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Ein Roman aus der Provinz über die Provinz, aber alles andere als provinziell Max und Klara gehören dort nicht hin, in dieses gottverlassene Dorf am westlichen Rand des Königreichs Vierheilig, wo noch die alten Sitten, die alten Rituale, die alte Ordnung herrschen. Wo Männer wie ihre Väter den Ton angeben, schuften und saufen, und Frauen wie ihre Mütter schuften und mit dem Geld, das nicht von ihren Männern versoffen wird, ein mageres Mahl auf den Tisch bringen müssen. Selbst in der fiktiven Vergangenheit des Romans ist dieses verdammte Dorf schon von seiner Zeit überholt. Zum Mann wird man hier durch Dresche, und wer der Größte ist, beweist sich im alljährlichen Wettangeln, wenn auf die Witwer gegangen wird: Urzeitliche Fische, die in einem Kampf auf Leben und Tod aus dem Fluss gezogen werden müssen. Dann stirbt einer der Männer, erschlagen ist er worden, und für Klara und Max ist's an der Zeit, sich zu entscheiden. Ein historischer Dorfroman über eine alte Welt und ein junges Paar, das in eine neue Zeit aufbrechen will .
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Die Witwer von Chaltouva
SVEN HEUCHERT wurde 1977 im Rheinland geboren und lebt heute bei Köln. Er ist Autor von Kurzgeschichten und Romanen. Nach Dunkels Gesetz und Alte Erde erschien zuletzt Das Gewicht des Ganzen.
Die Klara weiß schon, was se tut.Die Klara, die Klara … die weiß ja nix, das isses ja. Die geht dem aufn Leim, die Kronewalds sind ja alles große Schwätzer, das waren die schon immer, aber ich hab nur die eine Tochter. Und dann soll die sich nich mit so ‘nem Kroppzeuch rumschlagen, die is mehr wert.Und wenn sie ihn liebt? Ich meine …Liebe, wiederholt er und kratzt sich am Kopf. Was soll das schon sein? Was, sag’s mir? Man teilt sich’s Bett und die Küche und das Weib presst die Bälger raus, bis eins die Fraisen überlebt. Und?Ihr Gesicht hell in der Dunkelheit, doch die Augen bleiben dunkle Löcher.Na, is so, wie ich’s gesagt hab. Das soll die sich mal schön aus dem Kopp schlagen, Liebe.
Sven Heuchert
Roman
Ullstein
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Titelei
Das Buch
Titelseite
Impressum
Erster Teil
Zweiter Teil
Dritter Teil
Anhang
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Erster Teil
Sie hocken auf Randsteinen am Ufer des Mühlengrabens, gleich hinter der Brücke, wo das Wasser noch flach und ruhig ist, kauen auf ihren Priemen, speien braunen Tabaksaft in den Fluss.
Bald geht’s ja wieder los, Männer! Was sagter?
Ja, ach ja, mir ist’s eh einerlei.
Komm, komm, hör auf! Wenn’s wärmer wird, stehste ja doch wie jeder andere im Graben und wirfst deine Leine aus.
Jaja, hast ja recht.
Natürlich hab ich recht!
Wird ja eh wieder der Millerbeck werden, der Schweinehund. Kann doch gar nicht anders sein. Der steht doch mit dem Teufel im Bunde, dem springen die Witwer nur so an die Leine, und das schon seit Jahren!
Jaja, aber ich kann mich noch dran erinnern, als der Kronewald ständig auffer Brücke stand und die fettesten Brummer gekascht hatte! Noch nich so lange her!
Na, deswegen sag ich ja, das geht nich mit rechten Dingen zu, das sag ich euch.
Nu verbrenn dir mal nich dein Maul! Kannst über den Ernst ja sonst nichts Schlechtes sagen.
Jaja, ich sag ja nix.
Jaja! Man sagt ja nie was, ne?
Na, nee, ich mein … nur, was hat der denn noch hingekriegt? Mehr sag ich ja nicht.
Schweigen.
Die Klara, dem sein Mädchen, die hatter gut hingekriegt.
Die Männer lachen.
Aber da hält er ja die Daumen drauf, die darfste nich mal angucken, da wird der Alte schon fuchsteufelswild.
