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Die Chorherren von St. Marienwolde zu Frenswegen geraten in ein Knäuel von Intrigen und Ränkespielen: Spanier und Niederländer, der Bischof und der Kaiser, und irgendwo dazwischen der Graf von Bentheim. Die kleine Glaubensgemeinschaft muss geschickt taktieren, es geht um nicht weniger als das Überleben. Zu allem Überfluss gibt es auch noch zwei mysteriöse Todesfälle. Bruder Martin macht sich an die Entwirrung des Knäuels, tatkräftig unterstützt durch den jungen Bruder Jan.
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Seitenzahl: 356
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Dass ihn im „Paradies Westfalens“ zwei mysteriöse Todesfälle erwarten, und der Schlagabtausch mit Graf Arnold II. von Bentheim zur Nebensache gerät, kommt für den Augustiner-Chorherrn Martin von Bovert aus dem niederrheinischen Kloster Gaesdonk völlig unerwartet. Mit detektivischem Scharfsinn und tatkräftiger Unterstützung durch den jungen Bruder Jan macht er sich an die Entwirrung eines Knäuels von Intrigen und Machtspielen, in denen es nur Vordergründig um Religion geht.
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Für den 23. November 1988 gaben wir in einer lokalen Tageszeitung eine Anzeige auf. Deshalb sitze ich jetzt hier und schreibe!
Es meldete sich eine ältere Dame, schon über 70, welche auf ihrem Dachboden eine Holzkiste mit entsprechenden Kleidungsstücken besaß. Mit einem Freund suchte ich an diesem Tag die Dame auf. Ich weiß noch ganz genau, dass es der 23. November war, denn an diesem Tag hat mein Freund seinen Namenstag und deshalb hatte er, wie jedes Jahr, einen großen Blumenstrauß von seiner Patentante auf dem Küchentisch stehen, als ich ihn abholte. Es waren immer Chrysanthemen dabei, obwohl er allergisch gegen sie ist und so war dieser obligatorische Blumenstrauß immer schon am 24. November verschwunden. Aber darum geht es hier nicht, zurück zu der Kleiderkiste! Wir begutachteten also die Stücke, die sich darin befanden: Sie waren fast ausnahmslos in tadellosem Zustand. Die Dame erzählte uns, ihr Großvater habe die Kiste Ende des 19. Jahrhunderts gefertigt. Er sei Tischler gewesen und sie habe seit jeher als Aufbewahrungsort für abgelegte Kleidungsstücke gedient. Besonders wertvoll war diese Kleiderkiste zwar nicht, aber ganz praktisch und sicher schon 100 Jahre alt. Wir kauften also die Kleider samt Kiste und luden sie in unser Auto.
Beim Ausladen passierte es dann. Wir trugen die Kiste eine Treppe hoch, meinem Freund entglitt sie den Händen und mir dann ebenso und mit einem lauten Krachen polterte sie hinunter. Mir war nicht viel passiert, aber mein Freund trug eine große Schürfwunde am Schienbein davon. Nachdem ich diese versorgt hatte, befand ich es für das Beste, sicherheitshalber einen Arzt aufzusuchen; so fuhr er mit dem Auto davon. Derweil machte ich mich daran, die havarierte Kleiderkiste zu bergen. Der Boden war aufgesprungen und da der Deckel nicht verschlossen war, hatten sich die Kleider über den gesamten Treppenabsatz verteilt. Zunächst begutachtete ich den Schaden an der alten Holzkiste. Vielleicht war sie noch zu gebrauchen oder zumindest leicht zu reparieren. Ich stellte fest, dass, von ein paar Schrammen abgesehen, nur ein einziges Brett des Bodens zerbrochen war. Als ich etwas genauer hinsah, machte ich eine überraschende Entdeckung: Nur außen war ein Brett zerbrochen, innen nicht – die Kiste besaß einen doppelten Boden! Neugierig untersuchte ich den Hohlraum, der sich mir auftat. Zum Vorschein brachte ich eine alte Handschrift, schlecht gebunden und ziemlich vergilbt. Schon beim Überfliegen der ersten Seite erkannte ich, dass sie wohl gegen Ende des 16. Jahrhunderts verfasst sein musste, im damaligen Hochdeutsch. Mit dem Gedanken „Das glaubt dir doch kein Schwein“ nahm ich meinen Schatz an mir. Leider war es mir ohne Weiteres nicht möglich, den Text wirklich zu verstehen, sodass ich zunächst beschloss, dieses „Projekt“ auf Eis zu legen, denn ich hatte zum damaligen Zeitpunkt Wichtigeres zu tun.
