Verlag: List Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2009

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E-Book-Beschreibung Die Zarentochter - Petra Durst-Benning

Der Zarenhof in St. Petersburg ist die prunkvolle Kulisse von Petra Durst-Bennings bewegendem neuen Roman. Die junge Großfürstin Olga muss den Erwartungen ihres Vaters gerecht werden und eine gute Partie machen. Doch ihr Herz will etwas anderes als die hohe Diplomatie und führt sie an den Hof König Wilhelms I. von Württemberg.Olga Nikolajewna Romanowa (1822-1892) wird als zweite Tochter des russischen Zaren Nikolaus I.geboren. In prächtigen Palästen und Residenzen wird sie zu einer zukünftigen Regentin erzogen. Das Ziel von Zar Nikolaus ist es, seine Töchter politisch klug zu verheiraten, um die Macht Russlands zu stärken. Doch Olga weiß schon früh, dass der goldene Käfig ihr nicht genug ist. Sie findet ihre große Liebe, aber das politische Kalkül der Königshäuser nimmt auf Gefühle keine Rücksicht. Ein ergreifender Roman über die Liebe und das Leben – und über eine junge Frau, die allen Widerständen zum Trotz ihr Glück findet. Erfahren Sie mehr über 'Die Zarentochter' unter www.die-zarentochter.de. Fotos von der Buchpremiere im Landesmuseum Stuttgart finden Sie hier.

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E-Book-Leseprobe Die Zarentochter - Petra Durst-Benning

Petra Durst-Benning

Historischer Roman

List

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

List ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH

ISBN 978-3-471-92003-9

© 2009 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin Alle Rechte vorbehalten Satz und eBook: LVD GmbH, Berlin

Schöne Lesestunden wünscht herzlichst

Petra Durst-Benning

Für die Liebe meines Lebens

Im Frühling, im Überschwang meiner Jugendgleiche ich der Schwalbe, die bald da-, bald dorthin fliegt, ich ging, wohin das Herz es befahl.

Clément Marot (1496 bis 1544)

PROLOG

St. Petersburg, 14. Dezember 1825

Die Stiefel der Männer klackten laut auf dem gewienerten Parkettboden des Kabinettzimmers. Immer mehr drängten in den Raum. Das Licht wurde von den Mengen schwarzen Leders aufgefressen. Kleine Holzspäne flogen in die Luft, abgerieben von den mit eisernen Kappen und Nägeln beschlagenen Absätzen. Die Stiefel versammelten sich in einem Halbrund vor dem riesigen Schreibtisch, Schneeklumpen lösten sich von den Schäften und fielen kalt und weiß zu Boden. Wasserlachen bildeten sich ringsum.

Voller Entsetzen starrte das Kind auf den geschundenen Boden.

Wenn das Pjotr sah! Vaters Kammerdiener, der immer darauf achtete, dass keines der Kinder mit verdreckten oder nassen Straßenschuhen Vaters Heiligtum betrat!

Unwillkürlich fiel der Blick des Kindes auf die eigenen Füße, die in groben Wollstrümpfen steckten. Genau wie die zwei Fußpaare neben ihm, die Mary und Sascha gehörten.

Zu dritt kauerten die Geschwister hinter dem riesigen Vertiko, das den düster getäfelten Raum in einen Arbeitsbereich und einen halb privaten Wohnraum trennte.

»Was wollt ihr?«, herrschte ihr Vater die Männer an. Wie ein angriffslustiger Löwe stand er hinter seinem Schreibtisch. Rund um seine Füße gab es keine Wasserlachen.

»Du weißt, was wir wollen!« Eine unbekannte Stimme, böse.

»Unsere Freiheit!« Schneidend wie ein Schwert, diese Stimme. »Und Demokratie!«

»Für eine Klärung der Machtverhältnisse wollen wir sorgen!«

»Den Thron für Konstantin!«

Olly hielt sich die Ohren zu, um dem lauten Stimmengewirr zu entkommen. Konstantin! Die Männer meinten ihren Onkel mit den struppigen Augenbrauen, die wie kleine Tiere aussahen. Der Gedanke an Onkel Konstantin vertrieb einen Moment lang Ollys Angst, doch dann erinnerte sie sich daran, dass ihre Mutter immer die Nase rümpfte, wenn die Rede auf ihn kam. Er sei seltsam, meinte sie.

»Eine Klärung der Machtverhältnisse?«

Die Stimme ihres Vaters klang dumpf durch die gewölbten Handflächen an ihre Ohren.

»Freiheit, Demokratie – ihr müsstet euch mal reden hören! Wie ein Haufen Schwachsinniger hört ihr euch an.«

Mary und Olly tauschten einen Blick. Wenn der Vater so wütend war, legte man sich am besten nicht noch mehr mit ihm an. Aber das wussten die fremden Besucher scheinbar nicht …

Durch die offene Tür kroch eisige Winterluft. Um der vom Boden aufsteigenden Kälte zu entgehen, kauerte sich Olly auf ihre Fersen.

Ach, warum waren sie überhaupt in den riesengroßen, schrecklichen Winterpalast gezogen! In ihrem alten Zuhause, dem Anitschkow-Palast, hätten Sascha, Mary und sie jetzt bestimmt in ihren eigenen Zimmern gespielt. Dort war es gemütlich, dort hätten sie sich nicht so verloren gefühlt wie hier. Nach Tagen wussten die Geschwister immer noch nicht genau, wo inmitten der tausend Räume die Gemächer der Eltern lagen. Auch hatten sie Mühe, ihre eigenen Zimmer zu finden.

Die laute Stimme des Vaters beendete Olgas Tagträumereien.

