Die Wildnis in uns - Torsten Schäfer - E-Book

Die Wildnis in uns E-Book

Torsten Schäfer

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Beschreibung

Torsten Schäfer zieht aus in die ungezähmte Wildnis Europas, um seine eigene innere Wildnis wiederzufinden. Vom Auenwald vor der eigenen Haustür über das Mittelmeer bis zum Wasserschlund des Tana-fjords an der nördlichen Spitze Norwegens setzt er sich der Natur aus, beobachtet, taucht ein. Seine Begegnungen mit Tieren und Landschaften öffnen den Blick auf ein anderes Eingebundensein des Menschen in die Natur – Verbindung statt Trennung, Zusammenleben statt Zerstörung. Dabei zeichnet er ein tiefgründiges Bild davon, was es heißt, heutzutage Mensch zu sein. Und was es in Zukunft heißen könnte.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Prolog

1 GESICHTER DER WILDNIS Eine Reise entlang des Begriffs

Aufbruch    Vergessene Menschen    Emil und sein See    Täler der Seele    Dalamot

2 IM FJÄLL (Schweden) Warum Europas Ureinwohner keine Wildnis wollen

In der Herde    Achtfache Zeit

3 DRAUSSEN ARBEITEN Wie es begann und andauert

Die Verschmutzung des Vokabulars    Weltenspiegel    Randkastanie    Buchentod    Mitsprießen    Wegkreuzkirsche

4 DIE FINNMARK (Norwegen) Im Zentrum des indigenen Denkens

Die Hauptstadt    Lachs-Spuren

5 WALDTÄGLICHKEIT Ein Jahr in der Wildnispädagogik

Wir Buchenkinder    Am Feuer im Taunus    Trommel in der Nacht    Zyklussicht    Duftreise    Verhältnispflanzen    Trauerräume    Gewerbegebiets-Groll    Kraft der Stille

6 FLUSSLEBEN Innere Wasser, die tosen

Forellen-Wildnis    Schlammwut und Müll-Bingo    Groppen-Freude    Invasion und Vision – der Rhein als Spiegel    Wasser der Hoffnung    Wiedergeburt an der Hårbølle Å    Herr der Huchen

7 INARI (Finnland) Lapplands Augen

Birkenblätter und Kiefernspitzen    Auf nach Utsjoki

8 VERWANDLUNGEN Wege zur Geschwisterlichkeit

Tierlinien    Wasserwesen    Unmögliche Vorfahren? In der Schwitzhütte

9 AM EISMEER (Ende der Welt) Bei den Lachsen münden

Entlang des Großen Flusses    Wenn das Denken zittert    Die Schwarze Königin

Epilog

Dank

Hinweise

Zehn Trittsteine

Quellen

Über den Autor

1GESICHTER DER WILDNIS Eine Reise entlang des Begriffs

Aufbruch

2017 entwerfe ich das Forschungsprojekt »Sami-Stories« zu indigenen Klimanarrativen, schreibe Hochschulen in Skandinavien an, frage Kollegen nach Kontakten. Ich weiß zu Beginn, dass ich dort nicht ein halbes Jahr werde leben können, der Familie wegen. Es werden Forschungsreisen sein – in alle Länder, in denen Sami vor allem leben, Russland ausgenommen: Schweden, Norwegen und Finnland. Die ausführlicheren Erkundungen dessen, was eine beziehungsreiche Sicht auf »Natur« sein kann, wird hier im Alltag geschehen – im Wald vor der Haustür und am Fluss, der schon immer mein Leben begleitet (Wasserpfade, oekom 2021). Mit der Überzeugung, dass wir indigenen Menschen neu zuhören müssen, die seit Jahrtausenden viel näher mit der Natur leben und sich an ihre Veränderungen weltweit anpassen angesichts der lebensbedrohlichen Klimanot. Immer mehr Studien erscheinen diesbezüglich, die traditional ecological knowledge (TEK) als eine mögliche Antwort auf die großen Fragen unserer Zeit in den Blick nehmen, das traditionelle ökologische Erfahrungswissen lokaler und indigener Völker. Große Berichte wie der des Welt-Naturschutzrates beschäftigen sich mit TEK und zeigen, wie sehr viel besser indigene Menschen die Artenvielfalt schützen, überall auf dem Globus.