Anfang 1993 entdeckte ich die alte Handschrift wieder. Zu dieser Zeit wohnte ich in einer Wohngemeinschaft und hatte für meinen Schatz den sichersten Platz der Welt gefunden: in der Küche, im Hängeschrank über dem Herd, in der einzigen abschließbaren Schublade! Fast jeden Abend kramte ich die Schrift hervor und übersetzte mithilfe einiger literatur- und sprachwissenschaftlicher Bücher den Text ins heutige Hochdeutsch.
An einem Samstag im Oktober 1993 hatten wir einige Freunde zu uns eingeladen. Die Küche hatten wir in eine Bar verwandelt. Der Herd, welcher von meinen Eltern stammte und schon reichlich 30 Jahre auf dem Buckel hatte, besaß eine emaillierte Metallhaube zum Herunterklappen, um die Herdplatten zu verbergen. So benutzten wir den Herd als Abstellfläche für die Bierkisten und auf dem Tisch gegenüber servierten wir einige Häppchen und Salate. Es wurde viel gegessen und noch mehr getrunken und weit nach Mitternacht, als die meisten Gäste bereits gegangen waren und nur noch der harte Kern im größten Zimmer der Wohnung ausharrte, bemerkte ich zunächst einen merkwürdigen, wachsartigen Geruch, dann schreckte uns ein lauter Knall hoch! Im Nu waren alle wieder nüchtern und rannten zur Küche, aus der erneut ein lautes Knallen zu vernehmen war. Die Bierkisten auf dem Herd brannten lichterloh und dann und wann explodierte eine der vollen Flaschen! Jemand versuchte, mit Wasser zu löschen, was die Sache aber nur verschlimmerte. Mir fiel ein, dass sich auf dem Hausflur ein Feuerlöscher befand. Ich rannte hinaus, holte ihn und löschte in kurzer Zeit das Feuer. Die Küche sah grauenvoll aus. Überall geschmolzener Kunststoff und Asche. Und: Der über dem Herd befindliche Hängeschrank hatte großen Schaden davongetragen. Die unteren Schubladen waren nicht mehr vorhanden, verbrannt, weg! Von meiner wertvollen Handschrift war nicht ein Schnipsel mehr zu finden. Fassungslos stand ich da. Jemand öffnete das Fenster, langsam verzog sich der Rauch und dann entdeckten wir die Ursache des Feuers: Eine der Herdplatten war eingeschaltet; aus Versehen, absichtlich? Es spielte keine Rolle.
Wir brauchten eine Woche, um die Küche wieder bewohnbar zu machen. Wochenlang war mir nur elend zu Mute. Die Handschrift war unwiederbringlich verloren. Ich hatte sie nicht einmal fotokopiert – aus Angst, die alten Blätter könnten dabei Schaden nehmen. Fast genau sieben Wochen zuvor hatte ich die letzte Seite der alten Schrift in meiner Rohfassung übersetzt, ein schwacher Trost, denn die Arbeit war längst nicht beendet. Am Morgen nach dem Brand begann ich, zwei weitere Exemplare meiner Übersetzung auszudrucken. Damals arbeitete ich noch mit dem seligen Commodore 64 und einem Nadeldrucker, welcher pro Seite etwa drei Minuten brauchte, natürlich nur in Schnellschrift. Die Übersetzung war gut 200 Seiten stark. Die beiden Exemplare verstaute ich jeweils in einem großen Umschlag, verschloss und versiegelte sie und übergab sie zur Aufbewahrung meinen Eltern und einem guten Freund. Seither schlief ich wieder etwas ruhiger, aber über den Verlust der Handschrift war ich untröstlich.
