Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Jahre zwischen 1900 und 1914 sind Jahre des Friedens, Wohlstands und eines grenzenlosen Vertrauens in den Fortschritt. Auch Dithmarscher Landwirte können es sich leisten, wie städtische Großbürger zu leben und ihre Töchter auf teure Privatschulen zu schicken. Für sie besteht das Leben aus Feiern, Freundschaften und Urlaubsreisen. Bis der Erste Weltkrieg dieser Idylle für immer ein Ende macht. In diesem Buch entsteht aus einer Zusammenstellung von Briefen, Tagebüchern, Dokumenten, Ansichtskarten und Fotos das Bild einer Welt, die so ganz anders ist, als uns die Kaiserzeit vorstellen - einer Welt der Jugend, des Aufbruchs und der Neugier neuen Entwicklungen gegenüber. Autos, Telefone und Zeppeline sind die Symbole der Moderne, Wandervögel, Mädchenpensionate und Reformbewegungen stehen für eine neue Jugendkultur. Wir sehen diese Welt durch die Augen zweier Schwestern aus Dithmarschen, für die die Welt schöner mit jedem Tag wird - bis es ein böses Ende nimmt!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 304
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Minna und Helene Paulsen, Ostern 1913
Einleitung
Die handelnden Personen
Von Wöhrden nach Wiesbaden und zurück
Mädchenschule in Heide
Eine vergötterte Lehrerin (Minnas Tagebuch)
Erste Begegnung mit Jena (Helenes Tagebuch)
Helenes Jahr in Köln 1907/08
Köln oder Wöhrden
Wandern an Mosel und Rhein (Helenes Tagebuch)
Abschied von Köln (Helenes Tagebuch)
„Mit Hurra von der Hofstelle…“
Mädchenpensionat in Jena 1909/10
Helenes Tagebuch
Tanzstunde
Ausflüge in die Umgebung von Jena (Helenes Tagebuch)
Oberhofreise (Helenes Tagebuch)
Ein Umzug nach Jena?
Aus Minnas Tagebuch
Minna und der Sera-Kreis
Eugen Diederichs
Sera-Tänze (Minnas Tagebuch)
Feste, Ausflüge und Liebesschmerz
Mit dem Sera-Kreis unterwegs
Goethefest in Weimar
Ein Fest reiht sich ans andere
Letzte Tage in Jena
Besuch in Otterndorf (aus Helenes Tagebuch)
Umzug nach Heide
Wiedersehen der Freundinnen (Helenes Tagebuch)
Ausflug nach Helgoland
Blumentag in Heide
Harzwanderung (Helenes Tagebuch)
Das Leben zuhause (Minnas Tagebuch)
Reise nach Marburg (Minnas Tagebuch)
Eine Hochzeit in der Elbchaussee (Helenes Tagebuch)
Zukunftsängste und -wünsche
Minna und Rudolf – eine Romanze in Briefen
Reformbewegungen
Wandervogelromantik
Abstinent
Annäherung und Bruch
Eine gefährliche Operation
Eine Kur und der Weltkrieg
Die Freundinnen im Ersten Weltkrieg
1918 – Das letzte Kriegsjahr
Nachkriegszeit
Hoffnungslose Liebe (Aus Minnas Tagebuch)
Neubeginn in der Weimarer Republik
Minnas letztes Jahr
Epilog: Die letzten Seiten in Helenes Tagebuch
Geschichtsschreibung ist immer Vereinfachung. Hochkomplexe Entwicklungen werden auf wenige Schlagwörter reduziert, und wo es in Wahrheit ein großes Durcheinander von einander widerstreitenden und bekämpfenden Kräften gibt, sieht man aus der historischen Vogelperspektive nur einen breiten Strom, der in eine Richtung fließt und alles andere mit sich reißt. In den Büchern erscheint die Geschichte wie eine breite Straße, auf der alles in die gleiche Richtung fährt. Je näher man aber hinsieht, desto mehr bemerkt man auf dieser Straße Reisende, die sich nicht an die historische Straßenverkehrsordnung halten, sondern kreuz und quer, hin und zurück darauf herumwandern, und das in ganz unterschiedlichem Tempo statt der vorgegebenen Einheitsgeschwindigkeit. Das macht es so interessant, die Lebensgeschichten einzelner Menschen oder Familien zu betrachten, denn obwohl alle Kinder ihrer Zeit sind, ist es doch jeder auf seine eigene Weise. Jeder geht seinen eigenen Weg durch die Geschichte und gibt ihr seine individuelle Färbung.
Über das deutsche Kaiserreich z. B., die Epoche zwischen 1871 bis 1914, glauben wir alles zu wissen, wenn wir an die großen Truppenaufmärsche zu „Kaisergeburtstag“ denken, an preußischen Untertanengeist, Hackenzusammenschlagen, schlagstockbewehrte Oberlehrer mit wallenden Bärten á la Admiral Tirpitz und – als all das zusammenfassendes Symbol seiner Zeit – an Kaiser Wilhelm II. mit seinen operettenhaften Uniformen und dem nach oben gezwirbelten „Es ist erreicht“-Bart. Das geschichtliche Grundwissen reduziert sich auf wenige herausragende Ereignisse: Reichsgründung 1871, Dreikaiserjahr 1888, Bismarcks Entlassung 1890, und schließlich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914, die finale Katastrophe, auf die mit schicksalhafter Unausweichlichkeit alles zuzulaufen scheint.
Die Briefe und Tagebücher, die wir hier vorlegen, vermitteln einen ganz anderen Blick auf diese Zeit. Sie geben die Perspektive zweier junger Mädchen wieder, die die Generation der um 1890 Geborenen repräsentieren, der Generation also, die zwei Weltkriege zu durchleben hatte – falls sie sie denn überlebte! – die aber aus ihrer Jugend einen Schatz von Unbeschwertheit, Freiheitsdrang und Glück mitbrachte, die das Schlagwort von den „herrlichen Zeiten“ (das bekanntlich auf Wilhelm II. zurückgeht) durchaus rechtfertigt.