Ja, wenn du die angucken tätest, und das wär meine, da würd ich auch fuchsteufelswild werden!
Nu lass mal gut sein …
Nee, nee, ich sach ja nur, was wahr is!
Wahr is, dass ihr die alle anglotzen könntet, wie ihr wolltet, nur würdse nich mal’s Kinn für einen von euch heben, die würd lieber weiter innen Dreck starren.
Na, aber den Max gucktse schon an! Auch wennse glaubt, das würd keinem auffallen.
Der Max, der Max, der mit seinen feinen Fingerchen! Den brech ich ja entzwei, sag ich.
Was? Den Max? Warum? Lass mir mal den Max in Ruh, das is ’n ganz Schlauer, is das.
Schlau! Wenner schlau wär, wär er nich der Sohn vom Metzger!
Schlag du erst mal ne Sau ausser Decke und mach da ordentlich Wurst draus, dann reden wir weiter!
Ich sach ja nix, ich sach ja nix!
Hat schon verdammt starke Brummer rausgeholt, der Kronewald, da lässt sich nichts gegen sagen.
Der Millerbeck is nich gut auf den zu sprechen naturgemäß!
Weil der Kronewald eben auch weiß, wasser tut.
Da! Wo wir vom Teufel sprechen!
Da kommter ja, der Ernst!
Na, ach, guck, der olle Millerbeck, schau an! Hast uns denn was mitgebracht, du Geizhals?
Haltet mal schön eure Schnäbel, sagt Millerbeck. Versprochen is versprochen. Hier habter.
Ja, nur vom Feinsten, sag!
Sieht aus wie der vom Dexheimer, wenigstens die gleiche Flasche, ja?
Isser, sagt Millerbeck. Wenn schon Schabau, dann nich den Rotz, den se dir inner Spelunke servieren.
Hör doch auf, Ernst, der Dexheimer brennt für jeden, der’s ihm bezahlt.
Na, ich zahl’s lieber dem Dexheimer als dem Seiler, diesem Tunichtgut.
Die Männer lassen die Flasche kreisen.
Und was sagst, Ernst? Wie wird die Saison?
Na, wie sollse werden? Bereit bin ich.
Bereit sinwer alle, oder?
Na, sicher!
Und der Kronewald, von dem hatten wir’s grad, das war letzte Saison aber mal schön knapp, da hat nich mehr viel gefehlt, ’ne Unze nur!
Nich, dasser dich diesmal drankriegt!
Wart’s nur ab!
Ach, der, dass ich nich lach!
Komm, viel hat nich gefehlt, paar Gramm.
Gefehlt! Schwätzt ihr nur, ihr könnt schwätzen, was ihr wollt. Im Frühjahr steh sowieso wieder ich da oben auf der Brücke und hab den dicksten Trumm am Haken! Da kann der Hundsfott machen, wasser will! Der soll mal schön bei seinen Würstchen bleiben, der Kronewald, das kanner wenigstens.
Nu gib doch nich an wie ’ne Tüte Mücken!
Tüte Mücken, is nur die Wahrheit!
Hier, nimm mal ’n Schluck, Ernst, geht schon noch früh genug los mit dem Gezanke.
Nix Gezanke, ich weiß einfach, wie’s geht.
Werden wir ja sehen! Erinner mich.
Paar Gramm! Der fuchtelt doch mit den Gewichten rum, nur wie er’s macht, weiß ich nicht.
Komm, lass man, der Kronewald, der is schon in Ordnung.
Jaja, für’n Schwein wärer in Ordnung, das ja!
Wir werden’s ja sehen.
Über dem Schotter wabert Dunst, die Dächer vom Nieselregen feucht, die Kälte hat alle in ihre Häuser getrieben. In den Gassen verkehrt nun das Raubzeug auf der Suche nach Fressen, die Ratten kriechen aus ihren Löchern, die Kater liegen auf der Lauer, nur die Hunde dösen satt. Still ist es, eine wahrhaftige Stille, so vollkommen, dass selbst die Gedanken verstummen. Die Menschen in Chaltouva schlummern in ihren Betten, in den dunklen, kühlen Zimmern ihrer verrammelten Häuser, das späte Feuer glost noch in ihren Küchen, wo Töpfe und Pfannen blank poliert auf den nächsten Morgen warten. Ihr Schlaf ist traumlos, ein kleiner Tod, die Glieder schwer wie Blei, die Köpfe leer. Es wird Nacht.