Erst im Jahr 2000 begann ich, mich mit meiner Rohübersetzung zu befassen und vor allem begann ich, sie auch zu erfassen, denn vorher war ich nur darauf bedacht, Satz für Satz getreulich abzuschreiben und zu übersetzen, wo es nötig schien. Nun beschäftigte mich der Inhalt. Und dieser Inhalt hatte es in sich! Es handelte sich nämlich um den Bericht eines Mönchs oder korrekter gesagt, eines Chorherrn namens Martin von Bovert, welcher in den Wirren der Reformation und des Spanisch-Niederländischen Krieges um die Existenz seines Klosters kämpfte. Er wurde in ein Geflecht von Intrigen, Spionage und Mord verwickelt und gibt uns als Augenzeuge einen einmaligen Bericht aus der damaligen Zeit. Ich überlegte, was ich mit meiner Rohübersetzung anfangen sollte. So, wie sie war, konnten nur Experten etwas mit ihr anfangen und die hätten sich vor allem für die Originalhandschrift interessiert. Aber die Geschichte war viel zu interessant, als dass sie nur einem ausgewählten Kreis hätte zugänglich gemacht werden sollen. Hätte nämlich zu der damaligen Zeit die Gegenseite die Übermacht gewonnen, die Landkarte Europas würde heute anders aussehen. Ich entschloss mich, meine Übersetzung umzuarbeiten, lesbar zu machen. Plötzlich überfielen mich Zweifel: Inwieweit stimmt dieser Bericht eigentlich mit der Historie überein, ist er womöglich erfunden? Wieder ruhte die Arbeit, denn für Nachforschungen fehlte mir gerade die Zeit. Anfang des Jahres 2002 recherchierte ich zweimal in der Stadtbibliothek von Nordhorn, dann war mir klar: Nicht nur, dass ich die geschichtlichen Begebenheiten und auch die meisten der von Martin von Bovert beschriebenen Personen fand, der Bericht bringt auch Licht in einige rätselhafte Geschehnisse der damaligen Zeit. Nun war ich vollends entschlossen, dieses Werk zu vollenden. Weitere neun Monate recherchierte ich über das Klosterleben der Augustiner-Chorherren und die Windesheimer Kongregation, die Reformation in Westfalen und die Geschichte des Deutschen Reichs im 16. Jahrhundert im Allgemeinen und die der Grafschaft Bentheim im Besonderen. Dann machte ich mich an die Umformung des Bovert'schen Berichts und stieß sofort auf die nächste Schwierigkeit. Welche stilistische Form sollte ich wählen? Den Bericht einfach im heutigen Hochdeutsch zu verfassen wäre der Sache nicht gerecht geworden, wollte ich doch den Leser in die damalige Zeit versetzen. Also versuchte ich, den Sprachrhythmus dieser Zeit beizubehalten. Auch auf die Gefahr hin, dass dieses Vorgehen vielleicht aufgesetzt wirken könnte, übergebe ich nun der geneigten Öffentlichkeit mein Werk und schließe mit den Worten des Italieners: „Der Mensch ist von Natur aus ein animal fabulator“.
Prolog
Aufbruch
Der Weg nach Münster
Gefangen beim Freund
Die Emsfahrt
Ankunft
Die Stadtburg
Graf Arnold
Unbekannt und tot
Der Versuchung erlegen
Überraschender Besuch
Der tote Medicus
Ein Grab und ein Gespräch
Ermittlungsarbeit
Eine uralte Geschichte
In der Heide
Eine erfreuliche Täuschung
Ein neuer Anfang
Neue Freunde und ein Lied
Der Vertrag
Die Schuld des Hermann
Epilog
Singt Gott Unserm König
Nachwort des Autors
Das da zu jener Zeit war, das wir gehört haben mit unseren eigenen Ohren und das wir gesehen haben mit unseren eigenen Augen, das will ich – Martin von Bovert, ein Diener Gottes und der Menschen – hier berichten. Wenngleich die Wahrheit bis auf den heutigen Tag, der unheilvollen Geschehnisse und Wirren dieser Zeit wegen, dem Tageslichte entzogen bleiben musste, so ersehe ich es als meine Pflicht, der Nachwelt von den sündigen Taten jener Zeit zu berichten, gleichsam als Lehre und als Mahnung! Gott, der Herr, unser Vater, hat es für gut befunden, mich armen Sünder zu erwählen, diese Arbeit zu tun. Die Vorsehung wollte, dass ich seinerzeit täglich in einem Büchlein die Geschehnisse des Tages notierte. Noch zittern meine Hände nicht, noch sehe ich das Vergangene klar vor meinen Augen, wenngleich selbige beginnen, sich merklich zu schwächen. Es ist jetzt die Zeit, den Auftrag zu erfüllen, der mir von Gott gegeben.
Jene Geschehnisse fallen in das Jahr des Herrn 1578 (schon fast zwei Jahrzehnte sind seitdem vergangen), jenes Jahr, welches mich zu meinen bedrängten Brüdern des Klosters Marienwolde zu Frenswegen im Kirchspiel Nordhorn führte. In diesem unserem Jahrhundert unterzieht Gott, der Herr über den Himmel und die Erde, uns Christen einer schweren Prüfung. Er stürzte uns in ein tiefes Schisma, auf dass wir aus jenem nach gründlicher Reinigung und Abwurf aller sich in den letzten Jahrhunderten angesammelten Sünden vereint und gestärkt hervorgehen würden. Aber noch sind die Lande gespalten in neuen und alten Glauben und mir schwindet die Hoffnung auf eine rasche Überwindung.
