Die WG des Wahnsinns - Dennis Weiß - E-Book

Die WG des Wahnsinns E-Book

Dennis Weiß

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Beschreibung

Die Geschichte erzählt von einem namenlosen Zombie, der orientierungslos erwacht und verzweifelt gegen seinen Hunger nach Menschenfleisch kämpft. Eine Anzeige führt ihn zur WG in der Rue Morgue 66, einem lebendigen Haus voller übernatürlicher Wesen: der geheimnisvollen Lydia, dem Vampir Graf Amadeus von Schlürfelstein, einem gefühlsfressenden Blob und dem Wendigo Hakana. Das Haus stellt Neuankömmlinge auf die Probe. In einem magischen Gemälde rettet der Zombie eine gefangene Frau vor seelenlosen Kreaturen und beweist Mitgefühl und Kontrolle. Dadurch wird er akzeptiert. Zwischen Horrorkaraoke, Kellerwürmern und Einkäufen im Dämonenmarkt wächst er über sich hinaus. Aus dem sabbernden Untoten wird ein unerwarteter Held – und vielleicht findet er inmitten des Wahnsinns so etwas wie Zugehörigkeit.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Dennis Weiß

Die WG des Wahnsinns

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

WG des Wahnsinns

Erwachen

Die Mitbewohner

Das Haus lebt

Karaoke- Abend

Kellerwürmer

Einkaufen

Blutveganer

Filmeabend

Der Ex

Der Brief

Gartenhelfer

Halloween

Überfall

Der Spieleabend

Rückschau

Dreiergespann um den Van Helsing Typen

Dämonenpostbote

Aracnea

Auftrag

Verführungsversuch

Mission

Dämonischer Hochsicherheitstrakt

Pestilenzia

Was ist mit Lydia?

Zwischensequenz: Schwarz wie Schlaf, leicht wie Rauch

Was ist mit Lydia II

Mortana ruft nicht zurück

Rocky Modus

Erste Prüfung

Impressum neobooks

WG des Wahnsinns

Idee: Dennis Weiß

© 2025, 2026

Eine neue Art von Geschichte, über einen Untoten, der in eine seltsame Welt hineingelangt, die von untoten Wesen und anderen Bestien geprägt ist und dessen Wahnsinn er erst verstehen lernen muss.

Erwachen

Man könnte sagen, es war ein ganz normaler Dienstagabend – wenn man unter „normal“ versteht, dass sich ein halb verwester Mann aus einem Grab schält, mit der Eleganz eines angeschossenen Rehs und dem Atem eines schlecht belüfteten Kühlschranks. Der erste Gedanke, der ihm durch den von Maden durchbohrten Schädel schoss, war nicht etwa: Wo bin ich?, sondern: Warum rieche ich wie ein aus Versehen aufgetauter Gammelburger?

Die zweite Erkenntnis kam schneller als ein Exorzist mit Weihwasser im Anschlag: Er war tot. Oder zumindest so eine Art Beta-Version von „nicht ganz lebendig“. Das Hirn fühlte sich an wie Grießbrei. Die Haut spannte sich über seine Knochen wie billige Stretchfolie aus einem Zombie-Discountladen. Und der Appetit... nun ja, der war da. Und zwar nicht auf Pizza, Pommes oder Proteinshakes.

Menschenfleisch. Ja. Ausgerechnet. Die größte moralische Grube gleich nach Steuerhinterziehung und Reality-TV.

Er taumelte durch die nächtliche Vorstadt wie ein Casting-Fehlgriff für The Walking Dead. Keine Erinnerungen. Kein Name. Nur dieser endlose, verdammte Hunger, der sich anfühlte, als hätte man ihm einen fleischfressenden Bandwurm implantiert – inklusive Gourmetanspruch.

Er versteckte sich tagsüber. Nicht aus Scham, sondern weil sein Anblick bei den meisten Menschen zu drei Reaktionen führte: Kreischen, Kreuze ziehen oder gleich zustechen. Klassische Zombiephobie eben. Dabei wollte er doch einfach nur... leben? Untot sein? Irgendwas dazwischen, mit weniger Gedärmen.

Sein Alltag bestand aus ziellosem Herumirren, Restmülldurchstöbern und dem krampfhaften Versuch, niemandem einen Unterarm abzubeißen. Er war wie ein Methadon-Zombie – clean, aber mit Entzugserscheinungen. Statt Hirn kaute er an alten Lederhandschuhen, schluckte Erde (bio, immerhin) oder versuchte, den Geschmack von Tauben aus dem Kopf zu bekommen. Spoiler: Schmecken wie alte Wattebäusche mit Schnabel.

