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Eine Geschichte über Geschichten! Die zwei Bibliothekarinnen, Lucia und Lenya, entdecken in ihrer zauberhaften Bibliothek verschiedenste Werke von 19 Autor*innen. Von romantisch über magisch bis poetisch, aber oft auch ziemlich düster, beherbergt diese magische Bibliothek Bücher aus den unzähligen Bereichen der Fantasy. Eine Anthologie, die doch keine Anthologie in herkömmlichem Sinne ist. Die beiden doch sehr unterschiedlichen Bibliothekarinnen begleiten den Leser von Geschichte zu Geschichte durch ihren manchmal etwas chaotischen Arbeitsalltag, denn die Bücher entwickeln oft ein Eigenleben und machen nicht immer das was die beiden gerne möchten. Zusammen mit wunderschönen Illustrationen ist dieses Buch etwas ganz besonderes, das sich nicht vergleichen lässt. Nun aber kommt mit auf die Reise, taucht ein in vielfältige Welten und lasst euch verzaubern. Tretet ein in „Die zauberhafte Bibliothek“!
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum:
1. Auflage 2023
Copyright: „Die Wortelfen“
Einbandgestaltung, Fotos, Illustrationen, Korrektorat, Lektorat, Buchsatz:
Stones, Books and Pictures Scatoelfen – Anita E. Dobes
Hauptstraße 14, A – 4802 Ebensee
Herausgeber:
„Die Wortelfen“ – alias Anna Schachinger und Anita E. Dobes
Hauptstraße 14, A – 4802 Ebensee
Texte:
Siehe die jeweiligen Autoren*innen und „Die Wortelfen“
ISBN: 9783757902278
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Herausgeber und der Autoren unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Widerrechtliches Handeln wird rechtlich verfolgt.
herausgegeben
von
Die Wortelfen
Inhaltsverzeichnis
Vorwort5
Prolog6
Kapitel 17
Die Federn wurden erhoben – Julia Abel 10
Das rote Kleid – Stefanie Schneider 18
Lieben heißt – Lisa Wagner 37
Kapitel 262
Totengeläut – Alex C. Weiss 63
Lehrjahre sind keine Herrenjahre – Morgane A. Tusk 67
Der Nebel – Rhya Wulf 87
Kapitel 3107
Dunkelheit – Richard L. Häfner 108
Im Angesicht des Todes – A. Elfe D. 113
Schattenkabinett – Nicole Hobusch 121
Kapitel 4141
Das Silbertal – Alex C. Weiss 142
Die Wesen des Zwielichts – Anna Forest Dweller 146
Unterm Park – Helmut Blepp 162
Kapitel 5171
Weltenbrechers Rache – Alex C. Weiss 172
Dunkle Schätze – Richard L. Häfner 175
Kapitel 6230
Die fünf Schwäne – Alex C. Weiss 232
Zaubermond – Francis Marioni 235
Gegenübertragung – Alexander Klymchuk 242
Kapitel 7265
Die Magie des kleinen Volkes – Anna Forest Dweller 266
Die Farbe von Obsidian – Nera Nachtkerze 270
Magikopteryx – Franziska Bauer 307
Kapitel 8313
Sternenstaub – Alex C. Weiss 315
Das Ende der Bedrohung – Hari Patz 319
Schachspieler – Grit Stange 330
Kapitel 9343
Schicksal – A. Elfe D. 344
Fluss des Vergessens – Nicole Kunkel 349
Quellbaum der Nacht – Monique M. L. von Burgberg 376
Epilog404
Die ersten Worte in diesem Buch möchten wir unseren Autor*innen widmen. Ihnen gilt unser größter Dank! Sie haben uns so unfassbar tolle Geschichten geschickt, mit ihnen die Bibliothek gefüllt und somit dieses Projekt ermöglicht. Danke für eure Geduld und euer Vertrauen, dass ihr uns die Zeit gegeben habt, dieses Projekt in genau dieser Weise verwirklichen zu können.
Unser erster Streich und es ist nicht der Letzte.
Nun aber viel Spaß beim Lesen!
Eure Wortelfen
Anna und Anita
***
Zwei Bibliothekare sollen es sein, das sei gewiss. Egal welchem Volk sie angehören, die beiden gehören zusammen wie Gut und Böse. Doch ist keiner der beiden Gut noch Böse, sie sind eins. Sie sind die Wächter. Die Hüter der Magie, der Bücher, der Kräfte, der Bibliothek.
Nicht weniger dürfen es sein und können es sein, denn einer verkörpert die dunkle Seite, der andere die Helle. Sie halten sich die Waage, sie ergänzen sich. Weiß und Schwarz, Yin und Yang, in welcher Weise auch immer.
Alle Arten der Magie müssen sie kontrollieren können und mindestens eine Dekade werden sie dienen, oder 10 oder 20, oder mehr. Immer zu zweit, nie weniger, nie mehr. Kommt der eine, kommt der andere, geht der eine, geht der andere.
Wer würdig ist entscheidet die Bibliothek, daran ist nichts zu ändern. Erteilt sie ihren Auftrag, wird er angenommen.
Dagegen kann sich keiner entscheiden.
Genau so und nicht anders steht es geschrieben und ist nicht zu ändern.
Bist du der nächste Wächter?
Bist du würdig, die Aufgabe zu übernehmen?
***
Mit lautem Knall schwang die rechte Tür des uralten, ver- schnörkelten, Barockkastens im Pausenraum der Bibliothek auf. Zuerst geschah nichts und die geöffnete Tür gab den Blick auf eine in schwarzweiß gehaltene, geradlinige Küche frei. Leise hörte man schlurfende Schritte und Lenya tauchte im Ausschnitt der Tür auf.
Mit einer riesigen, dampfenden Kaffeetasse bewaffnet, nur mit einem seidenen schwarzen Morgenmantel bekleidet, völlig zerrupften Haaren und noch komplett verschlafen, zwängte sich die Schattenelfe mit Gegrummel durch ihr Portal in die Bibliothek.
Sie hob den Blick und sah auf den direkt dem Kasten gegenüberliegenden, mannsgroßen Spiegel. Dort begann sich ein Bild zu manifestieren und gab den Blick auf eine wunder- schöne, Blumen bewachsene Lichtung in einem freundlichen Wald frei. In der Mitte stand ein kleines gemütliches Häuschen, aus dessen Kamin sich leicht Rauch kräuselte. Davor sah man eine kleine Elfe auf einem weißen Einhorn Richtung Spiegel galoppieren.
Der Spiegel war das Portal ihrer Kollegin Lucia, die wenige Augenblicke später fröhlich hopsend in den Pausenraum sprang.
„Guten Morgen! Hast du gut geschlafen? Was steht heute an? Ich glaube da sind jede Menge neue Bücher die einzusortieren sind. Sollen wir dann gleich an die Arbeit gehen?“
Als Antwort bekam sie lediglich ein, „Hmm!“, welches sie als eindeutige Zustimmung wertete. Voller Elan hüpfte sie in ihre fröhlich bunte Arbeitskleidung und strahlte fertig angekleidet ihre Kollegin an, die noch immer verschlafen an ihrem Kaffee schlürfend am Tisch saß und ihr kopf- schüttelnd zusah. Es war immer wieder faszinierend für sie, wie Lucia morgens so fit sein konnte.
Nachdem Lucia die Arbeitsmappe für den Tag fertig vorbereitet hatte, Lenya es endlich schaffte, sich aus ihrem schwarzen Morgenmantel zu schälen und in eine schwarze Hose, ein schwarzes Oberteil und ihren schwarzen Umhang zu schlüpfen, konnten sie loslegen.
Ihr erster morgendlicher Weg würde sie in die Eingangs- halle führen. Schließlich mussten sie ihren einzigen weiteren von der Bibliothek geduldeten Arbeitskollegen ablösen. Azrael, der große, magische Wachhund der Bibliothek hatte sozusagen immer Nachtschicht und war nachts dafür zuständig, dass niemand hinein kam und auch keines der Bücher den Weg hinaus fand. Tagsüber durfte er es sich im Haus von Lenya gemütlich machen und sich am vorbereiteten Futter satt fressen.
Als die beiden Bibliothekarinnen die große Halle betraten, erwartete sie ein papierenes Schlachtfeld. Azrael lag seelen- ruhig inmitten eines in alle Einzelteile zerstörten Buches und hob lediglich den Kopf, als die beiden eintraten. Lenya fand schnell den vorderen Teil des Einbandes und las den Titel.