Meinen lieben Mitbrüdern aus Frenswegen war es seit dem Jahre 1560 durch den Landesherrn der Grafschaft Bentheim, Graf Everwin III., verboten, Novizen aufzunehmen, auf dass unser heiliger Konvent ausstürbe, denn der Graf hatte die Lehren des Martin Luther angenommen, in der kein Platz mehr ist für Frauen und Männer des monastischen Lebens. Nun waren dem Grafen die Klöster in seinen Landen wie Dornen in seinen Augen, jedoch wagte er es (aus politischer Taktik) nicht, jene heiligen Stätten aufzuheben. Ebenso verfährt auch sein Sohn und Erbe, der hochgelehrte Graf Arnold II., welcher umsichtig und klug regiert, aber keineswegs uns altgläubigen Brüdern wohlgesonnen ist. In jenen Jahren aber kamen meine Brüder aus Frenswegen in noch ärgere Bedrängnis durch plündernde und marodierende Soldaten, seien es spanische oder auch niederländische, welche zunehmend das Kloster und das Leben der Mönche bedrohten. So kam mir und meinem Mitbruder Hermann Berghuis die Aufgabe zu, die kleine Gemeinschaft zu stärken.
Um des Verständnisses Willen möchten ich dem Leser die Verhältnisse unserer Zeit schildern, die letztendlich die Voraussetzung waren für die Verbrechen, von denen in diesem Bericht die Rede sein muss. Dieses sich jetzt neigende Jahrhundert ist geprägt vom Kampf um die rechte Ausübung der Religion, verquickt – besonders im Heiligen Reich – mit dem Kampf um das rechte Verhältnis zwischen der weltlichen Obrigkeit und dem Heiligen Stuhl in Rom. Während der letzten 800 Jahre wurde der Kaiser als Vasall des Papstes angesehen, welcher das Reich von jenem verliehen bekam. Anlass hierfür war die Schenkung des Reiches an Papst Silvester durch den Kaiser Konstantin, als dieser das Christentum zur Staatsreligion ausrief. Die Schenkungsurkunde ist aber schon seit längerem als Fälschung des Papstes Stefan II. entlarvt, was aber die meisten seiner Nachfolger geschickt zu verdecken wussten. Aber seit einigen Jahrzehnten ist dies allgemein bekannt, nicht zuletzt durch den hochgelehrten Mönch D. Martin Luther, ebenso wie ich aus dem Orden der Augustiner, seinerzeit an der Universität zu Wittenberg tätig. Jener Bruder Martin protestierte im Jahre 1517 öffentlich gegen den Ablasshandel des Papstes, dessen Erlöse zu großen Teilen dem Heiligen Stuhl in Rom zuflossen, damit dort der neue Dom prächtig und mächtig erbaut würde. Später verfasste der Wortgewaltige Schriften, in denen er gegen einige Lehren unserer heiligen Kirche und eine Einmischung des Papstes in die weltlichen Belange des Reiches protestierte. Ein jeder im Reiche und auch darüber hinaus entnahm sich aus jenen Schriften, was ihm am Herzen lag oder am Geldbeutel drückte. So erhielt D. Luther sehr rasch viele Anhänger und Unterstützer auch unter den Fürsten des Landes.
Noch Kaiser Maximilian eröffnete gegen Martin Luther einen Ketzerprozess und der Papst erließ eine Verfügung zur Verhaftung, aber in Folge der Geschehnisse in diesen Jahren mochte sich der Papst nicht mit dem Beschützer Luthers, Kurfürst Friedrich von Sachsen, genannt der Weise, überwerfen. Inzwischen war nämlich Kaiser Maximilian gestorben und der Papst brauchte jede Stimme für die anstehende Kaiserwahl. Im Jahre 1521 wurde der bereits Gebannte vor den Reichstag in Worms zitiert. Er kam zögerlich, unter Zusage freien Geleits, aber er widerrief seine Lehren nicht. Auf dem Rückweg nach Wittenberg wurde er auf die Wartburg bei Eisenach entführt, man sagt auf Veranlassung Friedrichs, seines Protektors. Hier begann er die Übersetzung der Heiligen Schrift ins Deutsche. Später kehrte er zurück nach Wittenberg und setzte sein Reformwerk fort. Inzwischen war seine Anhängerschaft sehr groß und so kam es, dass jener Martin Luther bis an sein Lebensende unbehelligt in Freiheit lebte, obwohl der Papst und auch Kaiser Karl V. ihm nach dem Leben trachteten – zu mächtig waren seine Beschützer. Inzwischen hatten sie mit der Römischen Kirche gebrochen und um das Jahr des Herrn 1525 war jenes unheilvolle Schisma vollzogen, welches bis auf den heutigen Tag andauert.