»Ihr wisst, dass ich sofort nach Bekanntwerden von Alexanders Tod einen Eid auf Konstantin geleistet habe. Gern hätte ich ihm meine treue Gefolgschaft zugesichert. Es ist euch jedoch genauso bekannt wie mir, dass mein älterer Bruder schon vor Ewigkeiten in einem Geheimpapier auf die Thronfolge verzichtet hat. Bis er seinen Verzicht nun auch offiziell und in aller Öffentlichkeit ausspricht, kann es sich nur noch um wenige Tage handeln. Danach werde ich als Drittgeborener die Krone übernehmen – so sieht es das Gesetz vor. Was also macht ihr mir zum Vorwurf? Dass ich – im Gegensatz zu euch – Ehre und Großmut im Leib habe?« Bei den letzten Worten machte ihr Vater einen Schritt nach vorn. Sofort wurde der Halbkreis von Stiefeln um ihn herum enger. Mit angehaltenem Atem lugte Olly vorsichtig hinter dem Vertiko hervor.

Die Männer hatten ihre Schwerter gezückt und hielten sie ihrem Vater entgegen! Olly konnte gegen das Wimmern, das aus ihrem Mund drang, nichts tun. Sofort bekam sie von Sascha einen Stoß in die Rippen. Wenigstens schob er nicht ihre Hand weg, sondern drückte sie sogar, was Olly tröstlich fand. Im nächsten Moment spürte sie auch Marys Arm um sich herum. Die ältere Schwester zitterte wie Espenlaub.

»Wir werden es nicht zulassen, dass Ihr auf dem Grab unseres verstorbenen Zaren Alexander einen Freudentanz vollführt! Die Lage ist ernst, Großfürst Nikolaus. Nicht nur wir, auch unsere Regimenter werden Euch den Eid verweigern!«

Olly runzelte die Stirn. War das nicht Onkel Dimitri?

Sascha biss die Zähne aufeinander. Seine Wangen hoben und senkten sich dabei wie die eines Hundes, der auf einem Knochen kaut. Bestimmt hat auch er die Stimme von Onkel Dimitri erkannt, dachte Olly.

Der Bruder war ein glühender Bewunderer von Papas Freund – jedes Mal, wenn der Stabshauptmann der Leibgarde des Moskauer Regiments hier in St. Petersburg weilte, heftete sich Sascha an seine Fersen. Wenn er groß wäre, wolle er auch ein Regiment führen, erklärte er den Schwestern dann großspurig. Weder die dreijährige Olly noch Mary mit ihren sechs Jahren interessierten sich für Saschas Pläne, aber den Onkel mochten sie ebenfalls, denn immer brachte er ihnen eine Kleinigkeit mit. Das letzte Mal waren es Silberkugeln gewesen, in denen kleine Glöckchen verborgen waren. Als sie lautstark gewetteifert hatten, wer die Kugeln am weitesten rollen konnte, hatte Onkel Dimitri gelacht und gemeint, die Romanow-Kinder würden sich auch nicht besser benehmen als gewöhnliche Straßengören.

Doch jetzt baute sich Dimitri vor ihrem Vater auf und schrie: »Die Zeit ist reif für eine Revolution, das Volk ruft nach Demokratie und Freiheit!«

»Ein Aufstand? Und du mittendrin, mein lieber Dimitri? Alles hätte ich von dir gedacht, nur das nicht … Hier, auf meiner Seite müsstest du stehen!« Papas Stimme war eiskalt, so kalt, dass Olly ein Schauer über den Rücken lief.

Die Schwerter funkelten noch immer. Sascha hatte einmal gesagt, man könne damit einen Menschen ermorden.

»Ihr wollt Freiheit und Demokratie? Dann stich zu, mein lieber Freund. Hier, mitten in mein Herz. Aber bedenke, dass du damit auch das Herz Russlands triffst. Denn meine Herrschaft ist von Gott gewollt, daran werdet auch ihr nichts ändern. Euren revolutionären Umtrieben werde ich den Garaus machen, und wenn’s das Letzte ist, was ich tue.«

»Nikolaus … Zwing mich nicht, zum Äußersten zu gehen. Wir fordern nicht deinen Tod, nur deine Abdankung und –«

»Stich zu! Los! Sei nicht auch noch ein Feigling, wenn du schon ein Dummkopf bist, Dimitri!«

Die Stimmen verschwammen für Olly zu einem wilden Surren, als wäre ein Bienenstock aufgeflogen. Im nächsten Moment wurde es um ihre Beine herum tröstlich warm.

Die Stiefel trampelten, die Männer schrien. Warm rann es ihre Schenkel hinab.

»Dimitri, Fürst Sergei Petrowitsch Trubetzkoi, Sergei Grigorjewitsch Wolkonski, Pawel Iwanowitsch – alle standen sie hier und verweigerten mir den Gehorsam … Gute Männer. Zumindest habe ich das bis zum heutigen Tag geglaubt.« Müde saß ihr Vater hinter seinem Schreibtisch, während die Mutter seinen Nacken massierte, so wie er es gern hatte.

»Dass etwas in der Luft lag, habe ich schon heute Mittag bei meiner Fahrt durch die Stadt gespürt. Simonow hatte mich außerdem davon in Kenntnis gesetzt, dass sich auf dem Senatsplatz ein paar wild gewordene Matrosen und Soldaten zusammenrotten würden. Aber dass auch viele meiner Generäle und Offiziere darunter sind – davon hat er nichts gesagt. Nie hätte ich gedacht, dass die Männer es tatsächlich wagen würden, mich hier im Palast –« Mit einem Seitenblick auf die Kinder brach er ab. »Wenn Simonow und seine Gefolgschaft nicht gekommen wären, nicht auszudenken!«

Die Geschwister duckten sich – jetzt bloß nicht auffallen und weggeschickt werden. Mit gekreuzten Beinen machte Olly noch einen Schritt zurück. Inzwischen war es ihr um ihre Beine nicht mehr wohlig warm, sondern nass und eklig. Wie ein Säugling hatte sie sich in die Hose gemacht …

»Ausgerechnet Dimitri … Der Mann stand mir nahe wie ein Bruder.« Einen Moment lang klang die Stimme ihres Vaters tränenerstickt.