Und dann – just als er darüber nachdachte, sich selbst zu verbuddeln, aus Frust und Stilgründen – lag sie vor ihm. Eine Zeitung. Nichts Besonderes, bloß eine zerknüllte Ausgabe vom Paranormalen Beobachter, halb vom Wind in eine Pfütze gedrückt. Und doch... eine Anzeige sprang ihm ins Auge wie ein Dämon aus einem Schrank:

„WG sucht Mitbewohner. Paranormale willkommen. Keine Fragen. Kein Weihwasser. Kein Menschenfleisch im Kühlschrank. Adresse auf Anfrage. Bewerber mit zerfallendem Körperbau bitte nur mit Maulkorb.“

Er blinzelte – also, sinngemäß. Eines seiner Augen hatte die ewige Ruhe schon früher angetreten. Er las die Anzeige erneut. Und wieder. Und dann ein drittes Mal, um sicherzugehen, dass er sich nicht die ganze Sache eingebildet hatte. Schließlich waren Halluzinationen nichts Ungewöhnliches in seinem Zustand – gerade, wenn man versehentlich an einer Flasche Formaldehyd nuckelte, weil sie neben einem Smoothiebecher stand.

Doch die Anzeige war real. Eindeutig. Handschriftlich, mit einem Tintenklecks, der verdächtig blutig aussah. Oder nach Tomatensauce. Oder beidem. Die Anzeige versprach, was er sich in seinen verwesenden Albträumen nie hätte erhoffen können: Ein Zuhause. Einen Ort, wo er sich nicht dafür entschuldigen musste, dass er beim Sprechen gelegentlich ein Stück Zunge verlor. Und – vielleicht – Mitbewohner, die nicht sofort schreiend wegliefen, wenn er den Raum betrat.

Er riss die Seite aus der Zeitung, was einen seiner Finger mitnahm. Kein Problem. Ersatz war ja vorhanden. Dann machte er sich auf den Weg. Die Adresse war handschriftlich nachgetragen: „Rue Morgue 66 – Keller. Klingeln nur bei Nacht. Bitte kein Knoblauchparfum tragen.“

Er lachte leise. Oder gurgelte. Schwierig zu sagen. Rue Morgue. Natürlich. Poe hätte applaudiert – oder sich übergeben. Es war ein Haus, das aussah, als hätte es sich entschieden, Teil eines Horrorfilms zu sein, nachdem es bei der Bewerbung für „Schöner Wohnen“ durchgefallen war. Drei Stockwerke Verfall, ein windschiefes Dach und Fenster, aus denen vermutlich schon mehr als eine besessene Puppe gestürzt war.

Er blieb vor der Tür stehen.Und zögerte.

Nicht aus Angst – Zombies haben selten Angst, dafür müsste etwas im Kopf feuern, das über „Hunger, beißen, sabbern“ hinausgeht. Es war eher... eine Art Rest-Menschlichkeit. Ein Hauch von Zweifel, ob er hier wirklich richtig war. Ob er vielleicht doch einfach... weglaufen sollte. Sich einen Sumpf suchen. Oder einen Bunker. Oder eine Selbsthilfegruppe für Untote mit ethischen Bedenken.

Aber dann kam ein Windstoß. Und der Geruch von frischem Menschenfleisch – irgendwo in der Nähe grillte jemand. Es roch nach Haut, Blut, Leben. Und sofort zuckte es in seinem Kiefer, in seinen Händen, in seiner Schädeldecke. Der Hunger war da. Wieder. Wie ein nerviger Mitbewohner, der nachts Heavy Metal hört und Wände anknabbert.

Er knurrte.

Rue Morgue 66 war seine letzte Chance. Seine Rettungsboje im fleischfressenden Strudel.

Natürlich klopfte er nicht sofort. Niemand mit Anstand oder halbverwestem Gesicht macht das. Stattdessen setzte er sich auf den Bordstein gegenüber und starrte das Haus an. Eine Katze mit drei Augen und zwei Schwänzen tappte an ihm vorbei. Er nickte ihr zu. Sie ignorierte ihn.

