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Der Roman erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens zur Zeit der Landnahme. Als ihre Vermählung mit dem Stadtbaal scheitert, wird Kinna in eine unterirdische Nekrople verbannt. Nur durch Glück wird sie gerettet, als sie eines Tages auf eine Gruppe Shasu stößt, die sich durch das Labyrinth einen Weg in die Stadt bahnen wollen. Kinna hilft den Fremden und so beginnt eine abenteuerliche Reise durch das biblische Meerland, das vom Krieg der alten Götter gegen den unsichtbaren Gott der Shasu heimgesucht wird.
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2021
Auch habe ich meinen Bund mit ihnen
aufgerichtet, dass ich ihnen geben will das
Land Kanaan, das Land, in dem sie
Fremdlinge gewesen sind.
2. Mose 6,4
Ihre Eltern waren sehr aufgeregt, gewiss aufgeregter als sie selbst.
Abba hatte am vorigen Abend dem aufsteigenden Sikkul ein weißes, ganz makelloses Böcklein geopfert, für das er drei gute Ochsen geben musste. Und Ma hatte die Nacht mit Flehgesängen verbracht, über denen Kinna nicht hatte einschlafen können.
Als das erste Licht des Tages durch die schmalen Hochfenster drang, rief Ma sie endlich. Ihre Augen waren rot und verschattet, doch sie lächelte.
„Steh auf und zieh dich aus, Kind. Heute ist der große Tag meiner Tochter.“
Gehorsam zog Kinna ihr Unterkleid über den Kopf und entblößte den Leib eines Wesens zwischen Kind und Frau.
„Ist kalt,“ protestierte sie und verschränkte die Arme über der Brust.
„Es muss sein,“ erklärte Ma. Sie tauchte einen groben Schwamm in den tönernen Bottich und begann Kinna abzuschrubben. Diese stieß kleine Schreie aus, doch es half nichts. Kinna wurde von oben bis unten abgeschrubbt, bis ihre Haut glühte.
„Jetzt ist meiner Tochter warm,“ lachte Ma. Danach trocknete sie Kinna gründlich mit frischen Leinentüchern ab.
„Ich hab etwas besonderes für dich, Kinna.“
Ma zog ein Döschen hervor.
„Was ist das?“ fragte Kinna.
Ma hob den Deckel ab. Ein berauschender Duft schlug Kinna entgegen.
„Das ist aus dem Land der Sphinx, aus Ägypten. Sag Abba nichts davon. Riech mal.“
„Wie gut das riecht!“
Ma lachte. „Das sollte es aber auch. Ich hab es gegen unser Frauenkleid eingetauscht.“
Kinna riss die Augen auf.
„Unser Frauenkleid? Das Kleid, das meine Mutter von ihrer Mutter bekam und jener von der ihren und so fort bis ins fünfte Glied hinein, da unser Stamm in diesem Land sesshaft wurde am Fuße des Hauses der Häuser?“
„Ja,“ bestätigte Ma. „Das Kleid, das aus der Wolle von den Schafen des Baal Baruk gewoben und mit dem Blut des Himmelsbullen gefärbt ist.“
Kinna atmete tief ein. Tränen standen ihr in den Augen.
„Das Kleid, das meine Mutter mir schenken wollte, wenn ich die erforderliche Zahl an Tagen meines Leben vollendet hätte?“ fragte sie leise.
Ma drückte ihr den Finger auf den Mund.
„Hör mich an, Kind. Vor einem Mond habe ich geträumt,“ sagte sie leise, „dass Avlas Auge auf meine Tochter fiele und dass er Wohlgefallen an ihr fände und dass sie in seinem Haus wohne und die Göttersöhne ihr huldigten. Ich sah dich auf einem goldenen Thron und du warst gewandet mit einer Robe von grünlicher Seide, die wie das Meer schimmerte.“
„So etwas hast du geträumt?“ fragte Kinna mit tränenerstickter Stimme.
„Oh ja. Aber es war mehr als ein Traum, es war ein Schlafwort des Baals. Denn als ich an jenem Morgen erwachte und vor das Haus trat, fand ich auf unserer Schwelle die Heuschrecke, das Zeichen deiner Erwählung. Und da wusste ich, dass meine Tochter das Frauenkleid unserer Sippe niemals tragen würde. Und so tauschte ich es gegen den Duft aus dem Land der Sphinx ein und tat es leichten Herzens.“
Mit diesen Worten reichte sie ihr die kleine silberne Heuschrecke.
Nachdenklich betrachtete Kinna das zauberhafte Ding auf ihrer Handfläche. Mit ihm beschenkte der Baal Jahr um Jahr jene Töchter der Stadt, die er als Ehefrauen in Betracht zog. Seit zwei Jahrzehnten suchte er so vergeblich eine Gattin. Gegen Ende des Sommers wurden dreiunddreißig Erwählte vor das Haus der Häuser geführt. Der Hohepriester des Baals wählte unter ihnen die vorzüglichste aus. Diese wurde dann in das Haus des Baals gebracht und von jenem selbst einer geheimen Prüfung unterzogen.
Kinna biss sich auf die Lippen. Sie dachte an die Mädchen, die diese Prüfung nicht bestanden hatten, die Verworfenen. Auf einem hohen, mit Silberplatten beschlagenen Wagen brachten die Göttersöhne sie aus der Hohen Pforte zum Tempel des Baal Ashuri, der über die Graue Öde herrscht. Das Volk schrie und klagte bei diesem Anblick verzweifelt. Die Männer zerrissen sich die Gewänder und die Weiber zerkratzten ihre Brüste und Wangen. Denn Avlas würde nun ein weiteres Jahr ohne Weib bleiben müssen und die Hoffnung, dass Bitot bald ein neuer Gott geboren würde, der irgendwann an seines Vaters Stelle die Stadt vor den Angriffen der Shasu beschützen konnte, war für ein weiteres Jahr verloren.