*Magische Befehle für magische Wachhunde*.
Sie zog eine Augenbraue hoch und sah den Hund an.
„Echt jetzt?“
Unbeeindruckt erhob er sich langsam und trottete Rich- tung Pausenraum und Barockkasten, um seine Pause an- zutreten. Kopfschüttelnd begann Lenya die Einzelteile auf- zusammen und Lucia trug in ihre Arbeitsmappe einen neuen Punkt für den Tag ein.
*Zerrissenes Buch zusammenflicken und wiederher- stellen.*
Mit den zerfetzten Einzelteilen des Buches am Arm folgte Lenya ihrer Kollegin in den Raum der Schriften. Hier wurden die Schriftrollen gelagert, die quer über die verschiedensten Länder, Kontinente und Welten gefunden und gesammelt wurden.
Ein spitzer, erschrockener Schrei ließ sie ihre Schritte beschleunigen. Lucia umklammerte ihre Arbeitsmappe und blickte nach oben. Ihrem Blick folgend sah Lenya auch schon den Verursacher des Schreckes. Eine Schriftrolle flatterte munter durch die Gegend. Plötzlich hielt sie in ihrem flatterhaften Tanz inne und steuerte direkt auf Lenyas Gesicht zu. Diese warf sämtlich Einzelteile des zerrissenen Buches erneut verstreuend von sich und schnappte sich mit einer schnellen Bewegung die Schriftrolle aus der Luft.
Mit einem resignierten Blick auf den Boden stellte sie fest: „Na toll, jetzt kann ich nochmal alles einsammeln. Aber lass uns zuerst schauen, ob du den Aufwand wert bist.“
Sie entrollte die noch immer zappelnde Schriftrolle und begann zu lesen:
***
von Julia Abel
Es gab nichts.
Alles war still und leer.
Kein Hauch eines Lichts,
Bis der Knall erschuf das Meer.
Licht und Schatten waren nun entstanden,
Zu einem sich verbanden.
Viele Welten sie erschufen,
Alles kam wie gerufen.
Eine Macht so voller Kraft,
Durch Worte wurde sie entfacht.
Nichts ergab wirklich einen Sinn,
Und doch gehörte alles hier hin.
Jeder fand so seinen Platz,
Niemand blieb mehr ohne Schatz.
Feuer, Wasser, Erde, Luft,
Jeder wurde gelockt von süßem Duft,
Doch auch das Dunkle erwachte in seiner Gruft.
Eins gab es, was ein jeder begehrte,
Die eine Macht, die jeder verehrte,
Freude, zu schreiben, sie allen bescherte.
Somit wurden die Federn erhoben,
Alle Finger durchgebogen.
Die Worte wurden niedergeschrieben,
Und das Nichts für alle Zeit vertrieben.
Die Fantasie erwachte nun zum Leben,
Niemand ließ sich das entgehen.
Doch erzählen möchte ich nur von einer,
Eine Geschichte, die so kennt wirklich keiner:
Eine Prinzessin war Teil dieser Welt,
Der charmante Prinz war ihr Held.
Doch auch das Böse blieb nicht fern,
Denn der Teufel wollte das Mädchen gern.
Die Hölle war sein Zuhaus‘,
Dort lebte er in Saus und Braus.
Prinz und Prinzessin wollten in Frieden leben,
Der Teufel, er war dagegen,
Wollte sie für sich allein,
Dafür brach er jedes im Wege stehende Bein.
Der Prinz liebte die Prinzessin sehr,
drum gab er sie niemals her.
Doch des Teufels Wille war zu stark,
Er baute des Prinzen Sarg.
So nahm die Geschichte ihren Lauf,
Beide nahmen alles in Kauf.
Beide wollten sie gewinnen.
Niemand konnte dem Schicksal entrinnen.
Jeder erhob seine Waffen,
Um den anderen dahinzuraffen.
Der Prinz suchte des Lichtes Gunst,
Während der Teufel sich verschaffte des Schattens Kunst.
Ein Lichtblitz dort,
Der Teufel parierte sofort.
Die Erde befleckt von Blut,
Doch noch lange kämpfte Bös‘ gegen Gut.
Jeder Leser gespannt auf die nächsten Worte,
Wem öffnete sich wohl die Siegespforte?
Ein jahrelanger Kampf um das Mädchen,
In wessen Hand lag das richtige Fädchen?
Ein Schlag dort, ein Hieb da,
Der Sieg war noch lange nicht nah.
Doch wie heißt es so oft? -
Gut besiegt Bös‘ – so war es jedenfalls erhofft …
Der Prinz hob das Schwert zum letzten Schlag,
Den Hass gegen das Bös‘ er nicht verbarg.
Der Teufel rasend vor Wut,
Die Prinzessin wollte er als Hab und Gut.
Es folgte der letzte Angriff,
Einer betrat das Totenschiff.
Doch war es nicht des Teufels letzte Stund‘,
Des Mädchens Augen vor Trauer kugelrund.
Der Prinz, er war tatsächlich der Tote.
Die Hochzeit mit dem Teufel der Prinzessin drohte.
So nahm der Dämon ihre Hand,
Zum Altar sie schritt im schwarzen Gewand.
Tränen zierten ihr Gesicht.
Doch ihm zu dienen, war nun ihre Pflicht.
So wurde die Prinzessin des Teufels Braut.
Sie war dem Prinzen nun geklaut.
Der schaute als Engel vom Himmel herab,
Sein Glück gefunden er hatte nur knapp.
Die Liebe seines Lebens hatte er verloren,
Die Freude in seinem Herzen war erfroren.
Ein Jeder war entsetzt,
Tränen sammelten sich, selbst in der Spinnen Netz‘.
Der Prinz weinte nun fortan,
Die Prinzessin gefangen in des Teufels Bann.
Fliehen konnte sie nicht,
Denn zu sehen war nicht mal der kleinste Funken Licht.
Doch das Ende war noch lange nicht geschrieben,
bis dass sie sich ineinander verliebten.
Denn der Teufel gewann schließlich ihr Herz,
Sodass dem Prinzen wuchs der Schmerz.
Kinder bekamen die beiden viele,
Des Schattens böse Triebe.
Das Licht verlor zum ersten Mal,
Es war nicht mehr weiß, es wurde fahl.
Das Dunkle jubelte voller Freud‘,
Und hielt an, von damals bis heut.
Doch der Prinz, er war voll Neid,
Zur Gewalt er war bereit.
Die großen Engel stimmten ihm zu,
Und so kam es zum Krieg im Nu.
Himmel und Hölle waren jetzt Feinde,
Ein jedes Kind vor Angst nun weinte.
Blitze zuckten,
Flammen spuckten,
Denn der Himmel verlangte bittere Rache,
Doch der Teufel nicht an Niederlage dachte.
Blut beherrschte die Welt,
Rote Meere überzogen selbst das kleinste Feld.
Am Ende wusste niemand,
Wem der Krieg war verdankt.
Er dauerte zu lange an,
Bis ein jeder sich eines Besseren besann.
Sie wollten den Krieg beenden,
Denn Blut klebte an allen Händen.
Alle drei Leben mittlerweile vorbei,
Himmel und Hölle vom Krieg endlich frei.
Böses zu schreiben wurde verboten,
Doch für jeden war dies gelogen.
Kein Leser wollte Langeweile,
Das wurde für jeden Autor zur Titelzeile.
Denn Fantasie in jedem sich verbirgt,
Von allen, dieser Zauber wirkt.
Jeder erhob seine Feder,
Alle Worte wie ein starker Kleber.
Elfen, Trolle und Bösewichte
Alle fanden ihre eigenen Gedichte.
Viele schrieben wundervolle Zeilen,
Von denen sich auch manche reimen.
So gibt es viele weitere Geschichten,
Gefolgt von Unmengen an tollen Gedichten.
Dies war nur der Beginn einer Galaxie,
Mit der größten Fantasie.
***
„Was für ein wunderschönes Gedicht, wer ist diese Julia Abel?“, fragte Lucia.
Lenya fackelte nicht lange.
„Sehen wir nach. Da steht es ja. Sie wurde Anfang 2007 geboren. Unglaublich, das heißt sie ist noch unglaublich jung! Von ihr haben wir sicher noch viel zu erwarten. Sie schreibt im Moment an ihren Debütroman der im Frühjahr 2023 ver- öffentlicht werden soll und es schwirren noch viele andere Ideen für Bücher in ihrem Kopf. Ganz eindeutig ein Natur- talent. Ich bin völlig hin und weg. Ihre Eltern müssen unglaublich stolz auf sie sein. Auf alle Fälle war es den Aufwand wert, dass ich nun nochmal die einzelnen Teile des zerfetzten Buches aufheben muss.“
Lucia nickte zustimmend.