Er überlegte, wie so eine WG wohl aussah. Würden da Vampire wohnen, die ihre Blutpäckchen bei Rewe bestellten? Dämonen mit Ordnungsfimmel? Vielleicht ein kopfloser Reiter als Putzplan-Verantwortlicher? Was, wenn sie Bewerber testeten – auf Geschmack? Würden sie ihn... beißen?

Ironisch. Er lachte. Ein schmatzendes, hohles Geräusch, das zwei Passanten zu einem leichten Sprint veranlasste. Sehr effektiv, wenn man Platz braucht.

Die Anzeige in seiner Jackentasche raschelte. Er zog sie hervor, las sie wieder. Wort für Wort. Es war alles da: Ironie, Hoffnung, Wahnsinn. Ein Mix, wie ihn nur Wesen zustande brachten, die sich zwischen den Dimensionen bewegten und trotzdem wussten, wie man eine Mietbescheinigung ausfüllt.

Er fühlte sich nicht bereit, denn alles war noch so unwirklich wie Geistererscheinungen, die von einem Mitarbeiter im Bereich Special- Effects bei einem C Movie gemacht wurden.

Rue Morgue 66 würde ihn irgendwann aufnehmen. Vielleicht morgen. Vielleicht beim nächsten Vollmond. Vielleicht, wenn der Hunger endgültig stärker wurde als der Anstand. Und vielleicht, ganz vielleicht, war das der Anfang eines neuen Kapitels. Dies redete er sich ein, denn er konnte es sich nicht vorstellen, auch weil sein Hirn nicht mehr ganz in seinem Schädel zu sein schien.

Eins mit WG-Partys, Dämonen im Kühlschrank – und einem verdammt guten Türschloss- das sollte wohl ein Wunsch bleiben. Er stand auf. Wackelig, wie ein schlecht animierter Untoter aus einem B-Movie von 1987. Seine Gelenke knackten, ein Ohr fiel ab. Er hob es auf, steckte es wieder an und schlurfte davon, während der Mond durch die Wolken brach wie ein neugieriger Begleiter.

Hinter ihm, in einem Fenster der Rue Morgue 66, flackerte Licht. Und jemand – oder etwas – zog langsam die Gardine zur Seite. Vielleicht beobachtete man ihn bereits. Vielleicht war er längst eingeladen worden. Vielleicht... war der Horrorfilm endlich sein Zuhause geworden. Und er, der namenlose, zitternde, hungernde Halbtote, war nun Teil des Casts.

Die Tür öffnete sich mit einem Knarren, das so klischeehaft war, dass man fast erwarten konnte, ein unheilvolles „Dü-dü-düüm“ aus dem Nichts zu hören. In der Tür stand eine junge Frau. Bleiche Haut, pechschwarzes Haar, ein schwarzer Hoodie mit der Aufschrift "Don't summon what you can't banish". In ihrer rechten Hand hielt sie eine dampfende Tasse mit dem Aufdruck „Witches Brew – extra stark“. Ob sie den Tee nur trank oder mit ihm kommunizierte, war unklar.

„Na los, komm rein. Bevor du hier draußen Wurzeln schlägst oder irgendein Dämon aus der Mülltonne krochen kommt und dich adoptiert“, sagte sie trocken und trat zur Seite.

Er zögerte. Alles in ihm – das, was von einem funktionierenden Instinkt noch übrig war – schrie Lauf. Aber seine Füße bewegten sich trotzdem. Vielleicht, weil er nichts mehr zu verlieren hatte. Vielleicht, weil der muffige Wind aus dem Haus angenehmer roch als der menschliche Gestank auf der Straße. Vielleicht, weil er verdammt neugierig war.

Die Mitbewohner

Das erste, was ihm auffiel, war der Größenbetrug. Von außen hatte das Haus wie ein verrotteter Einzimmeralbtraum gewirkt. Innen jedoch... war es riesig. Hohe Decken, schwebende Treppen, Kronleuchter aus dem Knochenlager des nächsten Beerdigungsinstituts. Der Flur schien sich zu dehnen, je länger man hineinsah, wie ein Gang in einem dieser Filme, in denen Kinder verschwinden, sobald man den Fernseher zu lange rauschen lässt.

„Illusionszauber“, erklärte die Frau beiläufig, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Unsere... Haus hat ein Händchen für Raumverzerrung. Hat mal ein Seminar bei einem Architektur-Dämon gemacht. Sehr praktisch. Sehr illegal.“

Er blieb stehen. Sie war schon ein paar Schritte voraus, drehte sich dann zu ihm um.