Zunächst einmal ist es eine Zeit ungeheuren Wohlstands. In den über 40 Friedensjahren zwischen dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 war Deutschland mit Riesenschritten zur Industrienation herangereift, und das Bürgertum war so rasch so reich geworden, dass es gar nicht wusste wohin mit all dem Geld. Die mit Plüschmöbeln, Kristallglas und Nippes vollgestopften Wohnzimmer der damaligen Zeit zeugen von diesem Neureichen-Gehabe, das sich in teuren Statussymbolen überbot und überschlug. Und die Hüte der Damen erreichten wahrhaft fantastische Ausmaße!
Auch randständige Regionen wie Dithmarschen, die von der Industrialisierung kaum betroffen waren, profitierten von der Entwicklung durch den Aufschwung der Landwirtschaft, der es in den zwei Jahrzehnten vor dem Krieg so gut ging wie nie zuvor und nie danach.
Dithmarscher Landwirte waren schon immer besonders geschäftstüchtig gewesen, und sie holten auch aus dieser Entwicklung das Bestmögliche heraus. Wie viel Wohlstand sich damals in den beiden Dithmarscher Kreisen ansammelte, zeigt schon der Blick auf die historische Bausubstanz: Während in benachbarten Regionen wie Eiderstedt noch etliche Hofgebäude aus der vorindustriellen Zeit erhalten sind (die berühmten „Haubarge“) gibt es in Dithmarschen praktisch keine original erhaltenen Hofanlagen mehr – weil ein ungeheurer Bauboom Ende des 19. Jahrhunderts sie alle dahinraffte. Es ist die Welt aus Klaus Groths „Quickborn“, die jetzt für immer untergeht – nicht in Not und Armut, sondern davongespült von einer Welle des Reichtums. Selbst kleine Geestbauern konnten genug erwirtschaften, um eines der typisch gründerzeitlichen Gebäude aus roten Ziegeln mit flachen Walmdächern und Säulenportikus am Eingang neu bauen zu können.
Noch mehr galt das für die Marschbauern, die durch den um 1900 aufkommenden Kohlanbau reich wurden. Noch heute erzählt man sich vom Rekordjahr 1911, als explodierende Kohlpreise und sensationelle Ernteerträge zusammentrafen, so dass jeder Kohlbauer sich einen zweiten Hof leisten oder als Altenteilerhaus eine Villa in den Hauptstraßen von Wesselburen oder Marne bauen konnte. Natürlich musste dieser Reichtum auch gezeigt werden: die Höfe, die da neu gebaut wurden, hatten nicht mehr nur die traditionelle „gute Stube“, sondern oft auch einen Saal für festliche Gelegenheiten. Manch einer mag noch Porzellanservices mit 30 bis 40 Gedecken geerbt haben und sich fragen, was das für Feste gewesen sein mögen, wofür man eine solche Menge Geschirr brauchte. Es waren die legendären „Bratenvisiten“, zu denen man in seinen Kutschen von weither angerollt kam. „De Brotenfreters komt!“, sagten die Knechte dann – sie waren natürlich nicht eingeladen.
Zweitens ist es eine Zeit der Reiselust. Der Massentourismus ist im wesentlichen eine Erfindung dieser Epoche. Das Eisenbahnnetz war spätestens um 1880 so gut und dicht ausgebaut, dass man praktisch jeden Ort und jede Region in Deutschland damit erreichen konnte, und wenn man die Reisezeiten vergleicht, mögen die Züge zwar deutlich langsamer gewesen sein als heutige ICEs (von der Zuverlässigkeit wollen wir nicht reden), aber man konnte doch an einem Tag zu den meisten Zielen gelangen: Von Köln nach Heide oder von Heide nach Jena in etwa 12 Stunden, und an einem Tag kam man nach Helgoland und zurück.
Der Wohlstand steuerte nicht nur das nötige Reisegeld bei, sondern machte es auch möglich, sich für die entscheidenden Wochen im Sommer von der Arbeit zu beurlauben. Süddeutsche reisten ans Meer, Norddeutsche in den Harz oder an den Rhein oder noch weiter in den Süden. Verwandte, Freunde und Bekannte, die in anderen Regionen Karriere gemacht und Familien gegründet hatten, boten Anlaufpunkte für lange Sommerbesuche und gemeinsame Ausflüge. Die Welt, die noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur aus dem heimatlichen Dorf und dem nächstgelegenen Marktflecken bestanden hatte, begann sich immer mehr zu weiten, und nachdem das Deutsche Reich gegründet worden war, konnte man dieses erweiterte Vaterland auf Reisen entdecken und dadurch überhaupt erst ein Gefühl dafür bekommen, was es bedeutete in diesem neuen – und bis dahin noch unbekannten – Deutschland zu leben. Auch zu Fuß übrigens, denn auch das Wandern – als Freizeitbeschäftigung, nicht als berufliche Notwendigkeit – kam in dieser Zeit in Mode.
Das gilt natürlich hauptsächlich für das Bürgertum, das mit dem steigenden Wohlstand sowohl Geld als auch Muße zum Reisen übrig hatte. Es gilt auch für die bürgerliche Jugend, die nicht länger gezwungen war gleich nach der Konfirmation ins Berufsleben einzutreten. Die zunehmend komplexer werdende Ausbildung bürgerlicher Berufe (und übrigens auch der Landwirtschaft) verlängerte den Übergang von Kindheit zum Erwachsenenalter, so dass eigentlich jetzt erst der Raum entstand, den man als „Jugend“ wahrnehmen konnte, ein Raum, in dem auch eine „Jugendkultur“ entstehen konnte.
