Die Wunderwelt der Gene - Sharad P., Dr. Paul - E-Book

Die Wunderwelt der Gene E-Book

Sharad P., Dr. Paul

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Beschreibung

Die (R)Evolution unserer Gesundheit Unsere evolutionäre Vergangenheit und unsere genetische Veranlagung bestimmen die Funktionsweise unseres Körpers. Der Arzt und Evolutionsbiologe Dr. Sharad P. Paul hat einen revolutionären Ansatz entwickelt, der es uns ermöglicht, unsere Gesundheit über unsere Gene positiv zu beeinflussen – für schöne Haut in jedem Alter, ein gesundes Herz, mehr Energie sowie ein gesteigertes Erinnerungsvermögen. Er beschreibt die Rolle der Gene in unserem Körper, geht ihrer Entwicklung nach und zeigt, wie wir sie für unsere Gesundheit nutzen können. Dr. Sharad P. Paul bietet eine spannende Einführung in die Zusammenhänge zwischen Evolution, Gesundheit und der Wunderwelt der Gene und wie diese durch Lebensstil, Ernährung, Bewegung, Stressmanagement und Lebenseinstellung beeinflusst werden. Mit zahlreichen Fallbeispielen und Studien.

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Dr. Sharad P. Paul

Die Wunderweltder Gene

Ihre DNA als Schlüsselzur Gesundheit

Aus dem amerikanischen Englischvon Elisabeth Liebl

1. eBook-Ausgabe 2018

Die US-amerikanische Ausgabe dieses Buches erschien 2018 unter dem Originaltitel The Genetics of Health – Understand Your Genes for Better Health bei Atria Paperback, New York, NY/Beyond Words, Hillsboro, Oregon.

© 2017 Sharad P. Paul, MD

© der deutschsprachigen Ausgabe: 2018 Scorpio Verlag GmbH & Co. KG, München

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München

Umschlagmotiv: © Jezper/Shutterstock

Layout und Satz: BuchHaus Robert Gigler, München

Konvertierung: Bookwire

ePub-ISBN: 978-3-95803-228-6

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten.

www.scorpio-verlag.de

Für Natascha

Inhalt

Einführung

Ein wissenschaftlicher Walkabout zum Wohlbefinden

1.Die Ich- und die Wir-Gene: Das Persönliche an der Evolution

2.Die Trägheits-Gene: Bewegung dem Gehirn zuliebe

3.Die Stress-Gene: Von Säbelzahntigern und Angsthasen

4.Die Fett-Gene: Dicker Bauch, dünnes Gehirn

5.Die Pigment-Gene: Der Mythos von den Rassen

6.Die Ernährungs-Gene: Dem Gentyp entsprechend essen

Zu guter Letzt

Eat, move, live

Danksagung

Anmerkungen

Einführung

Ein wissenschaftlicher Walkabout zum Wohlbefinden

Wenn das der Fall war, wenn die Wüste das »Zuhause« war, wenn unsere Instinkte in der Wüste geformt wurden, geformt, damit wir die strengen Bedingungen der Wüste überlebten – dann ist es leichter zu verstehen, warum grüne Wiesen uns langweilen, warum Besitz uns ermüdet und warum Pascals imaginärer Mensch seine angenehme Wohnstätte als Gefängnis empfand.Bruce Chatwin, Traumpfade

Die Entwicklung unserer Spezies ist noch immer buchstäblich in Arbeit. Für Menschen, die im Hier und Heute leben, ja, für alle Geschöpfe, erscheint die Gegenwart wie eine Fotografie und die eigene Art für alle Ewigkeit zu existieren – eine gefährliche Illusion, verlieren wir doch damit die unsichtbare Fotografin, die wir »Zeit« nennen, aus dem Blick. Sie hält die Geschichte unserer Evolution in Schwarz-Weiß fest, damit sie zu einem späteren Zeitpunkt als ein Zeugnis unseres biologischen Zeitalters weitergegeben werden kann.

Als grundsätzlich eitle Wesen haben wir Menschen ein Faible dafür entwickelt, ein Bild von uns selbst zu schaffen. Man fragt sich jedoch, ob unser evolutionäres fotografisches Selbstporträt unbeabsichtigt symbolisch ist: Auf diesem Bild steht der Mensch ganz oben an der Spitze und erhebt sich über viele andere Geschöpfe. Niemand scheint sich zu bewegen, was Sinn ergibt, da es sich ja um ein Foto handelt.

Evolutionsbiologie zu studieren bedeutet im Grunde genommen, über einem alten Selfie zu brüten, auf dem der Hintergrund kaum eine Rolle spielt und die Umwelt letztlich als reine Requisite für den Einzelnen dient. Vom Aussterben betroffen sind scheinbar immer nur die anderen Tiere, doch gerade deshalb sind unsere Vorfahren und andere Arten, seien sie noch vorhanden oder bereits ausgestorben, so wichtig. Wir müssen sie in Erinnerung behalten, denn die Lektionen, die wir von ihnen lernen – oder missachten –, entscheiden vielleicht über das Überleben oder den Untergang unserer Art.

Eine meiner vielen akademischen Verpflichtungen führt mich regelmäßig an die medizinische Fakultät der University of Queensland in Australien. In Australien gibt es den Ausdruck »going walkabout«. Er bezeichnet einen Übergangsritus der Aborigines, die sich hierfür eine gewisse Zeit in die Einsamkeit zurückziehen und die »Songlines« ihrer Ahnen aufsuchen. Dahinter steht die Idee, die Vergangenheit nachzuvollziehen und auf diese Weise neue Energie zu schöpfen, mit der man nach der Rückkehr der Zukunft entgegenblickt.

Das traditionelle Weltbild der Aborigines beinhaltet eine »Schöpfungszeit« und »Schöpferahnen« – wenn man darüber nachdenkt, dann beschreiben diese Konzepte sehr gut die frühe Entwicklung des Lebens beziehungsweise die späteren Wanderungen der Menschen, in deren Verlauf sie die ganze Welt besiedelten. In Bezug auf unsere Verbreitung führten in der Vergangenheit die tiefsitzenden Vorurteile – und nicht wissenschaftliche Skepsis – von manchen Forschern dazu, dass man versuchte, andere Erklärungen für unsere Herkunft zu finden. Denn es konnte ja wohl sicher nicht sein, dass die Europäer aus Schwarz-afrika stammen – obwohl die Forschung zeigt, dass sich der Homo erectus, der erste aufrecht gehende Mensch, eben dort vor etwa 1,9 Millionen Jahren entwickelte. Ihm folgten der Homo neanderthalensis (der Neandertaler) und der Homo sapiens (der moderne Mensch), die Menschenart, der wir alle angehören.

»Wenn ich die Sterne betrachte«, sagte Vincent van Gogh, »fange ich zu träumen an, so einfach wie mich die schwarzen Punkte für die Dörfer und Städte auf einer Landkarte zum Träumen bringen.« Allerdings, so sinnierte er weiter, zu Städten könne man mit dem Zug reisen, aber um einen Stern zu erreichen, müsse man sterben. Das Leben sollte jedoch gelebt, geliebt und genossen und nicht einfach nur absolviert werden. Geburt und Tod sind natürlich und unvermeidbar – wir haben jedoch Einfluss darauf, was dazwischen passiert. Da es jedoch keine Landkarte gibt, die das menschliche Verhalten in seiner ganzen Unbeständigkeit abbilden könnte, sind die Songlines so wichtig: Denn unsere Geschichte prägt uns mehr, als wir die Geschichte prägen.

Eine der bekanntesten Songlines in Australien ist der Mythos der Sieben Schwestern. Er ist im Sternbild Stier angesiedelt und erzählt die Geschichte der »sieben Sternenschwestern«, die dort zu dem von uns heute »Plejaden« genannten Sternenhaufen gehören.1 Bei den verschiedenen Stämmen und in letzter Zeit auch in den Kunstgalerien in ganz Australien wird die Geschichte leicht unterschiedlich erzählt, das Thema ist jedoch immer gleich: Sieben Schwestern fliehen vor einem Jampijinpa-Mann, der sie verfolgt und eine der Schwestern zu seiner Frau machen will. Die Schwestern fliehen über den gesamten Kontinent. Am Ende erklettern sie einen hohen Berg und springen mitten in den Himmel hinein, wo sie zu Sternen werden. Seitdem springen die sieben Schwestern jeden Abend an den Nachthimmel, verfolgt vom Jampijinpa-Mann, der hinter ihnen her ist.

Es faszinierte mich, diese spezielle Songline der Aborigines zu studieren, insbesondere den Teil, in dem die sieben Schwestern zu Sternen werden. Es gibt nämlich auch eine europäische Sieben-Schwestern-Songline in der Evolutionsbiologie: Diese erzählt von der mitochondrialen DNA (mtDNA), die zu sieben Frauen zurückverfolgt werden kann.