Auch deshalb müssen wir in der Zeit des sechsten Artensterbens der Erdgeschichte von ihnen lernen – trotz aller kulturellen Unterschiedlichkeit, der Gefahr unerlaubter Aneignung oder falscher Romantik. Ich möchte nicht nur Wissen dokumentieren, sondern es als Inspiration nutzen für eine andere Wertschätzung unserer Landschaft, für eine Anpassung an ihre Veränderung und eine gleichberechtigte Anerkennung der Mitlebewesen. Für den Naturphilosophen Andreas Weber steht es in seinem Essay »Indigenialität« außer Frage: »Wir sollten uns für das interessieren, was die Indigenen denken und tun, weil diese Praxis Millionen Jahre lang unseren Planenten fruchtbar hielt und Lebendigkeit hervorbrachte.« Er will, dass »wir uns selbst dekolonialisieren, unsere Seele, unser Denken. Wir müssen das Indigene in uns selbst wiederentdecken, es einladen, ihm vertrauen.« In ähnlicher Weise spricht die Natur-Autorin Susanne Fischer-Rizzi in ihrem Buch »Das Geheimnis deines Ortes« von der Möglichkeit, »einheimisch zu werden« in einem intensiven Leben vor Ort, mit allen Sinnen und dem Erkunden des Landes vor der Haustür.

Lieder laden seit jeher dazu ein, die Welt anders zu sehen, vielleicht gerade in einer Zeit, in der sie stirbt. Deshalb lud die samische Sängerin Sara Marielle Gaup Beaska 2015 vor dem Pariser Klimagipfel über YouTube dazu ein, den Joik, den traditionellen Gesang der Samen, zu lernen, zu singen und ihn im Netz zu teilen – eine ungewöhnliche Tat, der Verzweiflung entsprungen, dass dem indigenen Volk in der Arktis »das Ende« bevorstehe, so Sara Marielle, wenn die Klimanot nicht bekämpft werde.

Joiks sind kehlige Gesänge, mit denen die Sami in der Landschaft intuitiv Beziehungen zu Menschen, Tieren, Bergen, Seen oder Wäldern herstellen – also »die Erde sprechen lassen«: »Gulahallat Eatnamiin«, »We speak earth«. Sie überwinden so die Beziehungsgrenzen zwischen Lebewesen und formen im Lied einen Raum der Verwandlungen, der durch spontane Laute und Melodien getragen wird. »Der Joik hat etwas Magisches«, schreibt der schweizerische Lehrer Hans-Ulrich Schwaar in seinem Werk »Tundra, Sumpf und Birkenduft«. Sein Sagenbuch stieß mich in La Gomera auf die Sami. Schwaar lebte lange bei ihnen in Finnland und kannte den Joik gut: »Der Sänger identifiziert sich mit einem Berg, See, Baum, Tier oder einem bestimmten Menschen und beginnt zu joiken. Nicht über sie, sondern als sie selbst«, resümiert er.

Der Joik ist eine Brücke hinüber in die Sphäre, in der wir alle verwandt sind, ebenbürtig, gleichsam einfach wie edel – so verstehe ich ihn. Der Joik stößt mich einmal mehr auf die Frage, mit welchen Ausdrucksformen und Erzählungen tiefere Verbindungen zu den Lebewesen um uns herum hergestellt werden können.

Im Rahmen meines Forschungsprojekts führe ich dazu bald die ersten Interviews mit Journalisten, die bereits in Lappland gearbeitet haben. Ihre Kontakte werde ich brauchen. Und ich finde überraschend viele Studien. Denn die Sami sind so gut erforscht wie kaum eine andere indigene Gruppe. Sie veröffentlichen selbst viele Untersuchungen, unter anderem an ihrer Hochschule in Kautokeino, die ich im Laufe meines Forschungsvorhabens noch besuchen werde (Kapitel 4: Die Finnmark). Und sie reisen, um ihre Sichtweise weiterzutragen: Ich stoße bei den Recherchen später wieder auf den Joik »Gulahallat Eatnamiin«: Drei samische Sängerinnen, darunter Sara Marielle Gaup Beaska, sitzen 2016 im Protest Camp von Standing Rock auf dem Boden und überreichen einem der amerikanischen Gastgeber Gaben wie einen Kaffee-Beutel aus Rentierleder und Guksi, die samische Outdoor-Tasse, die aus den Maserknollen einer Birke gefertigt wird. Die drei Frauen in rot-blauer Tracht singen, schlagen eine Trommel, stehen auf und umarmen Menschen, die zu einem der bisher größten Treffen indigener Völker gekommen sind.