Damit sind wir beim dritten Faktor, der für diese Epoche kennzeichnend ist. Ganz im Gegensatz zu der populären Wahrnehmung, dass das Kaiserreich hauptsächlich von alten Männern mit langen Vollbärten, gekleidet in ordenbehängten Uniformen, repräsentiert wurde, war es in Wahrheit eine Epoche der Jugend, und sie wurde immer jugendlicher, je weiter sie vom 19. ins 20. Jahrhundert überging. Es wuchs eine Generation heran, die den Krieg nie gekannt hatte, die nicht gezwungen war als Kind schon zu arbeiten, die viel Zeit hatte sich auf das Berufsleben vorzubereiten, und die diese Zeit nutzte darüber nachzudenken, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte. Und da wurde Manchem bewusst, dass ihnen nicht alles gefiel, was sie da sahen und dass sie keine Lust hatten, einfach nur in die Fußspuren ihrer Eltern zu treten. Wozu die Uniformen, wenn weit und breit kein Krieg in Sicht war? Wozu vom Morgen bis zum Abend arbeiten, wenn man Geld genug hatte auch mal Ferien zu machen? Wozu das enge Korsett der bürgerlichen Benimmregeln, wenn die Jugend doch viel spontaner miteinander umgehen konnte? Wozu das Reisen in Erster-Klasse-Abteilen, wenn man doch auch zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sein konnte? Und war diese bürgerliche Welt, in die man hineingeboren wurde, denn die einzig mögliche, wenn man durch Zeitungen und Bücher immer mehr von einer Welt „da draußen“ erfuhr, in der es offenbar ganz anders zuging? Alles wurde in Frage gestellt, und selbst der Kaiser war davon nicht ausgenommen.
Auf diese Weise entwickelte sich um 1900 eine Jugendbewegung, die alles anders machen wollte – auch wenn sie noch nicht genau wusste, wie.
Es begann ganz bescheiden mit einigen Steglitzer Gymnasiasten, die im Sommer 1896 mehrtägige Wanderungen in die (damals noch recht ländliche) Umgebung von Berlin machten. Wie so oft entwickelte sich aus einer einfachen Idee, die geheime Bedürfnisse und Träume zutage förderte, eine große Bewegung, die sogar ihre Begründer überraschte und überrollte. Innerhalb weniger Jahre gab es überall in Deutschland die „Wandervögel“, die mit ihren Rucksäcken übers Land zogen, in Heuschobern übernachteten, sich bei Bauern mit frischer Milch verköstigten und immer die „Zupfgeige“, die Gitarre bei der Hand hatten, um singend weiterzuziehen. Das war zunächst die städtische Jugend, die die Natur neu für sich entdeckte – im Grunde die erste ökologische Bewegung, geboren aus einem Überdruss an einer ungehemmten Industrialisierung. Dass sie sehr bald aber auch ländliche Regionen erreichte und selbst Bauerntöchter begeisterte, wird man an den Texten sehen können, die wir hier abdrucken.
Das Gefühl von Freiheit und Ungebundenheit, das diese Fahrten in eine vergleichsweise noch unberührte Natur vermittelten, entfesselte gleichsam das Denken und Fühlen der Jugend, die nun versuchte, dieses neue Freiheitsgefühl auch auf andere Bereiche zu übertragen. „Reform“ war die Losung des Tages: Boden-, Kleidungs-, Ernährungs- und vor allen Dingen Bildungsreform waren einige der Themen, die vor 1914 eifrig diskutiert wurden.
Unsere heutigen Reformhäuser sind ein Nachklang dieser Zeit, ebenso wie die Jugendherbergen oder Waldorfschulen auf diese Zeit zurückgehen. Auch Vegetarismus und Freikörperkultur wurden jetzt zuerst entwickelt. Man sprach von einer „Lebensreform“, die die Gesellschaft ganz neu gestalten wollte. Das betraf auch das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Da war von „freier Liebe“ die Rede, was heute sehr viel kühner und verruchter klingt, als es damals gemeint war. Junge Frauen und Männer wollten sich begegnen, ohne von prüden Benimmregeln eingepfercht zu werden, wollten in einem Geist der Gleichberechtigung miteinander umgehen. Gerade da zeigen sich allerdings auch die Grenzen des Reformeifers: Keinem wohlerzogenen jungen Mädchen wäre es eingefallen, sich allein und ohne begleitende Respektsperson einer (männlichen) Wandervogelgruppe anzuschließen.
Auch das werden wir in den Briefen und Tagebüchern, die wir in unser Buch aufgenommen haben, beobachten können.
Es war auch eine Zeit, in der die Kommunikation revolutioniert wurde. Der Schneckengang der Post in dänischer Zeit, wo Briefe schon einmal Tage und Wochen unterwegs waren, ehe Botengänger sie ins letzte Dorf gebracht hatten, wurde ersetzt durch preußische Effizienz und moderne Geschwindigkeit, die keine noch so abgelegene Region auslassen wollte. Träger dieser beschleunigten Kommunikation war aber nicht der altmodische Brief oder das relativ teure Telegramm oder das Telefon, das nur wenige schon privat besaßen. Sondern die 1870 eingeführte Postkarte, die sich innerhalb kürzester Zeit zum kommunikativen Massenmedium Nummer Eins entwickelte, ganz besonders, nachdem sie sich zur Ansichtskarte weiterentwickelt hatte und damit zu einem kombinierten Bild-Text-Medium geworden war, das auch der rasanten Entwicklung der Fotografie Rechnung trug.
Einer Zählung aus dem Jahre 1900 zufolge verschickte man in diesem Jahr knapp 1, 5 Millionen Postkarten – pro Tag!1 Weihnachten, Neujahr, Ostern, Pfingsten, Geburtstage, Jubiläen, Familienfeiern – kein Anlass, zu dem nicht Karten verschickt wurden. Vor allem auf Reisen wurde es zum wichtigsten Medium, sich mit den Daheimgebliebenen zu verständigen.
Von jeder Reisestation, ja, von jedem Bahnhof, auf dem man kurz Station machte, wurden Karten im halben Dutzend versandt, und es gab kaum einen Winkel und kaum ein Dorf in Deutschland, das klein und abgelegen genug gewesen wäre, nicht eine eigene Postkarte vorweisen zu können, die man im jeweiligen Dorfgasthof erwerben konnte. Ästhetisch wirken sie oft ansprechender als heutige Ansichtskarten (weshalb sie immer noch ein beliebtes Sammelobjekt sind), weil sie von hervorragenden Fotografen produziert wurden, die daraus einen nicht geringen Teil ihrer Einkünfte bestritten. Die Postkarte war schnell, billig, unkompliziert, sie war sozusagen der Messenger- oder Twitter-Dienst der Kaiserzeit, und genau wie die heutigen sozialen Netzwerke wurde sie mit Vorliebe von der Jugend benutzt.