Mitochondrien sind die Kraftwerke unserer Zellen. Wir wissen, dass sie einst wahrscheinlich als unabhängige Organismen existierten, die irgendwie lernten, Energie herzustellen, und dann in einem frühen Kapitel der Geschichte des Lebens von gefräßigen Einzellern verschlungen wurden. Männer haben auch mitochondriale DNA, doch diese wird nicht weitergegeben. Daher erbt jeder von uns seine mitochondriale DNA von seiner Mutter, die sie wiederum von ihrer Mutter geerbt hat und so weiter. Tatsächlich können alle Frauen auf eine Urahnin zurückgeführt werden, die sprichwörtliche Eva.

Jedoch treten einmal in etwa tausend Generationen Punktmutationen in der mtDNA auf, und dies führte letztendlich dazu, dass sich alle modernen Bevölkerungsgruppen mit europäischem Ursprung auf der Basis ihres mitochondrialen Erbes in sieben verschiedene genetische Gruppen einteilen lassen. In seinem Buch Die sieben Töchter Evas erläutert Bryan Sykes, dass die jeweiligen »Urmütter« zwar mehrere Jahrtausende zeitlich voneinander getrennt lebten, sie jedoch alle eine gemeinsame Vorfahrin hatten: die mitochondriale Eva.2 Es gibt also tatsächlich sieben mitochondriale Schwestern. Wie so oft imitiert auch hier das Leben die Kunst.

Wenn also die meisten Sterne und Gene bereits kartiert sind, was bedeutet das für uns? Dass wir uns einfach unserem astrologischen oder unserem genetischen Schicksal ergeben müssen? Aber auch Menschen, die an Schicksal oder Vorsehung glauben, müssen nach rechts und links gucken, bevor sie die Straße überqueren. Tatsächlich spielt nämlich die Umwelt eine entscheidende Rolle. So wie unsere Gene beeinflussen, was wir mit unserer Umgebung anstellen, so verändert diese im Gegenzug auch unsere Gene. Genetik und Evolutionsbiologie erzählen als Songlines, was uns menschlich und gesund macht.

Medizin und Gesundheit sind zwei grundsätzlich unterschiedliche Konzepte. Die moderne westliche Medizin geht nach dem Krankheitsprinzip vor: Man hat eine Erkrankung, die geheilt werden muss, entweder mit Chemie oder durch eine Operation. Wir wissen aber, dass manchmal auch Placebos wirken, und zwar dann, wenn wir davon überzeugt sind, dass wir ein echtes Medikament verabreicht bekommen. Dies gilt insbesondere für die Symptomkontrolle. Meist unterschätzen wir aber die Kraft unseres Geistes, die Auswirkungen von Stressreaktionen oder auch den großen Einfluss von Essen und Trinken auf unsere allgemeine Gesundheit – wir alle werden von unserem ganz persönlichen Jampijinpa-Mann quer über den Himmel verfolgt.

Gesundheit setzt eine gewisse Selbstdisziplin voraus. Denn es würde auf Kosten unserer Gesundheit gehen, wenn wir uns vollkommen auf die Medizin verlassen. Gesundheit erlangt man nicht durch Medikamente, ob sie nun synthetisch hergestellt sind oder der Natur entstammen. Medikamente sollen nicht zur Grundversorgung gehören, sondern bestimmte Erkrankungen heilen oder Symptome lindern. Und nicht zuletzt werden selbst in der Gesundheitsbranche wissenschaftlich unhaltbare Produkte vertrieben. Es ist unsere Aufgabe, unsere Gesundheit zu verstehen – und zu diesem Zweck müssen wir in unsere kollektive Vergangenheit zurückblicken, unsere individuellen genetischen Unterschiede erkennen und die Verbindung zwischen geistiger und körperlicher Fitness verstehen. Manchmal muss man sich umschauen, bevor man weitergehen kann.

Vergangenes Jahr las ich Schulkindern aus dem Roman Walkabout von James Vance Marshall vor, einem australischen Klassiker. Darin finden sich unter anderem diese Zeilen:

Es gab die Zeit, entwöhnt zu werden, und die Zeit, im Arm getragen zu werden; die Zeit, mit dem Stamm zu gehen, die Zeit, sich alleine aufzumachen; die Zeit, seine Männlichkeit zu beweisen; und eine Zeit, die Schlingen auszulegen … all diese Dinge wurden der Reihe nach erledigt.3

Ich begriff, dass ich mich auf meinen eigenen Walkabout zum Wohlbefinden begeben musste. Und so nahm ich mir die Zeit, die Wälder der Wissenschaft zu durchstreifen und dabei zu versuchen, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu übersehen. Als meine Neugierde auf die Evolutionsbiologie unserer Vergangenheit mit der Zeit immer größer wurde, veränderte sich auch meine Perspektive: Mich interessierte nicht mehr nur, wo unsere Vorfahren jagten und was sie verspeisten – sondern auch, wie diese Dinge unsere Gene beeinflussten. Dieses Buch ist die dazugehörige Songline, die Geschichte unserer einzigen menschlichen Art, die mit der individuellen und der Familiengeschichte eines jeden von uns kommuniziert. Und die wiederum stellt letztendlich die Blaupause für unsere persönliche, jeweils individuelle Gesundheit dar. Ich nenne sie die (R)Evolutionäre Straße zur Gesundheit.

In diesem Buch beschäftigt sich jedes Kapitel mit einer ganz bestimmten Gruppe von Genen, mit der Rolle, die sie jeweils in unserem Körper spielen – in Hinsicht auf Bewegung, Stressreaktion, Gewicht, Hautpigmentierung und Verdauung –, und mit ihrer Entwicklung. Zudem bieten sie alle praktische Ratschläge, wie man in der heutigen Welt nach Gesundheit streben kann. Ich persönlich habe in meinen 28 Jahren als Arzt nie auch nur einen Tag wegen Krankheit gefehlt. Anfangs hielt ich das für völlig normal – im Gegensatz zu meinen Mitmenschen, die meinen engen Terminplan kennen, meine stressige Arbeit als Chirurg und die wissen, wie viele Auslandsreisen ich absolviere. Das soll nicht heißen, dass ich nicht morgen einem Unfall oder einer Krankheit zum Opfer fallen könnte. Körperlich und psychisch gesund zu sein bedeutet vielmehr, dass man sein Leben voll auskosten kann. Die Zeitschrift Hum (Om) setzte mich sogar einmal auf ihr Titelblatt unter der Schlagzeile: Sharad Paul – das Leben auskosten. Ich war überrascht, als ich das las, denn was ich mache, erfüllt mich schlicht mit Leidenschaft, und das schenkt mir Energie. Oder wie Oprah Winfrey meiner Meinung nach ganz richtig sagt: »Leidenschaft ist Energie.«4

Mit diesem Buch möchte ich zugleich lehren und lernen, sowohl die Botschaft als auch der Bote sein. Auf den folgenden Seiten werden Sie viele Ideen, Quellen und Ratschläge finden. Grundsätzlich geht es jedoch um Sie – um Ihre Vergangenheit und wie diese Sie zu einer besseren Gesundheit führen kann, welche Ernährung zu Ihrem Genotyp passt, welcher Sport und welche Strategien, um mit Stress umzugehen. Aber dann sind Sie an der Reihe mit Ihrem ganz persönlichen Walkabout zum Wohlbefinden. Denn gesund sein heißt nicht nur, dass Sie keine Medikamente brauchen. Gesundheit ist das Leben selbst.

Als Autor, der sowohl Sachbücher wie auch Romane geschrieben hat, werde ich bei Lesungen häufig gefragt, wie ich beim Schreiben vorgehe. Jeder Autor hat in seinen Büchern eine Lieblingszeile. In meinem letzten Roman The Kite Flyers schrieb ich: »Alte Freundschaften sind wie Tunnel in die Vergangenheit. In einem Tunnel sollte jedoch niemand Fragen stellen. Denn in Tunnels schallen zu starke Echos zurück.« Auf meinem Walkabout zum Wohlbefinden stieß ich auf viele Tunnels und erkannte, dass ich viele Fragen stellen musste, selbst wenn mich die Antworten als Wissenschaftler überraschten. Aber die Biologie kennt keine engstirnige Bigotterie: Sie heißt die Zweifler in ihren Reihen ebenso willkommen wie die Gläubigen. Als Arzt und Wissenschaftler musste ich aufmerksam zuhören und sicherstellen, dass ich die evolutionären Echos korrekt in Worte übertrug. In diesem Buch habe ich sie für Sie zusammengetragen: Worte über Essen und Bewegung, Hunger und Gesundheit, Geist und Materie – lauter Dinge, die wesentlich sind, wenn wir die Schönheit des Lebens in vollen Zügen genießen wollen. Und wer will das nicht?