Hier, guck hin, guck hin, so hältst du das Messer … nein, doch nicht so! So, so führst du die Klinge, da, immer an der Sehne entlang, damit das … Junge, was ist los mit dir, hörst du überhaupt zu? Peter Kronewald schüttelt den Kopf. Ich mach das hier nich für mich, ich kann das ja schon alles, du sollst das lernen, du musst das können! Nur für’n Dreck wegmachen, die Klingen schärfen, da brauch ich dich nich für, du bist mein eigen Fleisch und Blut, dann schau gefälligst hin.
Ja, sagt Max Kronewald.
Was, ja?
Ja, Vater.
Na, und nu mach, und denk dran, morgen früh geht’s nach Vierheilig, bevor die Saison losgeht, brauch ich noch gute neue Leinen und vernünftige Haken, die müssen was aushalten, denn diesmal isser nämlich dran, der Millerbeck, dem wird das Lachen schon vergehen, ich sag’s dir.
Es war immer schon ein raues Land. Dunkle Wälder. Versumpfte Talgründe. Schroffe Felsen und Procipissen. Ein Landstrich wie von den Göttern ausgeschissen, in ewiges Graubraun getaucht, im Nebel der Ville gelegen, erstreckt er sich von der unbedeutenden Seite des Rheins bis ins Bergische. Ursprünglich wurde er von kleinen Stämmen bewohnt, deren Namen die Römer nicht für nötig hielten, in ihren Annalen festzuhalten. Man kannte diese Gegend überhaupt nur wegen der Handelsroute, die über die südlichen Höhenlagen an unwegsamen Bergrücken vorbei nach Köln und weiter bis Leipzig führte. Durchreisende berichteten, die Wege hier seien so abscheulich und gefährlich, dass es in der Tat für jemanden, der sie nicht kennt, ganz und gar unmöglich sei, sich davon einen wahren Begriff zu machen. Ausgefahrene Felsen wie Ungeheuer! Kein Pferd hält diese Strapazen länger als ein Jahr aus, da in den tiefen und schmalen Geleisen besonders bei nächtlichem Ritt die Hufe in kürzester Zeit zuschanden gehen. Man sollte diese Route besser meiden! heißt es im Volksmund.
Chaltouva ist nicht nur abgelegen, sondern auch das letzte Grenzdorf des Königreichs Vierheilig. Eine staubige Straße, ein paar Gebäude, darunter ein geschlossenes Postamt, ein aufgegebenes Magazin der königlichen Truppen, eine letzte Spelunke, die Werkstatt des Stellmachers, die Läden des Metzgers und Schuhmachers. Weite Teile des fruchtbaren Landes rund um das Dorf befinden sich seit jeher im Besitz des Adels und der Geistlichkeit. Die restliche Landwirtschaft ist rückständig: Die Felder liegen oft über mehrere Jahre brach, gepflügt wird nur eine Viertel Elle tief; man lebt vom Verkauf von Futterkräutern mehr schlecht als recht.
Das Leben hier ist träge und langsam. Die Bewohner ja ein durch und durch stures Volk, seit Jahrhunderten verharren sie auf der Ville. Nach geltendem Erbrecht dürfen die Höfe und Werkstätten in Vierheilig nicht an Fremde veräußert werden, somit wird der gesamte Besitz für gewöhnlich dem ältesten Sohn übereignet. Die meisten verbleiben ja im Dorf, kommen mit dem wenigen aus, was sie haben, arrangieren sich. In den Städten sind sie gar nicht gerne gesehen; die Sitten zu rau, der Ton zu derbe. Nur für den Kommiss reicht es grad, dort werden sie gerne genommen, um ihren Dienst an der Waffe abzuleisten, dem König Treue zu schwören und in seinen fernen Kolonien Blut zu lassen und Blut zu vergießen. In Chaltouva wird man also geboren, oder man wird von Amts wegen geschickt.