„Das stimmt. Warte, ich helfe dir.“
Vorsichtig rollte sie das Pergament wieder zusammen.
„Ich bin unglaublich neugierig, was von Julia noch so kommt. Hoffentlich noch viel und sobald ihr Debütroman veröffentlicht wird muss ich es haben. Ich möchte das un- bedingt für die Bibliothek bestellen. Doch nun sollten wir endlich an die Arbeit gehen.“
***
In Gedanken noch immer bei dem wundervollen Gedicht marschierten die beiden endlich in den großen Bibliotheksraum. Dort warteten bereits viele Bücher und Schriftrollen darauf von ihnen an ihren Platz gebracht zu werden.
Lucia schnappte sich auch prompt beim Eintreten das erste Buch und las den Einband: „Das rote Kleid – Wovon das wohl handelt?“
Stirnrunzelnd sah ihr Lenya zu: „War so klar, dass du genau dieses Buch als erstes in die Hand nimmst. Es ist gefühlt das mit Abstand am Verschnörkeltste im ganzen Raum.“
Grinsend schlug Lucia am Weg zu ihrem Schreibtisch das wundervoll verzierte Buch auf, welches sofort zu plappern begann. Schnell schlug sie das Buch erstaunt wieder zu.
„Was war das jetzt? Liest sich das Ding selbst vor?“
Langsam und vorsichtig öffnete sie das Kunstwerk erneut und das Buch begann vorzulesen:
***
von Stefanie Schneider
Grollend trieb das nahende Gewitter die letzten Sonnen- strahlen vor sich her und verschlang sie im nächsten Moment endgültig. Schwarze Wolken senkten sich über die Stadt und die wenigen Bürger Luans, die noch auf den erhitzten Straßen waren, eilten nach Hause. Erste schwere Tropfen lösten sich aus den dunklen Wogen.
Die sonst so geschäftige Stadt schien den Atem anzuhalten. Die Stadtbewohner warteten auf die willkommene Abkühlung und hofften trotzdem, dass bis zum nächsten Tag die Sonne zurückkehren würde. Das Sommernachtsfest und die Freuden- feuer standen bevor.
Mira arbeitete oft beim spärlichen Licht einer Öllampe, so auch in dieser Nacht. Stich für Stich ließ sie ihre Liebe in die Kleidungsstücke einfließen.
Das Kleid, an dem sie derzeit arbeitete, war jedoch anders. Tagelang hatte sie es nur angestarrt, ohne die Kraft aufzu- bringen, einen einzigen Stich zu setzen. Die feine Handarbeit erinnerte sie an ihren Vater und seinen zu frühen Tod. Das letzte Meisterstück ihres Vaters zu beenden, lastete auf ihr. Sie hatte noch eine Nacht, dann sollte es fertig sein, oder die bisherige Arbeit ihres Vaters wäre umsonst gewesen. Tief durchatmend begann sie den Saum zu vollenden und ließ zu, dass Erinnerungen und Gedanken an ihren Vater, mit seinem gütigen Lächeln, sie einnahmen.
Als kleines Mädchen war sie durch die Nähstube getanzt und hatte sich in bunte Stoffreste gewickelt. Als sie alt genug war, hatte ihr Vater sie die Kunst gelehrt, Wärme, Geborgen- heit, Schutz und Träume in die Kleidung zu zaubern.
„Für manche mag es nur Stoff sein, der einen bedeckt, doch mit jedem Stich nähen wir unsere guten Gedanken ein.“
Sie hatte die Stimme ihres Vaters im Ohr, während sie die schillernde Seide und zarte Spitze durch ihre Finger gleiten ließ. Mit jeder schönen Erinnerung ließ das Zittern ihrer Hände nach.
Sogar schwer krank war alles, was er kreierte ein Meister- stück. Genauso wie das Ballkleid für seine Tochter, an dessen Vollendung sie nun saß. Mira hatte alles von ihm gelernt, fühlte sich aber nicht bereit sein Erbe anzutreten. Dennoch wusste sie, dass sie mit der Fertigstellung seines letzten Werkes es nicht entweihte. Viel mehr schien sie mit der Vollendung des Kleides auch ihre Trauer teilweise zurücklassen zu können. Das Atmen fiel ihr mit jedem Stich leichter.
Ein mächtiger Blitzschlag zerriss die Dunkelheit der Nacht. Peitschender Donnerknall ließ die offenen Scheiben des Fens- ters klirren. Erschrocken fuhr Mira hoch. Gerade hatte sie den letzten Faden abgeschnitten und konnte im letzten Moment die scharfe Schere von dem zarten Stoff zurückziehen, bevor sie vor Schreck ein Loch hinein stach. Zu versunken in ihre Gedanken und die Arbeit, hatte sie das Gewitter bis jetzt nicht wahrgenommen.
Blinzelnd kam Mira ins Hier und Jetzt zurück während sie zum Fenster eilte. Der Wind hatte den Regen längst bis ins Innere geweht, sodass er sich in einer kleinen, kalten Pfütze auf dem Boden gesammelt hatte. Mit bloßen Füßen trat sie hinein und hielt inne. Das erste Mal seit Tagen nahm sie mehr als den Schmerz der Trauer wahr. Das kalte Wasser unter ihren Füßen. Das kühle Nass, das ihr Gesicht benetzte. Der Wind, der an ihrem Haar zupfte.
Tief sog sie die frische, vom Gewitter gereinigte Luft ein. Ein leises Schluchzen entkam Mira, als sich die Regentropfen mit ihren heißen Tränen mischten, denen sie nun endlich freien Lauf ließ. Der Damm, den sie innerlich um ihre Trauer er- richtet hatte, war gebrochen und ließ sich nicht mehr flicken. Weinend schlang sie die Arme um ihren Leib und gab sich den Tränen hin.
Das Unwetter spülte den Staub der Sommertage von den Straßen Luans und nahm dabei auch eine Last von Miras Schultern. Während ihre Tränen versiegten und das Gewitter weitertrieb, drehte sie sich zu dem Kleid. Im sanften Licht der Öllampe schimmerte die Seide in einem tiefen Rot. Rot wie das Leben und die Glut der Freudenfeuer, die zur Sommernacht brennen würden. Das letzte Geschenk ihres Vaters. So viel mehr als ein Ballkleid. Mit feuchten Fingern wischte sie sich über die Wangen und lächelte.
„Es ist fertig, Vater. Und morgen werde ich es tragen. Euch zu Ehren, um das Leben zu feiern. Für dich. Für Mutter. Für uns.“
Götter! Mira war nervös. Als ein Page ihr aus der Kutsche half, konnte sie gerade noch dem Drang widerstehen, die feuchten Hände an ihrem Kleid abzuwischen. Mit ihrem Vater hatte sie das Schloss einige Male aufgesucht, um Aufträge anzunehmen. Zum Sommernachtsball des Grafen hatte man sie jedoch noch nie geladen. Bis jetzt hatte sie diese magische Nacht immer an einem der Freudenfeuer vor der Stadt verbracht. Einem von vielen, wie sie in dieser Nacht über das ganze Land verteilt zu finden waren. Gemeinsam wurde das Leben in seiner Fülle gefeiert. Um die Feuer wurde getanzt, bis die Füße schmerzten und die Stimmen rau vom Lachen waren.
Der Ball begann wie die anderen Feierlichkeiten bereits am späten Nachmittag, doch würde es dort kein Freudenfeuer geben. Keine Kinder, die zwischen all den Tanzenden hin und her liefen, um die Sidhe zu suchen, von denen die Geschichten erzählten. Langsam atmete Mira aus, ehe sie die seidene Augenmaske mit den feinen Stickereien zurechtrückte. Jeder Ballgast trug in dieser Nacht eine Maske. Sie waren ein Zeichen dafür, dass auf diesem Fest alle gleich waren. Egal ob Adeliger oder Kaufmann, es waren Feiernde unter vielen.