1Die Ich- und die Wir-Gene: Das Persönliche an der Evolution

Das Individuum musste seit jeher Kämpfe ausfechten, um sich gegen den Stamm zu behaupten. Wenn Sie dies tun, dann werden Sie oft alleine sein und manchmal Ängste auszustehen haben. Doch kein Preis ist zu hoch für das Privileg, man selbst sein zu dürfen.Rudyard Kipling

So wie es Kipling ausdrückte, stehen sich Art und Individuum in einem evolutionären Kampf gegenüber. Ein ähnlicher Kampf, wenn auch in kleinerem Maßstab, findet Tag für Tag in unseren Zellen statt. Unsere Gene sind in unseren Chromosomen angesiedelt, die unser Erbgut codieren – sie mögen manche Geheimnisse bewahren, aber grundsätzlich sind sie nicht hinterlistig. Wenn man also denkt, Gene könnten »böse« sein, dann unterstellt man ihnen eine gewisse Form der Menschlichkeit, die sie nicht besitzen. Gene machen, was Gene eben machen: Proteine. Und durch ihre Protein-«Machenschaften« erstellen sie einen Entwurf Ihrer Lebensgeschichte – Umfeld, Charakter und Konfliktlösung –, aber Sie überlassen es Ihnen, wie Sie als Autor die Handlung oder Ihr Schicksal gestalten. Genau wie Lebewesen existieren auch Gene in verschiedenen Formen, aufgrund von Mutationen (abweichenden Versionen eines genetischen Codes), Polymorphismus (das Auftreten von mehreren Variationen eines Gens, die durch Mutationen entstehen und sich unterschiedlich ausdrücken und in Erscheinung treten können) und Allelen (verschiedene Ausprägungsformen eines Gens, die für bestimmte Merkmale verantwortlich sind, zum Beispiel Augenoder Haarfarbe).

Bestimmte Gene dienen dem Wohl der gesamten Art, während sich andere von Individuum zu Individuum unterschiedlich ausdrücken. Ursprünglich wurden die Menschen frei geboren und lebten in Gemeinschaften zusammen, die weder Staatsgrenzen noch individuelle Leistungsmessungen kannten. Als die Gesellschaften immer enger zusammenwuchsen, schlugen Mensch und Gene jedoch grundsätzlich unterschiedliche Richtungen ein. Gene haben sich in mancher Hinsicht für freie Populationen entwickelt – und tatsächlich fällt es doch auf, dass wir Menschen uns freiwillig hinter Zäunen und in abgesperrten Häusern verschanzen, während die anderen Angehörigen des Tierreichs durchdrehen, wenn man sie einpfercht. Und noch ein Unterschied ist augenfällig: Alle anderen Tiere versuchen Bevölkerungskontrolle zu betreiben, um ihre Umwelt zu ihrem eigenen langfristigen Nutzen zu schützen. Krokodile zum Beispiel können sogar das Geschlecht ihrer Nachkommen festlegen, indem sie die Bruttemperatur bestimmen (also ihre Eier mehr oder weniger tief vergraben). In der Natur sind weibliche Babys die Wahl und Männer eher entbehrliche Geschöpfe. Nur bei den Menschen dominieren die Männer – und leider werden in vielen Ländern Asiens noch immer weibliche Föten abgetrieben und neugeborene Mädchen getötet.

Heute leben wir in einer globalisierten, von Männern dominierten Welt, in der unsere Gene nicht mehr wissen, was unser existenzieller Sinn und Zweck ist, und daher vielleicht versuchen, uns zu ganz anderen Wesen zu machen. Im heutigen Zeitalter des Reisens und des Internets können wir unsere Geschlechtspartner aus verschiedensten geografischen Regionen wählen, doch ganz unabhängig davon, wen wir uns aussuchen: Unsere Gene und die unserer Nachkommen werden immer unterschiedlichen Nahrungsspektren und Umwelteinflüssen ausgesetzt sein, die auf sie einwirken. Jeder Mensch ist ein einzigartiges, noch nie dagewesenes Individuum – und er kann die genetischen Karten, die ihm die Natur zugespielt hat, verändern, indem ihm eine einfache Nahrungsumstellung ermöglicht, ein gesundheitlich gefährliches Erbe auszuschlagen. Selbst brutale Gene resultieren nicht zwangsläufig in brutalen Menschen. Zur Evolution mögen zwar auch Gewalt und sogar die Ausrottung bestimmter Arten gehören, dennoch ist niemand ein Sklave seiner Gene. Menschen, die sowohl an Gott und die Gene glauben, stellen sich den Schöpfungsprozess wie einen Vorgang vor, bei dem jemand das Leben mit bloßen Händen modelliert. Aber Evolution bedeutet vor allem Wandel und Fantasie. Vielleicht sollten wir sie uns eher wie ein Kunstwerk vorstellen, dessen wahre Schönheit im Auge des Betrachters – oder des Biologen – liegt.

In der Medizin wissen wir, dass einige Dinge, die gut für die Art sind, für den einzelnen Menschen nicht unbedingt funktionieren müssen. Stillen zum Beispiel ist die beste Methode, um die Fruchtbarkeit innerhalb einer Population zu verringern, weil hormonelle Veränderungen während der Laktation die Reproduktionsfähigkeit der Mutter drosseln – für die Einzelne ist das jedoch keine narrensichere Verhütungsmethode. Die Biologie hat keine Lieblinge, die Menschen schon. Darüber hinaus zieht unsere genetische Konstitution nach sich, dass manche Menschen anders auf Medikamente reagieren. Dies gilt sogar für Scheinmedikamente.

Die Evolution und das »Ich«-Gen

Vor einigen Jahren engagierte ich einen Klempner, der in unserem Haus eine neue Toilette einbauen sollte. Eines Abends vergaß er, das Loch zu verstopfen, das er für die Abflussrohre in die Mauer getrieben hatte. Unser Haus stand nah am Meer auf einem Grundstück mit einem Bach und reichlich Buschland. Und so kam es, dass uns eine Ratte in unserem neuen Raum einen Besuch abstattete. Damals hatten wir noch nicht unseren Schwedischen Vallhund namens Zack; die Hunderasse wird in Schweden als Herdenhund und Rattenfänger eingesetzt. Als wir die Rattenköttel und andere Hinterlassenschaften unseres unwillkommenen Gasts entdeckten, befürchteten wir, dass die Ratte möglicherweise ihre ganze Nagerfamilie auf der Suche nach einem wärmeren Heim mitgebracht habe. Ich rief deshalb einen Kammerjäger, der rund um das Haus Rattenköder auslegte. Dabei fragte er mich, ob wir einen Hund hätten.

»Nein«, antwortete ich. »Warum?«

»Nun, wenn ein Hund den Köder frisst, müssen Sie Vitamin K parat haben.«

Das geben wir doch Patienten mit einer Überdosis Warfarin, dachte ich.

Nachdem die Ratte verschwunden war, öffnete ich einen der Köder, die der Mann rund um das Haus ausgelegt hatte, und fand darin einige Warfarin-Tabletten, die nicht einmal mit einem Zuckerüberzug oder Ähnlichem schmackhafter gemacht worden waren. Ratten sind nicht heikel. Offensichtlich stand dahinter die Idee, den Tieren eine Überdosis Gerinnungshemmer zu verpassen, damit sie innerlich verbluteten.

Warfarin ist weltweit einer der gängigsten Wirkstoffe zur Blutverdünnung. Ja, genau, dieses Rattengift wird tatsächlich Menschen verschrieben, um ihr Blut zu verdünnen, damit sich keine Gerinnsel bilden. Wenn wir in meiner Hautarztpraxis vor einer Operation die nötigen Untersuchungen durchführen, fällt mir immer wieder auf, wie vielen älteren Menschen es verschrieben wird – hauptsächlich, um Blutgerinnsel zu vermeiden, die sich durch Herzrhythmusstörungen bilden. Der Anteil der Bevölkerung, der mit Warfarin behandelt wird, ist von 1993 bis 2008 dramatisch von 0,63 Prozent auf 2,28 Prozent gestiegen.5 Und da Hautkrebs meist bei älteren Menschen auftritt, laufen mir in meiner Praxis viele Warfarin-Patienten über den Weg.