»Dem Himmel sei Dank hast du ihn und alle anderen zur Räson bringen können. Wenn ich gewusst hätte, was hier los ist, während ich mir in der Eremitage Ölgemälde für meinen Salon aussuche – tausend Tode wäre ich gestorben!«

Beim Anblick seiner Frau, die nun ebenfalls den Tränen nahe war, richtete sich Nikolaus wieder auf. Besänftigend tätschelte er ihre Hand. »Umso besser, dass du nichts wusstest. Aufregung tut in deinem Zustand nicht not …«

Mit Erleichterung sah Olly, dass sich das Gesicht ihrer Mutter wieder erhellte.

»Jetzt, wo du tatsächlich Russlands Kaiser wirst, kommt unser nächstes Kind purpurfarben gewandet zur Welt …« Fast andächtig hielt sie ihren dicken Bauch.

»Aber meine Liebste, wir wollen doch den Namen unserer Vorväter verwenden! Andere Länder mögen vielleicht Kaiser haben – unser Russland hat einen Zaren, und das von Gottes Gnaden. Und als Zar werde ich Ungehorsam nicht dulden. Den Garaus mache ich den Vaterlandsverrätern, und wenn ich dafür bis an mein Lebensende brauche! Aber als Erstes muss ich mir eine Leibgarde zulegen, die ich bezüglich ihrer Loyalität auf Herz und Nieren prüfen werde.«

Wie stechend Vaters Blick war! Olly schauderte.

»Mein Bruder war ein guter Landesvater, aber nach den Jahren religiöser Verklärung ist es an der Zeit, neue Saiten aufzuziehen.«

»Übernehmen Sie jetzt, wo Onkel Alexander im Himmel ist, seine Arbeit?«, fragte Sascha mit großen Augen. »Braucht man dazu Pferde? Und Regimenter? Und Waffen? Ich könnte Ihnen dabei helfen, eine Uniform hätt ich immerhin schon …«

Mary erwachte nun ebenfalls aus ihrer Starre. »Das muss eine schreckliche Arbeit sein, wenn man mit so bösen Männern zu tun hat!«

»Wenn die bösen Männer nicht gegangen wären, hätte ich Sie vor ihnen gerettet!«

Eifersüchtig beobachtete Olly, wie Sascha für seine Bemerkung nicht nur ein Lachen, sondern auch noch einen Klaps auf die Schulter bekam. »Mein tapferer kleiner Soldat!«

»Ich war auch tapfer!«, blökte Mary wie ein Schaf hinterher. »Nur Olly hat sich in die Hose gemacht …«

»Ach Kind, musste das sein?« Unter dem tadelnden Blick ihrer Mutter starrte Olly beschämt auf den Boden.

Ihr Vater kam um seinen Schreibtisch herum und nahm Olly auf den Arm. Sofort versteifte sich ihr Körper. Oje, jetzt wurde auch noch sein Ärmel nass!

»Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Uns kann niemand etwas anhaben, niemand.« Eindringlich schaute er von Olly zu seinen beiden Ältesten. »Zwei Dinge müsst ihr Kinder euch merken: Erstens stehen wir Romanows von jeher unter Gottes Schutz. Er hält seine Hand über uns, nichts und niemand kann uns daher etwas anhaben. Und zweitens bin immer noch ich da …« Ein kleines Lächeln umspielte Papas Mund. »Nie und nimmer werde ich zulassen, dass euch etwas geschieht, versteht ihr das?«

Ollys verkrampfter Leib entspannte sich ein wenig.

Ja, sie verstand. Der Papa war immer für sie da.

TEIL I

Nähe des Frühlings

Im Himmel Stille wohnt; Geheimnisvoll der Mond,Von Nebel fein umwoben;Und übern Berg geschoben Hat sich der Liebesstern; Im blauen Abgrund, fern, Die Körperlosen, schwebend, Bezaubernd und belebend Die Stille und die Nacht, Begrüßen Frühlingspracht.

Wassili Andrejewitsch Shukowski

(1783 bis 1852)

1. KAPITEL

Zarskoje Selo, im Sommer 1833

Bonjour Madame, je suis Luisa et je –« Olly, die ihre in Fetzen gekleidete Puppe von einem Bein aufs andere hüpfen ließ, brach mitten in der Bewegung ab. »Was ist?« Stirnrunzelnd schaute sie zu, wie Mary ihre Puppe samt selbstgebastelter Krone und anderem Zubehör zurück in die Schachtel packte. »Ich dachte, wir spielen ›Die Königin sucht ein neues Zimmermädchen‹!«

»Du dachtest!«, sagte Mary schnippisch. »Ich möchte aber lieber Mama fragen, ob wir an ihren Kleiderschrank dürfen, ein paar Hüte anprobieren, bevor ich hier vor Langeweile sterbe …«

»Hüte anprobieren – das ist langweilig!«, rief Adini voller Inbrunst. »Olly und ich haben dir zuliebe sogar zugestimmt, dass unsere Puppen die armen Bauernmädchen sind, dabei wäre meine Antonia auch gern die Königin gewesen. Wozu habe ich sie so hässlich zurechtgemacht, wenn sie jetzt nicht einmal wegen einer Arbeit vorstellig werden darf?«

Betrübt sah Olly ihre Puppe an, die über ihren ersten Satz im Vorstellungsgespräch nicht hinausgekommen war. Für das von Mary vorgeschlagene Spiel hatte sie Luisas Zöpfe gelöst und regelrecht verfilzt, in der Hoffnung, dass Luisa nun wie ein echtes Bauernmädchen aussah. Ob sie ihre Haare je wieder glatt und glänzend hinbekommen würde?