Nun muss ich berichten, dass die Verhältnisse jener Zeit in unserer Römischen Kirche wahrlich Anlass gaben zu weitreichenden Reformen, hatte der Glaube doch heidnische, ja sogar antichristliche Formen angenommen. (Wie sollen die Schafe vor Sünde bewahrt werden, wenn die Hirten selbst die ärgsten Sünder sind!) Die Päpste dieser Zeit waren so sehr mit dem Zählen von schnödem Mammon beschäftigt, dass sie nicht merkten, wie sich der Vatikan in eine Räuberhöhle verwandelte. Die Priester ehrten Gott mit den Lippen, aber ihr Herz war fern von ihm. Vergeblich dienten sie ihm, weil sie solche Lehren lehrten, die nichts als Menschengebote sind. Jene Zeit lechzte nach einer Erneuerung der Kirche an Haupt und Gliedern, ja, es war hohe Zeit! Aber leider gingen noch viele Jahre ins Land. Auch wurde vergeblich eine Einigung versucht mit den Protestanten. Erst Papst Paul III. befreite sich von den Fesseln aus Unzucht und Günstlingswirtschaft und schaffte erste Grundlagen für eine Erneuerung unserer Heiligen Katholischen Kirche. Besonders die Denkschrift Consilium de emendanda ecclesia von Kardinal Contarini war ein großer Segen, eine Eingebung Gottes. Mit Fug und Recht kann diese Schrift als Eckstein für die Tridentinischen Reformen von 1537 gesehen werden. Jedoch war auch Papst Paul III. noch zu sehr in die Anschauungen und Gewohnheiten der Zeit verstrickt, als dass er vollends hätte die Fesseln ablegen können. Seine beiden Nachfolger – Julius III. und Paul IV. – änderten nichts an den Verhältnissen und so ging abermals die Zeit ungenutzt ins Land. Im Jahre des Herrn 1559 jedoch kam die große Wende mit Papst Pius IV. Trotz größter Schwierigkeiten (Frankreich, Spanien und der Kaiser hegten Zweifel ob der Reformwilligkeit dieses Papstes) konnte Ende Januar des Jahres 1562 erneut in Trient ein Konzil einberufen werden, welches Anfang Dezember des Jahres 1563 erfolgreich seinen Abschluss fand. Die Folge war die Wandlung Roms von der sprichwörtlichen Hure Babylons in ein Zentrum herber geistlicher Zucht und kirchlicher Bildung. Auch achtete Pius IV. sehr genau auf die Umsetzung der Konzilsbeschlüsse in allen Bistümern. Leider war zu diesem Zeitpunkt die Spaltung der Kirche schon so weit fortgeschritten, dass die Gegensätze unüberbrückbar und unversöhnlich beieinander standen. Möge die uns nachfolgende Generation mit kühlem Kopfe und frischem Geiste sich eines Besseren besinnen. Wie bereits erwähnt, hatte sich der bentheimsche Graf auf die Seite der Evangelischen geschlagen, jedoch waren seine Länder von altgläubigen Gebieten fast umschlossen, insbesondere ist hier das Bistum Münster zu erwähnen. Westlich der Grafschaft Bentheim liegen die Generalstaaten der Niederlande, die sich seit Jahren die Freiheit gegenüber den Spaniern zu erkämpfen versuchen. Zwar neigen die meisten Niederländer der evangelischen Sache zu und hier insbesondere den Lehren des Johannes Calvin und die Spanier stehen fest zum katholischen Rom, dennoch wurde dieser Kampf nicht oder nicht nur durch den unterschiedlichen Glauben verursacht, sondern durch die missliche Regierung der Spanier. Die rigoristische Verfolgung der Andersgläubigen durch die spanische Inquisition tat dann das Ihrige dazu. Die Sache ist bis heute nicht entschieden und so stehen mal die katholischen Spanier an der Westgrenze von Bentheim, mal die protestantischen Niederländer. Besonders erschwerend kommt hinzu, dass die im Osten fast an Bentheim grenzende Grafschaft Lingen – nur ein schmaler Streifen des Bistums Münster liegt dazwischen – von den Generalstaaten verwaltet wird. Auch hier sind heute Spanier, morgen Niederländer und jeder Wechsel zieht die Durchquerung der Grafschaft Bentheim von nicht selten plündernden und mordenden Söldnern und anderen Barbaren nach sich, heute gen Westen, morgen gen Osten. Die prekäre Lage des Grafen wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass die von ihm beherrschte Grafschaft Steinfurt kein Reichslehen sondern ein fürstbischöfliches Lehen ist. Zudem liegen alle Besitzungen inmitten katholischen Gebiets. Der Leser mag nun verstehen, warum die Aufhebung von Klöstern im Machtbereich des Grafen Arnold II. mit größten Risiken verbunden ist. Diese Tatsache aber gibt uns, Brüder der Windesheimer Kongregation im Augustinerorden, die Möglichkeit, inmitten evangelischen Gebiets weiter zu bestehen; aber nicht wie ein Dorn im Auge, sondern wie das Salz dieser Erde.