In früheren Zeiten setzten Ärzte Blutegel an, um das Blut zu verdünnen. Dann entdeckte vor rund hundert Jahren der Medizinstudent Jay McLean an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore das Heparin, das er aus Tierlebern extrahierte. Später entdeckte man das Cumarin. Der Pflanzenstoff kommt natürlich in Steinklee vor, der häufig als Tierfutter dient. Wird der Klee jedoch von einem Pilz befallen, dann wird aus dem Cumarin der natürliche Gerinnungshemmer Dicumarol, der dem Vitamin K entgegenwirkt und so Blutungen verursachen kann. Von Kühen wusste man schon, dass sie innerlich verbluteten, nachdem sie verschimmelten Steinklee gefressen hatten. Diese Erkenntnis führte zur synthetischen Herstellung von Warfarin – die Substanz wurde an der Universität von Wisconsin entdeckt und deshalb nach ihr, genauer gesagt nach ihrer Stiftungs-Forschungseinrichtung benannt: Wisconsin Alumni Research Foundation oder WARF. Die Endung »arin« zeigt, dass es sich dabei um ein Cumarinderivat handelt.

Blutverdünnende Medikamente zur Verhinderung von Embolien (teilweiser oder vollständiger Verschluss eines Blutgefäßes) sind insofern problematisch, als die Patienten ganz unterschiedlich darauf ansprechen und es deshalb nicht selten zu unvorhergesehenen und ernsthaften Komplikationen kommt. Ich habe mich mit den Gerinnungshemmern Clopidogrel (das man üblicherweise bei koronarer Herzerkrankung nach dem Einsetzen von Stents oder Operationen gibt, um Blutgerinnsel zu verhindern) und Warfarin beschäftigt, weil diese Wirkstoffe eine »geringe therapeutische Breite« haben – im Medizinerjargon bedeutet dies, dass bei einem Arzneimittel der Unterschied zwischen einer gefährlichen und einer therapeutisch wirksamen Dosis sehr klein ist und seine Gabe deshalb engmaschig überwacht werden muss. Und da Patienten darüber hinaus unterschiedlich reagieren, sind Gerinnungshemmer prädestiniert für eine individuell abgestimmte medikamentöse Therapie – in anderen Worten, für eine auf den jeweiligen Gentypus abgestimmte Wirkstoffdosierung.

Die unterschiedliche Giftigkeit von Warfarin ergibt sich durch vererbbare Unterschiede im Gen CYP2C9, das mit der Enzymsuperfamilie Cytochrom P450 verbunden ist. Desgleichen ergab sich in Studien, dass Clopidogrel bei Menschen mit einer bestimmten Allelvariante weniger stark der Zusammenlagerung von Blutplättchen entgegenwirkte – also bei Menschen, die andere Merkmale auf einem bestimmten Chromosom aufwiesen, und zwar in diesem Fall der Loss-of-function-Variante im Gen CYP2C19 (CYP2C19*2), das ebenfalls zur Cytochrom-P450-Familie gehört. In der Folge erlitten sie häufiger kardiale Ereignisse (das Herz betreffende Komplikationen) und insbesondere Thrombosen (wenn ein Blutgerinnsel ein Gefäß vollständig verschließt).

Nachdem Gentests inzwischen deutlich billiger geworden sind, wird die Verschreibung von Medikamenten meiner Ansicht nach in Zukunft immer mehr auf den jeweiligen Gentyp abgestimmt werden. So empfahl die US-Arzneimittelüberwachungsbehörde FDA schon 2007 Gentests für Patienten, um deren Reaktion auf Warfarin vorherzusehen. Solche individuell zugeschnittenen Dosierungen werden für mehr Medikamente zum Standard werden, sobald es in der Schulmedizin üblicher wird, diese auf der Basis von individuellen Genvariationen zu bestimmen.

Die Generation der sogenannten Millennials wird häufig als die »Ich«-Generation bezeichnet – mehr mit sich selbst beschäftigt, weniger ihrer selbst bewusst. Vielleicht müssen die Gene ja einfach ihrem Beispiel folgen und ihre Träger nachahmen, indem sie an die heutige Generation nach eigenem Ermessen zelluläre Befehle ausgeben – an eine Generation, deren Angehörige nicht mehr in festen Verbänden oder gemeinschaftlich miteinander verbunden sind, sondern von einer Technologie abhängen, über die sich immer wieder neue Gruppen lose zusammenfinden. Als die Menschen in den letzten 50 000 Jahren im Zuge ihrer Wanderungen ihre Ernährung immer wieder änderten, bewirkten genau diese neuen Gewohnheiten in einigen Populationen neue Genexpressionen. Bisweilen wurden nicht nur Individuen zu Genschöpfern, sondern ganze Gesellschaften. Dies erklärt, weshalb in bestimmten Bevölkerungsgruppen kollektive genetische Variationen auftreten.

Die Evolution und der DD-Effekt

Die letzten 50 000 Jahre waren für uns eine besonders rapide Evolutionsphase. Verglichen mit anderen Primaten hat sich die Genregulation der Menschen sehr schnell verändert. Der Grund dafür sind Demografie und Diaspora – ich nenne es den »DD-Effekt«.

Zum einen hat das gewaltige Anwachsen der Bevölkerung so viele genetische Mutanten erzeugt, dass die natürliche Selektion gleichsam abgehängt wurde. Zum anderen haben sich die Menschen von ihren Ursprungsregionen immer weiter entfernt und zudem ihre Ernährungs- und Verhaltensweisen in großem Maß angeglichen. Durch die Globalisierung können wir heute überall in der Welt Pizza, Paella und Phat Thai bekommen. Aber das entspricht nicht unserer Entwicklungsgeschichte. Unsere Gene sind mikroskopisch kleine Codierungsroboter, die uns für eine ganz bestimmte vorhergesagte Zukunft rüsten – die aber nicht notwendigerweise dann auch so erfolgt.

Dass Gentypen stark beeinflussen können, wie Einzelne auf Medikamente reagieren, habe ich schon beschrieben. Als sich die Menschen auf der Erde verbreiteten, entwickelten sie unterschiedliche Hautfarben, um sich an die Sonneneinstrahlung in den verschiedenen Weltgegenden anzupassen (dazu später mehr), sowie das Konzept der Nationalität, das im Endeffekt ihre Bewegungsfreiheit einschränkte und zu mehr Inzucht führte. Daher treten in bestimmten Bevölkerungsgruppen auch bestimmte Arzneimittelempfindlichkeiten auf.

Wir haben bereits über Blutverdünner und die Genvariante CYP2C19*2 gesprochen. CYP2C19 ist eines der wichtigsten Enzyme, durch die der Blutverdünner Clopidogrel durch die Leber außer Kraft gesetzt wird. Allerdings tritt diese abweichende Variante bei nur zwei Prozent der Menschen weißer Hautfarbe auf, unter Afroamerikanern liegt der Anteil mit vier Prozent doppelt so hoch. Weit übertroffen werden diese Zahlen jedoch von den Chinesen, unter denen 14 Prozent diese Genvariante aufweisen.

Entwicklungsbiologie ist für das Verständnis von verschiedenen Krankheiten so wichtig, weil wir trotz steten Fortschreitens der Evolution nach wie vor ein großes Erbe aus evolutionär konservierten alten Genen mit uns tragen – wir können zwar unseren Lebensstil und unsere Umwelt verändern, aber unserer Vergangenheit können wir nicht entkommen. Viele unserer Gene wurden durch die Ernährung und den Lebensstil unserer Vorfahren geprägt. Doch gerade die Gene, die an grundlegenden biochemischen und anatomischen Veränderungen beteiligt sind, haben sich in den letzten 70 000 Jahren weitgehend unverändert erhalten, selbst wenn sie sich vielleicht anders exprimieren. Für jemanden, der auf dem Gebiet der Genetik oder Entwicklungsbiologie forscht, bietet diese Tatsache einen hinreichenden, triftigen Grund, unsere Vergangenheit zu untersuchen.

Gene sind nämlich, wie es der renommierte Wissenschaftler Richard Dawkins formuliert hat, grundsätzlich egoistisch. Für ein Gen bedeutet »Survival of the fittest« – das Überleben des am besten Angepassten – grundsätzlich, das eigene Überleben und nicht unbedingt die Zukunftsfähigkeit ihres Trägers zu sichern.6 Es gibt Millionen von Genen, und häufig sind ihre Namen nur die Abkürzungen der Funktionen der Proteine, für die sie codieren. In jeder Zelle bewahren Gene Erinnerungen von vergangenen Populationen, die nur darauf warten, aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt zu werden. Das bedeutet, dass Verhalten häufig vorgegeben ist: Mein Hund dreht sich vor dem Schlafenlegen immer noch im Kreis und kratzt wie wild an seiner Decke, als müsse er wie einst seine Vorfahren zuerst Pflanzen niedertrampeln oder sich im Schnee eine Höhle graben. Unsere Gene bestimmen unser Verhalten, aber gleichzeitig beeinflusst unser Verhalten auch unsere Gene – dem wunderschönen wissenschaftlichen Konzept »Anlage oder Umwelt« unterliegt unterschwellig ein genetischer Einfluss. Unsere innere und äußere Umgebung bietet uns eine Möglichkeit, unsere Gene genau anzupassen, um zum Beispiel eine Laktosetoleranz oder die Kampf-oder-Flucht-Reaktion zu entwickeln. Aber ohne die wissenschaftlichen Fachkenntnisse über unsere Vergangenheit sind wir letztlich ein Baum ohne starke Wurzeln.