Als sich das Königreich Vierheilig im Konfessionskrieg mit dem benachbarten Fernegierscheid befand, erlebte das Dorf seine kurze Glanzzeit. Für militärische Zwecke strategisch günstig auf einem Höhenkamm gelegen, wurde unweit des Dorfes ein Fort erbaut, von dessen Festungsmauern man die Talebene bis zu den Fernegierscheider Sümpfen überblicken konnte. Der kurze, aber grausame Krieg bedeutete für das Dorf eine stetige Einnahmequelle; glücklicherweise blieb man bis auf einige Scharmützel vom Kampfgeschehen verschont; nur die krachenden Salven der Kartätschen, die in den schroffen Felskanten der Ville widerhallten, erinnerten an den Konflikt. Doch im Dorf begriff man und nutzte die Gunst der Stunde: In notdürftig zusammengezimmerten Ställen wurden die Pferde der Marketender sowie der Garnison gestriegelt und mit frischem Futter versorgt, in der Stellmacherei banden bis zu zehn Männer das Achsfutter ein und brachten das Eisenrad noch warm aufs Holz. Die Bauern versorgten das Fort mit Nachschub an Heu und Kartoffeln, und in den zahlreichen, schnell hochgezogenen Spelunken strömte das Bier nur so aus den Fässern, die Presswurst aus der Schwarte des Wildschweins wurde in rauen Mengen vertilgt.
Nach dem Ingelheimer Frieden erstarb dieser Aufwind so rasch, wie er gekommen war, Chaltouva versank wieder in seinen Dämmerzustand. Nun verfallen die Gehöfte zusehends, die Spelunken, alle bis auf eine, sind längst geschlossen, die Schollen durch die jahrelange Misswirtschaft ausgelaugt, die Ernten dementsprechend karg. Die Handwerker sind zuletzt fast vollständig auf die Brosamen der Garnison angewiesen. Das Fort hält ja weniger als ein Viertel der früheren Besatzung, im Grunde nicht mehr als ein paar Offiziere, frisch von der Ausbildung und noch voller Tatendrang, sowie ein paar mickrige Reservisten dazu, die tagein, tagaus nichts anderes tun als exerzieren, auf den Redouten patrouillieren und ihre Waffen reinigen.
Ernst Millerbeck sitzt in seiner Werkstatt in der unteren Etage seines Hauses, ein düsterer und verwinkelter Raum, die Regale aus rohem Holz reichen bis unter die Decke, die offenen Fächer voller Materialien; Lederteile, Haken und Ösen, Laschen und Bogen, Stoffe und Cord. Es riecht nach Leim und kaltem Pfeifenrauch, die Luft ist dicht und schwer zu atmen. Er sitzt auf einem niedrigen Schemel, die Beine von sich gestreckt, ein breiter Kommissstiefel liegt vor ihm auf der Werkbank, er hält die Sohle in der einen Hand, einen kurzstieligen Hammer in der anderen. Er müsste die nächste Lage Oberleder feststiften, die Sohle vernageln, aber er legt das Werkzeug auf den Tisch und steht auf.
Klara!
Er hört ein Rumpeln oben in der Küche.
Verdammt noch mal, Klara!
Ja, Vater.
Seine Tochter erscheint am Ende der Treppe, die hinunter in die Werkstatt führt, ihre Gestalt ein dunkler Schatten im Gegenlicht.
Er leckt sich über die Lippen. Gehst mir ’n Krug Bier beim Seiler holen, ja?, sagt er. Hab Durst, brauch was Kaltes.
Ist der Seiler denn schon da? Ist doch noch nicht mal Mittag.
Der Seiler! Na sicher is der schon da, der haust doch da in seiner Spelunke, was glaubst denn du? Er sieht seine Tochter an und hebt die Augenbrauen. Das ganze Dorf weiß das doch, dass der innen Hinterhof pisst und scheißt und sich seinen räudigen Arsch gleich da innen Pfützen waschen tut! Der Seiler, der is da, so viel ist sicher. Nimm dir paar Reppa aussem Topf und hol mir ’n Krug, ja, Liebes? Und trödel nich rum! Und, hier … Er sieht sie lange an.
Ja?
Na, geh schon.
Klara nickt schweigend. Ich geh, sagt sie. Ich geh schon.
Sie macht auf der Treppe kehrt
In der Küche steht die Mutter vor dem Herd, rührt Suppe in einem dampfenden Topf.