Langsam durchquerte Mira das Foyer. Unbewusst legte sie ihre Hand auf ihren Brustkorb, als müsse sie ihr wild poch- endes Herz daran hindern, aus der Brust zu springen. Prächtige Blumenbouquets luden dazu ein, betrachtet zu werden, währ- end einem der Geruch von exotisch gewürzten Speisen in die Nase stieg. Ein Page bot Mira prickelnden Schaumwein an, den sie leicht kopfschüttelnd ablehnte. Beschwingte Melodien aus dem Ballsaal zogen sie magisch an. Die Tanzfläche war ein einziges Meer aus Farben und Formen. Ein Meer, in welches Mira eintauchen wollte. Die Fülle an Eindrücken raubte ihr den Atem und begeisterte sie zugleich.
„Lebe, liebe und lache jeden Tag“, murmelte sie und trat auf das Parkett zu.
Worte, die ihre verstorbene Mutter, ihr mit auf den Lebens- weg gegeben hatte. Ihr Vater wollte sie zu ihrem ersten Tanz führen, doch ...
Ehe sich Schwermut über sie legen konnte, trat ein Herr auf sie zu. Seine dunkelblaue Maske erinnerte sie an tiefste Nacht. Mit vollendeter Eleganz verbeugte er sich vor ihr.
„Milady, würdet Ihr mir die Ehre dieses Tanzes erweisen?“
Charmant lächelnd hielt er ihr seine Hand entgegen.
Geschmeichelt senkte sie den Blick, als sie tief knickste und ihre Finger in die dargebotene Hand legte. Mit einem leichten Nicken ließ sie sich zum Tanz führen.
Von einem Tanz zum Nächsten wurde Mira von dem einnehmenden Tanzpartner geführt, während er sie mit seiner Aufmerksamkeit umschmeichelte. Wenn sie nicht zusammen über die Tanzfläche schwebten und lachten, tranken sie vom süßen Wein, der den Gästen gereicht wurde. Leicht außer Atem vom letzten Tanz, nippte sie an einem weiteren Glas. Sich ihr entgegen lehnend, ließ der elegante Herr, die Finger über den Teil ihrer Wange streichen, der nicht von der Maske bedeckt war. Als sein süßer Atem über ihre Lippen strich, weiteten sich ihre Augen. Hitze stieg ihr ins Gesicht und Mira hoffte, dass die Maske die Röte verbarg, die sich unweigerlich auf ihrem Gesicht auszubreiten schien. Entschuldigend lächelnd, trat sie etwas zurück und knickste.
„Bitte verzeiht. Ich benötige einen Moment für mich.“
Er richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf, ehe er ihre Hand nahm und an seine Lippen führte, um einen angedeuteten Kuss darauf zu hauchen.
„Verzeiht meine Dreistigkeit.“, sagte er mit einer dezenten Verbeugung. Die Verwunderung in der Stimme konnte er nicht verbergen. Einen Augenblick lang hielt er ihre Hand noch fest, ehe er Mira entließ und sie auf die offene Tür zu der aus- ladenden Schlossterrasse ging.
Rosenduft empfing sie, als ein lauer Sommerwind über ihre erhitzten Wangen strich.
Das Gewirr aus Stimmen und Melodien rückte in die Ferne. Zögerlich blickte sie über die Schulter zurück auf der Suche nach ... Nun, was suchte sie eigentlich? Vielleicht hätte sie den Kuss doch zulassen sollen. Mittlerweile war ihr klar geworden, dass ihr eleganter Tanzpartner der Graf persönlich war. Ein kleines Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln, als sie den Kopf schüttelte und sich dem Geländer der Terrasse zuwandte.
Liebend gern hatte sie ihrer Mutter gelauscht, wenn sie Geschichten über diese magische Nacht erzählte. Alte Legen- den besagen, dass ein Kuss des wahren Geliebten in der Sommernacht, das Paar auf ewig aneinanderband.
Gedankenverloren legte Mira die Hände auf den warmen Stein der Brüstung und ließ den Blick über den nahen Wald schweifen. Die Sonne war hinter dem Horizont versunken und hinterließ sanftes Dämmerlicht.
Vor einigen Jahren hatte sie in der Sommernacht einen unerwarteten Kuss bekommen. Sie war nicht mehr als ein Mädchen gewesen, das mit den anderen Kindern rund um das Freudenfeuer getollt war. Mit dem Bäckersjungen war sie lachend im Kreis gesprungen. Ihr schönes Kleid längst von Grasflecken bedeckt. Schmatzend hatte er ihr einen viel zu feuchten Kuss auf die Lippen gedrückt und verkündet, dass sie nun die Braut sei, die er heiraten würde. Fluchend wie ein Rohrspatz war sie davongelaufen, nachdem sie ihn unwirsch von sich gestoßen hatte.
Leise lachend schüttelte sie den Kopf. Er war nicht der wahre Liebste, dem ihr Herz für immer gehören sollte.
Irgendwann würde es jemanden geben.
Langsam ließ sie den Blick über die leicht erhöht liegende Terrasse schweifen. Rechts führten ein paar Stufen in den Garten hinab und zu einem Heckenlabyrinth. Durch die leichte Erhöhung konnte man den Eingang beobachten. Bunte Later- nen erleuchteten bereits jetzt das Labyrinth und würden zur späteren Stunde alles in mystisches Licht tauchen und so manchen, jetzt noch tanzenden Gast anlocken. Aber vorerst war Mira noch alleine und genoss den Moment für sich.
Ein Hornstoß aus Richtung des Waldes drang an Miras Ohren. Während der Himmel immer dunkler wurde, strahlte der aufgehende Vollmond umso deutlicher herab und tauchte alles in ein mysteriöses Zwielicht. Vermutlich hatte der Graf für manche Gäste eine Jagd veranstaltet, die nun zu Ende ging.
Mira ließ den Blick über den Weg schweifen, der vom Wald, am Labyrinth vorbei, um das Schloss führte. Von der Erhöhung der Terrasse aus konnte sie den von Fackeln beleuchteten Verlauf erkennen. Ein einzelner Reiter schälte sich aus dem Dunkel des Waldrandes und lenkte sein Pferd in Richtung des Schlosses. Etwas an der Gestalt des Reiters irritierte sie. Etwas, das sie nicht greifen konnte. Langsam löste sie sich von dem Geländer und näherte sich der Treppe, die zum Weg um das Schloss hinab führte. Von der obersten Stufe aus beobachtete sie, wie die Gestalt immer näher kam.
Ein weiterer Hornstoß erklang und ließ die feinen Härchen in ihrem Nacken zu Berge stehen. Das Geräusch klang in ihren Ohren wie eine dunkle Drohung. Obwohl der Reiter noch viel zu weit entfernt war, konnte sie das Trommeln der Hufe erahnen. Hufe! Mira schnappte nach Luft. Die Gestalt konnte kein Reiter sein! Sie hatte einfach angenommen, dass es ein Jäger auf seinem Pferd sein musste, der in ihre Richtung hastete, aber dem war nicht so. Es war nicht einmal ein Pferd. Es war eine Gestalt auf zwei Beinen. Zwei Beine, die schnell und kraftvoll über den Kiesweg donnerten.
Die Röcke raffend eilte sie über die glatten Marmorstufen hinab, dorthin, wo der Weg vorbeiführte, nur um auf ein Holzgatter zu treffen, das sie stoppte.
Hatte man das Wesen erwartet? Oder war die Absperrung nur eine Sicherheit, sodass die Gäste nicht in den Weg der Jagdgesellschaft kam, dessen Horn sie gehört hatte?
Einem Impuls folgend, griff Mira nach den Latten der Absperrung und rüttelte daran. Mira war egal, ob man das Gatter zu ihrem oder dem Schutze der Ballgäste errichtet hatte. Pure Verzweiflung griff nach ihr, ohne dass sie wusste weshalb.
Leise drang die Musik aus dem Ballsaal an ihre Ohren und mischte sich mit dem Donnern ihres Herzens. Niemand interes- sierte sich für das, was außerhalb des rauschenden Festes passierte. Wahrscheinlich hatte sich Mira das Ganze ohnehin nur eingebildet. Sie hatte Wein getrunken, die letzte Nacht war lang und sie hatte wenig Schlaf. Sicherlich hatte ihr Verstand sie in die Irre geführt und einen Streich gespielt. Vermutlich würde gleich ein Reiter an ihr vorbeistürmen, der als Erstes von der Jagd zurückkehrte.
Sich konzentrierend, atmete sie langsam tief ein und wieder aus. Das Schwelgen in Erinnerungen hatte sie in ihre Kindheit versetzt. Eine Kindheit voller Märchen und Geschichten über zauberhafte Wesen, die sich in den Wäldern tummelten.