Auf dem Dalkey Book Festival in Dublin lernte ich den berühmten irischen Schriftsteller John Banville kennen, der für seinen Roman Die See mehrfach ausgezeichnet wurde. Ein Satz darin beeindruckte mich besonders: »In mir pocht die Vergangenheit gleich einem zweiten Herzen.« Seien wir also unseren Herzen treu.

Egoistische Gene, hilfsbereite Menschen

In der Genwelt passiert nicht viel, außer dass Proteine hergestellt werden und sich daraus biochemische Veränderungen ergeben. All dies geschieht in den winzigen Dimensionen im Inneren einer Zelle und ist doch großes Theater – ein Theater mit wenig Eingängen, aber vielen Ausgängen. Wenn man sich genügend anstrengt, kann man allem entkommen, selbst seiner Abstammung oder furchterregenden Jampijinpa-Männern.

In seinem Buch Der erweiterte Phänotyp geht Richard Dawkins davon aus, dass Gene lediglich die Herstellung von Proteinen steuern. Die Auswirkung eines Gens wird damit auch durch das Verhalten des Organismus beeinflusst. In gewisser Weise ist das sehr sinnvoll: Selbst wenn man Gene besitzt, die ein bestimmtes Krankheitsrisiko anzeigen, so können doch Verhalten und Lebensstil beeinflussen, wie erfolgreich sich die Aktivierung dieser Gene gestaltet.

»Das Verhalten eines Tieres tendiert dahin, das Überleben der Gene ›für‹ dieses Verhalten zu maximieren«,7 erläutert Dawkins, der zudem vom »egoistischen Gen« spricht:

Lasst uns versuchen, Großzügigkeit und Selbstlosigkeit zu lehren, denn wir sind egoistisch geboren. Lasst uns verstehen lernen, was unsere eigenen egoistischen Gene vorhaben, denn dann haben wir vielleicht die Chance, ihre Pläne zu durchkreuzen – etwas, das keine andere Art bisher jemals angestrebt hat.8

Im Wesentlichen sind Gene nur in der Proteinfertigung tätig – nicht mehr und nicht weniger. Was die Gene anbetrifft, ist jede Verbesserung oder Verschlechterung der Gesundheit purer Zufall. Aber wenn Gene grundsätzlich egoistisch sind, ist deshalb auch der Mensch grundsätzlich nicht großzügig? Kurz gesagt: Nein.

2004 traf ein gewaltiger Tsunami Thailand – die gigantische Welle hinterließ in 14 Ländern eine Spur der Zerstörung und tötete über 200 000 Menschen. Das tschechische Supermodel Petra Nemcová war damals mit ihrem Verlobten, dem Fotografen Simon Atlee, auf Urlaub in Thailand. Petra kann sich nur noch daran erinnern, das Simon »Petra, Petra!« schrie – es war das letzte Mal, dass sie ihren Freund sehen sollte. Petra erlitt Knochenbrüche, hatte ein zertrümmertes Becken und Blutergüsse an den Nieren. Zunächst sah es so aus, als würde sie gelähmt bleiben, doch tatsächlich wurde sie mit der Zeit wieder gesund.

Und sie kehrte nach Thailand zurück, weil sie den von der Naturkatastrophe betroffenen Kindern helfen wollte, ihr Leben wiederaufzubauen. Ihr war klar, dass sie schon bald nach der ersten Katastrophenhilfe in Vergessenheit geraten würden. So wie ein Klinikarzt die Bedürfnisse eines Patienten vergisst, sobald dieser aus dem Krankenhaus entlassen ist. Warum aber zog es Petra nach Thailand zurück? Schließlich geht man doch davon aus, dass Supermodels in der Regel im exklusiven Dunstkreis diamantenglitzernder Prominenz arbeiten – und eingebildet und arrogant sind, oder? Aber Petras Großmut hat das Leben Tausender Menschen verändert. Sie nutzte ihre Bekanntheit, um Geld zu sammeln und dringend nötige Hilfe zu ermöglichen.

Dacher Keltner, der Gründer des Greater Good Science Center und Professor für Psychologie an der University of California in Berkeley, erforscht den Zusammenhang zwischen Großzügigkeit und Genetik. Weil unser Nachwuchs so verletzlich und gefährdet ist, geht er davon aus, dass es für das menschliche Überleben und die Genreplikation grundsätzlich erforderlich ist, sich um andere zu kümmern.9 In seinem Buch Born to Be Good: The Science of a Meaningful Life führt Keltner an, dass Darwin in Die Abstammung des Menschen sage und schreibe 99-mal »Güte« erwähnt, und verweist auf diese Schlüsselpassage:

Denn erstens führen die sozialen Instincte ein Thier dazu, Vergnügen an der Gesellschaft seiner Genossen zu empfinden, einen gewissen Grad von Sympathie mit ihnen zu fühlen und verschiedene Dienste für sie zu verrichten […] Derartige Handlungen, wie die ebengenannten, scheinen das einfache Resultat davon zu sein, dass die socialen oder mütterlichen Instincte stärker sind als irgendwelche anderen Instincte oder Motive; denn um Folge einer Ueberlegung oder eines Gefühls von Freude oder Schmerz sein zu können, werden sie zu augenblicklich ausgeübt, wennschon die Nichtausübung ein Unbehagen veranlassen würde.10

Ganz offensichtlich war Darwin der Meinung, dass unsere Neigung zu Mitgefühl sowohl instinktmäßig als auch erworben ist – und tatsächlich stärker als unser Selbsterhaltungstrieb. Eben das hat Petra Nemcová zurück nach Thailand geführt, noch bevor die Katastrophe ganz überwunden war.

Wissenschaftliche Forschungen zeigen zunehmend, dass der Homo sapiens sich eben deshalb über den ganzen Planeten verbreitete, weil er die Fähigkeit besitzt, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere zu sorgen. Und so wie das bei vielen anderen menschlichen Eigenschaften der Fall ist, hat vielleicht auch unser Altruismus letztlich eine genetische Grundlage.

Professor Jordan Grafman von den National Institutes of Health in den USA leitete eine von zwei Studien, die in der Mitte der Nullerjahre untersuchten, wo im Gehirn der Impuls zur Großzügigkeit angesiedelt ist und warum es sich so gut anfühlt, anderen zu helfen.11 In beiden Studien bat man die Probanden, einer Wohltätigkeitsorganisation zu spenden, und untersuchte die dadurch ausgelöste Gehirnaktivität mithilfe der funktionalen Magnetresonanztomografie (fMRT). Dieses bildgebende Verfahren macht die Gehirnaktivität sichtbar, indem es physische Veränderungen, beispielsweise der Durchblutung, darstellt, die auf die Aktivität von Neuronen zurückgehen.

Als die freiwilligen Teilnehmer fremde Interessen über ihre eigenen stellten, aktivierte ihre Großzügigkeit einen entwicklungsgeschichtlich alten Teil des Gehirns, der normalerweise als Reaktion auf Essen oder Sex aufleuchtet: den präfrontalen Kortex. Die Spende löste aus, dass beide Belohnungssysteme des Gehirns zusammenarbeiteten: die Area tegmentalis ventralis, die von Nahrung, Sex, Drogen und Geld stimuliert wird, und das Brodmann-Areal 25, das reagiert, wenn Menschen Babys oder ihren Liebespartner erblicken. Für uns ist dies nur zum Besten, bedeutet es doch zum einen, dass wir anderen helfen, und zum anderen sind die gesundheitlichen Risiken weitaus geringer, wenn man nach Großzügigkeit süchtig ist statt nach Alkohol oder Sex – jedenfalls habe ich in meiner ganzen Zeit als Arzt noch nie erlebt, dass jemand ins Krankenhaus eingeliefert wurde, weil er unter akuter Großzügigkeit litt!

Darwins Evolutionstheorie bezieht sich auf die Anpassungsstärke von Populationen und nicht auf körperliche Stärke. Gemeint ist die Fähigkeit einer Population, ihre Art zu vermehren – also bis zum fortpflanzungsfähigen Alter zu überleben, einen Partner zu finden und Nachkommen zu zeugen. Und wie Darwin so richtig bemerkte, ist Großzügigkeit ein enormer Vorteil für das Überleben einer Population.