Bier soll ich ihm holen, sagt Klara.
Die Mutter seufzt. Nimm dir ’n Krug von hier, fass da beim Seiler ja nix an!
Gut, sagt sie.
Mit dem Krug aus Steinzeug in der Hand geht sie zur Schenke. Draußen, auf der Straße, im Dorf, tut sich etwas: Kinder lungern in den Vorgärten, rupfen das blassgrüne Gras aus der Erde heraus, bewerfen sich gegenseitig mit Dreck. Von den Männern ist nichts zu sehen: Auf dem Feld sollten sie sein, doch in den Betten liegen sie, noch betäubt vom Rausch der letzten Nacht. Nur die Frauen sind geschäftig und schon auf den Beinen: Sie füttern die Hühner in ihren Verschlägen, lüften die verrauchten Küchen, ziehen Karren mit Körben voller Schmutzwäsche mühselig über die schlammigen Wege bis hinunter zum Fluss, hocken auf den Treppen vor den Häusern und schälen Berge Kartoffeln und Rüben, die Ältesten sortieren das Feuerholz unter die Dachschenkel.
Die Schenke ist das letzte Haus des Dorfes, das Fundament erbaut aus Flötenstein, dem feinen, dunklen Tuff, der einst aus der Ville gebrochen wurde. Die angrenzende Scheune ist nur noch eine Ruine, das Dach vom Grünspan befallen, der Zaun niedergetrampelt, die Zuchtschweine längst entlaufen und verwildert.
Klara geht vorsichtig die zerbröckelten Stufen hinauf, bleibt auf der Schwelle stehen. Die schwere Holztür steht einen Spaltbreit offen, der Dunst der Spelunke weht ihr aus dem Dunkel dahinter entgegen; kalter Rauch, schales Bier und alter Schweiß. Sie schluckt, atmet flach, schluckt noch einmal, der Speichel kalt und zäh in ihrem Mund, dann lehnt sie sich gegen das Blatt, stößt die Tür mit der Schulter auf. Der Schankraum ist schmal und lang, Tische und Stühle stehen im Weg, auf der schmierigen Theke verteilt leere Krüge, zerknüllte Lappen, ein Teller mit den Resten eines Rapfen; festes, weißes Fleisch hängt noch an den Gräten, glänzt fettig feucht im schummrigen Licht.
In einer Nische hinter der Theke sitzt der alte Seiler; seine Augen geschlossen, die Hände über dem mächtigen Bauch gefaltet, den Kopf gegen die Steinwand gelehnt, seine Brust hebt und senkt sich im Takt seines Atems, ein leises, tierhaftes Kratzen dringt ihm aus der Kehle.
Klara räuspert sich, daraufhin zucken die Augenlider des alten Seilers, er schaut auf, sieht sie, brummt, bewegt die Zunge im trockenen Mund hin und her.
Was willste?
Der Vater schickt mich, sagt sie und hält den Krug hoch.
Ah ja, macht er und schließt seine Augen. Zapf’s selbst, für mich isses noch zu früh, sagt er und lehnt seinen Kopf wieder an die Mauer.
Klara stellt den Krug auf den Tresen, schiebt ihn weiter in Richtung Fass, macht sich dünn, schiebt sich am dösenden Seiler vorbei.
Über dem Stechdegen hängt ein schmutzig graues Leinentuch, Klara fasst es zwischen Daumen und Zeigefinger und legt es neben das Fass. Der alte Seiler schnarcht, ein einzelner Laut dringt ihm dabei aus der Kehle, ein dumpfes Knacken, als zerbreche etwas tief in seinem Inneren. Das Bier fließt bernsteinfarben aus dem Hahn in den Krug, der alte Seiler bekommt’s aus der großen Stadt im Tal hinter der Ville, wo die sieben Brauereien des Landes ansässig sind. Klara fasst den Henkel, legt den Krug auf ihrem schmalen Handgelenk ab und wartet, bis sich die feinporige Schaumkrone gesetzt hat.
Als sie schon wieder im Schankraum steht, sagt der alte Seiler mit geschlossenen Augen: Hab dich gesehen …
Klara nickt schweigend.