Beinahe hätte Mira über sich selbst gelacht, als sie sich im Hier und Jetzt den Treppenstufen zur Terrasse wieder zu- wandte. Hinter ihr knirschte Kies, unter sich schnell beweg- enden Hufen
Miras Herz setzte für einen Moment aus. Leise keuchend schlug sie sich die Hand vor den Mund, kaum dass sie sich zur Absperrung umgedreht hatte. Es war keine Einbildung! Keine verdrehte Fantasie! Ihr Verstand vermochte es nicht zu begrei- fen, doch das Licht der nahen Fackeln verlieh einem ver- ästelten Geweih eine rötliche Färbung und ließ braunes Fell, das den Kopf bedeckte, schimmern.
Ungläubig stolperte sie einen Schritt auf das Gatter zu, ehe sie Halt suchend die Hand an das Holz legte. Sein Gesicht, halb menschlich, halb tierisch, war von weichem und seidig wirken- dem Fell überzogen.
Leise schnaubend trat es ... trat er näher. Schwer hob sich ein menschlicher Brustkorb, der frei von Fell war. Schweiß- perlen liefen über die von Narben gezeichnete, von der Sonne gebräunte Haut.
„Was? Wer bist du?“
Miras Stimme erschien ihr selbst fremd, als sie die Worte hauchte. All das konnte nur ein Traum sein. Ein bizarrer Tag- traum. Animalisch schnaubend schrägte er den Kopf und betrachtete Mira aus tiefbraunen Augen. Für einen Moment schien es, als würden sich seine Lippen zu einem leichten Schmunzeln kräuseln. Vermutlich konnte er das Hämmern ihres Herzens hören und amüsierte sich darüber.
Von der Hüfte abwärts war sein Körper ebenfalls von seidigem Fell bedeckt. Starke Beine bebten von der wilden Hatz. Unruhig scharrte er mit einem Huf im Kies. Ihre Vernunft hätte sie zur Flucht anhalten sollen. Die Stufen empor und weg von der Kreatur, die sie aus Geschichten kannte. Eines jener Wesen, die in der Sommernacht Mädchen mit sich nahmen, um ihnen die Herzen zu rauben.
Stattdessen blieb sie wie gebannt stehen und streckte bebende Finger durch den Zwischenraum der hölzernen Absperrung. Der Abstand war gerade groß genug, dass sie ihren schlanken Arm hindurch strecken konnte. Der süße Sommernachtswein, die bebenden Rhythmen der Musik und der Rausch der Tänze mussten ihr den Verstand geraubt haben.
Wahrscheinlich würde sie morgen in einer kahlen, kalten Höhle, mitten im Wald erwachen. Die hirschähnlichen Ohren des Sidhe zuckten leicht, als er nähertrat. Er war eindeutig einer der legendären Sidhe der dunklen Wälder, ein Wächter des Waldes.
Langsam streckte er seine Hand in ihre Richtung. Erneut, nun deutlicher, zupfte ein Schmunzeln an seinen Lippen. Seine gebräunte Haut stand im starken Kontrast zu ihrer. Beinahe wäre Mira doch zurückgewichen, als seine Finger ihre be- rührten. Das Gefühl winziger Blitze, die über ihre Haut zuckten, ließ sie bis ins Innerste erzittern. Die Zeit und Welt schienen zum Stillstand zu kommen. Kein knirschender Kies, kein Jagdhorn, nicht einmal die Ballmusik drang noch zu ihr durch.
Gebannt sah sie auf die Hände. Ihre Eigene und die Seine. Hell und dunkel. Groß und rau, klein und zart. Sie hob den Blick, als der Sidhe näher an die Absperrung trat.
Er war unwirklich schön, wie in all den Geschichten beschrieben. Seine dunklen Augen schienen sie in einem Bann gefangen zu halten. Als er seine Finger um ihr Handgelenk legte, zuckte sie leicht zusammen. Langsam hob er ihre Hand etwas an.
„Kannst du sprechen?“
Am liebsten hätte sie sich für die Dummheit dieser Frage geohrfeigt. Das leichte Neigen seines Kopfes war die einzige Antwort, die sie erhielt, ehe er sacht an ihrem Handgelenk zog und ihre zittrigen Finger an seine Wange führte.
„Roe.“, hauchte sie den Namen, der ihr in den Sinn kam. Die Brauen des Sidhe zogen sich leicht zusammen und sein Mund öffnete sich, als würde er sprechen wollen, ehe er schnaubend von ihr zurücksprang.
„Nein, nicht!“, flehte Mira und riss den Arm zurück, als er wild den Kopf herumwarf.
Dort wo er eben noch gestanden und ihre Hand gehalten hatte, ragte ein Pfeil aus dem Holz. Ein weiterer Pfeil drang mit einem dumpfen Geräusch tief in die Barrikade.
„Nein ... nein ... NEIN!“
Ihre Stimme überschlug sich fast.
„Lauf! Verschwinde, du musst fliehen, bitte!“
Viel zu schnell näherte sich die Gefahr.
„Lauf!“, schrie sie ihn an, als er keine Anstalten machte die Flucht zu ergreifen.
Ihre Reaktion schien ihn mehr zu erschüttern als die Pfeile, die mit Wucht in das Holz getrieben worden waren. Endlich wandte er sich schnaubend ab und floh.
Außerstande etwas zu tun und vor Schreck gelähmt, stand Mira an dem Gatter und sah zu, wie das Wesen aus alten Geschichten den Weg in Richtung Schloss eilte. Weg von ihr! Weg von den Verfolgern, die aus dem Wald kamen.
„Nein! Lasst ihn! Verschont ihn!“
Verzweifelt griff sie erneut an das Holz und rüttelte daran. Sie versuchte, gegen das Donnern der Hufe der heranpresch- enden Jagdgesellschaft anzuschreien.
Wenn sie nur die Aufmerksamkeit der Reiter erlangen konnte, vielleicht würde sie dem Sidhe damit einen Vorsprung verschaffen. Es war ihre Schuld. Ohne ihre Anwesenheit hätte er mehr Abstand zwischen sich und den Verfolgern. Er hätte sicher bereits einen Ausweg gefunden, wäre sie nicht die Stufen hinabgekommen.
Könnte sie nur die Absperrung überwinden und auf den Weg dahinter gelangen. Sie würde sich den Reitern in den Weg werfen, um sie aufzuhalten.
Feine Holzsplitter rissen ihre Finger auf, während sie flehte und schrie. Das silberne Mondlicht und der Fackelschein ließen die Jäger unwirklich erscheinen. In diesem Moment waren sie die Monster aus dem dunklen Wald, vor denen die Kinder gewarnt wurden. Monster die nicht auf sie reagierten und mit fliegenden Hufen an ihr vorbeirasten. Mira fühlte sich, als würde man ihr den Boden unter den Füßen wegreißen. Sie konnte nichts tun, außer machtlos zuzusehen wie sie hinter dem Sidhe her preschten.
Ein verzweifelter Schrei entrang sich ihrer Kehle, als sie die Marmortreppe hochstürmte und beinahe gefallen wäre.
Im Schloss musste es jemanden geben, der helfen konnte. Und wenn sie den Grafen auf Knien anflehen musste.
Eine lachende Gruppe von Gästen trat auf die Terrasse, als Mira auf die Türen zulief.
„Bitte! Ich brauche Hilfe, bitte!“
Maskierte Gesichter schenkten ihr nicht mehr als ab- schätzige Blicke, ehe die Leute weiter in Richtung des nun in allen möglichen Farben beleuchteten Labyrinthes gingen.
Vorbei an einer weiteren ignoranten Gruppe schob sie sich in den Ballsaal. Die schöne Musik war ihr nun zu laut. Die Tänzer eine wirre Masse die sich zu schnellen, pochenden Rhythmen drehten. Verzweifelt suchte Mira nach jemanden, der ihr helfen konnte. Plötzlich wurde sie gepackt und in den Wirbel aus Tänzern gezogen.
„Nein, nicht, ich brauche Hilfe!“
Im Rausch der ausgelassenen Fröhlichkeit ging ihre Stimme unter. Nun zeigten die Personen, die sie so bewundert hatte, ihr wahres Gesicht. Für die Gäste schienen nur noch das Feiern und die Ausschweifungen zu zählen. Was für Mira zuvor wunderschön war, glich nun einem Strudel aus Egoismus und Gleichgültigkeit.