Dem »Paradox der Großzügigkeit« gingen die beiden Soziologen Christian Smith und Hilary Davidson im Rahmen der Science of Generosity Initiative der Universität Notre Dame in den USA nach.12 Für ihre Studie beobachteten sie 2000 Menschen über einen Zeitraum von fünf Jahren, befragten 40 Familien aus verschiedenen Schichten und mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen aus zwölf US-Bundesstaaten und vollzogen deren »Geber«-Verhalten und Lebensstile nach. Menschen, die sich selbst als »sehr glücklich« beschrieben, leisteten im Durchschnitt 5,8 Stunden pro Monat ehrenamtliche Arbeit. Menschen, die sich als »unglücklich« betrachteten, halfen hingegen nur 0,6 Stunden pro Monat anderen. Und fast die Hälfte der Großzügigen erfreute sich bester Gesundheit (48 Prozent) im Vergleich zu nur einem knappen Drittel (31 Prozent) der »nicht Großzügigen«. In anderen Worten: Es gibt einen Grund, dass Geben und Großzügigkeit für das menschliche Überleben entscheidend sind, und unsere Gene tun diensteifrig das ihrige dazu. Und wir wissen auch, dass Menschen, die bestimmte Varianten des Gens AVPR1a besitzen, im Durchschnitt fast 50 Prozent mehr spendeten als Menschen, die diese Varianten nicht haben. Für unser persönliches Wohlergehen lässt sich daraus schließen, dass die Lösung für Geiz nicht heißt, sich in sein Schicksal zu ergeben, sondern freigiebig zu sein. Denn wie wir gerade erörtert haben: Knickrigkeit führt nur dazu, dass man geknickt ist.

Genetischer Individualismus

Die wissenschaftliche Erforschung unserer Gene und der unserer Vorfahren hilft uns nicht nur, die Entwicklung der Menschheit über die Jahrtausende besser zu verstehen. Sie zeigt uns auch, wie einzigartig unser Erbgut ist und wie es unser Leben beeinflusst. Heute kann man seine Gene auf viele Ernährungs- und körperliche Marker testen lassen. Ich vereinbare solche Tests routinemäßig für meine Patienten, wenn sie daran interessiert sind, und ganz sicher werden sie in Zukunft alltäglicher werden. Ich würde das begrüßen, denn unsere Gene machen uns zum Beispiel schnell deutlich, warum wir eine ausgewogene und vielfältige Ernährung brauchen. Auf den Einzelnen abgestimmte Gesundheitsfürsorge, die auf dem jeweiligen genetischen Fingerabdruck beruht, ist schon in Aussicht – nicht nur zur Prävention gegen Krankheiten wie hoher Blutdruck oder Diabetes, sondern auch zur individuell angepassten Krebstherapie. Letzteres wird schon zunehmend üblich in der Onkologie, da viele Krebstherapien auf genetischen Markern basieren.

Gibt es vielleicht sogar ein Gen für berufliche Veranlagung? So sehen ja die einen den Beruf des Arztes als Berufung und die anderen als einen Job zum Broterwerb. Ich jedenfalls war von Anfang an dafür bestimmt – und reiße häufig Witze darüber, dass diese Berufung in meinen Familiengenen verankert ist. Meine Eltern, meine Großeltern mütterlicherseits sowie mehrere Onkel und Tanten waren Ärzte – Chirurgen, praktische Ärzte, Hautärzte, Augenärzte und Psychiater. Meine Großmutter leistete Pionierarbeit und studierte Medizin zu einer Zeit, als Frauen zwar dieselbe Ausbildung wie die Männer absolvierten, doch nur Männer sich nach dem Studium »Arzt« nennen durften. Frauen wie meine Großmutter hingegen wurden »geprüfte medizinische Fachkraft« genannt.

Als meine Großmutter Medizin studierte, gab es noch keine Medikamente gegen hohen Blutdruck. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde der arterielle Blutdruck nicht einmal klinisch gemessen. Als meine Großmutter hohen Blutdruck entwickelte, wusste sie genau, dass sie ernsthaft erkrankt war, und sie war sich vor allem darüber bewusst, dass sich die Komplikationen nicht behandeln ließen.

Meine Großmutter hatte die Karriereleiter bis zur Bezirksamtsärztin in Britisch-Indien erklommen. Das war für sie nicht einfach: Sie wurde ständig versetzt, und dass sie sich traute, Korruption anzuprangern, wenn Angestellte im Gesundheitsdienst Medikamente stahlen und auf eigene Rechnung verkauften, machte ihr das Leben sicher auch nicht leichter. Möglicherweise bereitete ihr dies viel Stress, der zu ihrer Krankheit beitrug, aber sie war ein leuchtendes Vorbild für viele Menschen, nicht nur in meiner Familie. Denn wir bestreiten zwar unseren Lebensunterhalt mit dem, was wir erwerben, aber am Ende zählt doch, was wir gegeben haben.

Der frühe Tod meiner Großmutter hätte wohl verhindert werden können, wäre da nicht dieses sture medizinische Desinteresse gewesen. Bis in die 1960er-Jahre hinein glaubten viele Ärzte, dass Bluthochdruck durch Arterienerkrankungen verursacht wird – und nicht umgekehrt Arterienerkrankungen eine Folge von Bluthochdruck sind. Infolgedessen behandelten sie die Krankheit nicht, und es zirkulierten Scherze wie: »Wen soll ich denn da behandeln? Das Messgerät vielleicht?«13 Unter Medizinern braucht es wie in anderen Zünften oftmals sehr viel Zeit, bis sich Veränderungen durchsetzen, und bis heute ereignen sich bis dahin bisweilen vermeidbare Tragödien.

Der Zusammenhang zwischen Bluthochdruck und Salzkonsum wurde bereits 1904 in Paris von zwei Medizinstudenten entdeckt. Dabei dachten Leo Ambard und Eugène Beaujard anfangs noch, es sei das Chlor im Kochsalz (Natriumchlorid), das für die negativen Effekte verantwortlich sei, nicht das Natrium. Die Entdeckung führte jedenfalls in den 1940er-Jahren dazu, dass Diuretika (Mittel, die die Wasser- und Salzausscheidung fördern) als Prüfarzneimittel gegen Bluthochdruck entwickelt wurden. Meine Großmutter litt unter maligner Hypertonie (gefährlichem Bluthochdruck, der zu schweren Organschäden führt). Diese Medikamente hätten meiner Großmutter das Leben retten können, hätte die Medizinergemeinde den Zusammenhang eher hergestellt und endlich Bluthochdruck behandelt. Doch erst 1947 wurde die maligne Hypertonie behandelt, zunächst mit Pentaquin, einem Arzneistoff gegen Malaria aus dem Zweiten Weltkrieg. Später entwickelte man wirksamere Medikamente, doch bis diese den weiten Weg bis ins südliche Indien fanden und von Hausärzten routinemäßig verschrieben wurden, war es für meine Großmutter schon zu spät.

Die Evolution und die »Wir«-Gene

Manchmal werden Gene in bestimmten Weltregionen aufgrund der dortigen Umweltbedingungen exprimiert. Bei der Krankheit Thalassämie zum Beispiel wird nicht genug Hämoglobin gebildet, das heißt, es kommt zu einer Anämie, einer Blutarmut. Allerdings schützt die milde Form der Thalassämie vor Malaria. Thalassämie ist weit verbreitet in Ländern, in denen Malaria auftritt, zum Beispiel in Südasien und Afrika.

In einer groß angelegten Studie untersuchten Wissenschaftler aus Oxford und Kenia, welche Auswirkungen die sogenannte Alpha-Thalassämie auf Kinder hat, die an Malaria und Durchfall erkrankt sind. Beide Krankheiten fordern unter afrikanischen Kindern Jahr für Jahr Tausende Todesopfer.14 Sie fanden heraus, dass Kinder mit einer Alpha-Thalassämie, bei der nur eines oder zwei von den Alpha-Globin-Genen ausfällt, wesentlich seltener wegen Malaria ins Krankenhaus eingewiesen wurden. Dies ist wichtig für die Entwicklung von zukünftigen Malaria-Impfstoffen.