Ma erriet die Besorgnis ihrer Tochter.
„Du darfst keine Angst haben, Kind. Ich bin sicher, Avlas wird Gefallen an dir finden.“
„Ja, aber… Es sind so viele andere Mädchen da. Viel schönere als ich…“
Ma reichte ihr die weiße Robe der Erwählten. Als Kinna sie übergestreift hatte, streichelte ihre Mutter ihr zärtlich über die Stirn.
„Du darfst keine Angst haben, Kind,“ wiederholte sie. „Als ich unser Kleid verkaufte, brachte ich das größte Opfer, das ich geben konnte. Denn ihm gab ich dich, meine einzige Tochter. Und doch war der Preis gering. Denn du weißt, mein Kind, Avlas, der Herr der Häuser, und Efrati, sein Mund, kamen ursprünglich aus dem Land der Göttin Sphinx. Wenn sie ihren Duft an dir wahrnehmen, werden sich ihre Herzen öffnen.“
„Aber was, wenn der Mund mich zwar vor den Baal ruft, aber der Herr der Häuser mich dennoch verwirft...wenn ich die Prüfung nicht bestehe wie die anderen...“
Wieder kamen Kinna die Bilder der verworfenen Mädchen ins Gedächtnis. Leichenblass waren sie, als die Göttersöhne sie vom Wagen hoben und in den Tempel des Baal Ashuri schleppten. Von dort mussten sie lebendig ins Totenreich gehen, um dem Ödlandbeherrscher zu dienen, bis der Tod sie selbst von einem Leben in Finsternis und Kälte erlöste.
Kinna zitterte. Wieder war sie den Tränen nahe. Ihr Herz war zerrissen, ihre Seele entzwei. Einerseits wünschte sie sich wie alle Mädchen Bitots nichts mehr, als die Ehefrau des Baals zu werden. Auf der anderen Seite erfüllte sie die Vorstellung, ins dunkle Land reisen und der Sonne, Ashair, auf immer Lebewohl sagen zu müssen, mit Grauen.
Flehentlich wimmerte sie. „Vielleicht werde ich gar nicht erwählt und kehre zu meinen Eltern zurück, dass sie mich einem Sterblichen zur Frau geben. Es ist ein geringes Unglück, die Mutter von Menschen zu sein. Und es wäre in diesem Fall zweifellos besser gewesen, wenn meine Ma nicht unser Kleid getauscht und Abba nicht ein weißes Böcklein um den Preis dreier, guter Ochsen erstanden hätte. Denn was werde ich ohne ein Frauengewand anfangen? Man muss ein neues anfertigen, aber wie soll...“
Mama fing mit der Fingerspitze eine Träne Kinnas.
„Schhh, still Kind. Meine Tochter wird im Haus des Avlas wohnen und die Göttersöhne werden ihr huldigen“, wiederholte sie zuversichtlich. Sie tröpfelte das Duftöl auf ihr Haar und verteilte es mit einem knöchernen Kamm. Darauf nahm sie Kreidepaste und weißte erst Kinnas, dann ihr eigenes Gesicht. Schließlich trat sie einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk.
„Wie schön meine Tochter ist!“ rief sie aus und klatschte in die Hände. „Ashair und Sikkul seien gepriesen, wie eine Baalsbraut bist du. Und hör, da kommt Abba. Es wird Zeit zu gehen.“
*
Die Stadt war bereits in hellem Aufruhr. Menschenmengen drängten sich aus den dichtbebauten Wohnquartieren mit ihren engen Gassen in Richtung des prachtvollen Tempelbezirks. Dieser umgab das Haus der Häuser wie ein kostbarer Gürtel. Von überall tönte das ekstatische Schrillen der Frauen und die hohen Rufe der Männer. Die schreiend bunten Farben der Festgewänder standen im krassen Kontrast zu den kreideweiße Gesichtern der Feiernden.
Abba bahnte seiner Tochter mit dem Hirtenstab einen Weg durch die Menge.
„Schafft Raum für die Auserwählte,“ rief er wieder und wieder, wobei er seinen Stock bedrohlich niedersausen ließ.
Wann immer man ihrer gewahr wurde, fielen die Menschen vor Kinna in den Staub und verbargen ihr Angesicht. Einige versuchten sogar, den Saum ihres Kleides zu berühren, doch Abba war achtsam und trat und schlug die frevlerische Hände beiseite, war es doch nicht erlaubt, eine Auserwählte zu berühren.
Kinna war wie betäubt. Sie konnte nicht glauben, dass all das ihretwegen geschah, dass sie der Mittelpunkt dieses unfassbaren Treibens sein sollte. Und doch war es so. Sie war eine der Auserwählten und dieser Tag gehörte ihr und ihr allein. Trotz der geweißten Gesichter und Festkleider erkannte sie etliche ihrer Nachbarn wieder und erkannte sie doch auch nicht, da sie sich ganz ungewöhnlich verhielten. Da war der Schmied vom Ende der Langen Gasse. Der sonst wortkarge und ernste Mann schnalzte entzückt mit der Zunge und führte eine Art Tanz auf, wobei er sich unentwegt um die eigene Achse drehte und die Hände in die Höhe warf. Eine dickbusige Amme, die Kinna oft mit wüsten Verwünschungen verjagt hatte, wenn sie durch das Fenster nach den Neugeborenen gespäht hatte, pries lauthals Kinnas Schönheit und verglich sie mit der Sternengöttin Ishtar. Tränen der Verzückung flossen ihr über die dicken Wangen und zeichneten dort ein Netz dunkler Linien.