Sonntag, 17. August 1578
Es war Spätsommer im Jahre des Herrn 1578, als das Hilfsgesuch des Priors uns erreichte. Zu diesem Zeitpunkt bestand der Konvent zu Frenswegen aus nur noch sieben Kanonikern. Durch das ständige Hindurchziehen plündernder und raubender Soldaten und Legionäre war das klösterliche Leben bald unerträglich geworden. Der Prior von Frenswegen bat also seinen Amtsbruder in Gaesdonck, meinem Heimatkloster, einen, vielleicht auch zwei Brüder zur Unterstützung und Erhaltung des Konvents nach Frenswegen zu entsenden. Ein in der Jurisprudenz Geschulter sei besonders wertvoll und könne möglicherweise entscheidend dazu beitragen, den Auseinandersetzungen mit dem Grafen zu widerstehen und das Überleben des Konvents zu sichern. Die Zeit war auch für unser Kloster nicht die leichteste und unser Prior zögerte mit seiner Entscheidung. Nach etwa drei Wochen fragte er mich, ob ich bereit sei, nach Frenswegen zu gehen. Da sie dort insbesondere einen Juristen bräuchten, sei ich wohl die rechte Person, aber er überlasse die Entscheidung allein mir. Nach einer Nacht des Überschlafens entschied ich, diese Aufgabe anzunehmen.
Im Kloster Uedem, keinen Tagesmarsch von meinem Heimatkloster entfernt, hatte sich ebenfalls ein Bruder dazu entschlossen, nach Frenswegen zu gehen. So wurde verabredet, dass ich gemeinsam mit diesem Bruder die sicherlich nicht ungefährliche Reise antreten sollte. Es war der dritte Sonntag im August des Jahres 1578, als ich mich gegen Tertia, entgegen den Regeln unseres Ordens, allein auf den Weg nach Uedem machte. Die Sonne schien und es war angenehm warm, so dass ich guten Mutes meines Weges schritt. Es mag gegen Sexta gewesen sein, als ich hinter mir einen Pferdewagen hörte. Ich trat zur Seite, um ihn vorbeirollen zu lassen.
„Ein Augustiner allein unterwegs – Ihr müsst Bruder Martin aus Gaesdonck sein. Seid gegrüßt!“
Überrascht sah ich zum Wagen hoch und erblickte einen Laienbruder und einen Augustiner-Chorherrn, der mit einem verschmitzten Lächeln zu mir hinunter blickte.
„Gott zum Gruße, Brüder“, erwiderte ich.
„Mein Name ist Ernst ter Horst, ich bin der Prior von Uedem.“
„Ah, ich verstehe. Da wisst Ihr natürlich, dass ich auf dem Wege zu Euch bin. Und ich dachte zunächst, Ihr könntet hellsehen.“
Der Prior lachte. „Steigt auf, Bruder Martin!“ Er reichte mir seine Hand und ich erklomm mit meinem Bündel den Wagen. „Herzlich willkommen! Da habt Ihr ja Glück, dass Ihr zur rechten Zeit dieses Weges geht. Das übrigens ist Bruder Otto. Er hat mich nach Goch begleitet.“
„Guten Tag“, sagte er knurrend, aber durchaus freundlich und mit einem lauten „Hoo!“ setzte er den Wagen wieder in Bewegung.
„Wie war Euer Weg?“, erkundigte sich der Prior.
„Oh, bis jetzt ebenso angenehm wie das herrliche Wetter. Der Weg ist nicht sehr weit und jetzt darf ich den Rest auch noch fahrend in Eurer Gesellschaft zurücklegen.“
„Ja, genießt den Augenblick, Bruder“, sagte er bedeutungsvoll, „es wird nicht so angenehm bleiben. Ihr wisst, was Euch und Bruder Hermann erwartet?“
„Nun ja, eine schwierige Mission, nicht ganz ungefährlich.“
„Ja, nicht ganz ungefährlich, da habt Ihr Recht, sowohl, was die Reise quer durch Westfalen betrifft, als auch die eigentliche Mission. Ich weiß nicht, inwieweit Ihr mit den Gegebenheiten vertraut seid. Es ist nämlich so, dass der Graf von Bentheim versucht... was sage ich versucht, er hat es bereits erfolgreich – in seinem Sinne erfolgreich – praktiziert! Einige Brüder, die auf dem Weg zum Kloster in Frenswegen waren, wurden von des Grafen Gefolgsleuten des Landes verwiesen. Ihr müsst also versuchen, möglichst unerkannt bis zum Kloster vorzudringen. Seid Ihr erst einmal dort und offiziell aufgenommen – nun, bislang hat er es nicht gewagt, Konventmitglieder auszuweisen.“
„Ich wusste nicht, dass es solche Schwierigkeiten geben könnte.“
„Nun ja, die Zeiten sind alles andere als einfach. Aber seid nicht zu sehr betrübt. Bruder Hermann wird Euch ein hilfreicher und treuer Begleiter sein.“
Er führte seine Erläuterungen nicht weiter aus und wir schwiegen den Rest der Fahrt. Nach kurzer Zeit erreichten wir das Augustiner-Chorherrenstift Uedem, ebenfalls ein zur Windesheimer Kongregation gehörendes Kloster. Dort angekommen stellte mich der Prior sogleich Bruder Hermann vor und nun begriff ich seine vorhergehenden Ausführungen: Bruder Hermann war mehr als einen Kopf größer als ich und entsprechend kräftig gebaut. Seine Hände glichen den Pranken eines Bären und sein Kreuz schien mir bald doppelt so breit zu sein wie mein eigenes. Sein Gesicht hingegen strahlte eine gewisse Wärme und Sanftmut aus. Er begrüßte mich herzlich und geleitete uns dann in die Küche, wo der Koch etwas für uns zurückgestellt hatte, denn das Mittagsmahl war bereits vorüber. Schweigend aßen wir die lauwarme Brühe mit Brot und da es der Tag des Herrn war, gab es die Reste gebratenen Hühnchens und warmes Gemüse. Nach dem Mahl befand Prior Ernst, dass es das Beste sei, sich sogleich an die Planung der Reise zu machen. Zunächst aber geleitete er mich in das Gästehaus und wies mir eine Zelle zu. Alsdann zogen wir uns zu dritt in die Bibliothek zurück und vertieften uns in eine Landkarte.