„Ich bin Lydia“, sagte sie. „Einfach Lydia. Mehr musst du vorerst nicht wissen.“

Er blinzelte. Fragend. Misstrauisch.

Ein seltsam beruhigendes Knacken erfüllte die Luft, als sie sich in einen mit Leder überzogenen Sessel fallen ließ. Der Sessel seufzte auf – vor Vergnügen oder Schmerz ließ sich schwer sagen. Er wagte sich ein paar Schritte weiter hinein. Die Wände atmeten, die Luft vibrierte. Ein Beistelltisch bewegte sich zur Seite, um ihn vorbeizulassen. Man hatte das Gefühl, das Haus selbst horchte.

Dann: eine neue Stimme.

„Sieht aus wie Frischware. Unverpackt. Minimal angefault.“

Ein Mann trat aus einem der Seitengänge. Schwarz gekleidet, wie aus dem Set eines Dracula-Reboots gestolpert, das nie das Licht der Leinwand erblickt hatte. Sein Anzug war altmodisch, aber makellos und seine Stimme triefte von jener Art Ironie, die nur überlebt, wenn man schon 400 Jahre lang tot ist.

„Graf Amadeus von Schlürfelstein“, sagte er und verbeugte sich knapp. „Aktuell blutfrei. Aber das kann sich ändern.“

Der Neuankömmling versuchte zu antworten. Nur ein kehliges Röcheln kam heraus.

„Sprachzentrum noch matschig, was? Kein Problem. Wir hatten schon Mitbewohner, die nur über Spiegelschrift kommuniziert haben. Lydia hat sich mit einem Dämon mal drei Monate lang nur angeschrien.“

„Er hat angefangen“, murmelte Lydia und löffelte demonstrativ in ihrer Tasse.

Aus einer dunklen Ecke schmatzte es. Etwas, das wie ein überkochender Wackelpudding klang, kroch durch die Tür. Es war... ein Blob. Eine Masse. Halb durchsichtig, voller eingelagerter Dinge – ein Kuscheltier, eine Fernbedienung, ein Kieferknochen. Ohne erkennbares Gesicht. Aber er vibrierte enthusiastisch. Begrüßung?

„Das ist Blob. Keine Fragen“, sagte Lydia, ohne aufzusehen. „Redet nicht. Denkt vermutlich in Farben. Frisst alles. Auch Gefühle.“

Der Blob glibberte in eine Ecke, legte sich wie ein deprimierter Pudding zusammen und begann, leicht zu leuchten.

„Wir sind übrigens alle... sagen wir... nicht ganz Standard. Aber du passt ins Bild.“ Graf Amadeus von Schlürfelstein fixierte ihn mit einem halb lüsternen, halb belustigten Blick. „Was bist du denn? Zombie mit Midlife-Crisis? Untoter Veganer? Oder einfach nur schlecht reanimiert?“

Wieder wollte er antworten. Nur ein Krächzen.

„Kommunikation dauert. Hatten wir schon mal. Einmal hatten wir 'nen Mumientyp – der hat nur in Hieroglyphen gefurzt. War trotzdem ganz nett.“

Eine Tür flog mit lautem Krachen auf. Die Temperatur fiel augenblicklich um zwanzig Grad. Aus dem Schatten trat eine Kreatur, die direkt aus einem Horrorfilm stammte, den man nachts um halb drei versehentlich auf einem obskuren Sender schaut: dünn, mit Geweih, Haut wie Pergament, Augen wie eingefrorene Milch – ein Wendigo.

„Hakan oder manchmal auch Hakana- ist so eine Identitätskrise“, sagte Lydia. „Aktuell aber Hakan. Er spricht nicht viel. Und frisst nur, wenn man ihn provoziert.“

Der Wendigo schnupperte in der Luft. Dann sah sie ihn an. Sehr lange. Ihre Nasenlöcher zuckten. Ein Moment des puren Überlebensinstinkts blitzte in ihm auf. Hakan grunzte. Vielleicht ein Hallo. Vielleicht ein Du bist später dran. Dann verschwand sie wieder in einem der Gänge, als hätte sie sich nie bewegt.

„Das ist seine Art, dich willkommen zu heißen“, sagte Graf Amadeus von Schlürfelstein. „Wenn er dich ignoriert, bist du sicher. Wenn er dir Essen anbietet – lauf.“

Lydia reichte ihm etwas. Eine Tasse. Es blubberte.