Endlich erreichten sie den Tempelbezirk. Die Straßen waren hier breiter und durchweg gepflastert. Auf dem weitläufigen Vorhof vor dem Haus der Häuser ragte ein riesiger Obelisk von schwarzem Stein empor. Etliche der anderen Auserwählten hatten sich bereits dort versammelt. Soldaten bildeten einen Kreis um den Platz und hielten die feiernde Menge mit Schimpfworten und Drohungen in Zaum.
„Geh,“ sagte Ma, die Kinna die ganze Zeit gefolgt war. Sie lächelte, doch an ihrem Blick konnte sie erkennen, dass ihre Mutter weit weg von ihr war.
„Ma…“ flehte Kinna. Doch ihre Mutter schüttelte den Kopf.
„Geh, Auserwählte, der Baal Avlas harrt deiner.“
Dann sah sie sich nach Abba um. Er stand einige Schritte entfernt. Seine Augen waren verweint.
„Oh, Abba,“ brach es aus ihr hervor. Sie stürzte auf ihren Vater zu, um ihn – vielleicht ein letztes Mal – zu umarmen.
Erst als er entsetzt zurückwich und den Stab wie zur Verteidigung gegen ein wildes Tier hob, erinnerte sie sich an das Gebot ihrer Unberührbarkeit.
„Abba,“ wiederholte sie traurig.
„Geh, meine Tochter,“ forderte sie der Vater auf und wischte sich die Tränen aus den Augen.
Die Soldaten ließen Kinna, nachdem sie die Heuschrecke vorgezeigt hatte, mit einer ehrerbietigen Verbeugung in den Kreis. Dort huschte sie, so schnell sie ihre Füße zu tragen vermochten, zu den anderen Mädchen.
Als die Sonne im Zenit stand und der lange Schatten des Obelisken wie ein Zeigefinger auf die Hohe Pforte des Hauses der Häuser fiel, öffneten sich deren gewaltige Flügel. Die Menge wurde augenblicklich still.
Efrati, der Hohepriester und Mund des Avlas, trat hervor. Er war angetan mit einer langen Robe von dunkelgrünem Stoff. Kostbare Edelsteine funkelten auf der Brust und den Schultern des hochgewachsenen Mannes, und goldene Ringe zähmten den prachtvoll gekräuselten Bart von grauer Farbe, der ihm fast bis zum Gürtel reichte. Das hagere, dunkle Gesicht des Mannes war von tiefen Furchen durchzogen, die auf sein hohes Alter schließen ließen. Sein Blick war streng. Abschätzig musterte er das Volk und die Mädchen.
Ihm folgte Elra, der Kommandant der Göttersöhne. Er war ein Riese unter den Riesen mit muskulösen Gliedern, die wie Baumstämme aus einem abgewetzten Schuppenpanzer wuchsen. Auf seiner Glatze glühte eine tiefrote Narbe, eine mannshohe, schartige Keule ruhte lässig auf seiner Schulter.
Während die beiden Männer über den Platz in Richtung der Auserwählten schritten, die angstvolle Blicke nach ihnen warfen, unterhielten sie sich. So vertraulich steckten sie die Köpfe zusammen, als wandelten sie alleine in einem der vielen Gärten Bitots.
Endlich trat Elra vor die Mädchen, die sich ängstlich aneinander schmiegten.
„Bildet eine Reihe“, bellte er sie an und bezeichnete mit der Keule eine ungefähre Linie vor dem Obelisken.
Wie ein aufgescheuchter Schwarm von Tauben stieben die Auserwählten auseinander, nur um sogleich wieder auf der Linie, die Elra ihnen bezeichnet hatte, zu landen. Vermeintlich vorteilhafte Plätze wurden besetzt, unvorteilhafte aufgegeben, vertauscht und bestritten. Die Mädchen zwickten einander, zankten sich, schimpften und zeterten.
„Ist gut jetzt!“ brüllte der Kommandant verärgert. „Gebt Ruhe!“
Die Auserwählten hielten auf der Stelle inne.
Nun trat Efrati vor sie hin. Er hob die Hände und begann Gebete zu sprechen, wobei er sich langsam um die eigene Achse drehte. Er bediente sich dabei der Heiligen Sprache, die Avlas selbst, so hieß es, ihn gelehrt hatte.
Als die Gebete gesprochen waren, traten drei Göttersöhne aus dem Haus der Häuser. Zwei von ihnen trugen einen Flechtkorb, über dessen Rand zwei kleine Händchen zu sehen waren, die nach der Sonne griffen. Ihnen folgte ein dritter, der eine goldene Schale trug.
Ein fragendes Murren ging durch die Menge. Auch Kinna stockte der Atem. In den Vorjahren war es Brauch gewesen, zum Fest der Auserwählten einen Kriegsgefangenen aus den Reihen der Shasu zu opfern, einen ausgewachsenen Mann oder manchmal auch eine Frau. Doch in diesem Jahr war wie so vieles auch dieses anders.
Der Göttersohn mit der Schale platzierte sich zwischen Efrati und den Obelisken. Dann legten die beiden anderen das Kind darauf. Bei der Berührung mit dem kalten Metall begann es jämmerlich zu schreien.
Efrati breitete erneut seine Hände aus und murmelte weitere Gebete. Dann zog er einen gekrümmten Dolch aus seiner Robe und schnitt dem Säugling mit einer einzigen flüssigen Bewegung die Kehle durch.
Kinna wollte die Augen schließen, vermochte es aber nicht. Der Anblick des Kindes, dessen Arme nun schlaff neben ihm lagen, während sein Blut die Schale füllte, hatte sie in eine totengleiche Starre versetzt.