In diesem Zusammenhang muss auch der Aufschwung der Fotografie erwähnt werden. Es gab kaum noch eine Kleinstadt, die nicht für wenigstens einen (meist für mehrere) Fotografen ein gutes Auskommen bot. Auch die boomende Porträtfotografie hatte eine soziale Komponente, denn man ließ sich nicht nur zum Hausgebrauch oder für eine (eventuelle) Nachwelt ablichten, man verschenkte sein Abbild an Freunde, um damit die Beziehung zu dokumentieren und zu stärken. Traf man sich nach langer Zeit einmal wieder, ging man gemeinsam zum Fotografen, um den Moment für die Ewigkeit festzuhalten. Allerdings war das Fotostudio immer noch ein Ort, wo man ein „offizielles“ Gesicht aufsetzte, weshalb die Menschen auf Einzelporträts immer etwas verkniffen aussehen, und die Gruppenfotos nie den Spaß wiedergeben, den die Freunde – nach ihren schriftlichen Äußerungen – miteinander hatten. Es brauchte schon einen Meisterfotografen, wie etwa den Heider Willy Schölermann (siehe seine Porträtaufnahme auf S. 48), um aus seinen Modellen mehr herauszuholen, als auf der Oberfläche zu sehen war. Die Amateurfotografie steckte noch in den Kinderschuhen, und was von den frühen Schnappschüssen übrig blieb, ist inzwischen stark verblasst (siehe das Titelfoto).
Schließlich und endlich war es eine Zeit des grenzenlosen Optimismus. Man war überzeugt, dass der Fortschritt unaufhaltsam sei, der „Aufschwung“ immer weiter gehen, dass der Wohlstand anhalten, dass das Leben ein einziges Fest sein würde. „Die Welt wird schöner mit jedem Tag“, heißt es in einem der hier abgedruckten Briefe, und da mit diesem Satz zugleich das Lebensgefühl der Epoche ausgedrückt wird, haben wir ihn als Titel unseres Buches ausgewählt. Die meistbenutzten Adjektive in diesen Texten sind „schön“, „herrlich“, „großartig“, „fein“ oder – ein Modewort der Zeit – „famos“. Alles scheint in einen märchenhaften Glanz gehüllt. Selbst als die Wolken des Krieges schon drohend am Himmel stehen, sieht man die Gefahr nicht, weil man zu lange im Frieden gelebt hat, um sich Krieg überhaupt vorstellen zu können, und als die Mobilmachung im August 1914 verkündet wird, ist das erste Gefühl eher Verwunderung, Irritation und Unbehagen als die gedankenlose nationale Begeisterung, von der wir so viel in Geschichtsbüchern lesen.
Von heute aus gesehen blicken wir in eine sehr fremd gewordene Welt, eine Welt, die uns wie ein Märchenland erscheint, ohne Sorge, ohne Nöte, ohne Ängste, eine Welt, die fest von sich überzeugt ist und die auf dem Sprung scheint, sich aus eigener Kraft zu reformieren.
Man kann nur spekulieren, ob die neue Generation diese „Lebensreform“ wirklich bewältigt, ob dieses Zeitalter der Jugend eine bessere Welt geschaffen hätte, wäre nicht der Krieg dazwischengekommen, der all diese Experimente brutal beendete und viele derjenigen, die sie hätten ausführen sollen, auf den Schlachtfeldern verbluten ließ. Wenn es eine Märchenwelt war, dann war es eine wie in den Sagen von Vineta, Rungholt und anderen untergegangenen Städten, von deren Bewohnern es heißt, ihr Reichtum habe sie übermütig gemacht, bis eine große Flut sie in den Untergang riss. Nun, die Städte, die zerstört wurden, sind nach zwei Weltkriegen wiederaufgebaut worden und einige der Ideen, die damals geboren wurden, hat man neu aufgegriffen und weiterentwickelt. Was aber für immer untergegangen ist, das ist dieser grenzenlose Optimismus, der überzeugt ist, dass die Welt immer schöner wird. Dieses Gefühl hat uns in den Katastrophen des 20. Jahrhunderts verlassen, und wie es scheint, für immer.
1 Vgl. Anett Holzheid: Das Medium Postkarte. Eine sprachwissenschaftliche und mediengeschichtliche Studie. Berlin 2011, S. 43.
Soviel zur allgemeinen Einleitung in die Zeit. Nun zu dem kleinen Ausschnitt, den wir unseren Lesern jetzt zeigen möchten. Unter einer Unmenge von Familienpapieren – Briefen, Tagebüchern, Aufzeichnungen und Dokumenten aller Art – haben wir diejenigen herausgesucht, die zwei Mitglieder dieser Familie betreffen: Die beiden Schwestern Helene und Minna Paulsen, die als Repräsentanten und typische Vertreter ihrer Generation etwas über die Zeit erzählen werden, die wir oben zu skizzieren versuchten. Sie werden sich zunächst selbst vorstellen. Das folgende ist ein Auszug aus Helenes Tagebuch des Jahres 1907. Sie ist 16 Jahre alt und fühlt sich offenbar erwachsen genug, auf ihre Kindheit wie aus weiter Entfernung zurückzublicken:
Am 1. 3. 1891 bin ich in Walle, Kreis Süderdithmarschen, geboren. Mein Vater, Johann Wilhelm Paulsen, war am 2. Juni 1861 auch in Walle auf unserem Hofe, Außendeichshof, geb.
