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Dieser Band präsentiert sämtliche 57 Erzählungen von Meinrad Inglin. Erstmals aufgenommen sind die 11 frühen Erzählungen, die zwischen 1909 und 1926 in Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind. Herausragend in Inglins Erzählungen ist die Natur, für die er einen ungewöhnlich reichen Wortschatz entfaltet. Aber Inglin ist nicht nur ein Meister der Naturbeschreibungen, eng verknüpft damit sind oft existenzielle Situationen von Menschen, die von Naturgewalten bedroht sind oder in Konfrontation mit der Natur ihren Weg suchen. Ein frühes Nature Writing, das bis heute durch seine Meisterschaft und erzählerische Kraft besticht. Mit Bonus: Zwei Erzählungen in kritischer Ausgabe
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Seitenzahl: 1449
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
Titel
Inhalt
Güldramont: Erzählungen
DIE FURGGEL
DIE ENTZAUBERTE INSEL
GÜLDRAMONT
ÜBER DEN WASSERN
Die Lawine und andere Erzählungen
DIE LAWINE
DREI MÄNNER IM SCHNEESTURM
DER SCHWARZE TANNER
EIN EINFACHER KLEINER SCHRITT
DAS UNERTRÄGLICHE
DAS GESPENST
FIEBERTRAUM EINES LEUTNANTS
Rettender Ausweg: Anekdoten und Geschichten aus der Kriegszeit
SONDERBARES GOTTVERTRAUEN
UNGLÜCK IM GLÜCK
LIEBE UND PFLICHT
EIN FLÜCHTLING
RETTENDER AUSWEG
Verhexte Welt: Geschichten und Märchen
VORWORT
UNVERHOFFTES TAUWETTER
BEGRÄBNIS EINES SCHIRMFLICKERS
EIN JÄGER ERZÄHLT
MORGENTRAUM EINES HEITEREN MANNES
MISSBRAUCH EINES SCHLAFENDEN SÄNGERS
VON EINEM VATER, DER KEINE ZEIT HATTE
DER LEBHAG
RAPPENSPALTER
DER ZÜSLIBUTZ
NÄZL UND WIFELI
DIE GOLDENEN RINGE
DER VERZAUBERTE BERG
DIE VERKEHRTE WELT
ZWEI HOCHMÜTIGE SEEFORELLEN
UNBEDACHTER WUNSCH EINER HÄSIN
EINE AUSERWÄHLTE HENNE
DREI GESCHENKE
HOHRUGG UND DIE ZWERGE
DIE KÖNIGIN MIT DEM STAUBWEDEL
DER SCHATZ IN DEN BERGEN
DER FLEISSIGE VIKTOR UND DER FAULE GOTTLIEB
MEISTER SEBASTIAN
DIE SCHWER VERSTÄNDLICHE SCHÖPFUNG
Besuch aus dem Jenseits und andere Erzählungen
VORSPIEL AUF DEM BERG
DAS RIEDAUER PARADIES
DER EHRENPLATZ
DER HERR VON BIRKENAU
BESUCH AUS DEM JENSEITS
WANDERER AUF DEM HEIMWEG
Frühe Erzählungen
GETÄUSCHTE HOFFNUNG
EIN WEIHNACHTSABEND
DAS GLÜCK
TRUD
DIE JUNGE GRET
NACHTGEFECHT
ONKEL MELK UND DER GLÜCKHAFTE FISCHFANG
MELCHIOR LOB
SCHMUGGEL
GLEICHNIS VON ZWEI BRÜDERN
ZWISCHEN LEBEN UND TOD
NACHWORT
EDITORISCHER BERICHT
Bonus
Zwei Beispiele für die Überarbeitung seiner Erzählungen
Über den Wassern
Der Lebhag
Gesammelte Werke in 10 Bänden
Impressum
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Titel
Inhaltsverzeichnis
Die Furggel
Anhang
Anhang
Anhang
Anhang
Meinrad Inglin
Gesammelte Werke in 10 Bänden • Herausgegeben von Georg Schoeck
Neuausgabe • Band 9
Meinrad Inglin (1893–1971)
Sohn eines Goldschmieds, Uhrmachers und Jägers, wurde mit siebzehn Jahren Vollwaise. Uhrmacher- und Kellnerausbildung, trotz fehlender Matura Studium der Literaturgeschichte und Psychologie in Bern, Genf und Neuenburg. Tätigkeit als Zeitungsredaktor, während des Ersten und Zweiten Weltkriegs Offizier im Grenzdienst. 1922 als Journalist in Berlin, danach als freier Schriftsteller in Schwyz. Meinrad Inglin zählt zu den bedeutendsten Schweizer Schriftstellern, für sein Werk erhält er 1948 den Grossen Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung und gleichzeitig den Ehrendoktortitel der Universität Zürich. Es folgen der Innerschweizer Kulturpreis (1953), der Gottfried-Keller-Preis (1965) und der Wolfgang-Amadeus-Mozart-Preis der Goethe-Stiftung Basel (1967).
www.meinradinglin.ch
MEINRAD INGLIN
Nachwort von Beatrice von Matt
Digitaler Bonus: Zwei Erzählungen in kritischer Edition
Limmat Verlag
Zürich
Erzählungen
Der Vater wanderte mit seinem zwölfjährigen Sohne im grauen Frühlicht eines Septembermorgens gegen Osten durch ein leicht ansteigendes Bergtal hinauf. Über dem Flüßchen, das hier zwischen Erlengebüschen und krautigen Wiesen noch breit und ruhig dahinzog, schwebte ein dünner Nebel, den die Wandernden als kühlen Hauch im Gesichte spürten, wenn der Weg sie in die Nähe des Wassers oder über eine Holzbrücke auf das andere Ufer führte. Die dunklen Waldhänge aber sah man auch durch den Nebel auf beiden Talseiten steil gegen den blaßblauen Morgenhimmel steigen.
Der Knabe durfte den Vater zum erstenmal in eine Gegend begleiten, die nächstens für die Gemsjagd freigegeben wurde, und wartete mit froher Spannung auf alles, was ihm dieser lang ersehnte Tag bescheren würde. Er konnte mit dem großen stattlichen Manne noch nicht Schritt halten, doch hätte er niemals zugegeben, daß man deshalb auch nur um Fingersbreite mäßiger ausgeschritten wäre. Mühelos und freudig aufgeregt blieb er neben ihm, schaute mit dem klugen Gesicht, in dem sich schon die kräftig bestimmten väterlichen Züge abzeichneten, neugierig nach allen Seiten, hörte mit wachen Ohren auf jedes Wort und folgte mit raschem Blick jedem Hinweis. Auf einer kurzen ebenen Strecke pfiff der Vater einen Marsch und ging nun doch etwas kürzer, weil der Junge, weit ausholend, durchaus im Takte bleiben wollte. Als der Marsch bei der nächsten Steigung zu Ende war und jeder wieder in sein eigenes Schrittmaß fiel, blickten sie einander lachend an; sie waren gute Kameraden.
Bald kamen sie an den Fuß eines bewaldeten Rückens, wo das Tal sich in zwei Täler gabelte, das Flüßchen in zwei Bäche, die Bergstraße in einen schmalen Fahrweg und einen Fußpfad. Während sie den Pfad einschlugen, der nach Südosten in das engere, steilere Tal hinaufführte, deutete der Vater in den Waldrand hinein auf einen mannshohen, von Efeu, Moos und Bärlapp überwachsenen Felsblock. «Von jener grünen Kanzel herab», sagte er, «hab’ ich den großen Fuchs geschossen, den jetzt die Mutter als Pelz trägt. Er wog achtzehn Pfund.»