Nach einer Weile packte der Hohepriester die Leiche seines Opfers an den Füßen und schleuderte sie achtlos beiseite. Dann ging er, gefolgt vom Schalenträger, zum ersten der Mädchen. Er tauchte seinen Zeigefinger in das Blut und malte einen kleinen Kreis auf ihre Stirn, wobei er jene aufmerksam und argwöhnisch musterte. Dann wiederholte er das gleiche bei der nächsten und so weiter.
Endlich kam die Reihe an Kinna. Sie senkte den Blick und hielt die Luft an. Efrati zeichnete den blutigen Kreis auf ihre Stirn. Vor Aufregung und Grauen zitterte sie am ganzen Körper. Schauer liefen ihr über den Nacken und ihr Magen verkrampfte sich.
„Wenn er nur weiterginge,“ dachte sie und wünschte sich doch zugleich nichts mehr, als erwählt zu werden.
„Hmm,“ schnurrte Efrati plötzlich.
Plötzlich fühlte sie seinen Atem an ihrem Ohr. Tief sog er den Duft ihres Haares ein.
Dann hob er ihr Kinn empor.
„Sieh mich an, Kind,“ befahl er.
Zögerlich schlug sie die Augen auf. Efrati funkelte sie boshaft und begehrlich an. Es war ein stechender Blick, der ihr körperliches Unwohlsein bis hin zur Grenze des Schmerzes verursachte.
„Wie heißt du, Kind?“
Sie vermochte keine Antwort hervorzubringen. Vergeblich bewegte sie die Lippen, doch ihre Zunge war wie gelähmt.
„Sprich, ich befehle es,“ wiederholte er.
Da brach sie in Tränen der Angst und Verzweiflung aus. Ihre Knie wurden weich, der Boden unter ihr begann zu beben und öffnete sich schließlich wie ein riesiges Maul, das sie verschlingen wollte. Ihr wurde schwarz vor Augen. Das letzte, was sie wahrnahm, war das ohrenbetäubende Triumphgeschrei der Menge. Die Wahl war auf sie gefallen.
*
Als sie wieder zu sich kam, wusste Kinna sofort, dass sie sich im Innern des Hauses der Häuser befand. Der Palast des Avlas war viel älter als die Stadt, die ihn umgab. Es hieß, die Götter selbst hätten den gewaltigen pyramidalen Bau aus weißen Quadern errichtet, von denen jeder einzelne so schwer war, dass man einen vierspännigen Ochsenkarren benötigt hätte, ihn von der Stelle zu bewegen.
Kinna hatte nie daran gezweifelt, dass das Haus der Häuser das Werk der Baale war. Doch nun begriff sie auch, dass das von außen Sichtbare nur die schlichte Fassade für weit größere Wunder in seinem Innern war. Alles um sie wirkte fremdartig, wie von einer anderen Welt. Selbst die Art, wie Schall und Licht sich verhielten, schien unnatürlich.
Kinna richtete sich von einer aus kostbarem Ebenholz gefertigten Liege auf, die die Form einer riesigen Hand hatte. Die glatten Wände des Raums waren blau gestrichen und schimmerten, als läge ein feuchter Film auf ihnen. Schiffe von ihr unbekannter Bauart kreuzten in dem meerigen Blau. Sie glichen schwimmenden Städten und waren mit einer Unzahl von Seeleuten bevölkert. Auf ihren dreieckigen Segeln prangten Delphine. Je länger sie hinsah, desto mehr glaubte Kinna wahrzunehmen, die Bilder bewegten sich. Die Wellen brachen sich an den schwarzen Rümpfen, Gischt spritzte bis über die Reling empor, Männer zogen an den Rahen oder kletterten die Takelage hinauf, während der Wind die Segel blähte. Neben der Liege befanden sich noch andere, sehr kunstvolle Möbelstücke im Zimmer: eine Truhe, ein Stuhl, ein Tisch und ein schweres Regal, das bis unter die Decke reichte. Sein Inhalt erregte Kinnas Interesse. Sie wollte schon hinübergehen, als sie blitzartig die Füße wieder anzog. Der Boden, mit schwarzen Fliesen belegt, deren Material mit dem des Obelisken auf dem Vorplatz identisch zu sein schien, war warm, so als hätte die heiße Sommersonne ihn über lange Stunden hinweg beschienen. Doch das konnte unmöglich sein. Denn das Gelass hatte keine Fenster und wurde nur von einer kleinen leuchtenden Kugel erhellt, die unter der Decke hing.
Kinna atmete tief durch, sammelte ihren ganzen Mut und setzte die Füße auf die Fliesen, bereit, sie sofort wieder zurückzuziehen, sollten diese zu heiß sein. Doch die Wärme war, wenn auch unnatürlich, sehr angenehm. Vorsichtig durchquerte sie den Raum zum Regal. Es war angefüllt mit hauchdünnen quadratischen Blättern. Sie zog eines heraus. Es war leichter als Papyrus, ganz weiß und unendlich schmiegsamer und glatter. Winzige, ihr unbekannte Schriftzeichen waren in langen, exakt ausgerichteten Reihen dort aufgemalt. In nichts glichen sie den Bildzeichen der Ägypter, die auch die Wände der hiesigen Tempel zierten. Plötzlich öffnete sich die Türe. Hastig schob Kinna das Blatt zurück und versteckte ihre Hände schuldbewusst hinter dem Rücken.
Eine kleine Frau mit schmalem Gesicht trat ein. Augen, Haut und Züge verrieten ihre ägyptische Herkunft. Stumm verneigte sie sich und legte ein Kleid auf den Tisch. Daraufhin faltete sie die Arme vor der Brust und trat einen Schritt zurück.