Normalerweise drängte es die Kinder nach ihren morgendlichen Schulstunden hinaus ins Freie. Die Anlagen der sommerlichen Zarenresidenz Zarskoje Selo mit ihren Parks und Seen, ihren Tiergehegen, Spiel- und Teehäusern waren ein einziger herrlicher Spielplatz, den zu erforschen die Kinder nie müde wurden. So war es kein Wunder, dass sie alljährlich den im Frühsommer stattfindenden Umzug nach Zarskoje Selo kaum abwarten konnten. Zarskoje Selo bedeutete Spiel und Abenteuer.

Doch an diesem kühlen Augusttag pladderten dicke Regentropfen von den Bäumen und Hecken, alles wirkte düster und müde. Die Kieswege rund ums Schloss hatten ihr strahlendes Weiß verloren und sahen schmutzig grau und wenig einladend aus. Rund um den Katharinenpalast war es wie ausgestorben – keine vornehmen Kavaliere führten mit geschwellter Brust ihre Rösser vor, keine Hof damen spazierten mit Sonnenschirmen die verschlungenen Wege entlang, nicht einmal in der überdachten Galerie, die vom Architekten Cameron extra für Spaziergänge bei schlechtem Wetter angelegt worden war, ließ sich eine Menschenseele sehen.

Lediglich einige Gärtner mühten sich damit ab, vor der Galerie das erste Laub, vom Regen schwer und pappig geworden, mit Rechen und Schaufeln von den Rasenflächen zu entfernen.

Mary schaute missmutig aus dem Fenster. »Bei dem Wetter kommen Natalia und Nastinska sicher auch nicht vorbei, bestimmt sind die Wege viel zu aufgeweicht für die Kutschen. Dabei hätte ich meinen Freundinnen so viel zu erzählen!«, sagte sie mit der Inbrunst ihrer vierzehn Jahre.

»Dann erzähl’s doch Adini und mir, uns ist eh langweilig«, sagte Olly.

Mary schaute auf die Jüngere herab. »Für solche Gespräche seid ihr noch viel zu klein.«

Wütend funkelte Olly die Schwester an. »Wenn das so ist, dann spielen Adini und ich zukünftig eben allein.«

»Ach ja, damit du dich wieder heimlich zu deinem Freund Mischa schleichen kannst?«, zischte Mary. Das Wort Freund klang bei ihr wie ein Schimpfwort.

»Wer ist Mischa?«, kam es prompt von Adini.

Alexandra Feodorownas Blick schoss zu ihren Töchtern hinüber. »Olly – du triffst dich doch nicht etwa mit diesem … Bootsjungen? Ich habe Charlotte Dunker erst letzte Woche eingeschärft, dass ich derartigen Umgang mit Leibeigenen nicht dulde.«

Olly biss sich auf die Lippen. Das war wieder mal typisch Mary! Nie konnte sie ein Geheimnis für sich behalten. Warum hatte sie ihr nur von Mischa erzählt? Er war der Sohn des Bootsmannes, der für sämtliche Boote und die Admiralität zuständig war. Seine Familie wohnte in einer kleinen Hütte am Rande des Parks.

»Was ist denn nun? Antworte mir«, kam es ungeduldig vom Schreibtisch.

»Ich bin Mischa nur ein, zwei Mal zufällig begegnet«, sagte Olly und schämte sich für ihre Lüge. »Das ist doch kein Verbrechen, oder? Sie selbst sagen doch immer, wir sollen freundlich zu allen Menschen sein.«

Alexandras Augenbrauen hoben sich. »Von wegen zufällig begegnet – mir wurde berichtet, dass du sogar schon im Haus des Bootsmannes warst! War das auch nur ein Zufall?«

Olly schluckte. Woher wusste die Mutter das? Von Mary?

Als Mischa sie zum ersten Mal in das kleine Haus gebeten hatte, in dem er, seine sechs Geschwister und die Eltern wohnten, hatte Olly nicht gewusst, ob sie fasziniert oder abgestoßen sein sollte angesichts der drangvollen Enge, die dort herrschte. Kleider, große und kleine Säcke, Werkzeug – alles lag wild zusammengewürfelt herum. Auf der Sitzbank neben dem Ofen hatte sogar ein Huhn gesessen. Seltsamste Gerüche hatten die Luft erfüllt – nach Leder und Bootslack, Tieren und Krautsuppe und vielem mehr. Olly hatte gar nicht gewusst, wohin sie zuerst schauen sollte, wie ein Schwamm hatte sie die neuen Eindrücke in sich aufgesaugt. Dass man so leben konnte …

Mischas Geschwister sahen auch ganz anders aus als ihre eigenen Brüder und Schwestern. Sie hatten kantige Schultern, ein breites Kreuz und Hände mit Schwielen und Rissen.

Das käme vom Arbeiten, hatte Mary gesagt und so angewidert das Gesicht verzogen, dass Olly das Kaninchen, das neben seinem abgezogenen Fell im Spülstein lag, lieber nicht mehr erwähnte. Angeekelt, aber auch fasziniert hatte sie immer wieder auf den blutigen Fleischhaufen starren müssen – gern hätte sie dieses Erlebnis mit jemandem geteilt.