«Das ist viel, nicht?»
«Ja, sehr viel. Gewöhnlich wiegen unsere Füchse hier etwa zwölf bis vierzehn Pfund, wenn sie ausgewachsen sind.»
«Aber gelt, es kommt mehr darauf an, ob ein Fuchs in den Haaren gut ist als wieviel er wiegt?»
«Richtig! Und dieser Bergfuchs war gut, er hatte schon das schöne lange Winterhaar, darum hat Mutter ihn auch bekommen. Am schönsten war er freilich, als er flüchtig aus dem dunklen Tannenwald herabkam, in raschem Trab, gespannt, lautlos, und dann da unten zwischen entlaubten Buchen in der Sonne auf einmal prächtig rotgelb aufleuchtete, oder als er überhaupt noch lebend in diesen Wäldern herumstrich.»
«Ja, das glaub’ ich … Aber ich hätte ihn auch geschossen.»
Der Vater lachte. «Da siehst du! Viele Menschen verstehen nicht, daß man an den wildlebenden Tieren die größte Freude haben und sie dennoch erlegen kann. Das sei ein Widerspruch. Kann sein, daß es einer ist, aber das Leben hat viele Widersprüche, man kann nicht alle lösen, und es ist trotzdem schön.»
Indessen stiegen sie rüstig den steilen Weg hinan, blieben auf einer schmalen Brücke im frischen Luftzug, der den stiebenden Bach begleitete, eine Weile stehen und schauten in die Tiefe des Haupttales hinaus, wo das Flüßchen unter den längst hinter ihnen zurückgebliebenen dünnen Nebelschwaden in vielen Windungen westwärts zog. Es war ihr letzter Blick ins Tal, der Weg führte sie gleich darauf schattenhalb einer Berglehne entlang, die wenig Aussicht mehr bot. Manchmal aber sahen sie zwischen Tannenwipfeln hindurch im Hintergrund einen langen, gegen Süden aufsteigenden Felsriegel, der Vater wies darauf hin und sagte: «Wenn wir dort oben sind, sehen wir die Alp und hinter ihr den Furggelgrat, wo wir hinauf wollen.»
«Warum heißt er so?»
«Wegen seiner Form. Furggel, oder auch Furkel, Furka, Forke, ist ein altes Wort für Gabel; in den Bergen bedeutet es einfach Gabelung …»
Er brach ab und blickte aufmerksam den Weg entlang. Sie hörten durch das Rauschen des Baches Hundegebell, Viehglocken und das «hoi, hoi» des Hirten, der eine Herde von der abgeweideten Alp zu Tale trieb. Ein junges Mädchen kam voraus, das ging scheu an ihnen vorbei, ihm folgten hintereinander etwa dreißig Rinder und Jährlinge, von denen manche mit einem neugierigen Blick auf die beiseite getretenen Wanderer stehenblieben.
Der Vater trat auf ein Rind zu, strich ihm mit den Fingern vom einen Horn über die krause Stirn hinweg zum andern und erklärte: «Das hier ist auch eine Furggel, das ist die Form.»
Das Rind wurde vom nächsten weitergedrängt; das übernächste wich mutwillig trabend aus der Reihe und begann dann Kräuter zu rupfen, als ob es allein wäre, aber schon rannte der schwarzweiße Treibhund von hinten her und hetzte es bellend auf den Weg zurück. Zuletzt kam der bärtige Hirt, eine Traggabel auf dem Rücken, eine silberbeschlagene Pfeife im Mundwinkel, von einem Älpler oder Holzer begleitet, der ein Gewehr umgehängt hatte.
«Der mit dem Gewehr ist der Wildhüter», erklärte der Vater dem Knaben noch rasch, dann begrüßte er die beiden, die ihn kannten und heiteren Angesichtes stehenblieben. Der Hirt wußte, warum dieser Mann da unterwegs war, und begann unaufgefordert von den Gemsen zu reden, die während des Sommers bald auf der Furggel, bald weiter hinten im Stotzigen Band oder auf der Karrenweid gewesen seien. Auf Fragen nach ihrer ungefähren Anzahl, ihren Böcken, ihrem Erscheinen bei einer gewissen Salzlecke und nach dem vermutlichen Stand und Wechsel eines anderen Rudels gab er Auskunft, soviel er eben wollte oder konnte. Der Vater fragte darauf den Wildhüter, der schweigend zugehört hatte, ob er ihm für die bevorstehende Jagd einen Träger wisse, und sagte dann, da der Mann nachdachte: «Vielleicht fällt Euch einer ein; ich komme nachmittags auf dem Rückweg deswegen bei Euch vorbei, es liegt mir ja am Weg. Zählt darauf!»
Der Hirt und der Wildhüter nahmen mit einem Händedruck Abschied und liefen eilig der Herde nach, der Vater stieg mit dem Sohne weiter bergauf und erreichte bald die Waldgrenze. Hier oben lief der Weg unter einem wolkenlosen blauen Himmel zwischen steinigen Höckern hin und bog dann in eine kurze felsige Enge, die sich unvermutet gegen Osten öffnete und den Blick auf die lichterfüllte, von höheren Bergen rings umgebene grüne Alp freigab. Vater und Sohn blieben schweigend stehen. Die Sonne blitzte ihnen entgegen. Es war ganz still.
Der Knabe blickte mit freudigem Staunen in diese mächtige, heitere Hochwelt hinein, er sah den Vater an, der ihm froh bewegt zunickte, er schaute von neuem und atmete tief und glücklich auf.
Nach einer Weile, als sie auf die ebene Alpweide hinausschritten, sagte der Vater: «Der Bergsattel dort hinten ist die Furggel, wo der Rinderhirt Gemsen gesehen hat.»
«Meinst du, werden wir sie auch sehen?»
«Möglich, wenn sie noch dort sind. Aber ein Hirt weiß nicht immer so genau Bescheid. Der Wildhüter hätte schon mehr erzählen können.»
«Warum hast du ihn nicht gefragt?»
Weil er der Wildhüter ist, der die Gemsen hier das ganze Jahr beobachtet und vor Frevlern bewacht, der sie kennt und gern hat; ich hätte ihn um Auskunft bitten können und wahrscheinlich manches erfahren, er ist ein aufrichtiger Mann, und wir kommen gut miteinander aus. Aber das will ich ihm ersparen, er soll mir seine Schützlinge nicht verraten müssen. In den Revieren ist es anders, dort wird der Wildhüter von den Jägern angestellt und sagt ihnen, was er weiß, aber hier haben wir noch die freie Jagd, hier muß der Jäger rechtzeitig die Augen und Ohren selber auftun, wenn er nachher ein Tier antreffen will.»
Sie durchwanderten die verlassene Alp und stiegen der östlichen Berglehne entlang gegen die Furggel hinauf. Manchmal blieben sie stehen, und der Vater suchte mit dem Fernglas Hänge und Felsbänder ab. Als sie die Furggel erreichten, einen breiten Gratsattel zwischen zwei Bergkuppen, krochen sie auf Händen und Füßen über das schieferige lose Gestein und die spärlichen Rasenplätze leise zum jenseitigen Grathang vor. Hier blieben sie spähend liegen, und die Augen des Knaben funkelten vor Spannung, doch sahen sie keine Gemsen.