Kinna vertauschte ihre weiße Robe mit einem Gewand, dessen leichtes grünes Gewebe sie an die Farbe von frischem Gras erinnerte. Als sie fertig war, nickte ihr die kleine Frau zufrieden zu und bedeutete wortlos, ihr zu folgen.
Sie gingen durch einen kurzen Flur in eine riesige Halle, die gleichsam das Zentrum der Pyramide bildete. Durch etliche Schächte im dem oberen Teil fiel Tageslicht ein. Träger Staub tanzte in den dicken Strahlen. Vier riesenhafte Statuen in fremdartiger Trachten standen in den Ecken, den Blick auf ein gemeinsames Zentrum gerichtet. Dort stieg eine gewendelte Treppe zur Spitze der Pyramide empor. An den Innenseiten der Wände liefen übereinanderliegende Galerien entlang, die den Göttersöhnen als Wohn- und Schlafstätten dienten. Ein komplexes Netzwerk aus Treppen und Leitern verband die Plattformen. Einige Göttersöhne standen müßig herum. Teilnahmslos musterten sie Kinna und ihre Führerin. Ihre grob geschnittenen Gesichter zeugten von tierhafter Rohheit. Außerhalb der Pyramide sah man die Göttersöhne nie ohne ihre Helme. So war Kinna erschreckt darüber, dass diese Riesen viel weniger wie die Engel waren, mit denen sie in Liedern verglichen wurden, sondern stumpfsinnige Tiere in den Körpern hünenhafter Menschen.
Die Mitteltreppe, die bis unter das Dach des Hauses der Häuser führte, besaß kein Geländer und war weniger als eine Armlänge breit. Kinnas Führerin schien der gefährliche Aufstieg keinerlei Mühe zu bereiten, während Kinna bereits nach einem Dutzend Stufen bang wurde. Sie fragte sich, ob dies die Prüfung sei, an der ihre Vorgängerinnen gescheitert waren. Sie nahm all ihren Mut zusammen, richtete den Blick auf die nächste Stufe und folgte ihrer Führerin. Während sie weiter und weiter in schwindelerregende Höhe stieg, betete sie stumm zu den Baalen um Beistand. Es half. Sie wurde ruhig, ja kühn, und ehe sie sich versah, hatte sie eine von unten her unsichtbare Plattform unmittelbar unter der Spitze der Pyramide erreicht. Ihre Führerin machte einen Schritt beiseite und bedeutete Kinna die Quartiere des Avlas zu betreten.
Ein nur schwach erhellter Raum empfing sie. Kisten und Truhen stapelten sich ohne erkennbare Ordnung übereinander. Einige waren geöffnet worden, ihre Inhalte lagen verstreut herum, Stoffe, Metallstücke, Glaskugeln, Phiolen, gebundenes Papyrus, sowie eine Unzahl von äußerst kunstvollen, doch zugleich verwirrenden Gegenständen, die Kinna völlig unbekannt waren.
Mit dem Rücken zu ihr an einem langen Tisch, auf dem sich etliche jener hauchdünnen Blätter befanden, saß der Baal. Langsam und konzentriert malte er jene kleinen, fremdartigen Zeichen. Da sie nicht wagte, ihn von seiner Arbeit aufzustören, schwieg sie. Aufmerksam beobachtete sie den Baal für einige Minuten. Plötzlich hielt er inne und drehte sich halb nach ihr um, als hätte er sie erst jetzt gehört.
„Sei gegrüßt, Kind,“ sprach er mit einem fremdartigen, sehr harten Akzent. „Ich bin Avlas, der Herr der Häuser, dein Gott.“
*
Weil der Herr der Häuser sich niemals außerhalb seiner Pyramide zeigte, wusste auch niemand in der Stadt wie er aussah. Gemeinhin ging man davon aus, dass er wie die ägyptischen Baale einen menschlichen Körper besaß, auf dem ein übergroßes Tierhaupt thronte. Der Streit ging meist darum, welches Tier das sein mochte: Ein Löwe, ein Delphin, ein Adler oder etwas anderes.
Nun kannte Kinna die Antwort auf diese Frage, die sie sich seit ihrer Auserwählung oft genug selbst gestellt hatte. Stundenlang hatte sie wach im Bett gelegen und überlegt, wie es wohl wäre, einen Stier oder Schakal zu küssen. Und einmal war sie sogar soweit gegangen, ihre Lippen auf die eines alten Ochsen namens Mula zu pressen. Erst hatte das Tier nicht auf diese unerwartete Zärtlichkeit reagiert. Dann aber hatte Mula den Kuss erwidert und ihr Gesicht mit seiner riesigen, nassen Zunge abgeschleckt, worauf Kinna schreiend und lachend zugleich fortgelaufen war.
Sie war erleichtert, aber auch ein wenig enttäuscht, als sie in Avlas einen Mann unbestimmten Alters und mit einem sehr menschlichen Haupt auf den Schultern erblickte. Doch sah er keineswegs den Bewohnern dieses Landes oder gar den Göttersöhnen ähnlich, sodass man ihn mit einem gewöhnlichen Sterblichen verwechselt haben würde. Seine Haut war weiß und sein Haar von goldener Farbe. Ganz glatt fiel es ihm bis auf die Schultern. Die stechenden Augen des Baals waren vom hellen Blau des Meeres und des Himmels.
In ihrem Leben hatte Kinna kein faszinierenderes und zugleich in all seiner Fremdartigkeit abstoßenderes Wesen gesehen als den Herrn der Häuser. Etwas Kaltes und zutiefst Beunruhigendes ging von ihm aus, auch wenn er ihr sein lächelndes Gesicht zeigte.
