in der Meinung, sie werde sich nun damit abfinden, eine Weile fragend ins Gesicht. Sie aber saß da wie ein auf Abwegen ertapptes Kind, das seine entsetzliche Scham hinter einem erheuchelten Trotz verbirgt und doch kaum die Tränen zurückhalten kann.

Da verließ er sie achselzuckend und ging in sein Büro. Er zog den Stuhl unter dem Schreibtisch hervor, blieb aber zwischen Tisch und Stuhl stehen und stieß kopfschüttelnd ein kurzes, trockenes Lachen heraus.

Nach zehn Sekunden schob er den Stuhl langsam wieder zurück und begann nachdenklich hin und her zu wandern. Dann schaute er auf die Uhr, ohne zu sehen, wieviel sie anzeigte, und schlug zugleich eine etwas raschere Gangart ein, während ein freundlicher Hohn in seine Mundwinkel kam. «Wenn ich gesund wäre, ja!» dachte er. «Hm, ich habe die Schwindsucht, aber über das Anfangsstadium ist sie nicht hinaus … und die Zeit vergeht, die Zeit vergeht.» Obwohl er im Grund sehr gut wußte, daß seine Krankheit über das Anfangsstadium hinaus war, suchte er sich jetzt das Gegenteil einzureden. Er setzte sich schließlich an den Schreibtisch, griff nach einem Fiebermesser und schob die kühle Glassäule in den Mund unter die Zunge; dann legte er die Taschenuhr vor sich hin, begann mit dem Daumen am rechten Handgelenk die Pulsschläge zu zählen und verharrte mehrere Minuten in dieser Stellung, während seine Fußspitze nervös wippte und der Ausdruck seines ganzen Gesichtes so hilflos schwankte, als wüßte er nicht recht, ob er sich in diesem Augenblick in einer komischen oder in einer tragischen Lage befand.

Damian erwachte, gruchste etwas, wechselte seine Lage, rieb sich mit dem Handrücken die Augen aus und krähte: «Mammäh!»

Die Mutter wandte ihm das aufhellende Gesicht zu, wartete einen Augenblick und überfiel ihn dann plötzlich, überquellend vor Zärtlichkeit. Sie küßte ihn ab, wo sie ihn eben traf, sie scherzte und gohlte mit ihm, griff ihn durch seine abwehrenden Arme hindurch kitzelnd an, drückte seinen Kopf wie eine Kugel mit beiden Händen an ihre Brust und preßte die Lippen auf sein Haar, sie tätschelte ihn und stieß unaufhörlich mit geschlossenem Munde wortlos liebkosende Laute aus, die sie manchmal unterbrach mit dem inbrünstigen Ausruf: «Ja, du liebs Bubi, du liebs Bubi du!» Der Kleine schrie, lachte, kicherte und plärrte, er wälzte und krümmte sich und stoffelte mit Armen und Beinen zwarbelnd in den Kissen herum. Schließlich stellte sie ihn auf und zog ihm das Nachthemd aus. Bevor sie ihm jedoch das Taghemd über den Kopf streifte, umfaßte sie mit dem rechten Arm noch einmal sein nacktes Körperchen, preßte es liebkosend an sich und ließ es erst los, als er ihr listig einen Pfeil aus dem Haarknoten zog. Sie schlug ihm zärtlich auf die Hände, wusch ihn, kleidete ihn gemächlich an und setzte sich mit ihm zum Frühstück an den gedeckten Tisch. Sophie, ein dreißigjähriges, rotblondes, märzfleckiges Mädchen, brachte Milch, Kaffee, Butter und Konfitüre.

Beim Mittagessen, als sie ihm Milchreis in den Teller schöpfte, verzog er den Mund und lehnte ab. «Ich will kein’ Milchreis.»

«Was? Jetzt will der kein’ Milchreis! Ja was willst du denn? Du mußt doch etwas essen!»

«Ich möchte – » Er hielt inne, dachte ein wenig nach, dann fiel ihm ein: «– eine Bratwurst!»

«Äch! Du weißt auch nie, was du willst. Sophie! Sophie! Holet dem Damian noch geschwind eine Bratwurst, er ißt ja wieder kein’ Milchreis!»

Am Nachmittag machte sie mit ihm einen Spaziergang, und abends nach dem Essen beförderte sie ihn unter hundert Liebkosungen zu Bett. Als er eingeschlafen war, ging sie in die Küche. Das schmutzige Geschirr war gewaschen, der Boden gefegt, das Herdfeuer gelöscht, und Sophie befand sich in ihrer Kammer.

Sie kehrte in die Wohnstube zurück, begann in einem Jugendalbum zu blättern und fühlte sich einsam.

So verbrachte Frau Betschart seit der Abreise ihres Mannes die Zeit. Oft stand sie noch spät am Fenster, schaute in die Abendröte, die über den Giebeln glühte, und verlor sich in eine wehmütige Sehnsucht. Eines Tages aber, es waren noch kaum mehr als drei Karten aus Davos eingetroffen, wußte sie zu ihrer maßlosen Freude, daß sie zum zweitenmal Mutter werden durfte.