An der Zwölf-Apostel-Buche, vorletzte Nacht … aber sag, was macht so ’n junges Ding wie du so spät noch aufm Friedhof?
Zwei Reppa, sagt Klara. Ich hab die Taler nebens Fass gelegt.
Der alte Seiler lacht.
Sie hört das dröhnende Lachen, bis sie vor der Spelunke steht, im grellen Tageslicht, an das sich ihre Augen erst wieder gewöhnen müssen. Die Kinder spielen noch immer im Dreck, sie haben aus Ästen und leeren Büchsen Musketen gebastelt, mit denen sie aufeinander schießen, Bum! Peng!, schreien sie und fallen um, eines nach dem anderen.
Klara balanciert den Krug in beiden Händen, achtet auf jeden ihrer Schritte, weicht geschickt den Pfützen aus. Einer der Knaben jauchzt auf, als er sie erblickt: Auf sie!
Klara schüttelt den Kopf, Nein, lass! Aber da kommt schon der erste Stein geflogen, ganz nah an ihrem Ohr vorbei, ein paar Klumpen feuchter Dreck bleiben in ihrem Haar hängen.
Rotzpanz! Doch sie lassen nicht von ihr, der nächste Wurf trifft, der Stein prallt gegen ihre Stirn, ein kurzer, heftiger Schmerz, doch sie lässt sich davon nicht beirren, hält sich aufrecht, geht weiter, Schritt für Schritt, beißt sich auf die Oberlippe, bis sie ihr eigenes Blut schmeckt.
Da! Da! DA!, schreien die Knaben, rennen ihr hinterher und schmeißen mit allem, was sie in die Finger kriegen, mit Dreckklumpen, Steinen und Grasbüscheln, es spielt keine Rolle, nur treffen wollen sie. Klara duckt sich, zieht den Krug nah an ihre Brust heran, überquert die Schotterstraße, geht schneller, gleich da ist das Haus, ihr Haus, die Werkstatt des Vaters. Die Knaben lassen jedoch nicht von ihr ab, sie denken ja nicht einmal, sie rennen ihr hinterher, umringen sie, bis plötzlich die Haustür auffliegt und die Mutter auf der Schwelle erscheint, eine kleine, kräftige Frau, die rauen Hände zu Fäusten geballt: HAUTAB, IHRHUNDESÖHNE!
Die Knaben bleiben stehen, starren auf diese wild fuchtelnde Person, lachen ganz unbeholfen.
Guck mal, die dicke Olle!, sagt einer, ein anderer kichert und schneidet ihr Grimassen, doch die dicke Olle ist schneller auf den Beinen, als die Knaben denken. Dass ihr mir nie wieder die Klara anfasst!, schreit sie und drischt dem Knaben, der sich da vor ihr auf dem Boden hin und her windet, die flache Hand auf den Hosenboden. Die Schläge knallen so trocken wie Schüsse aus dem Schrotgewehr des Vaters.
Habt ihr mich verstanden?
Klara sieht es in ihren bleichen Gesichtern, an ihren zitternden Lippen, den schon feuchten Augen, sie wollen losheulen, nach der eigenen Mutter schreien, doch sie raffen sich auf und rennen schweigend davon.
Rotzpanz, sagt die Mutter noch und legt Klara die Hand auf die Schulter. Eine räudige Bande ist das, aber was will man machen? Das ändert sich nicht, nein.
Sie geht voran ins Haus, Klara folgt ihr.
Geh nur, sagt die Mutter. Bring dem Vater schon das Bier, und sag ihm, gleich gibt’s Essen.
Gut, sagt Klara.
Sie streicht mit den Fingerspitzen den Schaum vom Rand des Krugs, wischt sich am Leinenkleid ab und geht langsam die Treppe zur Werkstatt hinunter.
Der Vater sitzt immer noch über die Werkbank gebeugt da, den Kopf auf die Hand gestützt, die Augen halb geschlossen, den Kittel aufgeknöpft.
Was hat das denn so lange gedauert?, murrt er, und Klara stellt den Krug neben den Leimbottich. Und was gab’s da für ’n Aufriss?
Nichts, sagt Klara. Nur ’n paar Bengel.