„Du wirkst überrascht,“ sagte er. Sein Akzent machte die Worte hart, fast schneidend, obwohl er sich zweifellos bemühte, freundlich zu klingen. „Setz dich dorthin, mein Kind, wir wollen gleich anfangen.“
Er deutete auf eine Bank, deren Beine den Füßen eines Löwen so kunstvoll nachempfunden waren, das Kinna sich nicht gewundert haben würde, wenn sie plötzlich zum Spurt angesetzt hätte.
Dann ließ er sich neben ihr nieder, stemmte die Hände auf die Knie und betrachtete sie ausgiebig von der Seite. Kinna zitterte am ganzen Körper und starrte verlegen auf ihren Schoß.
„Wovor fürchtest du dich? Ich beiße nicht,“ scherzte Avlas.
„Es heißt, wenn ein Gott eine Sterbliche berührt“, entgegnete Kinna leise, „die nicht völlig rein ist, geht sie in Flammen auf und verbrennt auf der Stelle.“
Avlas schmunzelte. „So, sagt man das also? Nun, glaubt mein Kind denn, es sei nicht rein?“
Kinna schüttelte heftig den Kopf. Dann rezitierte sie die Vorschriften: „Seit Ashair in die himmlische Burg eingezogen ist, ist es der Sklavin meines Herrn nicht nach Art der Frauen gegangen. Sie hat auch keinen Tierkadaver berührt, noch gesehen. Auch hat keine unreine Hand den Leib der Sklavin meines Herrn berührt. Ihr Mund hat keinen Unrat und keine Lüge gesprochen und ihr Ohr nichts Böses vernommen. Sie hat nichts Rohes verspeist und nichts Vergorenes getrunken. Die heiligen Gesetze wurden von der Sklavin meines Herrn nicht gebrochen.“
„Na, dann hast du doch nichts zu befürchten,“ erwiderte Avlas amüsiert. „Was bedrückt dich denn, mein Kind?“
Kinna schluckte. „Deine Sklavin hat etwas Schlechtes gedacht.“
„Nein, so etwas!“ rief Avlas mit gespielter Überraschung aus. „Und was mag das wohl gewesen sein?“
Kinna atmete tief durch. Sie bedauerte, ausgesprochen zu haben, was ihr Herz bedrückte. Doch nun, da er sie danach fragte, durfte sie dem Baal auf keinen Fall die Wahrheit verweigern.
„Die Sklavin meines Herrn war betrübt darüber, dass es dem Mund meines Herrn in diesem Jahr gefallen hat, den Segen mit dem Blut eines… Säuglings vorzunehmen.“
„Betrübt hat dich das? Hm. Ich verstehe. Sprich weiter.“
„In ihrer Seele hat die Sklavin meines Herrn zu sich gesprochen: Das ist nicht recht, was Efrati da tut. Das kann nicht der Wille des Herrn der Häuser sein, der Bitot vor den Feinden beschirmt und es auf die Felder regnen lässt, dass die Stadt nicht umkommt.“
Als sie fertig war, schlug sie die Hände vor dem Gesicht zusammen und begann leise zu weinen.
Da spürte sie wie Avlas Hand über ihr Haar strich und unwillkürlich versteifte sie sich.
„Du hast etwas Furchtbares gesehen, Kind, und bist verstört,“ tröstete er sie. „Ich verstehe, was in dir vorgeht. Die Eindrücke dieses Tages haben sehr stark auf dich gewirkt. Du bist verwirrt und voller Angst, weil du vor deinem Gott stehst. Wie du weißt, bist du nicht die erste, die ich in mein Haus habe holen lassen.“
Bei diesen Worten fuhren Kinna kalte Schauer über den Rücken, die ihre Tränen augenblicklich stillten.
„Dieses Haus,“ fuhr Avlas im Plauderton fort, „seine Ausmaße und all die Wunder, die du seit deinem Eintritt zweifellos bemerkt hast, und die doch nur einen winzigen Teil seiner wahren Schätze darstellen, haben dir deinen kleinen Kopf verdreht, mein Kind. Das ist nicht verwunderlich. Du bist die Kreatur einer anderen Welt und einer anderen Rasse. Bevor wir kamen, lebtet ihr in niedrigen Hütten aus Stroh und Lehm ohne jede Kultur und Bildung, ohne alle Technologie und Wissenschaft. Ihr wusstet nichts von Ackerbau oder Bewässerungssystemen, von Metallurgie oder Zügen und Hebeln… Aber, was erzähl ich dir da und verwirre dich nur noch mehr?“
„Tech...no….“ wiederholte Kinna leise.
„Technologie, Kind. Du kannst nicht wissen, was das bedeutet, also zerbrich dir nicht deinen kleinen Kopf darüber. Hörst du? Ich, dein Herr und Gott und so weiter, gebiete dir, nicht mehr darüber nachzudenken. Und denk auch nicht mehr an das Kleine, das Efrati geschlachtet hat. Wir haben in diesem Jahr keine Gefangenen gemacht, das ist alles. Sei nur artig und gehorsam und mach mir keine Scherereien bis ich mit dir fertig bin.“
„Mein Herr spricht Worte, die seine Sklavin nicht zu fassen vermag,“ stammelte Kinna. „Aber ich werde meinem Herrn gehorchen.“
„So ist es gut,“ lobte Avlas. Dann seufzte er und wurde melancholisch. „Sei mir nicht böse, Kind. Es ist ja nur verständlich, wenn die Motte das Licht bewundert. Mir an deiner Stelle ginge es wohl ebenso. Ach, wenn du nur wüsstest, dass alles das hier, dieses Haus und die Dinge, die es enthält, nur ein fader Abglanz meiner wahren Heimat sind, dann…“
Mitten im Satz brach er ab und sah sie mit einem Ausdruck plötzlichen Erstaunens an. Dann roch er an ihrem Haar.