Meine Mutter, Wilhelmine Christine Paulsen geborene Meier, war am 25. 3. 1857 auf dem Hofe meines Großvaters Carsten Johann Meier in Neuenwisch, geb.Meine Schwester Minna Wilhelmine wurde am 9. 3. 1892 in Walle geb.Meine Schwester Anna Christine wurde am 8. 9. 1896 auch zu Walle geboren.Meine Großväter habe ich nicht mehr gekannt, meine Großmütter starben auch schon vor meiner Schulzeit. Vor meinem 3. Jahre weiß ich mir eigentlich nichts mehr zu erinnern. Die ersten 6 Jahre habe ich herrlich in ungetrübter Weise auf unserem Hofe verlebt. Mit meiner Schwester Minna spielte ich im Winter in den Stuben mit den Puppen, u. im Sommer bei schönem Wetter im Garten mit Sand od. sonst etwas, bei regnerischem Wetter im Stall od. Schuppen auf den Wagen, mit unseren Kindermädchen. Mitunter gingen wir nach Wöhrden zu Großmutter Paulsen. Wenn dann unsere Kousinen Anna u. Dora Paulsen od. Anne Elise u. Elli Huesmann dort waren, spielten wir draußen an einem kleinen Tisch „alle meine Gesellen sollen fleißig sein“, od. Großmutter erzählte uns von „de Kiewit und de Krei“ u.s.w. Auch gingen Minna u. ich mit zu Felde od. liefen hinter dem Pflug her. Abends tanzte Male Schulz mit mir u. sang dabei. Um 8 Uhr mußten wir zu Bett, dann sagten wir „gute Nacht“ u. dann brachte Mutter uns zu Bette und betete mit uns. Ja, ich kenne das Gebet noch, welches wir jeden Abend beteten: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Gott allein, Amen.“ Morgens zog das Jungmädchen uns an, und beim Morgenkaffee machte Vater uns das Brot zurecht; auf Weißbrot schmierte er Eizucker, u. er schnitt es dann in viele kleine Würfel. – Als uns einmal Anna u.Dora besuchen wollten, fing Peter Sißmer (unser Knecht) uns lebendige Mäuse, knotete an den Schwanz einen Bindfaden, und nun gingen wir mit den Mäusen, jede hatte eine im Tau, Anna u. Dodde entgegen. Aber unterwegs kam ein Monarch uns entgegen u. nahm sie uns weg. Anneliese u Elli waren auch mal einige Tage bei uns, mal stiegen wir bei schönem Wetter in unseren weißen Unterhosen zum Fenster hinaus u. turnten am Kleiderreck. Es waren schöne goldene Perlen vom Kranze des Lebens.
Wie man sieht, war die Familie stark weiblich geprägt: Wilhelm und Reimer Paulsen, beide Hofbesitzer in Walle bei Wöhrden, sowie ihre Schwester Anna, die Christian Huesmann in Wesselburener Deichhausen heiratete, hatten alle Töchter, so dass die Mädchen unter einer Clique gleichaltriger Cousinen aufwuchsen. Der einzige männliche Verwandte war der Sohn der Tante mütterlicherseits, Willy Voß aus Wöhrdenerhafen, der ein Jahrzehnt älter war, schon 1902 seinen Militärdienst in Rendsburg absolviert hatte und 1914 zu den ersten gehörte, die eingezogen wurden. Helene und Minna, altersmäßig nur ein Jahr auseinander, wuchsen wie Zwillinge auf und waren nur selten einmal für längere Zeit getrennt. Die kleine Schwester Anna, fünf bzw. vier Jahre jünger, hatte dagegen ihren eigenen Freundeskreis und ihre eigenen Erlebnisse, und wird hier daher nur ab und zu erwähnt.
Die beiden Mädchen gingen zunächst in Wöhrden zur Schule, bis es die Familie dort nicht mehr aushielt. Der Vater, kränklich und ein wenig zur Hypochondrie neigend, hatte wenig Lust zur Landwirtschaft. Seine Neigungen gingen mehr in eine musische Richtung, er dilettierte mit Geige und Klavier und las philosophische und wissenschaftliche Bücher, etwa von Ernst Haeckel, dem Wissenschaftspapst des Kaiserreichs, der Ideen des Sozialdarwinismus propagierte, oder von dem aus Nordfriesland stammenden Friedrich
Paulsen-Hof in Walle, ca. 1896/97
Paulsen, der als Professor für Philosophie und Pädagogik in Berlin einer der einflussreichsten Denker der Zeit war. Wilhelm Paulsens Ideal war nicht das Leben eines Marschbauern in einem kleinen Dithmarscher Dorf, sondern der kultivierte Lebensstil des Bildungsbürgertums, wie er ihn bei Besuchen in Hamburg kennengelernt haben mag. Also gab er seinen Beruf auf, verpachtete den Hof zunächst, um ihn später, 1905, zu verkaufen, 30 Morgen Land zu 3.400
Mark den Morgen. Das Geld wurde angelegt, und von den Zinsen konnte man ein standesgemäß bürgerliches Leben führen; man war „Rentier“, ein Lebensstil, der sich eigentlich gar nicht mit der „protestantischen Arbeitsmoral“ des Bürgertums vertrug, aber in dieser Zeit des märchenhaften Wohlstands gar nicht so selten war. Die Huesmanns konnten sich sogar ein Haus an der Elbchaussee in Dockenhuden (damals noch ein Vorort von Hamburg) leisten, wo Helene und Minna ihre Cousinen Elly, Anneliese und Christel mindestens einmal im Jahr besuchten. Ob es der Kohlanbau war, der das möglich machte, lässt sich heute nicht mehr feststellen, liegt aber nahe.
Familie Paulsen siedelte 1899 nach Wiesbaden um und blieb dort 1½ Jahre.
Damit beginnt unsere Geschichte.
Wir geben die Texte in ihrer ursprünglichen Orthographie mit allen Eigentümlichkeiten und Fehlern wieder. Nicht entzifferte oder fragliche Wörter sind in eckige Klammern gesetzt, ebenso aus Abkürzungen ergänzte Wörter.