Mischas Mutter war von ihrem Besuch alles andere als begeistert gewesen. Fahrig hatte sie ihre blutbefleckten Hände an der Schürze abgewischt, hatte ungelenk einen Knicks gemacht und Olly einen Tee angeboten. Dabei hatte sie die ganze Zeit über so ausgesehen, als würde sie vor Schreck gleich in Ohnmacht fallen. Olly hatte zwar nicht alles verstanden, was die Frau auf Russisch zu Mischa sagte, aber sie glaubte, dass es Vorwürfe waren, weil er sie mitgebracht hatte. Und dass sie deswegen Ärger befürchtete. Nach ein paar Schlucken bitteren Tees hatte sich Olly schnellstens wieder verzogen. Mischa hatte sie danach nie mehr eingeladen, was Olly schade fand. Dass Menschen derart eng zusammenleben konnten, hätte sie nie gedacht. Zu gern hätte sie mehr über dieses Leben erfahren! Was sie den ganzen Tag über arbeiteten, ob ihnen auch manchmal so schrecklich langweilig war wie ihren Geschwistern und ihr, ob die Hühner wirklich mit in der Hütte schliefen und vieles mehr. Aber wie sollte sie das ihrer Mutter erklären?

»Es ist nur so … also ich …«, stotterte Olly und atmete auf, als sie sogleich von ihrer Mutter mit einer abrupten Geste zum Schweigen gebracht wurde. Manchmal hatte es auch sein Gutes, dass Geduld nicht unbedingt zu Alexandras herausragenden Eigenschaften gehörte …

»Genug davon. Ich muss mich jetzt auf all die vielen Dinge konzentrieren, die mein lieber Willamow und mein ebenso lieber Longinow so eloquent vortragen. Von all den Listen, Plänen und Vorschlägen ist mir schon ganz schwindlig!« Theatralisch hielt die Zarin sich eine Hand an die Stirn.

Die Mädchen kicherten, wobei Marys Lachen eher verhalten ausfiel – mit vierzehn Jahren gackerte man nun einmal nicht mehr so kindisch wie die jüngeren Geschwister.

Auch die zwei Sekretäre des Wohltätigkeitsamtes, die wie an jedem ersten Mittwoch im Monat zu einem Vortrag bei der Zarin erschienen waren, schmunzelten.

»Eine letzte Liste noch, dann haben wir es geschafft, Eure Hoheit«, sagte der ältere von beiden und schaute Alexandra dabei schwärmerisch an.

»Das haben wir nur Ihrer guten Vorbereitung zu verdanken.«

Die Röte schoss ins Gesicht des Sekretärs, und unbeholfen trat er von einem Bein aufs andere.

Olly grinste. Die liebe Mamuschka! Wie sie ihren Blumenschal zurechtrückte und so tat, als merke sie nicht, welche Wirkung sie auf den Herrn hatte. War das nicht typisch für ihre schöne Mutter? Sie wurde von allen Menschen geliebt, verehrt, geachtet – doch sie selbst sah nichts Besonderes darin.

»Wenn eine Frau lieb und freundlich ist, bedarf sie keines Geheimnisses«, hatte sie vor ein paar Tagen zu Mary gesagt, als diese nach Mamas »Geheimnis« im Umgang mit anderen Menschen fragte.

»Maman, dürfte ich Sie bitten –« Bevor Mary ihren flehentlichen Singsang fortsetzen konnte, schüttelte Alexandra schon den Kopf. »Mary, Liebes, ich habe keine Zeit für euch. Warum besucht ihr nicht eure Brüder? Sie würden sich bestimmt über ein bisschen Zuwendung freuen.«

»Das ist aber so langweilig«, seufzte Mary. »Nisis und Mischas Kindermädchen lassen uns die Kleinen nicht halten, geschweige denn mit ihnen spielen. Sie haben ständig Angst, wir würden uns ungeschickt anstellen.«

»Dabei gehen wir mit ihnen um, als wären sie rohe Eier«, bekräftigte Olly die Aussage ihrer Schwester. »Und mit Kosty ist auch nichts mehr anzufangen, seit vor zwei Wochen sein neuer Lehrer angekommen ist. Von früh bis spät sitzen die beiden im Studierzimmer.« Olly hatte den Bruder noch nie so unglücklich gesehen wie in dieser Zeit. Dem Himmel sei Dank beschränkten sich die Studien der Mädchen während der Sommermonate nur auf die Vormittage.

»Herr Lütke ist nun einmal der Ansicht, dass Kosty das Lernen zukünftig umso leichter fällt, je rascher er in den Stoff hineinfindet. Wohnt doch seinem Unterricht ein wenig bei.«

Heftig winkten die drei Schwestern ab – manchmal kam ihre Mutter wirklich auf seltsame Ideen!

Die Zarin wies auf die mit weinrotem Samt bezogene Chaiselongue. »Dann macht es euch hier gemütlich.«

Wohl oder übel trollten sich die drei Mädchen in Richtung der Sitzmöbel – es war besser, ein bisschen zu schlummern, als zurückgeschickt zu werden in die Kinderzimmer, wo einen bloß die Gouvernanten durch die Gegend scheuchten.

»So habe ich mir unseren Sommer auf dem Land nicht vorgestellt«, seufzte Mary, während sich die Schwestern unter die Decke kuschelten. Wenige Momente später waren alle drei eingenickt.

2. KAPITEL

Mutter, ist Kosty bei Ihnen?« Die Tür wurde aufgerissen, eine Brise Regenluft drang ins Zimmer. »Herr Lütke sucht ihn überall, Kostys Kindermädchen weiß auch nicht, wo er ist, sie hat ihn im Unterricht vermutet und –«

Schlaftrunken rappelte sich Olly auf. »Sascha!« Wie so oft in letzter Zeit, wenn sie ihrem großen Bruder gegenüberstand, erschrak sie. Sascha schien seit letzter Woche schon wieder um einen Kopf gewachsen zu sein, mit seinen fünfzehn Jahren überragte er sogar bald den Vater.