Der Prior kannte sich mit den politischen Gegebenheiten Westfalens gut aus, was für unsere Reise sehr hilfreich sein sollte. Über die Karte gebeugt erklärte er uns:
„Da ihr zunächst zum Domherrn nach Münster reist, würde euch der bequemste Weg durch Alpen führen. Allerdings gehört die Herrschaft Alpen zum Einflussbereich des Grafen – sein Schwager herrscht dort – und man weiß nicht, ob schon etwas über unsere Mission durchgesickert ist. Also haltet euch lieber fern von Alpen und geht den direkten Weg nach Wesel.“
„Glaubt Ihr wirklich, dass des Grafen Leute uns dort auflauern könnten? Man könnte uns doch höchstens verweisen“, warf ich angesichts der, wie mir schien, übertriebenen Vorsicht des Priors ein.
„Die Gefahr mag nicht groß scheinen. Trotzdem: Warum unnötig Risiken eingehen? Dafür ist unsere Sache zu wichtig. Eine Verzögerung von nur vier Wochen könnte schon das Ende für das Kloster in Frenswegen bedeuten!“, entgegnete der Prior. Mir schien, er wusste mehr über die Lage des Klosters als er sagte und ebenso dachte wohl Bruder Hermann, der verwundert zu mir herüber blickte. Aber keiner von uns wagte nachzufragen. Stattdessen beschäftigten wir uns weiter mit der Karte. Der Prior kennzeichnete grob mit einem Griffel die Gebiete des Grafen. Wir sahen, dass nur die Grafschaft Steinfurt einen kleineren Umweg für uns bedeutete, denn sie liegt direkt auf dem Weg von Münster nach Bentheim. Die Karte hatte den großen Vorteil, dass alle Klöster eingezeichnet waren. So war es uns möglich, recht zügig die Tagesmärsche von Kloster zu Kloster zu planen. Fein säuberlich erstellten wir eine Liste aller Stationen und Orte, welche wir passieren würden. Als wir endlich die Route zum Kloster in Frenswegen erstellt hatten, kamen wir aber nicht umhin, die Karte zu kopieren, denn es handelte sich um das einzige Exemplar dieser Art und der Prior war verständlicherweise strikt gegen eine Mitnahme dieses Originals. Hermann legte einen frischen Bogen Papier über die Karte und hielt nun beides gegen ein Fenster der Bibliothek, sodass das durchscheinende Licht der Nachmittagssonne die Kartenumrisse sichtbar machte. Mit spitzer Feder zeichnete ich, so genau es nur ging, die Linien nach. Gerade rechtzeitig zur Vesper wurde unsere Kopie fertig und wir begaben uns in die Kirche.