Familie Paulsen 1900 in Wiesbaden; v.l.n.r.: Minna, Helene, Anna, Mutter Wilhelmine, Vater Wilhelm
Helenes Tagebuch
Am 1. 10. 1899 reisten wir nach Wiesbaden, meine Eltern waren schwächlich. In den ersten Tagen logierten wir im Hotel, unsere Möbel waren noch nicht gekommen. Dann zogen wirein. Am Dienstag brachte Vater uns zur Schule. In die III. unterste Klasse kam ich, zu Herrn Jakobi, ein kleiner dicker Herr mit rotem, spitz gedrehten Schnurrbart; den hatte ich nicht besonders gerne. Ostern kam ich zu Herrn Hötzel, bis jetzt Minnas Lehrer. Ein älterer Herr, ein gutmütiges Lächeln lag in seinen Zügen. Ostern war ich sitzen geblieben, auch nicht zu verwundern, da wir doch vom Lande kamen u auch sehr schüchtern waren. Dies Jahr aber habe ich viel gelernt, hatte immer schöne Zeugnisse.
Straßenszene in Wiesbaden
Unsere Spielkameraden waren Frieda Weidmann, Frieda u. Bertha Schlemmer, Paula Leis u. mit Knaben spielten wir auch gerne. Lina Carstens2 nicht zu vergessen. Vater gründete mit Herrn Carstens (auch Dithmarscher) und noch Pastor Welker aus Büsum (freireligiös) und noch einem, einen plattdeutschen Klub.
Schöne Spaziergänge haben wir auch gemacht u Vater war sogar mal mit uns nach dem Niederwalddenkmal. Auch waren wir mal nach Mainz. Mit der Schule waren wir nach Lierstadt. Nach Liebruch über Moosbach waren wir auch mehrmals. Unter den Eichen warenwir auch öfters u. Schierstein u. Sonnenberg mit der Ruine Sonnenberg. 1900 hatte Wiesbaden 84000 Einwohner. Also einzig schöne Tage haben wir in Wiesbaden verlebt, schöne Jugendjahre! Herrliche!
Postkarte der Familie Carstens an Helene 1903
Von Wiesbaden zogen wir am 27. 3. 1901 wieder nach Wöhrden. Am Heider Bahnhof wurden wir von unseren nächsten Verwandten empfangen u nun fuhren wir nach Wöhrden. Minna und ich stiegen hier aus u gingen leichten Tritts zu Onkel Reimer. Drei Jahre gingen Minna und ich in Wöhrden zur Schule. Ich bei Herrn Wiese, ein sehr netter Herr.Schön gespielt haben wir immer, in der Pause und auch Nachmittags.
Im Juli war unser Kindervergnügen „Vogelschießen“. An dem Feste beteiligte sich jung u alt, arm u reich. Am Abend vorher gingen Trommel und Pfeife herum. Am anderen Morgen wurde sich auf dem Schulplatze versammelt, dann wurden mit Musik u. mit Reden die alte Königin u. der alte König abgeholt. Nun ging es zum Schießplatz. Wir Mädchen warfen mit einem hölzernen Fisch, der an einem Holzgerüst mit einem Seil befestigt war, nach einer Scheibe. Vor Mittag hatten wir eine Königin, dann wurde der Königstanz gemacht.
Wöhrden, Chausseestraße, von Büsum kommend. Das Haus links ist das Wohnhaus der Familie Paulsen von 1901 bis 1910. Im Hintergrund die Kirche, der Turm, 1956 grundlegend saniert, hat heute keine Dachgauben mehr.
Nachmittag, um 3 Uhr war wieder Umzug u. Abholen der neuen Königin u. des neuen Königs, dann Verteilung der Geschenke. Im ersten Jahr bekam ich einen goldenen Ring, das 2. Gewinn. Im 2. Jahr das letzte: ein Namenbuch, im 3. eine Scheere. Dann wurde getanzt bis ca. 9 Uhr, dann gepunscht. Ein Mädchen u. ein Knabe stellten sich zusammen u. bekamen ein Glas Citronenlimonade. Einmal war ich u. Marie Jensen mit Peter Rolfs, einmal war ich mit Conrad Stange, der mir eine Tüte mit Bonbon schenkte. Das 3. Jahr wurde nicht gepunscht.
Die Regelschulzeit dauerte damals acht Jahre. Eine weiterführende Schulbildung war für Mädchen nicht vorgesehen bzw. gesetzlich nicht geregelt.
Es gab aber Privatschulen und Pensionate, in denen die „höheren Töchter“ sich den „feinen Schliff“ holen konnten. 1905/6 gingen Helene und Minna auf die „Privatmädchenschule und Pensionat“ in Heide, deren schulische Leitung Lola Gerdts innehatte; das Pensionat wurde von Frl. Gottfriedsen betrieben.
Das Gebäude befand sich am Landweg, ungefähr dort, wo heute die Stadtbrücke über die Bahngleise ansetzt. Der Unterricht umfaßte sprachliche (Französisch und Englisch) und musische Fächer sowie etwas Gymnastik, dagegen keine Naturwissenschaften.
Helenes Tagebuch
Mit 13 Jahren kam ich nach Heide. Bin dort 2 Jahre gewesen. Großartige Zeit! Frl.
Gottfriedsen u Gerdts unsere Vorsteherinnen, waren strenge aber auch nett. Lehrerinnen waren Frl. v. Ahnen, Frl. Henning, Frl. Meyn, Frl. Madsen u Frl. Meyer. 1. 4. u 5. hatte ich im Englischen, 2. im Französischen. Konnte die Sprachen sehr gut. Hatte fast immer eine 1 u.
war im Französischen immer die 1. mit ca. 3 mal Ausnahme in 2 Jahren. Überhaupt machte ich schöne Klassenarbeiten u hatte gute Zeugnisse, nur meine Schrift läßt zu wünschen übrig.
Verschiedentlich hab ich für 10 mal nach der Reihe 1. Bilder, ein Buch und Briefpapier bekommen.
Luise Voss aus Sarzbüttel u Lotte Lobeck aus Burg in Dithmarschen waren meine besten Freundinnen. Es waren liebe, fleißige Mädels. Lottchen hatte zwei ganz lange, dicke Zöpfe.