»Habt ihr eine Ahnung, wo Kosty ist?«, fragte er nun mit seiner krächzenden Stimme. Die vom Regen durchtränkte Kleidung klebte ihm am Leib, und er wirkte noch schlaksiger als sonst.

Die drei Schwestern verneinten. »Vielleicht weiß Charlotte Dunker etwas? Kosty hängt schließlich fast ständig wie ein Kleinkind an ihrem Rockzipfel«, sagte Mary spöttisch. »Keine Ahnung, was er ausgerechnet an ihr so toll findet.«

»Und was ist mit seinem eigenen Kindermädchen?«, fragte die Mutter stirnrunzelnd.

Olly versetzte ihrer Schwester einen Stoß in die Rippen und fauchte leise: »Kannst du eigentlich gar nichts für dich behalten? Altes Plappermaul!« Dass Kosty um die Aufmerksamkeit ihrer dänischen Gouvernante Charlotte Dunker buhlte, passte ihr selbst auch nicht. Beim abendlichen Bibellesen krabbelte er Charlotte sogar manchmal auf den Schoß, und Olly musste dann sehen, wo sie blieb. Dabei gehörte Charlotte Dunker doch ihr! Ihr allein. Dass Kostys eigenes Kindermädchen eine freudlose, kühle Person war, dafür konnte sie schließlich nichts.

Trotzdem ärgerte sie sich darüber, dass Mary Kostys Vorliebe gepetzt hatte. Nun würde Mutter die beiden Gouvernanten zur Rede stellen, und Kosty würde Ärger bekommen.

Mary konnte manchmal so gemein sein!

Die eilig herbeigerufene Gouvernante wusste allerdings auch nichts über Kostys Verbleib. Und Marys Gouvernante Julie Baranow war ebenfalls ratlos. Adinis englische Betreuerin, die von allen nur Mrs Brown genannt wurde, hingegen glaubte, Kosty vor Stunden an der hinteren Küchentür gesehen zu haben, was kurz darauf von der Hauptköchin bestätigt wurde: Großfürst Konstantin habe um hartgekochte Eier und ein paar Scheiben Brot gebeten. Sie habe sich noch über seinen ungewöhnlich großen Appetit gefreut – wo er doch normalerweise eher zu den schlechten Essern gehörte.

Olly verzog das Gesicht. Großfürst Konstantin – wie pompös sich das anhörte! Genau wie Großfürstin Olga, Großfürstin Maria oder Großfürstin Alexandra – meist dauerte es einen Moment, bis sich die Kinder angesprochen fühlten, wenn sie so gerufen wurden. Zum Glück hatten die Eltern ihnen schon früh Spitznamen verpasst, dachte Olly nicht zum ersten Mal. Das lieblich klingende Adini passte doch tausendmal besser zu ihrer wunderschönen jüngeren Schwester als das gestrenge Alexandra, bei dem jeder sofort an ihre Mutter dachte. Und Mary klang wie die Heldin einer aufregenden Geschichte, vielleicht auch wie eine Theaterschauspielerin, befand Olly, die ihre Schwester um diesen Spitznamen regelrecht beneidete.

»Eier und Brot?« Die Zarin schaute von einer zur anderen. »Was will das Kind damit?«

Die Gouvernanten zuckten mit den Schultern.

»Dabei steht heute ein erster Exkurs in die Arithmetik auf meinem Lehrplan«, warf Herr Lütke vorwurfsvoll ein.

»Sollten wir nicht Vater zu Rate ziehen?«, fragte Sascha. Seine braunen Stirnfransen hingen ihm nass in die Augen.

»Das würde ich nur ungern tun«, sagte die Mutter gedehnt. »Euer Vater hatte heute Nacht eine seiner schrecklichen Kopfwehattacken …«

Olly und Mary tauschten einen Blick. Oje – dann war er schlecht gelaunt und reizbar. Am besten kam man ihm an solchen Tagen erst gar nicht unter die Augen.

»Ich will Sie nicht beunruhigen, aber eventuell müssen wir mit einer Entführung rechnen oder –« Als Sascha die vor Schreck geweiteten Augen seiner Mutter sah, brach er ab.

»Warum sollte jemand ausgerechnet Kosty entführen?«, wollte Mary wissen. »Außerdem patrouillieren die Männer von Vaters Leibgarde Tag und Nacht übers ganze Gelände. Sascha, uns kann doch nichts passieren, oder?«, fügte sie furchtsam hinzu.

»Und wenn das dieselben Männer sind, die Vater ständig Ärger machen mit ihren Aufständen und Rebellionen?«, hauchte Adini und lief ängstlich zu ihrer Mutter.

»Auch mit einem zweitgeborenen Sohn in der Hand lässt sich Druck ausüben …« Noch während Alexandra sprach, verlor ihr Gesicht jegliche Farbe. Eine der Hofdamen hielt ihr eilfertig ein Fläschchen Riechsalz hin, doch Alexandra winkte ab.

Einen Moment lang war es still. Angst schlich Olly den Rücken hinauf.

Wie sagte der Vater immer? Bloß nicht Bange machen lassen! Sie räusperte sich. »Vielleicht hat sich Kosty bloß irgendwo versteckt, weil er die Nase voll hatte vom Lernen. Ich an seiner Stelle hätte das schon längst getan, bei den vielen Unterrichtsstunden –«, die er bei seinem schrecklichen Lehrer Lütke hat, wollte sie noch anfügen. Aber wie so oft, wenn sie vor Erwachsenen sprechen sollte, versagte ihre Stimme mitten im Satz. Was ausnahmsweise kein Fehler war – Herr Lütke schaute auch so schon äußerst grimmig drein.