„Trink. Keine Sorge, ist nix Menschliches. Nur Hirnextrakt, Albträumchen und ein Schuss Zimt. Beruhigt die Nerven. Oder bringt sie um. Eins von beidem.“

Er nahm die Tasse. Seine Hände zitterten. Aber er hielt sie fest. Vielleicht war das der Moment, in dem man entweder starb – oder WG-Mitglied wurde.

„Noch was“, sagte Lydia. „Wir haben Regeln. Keine Blutfontänen im Flur. Keine Besessenheit nach Mitternacht. Wer in den Kühlschrank schaut, muss die Schreie ignorieren. Und ganz wichtig: Wenn die Wand atmet – tu einfach so, als wär’s normal.“

Der Blob gurgelte zustimmend. Graf Amadeus von Schlürfelstein prostete ihm mit einem Glas dunkelroter Flüssigkeit zu. Hakan grunzte aus dem Off. Lydia lehnte sich zurück, musterte ihn mit einem Blick, der mehr wusste, als sie sagte.

„Na dann“, sagte sie. „Willkommen in der Rue Morgue 66. Der seltsamsten WG diesseits des Dimensionsrisses. Du bist seltsam. Wir sind seltsam. Klingt nach einem perfekten Match.“

Der Sessel unter ihm vibrierte kurz. Eine Geste der Zustimmung? Er setzte sich. Das Haus atmete. Und zum ersten Mal seit seiner... Verwandlung fühlte sich etwas nicht vollkommen falsch an. Lydia grinste. Und ganz kurz – wirklich nur ganz kurz – schien sich in ihrem Blick etwas zu verändern. Etwas... Nichtmenschliches blitzte auf. Aber sie sagte nichts. Und so blieb ihre wahre Natur ein ungelüftetes Geheimnis – zumindest noch.

Das Haus lebt

Die Stufen ächzten unter ihren Schritten, obwohl sie beide nicht gerade tonnenschwer waren. Irgendwo unter dem Treppenhaus hörte man das nervöse Glucksen des Blobs, begleitet vom Klirren einer Glühbirne, die sich selbst an- und ausschaltete, als würde sie überlegen, ob sie heute Lust auf Existenz hatte oder nicht.

„Du musst dich nicht wundern“, sagte Lydia, ohne sich umzudrehen. „Das Haus lebt.“

Er blieb stehen.

Sie drehte sich um, die Teetasse in der Hand, als hätte sie das auswendig geprobt. „Ja, richtig gehört. Nicht bewohnt, sondern lebendig. Mit Laune, Hunger, einem gewissen Hang zur Selbstinszenierung und einer unfassbaren Aversion gegen Möbel aus IKEA. Der letzte Billy ist einfach... verschwunden. Mit Schrei.“

Er wollte etwas sagen, aber sein Hals gurgelte nur ein halbherziges Zombie-Räuspern.

„Mach dir nichts draus, am Anfang war ich auch schockiert“, fuhr sie fort, als wäre das völlig normal. „Die Zimmer verschieben sich. Manchmal wächst ein neuer Flur, manchmal stirbt einer. Es ist ein bisschen wie bei Poltergeist, nur ohne den langweiligen Exorzismus-Kram. Aber hey, immerhin bist du kein Möbelstück. Die verschwinden am häufigsten.“

Sie ging weiter und er folgte ihr – zögerlich, aber neugierig. Die Wände atmeten leicht, wie ein schlafendes Tier. Ein Bild an der Wand zeigte gerade noch eine idyllische Landschaft, verwandelte sich aber, während er hinsah, in ein Ölgemälde mit Lydia, wie sie einem Clown einen Toaster ins Gesicht trat. Als er blinzelte, war es wieder ein Sonnenaufgang.

„Das Haus hat Humor“, kommentierte Lydia. „Leider ist es meistens der von Stephen King auf Speed.“

Der Flur, durch den sie gingen, veränderte sich bei jedem Schritt. Mal schien er länger, mal kürzer. Eine Tür links war eben noch aus Holz, dann aus rostigem Metall, dann aus... etwas, das aussah wie zusammengeflochtene Zungen. Sie ignorierte es. Er tat es ihr gleich – oder versuchte es zumindest.