2016 protestieren die Stämme des Standing-Rock-Reservats in North Dakota gegen die Erdöl-Pipeline »Dakot Acess«, die die US-Regierung auf Gebieten bauen will, die für die Stämme heilig sind. Sie fürchten um die Sauberkeit ihres Wassers, haben Angst vor verschmutzten Flüssen durch Lecks in der Pipeline. Fast 200 Stämme aus den USA und Kanada schließen sich an. Indigene Gruppen und Umweltaktivisten aus der ganzen Welt reisen nach Dakota, wo zeitweise bis zu 5000 Menschen im Camp leben – mit Erfolg: Die Regierung von Barack Obama stoppt den Bau der Pipeline nach den Protesten. Doch Donald Trump lässt das Camp nach seiner Wahl schnell räumen. Seitdem fließt dort Öl unter dem Missouri River in North Dakota.

Überall auf der Welt kämpfen indigene Gemeinschaften um ihr Wasser, um freie Flüsse, sauberes Grundwasser, intakte Seen. So war es auch in Lappland Ende der 1960er-Jahre. Damals beginnt die norwegische Regierung, am Alta-Fluss in der Finnmark ein 150-Megawatt-Wasserkraftwerk mit einem 110 Meter hohen Staudamm zu planen; daraufhin gehen die Sami in den offenen Widerstand. Sie haben Angst um Rentierweiden und den Fischreichtum im Alta, einem der besten Flüsse für den Lachs, der in ganz Lappland das Leben seit Jahrtausenden prägt.

Umweltschützer schließen sich an, der Konflikt verschärft sich, landet mehrmals vor Gericht. Eine Gruppe campiert 1979 vor dem norwegischen Parlament, geht in Hungerstreik, wird teils verhaftet. Am 14.1.1981 setzt die Polizei rund 900 Demonstranten vor Ort fest, die den Bau stoppen wollen. 1982 erklärt das oberste Gericht das Projekt für legal – der Widerstand ist gebrochen, doch der Stolz der Sami gewachsen: Norwegen steht international plötzlich in der Kritik, sein indigenes Volk schlecht zu behandeln – eine Scham, die die Sami-Politik der Regierung in Oslo verändert: mit Gesetzen für mehr Rechte, die zur Gründung des Sami-Parlaments 1989 führen. Die indigene Minderheit, ihr Schicksal und die Ausgrenzung sind seitdem viel mehr Norwegern bewusst.

Die stille, ungesehene Geschichte danach, die sich bis heute fortsetzt, ist die der Anpassung: Die Sami in Alta haben ihren traditionellen Lebensstil nicht verloren, sie haben sich angepasst, Fang- und Weidegründe aufgegeben, neue gesucht. Wie seit Jahrtausenden. Europas Urvolk hat sich immer wieder aufgerafft und geschafft, was uns in anderer Weise bevorsteht: die tiefgreifende Anpassung der Lebensweise infolge von Hitze, Dürre, Fluten, Hochwasser und Waldsterben. Wegen dieser Gefahren hat die Staatengemeinschaft in Montréal 2022 die große Rückgabe von Landschaft an den Planeten beschlossen: 30 Prozent der Erde sollen bis 2030 unter Schutz gestellt werden. Es geht darum, riesige Flächen wieder zu verwildern, Wald neu zu pflanzen, Moore zum Leben zu erwecken, die Flüsse zu befreien. Das ist nicht nur eine Vision, sondern ein Beschluss von rund 200 Staaten, die ihn freilich umsetzen müssen. Aktuell steht die politische Realität dem allerdings entgegen, weil Rechtspopulisten und Faschisten in vielen Ländern gegen Klima- und Naturschutz vorgehen, so beispielsweise in den USA.