„Hm, was ist das für ein Duft?“
Kinna wollte eine Erklärung abgeben, doch der Baal winkte ab.
„Nun, wie dem auch sei. Wir wollen unsere Zeit nicht mit eitler Rede verschwenden, die uns beiden nichts nützt. Denn ich habe von dir nichts zu lernen und du…man kann einem Frosch nicht das Fliegen beibringen.“
„Wenn es meinem Herrn gefällt,“ protestierte Kinna leise, „dann vermag er auch das. Dem Herrn der Häuser ist alles möglich.“
„Was meinst du?“
„Die Sklavin meines Herrn meint, wenn es meinem Herrn gefiele, könnte er auch einen Frosch das Fliegen lehren.“
Avlas lachte auf.
„So weit ist der gute Efrati also gegangen, dass er euch solche Dinge glauben macht! Wie gut, dass ich ihn mitgebracht habe. Moment mal! Ich hab´s. Der Duft. Ja. Das ist es. Der Duft auf deinem Haar, Kind!“ Er roch noch einmal an ihr. „Oh, ja, natürlich. Haha! Wunderbar, phantastisch! Weihrauch, Balsamon und Patschuli. Das ist die Mischung, mit der sich die Priesterinnen meiner Schwester Isis die Haare ölen. Was für ein netter Einfall!“
Bevor Kinna etwas erwidern konnte, klatsche Avlas auf seine Schenkel und erhob sich ruckartig.
„Kommen wir nun zum geschäftlichen Teil, wie man so sagt.“
Kinna wusste, dass nun die Prüfung bevorstand, die ihr Schicksal entscheiden würde. Abermals versteifte sich ihr Leib. Mit den Augen folgte sie Avlas, der im hinteren Teil des Raums verschwand, nur um Augenblicke später mit einer kleinen metallenen Schachtel wieder zurückzukehren. Auf ihrem Deckel war eine Heuschrecke eingraviert.
Kinna zitterte am ganzen Leib.
„Keine Angst, nur stillhalten musst du,“ sagte Avlas. „Es tut nicht mehr weh als der Biss einer Heuschrecke.“
*
Kinna rieb ihren Arm. Kalter Schweiß perlte auf ihrer Stirn. Die Eindrücke dieses Tages begannen mehr und mehr sie zu überwältigen. Was sie sah und hörte und fühlte – es glich einem sonderbaren Traum, nein einem Alptraum, der einfach kein Ende nehmen wollte.
Avlas hatte mit einer winzigen Nadel, die an der Spitze eines durchsichtigen Zylinders angebracht war, in ihren Arm gestochen und dann Blut abgesogen. Sie war bei dieser Prozedur beinahe in Ohnmacht gefallen. Erst als der Zylinder ganz voll war, hatte Avlas die Nadel herausgezogen.
„Braves Mädchen,“ lobte er sie, zufrieden ihr Blut betrachtend. „Nur noch ein wenig Geduld, dann wissen wir mehr.“
Daraufhin verschwand er wieder im hinteren Teil des Raums. Sie konnte sein Summen hören, während sie selbst wie angewurzelt auf der Bank saß, ihren Arm noch immer reibend, verwirrt, verängstigt. Dort, wo die Nadel in ihre Haut eingedrungen war, entstand jetzt ein kleiner schwärzlicher Fleck, der bei Berührung einen leichten Schmerz verursachte. Sie verstand jetzt, dass jene geheime Prüfung, deren Ergebnis ihr Schicksal bestimmen würde, nichts mit ihr, sondern mit ihrem Blut zu tun hatte. Doch was wollte Avlas mit ihrem Blut? Vielleicht herausfinden, ob sie göttliche Verwandte hatte. Es war immerhin möglich. Die Baale und die niedrigen Geschöpfe aus Himmel und Unterwelt, so gingen die Erzählungen, hatten sich in der Vorzeit oft mit sterblichen Frauen eingelassen, um Helden oder Dämonen zu zeugen, die ihrerseits Nachwuchs mit Sterblichen hatten. Viele Königsgeschlechter und Kriegsmänner führten ihren Stammbaum auf solch göttliche Ursprünge zurück. Auch die Göttersöhne, die Avlas dienten, waren das Produkt einer solchen Vereinigung. Es waren nämlich Ashairs Strahlen gewesen, so hatte Efrati es gelehrt, die sich in Gestalt großer, geflügelter Engelsmänner mit Frauen von gewöhnlicher Herkunft eingelassen und so das Geschlecht nie alternder Riesen begründet hatten. Sikkul, neidisch auf die Schwester, hatte sich dadurch an ihr gerächt, dass sie die Göttersöhne unfruchtbar machte. Es gab viele solcher Geschichten, in denen Baale und Dämonen nach den entfernten Abkömmlingen anderer Unsterblicher suchten, um sich durch die Vereinigung mit diesen deren Kräfte anzueignen.
Während sie so ihren Gedanken nachhing und dem Summen des Baals lauschte, überkam Kinna plötzlich eine überwältigende Müdigkeit. Ihre Augen wurden schwer und sie sank auf die Liege zurück. Das sonderbare Summen vermengte sich mit den Bildern und Eindrücken dieses Tages und verschwamm bald zu einem wirren Halbtraum. Sie spürte das Blut in ihren Schläfen pochen und das Herz in ihrer Brust trommeln.
Ein stetes Trommeln.
Das Trommeln ihres Herzens.
Das Trommeln.
Das Trommeln aus der Wüste.