Sie standen auf, und erst jetzt sah der Knabe erstaunt, daß hier gegen Osten schon wieder eine andere Bergwelt vor ihnen lag, von der sie auf dem ganzen Wege nichts bemerkt hatten. Der Vater erklärte, daß eben dies auch ein Merkmal der Furggeln sei. «Es gibt in unseren Alpen viele Furggeln, die so oder ähnlich heißen. Manchmal fallen sie mit einer Grenze zusammen, und fast immer sind es Paßübergänge, oft auch Wasserscheiden; die bekannteste und eine der größten ist die Furkapaßhöhe. Den Bergsteigern sind die Furggeln so bekannt wie die Gipfel. Man wandert und steigt und schwitzt, dann steht man belohnt auf der Paßhöhe, man hat einen wichtigen Abschnitt hinter sich und schaut in eine neue Welt hinein. Das kommt auch im menschlichen Leben vor. Das Leben ist wie eine Wanderung, und ein paarmal steht man auch auf so einer Furggel, die zwei Abschnitte trennt, zum Beispiel an wichtigen Examenstagen, an einem Hochzeits- oder einem Todestag … Aber komm, jetzt wollen wir etwas essen!»
Sie suchten einen bequemen Platz und setzten sich hinter die Rucksäcke. Während sie Brot und Käse aßen, nannte der Vater noch die Namen der Berge, die von hier aus zu sehen waren, und sagte dann: «Hier mußt du nun auf mich warten. Es wird da hinten etwas schwieriger, man muß stellenweise klettern, und ich habe der Mutter versprochen, dich nicht an solche Orte mitzunehmen. Du würdest zwar schon durchkommen, du bist gewandt genug und auch schwindelfrei, aber ich habe es versprochen. Es ist auch mir selber recht, daß du dableibst, ich möchte nämlich gern wissen, ob auf dem breiten Band dort links oben Gemsen hinüberwechseln. Das kann aber noch zwei, drei Stunden dauern, bis sie allenfalls kommen, je nach dem Standort, wo ich sie antreffe, und du brauchst nicht besonders darauf zu achten; nur wenn du etwa Steinchen von dort herabrieseln hörst, dann bleib ganz still und paß auf. Sonst aber treib dich hier herum, wie es dich gelüstet. Du kannst zum Beispiel da vorn rechts auf den Hang hinüber, nur darfst du nicht zu weit in die Karren hinein; und gib acht auf die Kanten, manche sind messerscharf. Oder du kannst da nach links zurück an den Sonnenhang, vielleicht siehst du Munggen, sie haben ein paar Baue dort. Und wenn ich um Mittag noch nicht zurück bin, dann iß etwas! Ich nehme auch etwas zu essen mit, für alle Fälle, aber den Rucksack lasse ich da.»
Er nickte dem Knaben zu wie einem Freunde, der mit unseren Gedanken und Absichten ganz vertraut ist, und ging auf dem Grate bis zum schroff ansteigenden Fuß der nördlichen Kuppe. Dort hielt er mehr rechts und stieg über eine abschüssige Geröllhalde in ein Rasenband ein, das sich am steilen Osthang der Kuppe gegen Norden hinzog. Er wandte sich nach dem Sohne um, der ihm bis zur Geröllhalde gefolgt war und ihn nun gleich aus dem Blick verlieren mußte, nickte ihm noch einmal zu und schritt dann aufrecht wie auf einer sicheren Brücke dem Abgrund entlang. Hier war noch gemäht, doch weiter hinten, wo das Band eine immer stärkere Neigung bekam und der Wildheuer beim Sensenschwung wohl keinen richtigen Stand mehr gefunden hatte, lag das lange Gras dicht und glatt auf den schrägen Planken und hing wie ungeschorene Pferdemähnen noch über den Rand ins Leere hinaus.
Der Mann ging vorsichtig darüber hin, indem er zu seinem Halt mit beiden Händen Büschel um Büschel packte, bis er den breiten alten Geröllkegel sah, den er zum Abstieg erreichen wollte, und auf seinem grün überwachsenen mittleren Buckel Gemsen entdeckte. Er kauerte sich an den Hang und griff zum Fernglas, wie der Jäger es ohne weitere Überlegung zu tun gewohnt ist, rutschte dabei aber sofort wuchtig ab und stürzte, ausgerissenes Gras in den Fäusten, lautlos in die Tiefe.
Der Knabe stand indessen auf dem Furggelgrat und schaute bald die nahe, bald die fernere Umwelt an, hochgestimmt wie ein junger Erbprinz, der das väterliche Reich übernommen hat und vom einsamen Throne aus davon Besitz ergreift. Gegen Osten fiel die Furggel mit einem schiefergrauen, bröckelnden Hang in eine weite, von grobem Schutt erfüllte Mulde hinab, an die Mulde schloß sich eine mannigfach gestaffelte hellgrüne Alpweide, die hinten zu dunkelgrünen Hügeln anstieg, und über diesen Hügeln hob ein Gebirgszug gleißende Sättel und Schneegipfel in den blauen Himmel hinein. Die lange Alpweide wurde rechts vom weißgrau schimmernden nackten Rücken der Karrenwüste begrenzt, links fiel sie zur Waldgrenze hinab; über den obersten Saum der dunklen Tannenwipfel hinweg aber stürzte der Blick haltlos in die gähnende Tiefe eines Tales, um sich jenseits an steilen Waldhängen wieder aufzurichten, hinauf zu bräunlichen Wildheuplanken und zu einer Kette von Weidebergen, die auf gleicher Höhe wie die Furggel grün in der leuchtenden Bläue standen.
Der Knabe schaute dies alles an, ließ unersättlich den Blick auch immer wieder in die Runde kreisen und fand es über alle Worte großartig, einsam da oben mitten in dieser gewaltigen Welt zu stehen und sie anzuschauen, als ob sie ihm allein gehörte. Er schritt den Grat nach beiden Seiten ab, ging dann auf den Sonnenhang zurück und fand dort wirklich ein Munggenloch, den offenen Eingang zur unterirdischen Wohnung von Murmeltieren. Nachdem er ihn untersucht hatte, legte er sich hinter einen Höcker und wartete mit großer Geduld, ob nicht so ein nußbrauner Pelzknäuel aus dem Loch schliefen wollte. Als ihm dies verleidete, ging er über den Grat hinweg gegen die Karrenwüste hinaus und betrachtete verwundert den nackten Felsboden, den das Eis der Urzeit zerpflügt, glatt geschliffen und messerscharf gezackt hatte.
Um Mittag kehrte er auf den Grat zurück, aß etwas und legte sich hin, um das breite Band an der Ostkuppe zu beobachten, denn jetzt war es wohl so weit, daß dort oben Gemsen hinüberwechseln konnten. Er beobachtete es aufmerksam und lange, um sich nichts entgehen zu lassen, und wurde am Ende schläfrig. Manchmal schloß er die Augen, doch hielt er die Ohren offen und meinte, daß er es hören müßte, wenn Steinchen aus dem Band herabrieselten.
Halbwach und träumerisch fühlte er, wie die Sonne immer weiter gegen Westen wanderte und das Licht auf Stein und Rasen wärmer, goldener wurde, er schlief ein wenig ein und sah im Traum den Vater über die Geröllhalde zurückkehren, er wachte wieder halbwegs auf und merkte, daß er geträumt hatte.
Plötzlich aber hob er den Kopf und blickte verwundert um sich. Das warme Licht war erloschen, die Welt sah anders aus. Er stand auf, rieb sich die Augen und schaute herum. Die Sonne war untergegangen. Unsagbar still und klar standen ringsum alle Berge im ruhigeren Blau des Abendhimmels, doch die nahen Felshänge, Karren und Matten waren schon ohne Glanz und Farbe wie von dunklen Schatten überhaucht.