Rewilding ist zum Schlagwort für die neue Wildnis geworden. Dabei geht es darum, weite Landschaften wieder der Natur zu überlassen und dort große Tierherden anzusiedeln, um das Land offen zu halten und neu zu formen. So werden »hochdynamische, komplexe Systeme entstehen, die von großen Pflanz- und Fleischfressern besiedelt sind und sich selbst regulieren«, schreibt die Journalistin Simone Böker in ihrem Buch »Rewilding«. »Wildnis ist kein Status, der für immer verloren und nicht wiederherzustellen wäre. Das Wilde bleibt dem Land eingeschrieben, genauso wie die Sehnsucht nach der Wildnis auch in uns Menschen schlummert.«

In Europa versucht die Initiative »Rewilding Europe« in acht ausgewählten Gebieten Wildnis wiederherzustellen, etwa am Oder-Delta im deutsch-polnischen Grenzgebiet oder in Schwedisch-Lappland. Moore renaturieren, alte Wälder erhalten und riesige Grasländer entwickeln – diese Schritte gehören auch zu den »naturbasierten Lösungen« im Klimaschutz. An dieser Stelle gehen Rewilding, Artenschutz und Klimaschutz ineinander auf; diese Zusammenschau geschieht zu selten, zumal in Zeiten, in denen Ökologie einen schweren Stand hat. Gerade die Artenvielfalt geht im Diskurs unter und wird oft isoliert von der Klimafrage betrachtet, obwohl die EU auf den Beschluss von Montréal mit der Biodiversitäts-Strategie für 2030 geantwortet hat, die kaputte Ökosysteme reparieren soll. In Deutschland schreibt die Nationale Strategie für Biologische Vielfalt seit 2010 vor, dass zwei Prozent der Landesfläche sich selbst überlassen werden sollen; die Zahl stagniert aktuell aber bei 0,6 Prozent. Gruppen wie die Initiative »Wildnis in Deutschland« versuchen, die Entwicklung voranzutreiben.

Der Beschluss von Montréal geht auf das letzte Buch des Biologen Edward O.Wilson zurück, der in »Die Hälfte der Erde« 2016 die Notwendigkeit formuliert, die Hälfte des Planeten unter Schutz zu stellen: »Wir brauchen ein sehr viel tieferes Verständnis von uns selbst und dem übrigen Leben, als Geistes- und Naturwissenschaften es uns bisher bieten«, schreibt der vielfach preisgekrönte Biologe. »Ich bin überzeugt, dass wir nur dann den lebendigen Anteil unserer Umwelt retten und die für unser eigenes Überleben nötige Stabilität herstellen können, wenn wir den halben Planeten zum Naturschutzgebiet erklären.« Inspiriert davon, wurden Organisationen wie »Nature needs half« oder »HalfEarth« gegründet.

Studie über Studie erscheint zu Wildnis und Rewilding, genauso wie Filme, Podcasts und Artikel. Gerade in Großbritannien gibt es viele Projekte, um Land von Gemeinden und Höfen zu verwildern. Der Stichwortgeber für die Bewegung war der Umweltjournalist George Monbiot, der die leer geräumten Landschaften als »Geister-Ökosysteme« beschreibt und daran erinnert, wie artenreich Großbritannien mit Herden von Wildpferden, Hirschen und Auerochsen wäre. So wie es »Rewilding Europe« in den Niederlanden vormacht, wo im Küstenstreifen Oostvaardersplassen seit den 1970er-Jahren eine Wildnis mit großen Herden entstanden ist. Sie zieht Touristen an, gerade weil hier niemand eingreifen darf. Doch es gab auch Kritik, als Bilder von verhungernden Pferden kursierten – und so werden nun doch Tiere geschossen, um dem vorzubeugen.

»Rewilding Europe« wirbt mit Naturtourismus für die neuen Prärien. Und »Wildnis« wird in der Reisebranche generell stark vermarktet für eine naturferne Gesellschaft, die mehr als je zuvor hinauswill, bis an die entlegensten Orte, um etwas zu finden – sich selbst, etwas Ursprüngliches, Freiheit, Reinheit, Ideale. Vielleicht auch Kitsch, Weltabgewandtheit, Verklärung und unpolitische Flucht-Kapseln. All diesen Deutungen werde ich mich aussetzen müssen, denke ich, während ich vor der Bücherreihe in meinem Büro stehe. Und ich will nach ganz weit oben, nach Lappland. Da leben die Sami laut Reiseportalen in Europas »letzter Wildnis«.