Von Tänzer zu Tänzer wurde sie geschoben, ohne das sie sich aus deren Griff befreien konnte. Als wäre sie nicht mehr als eine Frau, die dem Wein zu sehr zugesprochen hatte, wurden ihre panischen Worte ignoriert. Jedes Mal wenn sie sich aus den Armen des Einen wandte, trat ein Anderer an seine Stelle und zog sie an sich. Erneut drückte sie sich von einem Tänzer weg und holte mit der Faust aus, um gegen den Brustkorb des nächsten Mannes zu trommeln, der sich ihrer annehmen wollte.
Sanft, aber bestimmt legten sich starke Finger um ihr Handgelenk und hielten sie fest. Ihre Faust an seinen Brustkorb drückend, stand ein weiterer Mann direkt vor ihr. Frustriert und wütend wollte sie ihn anschreien. Hilflosigkeit drohte sie zu überrumpeln. Warum hörte ihr denn niemand zu? Zornige, empörte Worte formten sich auf ihrer Zunge und sollten wie ein Sturm über ihn hereinbrechen.
Doch ehe der Sturm über ihn kommen konnte, lehnte er sich ihr entgegen.
„Roe.“, raunte der Fremde den Namen, der ihr zuvor über die Lippen gekommen war.
Dieser eine Name ließ sie innehalten und ihren Blick heben. Schmunzelnd legte er den freien Arm um Miras Taille und zog sie an sich. Inmitten eines Meeres aus bunten Stoffen und aufgepeitschten Melodien versank sie in dem tiefen Braun seiner Augen.
Die Geräusche und Bewegungen um sie rückten in den Hintergrund. Sie ließ zu, dass er ihr Handgelenk höher zog und einen Kuss auf ihre zur Faust geschlossenen Finger hauchte. Es war Roe! Es war der Sidhe! Nur dass er nun als Mann, als Mensch vor ihr stand. Doch diese Augen erkannte sie.
„Roe“, wisperte sie. „Ich wollte Hilfe holen. Ich wollte es verhindern.“
Ungläubig streckte sie ihre Finger aus, um über seine Wange zu streichen. Über weiche Haut.
„Wie ist das möglich?“
Sein starker, um sie geschlungener Arm, hielt sie auf den Beinen, die vor Erleichterung nachgeben wollten. Sein ange- nehm dunkles Lachen brachte die feinen Härchen in Miras Nacken zum Stehen. Seine Lippen senkten sich zu ihrem Ohr und er flüsterte: „In der Sommernacht ist nichts unmöglich. In dieser Nacht heben sich die Schleier und wir Andersweltwesen können Teil deiner Welt werden.“
Hatte er seine Sidhe-Gestalt abgelegt, um den Verfolgern zu entkommen? Wussten sie das die Kreatur, die der Graf anscheinend jagen liesß, mitten unter ihnen war? In Miras Kopf schwirrten unzählige Fragen umher, doch die sorgenvolle Schwere in ihrer Brust wich einem aufgeregten Flattern. Er würde ihr sicher alles erklären können, doch gerade zählte nur eines. Der Sidhe war in Sicherheit. Er war hier. Er, Roe, hielt sie in seinem Arm.
„Möchtest du tanzen?“
Die offenen Fragen rückten für den Moment in den Hinter- grund, als Mira kaum merklich nickte. Roe begann sich in leichtem Schritt zu wiegen. Langsam drangen die Melodien wieder an sie heran. Mit jedem Tanzschritt breitete sich das Flattern in ihrer Brust mehr aus, bis ein gelöstes Lachen über ihre Lippen kam. Roe war in Sicherheit und zog sie noch enger an sich. In diesem Moment und in seinen Armen, fühlte Mira sich wie etwas Besonderes.
Die ganze Nacht verbrachten sie damit, zu tanzen, zu reden und wieder zu tanzen.
„Seit jeher kommen wir Sidhe an die Feuer der Menschen.“
Mit jedem Wort schien seine raue Stimme etwas weicher zu werden, als würde er sich daran gewöhnen zu sprechen.
„Unerkannt und in menschlicher Gestalt, bringen wir den Segen der Anderswelt zu euch.“
Während sie sich eng umschlungen zur Musik bewegten, erklärte Roe, dass der Graf um die Anderswelt und die Sidhe wisse. Jedes Jahr wurde ein Wächter des Waldes ausgewählt, um den Ball zu segnen. In diesem Jahr war es Roe, der diesen Platz einnehmen sollte. Etwas worüber er erfreut war, wie er ihr gestand. Er erzählte ihr von einem ihm unerklärlichen Ziehen, das er gefühlt hatte, als würden die Götter selbst ihn zu diesem Ball führen.
„Es war meine eigene Dummheit, dass ich der Jagdgesellschaft in die Quere kam.“
Schräg lächelnd strich er ihr eine Strähne hinter das Ohr:
„Nur die Tatsache das man die Ankunft eines Sidhe er- wartete, konnte mich vor ihnen retten. Noch ehe sie mich einholten, sorgte ein Page dafür, der um mein Kommen wusste, dass ich mich verstecken konnte.“
Nun verstand sie. Zumindest im Ansatz. Denn es war ihm nicht möglich, ihr die Magie zu erklären, die dafür sorgte, dass er nun als Mensch vor ihr stand. Aber er erzählte ihr von seiner Heimat, seiner Welt und brachte sie damit zum Staunen und Lachen.
Stunde um Stunde verging, bis sie irgendwo dort an der Schwelle zwischen Tag und Nacht wieder auf der Terrasse standen und dem ersten Zwitschern der Vögel lauschten. Roe senkte seine Stirn an ihre und schloss die Augen.
„Die Sommernacht, sie endet und die Schleier werden sich senken..“, erklärte er. „Ich muss aufbrechen.“
Mira hatte es geahnt. Irgendwann musste diese Nacht zu Ende gehen und er in seine Welt zurückkehren. Ihr Traum fand nun ein Ende. Nur einen Moment noch wollte sie ihn bei sich halten und den Augenblick des Abschiedes hinauszuzögern. Schon jetzt brannte die Sehnsucht in ihrer Brust.
„Werde ich dich wieder sehen?“
Langsam löste er sich von ihr.
„Magie hat mich zu dir geführt.“
Roes Lippen senkten sich auf ihre und liebkosten sie. Alles in ihr wollte ihn festhalten, um diesen Kuss für die Ewigkeit fortzusetzen, während der Himmel sich von einem blassen Grau zu einem zarten Blau färbte. Schon bald würde die Sonne die Nacht endgültig vertreiben.
„Bald werde ich zu dir kommen“, versprach er und hauchte einen weiteren Kuss auf ihre Fingerspitzen. „Bald, Mira.“
Etwas in ihre Hand legend, schloss er ihre Finger darum und trat von ihr zurück.
„Bald.“
In einer animalisch anmutenden Bewegung warf er den Kopf herum und blickte kurz zum östlichen Horizont, wo sich die ersten Sonnenstrahlen zeigten. Mit einem bitteren Lächeln auf den Lippen verbeugte er sich tief vor ihr und eilte davon, noch ehe sie ein letztes Wort an ihn richten konnte.
Die Morgensonne fiel auf Miras Gesicht, als sie die Hand öffnete. Im warmen Licht schimmerte die Schale einer fast schwarzen Walnuss. Mit einem traurigen Lächeln drückte sie das unerwartete Geschenk an ihren Brustkorb.
Die Tage nach dem Ball glichen einem Traum ohne Anfang und Ende. Manchmal wusste sie nicht, ob sie schlief oder wach war. Immer wieder ertappte sie sich dabei, wie sie nach Roe Ausschau hielt oder mit klopfenden Herzen aus der Nähstube eilte, kaum dass sie die Türglocke vernahm.
Vergebens. Roe kam nicht. Einzig die seltsame, immer warme Walnuss erinnerte sie an den Ball und das Wesen. An den Mann, der sie über Stunden gehalten hatte. Sein Geschenk bewies Mira, dass es kein Traum war. Tage wurden zu Wochen. Wochen zu Monaten.
In manchen Momenten überkamen sie Traurigkeit und eine Sehnsucht, die sie nie für möglich gehalten hatte, aber auch Enttäuschung. Enttäuschung darüber das er immer noch nicht zu ihr gekommen war. Es gab so viel mehr dort draußen, als das, was offensichtlich war.
An dunklen Tagen ließ sie immer wieder die Finger über die Walnuss gleiten. Ihr ständiger Begleiter, Zeugnis für die Wahrheit hinter so mancher Geschichte. Ihr Talisman.