Das Kroppzeuch hat ihre Brut nich mehr im Griff, sagt er und trinkt gierig den ersten Schluck, der Schaum läuft ihm über die Lippen und tropft perlend in den Bart. Das war bei uns noch anders, ja? Bist ’n gutes Mädchen, so haben wir dich erzogen, so wie ’n Mädchen zu sein hat, ordentlich und anständig. Aussem ordentlichen und anständigen Mädchen wird ’ne ordentliche und anständige Frau.
Ja, sagt Klara. Natürlich.
Der Vater wischt sich den Mund mit dem Ärmel ab. Brav, sagt er. Brav.
Mutter sagt, du sollst kommen, es gibt gleich Essen.
Ja, sagt er und stellt den Krug ab. Ich komm, ich komm ja, geh nur, ich komm gleich. Die Stiefel, die Stiefel! Ein paar Offiziere kriegen ja neue Sohlen drauf, weiß gar nicht, was die immer tun, ich seh die jedenfalls nie marschieren! Ja? Oder siehst du die marschieren?
Klara schüttelt den Kopf.
Na denn, sagt der Vater und nickt Richtung Krug. Sag der Mutter, ich komm ja schon.
Klara stellt den leeren Krug neben den Spültrog.
Saufen, immer nur saufen, sagt die Mutter leise. Das könnense.
Auf der Treppe rumpelt es, der Vater ächzt und stöhnt.
Ach, sagt Klara und legt der Mutter ihre Hand auf den nackten Unterarm. Änderste doch nichts mehr dran, oder?
Sie lachen.
Was lacht ihr da?, fragt der Vater. Er bleibt im Türrahmen stehen und reibt sich die schmutzigen Hände.
Ach nichts, sagt die Mutter. Setz dich schon.
Der Vater geht brummend weiter zum Tisch. Was is das?, fragt er und zeigt auf den Topf.
Schon wieder Rüben? Wofür zieh ich mir eigentlich jeden Morgen den Kittel an und geh runter in die Werkstatt? Für so ’n Fraß kann ich ja auch gleich liegen bleiben.
Ist zu wenig inner Kasse für gutes Fleisch, und beim Kronewald willst nich mehr anschreiben lassen.
Anschreiben lassen, in meinem Leben hab ich bei dem noch nix anschreiben lassen, kein Stück Fleisch und kein Stück Wurst. Aber du kriegst deine Reppa jeden Freitag, da frag ich dich, wo treibste dich damit rum, wenn’s nur für ollen Rübeneintopf reicht?
Was soll ich mit den paar Reppa denn anfangen?, sagt die Mutter und zuckt mit der Schulter. Zum Kronewald darf ich nich, und sonst is hier doch mager, dann müssens eben Kartoffeln oder Rüben sein. In Vierheilig gäb’s ’n ordentlichen Markt, aber dafür hamwer nich genug übrig, und wie soll ich hinkommen immer?
Du, du hast nich genug übrig, aber Wunna, sieh, sieh her, ich schaff’s ja ran, ich schaff’s doch ran für dich, Wunna, meine teuerste Wunna, nur für dich schaff ich’s ran!
Für’n Suff und deine Leinen schaffstes ran, da haste ja immer genug für übrig, sagt die Mutter, und da langt der Vater rüber und verpasst ihr eine mit der flachen Hand auf den Mund.
Dafür hab ich schon noch genug übrig, lass dir das mal gesagt sein, ich sag dir schon, was ich übrig hab, du … kümmer du dich mal ordentlich um deine Küche und lass den Rest meine Sorge sein, guck lieber, dass da was Vernünftiges in die Töpfe kommt, da haste schon genug mit zu tun, vom anderen fängste gar nich erst an, klar? Wird ja der Hund in der Pfanne verrückt. Ich besorg mir mein Fressen schon woanders, das krieg ich ganz allein hin, bleib du nur da hocken, wofür ich dich überhaupt noch brauch, das frag ich mich ja, wofür?
Pack deine Sachen, mach da nich immer so lang rum, Herrgott.
Max hört seinen Vater aus der Diele, die dumpfe, dröhnende Stimme, die sich gerade noch im Zaum hält. Er lächelt seiner Mutter zu, die am Küchentisch sitzt und Kartoffeln schält.
Geh schon, sagt sie. Beeil dich. Du weißt, wie er ist.