Dieser Begriff begleitet mich lange schon. Als Journalist habe ich mich früh auf Wildtiere und Fischerei spezialisiert, weil ich von nichts sonst so viel Vorwissen hatte, nur von Fischen, des Angelns wegen, und von Wildtieren, die wir seit der Kindheit beobachteten. Um sie herum bauten wir unser eigenes Naturkundemuseum, eine Schneckenzucht, Skelett-Gestelle – und wir bauten Gedankenwelten für sie. Sie waren früh natürliche Gefährten, mit denen wir sprachen – Bussarde, Kauze, Krähen, die Rehe, jegliche Wildtiere. Ihretwegen sammle ich noch heute Bücher, in denen das Wilde gefeiert oder verteufelt wird, und nie hat die Wildnis vor meiner Haustür für mich das Geheimnisvolle verloren. Denn die Bücher bringen stets neue Fragen auf. Ihre Autoren schreiben sie mit und in der Natur, und ihre Fragen wandern mit den Lesern, mit mir, nach draußen. Ich will ihnen nachgehen. Das ist in gewisser Weise einfach für mich, denn die nächste Querstraße zu unserem Haus heißt »In der Wildnis«, und oft gehe ich durch sie in den Wald.

In den 2010er-Jahren wurde »Wildnis« in der literarischen Welt salonfähig – es erschienen Kultbücher wie die »Karte der Wildnis« von Robert Macfarlane, der in Großbritannien auf seinen Wanderungen wilde Landschaften sucht. Für ihn entsteht Wildnis durch Umstände und Verhältnisse. Ihm zufolge erfahren wir Landschaften flüchtig, als »ein Amalgam aus Geologie, Erinnerung, Bewegung, Leben«. Und »wer nachts hinausgeht, begreift, dass Wildnis kein zwangsläufig dauerhaftes Merkmal einer Gegend ist, sondern sich durch Einflüsse wie Schneefall oder Dämmerung einstellen kann«, schreibt Macfarlane.

Für manche vermeintlichen Naturkenner gibt es hingegen nur noch Kulturlandschaft. Ihr Hinweis, dass Wildnis ganz verloren sei, weil Deutschland keine unberührten Flecken mehr habe, ist für mich nicht mehr als ein hilfloser Rückgriff auf eine messbare Rationalität, die allein Richtschnur für Naturwahrnehmung sein soll. Wer jedoch bewusst in einer Landschaft aufwächst, bemerkt irgendwann, dass diese geografische Sozialisation in Teilen unumkehrbar ist. In ihr sind Sehnsucht, Neugier sowie Heilungs- und Erlösungsfantasien angelegt, wie sie die Dichtung der Romantik formulierte – sie enthält gesunde ebenso wie übersteigerte Motive, die jedoch der Deutungsrahmen sind, mit dem man in neue Landschaften auszieht. Diese verinnerlichte Landschaft wirkt tief, wenn man sich ihr früh aussetzen musste. Für Macfarlane »tragen wir auch in absentia Landschaften in uns, Orte, die noch lange im Gedächtnis weiterleben, nachdem wir sie faktisch wieder verlassen haben«, wie er in »Alte Wege« schreibt. Sie sind »mächtige Anwesenheiten, zu denen wir tiefe und beständige Bindungen haben. In diesen Landschaften wohnen wir womöglich am längsten, sosehr die Zeit sie auch verzerrt oder die Entfernung sie verschleift.«

Wildnis, sie ist nicht verloren. »Nicht die empirische Tatsache, dass ein Gebiet mehr oder weniger frei von Einflüssen des Menschen ist oder erscheint, macht es zu einer Wildnis«, schreibt der Naturphilosoph Thomas Kirchhof auf einem Fachportal, »sondern dass es als Gegenwelt zur kulturellen bzw. zivilisatorischen Ordnung empfunden wird. Dafür genügt es, dass das Gebiet zumindest in einer für den Betrachter relevanten Hinsicht nicht vom Menschen gemacht oder beherrscht ist oder zumindest erscheint.«

Der Kampf gegen diese Gegenwelt wurde für die Zivilisation zum Daseinsgrund. Die amerikanischen Siedler brachen in die Wildnis auf, um sich leeres Land – bewohnte Gebiete der Ureinwohner – zu nehmen und die »Wilden« im Zweifelsfall zu töten, »sich die Erde untertan zu machen«, gemäß der Bibel. Der Losung folgten viele der gläubigen Siedler, nicht nur in Amerika; die Kolonialisierung hat auch ein christliches Gewand. Die Erzählung von der Wildnis, die erobert werden muss, bedient US-Präsident Donald Trump immer wieder, wenn er dazu auffordert, jedes Hindernis für die heimische Öl- und Gasindustrie zu beseitigen – auch Nationalparks und Naturschutzgebiete.