Er blieb lange stehen und regte sich kaum, dann begann er zu warten; das hatte er bis jetzt nicht, oder nicht nur getan, jetzt tat er nur noch das, er wartete auf den Vater und wollte von nichts anderem mehr wissen.
Der Abend rückte vor, das Licht wich aus der Himmelsbläue, die Alpweiden versanken da unten in der Dämmerung. Es wurde auf einmal kühl, die Tageswärme war wie weggeblasen. Die Dunkelheit nahm rasch zu, die Nacht brach an, im ungeheueren schwarzblauen Gewölbe begann es zu glitzern.
Der Knabe ging zur Geröllhalde und spähte, horchend und wartend, unablässig darüber hin. Ihm schien, die Stille werde immer noch stiller, der Himmel über ihm immer weiter, die Erde immer unscheinbarer. So großartig ihm bei Tag zumute gewesen war, so klein und verlassen fühlte er sich jetzt.
Es wurde kalt und kälter, je weiter die Nacht fortschritt, es war September, und auf dieser Höhe konnte es schon beim nächsten Wetterumsturz schneien wie im Winter. Der Knabe war nicht allzu warm gekleidet, er hätte ja mit dem Vater am Abend rechtzeitig daheim sein sollen, er fror und begann auf dem Grate hin und her zu laufen, um sich zu erwärmen. Einmal blieb er mitten im Laufe stehen und starrte auf die Geröllhalde hinüber, sein Herz klopfte rascher, und die Erwartung verschlug ihm den Atem. Auf der Halde bewegte sich etwas, eine kleine graue Gestalt kam eilig daher und wuchs zu Mannesgröße auf und – und blähte sich und war der verwehende Kopf einer dicken grauen Nebelschlange. Grausam betrogen sah er zu und wurde zornig, nicht auf den Nebel, so töricht war er nicht, sondern einfach darüber, daß er in seiner furchtbar ernsten und dringenden Erwartung genarrt werden durfte. Mit düsterer Miene wandte er sich ab, und da entdeckte er noch eine Nebelzunge, die aus der finsteren Tiefe des Tales da draußen hoch in die Dämmerung hinaufleckte. Während er dorthin schaute, stieg es nah vor ihm wie dichter Rauch empor und hüllte ihn rasch und lautlos ein. Er stand in schwarzgrauer Dunkelheit und sah nichts mehr, und da er wußte, wie leicht man im Nebel sich schon nach kurzen Gängen verirren oder doch in der Himmelsrichtung täuschen kann, blieb er stehen. Von Zeit zu Zeit rief er, eher zuversichtlich als ängstlich, so wie man etwa im Walde einem Begleiter ruft, den man eben noch gesehen hat: «Halloh!» Er besaß eine helle, kräftige, noch ungebrochene Stimme, doch ihm schien, die Finsternis schlucke ihm den Ruf vom Munde weg, und so rief er lauter.
Nach einer unbestimmten Frist wehte der Nebel auf einmal in Schleiern auseinander und gab den Blick zum besternten Himmel frei, dann quoll er wieder heran, blieb für eine Weile und wich abermals. Das war im Herbst nichts Ungewöhnliches, es geschah bei Tag und Nacht in den Bergen häufig, doch dies andauernd gleichgültige und gespensterhaft ergebnislose Huschen und Verwehen rührte dem einsam Wartenden mit kalten Schauern an die Seele. Als aber nach einer weiteren unbestimmten Frist die Nebel unter einem geheimen Druck wieder talwärts wichen, begann ihn auch die klare Gebirgsnacht selber zu ängstigen. Das bleiche Schimmern der Karrenwüste, das geisterhaft in der Dämmerung schwebende Weiß der Schneeberge, die dunkel gähnende Taltiefe und das nahe, starke Glitzern der doch so trostlos fernen Sterne, dies alles erschien ihm immer unheimlicher, je länger es dauerte, und sein lebenswarmes, banges Kinderherz begann zu verzagen. Er rief jetzt nicht mehr, es war ja nutzlos, aber nach einer Weile sagte er kleinlaut, mit einem leisen Ton des Vorwurfs, wie ein Kind, das sich im Dunkel ängstigt: «Vater!»
Zwischen Mitternacht und Tagesgrauen erschrak er beim dröhnenden Schrei einer fremden Stimme, einem anrufenden rauhen Jauchzerschrei; gleich darauf hörte er vom Westhang der Furggel her knirschende Schritte. Er horchte und rief «Halloh!», der Mann antwortete und kam rasch herauf.
Es war der Wildhüter; er blickte den Knaben an, sah sich auf dem Grate um und fragte: «Wo ist der Vater?»
Der Knabe gab Auskunft.
Der Wildhüter schwieg einen Augenblick, dann sagte er: «Ja … warte du hier! Es kommen noch zwei Mannen herauf, denen sagst du, sie sollen hier auf mich warten.» Er verstummte und schien noch etwas zu bedenken. «Die Mutter hat im Tal unten anfragen lassen», erklärte er darauf ruhig, mit einer Bewegung des Gesichtes gegen den Knaben hin, um anzudeuten, von welcher Mutter die Rede sei. «So geh’ ich jetzt nachschauen», schloß er und ging weg und stieg über die Geröllhalde ins Rasenband ein, wo er die Laterne anzündete, die er mitgebracht hatte, und mit dem schwankenden Lichte verschwand.
Er kehrte bald zurück und löschte die Laterne, kam aber nicht auf den Grat, sondern stieg die Halde hinab. Seine rutschenden Schritte knirschten im nachgiebigen Steingeröll, dann wurden sie fester und entfernten sich unten dem Fuße der Ostwand entlang.
Über den Schneebergen graute die Morgenfrühe, als wiederum ein heftig anrufender Jauchzer von der westlichen Alp her klang. Der Knabe gab mit fast versagender Stimme Antwort, und die zwei Mannen kamen herauf. Einer von ihnen war der Hirt, der gestern früh die Herde zu Tal getrieben hatte. Sie nahmen den Bericht des Knaben entgegen, nickten und warteten.
Als der Wildhüter zurückkam, begann es über den östlichen Bergen schon goldhell zu tagen. Er kam über die Geröllhalde, die zwei Mannen gingen ihm entgegen und blieben bei ihm stehen. Der Knabe war ihnen ein paar Schritte gefolgt und sah zu, wie die drei Männer leise miteinander sprachen, er sah, wie sie forschend auf ihn blickten und wie sie mit gedämpfter Stimme zu beraten begannen. Er stand da, bis sie langsam auf ihn zukamen, und seine Knie zitterten.
«Es ist am besten, wenn du jetzt heimgehst», sagte der Wildhüter. «Du kannst grad mit ihm da gehen.» Er deutete mit dem Kopf auf den Rinderhirten. «Er muß auch hinab … ihr habt den gleichen Weg.»
Der Knabe starrte dem Wildhüter ins Gesicht und schwieg wie gewürgt, dann ging er langsam zwischen den Männern hindurch, blieb regungslos stehen und blickte keinen mehr an.
Der Hirt forderte ihn auf, nun mitzukommen, und der Wildhüter sprach ihm auch zu, aber er wandte sich nur weg.
Die Männer berieten noch einmal, dann ging der Hirt ohne den Knaben, er entfernte sich eilig mit sprunghaften Schritten gegen die Alp hinunter. Der Wildhüter aber sagte: «Wenn du dableiben willst … verbieten kann ich dir das nicht, doch wäre es besser, wenn du etwa allgemach heimzu gingest. Die Mutter wartet ja auf dich … Wir müssen jetzt wieder da hinab.»