Der Sommer ging in den Herbst über, und dieser in den Winter. Bereits im Frühling wurde sie mit Aufträgen für den kommenden Sommernachtsball überhäuft.
Ihr rotes Seidenkleid hatte Mira auf eine Schneiderpuppe drapiert, von wo aus es den Verkaufsraum ihrer Schneiderei zierte. Das Kleid war ebenfalls ein Anker für sie geworden. Für den kommenden Ball erhielt sie ebenfalls eine Einladung. Egal wie oft sie diese in die Hand nahm und las, sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie der Einladung folgen sollte oder nicht. Je näher der Sommer und damit der Ball rückte, desto mehr Zweifel kamen Mira. Zweifel und Ängste. Würde sie fröhlich tanzen können? Oder würde sie nur auf der Terrasse stehen und nach Roe Ausschau halten? Was wenn der Herr des Waldes einen anderen Sidhe schicken würde?
Bald hatte er versprochen und doch wartete sie jetzt schon ein ganzes Jahr auf ihn. Ein winziger Hoffnungsfunken, dass sie den Sidhe wieder sehen würde, glomm immer noch in ihr. Und wenn er in der Sommernacht nicht kam? Sie fürchtete, diesen winzigen Funken auch noch zu verlieren, sollte sie auf den Ball gehen und ihn doch nicht wieder sehen.
Am Tag vor der Sommernacht saß sie, wie schon im Jahr zuvor, in der Schneiderstube und arbeitete noch spät an ihrem Kleid für den Ball. Auch wenn die endgültige Entscheidung noch ausstand, das Kleid wollte sie fertig haben, sollte sie sich doch für den Ball entscheiden. In dieser Nacht fand sie kaum Schlaf. Ein Gedanke jagte den Anderen. In einem Moment malte sie sich aus, wie wunderbar es wäre, Roe wieder zu sehen, selbst wenn ihre gemeinsame Zeit auf die Stunden der Sommernacht begrenzt sein sollten. Im nächsten Augenblick wurde ihr das Herz schwer aus Sorge um ihn. Ein Jahr war vergangen, viele Monate, in denen ihm etwas zugestoßen sein könnte.
Als die Sonne am Tag des Balles aufging, hatte sie einen Entschluss gefasst. Nie hätte sich Mira verziehen, wäre sie aus Angst vor einer Enttäuschung nicht auf den Ball gegangen und hätte womöglich die Gelegenheit verpasst, ihren Sidhe wieder zu sehen.
Den Tag würde sie ihrer Arbeit widmen. Aber der Abend sollte dem Leben gehören. Mit einer Leichtigkeit, die sie selbst überraschte, machte sie sich an ihr Tagewerk. So mancher Kunde würde noch etwas benötigen, ehe sie die Türe verriegeln konnte. Während sie in der Stube für Ordnung sorgte, glitt ihr Blick zu ihrem Ballkleid. Zarte, rankenförmige Stickereien auf grüner Seide.
Gedankenverloren hatte sie Roes Walnuss in die Hand genommen. Später würde sie diese in die kleine Tasche stecken, die sie extra eingenäht hatte. Das Klingeln der Glocke über der Schneidereitür riss sie aus ihren Gedanken.
„Einen Moment bitte.“
Blinzelnd trat sie in den von der Nachmittagssonne durch- fluteten Geschäftsraum. Die Nuss fest von ihren Fingern um- schlossen.
„Was kann ich für Euch tun, werter Herr?“
Ein warmes Lächeln und tiefbraune Augen empfingen sie.
„Roe!“
Vor Freude aufschluchzend warf sie sich in die ausge- breiteten Arme des Sidhe und ließ dabei die Walnuss fallen, die sich knackend öffnete und das wahre Geschenk offenbarte.
Ein zarter Ring aus goldenen Ranken kullerte hervor und schimmerte im Licht der Sonne, während Mira ihren Roe immer und immer wieder küsste.
***
Lucia war ganz angetan von dem Sidhe und wollte unbedingt mehr von der Autorin wissen.
Lenya suchte die Infos und las vor: „Stefanie Schneider, geboren 1983 im Salzburger Land, bekam ihr Interesse an Büchern erst als Jugendliche. Von da an waren Fantasy Romane ein gern gesehener Begleiter, genau wie die Ge- schichten die sie für sich selbst zusammengesponnen hatte. Doch erst jetzt hat sie den Mut gefunden der Welt zu zeigen was sie kann und etwas zu veröffentlichen.“
„Ich hoffe da kommt noch ganz viel, ICH WILL MEHR!!!“, rief Lucia entzückt.
***
Lucia saß schmachtend in ihrem Schreibtischsessel und streichelte noch immer das verschnörkelte Buch.
„Wahnsinn so schön. Ich möchte den Sidhe auch kennenlernen.“
Kopfschüttelnd aufgrund der Sentimentalität ihrer Kollegin stand Lenya an einem Bücherregal und sah, dass eines der Bücher falsch eingeordnet war. Sie zog es heraus, um es umzuplatzieren. Bevor sie es aber ganz in der Hand hatte, flutschte es wieder zurück an seinen Platz.
„He, was soll das!“
Sie zerrte wieder daran und je mehr sie versuchte es aus dem Regal zu ziehen, desto mehr wehrte es sich.
„Verflixt nochmal, jetzt komm da heraus. Das kann ja wohl nicht sein!“
Im Hintergrund sah ihr Lucia amüsiert zu.
„Vielleicht solltest du es einfach mal höflich fragen, ob es herauskommen möchte.“
„Was!? Ich bitte doch kein Buch aus dem Regal zu kommen!“
Diesmal war es Lucia, die den Kopf schüttelte und Lenya setzte genervt an: „Liebes Büchlein, könntest du bitte, bitte herauskommen, damit ich dich an deinen richtigen Platz stellen kann? Ich werde dir auch meine Aufmerksamkeit widmen und nachsehen worüber du handelst.“
Zögerlich rutschte das Buch nun in die Hand der Bibliothekarin und diese begann zu lesen:
***
von Lisa Wagner
Es begab sich zu einer Zeit, als die Erde noch jung war und die Götter gerade erst begannen sie für ihre Zwecke zu gestalten, dass zwei von ihnen im Streit aufeinandertrafen. In jener Zeit hielten ihr weiser Anführer und großer Kriegsherr Varkyr und seine Ehefrau und gütige Heilerin Ulmra noch regelmäßig rauschende Feste für ihre Brüder und Schwestern ab, an denen damals auch noch die besonders Auserwählten unseres Volkes teilnehmen durften.
Auf vielen dieser Götterfeste waren sich Nirnya, die Schutz- herrin des Waldes und Rohgrimm, der Herrscher über Berge und Steine schon begegnet. Doch obwohl sie beide von dem großen All-Einen dazu erschaffen worden waren die Geschöpfe der Natur zu hüten, fand keiner der beiden den anderen Gott besonders anziehend.
Wie es schien, teilten sie keinerlei Gemeinsamkeiten.
Nirnya galt als eine zurückhaltende und sehr bedachte Göttin unter ihren Geschwistern. Nur wenn das Wohl des Waldes und seiner Geschöpfe bedroht war, hörte man sie leidenschaftlich und laut ihre Stimme für sie erheben. An- sonsten zog sie es vor, im Hintergrund zu bleiben, wenn ihre Brüder und Schwestern sich ihre üblichen Wortgefechte liefer- ten. Ein freundliches Wort hatte sie jedoch für jeden von ihnen übrig, wann immer sie die seltene Zeit fand, aus der Wildnis herauszukommen, um ihre Geschwister zu besuchen. Ihr An- blick galt als angenehm, auch wenn sie keine Schönheit in herkömmlichem Sinne war. Ihr Körper befand sich im Ein- klang mit den Jahreszeiten im steten Wandel. So war sie im Winter von magerer Gestalt mit schneeweißem Haar, während im Sommer alles an ihr üppig war, ihre Formen ausladend und das Haar so schwarz wie frische nasse Erde. Sie galt als scheue, doch allseits mit Wohlwollen betrachtete Göttin.
Rohgrimm stattdessen beharrte stets auf seiner Meinung und war ein grimmiger Außenseiter von boshaften Wesen, der es vorzog sich abseits der anderen zu betrinken und finster vor sich hinzustarren. Selbst Ulmra mit ihrem liebreizenden Wesen hielt sich von ihm fern. Der Steinmann, so lautete sein ab- fälliger Spitzname unter den anderen Göttern. Hart und leblos, wie Stein war sein Wesen und wie aus Fels gehauen sein Leib, der viel zu groß und kantig erschien.