„Wir hatten mal einen Mitbewohner, der hat versucht, das Haus mit Feng Shui zu beruhigen“, erzählte Lydia beiläufig. „Am Ende war sein Zimmer ein schwarzes Loch. Hat vier Wochen gedauert, bis es sich wieder ausgehustet hat. War aber witzig. Die Pflanzen haben sich erholt.“

Ein Schrank huschte an ihnen vorbei. Einfach so, auf kleinen Beinchen. Er öffnete sich kurz, offenbarte einen Spiegel, in dem sein Gesicht fehlte, dann klappte er zu und verschwand in der Wand.

„Mach dir keine Sorgen“, meinte Lydia. „Die Möbel sind nur aggressiv, wenn man sie ignoriert. Am besten, du grüßt sie kurz. Höflichkeit wird hier... nun ja, nicht belohnt, aber es senkt die Wahrscheinlichkeit, dass dein Bett dich nachts auffrisst.“

Er fragte sich, ob das ein Witz war. Dann erinnerte er sich an den Blob. Und den Wendigo. Und die Tatsache, dass das Haus gerade wieder einen Flur wachsen ließ, der ins Nichts führte. Sie blieben vor einer Tür stehen. Sie sah harmlos aus. Weiß gestrichen, ein paar Kratzer. Der Türknauf bestand aus einem bleichen Schädel, der leicht sabberte.

„Da bist du“, sagte Lydia. „Zimmer 5. Also heute. Morgen kann es auch Zimmer 3½ sein, oder Raum ohne Boden. Aber keine Panik – das Haus mag dich…. Noch.“

Er streckte die Hand nach dem Türknauf aus, zögerte – der sabbernde Schädel grinste ihn an.

„Ach ja“, sagte Lydia, als hätte sie es fast vergessen. „Ganz wichtig: Wenn du dein Zimmer betrittst, denk an nichts. Kein Wunschdenken, keine Ängste, keine Kindheitstraumata. Das Haus hört das. Und glaubt, es wäre eine Einladung.“

Er zog die Hand zurück.

„Wenn du an Spinnen denkst“, erklärte Lydia und nahm einen Schluck aus ihrer dampfenden Tasse, „kann es passieren, dass du morgen früh mit sechs neuen Mitbewohnern aufwachst. Oder acht. Hatten wir alles schon.“

Er starrte sie an. Sein Gesicht war ausdruckslos – teils wegen der beginnenden Zombie-Paralyse, teils wegen reiner Verwirrung.

Sie lächelte. Es war ein Lächeln wie ein Rasiermesser – hübsch, aber gefährlich scharf. „Willkommen in der Hölle mit Zentralheizung.“

Ein langer Moment verging, in dem sich nichts rührte – nicht einmal das Haus. Dann räusperte er sich. Krächzte. Und stellte die Frage. Eine, die nicht einmal durch seine unvollständige Artikulation ihren Ernst verlor:

„Was... kostet... das?“

Lydia blinzelte. Dann lachte sie – trocken, fast müde.

„Ach, die gute alte Kostenfrage“, sagte sie. „Menschen – tot oder lebendig – sind da immer so fixiert drauf.“

Er wartete. Auch wenn sein Kiefer langsam anfing zu knirschen. Sie trat einen Schritt näher. Ihre Stimme wurde leiser. Wärmer – aber auf die Art, wie sich Feuer warm anfühlt, bevor es einem die Augenbrauen versengt.

„Nur ein kleiner Gefallen“, sagte sie. „Nichts Großes. Kein Blutpakt, kein ewiges Seelendrama.“

Er zog die Augenbrauen hoch. So gut es eben ging.

„Du hilfst mir... wenn ich dich brauche .“

Stille. Der sabbernde Türknauf machte ein glucksendes Geräusch, das verdächtig wie höhö klang.

„Klingt fair, oder?“ Sie zwinkerte. „Kein Haken. Na ja, vielleicht ein klitzekleiner. Aber den siehst du erst, wenn’s zu spät ist. Also... wie alles hier.“

Er nickte. Oder versuchte es. Sein Kopf zuckte kurz zur Seite. War wohl ein Ja.

„Fein“, sagte Lydia. „Dann viel Spaß im neuen Zuhause. Und denk dran – keine Spinnen, keine Angst, kein Nachdenken. Einfach reinstolpern und hoffen, dass das Zimmer dich nicht frisst.“

Sie ging einen Schritt zurück. Ihre Silhouette wirkte plötzlich länger, die Schatten um sie herum zuckten, als ob sie... lachten? Applaudierten?