Der Knabe brachte kein Wort heraus, er stand da und blickte mit weit geöffneten Augen entsetzt ins Leere. Als aber die zwei Männer in die Geröllhalde hinabgestiegen waren, folgte er ihnen unversehens. Der Wildhüter hörte es und erwartete ihn am Fuße der Ostwand. «Du darfst nicht mitkommen!» erklärte er. «Es ist ganz gewiß besser für dich, wenn du nicht mitkommst.» Da der Knabe stumm und wie erstarrt vor ihm stehenblieb, legte er ihm den Arm um die Schultern und fuhr mit gedämpfter Stimme gütig fort: «Du mußt dich jetzt ein bißchen zusammennehmen und vernünftig sein! Du bist ja kein Kind mehr. Und such es halt in Gottesnamen zu ertragen, man kann’s nicht ändern.»
Der Knabe entzog sich dem Arm des Mannes und kehrte ihm den Rücken, ein ungeheuerer Schmerz zerriß sein Gesicht, und Tränen stürzten ihm aus den Augen.
«Laß uns allein!» bat der Wildhüter. «Denk an die Mutter, sie braucht dich jetzt und wartet auf dich. Leb wohl, du!» Er entfernte sich langsam der Felswand entlang.
Der Knabe wußte nun, was geschehen war, aber er konnte es nicht fassen, er wurde wie von einer mächtigen Faust umklammert und geschüttelt und ging nicht vom Fleck. Langsam sank er da nieder, wo er stand, blieb mit gekrümmtem Rücken liegen und konnte kaum mehr atmen vor Schluchzen.
Der Wildhüter sah das noch, er schüttelte den Kopf und kehrte mitleidig um.
Als aber der Knabe merkte, daß jemand auf ihn zukam, blickte er auf, erhob sich rasch, mit einem Ausdruck von Trotz im schmerzverzerrten Gesicht, und stieg die Halde hinan. Auf der Furggel ging er zu den Rucksäcken, hing sich beide an den Rücken, zuerst den kleineren, dann den größeren, in dem sich noch ein Kochgeschirr und Eßwaren befanden und der ihm bis an die Beine hinabhing. Er stieg den Westhang hinunter, immer weinend, ging über die verlassene Alpweide und kam zu der felsigen Enge, die vor ihm aufleuchtete wie ein goldenes Tor. Hier, wo sich gestern zur selben Stunde vor seinen beglückten Augen diese mächtige Hochwelt aufgetan hatte, schaute er noch einmal zurück. Die Sonne blitzte ihm entgegen. Er sah die Furggel, ein wilder Schmerz riß an seinem Gesichte, und von einem bitteren Schluchzen geschüttelt wandte er sich ab.
Er stieg in den Wald hinunter und kam zu der Stelle, wo sie der Herde begegnet waren und der Vater mit dem Rinderhirten gesprochen hatte, dann zur schmalen Brücke über den stiebenden Bach, wo sie in die Tiefe des Haupttales hinausgeschaut und zum letztenmal das Flüßchen gesehen hatten, das auch jetzt unter dünnen Nebelschwaden in vielen Windungen westwärts zog. Er erkannte das alles wieder, aber nun war er allein; mit einem abweisenden Blick seiner nassen Augen ging er weiter.
Als er jedoch im Waldrand den grün überwachsenen Block sah, von dem herab der Vater den großen Fuchs geschossen hatte, überwältigte es ihn von neuem und würgte ihm wehe Laute aus dem trostlos erschütterten Innern. Dasselbe geschah ihm abermals auf der kurzen ebenen Strecke, wo der Vater einen Marsch gepfiffen, wo sie im Takte gegangen und einander lachend angeblickt hatten. Es stand so nach jeder bangen Atempause gewalttätig auf und wälzte sich auf ihn wie im Traum das unfaßbar Bedrohliche, unter dem man an Leib und Seele wehrlos zu ersticken meint, nur daß er es jetzt als etwas furchtbar Wirkliches wach erdulden mußte.
Er verweilte aber nirgends und sah bald das kleine Bauerndorf vor sich, das sie gestern bei Tagesgrauen verlassen hatten. Am Dorfeingang begegnete er dem Rinderhirten, der, von müßig herumstehenden Leuten aufgehalten, mit irgendeinem Traggerät schon wieder unterwegs war. Der Hirt trat auf ihn zu und wollte mit ihm reden. «Wir haben dann heimberichtet», sagte er gedämpft. Der Knabe hielt nicht an, er ging mit dem abweisenden eigensinnigen Trotz, mit dem er sich jetzt zu panzern begann, erhobenen Hauptes weiter. Die Leute traten schweigend beiseite und blickten ihn an. Zwischen den paar Hütten und Häusern begegnete er andern Dorfbewohnern, die mitleidig zusahen, wie er verweint und grimmig verschlossen mit seinem viel zu großen Rucksack daherkam, und aus dem Gasthaus, wo er mit dem Vater übernachtet hatte, rief ihm die Wirtin zu, er könne heimfahren, er möge doch um Gottes willen hereinkommen und einen Augenblick warten. Er sah weder rechts noch links, er wanderte eilig talaus, das weh und trotzig gespannte Gesicht erhoben, den tränenfeuchten Blick in die Ferne gerichtet; er wanderte in das nächste größere Dorf geradenwegs zur Mutter, die ihn erwartete, und sein leidenschaftlicher Schmerz stürzte in ihre tiefe Erschütterung wie nach einem Ungewitter der wild schäumende Bergbach in den trüb und mächtig strömenden Fluß, der ihn einem größeren Ziel entgegenführt.
Am Rande des Inselgehölzes, unter verwachsenen wilden Laubbäumen, von denen ein paar Äste fast bis auf das Wasser herabhingen, schob sich ein junges Gesicht durch das niedere Gesträuch, ein nackter Arm folgte behutsam und stützte sich auf einen bemoosten Block des schmalen felsigen Ufers. Eine Wasserjungfer hielt in der Luft vor dem Gesichte zitternd an und flitzte wieder weg. Der Jüngling schaute in eine Lücke des dünnen Schilfgürtels hinein auf frisch erblühte weiße Seerosen und spähend in das klare Wasser hinab. Er sah dort unten zwischen den langen weichen Blattstengeln und weiter draußen gegen den abfallenden Grund einen Schwarm fremdartiger Fische; sie glichen großen, auf der Kante ruhenden Silberhänden, und es kam ihm geheimnisvoll vor, wie sie, gegen Osten gerichtet, unter den Seerosen und ihren schwimmenden grünen Blättern in verschiedener Tiefe regungslos verharrten. Nach einer Weile blickte er auf und sah draußen den See im heißen Sonnenlichte flimmern, während dieser Uferstreifen im Schatten lag, er sah das grüne Dach der überhängenden Äste, die schneeweißen Blüten auf dem klaren Wasser, darunter wieder die ruhenden Fische, und er begann mit seinem stillen Gesichte wie in einem wunderbaren Traum erstaunt und glücklich zu lächeln.
Ein Anruf weckte ihn. «Baschi, Baschi!» rief eine jugendliche Stimme, und damit war er gemeint, er hieß Sebastian. Langsam kroch er zurück, stand auf und ging in seiner verwaschenen roten Badehose durch das Unterholz des Inselwäldchens an das gegenüberliegende Ufer. Dort hatten seine drei Kameraden, mit denen er gelandet war, das entliehene, geräumige Stehruderboot des alten Fischers in einer Felsnische festgebunden und machten am Ufer unter Tannen und Buchen ihre Angelruten bereit. Sie fragten ihn, wo er die Würmer verstaut habe. Er gab flüchtig Antwort, teilte ihnen aufgeregt seine Entdeckung mit und griff nach seiner Angelrute.