*
„Trommeln, Trommeln,“ rief Mama. Doch Kinna war schon wach. Die Rufe der Wachleute und das Schmettern der Hörner, die die Männer zu den Waffen riefen, hatte sie schon vor Minuten aus dem Schlaf gerissen. Sie hüpfte aus dem Bett und stülpte eilig ihr Gewand über. Es war ihr Kinderkleid, dem sie bereits halb entwachsen war. Er reichte ihr gerade noch bis über die Knie. Der Saum war ausgefranst und etliche Löcher an den Flanken und am Rücken ließen ihre Haut durchschimmern. Seit ihre Freundin Asara im Frühjahr ihr Frauengewand angelegt hatte, schämte sich Kinna ihres fadenscheinigen Kleidchens mehr denn je. Asara war nur ein halbes Jahr älter als sie. Doch seit sie ihr langes Kleid hatte, tratschte sie wie ein altes Weib mit den anderen Frauen vor den Tempeln oder auf dem Markt. Für sie, ihre Herzfreundin, hatte sie keine Augen mehr.
Kinna war beleidigt und neidisch.
„Müssen wir denn gehen? Es ist ja noch Nacht,“ wimmerte sie. Die Vorstellung, dass Asara ihr auf dem Großen Platz begegnen könnte, beunruhigte sie weit mehr, als die Bedrohung Bitots durch die Shasu. Und das mit gutem Grund. Mit einer Gleichförmigkeit, die dem Schlag ihrer Trommeln in nichts nachstand, attackierten die Shasu die Mauern jedes Jahr kurz nach der Erntezeit. Jedes mal sammelten sie sich in der Nacht hinter einer nahen Hügelkette und begannen ihren Angriff auf die Mauern beim ersten Licht des Tages. Und jedes mal begrüßten sie die Männer Bitots mit einem Hagel von Steinen und Pfeilen und allerlei Beschimpfungen und Flüchen.
Während des Angriffs beteten und flehten die Weiber vor dem Haus der Häuser um Beistand. Und nach einer Stunde oder zwei öffnete sich dann die Hohe Pforte und die Göttersöhne kamen heraus. Sie überragten selbst die größten Männer Bitos um wenigstens einen halben Kopf. Ihre Arme waren so dick wie die Stämme zehnjähriger Zedern und ihre Schultern so breit, dass zwei Frauen bequem auf ihnen Platz hätten finden können. Sie trugen Rüstungen und lange Schilde aus einem grauschwarzen Metall, das so stark war, dass weder Pfeil noch Stichschwert es durchdringen konnten. Ihre Gesichter waren unter Helmen verborgen, an deren Seiten Delphine eingeritzt waren. Elra, ihr Hauptmann, schritt ihnen voran. Seine Augen funkelten mordlustig und seine Muskeln waren bis zum Bersten gespannt. Die Göttersöhne marschierten in enger Formation gegen die Feinde, die nun ihrerseits Steine und Pfeile und allerlei Beschimpfungen und Flüche gegen sie schleuderten. Nur die mutigsten Shasu, meist junge Männer, die noch keinen Angriff mitgemacht hatten, wagten sich in den Nahkampf. Sie starben mit zerbrochenen Schwertern und einem Ausdruck ungläubigen Erstaunens auf ihren olivbraunen Gesichtern.
So war es jedes Jahr und so würde sie es für immer sein. Doch die Trommeln aus der Wüste schienen diesmal widersprechen zu wollen.
„Komm, schnell,“ rief Mama. Unwirsch zog sie Kinna hinter sich her. Der Platz rund um den Obelisken war bereits von kreischenden und flehenden Frauen und ihren Kindern überfüllt. Im bleichen Licht des Morgens, das gerade erst über den Horizont gekrochen war, glich die Menschenmenge einem wogenden Meer von Schatten.
Kinna kniete sich neben ihre Ma und fiel mechanisch in das ohrenbetäubende Wehklagen und Flehen mit ein, wobei sie immer wieder nach Asara und ihrem neuen Frauenkleid Ausschau hielt. Nach einer Weile begannen ihre entblößten Knie auf dem harten Pflaster zu schmerzen. Sie versuchte ihr Gewicht immer wieder vom einen auf das andere Bein zu verlagern, doch es half nichts. Ihr Flehen nahm den Charakter echter Klage an, Tränen liefen über ihre die Wangen und sie wünschte sich nichts mehr, als dass das Haus der Häuser sich endlich öffnen und ihre Tortur ein Ende haben würde.
Als die Sonne hinter dem Horizont hervorbrach, begann der eigentliche Angriff. Von jenseits der Stadtmauer drang das Schmettern der Hörner und das Rufen der Männer. Die Frauen steigerten ihr Flehen und Kreischen. Etliche fielen aus Erschöpfung in Ohnmacht, andere gerieten in eine irrsinnige Raserei. Sie rissen sich die Kleider vom Leib und die Haare vom Kopf, zerkratzen ihre Wangen, Brüste und Schenkel und krochen heulend und schluchzend bis vor die Hohe Pforte.
Dann schwang sie auf. Efrati trat in vollem Ornat heraus. Frenetischer Jubel schlug ihm entgegen. Gebieterisch hob er den Stab und die Menge teilte sich. Dann erschien Elra an der Spitze der Göttersöhne. In seiner brachialen Rüstung glich er einem Helden aus grauer Vorzeit, der drauf und dran war, gegen einen Drachen ins Feld zu ziehen. In der einen Hand trug er seine Keule, in der anderen ein bronzenes Horn. Wie die Göttersöhne normale Männer überragten, so überragte Elra jene. Er glich einem Riesen unter Riesen.
„Sieh, Kinna. Acht mal vier und zwei. Letztes mal waren es noch acht mal fünf.“
Kinna begriff erst nicht, was ihre Mutter meinte. Nie hatte sie auf die Anzahl der Kriegsmänner