Dem gegenüber stand und steht die Nationalpark-Bewegung mit ihrem Wildnisideal und der Gründung des Yellowstone-Parks 1872. Rund 90 Jahre später schuf der »Wilderness Act« eine weltweit gültige Definition für Wildnis. Demnach wird sie »als ein Gebiet anerkannt, in dem die Erde und ihre Lebensgemeinschaft vom Menschen unbeeinflusst sind, wo der Mensch selbst ein Besucher ist, der nicht bleibt«. Wildnis wird über die Zeit – befördert durch Umweltbewegung, Outdoor-Branche und Öko-Tourismus – zur »Utopie einer ursprünglichen, vollkommenen Ordnung, die vom Menschen zerstört worden ist«, so Thomas Kirchhoff.

Entfremdet von der inneren Natur, kann der moderne Mensch nur in der Wildnis heilen. Hier erfährt er Freiheit von der Perversion der Zivilisation und des Kapitalismus – diese Lesart treibt viele Menschen an, die sich mit Wildnis verbinden; und ich gehöre sicher auch zu ihnen. Romantik und Glorifizierungen sind im Spiel, die Gefahren der Überhöhung in sich bergen; Gefahren, die ich bei meiner Arbeit immer im Blick haben muss. Denn die vielschichtige Wildnis hat für mich seit der Kindheit, wenn ich der Landschaftsplanerin Gisela Kangler in ihrer Dissertation »Der Diskurs um Wildnis« folge, »die Bedeutung eines Mysteriums, das mit Ehrfurcht und Geborgenheit verbunden ist«. Ich möchte daher meine Idealisierungen und Sehnsüchte zulassen, weil sie meinen Antrieb ausmachen. Ich will sie aber auch einkreisen mit kritischen Blicken, sie einrahmen mit Faktenwänden, damit mir die Zusammenschau der Dinge gelingt.

Wildnis als Gegenpol zur konservativen Kulturlandschaft, als technikfreie Zone, als regelloser Raum für individuelle Entfaltung, als Ursprungsideal – die positiven Deutungen sind mannigfaltig. Sie haben eine Grundlage: Bis heute wirkt das Ideal der »Wilden« nach, das der Philosoph Jean-Jacques Rousseau im 18. Jahrhundert in seiner Kritik an der Aufklärung verbreitete: Ureinwohner und ihre heile Welt, die Wildnis als ein Naturzustand fernab der Zivilisation, der edel ist und Harmonie bereithält. Die Metapher des Gleichgewichts in Natur und Wildnis ist heute oft zu finden im Umweltdiskurs, in unzähligen Büchern, Filmen, Reportagen, Games, Kampagnen und Podcasts. Wildnis ist in diesem Sinne nach Kirchhoff »eine Gegend mit ursprünglichen, intakten, gesunden Ökosystemen, die sich selbst regulieren und durch geschlossene Stoffkreisläufe dauerhaft selbst erhalten – und in deren Ordnung der Mensch sich hätte einfügen müssen, statt sie zu zerstören, um kurzfristigen Nutzen zu erzielen«.

Vergessene Menschen

Nach und nach stoße ich auf offenere Deutungen, etwa bei Robert Macfarlane in seinem Werk »Karte der Wildnis«: »Jedes noch so kleine Inselchen, jeder Berggipfel, jedes versteckte Tal und jede Waldung ist irgendwann in den letzten fünftausend Jahren besucht, bewohnt, bearbeitet oder gekennzeichnet worden«, schreibt der Autor, der Großbritannien durchwanderte. »Das Menschliche und das Wilde lassen sich nicht voneinander trennen«, schlussfolgert er.