Er drückte die Tür auf.

Der Raum dahinter war... seltsam leer. Und gleichzeitig voll. Alles schien in Bewegung, aber nichts bewegte sich. Farben, die es nicht geben sollte, tanzten an den Wänden. Ein Bett aus Nebel. Ein Schreibtisch, der auf drei Hufen stand. Ein Fenster, das auf ein Universum zeigte, das sich langsam selbst fraß.

Er trat ein. Die Tür schloss sich hinter ihm. Ohne Knall – nur ein leises, schleimiges Plopp.

Lydia stand einen Moment still. Dann wandte sie sich ab, murmelte leise: „Wird Zeit, den Kelch zu entstauben. Die Sterne flüstern schon wieder.“

Und irgendwo in den Tiefen des Hauses kicherte etwas mit einer Stimme, die klang wie 80er-Jahre-Slasher und schlechter Empfang.

Das Zimmer war ruhig. Zu ruhig. Nicht wie „Zen-Garten und Klangschalen“-ruhig, sondern wie „Stille vor dem Dimensionsriss“-ruhig. Die Art von Ruhe, die selbst einem Untoten Gänsehaut verpasste – oder zumindest das, was noch von seiner Gänsehaut übrig war.

Er ließ sich auf das Bett fallen. Oder besser gesagt: Das Bett sog ihn ein. Weich, warm und irgendwie... feucht? Es roch nach Lavendel, alten Büchern und einer vagen Erinnerung an seine eigene Beerdigung. Nicht unangenehm – aber irritierend vertraut.

Er schloss die Augen. Nicht, weil er schlafen musste. Das war für ihn ja passé. Aber einfach, um kurz mal nicht zu existieren. Oder zumindest so zu tun, als ob. Das Hirn, das ihn noch irgendwie lenkte, arbeitete wie ein Faxgerät unter Wasser: langsam, knisternd und mit gelegentlichen Aussetzern.

Warum war er eigentlich hier?

Ach ja. Menschenfleisch. Paranoia. Lydia. Sabbernde Türknäufe. Das lebendige Haus. Der Blob. Der Wendigo. Und eine WG, die aussah wie die gepunktete Unterwäsche des Wahnsinns.

Er drehte sich zur Seite. Das Bett atmete unter ihm.

Natürlich.

Sein Blick fiel auf das einzige Bild an der Wand, das nicht flackerte, sich drehte oder versuchte, ihn mit Blicken zu erdolchen: Ein Gemälde. Öl auf Leinwand. Alt. Staubig. Es zeigte ein kleines Wohnzimmer, seltsam aus der Zeit gefallen. Gemütlich fast. Ein Kamin. Zwei Sessel. Ein Fenster mit Blick auf einen Himmel, der irgendwie... warm war.

Ein Mensch saß in einem der Sessel. Dunkles Haar. Blasser Teint. Zuerst dachte er, es wäre nur Staffage – ein gut gemaltes Detail. Doch dann... blinzelte die Figur.

Er richtete sich auf.

Die Figur im Bild hob die Hand. Winkte. Dann beugte sie sich leicht vor, als würde sie näher an das Glas treten, das es gar nicht geben sollte. Die Lippen bewegten sich. Kein Ton.

Er stand langsam auf. Ging hin. Das Gemälde... pulsierte. Nur ein bisschen. Als würde es atmen. Oder leben. Oder beides, was in diesem Haus auf dasselbe hinauslief.

Wieder bewegten sich die Lippen.

„Komm näher“, flüsterte eine Stimme – diesmal hörbar. Rau, aber freundlich. Irgendwie menschlich. Irgendwie zu freundlich für diese Umgebung.

Er beugte sich vor.

„Ich sehe dich“, sagte die Stimme. „Du bist... nicht ganz verloren.“

Er sagte nichts. Seine Kehle klickte nur trocken. Er war zu verwirrt, um zu fliehen, zu neugierig, um sich umzudrehen. Ein Bild, das redet? Gut. Natürlich. Warum auch nicht.

„Ich weiß, was du denkst“, sagte die Figur im Bild. „Du bist tot, aber du fühlst noch. Das brennt. Es nagt. Und du denkst, du bist allein damit.“

Er wollte widersprechen. Aber war es nicht irgendwie wahr? Der ständige Hunger, das Schwanken zwischen Instinkt und Restmenschlichkeit... es war wie ein schlechter Zombiefilm mit zu viel emotionaler Tiefe.