Keine halbe Stunde später war eine große Suche im Gange. Die Gouvernanten durchforsteten gemeinsam mit Mutters Hofdamen sämtliche Räume des Katharinenpalastes, die Gärtner und Hausangestellten durchkämmten die weitläufigen Parkanlagen und Nebengebäude. Nikolaus schickte einen Teil seiner Männer in die nahen Wälder, andere zu Pferd in die offene Landschaft. Sascha und weitere Männer sollten zu den umliegenden Landgütern reiten – vielleicht war Kosty zu einem seiner Spielkameraden unterwegs?

Nisi, Mischa und Adini wurden samt ihren Kindermädchen eingesperrt. Niemand wollte riskieren, dass im allgemeinen Trubel noch ein Kind verlorenging. Mary bot sich an, mit auf die kleineren Geschwister aufzupassen.

Olly war zu nichts eingeteilt worden. Aber einfach nur dasitzen und abwarten? Sie schnappte sich eine Jacke und rannte los.

Immer wieder begegneten ihr Gärtner, Hausangestellte und anderes Personal – niemand hatte Kosty gesehen. Im chinesischen Dorf war er nicht, auch nicht in der knarrenden Laube, nicht in der Grotte und in keinem der Pavillons – Olly sah den Leuten an ihren mutlosen Gesichtern an, dass sie die Suche am liebsten abgebrochen hätten. Verdenken konnte sie es ihnen nicht – alle waren bis auf die Knochen durchnässt, der eisige Ostwind pfiff durch ihre Kleider, so dass man das Gefühl hatte, völlig schutzlos zu sein. Auch ihr selbst war eiskalt, sie spürte ihre Hände und Füße kaum mehr, ihr Gesicht schmerzte vom peitschenden Wind.

»Aufgeben gilt nicht!«, versuchte sie sich Mut zuzusprechen, während sie zum wiederholten Male die Hainbuchenhecken in der Nähe des großen Sees durchstreifte, die als eine Art Labyrinth angelegt worden waren. Aber mit jeder Minute, die verstrich, wurde ihre Sorge größer, malte sie sich die Gefahren, in denen sich ihr Bruder befinden konnte, schrecklicher aus.

Kosty … Das magere Bürschchen mit der Brille, hinter der die Augen so groß wirkten, war ihr von den drei Kleinsten der liebste. Er war ein so frohes Kind, so phantasievoll, so –

Womöglich war er schon … tot!

Tränen schossen Olly in die Augen, das Grün der Hecken verschwamm vor ihren Augen, sie schluchzte auf –

»Großfürstin, sind Sie das? So weinen Sie doch nicht, ich bin’s«, ertönte plötzlich eine bekannte Stimme hinter ihr.

»Mischa?« Blind tappte Olly im Labyrinth umher, ihr rechter Blusenärmel verhakte sich im Dickicht der Äste, bis sie endlich den Ausgang gefunden hatte.

»Mischa!«, rief sie und wunderte sich über die große Erleichterung, die sie beim Anblick des Bootsjungen verspürte. Er, der das ganze Jahr über hier in Zarskoje Selo lebte, kannte den Park rund ums Schloss besser als sie alle zusammen – vielleicht hatte er eine Idee, wo man noch suchen konnte!

»Noch immer keine Spur von Großfürst Konstantin?«, fragte der Bootsjunge und zog sich seine Kappe zum Schutz gegen den Regen tiefer in die Stirn.

Olly schaute kopfschüttelnd auf ihn hinab. Er war zwar im selben Alter wie sie, aber einen guten Kopf kleiner. Irgendwie erinnerte er sie an Kosty, jedenfalls war er genauso mager wie ihr Bruder. Und so, wie er ständig die Augen zusammenkniff, war bestimmt auch er blind wie ein Märzenhase! Olly nahm sich vor, ihre Mutter zu fragen, ob man nicht eine Brille für Mischa besorgen konnte.

»Ich weiß wirklich nicht mehr, wo ich noch suchen soll.« Schulterzuckend blinzelte sie gegen die Regentropfen an, die ihr in die Augen liefen.

Mischa wies in Richtung des großen Sees, dessen Wasser vom Wind regelrecht aufgepeitscht war. »Gott sei Dank ist er nicht da draußen …«

Olly nickte. »Ja, Kosty liebt die Seefahrt über alles, da hätte es gut sein können, dass er sich ein Boot schnappt. Aber irgendjemand hat mir gesagt, dass alle Boote im Bootshaus liegen – das stimmt doch, oder?«, fragte sie in stockendem Russisch.

»Ja, sie sollen in den nächsten Tagen überholt werden. Außerdem – auf dem See hätten wir Ihren Bruder ja sofort entdeckt.«

Krampfhaft dachte Olly nach. »Hat auch schon jemand im Bootshaus nachgesehen?«

Mit einem lauten Knarren öffnete sich die riesige Tür der Admiralität. Sofort schlug ihnen der Geruch von Teer, Algen und nassem Holz entgegen. Während Olly zaghaft im Türrahmen stehen blieb, trat Mischa an ein Regal und kramte Streichhölzer hervor. Er ent

zündete eine kleine Laterne.

»Großfürstin, schauen Sie, da!«

Vor dem Steg, der von der Mitte des Bootshauses aus direkt ins Wasser führte und an dessen linker und rechter Seite ein halbes Dutzend Boote vertäut waren, lag im Halbdunkel ein kleiner Rucksack.