Helene und Minna an die Eltern
Heide, d. 22. 1. 1905
Herrn W. Paulsen, Wöhrden
Liebe Eltern!
Zuerst meinen herzlichsten Sonntagsgruß. Sind heute morgen nicht zur Kirche gewesen, sondern sollen heute Nachmittag zur Kirche, meine süße Mama. Ihr seid gewiß schon bange gewesen, daß wir beim Schlittschuh laufen ertrunken währen nichtwahr meine lieben Eltern.
Da habt ihr aber gar keine Ursache zu gehabt denn man kann garnicht ertrinken denn es ist ja nur eine künstliche Eisbahn das Wasser wird jeden Abend wieder über gespritzt, es ist im Garten da wird nur Wasser übergelassen nichtwahr da kann man garnicht ertrinken. Es geht ganz vermoß [für: famos!]. Es kostet alltäglich 10 Pf. und Sonntäglich 15 Pf. Es friert hier tüchtig, bei Euch auch doch gewiß. Seid Ihr auch recht gesund und munter, wir sind es. Auch meinen besten Dank das ihr mir die Schlittschuhe geschickt habt.
Ich lauer immer auf einen Brief von Anna und eine Karte von Emmi Claussen und auch von euch und Tante Helene einen Brief. Ich hab in meinem ganzen Leben erst einen Brief bekommen der an mir Adressen war nun schreibt ihr doch mal an mir nichwahr? Nun will ich noch mal was fragen was ich mich zu Geburtstag wünschen soll einen dicken Postkarten Album die sind ja wunderhübsch den in mein können nur noch 8 drin, oder soll ich mich eine Korallenbrosche wünschen zu meiner Halskette oder einen goldenen Ring zu meiner goldenen Brosche wünschen schreibt es bitte ich weiß es nicht. Jetzt muß ich schließen es grüßen eure Töchter Helene und Minna auch von Dora. Grüßt die kleine Maus und Christine von uns.
Der obige Brief ist ohne Zweifel von Minna geschrieben worden, ihre Rechtschreibung war recht eigenwillig und blieb ihr Leben lang ein Schwachpunkt. Mit der am Schluss gegrüßten „Kleinen Maus“ ist die vier Jahre jüngere Schwester Anna Paulsen gemeint. Christine ist wahrscheinlich eine Hausangestellte. Dora ist die Cousine Dora Paulsen, die ebenfalls diese Schule besuchte.
Wilhelm Paulsen an seine Töchter
Wöhrden, d. 30. 1. 1905
Liebe Helene!
Aus Deinem Briefe den wir erhalten, scheint ja hervorzugehen daß ihr gesund seid, was ja die Hauptsache ist. Wir haben aber auch daraus gesehen u zwar mit großer Freude, daß Du wieder 10 mal nur 1. in französisch bekommen hast u als Anerkennung von Deiner Lehrerin ein Bild.
Meine liebe süße Helene wenn Du wie Du jetzt in der Schule nach Vollkommenheit strebst u Deinen Mitschülerinnen ein Vorbild bist, so strebe auch später im Leben nach Vollkommenheit u Du wirst dann auch ein Vorbild für Deine Mitmenschen sein.
Aber strebe nicht nur darauf etwas tüchtiges zu lernen, sondern strebe auch danach gut, gerecht u wahr zu sein u Du wirst das Beste in diesem Leben erringen: Immer Zufriedenheit! Deines Großvaters Wahlspruch war: „Lebe und denke Du stürbest schon morgen, damit Du, wenn Du auch stirbst, Dir sagen kannst – Ich habe gelebt!“
Dein Bild liebe Helene soll natürlich eingerahmt werden. Was macht Minna denn? Ist ihre Erkältung wieder gehoben? Minnas letzter Brief schien schon etwas besser geschrieben zu sein. Wo Ihr Euch photographieren lassen wollt, ist uns einerlei, Ihr könnt Euch ja erkundigen, wer es am besten macht. Uns hier scheint, daß Ihr Euch lieber in ganzen Bildern als in Brustbildern photographieren lassen müßt!
Mit herzlichen Grüßen an Euch beiden sowie an Dora auch von Mutter und kl. Anna schließt Dein Vater W. Paulsen
6. 4. 1905
Am Abschiedsabend für Fräulein Henning:
Unser Liebling nämlich der blonde Engel (Fräulein Henning) nahm den 6. 4. 05 Abschied von uns. Im Eßzimmer war die Abschiedsfeier.
Wir saßen alle um den Tisch, die kleine Anna Bruhn war auch hier, weil ihr Vater gestorben war. Das kleine Ding weiß aber nichts davon. Welche weinten und welche nicht.
Wir bekamen jede 2 Ostereier, ein Marzipan und ein Schokoladenei mit Marzipan gefüllt. Sie schmeckten so schön, gerade so wie Fräulein Henning. Dann bekamen wir jede ein Bonbon, welches sie vor weinen nicht essen konnten. Ich aber putzte sie gleich auf.
Fräulein Henning sagte immer: „Kinder was wollen wir jetzt spielen.“
Wir sagten aber immer: „Wir wußten nichts,“ sondern heulten immer.
Fräulein Henning bekam das Bild der zweiten Klasse von Toni Witt, Anna Karstens und mir. Sie beguckte es immer wieder. Dann mußten wir ins Bett. Wir waren alle sehr traurig, als wir den Ruf ins Bett hörten. Aber dann sagte Fräulein Gottfriedsen: „Wenn ihr alle ins Bett seid, dann kommt Fräulein Henning noch mal rauf“; dann gingen wir traurig nach oben. Klara häulte wie sone Besäßene. [!] Nachher kam der holde Engel nach dem Schlafsaal tröstete uns alle. Ich bekam einen Kuß auf die Stirn. Er schmeckte so süß wie Honig.
Schulklasse von 1906 in Heide. 2. v. links: Minna; 2. v. rechts Helene; ganz links Cousine Dora Paulsen. Der Hund im Vordergrund hieß „Tell“ und gehörte Fräulein Gottfriedsen; er taucht auf vielen Klassenfotos dieser Zeit auf.