Ja, sagt Max und legt seiner Mutter die Hand auf die Schulter, die unter dem rohen Stoff ganz weich und warm ist. Ich mach ja schon.
Der Vater wartet an der offenen Haustüre, den Knauf in der Hand.
Komm, Mensch, bummel nich immer so rum, sind eh schon spät dran. Muss auf dem Weg auch noch beim Kopfschlächter reinschauen.
Max schweigt.
Haste alles? Na dann los.
Der Ochse ist schon vor den Karren gespannt, wartet mit gesenktem Schädel in der Dämmerung, scharrt ungeduldig mit den Hufen in der klumpigen Erde. Max klettert auf den Bock neben seinen Vater, der die Peitsche schnalzen lässt, mit einem Ruck greifen die Räder, der Karren setzt sich rumpelnd in Bewegung. Der Vater hält die Zügel locker in der Hand, bestimmt mit ruhigen Bewegungen die Richtung. Das Dorf liegt noch ganz im Zwielicht, dunstig und schlaftrunken. Doch die Dämmerung kündigt sich bereits an; der Himmel grau und geschlossen, nur am Horizont, in weiter Ferne, dringen schon Streifen schmutzig roten Lichts durch die Wolkendecke.
Bucklige Häuser reihen sich am Wegesrand nebeneinander auf. Hinter verschlossenen Türen, in den kalten Küchen werden die ersten Feuer entzündet, der frische, harzige Geruch von trockenem Anmachholz weht mit dem Wind, schwacher Rauch setzt sich von den Schornsteinen ab.
Max klappt den Mantelkragen hoch, atmet durch die Nase, faltet die Hände im Schoß.
Is dir etwa kalt, fragt der Vater.
Max schüttelt den Kopf.
Das sind ja alles Weichlinge, sagt der Vater, und er sagt es so, als spräche er mit jemand anderem, als stünde er beim alten Seiler an der Theke und tränke einen Krug Bier. Ihr seid zu nichts mehr zu gebrauchen! Schwach. Gehen ja beim ersten Frost gleich ein und sterben weg. Lächerlich.
Max schließt die Augen und denkt an Klara, wie er ihre Haut berührt, über die Vertiefung zwischen Daumen und Zeigefinger streicht, zart und nur ganz kurz, wie zufällig, als hätten sie gleichzeitig nach einem Gegenstand gegriffen, vielleicht einem Teller oder einem Messer. Haste mich verstanden? Die Stimme des Vaters rau und scharf.
Was?
Was? Ob du mich verstanden hast, Junge?
Max schweigt.
Für den Grobel, hab ich gesagt, da brauchste ’ne vernünftige Joppe, aus gutem Stoff und mit’m Wappen drauf.
Ja, sagt Max. Für ’n Grobel.
Der Vater schüttelt den Kopf. Als ich so jung war wie du, da, da hab ich Bäume ausgerissen, da wollt ich die ganze Welt erobern! Und du? Der Vater spuckt einen Strahl braunen Tabaksaft aus gespitzten Lippen in die Dunkelheit. Als würd dir der Grobel gar nichts bedeuten. Willst du denn gar kein Mann sein? Im Graben stehen und deinen ersten Witwer kaschen?
Doch, doch, sagt Max schnell. Das will ich, das will ich ja.
Dann verhalt dich gefälligst auch so!
Max nickt, der Vater knurrt.
Muss dem Erwin noch die letzte Lieferung Darm bezahlen, machen wir kurz halt bei dem Halunken.
Die Trift wird schmaler, verliert die Begrenzung, fällt gen Westen hin steil ab, die Talsohle ist ganz und gar Wildnis, überall Siefen, Schlick und Totholz. Der Karren ruckelt, die Achse knarzt, die Peitsche knallt. Weiter durch einen Hain, die Nadelbäume ragen hier hoch empor, die Kronen schließen sich über den Köpfen zu einem Dach. Eine schwere, fast dräuende Stille; Max hört nur den Vater neben sich atmen, das Mahlen seiner Kiefer, und wie seine Zunge den Priem über die Zähne schiebt, das schmatzende Saugen, als er die feuchten Lippen öffnet und spitzt, das kurze Zischen, mit der er die Spucke hinausdrückt.