Die Figur nickte. „Es gibt einen Weg, es zu verstehen. Einen kleinen. Nicht um dich zu heilen – das ist nicht die Art von Geschichte, in der wir sind. Aber um zu wissen, wer du noch bist. Was dich hält.“

Die Finger der Gestalt im Bild legten sich an die innere Seite der Leinwand. Die Fläche flackerte kurz. Dann erschien ein Spalt – wie ein Riss in der Realität. Ein Riss, durch den Licht drang. Warmes Licht. Unerwartet warm.

„Komm“, sagte die Stimme. „Ich brauche deine Hilfe.“

Da war es. Das Wort. Hilfe.

Er zuckte zusammen.

Hilfe. Ein Wort, das man als Zombie normalerweise nicht hörte – außer, man war das Problem. Oder der Auslöser.

Er starrte in das Bild. Auf den offenen Spalt. Auf die Figur, die jetzt aufgestanden war und ihm die Hand entgegenstreckte – durch die Fläche hindurch. Als wäre das Bild nur eine Illusion. Oder ein Portal. Oder beides, kombiniert mit der unausweichlichen Erkenntnis: In diesem Haus war nichts einfach nur „Deko“.

Er zögerte. Ein letzter Rest Hirn pochte: Nicht. Tun. Rette dich. Beiß lieber eine Ratte.

Aber dann war da... dieses Funkeln. Etwas in den Augen der Figur. Keine Drohung. Kein Lockruf wie von einer Sirene. Sondern ein echter Blick. Einer, der sagte: Ich weiß, wie es ist, kaputt zu sein.

Er hob die Hand. Berührte die Fläche. Sie war warm. Kein Glas. Kein Stoff. Nur... Licht.

Die Hand der Figur schloss sich um seine. Feste Finger. Menschlich. Und doch... nicht ganz.

„Warum?“ krächzte er.

Die Figur lächelte.

„Weil du’s noch kannst“, sagte sie.

Und das war’s.

Er trat durch das Bild.

Mit einem leisen Fump schloss sich der Spalt hinter ihm.

Das Zimmer blieb leer zurück.

Das Bett zuckte kurz, dann rollte sich zusammen wie ein beleidigter Hund. An der Wand, wo das Bild hing, blieb nichts zurück außer ein schimmernder Fleck – und das schwache Echo eines Herzschlags.

In der Ferne gurgelte der Blob.

Im Flur hob ein Schrank neugierig seine Schranktür, dann verschwand wieder in der Wand.

Und Lydia, die unten in der Küche gerade mit dem Wasserkocher stritt, der sich für eine Hexenkatze hielt, hielt kurz inne.

Sie lächelte. Breit. Unergründlich.

„Also doch“, flüsterte sie. „Er ist reingegangen.“

Der Wasserkocher miaute beleidigt.

„Ja, ich weiß, es war früh. Aber er hat Mitgefühl gespürt. In diesem Haus. Das ist... selten.“

Sie nahm eine neue Tasse. Diesmal stand darauf: „Don't enter paintings without signing a waiver.“

Und irgendwo, in einem Raum, der gleichzeitig war und nicht war, betrat ein untoter Mann ein Wohnzimmer mit Kaminfeuer – und eine Geschichte, die noch niemand erzählt hatte.

Noch nicht.

Zuerst war da nur Dunkelheit.

Dann: der Geruch von brennendem Holz, Eisen und – natürlich – Blut. Nicht das dezente, dramatisch inszenierte Filmblut. Nein. Das schwere, süße, kupfrige Zeug, das in Horrorfilmen immer bedeutete: Hier stirbt gleich jemand. Oder etwas. Oder viele.

Er stand auf einem weiten, moosbedeckten Feld, das mehr Albtraum als Natur war. Über ihm zogen die Wolken in Reverse. Ein Mond, der zu viel gesehen hatte, grinste schief. Und vor ihm – irgendwo in der Mitte dieses surrealen Panoramas – stand ein kleines Steinhaus. Mit rauchendem Kamin, schiefer Tür und einem Vorgarten, der aussah, als hätte ein Serienkiller mit Gartenambitionen dort gewütet.

Er kannte das Haus. Aus dem Bild. Nur... lebendiger.

Oder eher: lebend-toter.

„Du bist da“, flüsterte eine Stimme.