Obwohl es mittlerweile zahlreiche Belege dafür gibt, dass Salzkonsum und Bluthochdruck in Zusammenhang stehen, erzählen einem Leute immer noch zum Beispiel: »Ach, mein Onkel hat kiloweise Salz gegessen und hatte nie hohen Blutdruck.« Und vielleicht kennen Sie auch den häufig zitierten Spruch: »Französinnen werden nicht dick«? Mein Vater zum Beispiel verzehrt viel Salz. Wenn wir zusammen essen, nennen wir ihn den »Salzmann«, weil er großzügig Salz über alles und jedes streut, was er zu verspeisen gedenkt. Sein Blutdruck war jedoch immer normal, und er ist jetzt schon über 80 Jahre alt. Da es in unserer Familie also ganz unterschiedliche Reaktionen auf Salz gibt, wollte ich mich und meine Tochter auf unsere verwandtschaftlichen Salzgene hin testen lassen. Wir wollten wissen, ob sie die Veranlagung ihrer Urgroßmutter zum Bluthochdruck geerbt hatte oder den Salzschutz ihres Großvaters.

Das für die Regulation des Salzhaushalts zuständige ACE-Gen ist nach dem Angiotensin-konvertierenden Enzym (englisch: Angiotensin-converting enzyme) benannt. ACE-Hemmer sind gängige Medikamente zur Blutdrucksenkung und gegen arterielle Verschlusskrankheit. Das ACE-Gen befiehlt dem Körper, das Angiotensin-konvertierende Enzym herzustellen. Wir kennen auch die Risiko-Varianten dieses Gens: GA und AA. Menschen mit GA- oder AA-Varianten des ACE-Gens haben ein höheres Risiko, Bluthochdruck zu entwickeln, wenn sie viel Salz verzehren. Menschen mit der GG-Variante des Gens weisen kein gesteigertes Risiko auf.

Es stellte sich heraus, dass ich die AA-Variante habe, also meinen Salzkonsum niedrig halten sollte (mehr über den Salzgehalt von Lebensmitteln in Kapitel 6). Meine Tochter hingegen hat die GA-Variante, also ebenfalls eine Hochrisiko-Variante. Als Papas Töchterchen konnte sie in diesem Fall ihrem genetischen Schicksal nicht entgehen.

Es stellte sich außerdem heraus, dass ich eine normale Variante des CYP1A2-Gens besitze, das die Koffeinverträglichkeit steuert. Meine Tochter hingegen hat eine abweichende Variante. Dies bedeutet für sie, dass sie weniger Kaffee trinken sollte, weil sie sonst irgendwann eine Herzerkrankung entwickeln könnte. Gene wie diese Kaffee-Gene entstehen durch Veränderungen in der menschlichen Ernährung und durch Experimentieren – sie sind also »Wir«-Gene.

Der genetische Bauplan unserer Spezies hat sich herausgebildet, als ein Teil der Menschheit Afrika verließ und sich auf seine entwicklungsgeschichtlichen Walkabouts machte. Diese Menschen eroberten neue Kontinente, fanden dort neue Nahrungsmittel vor, und natürlich wussten sie nicht, dass sich mit dem Wandel von Aufenthaltsort und Ernährung auch ihre Gene veränderten. Wie wir in den späteren Kapiteln noch sehen werden, tragen wir durch das neue Leben am und vom Meer, die Einführung der Landwirtschaft sowie durch andere Veränderungen in der Lebensweise im Lauf der Jahrtausende ein jeweils unterschiedliches genetisches Gepäck.

Doch geht es im Leben nicht stets um neue Entdeckungen und Errungenschaften, von Freundschaften und neuen Ländern über Tiere und Pflanzen zu technischen Fortschritten und schöner Kunst in all ihren Formen? Unsere Gene reagieren sowohl auf unsere Ortswechsel als auch auf unsere Ernährung. Dass jedoch die Evolution in den letzten 50 000 Jahren schneller voranschritt als je zuvor, liegt eben an Veränderungen in unserer Lebensweise.

Dean Ornish, Professor an der medizinischen Fakultät der University of California in San Francisco, ist fest davon überzeugt, dass wir durch unseren Lebensstil unsere Gene beeinflussen können. In einem Interview erklärte er:

J. Craig Venter hat uns eine Art gezeigt, wie man seine Gene verändern kann, indem man nämlich neue erzeugt. Dagegen stellen wir fest, dass man seine Genexpression auch auf andere Art verändern kann, indem man einfach seinen Lebensstil verändert … Wir haben herausgefunden, dass ein anderer Lebensstil die Genexpression tatsächlich verändert. Nach nur drei Monaten wurden schon mehr als 500 Gene entweder höher oder niedriger reguliert – oder einfach ausgedrückt: Man kann Gene einschalten, die vielen chronischen Krankheiten vorbeugen, und andere ausschalten, Gene, die zu koronaren Herzerkrankungen führen, Onkogene, die mit Brust- oder Prostatakrebs in Verbindung stehen, Gene, die Entzündungen und oxidativen Stress begünstigen, und so weiter.15

Ornish und Venter haben also entdeckt, dass wir durch eine Veränderung im Lebensstil gute Gene ein- und unerwünschte ausschalten können. Wir können der Wandel sein, den wir in unserem genetischen Fingerabdruck verwirklicht sehen möchten. Und ganz sicher schulden wir es der uns nachfolgenden Generation, diese Veränderungen umzusetzen.

Evolution und Arzneimittelwirksamkeit

Das Streben nach Wohlbefinden hat Ärzte in West und Ost seit Jahrtausenden zu immer neuen Fortschritten inspiriert. In jüngster Zeit allerdings lässt uns unser schnelles Leben nach chemischen Abkürzungen suchen. Aber wäre es nicht besser, wenn man schon wüsste, wie man wahrscheinlich auf ein Medikament reagiert, bevor man die Pillen einwirft?

Wie oben beschrieben, sprechen Menschen aufgrund ihrer genetischen Besonderheiten auf blutverdünnende Medikamente unterschiedlich an. Es ist besonders wichtig, dies zu verstehen und die Arzneimittelgaben individuell anzupassen, weil bei manchen Menschen ihre besonderen Erbanlagen dafür sorgen können, dass bestimmte Medikamente bei ihnen nicht wirken. Und mehr noch: Selbst unsere Reaktion auf Scheinmedikamente wird von den Genen beeinflusst.

Wirksame Placebos sind keine neue Erfindung, und sie wurden auch bereits eingehend studiert. An der medizinischen Fakultät der Universität Harvard konzentriert sich Professor Ted Kaptchuk in seiner Forschung darauf, den Placeboeffekt zu verstehen. In einer Studie teilte er Migränepatienten in drei Gruppen ein: Eine Gruppe erhielt ein Migränemittel, die andere Akupunktur und die dritte ein Placebo. Wie erwartet besserten sich die Beschwerden bei den Patienten mit dem Migränemittel und bei den Akupunktierten, bei den Placebo-Patienten jedoch nicht. Doch Kaptchuks Team hatte die Probanden bewusst getäuscht: Die Gruppe mit dem Migränemedikament hatte das Placebo bekommen und umgekehrt, während die Akupunkturnadeln falsch waren und nicht einmal in die Haut eindrangen. Und trotzdem ging es den Patienten besser!

Neuere Studien zeigen, dass die psychische Fähigkeit zu einer Heilung durch bloßen Glauben offenbar genetisch bedingt ist. Kaptchuks Team hat mittlerweile mehrere Gene identifiziert, die für die Placebo-Antwort verantwortlich sind, und dachte sich sogar für die weitere Erforschung dieses Gebiets einen neuen Begriff aus: Placebome, eine Kombination aus Placebo und Genome.

Der erste Placebo-Biomarker ist das COMT-Gen, das nach dem Enzym Catechol-O-Methyltransferase benannt ist. Es bestimmt das Ausmaß der Placebo-Antwort eines Menschen – also wie wahrscheinlich er auf nichtmedikamentöse oder alternative Therapien reagiert. Menschen mit zwei Allelen einer bestimmten Variante des COMT-Gens weisen mehr Dopamin im präfrontalen Kortex des Gehirns auf. Wie wir in späteren Kapiteln noch sehen werden, beeinflusst das COMT-Gen den Spiegel dieses Neurotransmitters im Gehirn.