Im Spätherbst, als das Farbenspiel der Blätter bereits zu einem eintönigen Braun abgeklungen war, machte Rohgrimm bei seinen Grabungen in den Bergen einen Fund, der sein Leben für immer ändern sollte. Nicht jedoch so, wie er es sich augenblicklich erhoffte.
Mit einem grimmigen Lächeln trug er stolz die Kohle, die er geschürft hatte, an den Rand der Berge und türmte sie zu einem großen Haufen am Rande des Waldes auf. Sein Bruder Batost, der Meisterschmied, wollte sie am nächsten Tag für sein Schmiedefeuer abholen. Er hatte Rohgrimm im Gegenzug da- für zwanzig Fässer des edelsten Mets versprochen.
Obendrein wollte Batost Rohgrimms Lieblingswaffe, eine wuchtige Keule, mit Eisenbeschlägen versehen.
Doch zum Abschluss ihres Handels sollte es nie kommen. Des Nachts zog ein starkes Gewitter über die Berge hinweg und entfachte einen gewaltigen Sturm, der viele Bäume ent- wurzelte und loses Geröll von den Hängen der Berge mit tosendem Krachen in die Tiefe stürzen ließ.
Während Rohgrimm am Eingang seiner Höhle stand und mit lautem Lachen der Naturgewalt zuprostete und sich am Bier berauschte, durchlebte Nirnya eine unruhige Nacht voller Ängste. Verzweifelt begleitete sie im Wald den Überlebens- kampf ihrer Schützlinge und versuchte so viele Bäume wie möglich vor einer Entwurzelung zu bewahren und tunlichst alle Tiere vor den faustgroßen Hagelkörnern zu beschützen, die auf sie mit todbringender Wucht niedergingen. Den Meisten von ihnen konnte Nirnya in jener Nacht das Leben retten. Doch nicht allen, denn der Winter würde bald hereinbrechen und Nirnya spürte bereits, wie ihre Kräfte sie immer mehr ver- ließen. Dennoch war sie zufrieden mit ihren Bemühungen, als sich das Gewitter in den frühen Morgenstunden aufzulösen begann.
Nirnya wollte sich gerade zur Ruhe begeben, als ein letzter Blitz sich aus den türmenden Wolkenbergen löste. Mit tos- endem Donnerschlag schlug er genau in den Kohlehaufen ein, den die Göttin kurz zuvor noch misstrauisch begutachtet hatte, da er so nah am Rande des Waldes aufgehäuft worden war. Als sich die dunkelgrauen Wolken lichteten und die Sonne am Horizont emporzusteigen begann, entfachte sich wie zum Hohn gleichzeitig ein riesiges Feuer. Genährt von längst vergangenen Leben, die in dem schwarzen Gestein eingeschlossen waren, breiteten sich die Flammen voll ungezügelter Kraft aus, bis sie schließlich auch auf die jungen Eichen übersprangen, die in der Nähe des Kohlehaufens wurzelten.
An jenem Tage sollte ein Waldstück so groß wie zehn Dörfer, mitsamt aller Lebewesen darin niederbrennen. Erst als Nirnya bittere Tränen vergoss, gelang es ihr damit die Flammen zu ersticken und viele weiterer ihrer Schützlinge vor einem grausamen Feuertod zu bewahren.
Als ihre Tränen versiegten und sie erschöpft durch die abgebrannten, verkohlten Reste ihres Waldes taumelte, begann sie erst wirklich zu begreifen, was geschehen war. Wer dafür verantwortlich gemacht werden konnte. Ein so großer Zorn bemächtigte sich ihrer Seele, dass es sie am ganzen Leibe zu schütteln begann und sie aus ihrer lähmenden Trauer riss. Rohgrimm, dieser tumbe Steinmann war schuld an dem Leid ihrer Schützlinge! Nun musste er dafür gestraft werden!
Nirnya schwor inmitten der Todeslandschaft verbrannter Baumleiber bittere Rache an dem Gott der Berge. Noch am selben Tag zog sie mit ihren sechs großen Wölfen, die ihre treusten Kampfgefährten waren, aus, um ihren Schwur zu erfüllen.
Als sie an der einfachen Höhle ankam, die Rohgrimm sein Heim nannte, forderte sie ihn voller Zorn zu sich heraus.
„Rohgrimm!“, schrie sie mit lodernder Wut.
„Komm heraus und verantworte dich vor mir! Wegen deiner Dummheit brannte der Wald mitsamt all seiner Bewohner nieder. Ich fordere Wiedergutmachung von dir. Du musst be- zahlen für die Leben, die du mit deiner Nachlässigkeit ver- nichtet hast! Komm heraus, Steinmann! Rohgrimm!“
Schon kurz nachdem sie ihm zum zweiten Mal bei seinem Namen gerufen hatte, da trat Rohgrimm aus seiner Höhle heraus.
Drohend ruhte seine wuchtige Keule auf seinen massigen Schultern, während der Gott der Berge mit seinen zorn- funkelnden Granataugen abschätzig auf sie herabblickte. Als er zu sprechen begann, donnerte seine Stimme einem Steinschlag gleich auf sie herab: „Weib, du kommst hierher und wagst es Forderungen an mich zu stellen? Herrsche ich etwa über das Wetter? Verschwinde zurück in dein Gestrüpp und klage dein Leid jemanden den es interessiert!“
Voller Zorn über seine Unverfrorenheit so respektlos mit ihr zu sprechen, schüttelte Nirnya ihren Kopf, sodass ihr feuerrotes Haar, in denen sich bereits viele weiße Strähnen mischten, um ihr blasses Gesicht peitschte.
„Versuche bloß nicht mich mit Ausreden abzuspeisen, Stein- mann! Es war dein Kohlehaufen, der am Rande meines Waldes lag und abbrannte! Nicht der meine! Ich fordere von dir, dass du die Verantwortung übernimmst für das Leid, welches du nicht nur mir verursacht hast!“
Da brach Rohgrimm in lautes Gelächter aus.
Es war ein kaltes, grausames Lachen, welchem jegliche Fröhlichkeit fehlte. Ohne ein weiteres Wort an Nirnya zu richten, rief er seine vier Bären zu sich heraus. Sie waren seine Höhlenwächter, die er als Babys ihrer Mutter geraubt hatte, während diese Zuflucht in seiner Höhle gesucht hatte. Nun glichen sie scharf abgerichteten Wachhunden, die er ganz seinem Willen unterworfen hatte. Die Stahlbänder, die um ihre Hälse lagen, zeugten von ihrer erfolgreichen Unterwerfung.
Als Nirnya dies sah, mischte sich in ihren Zorn eine tiefe Trauer um ihre gefangenen Kinder. Ohne auf eine weitere Verhöhnung von ihm zu warten, beschwor Nirnya dornige Ranken, die aus dem Boden brachen und sich um Rohgrimms Beine und Arme wickelten und ihn fesselten. Doch die Dornen brachen an seiner steinernen Haut und Rohgrimm stieß ein weiteres verächtliches Lachen aus.
Es brauchte nur ein Fingerzeig von ihm und schon stürzten sich seine Bären ihrer eigentlichen Herrin entgegen. Die Göttin des Waldes hatte Mitleid mit diesen armen Geschöpfen und wollte ihnen kein weiteres Leid zufügen. Sie leistete keinen Widerstand, als die Bären sich in ihren Gliedmaßen verbissen und ihr blutige Fleischwunden rissen. Ein leiderfülltes Stöhnen entwich ihrer Kehle und mit diesem Schmerzenslaut entglitt ihr zugleich die Kontrolle über die Ranken, die Rohgrimm noch immer fesselten. Mit einer Handbewegung und einem verächt- lichen Schnauben riss er sich das lästige Gestrüpp ab.
„Begrabe sie mit deinem Leib.“, befahl Rohgrimm seinem Berg mit wutbebender Stimme.
Der Berg gehorchte seinem Meister mit einem schaurigen Grollen. Die Göttin des Waldes wurde der Gefahr trotz ihrer Schmerzen rechtzeitig gewahr.
Faustgroße Steine begannen auf sie herabzustürzen. Aus Nirnyas Rücken brach ein Rankengeflecht hervor, das sich, dornigen Flügeln gleich, auszubreiten begann.