Da bekamen sie glänzende Augen vor Unternehmungslust und beeilten sich mit ihren Vorbereitungen. Sie waren sechzehn Jahre alt, Lateinschüler, die manchen freien Nachmittag fischend oder badend auf dieser einsamen Insel verbrachten, in einem heiteren Frieden, den sie vor allen Schulsorgen, vor Gewissensängsten, Weltanschauungsfragen und anderen Gespenstern bewahrten. Sie erlitten, wie ihre brüchigen Stimmen, den schwierigen Wechsel, der sie aus Knaben zu jungen Männern machte; hier fanden sie, ohne es recht zu wissen, als Knaben eine letzte Zuflucht und widerstanden auch meistens der eitlen Versuchung, sich untereinander wie Erwachsene zu benehmen. Während sie mit geübten Fingern den Angelhaken in den Regenwurm steckten, meinte der naturkundige Anselm, daß Baschi wahrscheinlich Brachsen gesehen habe, schöne, aber hier nicht eben seltene Fische.
«Ganz klar!» sagte Karl, ein stämmiger, lebhafter kleiner Bursche, dem alles schlüssig über die Zunge kam und dessen Stimmbruch auch am weitesten fortgeschritten war. «Übrigens sind sämtliche Fische in diesem See so genau bekannt, daß von fremdartigen keine Rede sein kann. Und nach deiner Beschreibung, Baschi, können es nur Brachsen sein …»
Robert, ein hübscher, kräftiger Junge in einer keilförmigen, knallroten Badehose, die an seinem wohlgenährten Körper etwas spärlich aussah, schloß die Beratung recht einfach: «Brachsen oder nicht, wenn wir sie nur erwischen. Los!»
Sie gingen, ihre Angelruten hochhaltend, durch das Gestrüpp zum Schattenufer, wo Robert, Karl und Anselm erregt flüsternd ihre Schnüre dicht nebeneinander vorsichtig zwischen die Seerosen hinabgleiten ließen.
Für Sebastian war kein Platz mehr, und er drängte sich nicht hinzu, er hatte die Fische entdeckt und als erster betrachtet, das genügte ihm, mochten nun die andern die Entdeckung nützen. So ging es ihm oft, und er fand sich damit ab, ja er ahnte auch schon, daß mit diesem Los in Zukunft höhere Dinge zu erwerben waren als die handgreiflichen, die etwa Robert im Sinn hatte. Er war ein tiefgründiger, schüchterner Bursche, der neben seinen nur zum Teil geliebten Schulfächern Gedichte las und geigen lernte, indes die andern sich vorläufig mit Indianergeschichten begnügten. Hier aber lebte er wie seine Kameraden und mit ihnen übereinstimmend, froh, unbefangen und noch ohne Richtung. Er trug die Angelrute an den Platz zurück, den sie Schifflände nannten, und streifte zu seinem Vergnügen ein wenig herum.
Der See mit seinen stillen, von Schilf, Ried und Wald begrenzten, von Bergen hoch umgebenen Ufern glänzte im frühsommerlichen Nachmittagslichte. Die Insel lag dem westlichen Waldufer gegenüber auf einer Klippe, einem unregelmäßig aus dem Wasser ragenden Felskopf, den seit Menschengedenken eine kleine Wildnis bedeckte. Sie war nicht größer als ein mittlerer Dorfplatz, aber voll heimlicher Winkel und Schlüpfe. Sebastian stieg auf eine von jungen Tannen, Kiefern und Stechpalmen bewachsene Kuppe und drüben zu einer Uferstelle hinab, wo zwischen bemoosten Blöcken eine Wildente im Mai zwölf Eier ausgebrütet hatte. Er fand im weich gepolsterten Nest noch Reste der Eierschalen und flaumige Federchen, von denen er sich einige hinter die Ohren steckte. Er kletterte dem Ufer entlang zur Eglibucht und sah einem kleinen Barsch zu, der schwänzelnd halbwegs auf dem Kopfe stand und sein Maul heftig in den kiesigen Grund stieß, dann drang er zwischen Weiden- und Haselbüschen wieder ins Innere, wo Buchen, Eschen, Eichen verschiedenen Alters sich gegenseitig in die Kronen gerieten, und trat zuletzt auf eine sonnige Ufernase hinaus, die sie Hechtekap nannten. Sie fiel mit goldgelb blühendem Ginster schräg ins Wasser hinab; ihr war auf Schritteslänge eine kleine Felsbank vorgelagert, die sich knapp über die Oberfläche erhob. Mit einem weiteren Schritt über das untiefe Wasser erreichte man einen kahlen Buckel, der zu dieser Jahreszeit schon bei leichtem Wellenschlag überspült wurde, aber jetzt zwei Füßen eben noch trockenen Stand gewährte. Diesen Buckel betrat Sebastian, reckte sich in der strahlenden Sonne, blickte auf den See hinaus und blieb da stehen.
Indessen spähten die übrigen zu den Fischen hinab, die nicht anbeißen wollten. Es waren junge Brachsen, im Vergleich zu gewissen fingerlangen Beutestücken schon recht ansehnliche und daher begehrte Fische, obwohl man ihrer vielen groben Gräten wegen zu Hause die Nase rümpfte, wenn die jungen Fischer großartig mit einem pfündigen Muster davon anrückten. Robert wurde ungeduldig und erklärte, wenn keiner dieser offenbar schon vollen Freßsäcke beißen wolle, so werde er auf andere Art dennoch einen erwischen. Er versuchte nun mit dem leeren Angelhaken einen der Brachsen am Bauche anzureißen.
Anselm runzelte die Stirn. «Hör auf!» rief er. «Das ist nichts, das ist keine Fischerei! Außerdem verscheuchst du sie nur … da, bitte, da ziehen sie ab, kannst ihnen jetzt nachsehen, du Oberfischer!»
Anselm, ein schlanker, sehniger Junge in blauer Badehose, war sehr darauf bedacht, daß mit den Fischen, mit den Tieren überhaupt, keine Schindluderei getrieben wurde, und er duldete zum Beispiel nicht, daß man zwecklos, nur so zum Vergnügen, kleine Fische fing, um sie nachher wegzuwerfen. Er hatte ein längliches Gesicht mit klugen, dunklen Augen, die ausnahmsweise sowohl vor Heiterkeit wie vor Entrüstung sprühen konnten, aber sonst mit einem freundlichen Ernst ins Leben blickten und eine Art verrieten, der man nichts Unedles zutraute. Er verurteilte das unsportliche Benehmen Roberts, doch ihn selber mochte er aus anderen Gründen wieder gut leiden und nahm ihm seinen Verstoß jetzt auch nicht übel, wie denn auf dieser Insel überhaupt nichts übel oder schwer genommen und auch kein triftiger Anlaß dazu geboten wurde.
Sie gingen auf andere Plätze, fingen ein paar Gründlinge und kleine Barsche, die sie als Köder an dreifache Angeln steckten, und verteilten sich gespannt zum Hechtfang. Als sich auch dabei vorläufig nichts ereignete, «setzte» jeder die Angelrute, indem er ihre Mitte auf einen Steinblock oder eine Astgabel legte, ihren Schaft in ein Loch steckte oder mit Steinen beschwerte; geduldig stand er dann da, beobachtete den unruhigen Korkschwimmer und ergriff die Rute nur noch, um das ängstlich zum Ufer strebende Köderfischchen behutsam wieder ins tiefere Wasser hinauszuschwingen.