Am 25. 3. 1906 wurde ich von Herrn Pastor Schlee in Heide konfirmiert. Dora Paulsen, Luise Voss, Anna Sander und ich fuhren in einer Chaise hin. Unterwegs reichten wir vier uns die Hände zum Angedenken an den Tag. Dann, nach der Einsegnung, fuhren wir nach Wöhrden.
Mutter hatte gerade Geburtstag.
Nach Ostern mußte ich dann allmählich im Haushalt mit helfen. Im Juni [1906] machte ich mit Tante Anna Huesmann eine 10tägige Reise nach Jena. Meine lieben Cousinen Anneliese u. Elly Huesmann waren nämlich in Jena bei Frau Amtsrichter Becker in Pension.
Ich sollte Tante Anna auf der Reise begleiten, von meinen lieben Eltern wurde es natürlich auch nicht abgelehnt, denn sie meinen reisen bildet, man kann Mancherlei lernen, ja ich habe auch Verschiedenes gelernt.
Am 18. Montags ging ich zu Onkel Christian mit einem Schirm in der Hand und eine Tasche um die Schulter,3 mein Reisekorb wurde mit dem Milchfuhrmann Luchs geschickt.
Dienstag d. 19. 6. 1906 fuhren wir um ½ vor 6 Uhr aus Deichhausen über Wöhrden nach Heide mit dem Ponywagen. Wunderschönes Wetter, blaue Luft, nur ein wenig kühl, aber doch fröhlich auf die schöne Zeit, die wir nun vor uns hatten, die leider aber so schnell wieder verlief.
Es war wohl ½ vor 8 Uhr als wir in Heide waren. Im Pensionat Heide Landweg 1 gerade Aufstehzeit, als wir vorbei fuhren rief ich ganz leise Minna! Christel!4 Sie hatten es doch gehört u. guckten hinter die Rouleaux hervor. Als wir auf dem Bahnhof waren kamen Minna u. Christel noch hin um uns eine glückliche Reise zu wünschen. Es tat mir wirklich leid, klein Minna kann ja nicht mit, aber sie mußte ja zur Schule. Als wir schon im Zug waren gab Tante Lene uns noch eine Tüte Bonbon, sie u. Onkel wollten nach Kiel.
In Hamburg stiegen wir um, fuhren über Stendal nach Halle wo wir auch umstiegen, dann fuhren wir bis Naumburg u. von dort nach Jena, wo wir abends um 8 Uhr waren. Elly stand mit einem Rosenbouquet auf dem Bahnhof um uns abzuholen u. uns nach unserem Hotel „Deutsches Haus“ zu bringen. Von meinem Reisekorb war das Schloß verloren gegangen aber alles war noch drin. Mittwochmorgen waren wir auf dem Forsthaus mit A[nneliese] u E[lly] es war dort eine herrliche Aussicht über Jena. Von hier aus konnten wir auch den Landgrafenhügel sehen wo die Schlacht war.5
Helenes Aufzeichnungen brechen hier ab. Drei Jahre später sollten sie und Minna dann selbst in ein Pensionat nach Jena kommen. Diese Reise gab dazu also die Anregung.
Solche Pensionate in Universitätsstädten waren damals recht teuer und entsprechend prestigeträchtig. Die „höhere Tochter“, die etwas auf sich hielt (bzw. deren Eltern etwas auf sie hielten), musste einmal eines besucht haben.
Weiter in Helenes Tagebuch
Na, hier in Wöhrden ist ja nicht sehr viel Vergnügen. Am nächsten Ostern wurde Minna konfirmiert, am 10. 3. [1907] ein Tag nach ihrem Geburtstag. Dann reisten unsere Eltern im Juli nach Kraischa bei Dresden6 in Dr. Bartels Sanatorium, 4 Wochen lang. Für uns wieder herrliche Tage. Inzwischen war bei Anna Hansen in Hochwöhrden große junge Gesellschaft.
Minna u. ich waren auch hin. Ich war mit Boje Schoof zu Tisch. Sehr langweilig. Dann kam ich im September, d. 28. nach Cöln zu Johanna u. Claus wo ich 13 Monate war.
Familie Huesmann um 1905: Vater Christian, Mutter Anna und die Töchter Christel, Anneliese und Elli (die Familienähnlichkeit ist frappant!).
2 Die spätere Schauspielerin Lina Carstens (1892-1978), deren Familie aus Dithmarschen stammte und deren Vater in Wiesbaden ein Baugeschäft betrieb. Besonders Helene scheint eng mit ihr befreundet gewesen zu sein und besucht sie noch mehrmals in Wiesbaden, das letzte Mal vermutlich 1914.
3 Aso von Wöhrden nach Wesselburener Deichhausen.
4 Christel war die jüngste der Huesmann-Töchter, die jetzt auch in Heide zur Schule geht.
5 Gemeint ist die Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806, wo die Preußen vernichtend von Napoleon geschlagen wurden. Die Belsichtigung des Schlachtfeldes war damals ein Muss bei jedem Ausflug nach Jena.
6 Richtig: Kreischa bei Dresden, auch heute Sitz mehrerer Reha-Kliniken.
Helene mit Johanna und Claus Thiedemann in Köln, 1907
Zur Erziehung junger Mädchen gehörte damals ein Jahr in einem fremden Haushalt, um dort die Hauswirtschaft zu lernen. Man bevorzugte Stellungen „mit Familienanschluss“ (was allerdings auch teurer war). Waren die Eltern besonders ängstlich oder besonders liebevoll (was für die Paulsens beides zutraf), versuchten sie einen Aufenthalt bei Verwandten zu arrangieren. Mit den Thiedemanns in Köln (damals noch „Cöln“ geschrieben) hatten sie außerordentliches Glück: Claus Thiedemann stammte aus Wöhrden, wahrscheinlich aus derselben Familie, die um 1900 die Windmühle am Ortseingang von Wöhrden betrieb (sie steht dort heute noch).7