Augenblicklich stieß Olly die Tür weiter auf, damit noch mehr Licht in den Raum flutete. »Kosty, wo bist du?« Die hereinschwappenden Wellen hatten den Bootssteg überflutet, auf den glitschigen Planken drohte Olly immer wieder auszurutschen. Jedes Mal, wenn eines der Boote durch eine Welle an den Steg gedrückt wurde, ertönte ein lautes Ächzen. Kosty fanden sie auf keinem der Boote.

»Hier hinten ist er auch nicht«, ertönte Mischas gedämpfte Stimme aus dem hinteren Teil der Admiralität, wo sich Werkbänke und Regale voller Segeltuch und anderer Utensilien befanden.

Im nächsten Moment vernahm Olly ein leises Wimmern. »Kosty?« Hektisch schaute sie sich um. »Kosty! Wo bist du?« Inzwischen zitterte sie so sehr, dass ihre Zähne gegeneinanderschlugen.

Und dann sah sie ihn, eingekeilt im Wasser zwischen zwei Booten. Vergeblich versuchte er, sich an den glatten Bootsleibern hinaufzuziehen, und immer wieder wurde sein Körper gegen eines der Boote geschlagen.

»Hilfe, ich –« Schon verschwand sein Kopf unter der unruhigen Wasseroberfläche.

»Kosty!«, schrie Olly, kniete sich hin, versuchte, die Hand ihres Bruders zu ergreifen. Doch während sie ins aufgewühlte Wasser schaute, begann der Boden unter ihr plötzlich zu schwanken, und sie verlor die Balance.

Wie ein Hund wurde sie jäh im Nacken gepackt, der Stoff ihrer Leinenbluse riss mit einem dumpfen Geräusch, und Olly fiel auf die Holzplanken zurück.

»Lassen Sie mich!«, keuchte Mischa und sprang ins Wasser.

Irgendwie gelang es ihnen kurz darauf, Kostys schlaffen Körper auf den Steg zu hieven.

»Kosty, Kosty, was machst du nur für Sachen?«, heulte Olly, während sie ihn auf ihrem Schoß wiegte. Wenn sie nicht rechtzeitig gekommen wären … Wenn Mischa nicht gewesen wäre!

Der Bootsjunge kniete erschöpft neben ihr. »Geht es ihm gut?«, fragte er, und seine Zähne klapperten vor Kälte.

»Ich wollte doch nur spielen«, schluchzte der Missetäter. »Calico Jack wollte ich sein, der berühmte englische Pirat! Ich habe nur auf besseres Wetter gewartet, dann wollte ich zu einem Streifzug aufbrechen und mit Gold und Edelsteinen zurückkommen.«

Trotz aller Erschöpfung und Sorge musste Olly lachen. »Du und deine Spiele, unmöglich bist du!« In bemüht strengem Ton fuhr sie fort: »Pirat hin oder her – du kannst dich doch nicht so einfach aus dem Staub machen! Wir dachten schon, du wärst entführt worden!«

»Aber warum das denn?« Verwirrt schaute der Bruder von einem zum anderen, dunkle Schatten, die im Gesicht eines Fünfjährigen nichts verloren hatten, lagen unter seinen Augen. »Und wenn schon!« Urplötzlich erwachte der schlaffe Körper zu neuem Leben. Kosty wand sich aus Ollys Umarmung und rannte ans Ende des Steges. »Dann wäre ich endlich weg von dem schrecklichen Lütke! Ich hasse ihn und seine Bücher! Er lacht, wenn ich etwas nicht auf Anhieb kann. Seitenlang muss ich Buchstaben schreiben, und trotzdem sagt er, meine Schrift wäre krumm und hässlich. Was immer auch Vater will, ich gehe nicht mehr zum Unterricht – lieber bin ich tot!«

3. KAPITEL

Nikolaus’ Faust donnerte so heftig auf den Esstisch, dass die Gläser klirrten.

»Sich einfach aus dem Staub zu machen und den ganzen Haushalt in Schrecken zu versetzen! Er wollte Pirat spielen, wenn ich das höre! Der Junge muss endlich verstehen, dass das Leben kein Spiel ist und unablässige Studien für ihn so wichtig sind wie das tägliche Brot. Sollte eines Tages der Fall eintreten, dass Kosty die Krone von Sascha übernehmen muss, muss er dafür gerüstet sein.«

Die Worte ihres Vaters strichen an Ollys Ohren vorbei, ohne einen Sinn zu ergeben.

Kosty war nichts passiert – nur das zählte. Er lag zwar schlotternd vor Kälte in seinem Bett und hatte eine ziemliche Standpauke über sich ergehen lassen müssen, aber weitere Blessuren hatte er nicht davongetragen.

Wären Mischa und sie allerdings später gekommen … Trotzdem hatte bisher keiner auch nur ein lobendes Wort über Mischas Rolle als Lebensretter verlauten lassen.

»Das viele Lernen fällt ihm schwer, unser Kosty hat ein sehr verspieltes Gemüt«, sagte Alexandra. »Nikolaus, bedenke, er ist erst fünf.«

Dankbar schaute Olly ihre Mutter an, die sich gerade einen Schluck Wein nachschenken ließ. Sie hatte also auch bemerkt, wie unglücklich Kosty war. Bestimmt würde sie nun dafür sorgen, dass Herr Lütke weggeschickt wurde.

»Wurde ich nach Alexanders Tod etwa gefragt, ob ich mich reif genug fühlte? Ein einfacher Brigadier war ich, hatte keine Ahnung von der Welt, als ich die Zarenkrone aufgesetzt bekam. Aber ich war ja auch nur der Nachgeborene, da legten meine Eltern keinen Wert auf meine Erziehung. Wäre es mir nicht gelungen, mich in kürzester Zeit in viele Dinge einzuarbeiten – Gott weiß, was aus unserem Russland geworden wäre.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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