Mensch und Wildnis zusammendenken – das bringt mich zur Frage, wie wir uns selbst renaturieren oder verwildern können als Kulturleistung im Zeitalter des Anthropozäns, des Menschenzeitalters. Geologen konnten sich in ihren Gremien bisher nicht einigen, aber im öffentlichen Gespräch haben Medien, Wissenschaft und Politik entschieden: Wir verlassen nach 11.500 Jahren das Holozän, das Zeitalter nach der Eiszeit. Und gehen über in die neue Epoche, in der wir die bestimmende Kraft im Erdsystem geworden sind und damit die Grenze zwischen Natur und Mensch aufgehoben ist. Eine Grenze, die unser Denken seit der Aufklärung bestimmt und an deren Auflösung gerade viele Künstler, Schriftsteller, Forscher und Initiativen arbeiten.

Wenn man die Idee des Anthropozäns ernst nimmt, dann fallen die Grenzen, sind wir nackt und schuldig gegenüber den Landschaften, den Pflanzen und den Tieren um uns herum, gegenüber uns selbst. Der Mensch – eine geologische Kraft, eine der vielen. Die stärkste? Die, die am meisten zerstört? Wenn ja, dann ist es doch klug, diesen epochalen Wechsel innerlich anzunehmen. Sich neu zu verorten. Nur wie?

Es gab einen Moment, als ich das alles wirklich begriff, in der Küche, nach einer Radiosendung zum Anthropozän. Ich musste mich setzen. So oft hatte ich über diesen Epochenwechsel rein vom Verstand her gesprochen. Doch es brauchte offenbar länger, damit diese Erkenntnis durchsickerte in meine Täler von Emotion und Erinnerung. Ich war irritiert. Setzte mich neben den Küchentisch, atmete. Spürte, dass ich diesen Epochenbruch wirklich gerade erlebe. Wir, ich, jetzt, hier. Und dass er mich fordert, beruflich, persönlich mit einer anderen Haltung und einem neuen Denken.

Das fordern immer mehr Wissenschaftler ein, wie etwa die Umweltplanerin Sabine Hofmeister. Sie spricht nicht vom Anthropozän, sondern von einer zweiten Wildnis: »Wir glauben, die Natur gebändigt und domestiziert zu haben, und genau das Gegenteil passiert«, sagt die Lüneburger Professorin in einem Interview. Ein verändertes Klima werde zum scheußlichen Nebenprodukt der Naturzerstörung, das »uns in Form von ökologischen Katastrophen gegenübertritt. Und diese Natur bildet eine Wildheit aus, die der ersten Kategorie in nichts nachsteht, die möglicherweise sogar an Schrecken sehr viel größer sein kann, weil sie ebenso unverstanden ist.«

Definitionen, Epochen, Kategorien – all das sind Konzepte. Aber ich muss raus in die Landschaft, um mich selbst zu verwildern. Das weiß ich. Aber was passiert dann? Was geschieht mit den Begriffen: Wildnis, Ursprünglichkeit, unberührte Natur? Wie wird die Natur zu mir sprechen, wenn ich mich ihr neu öffne? Und kann ich in die »innere Wildnis« vorstoßen, wie sie der Sozialpsychologe Rolf Haubl skizziert? Ihm geht es um die ausgeschlossenen Teile unseres Selbst und »die Auseinandersetzung mit der eigenen Natur, die sich widerspiegelt in der Art und Weise, wie wir mit äußerer Natur umgehen. Insofern wäre Auseinandersetzung mit dem Ausgeschlossenen, also der ›inneren Wildnis‹, eine Voraussetzung dafür, mit der äußeren Wildnis mit größerer Akzeptanz umzugehen«, sagt Haubl in einem Radiointerview. In der Alltagssprache zum Beispiel bleibt die Wildnis etwas Feindliches, das wir fernhalten müssen. Das entdecke ich in den Schreibwerkstätten für eine ökologische Sprache immer wieder (Kapitel 3).

In mir formieren sich Gedanken zu dem, was eine »innere Wildnis« sein kann: eine Karte der eigenen Landschaft des Körpers und der Seele mit ihren Schluchten, Wüsten, Seen, Flüssen, Bergen, Sümpfen, mit ihren Untiefen. Und immer wieder die Pfade auf der Karte entlangzugehen, dabei den Mut zu haben, auch in die Sümpfe zu steigen und die Ödnis aufzusuchen. Die Wanderung in die inneren Landschaften führt in die äußeren, um die Wege abzugleichen. Sich zu testen und die