Eine Stunde lang war es still auf der Insel, die Baumkronen standen regungslos im wärmeren Lichte des vorrückenden Nachmittags, ihre Schatten auf dem ruhigen Wasser verschoben sich unmerklich, und im vielfältigen Grün des Ufergehölzes schimmerte da und dort der helle Körper eines jugendlichen Fischers. Ein langschnabliger, wunderbar bunter Vogel, der unversehens aus den Bäumen flog und die Insel umkreiste, brachte wieder alle in Bewegung. Anselm kam hastig dem Ufer entlang zu Sebastian, der, in die laubigen Äste spähend, seinen Platz eben auch verließ, und rief gedämpft: «Ein Eisvogel, ein Königsfischer!» Sebastian hatte ihn gesehen, wie er vom Ufer wieder unter die Bäume geflogen war, sie gingen ihm nach und trafen Karl und Robert, die ihnen wie aus einem Munde zuriefen: «Habt ihr den Eisvogel gesehen?» Sie alle hatten ihn gesehen, einen kleinen rotfüßigen Vogel mit blaugebändertem Nacken, bläulich-grün schillernden Flügeln und seidig glänzender rostroter Brust, und sie zerstreuten sich suchend, um ihn noch einmal vor Augen zu bekommen, doch er war und blieb verschwunden wie im Traum ein flüchtiger schöner Gedanke.
Sie trafen sich wieder und stellten fest, daß heute das Wetter zum Fischen nicht günstig sei. Keiner hatte etwas gefangen. Das verdroß sie nicht, sie zogen die Angelruten ein, stiegen ins Wasser und schwammen voller Wohlgefühl herum, bis die Schattenspitze des waldigen Abendberges die Insel streifte, dann brachen sie auf.
Am nächsten freien Nachmittag betraten sie die Insel abermals, gespannt und neugierig wie je, da hier kein Nachmittag ganz dem andern glich. Karl fing denn auch im Verlauf einer Stunde mit Gründlingen zwei viertelpfündige Barsche, worauf alle den Barschen nachstellen wollten und den bewölkten Himmel priesen, der baldigen Regen verhieß. Während sie nun zwischen ihren Fangplätzen und der Schifflände, wo ein Kessel mit Gründlingen und eine Wurmbüchse standen, geschäftig hin und her gingen, kam aber Anselm, Schweigen gebietend, mit erhobenen Brauen und geheimnisvoller Miene aus einem Ufergebüsch und winkte ihnen. «Die Alte kommt», flüsterte er. «Die Schlange.» Sie folgten ihm leise ans westliche Ufer und spähten stumm aus dem Unterholz.
Eine Schlange schwamm auf die Insel zu; den dunklen Kopf über das Wasser erhoben, doch mit den Windungen des geschmeidigen Leibes kaum einmal die Oberfläche berührend, nahte sie rasch und unauffällig. Sie züngelte, als sie landete, man sah ihre gespaltene, fadendünne Zunge und ihre gelben Backenflecken, dann tauchte lang wie ein Menschenarm ihr schwarzgefleckter graubrauner Rücken auf; sie kroch, eine feuchte Spur hinterlassend, über eine schräge Steinplatte und verschwand am Ufer. Es war eine Ringelnatter, die Jünglinge kannten sie und empfanden keinen Abscheu, sie alle hatten schon Nattern aufgehoben, wenn auch nicht ohne einen geheimen leisen Schauder; sie waren übereingekommen, diese alte Schlange, die schon vor ihnen die Insel besucht, ja zu ihr gehört und Unberufene ferngehalten hatte, zu dulden und auch dann nicht zu stören, wenn sie sich nach ihrer Gewohnheit auf den warmen Steinen eines Fangplatzes sonnte. Am Anfang hatten sie freilich noch geschwankt, ob sie die Natter töten wollten oder nicht, dann war dank Anselms Fürsprache und gewissen rätselhaften Andeutungen Sebastians in ihrem unentschieden dämmernden Innern eine achtungsvolle Scheu erwacht, die Scheu vor dem Unheimlichen, Abgründigen, das sie als etwas Wirkliches wenigstens ahnten, obwohl sie nichts darüber aussagen konnten, und für das sie die Schlange heimlich als naturgegebenes Zeichen anzusehen begannen. Sie forschten jetzt nicht nach, wohin sie verschwunden war, sie gingen leise an ihre Plätze zurück, fischten ruhig weiter, ruhiger als vorher, als ob nun sie geduldet würden, doch heiter wie immer, und ruderten am Ende still von dannen.
Oft fuhren auch nur ihrer zwei oder drei zur Insel, manchmal aber kamen wieder andere Eingeweihte mit, Xaver zum Beispiel, ihr ältester Klassenkamerad, siebzehnjährig, ihnen allen ein wenig überlegen um die Erfahrungen dieses einen, entscheidungsreichen siebzehnten Jahres, und dann benützten sie neben dem alten Fischerkahn noch ein kleines Ruderboot.
Als endlich mit heißem Glanz und grell durchblitzten schwülen Nächten ihr Feriensommer anbrach, betraten sie die Uferklippe schon eines frühen Morgens hochbeglückt wie Entdecker ein märchenhaftes Eiland. Anselm schwang als erster auf der Felsbank des Hechtekaps den kleinen Barsch an der Dreiangel hinaus, und kaum hatte der Korkschwimmer die vom Frühwind gekräuselte Wasserfläche berührt, als er zum freudigen Schreck des Fischers jäh in die Tiefe fuhr. Karl und Robert rannten auf Anselms Ruf herbei und erkannten beim ersten Blick auf die Schnur erregt, daß ein Fisch gebissen hatte. «Warten, warten!» rief Karl. «Nur nicht zu früh ziehen! Gib Schnur!» Anselm tat dies gespannt und schweigend schon selber, er bedurfte keiner Ratschläge. Sie alle hatten als Anfänger erfahren, daß man höchstens die leere Angel aus dem Wasser riß, wenn man zu früh anzog, und sie wußten jetzt, daß der Hecht mit dem lebenden Köder in eine gewisse Tiefe fuhr, nachdem er ihn gepackt hatte, um ihn erst dort unten zu verschlingen. Sie waren nur nicht einig, wie lang man warten müsse, der eine zählte klopfenden Herzens auf zehn, der andere auf fünfzehn oder gar auf zwanzig. «Jetzt!» rief Karl. «Zieh!» Anselm hörte nicht auf ihn, er rollte zuerst noch ein Stück lose Schnur auf, dann aber, während Robert schon draußen auf dem Felsbuckel kauerte, um die Beute in Empfang zu nehmen, dann riß er mit einem Ruck an, und die Rutenspitze bog sich so, daß die drei Fischer in Rufe des Erstaunens ausbrachen und die Größe des Gefangenen bewunderten, eh sie ihn sahen. Anselm zog mit gestraffter Schnur und gebogener Rute den Fisch behutsam und stetig heran, und alle erwarteten atemlos sein Auftauchen; er tauchte auf, verblüfft, wie es schien, ohne Widerstand, ein großer Fisch, ein Hecht. Erst als Robert nach ihm griff, schlug er mit dem Schwanze kräftig aus. Robert fuhr ihm mit der Rechten wie mit einem Raubvogelfang ins Genick und drückte ihm Daumen und Zeigefinger in die Kiemenspalten; er packte ihn so, daß er beim wildesten Zappeln nicht mehr entschlüpfen konnte, und es war zu erwarten, daß dieser entschlossene Junge dereinst auch im Leben nicht anders zupacken würde. Er hob ihn hoch empor und trug ihn lachend ans Ufer. Karl öffnete dem Räuber das scharf bezahnte weite Maul, und Anselm löste ihm die Angel aus dem Schlund, dann stellten sie Gewichtsschätzungen an, die zwischen zwei und drei Pfund schwankten, trugen ihn zum Fischkasten ins Boot und brachen sogleich zu neuen Taten auf.