Passenderweise schrieb der Wissenschaftsjournalist David Derbyshire in der britischen Zeitung The Guardian über Akupunktur:

Trotz mehr als 3000 wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema »Akupunktur« seit den 1970er-Jahren gibt es keinen Beweis dafür, dass es eine dem Qi ähnelnde Kraft überhaupt gibt oder dass sie entlang unsichtbarer Energiebahnen fließt. Das Konzept basiert auf einem mehr als 2000 Jahre alten Missverständnis in Bezug auf den Körper und einer Kultur, die keine medizinischen Sektionen ausführte […] Doch nur, weil das Qi in der Medizinwissenschaft keine Bedeutung hat, heißt das noch lange nicht, dass die Akupunktur nicht wirkt.16

Im selben Artikel wird Mark Bovey, der Präsident des British Acupuncture Council, zitiert: »Einige Patienten profitieren mehr davon, andere weniger. Daher ist es sinnvoller, sich die Menschen genauer anzusehen, denen sie außerordentlich guttut.«17

Charlotte Paterson, Professorin für die Erforschung von gesundheitlichen Dienstleistungen an der britischen Universität Exeter, hat sich mit der Wirkung von Akupunktur auf jene Menschen beschäftigt, die regelmäßig Arztpraxen mit Symptomen und Schmerzen aufsuchten, die von westlichen Ärzten nicht diagnostiziert werden konnten.18 Sie fand heraus, dass die Patienten sich nach einer Akupunkturbehandlung sehr viel besser fühlten und diese Wirkung zwölf Monate nach der Behandlung anhielt. Darüber hinaus hat die britische Gesundheitsbehörde National Health Service ermittelt, dass durch Akupunktur die Kosten für Krankenhauseinweisungen zurückgehen – und deshalb bezahlt sie diese Behandlungsform weiter, weil sich durch sie teure Krankenhausaufenthalte abwenden lassen.

Der Placeboeffekt im Zusammenspiel mit dem COMT-Gen lässt vermuten, dass Behandlungen wie Energieheilung, Akupunktur oder Homöopathie, die in streng klinischen Studien keine Wirkung zeigten, bei bestimmten Menschen dennoch anschlagen können. Dafür braucht man sich nicht zu schämen: Menschen mit dem COMT-Allel, das für einen hohen Dopaminspiegel sorgt, können mit einem Placebo gut fahren, auch wenn man sich natürlich weiter fragen muss, ob dies nun eine angeborene oder eine erworbene Reaktion ist. Verschiedene Berichte legen nahe, dass Menschen mit dieser Genvariante auf psychosomatische Behandlungen wie Körpertherapie besser ansprechen, weil sie sich generell mehr auf ihre Umgebung einstellen oder mehr daran glauben.19 Es liegt aber nicht allein am COMT-Gen. So zeigten beispielsweise Alkoholkranke mit einem Hoch-Dopamin-Allel an einem anderen Gen, dem DBH-Gen, weniger Verlangen nach Alkohol, wenn man sie mit einem Placebo und nicht mit dem konventionellen Anti-Craving-Mittel Naltrexon »behandelte«. Letztendlich bestimmt also die Dopamin-Dominanz eines Gens die Reaktion eines Menschen auf Placebos oder Heilung durch Glauben.

Bei vielen Medikamenten zeigen Menschen aufgrund von bestimmten Genvarianten unterschiedliche Reaktionen. Wenn Sie also regelmäßig eines oder mehrere der unten aufgeführten Medikamente einnehmen, dann könnte es sinnvoll sein, herauszufinden, ob Sie eine solche Genvariante besitzen, und zwar speziell einen Polymorphismus.20 Von Polymorphismus spricht man, wenn innerhalb einer Population mehrere verschiedene Formen eines Gens am selben Ort im Chromosom auftreten. So hat die natürliche Selektion eine gewisse Auswahl bei der Entscheidung, welche Merkmale überleben sollen. Solche genetischen Polymorphismen können die Stoffwechselrate eines Menschen senken, was beispielsweise bei den folgenden Medikamenten dazu führt, dass sich ihre Konzentration im Blutplasma erhöht. Wenn Sie also von den unten aufgeführten Genen abweichende Varianten haben, dann beeinflusst das Ihre Fähigkeit, bestimmte Medikamente zu verstoffwechseln.

CYP2D6-Gen

Betroffene Medikamente:

Antidepressiva wie Amitriptylin, Nortriptylin, Imipramin,

Clomipramin

Amphetamine

Betablocker, die zur Behandlung von hohem Blutdruck oder

Herzkrankheiten verschrieben werden

Tamoxifen, ein Medikament gegen Brustkrebs

CYP3A4-Gen

Betroffene Medikamente:

Beruhigungsmittel wie Alprazolam, Triazolam

Antiepileptika wie Carbamazepin

Psychopharmaka wie Methadon, Quetiapin, Risperidon

CYP2C9-Gen

Betroffene Medikamente:

Blutverdünner wie Warfarin

Antidiabetika wie Glipizid

Antiepilektika wie Phenytoin

Entzündungshemmer wie Celecoxib oder Diclofenac

Diese Liste ist nicht umfassend, das würde den Rahmen dieses Buches sprengen. Sie vermittelt jedoch eine Vorstellung, wie Gentests in der Zukunft die Dosierung von Medikamenten beeinflussen könnten und dass es sich lohnt, auch jetzt schon mit seinem Arzt darüber zu sprechen.

Die Zukunft hat nämlich vielleicht schon begonnen: Auf die Bedeutung von auf die Erbanlagen abgestimmten Medikamenten verwies bereits 2005 die US-Arzneimittelbehörde FDA in ihrer Zulassung des Herzmittels BiDil. Das Kombinationspräparat aus einem Nitrat und einem Wirkstoff zur Gefäßerweiterung ist spezifisch für Afroamerikaner konzipiert.

Fazit

Im Gesundheitswesen stehen wir vor einem ständigen Kampf zwischen zentralisierten staatlichen Gesundheitssystemen und der individuell angepassten Gesundheitspflege. Da wir das menschliche Genom mittlerweile entschlüsselt haben und Gentests immer erschwinglicher werden, werden zukünftig sogar nationale Gesundheitsprogramme individualisierte Empfehlungen zu Ernährung und Gesundheit bieten können, die auf den jeweiligen Erbanlagen der einzelnen Menschen basieren. Doch dazu müssen wir verstehen, woher der Mensch kam und worin unsere individuellen Unterschiede bestehen.

Schließlich sind wir nur eine der Tierarten, die diesen Planeten bevölkern – und der Erde sind wir völlig egal, denn der Mensch hat zwar technisches Wissen angesammelt, doch er schert sich recht wenig um seine Umwelt. Ist es nicht unglaublich, dass wir politische Gipfeltreffen abhalten müssen, um als Art unsere eigene Umwelt zu bewahren? – Als ob wir nachts ohne Licht auf der Straße der (R)Evolution fahren und uns darüber streiten würden, wer das Lenkrad übernehmen darf.

Unser gesamtes menschliches Genom, die Gesamtheit unserer DNA-Sequenzen, ist kartiert, doch solche Landkarten sind nur nützlich, wenn man weiß, welches Ziel man ansteuern möchte. Meines ist ein Ort des Wohlbefindens und der Lebensfreude, wo uns die Verlockungen von Karriere und Küche nicht davon abhalten, uns einen gesunden Körper und einen heiteren, gelassenen Geist zu bewahren und uns um unsere Umwelt kümmern. Denn letztendlich geht es beim Thema Gesundheit darum, ein auf Fakten gestütztes Ökosystem zu schaffen, in dem sich Gemeinschaften bereitwillig zusammenfinden können.

Aus der Praxis: Gentests

Wenn Sie regelmäßig Medikamente einnehmen, wie Blutverdünner, Antidepressiva, Antiepileptika, Diabetes -oder Herzmittel, dann könnte es sinnvoll sein, Ihren Arzt zur Erstellung eines individuellen genetischen Profils zu konsultieren. Das ist einfacher beziehungsweise kostengünstiger, als Sie vielleicht denken. Ich nehme bei meinen Patienten eine Blut- oder Speichelprobe, und ein paar Wochen später haben wir die Ergebnisse. (Am Ende des Buchs finden Sie Informationen über ein von mir entwickeltes Gentestprogramm, das CYP2CP und für die Ernährung wichtige Gene umfasst.) Entscheidend sind die Gene CYP2D6, CAP3A4 und CYP2C9 – Letzteres vor allem, wenn Sie Blutverdünner einnehmen.

Kerngedanken

1.In den letzten 50 000 Jahren hat sich unsere Evolution aufgrund von Veränderungen in der Ernährung und Wanderungen massiv beschleunigt.

2.In den Erbanlagen wird ein Kompromiss geschlossen zwischen dem Wohl des Individuums und der Population.

3.Wie Menschen auf bestimmte Medikamente reagieren, kann von ihren Genen abhängen.

4.Auch wie Menschen auf nichtmedikamentöse Therapien oder Placebos reagieren, kann genetisch bedingt sein.

5.Menschen, die auf Placebos reagieren, sprechen auch auf Behandlungen wie Körpertherapie oder Akupunktur besser an.

6.Eine Veränderung im Lebensstil ändert tatsächlich die Genexpression.

7.In der Zukunft werden individualisierte Medikamentendosierungen auf der Basis von Erbanlagen die Regel sein.

2Die Trägheits-Gene: Bewegung dem Gehirn zuliebe