Sebastian und Xaver beugten sich über den Fischkasten und betrachteten den Hecht. «Er hat ein Gesicht wie ein böser alter Wucherer», sagte Sebastian. «Ich habe einen abgebildet gesehen mit flachem Schädel, tückischen Augen und grämlich vorgeschobener Unterlippe, der hatte diesen Ausdruck.»
«Jawohl, das gibt’s auch im Leben», stimmte Xaver zu. «Leute, die so aussehen, sollte man angeln dürfen; die würden auf jeden Dreck anbeißen.»
Sie schlenderten lachend weg.
Ein blauer Sommermorgen strahlte über dem See, auf der Insel war es still, an ihren laubgrünen, bemoosten und steingrauen Ufersäumen stand da und dort ein ruhig fischender Jüngling, oder einer trat aus dem Schatten der Bäume ins Licht und leuchtete auf, ein anderer wandelte im Innern herum, und es schimmerte von ihm aus Gebüschlücken wie aus der Tiefe des Waldes von Spänen frischgeschälter Stämme. Sie fischten geduldig, wechselten manchmal ihre Plätze und blieben heiter und glücklich, obwohl sie nichts mehr fingen. Um Mittag schwammen sie in den See hinaus, alle in derselben Richtung und leise, um keine Fische zu stören, dann machten sie bei der Schifflände ein Feuerchen, brieten Käse, bähten Brot und kochten Tee, nachmittags fischten sie wieder oder taten nichts, und abends, später als sonst, ruderten sie still von dannen. Hinter ihnen glühte der Abendhimmel gewaltig auf, glühte sie an und glühte goldrot aus dem Wasserspiegel wider, zwei Reiher flogen über sie hin, und vom östlichen Berghang blitzten wie große feurige Sterne die Fensterscheiben menschlicher Wohnungen. Sie ruderten dem Ufer zu, wo sie ihre Kleider geborgen hatten, zufrieden mit dem Tag und freudig schon den nächsten bedenkend, in einem tieferen Frieden, als sie bei ihrer Unkenntnis der lauten Welt ermessen konnten, und durch ihre ungebrochene Jugend noch in einem letzten Einklang damit.
Eines Nachmittags aber, als sie geduldig hinter ihren Angelruten standen, kam Xaver dahergerudert, und auf dem vorderen Rand des kleinen Bootes saß ein Mädchen im Badekleid, Ilse, seine Base. Sie kannten sie nicht, hatten aber von ihr gehört und wußten, daß sie aus der Stadt, wo sie wohnte, zu Xavers Eltern in die Ferien gekommen war. Xaver hatte ihnen angekündigt, daß er sie auf die Insel mitbringen werde, und das tat er nun also. Es war seine Sache, es ging sie nichts an, die Insel war groß genug, um auch einem Mädchen noch Platz zu bieten. Sie sahen dem Besuche kühl entgegen und wollten sich nicht stören lassen.
Vetter und Base kehrten einander den Rücken. Die Base ließ ihre nackten Beine über den vorderen Bootsrand hinabhängen und schleifte die Zehen durch das laue Wasser. In der Nähe der Insel wandte sie sich nach Xaver um, schaute dann lächelnd auf die Fischer am Hechtekap, schwang die Beine ins Boot, zog Badeschuhe an und setzte sich ordentlich hin. Sie war fünfzehn Jahre alt.
Die Fischer, Robert und Anselm, standen ruhig da und schienen nichts anderes zu beachten als den Korkschwimmer. Sie fanden es immerhin ungewöhnlich, daß sie im Badekleid kam; sie hatten noch kein badendes Mädchen in der Nähe gesehen, da in der hiesigen Badeanstalt die Geschlechter streng getrennt waren. In der Stadt aber gab es natürlich Strandbäder, wo alles kunterbunt durcheinander badete, das war ganz natürlich, und sie brauchten kein Wort darüber zu verlieren.
Xaver ruderte in einem wohl bedachten Abstand am Kap vorbei zur Schifflände, legte an, ließ die Base aussteigen und machte das Boot fest. Niemand war zum Empfang da.
«Du, das ist aber reizend hier», sagte Ilse.
«Hab ich dir ja gesagt. Geh nur ein bißchen herum und schau alles an! Ich mache jetzt die Fischrute bereit.»
Ilse ging leise ins Gehölz hinein, sah sich neugierig lächelnd um und stieg drüben auf eine Uferklippe der Eglibucht, wo sie verblüfft mit der Hand zum Munde fuhr, um einen Laut zu unterdrücken. Unter ihr kletterte ein Junge in einer verwaschenen rötlichen Badehose auf den Steinen herum, er hatte ein Haselrütchen in der Hand und blickte an verschiedenen Stellen aufmerksam ins Wasser hinein. Sie schaute ihm erheitert zu, gespannt und jeden Augenblick gewärtig, entdeckt zu werden.
Sebastian, der hier kleinen Barschen nachstellte, sah sie denn auch plötzlich, verharrte wie gebannt in seiner kauernden Haltung und staunte zu ihr hinauf. Er hatte gewußt, daß Xaver mit der Base dahergerudert kam, aber nun sah er ein schönes Mädchen in einem leuchtend blauen Stoff, der den leicht gebeugten schlanken Körper nicht verhehlte, mit nackten Beinen, Armen und Schultern, mit einem braungelockten Kopf und heiteren Augen. Er sah sie wie eine märchenhafte Erscheinung im blättergrün gedämpften Sonnenlicht dort oben stehen und zu ihm hinablächeln, und sein empfängliches Herz begann heftig zu schlagen.
Ilse sah das gutmütige Jungengesicht mit der Stumpfnase, das schweigend zu ihr hinaufstaunte, und fand auch ihrerseits kein passendes Wort, sie lachte nur in leisen, hohen Tönen auf, belustigt von der Überraschung des regungslos Kauernden, und trat zurück.
Sebastian setzte sich offenen Mundes auf einen Stein, und sein Herz schlug heftig weiter. Er sah sie noch greifbar vor sich, und sie war ganz anders, als man sich die Base eines Kameraden vorstellt, sie stand ihm vielmehr vor Augen wie im Traum eine heitere junge Halbgöttin, von der man augenblicklich bezaubert wird, ohne sie im einzelnen genau zu sehen und den Grund des Zaubers zu erkennen. Sie war süß und vollkommen, schöner als jedes andere Wunder dieser geliebten kleinen Insel. Langsam erhob er sich und schaute auf der Uferklippe die Stelle an, wo sie gestanden hatte, dann blickte er vorsichtig herum, ob niemand zusehe, und legte seine Hände auf die Stelle. Von einer ihm unbekannten verwirrenden Wärme durchhaucht, stieg er auf die Klippe und schlich spähend in das Gehölz hinein, bis er Stimmen hörte. Er sah gegen das Hechtekap hin die Halbgöttin in Begleitung ihres Vetters aus dem Grünen schimmern und erkannte Roberts brennend rote Keilhose, die sich ihr vom Kap her zögernd näherte. Scheu blieb er im Gebüsche stehen und sah zu.