Einige Brüder waren bereits dort, andere kamen mit uns herein. Schnell füllten sich die Reihen. Prior Ernst und Bruder Hermann setzten sich in das Chorgestühl, ich hingegen nahm im Kirchenschiff Platz, wo schon einige andere, Besucher des Stifts und Bewohner der Umgebung, saßen. Nach kurzer Zeit waren alle Brüder versammelt, der Gottesdienst begann. Zunächst aufmerksam und andächtig, aber wegen der Andeutungen des Priors dann doch etwas abgelenkt, folgte ich dem Stundengebet. Nachdem es endete, begaben wir uns zum Abendmahl ins Refektorium. Ich verspürte den Wunsch, mit meinem zukünftigen Reisegefährten einige vertrauliche Worte zu wechseln und so verabredete ich mich mit ihm auf dem Weg zum Essen. Während des Abendmahls saß ich als Gast an der Seite des Priors und er teilte dem Konvent den Grund meines Aufenthaltes mit und erwähnte abermals die Gefährlichkeit unserer Mission. Er sprach ein ausführliches Dankgebet, bat insbesondere für Hermann und mich um Gottes Schutz und Segen und schloss auch die Brüder des Klosters St. Marienwolde ein. Wir aßen schweigend unser Mahl, nur monoton erklang die Stimme eines Bruders, welcher die heutige Lesung vortrug. Jetzt war ich so in meine Gedanken vertieft, dass ich zugeben muss, den Ausführungen des Bruders nicht im Geringsten gefolgt zu sein. Zu sehr hatten mich die Worte des Priors verwundert. Nicht zu Unrecht, wie ich später erfahren musste, obwohl die Gefahr nicht dort lauerte, wo Prior Ernst sie vermutete. Aber ich will den Geschehnissen nicht vorauseilen und den Leser verwirren, sondern fortfahren mit den Dingen, die zunächst geschahen. Zwischen Mahl und Komplet traf ich mich, wie verabredet, mit Bruder Hermann im Kreuzgang. Etliche der Brüder waren dort und gingen bedachten Schrittes und meditierend; wir taten es ihnen gleich und sprachen nur sehr leise zueinander.
„Mein lieber Hermann, die Worte deines Priors haben mich etwas... irritiert. Weißt du, warum er sich solcher Art Sorgen macht?“
„Nein, ich weiß nicht mehr als du.“
„Warum sollten die Bentheimer einen so großen Aufwand betreiben, nur damit wir nicht nach Frenswegen gelangen?“
„Ja, das verstehe ich auch nicht.“
„Ist der Prior immer so sehr auf Sicherheit bedacht?“, fragte ich vorsichtig nach.
„Hm, wenn ich es recht bedenke, so lautet meine Antwort ,nein‘.“
Wir liefen eine Weile schweigend nebeneinader. Dann fragte ich: „Weißt du, warum wir zunächst nach Münster reisen sollen?“
„Ich denke, dass man in Münster besser über die Dinge in Bentheim unterrichtet ist und dass wir dort vielleicht Instruktionen, Ratschläge oder dergleichen bekommen“, vermutete Hermann, aber sein Gesichtsausdruck verriet mir, dass er selbst diese Antwort nicht zufriedenstellend fand.
„Nach der Komplet sollten wir Prior Ernst aufsuchen; ich glaube, er weiß mehr, als er sagt. Vielleicht ist ihm noch etwas zu entlocken“, flüsterte ich; Hermann nickte zustimmend.
Es war Zeit für das Nachtgebet. Ich setzte mich wieder in das Kirchenschiff und erblickte im Chorgestühl bereits den Prior. Er hatte uns gemeinsam die Kirche betreten sehen und schaute nun zu Hermann herüber. Hermann nickte ihm zu und setzte sich auf seinen angestammten Platz. Die Andacht begann und nach der Liturgie und den vorgeschriebenen Psalmen schritt der Prior auf die Kanzel und ergriff das Wort: „Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne; und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hof sind; auch diese muss ich bringen und sie werden meine Stimme hören und es wird eine Herde, ein Hirte sein. Dies sind die Worte des Herrn, Amen.“ Er machte eine Pause, schaute auf und hob von neuem an: „Liebe Brüder! Eifersucht und Zwietracht ist gesät unter unser Volk. Die einen stehen fest zu unserem Glauben und zum Heiligen Vater in Rom, die anderen machen sich einen neuen Glauben, missachten die alten Regeln und entzweien sich untereinander abermals; ,ich bin des Luthers‘ sagen die einen, ,ich bin des Calvins‘ die anderen. Sie bekämpfen sich gegenseitig und sind auch gegen uns. Ja, liebe Brüder, so weit ist es gekommen; sie halten sich für die einzig wahren Christen und bekämpfen den Nächsten, nicht nur mit Worten, sondern auch mit dem Schwert. Dabei nennen sie sich evangelisch, das soll bedeuten, dass sich ihr Glaube allein aus dem Evangelium nährt. Dort aber steht geschrieben: ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ und nicht: ,bekämpfe deinen Nächsten, wenn er nicht deiner Meinung ist‘. Was für Heuchler und Pharisäer! Sie schauen auf die Splitter in den Augen der anderen und übersehen doch den Balken im eigenen Auge. Sie glauben, die wahre Erkenntnis in sich zu tragen, dabei sind sie durch ihren Übereifer nur geblendet. Denn die Wahrheit kennt nur einer!“ Der Prior lehnte mit seinen Unterarmen auf dem Pult und schaute langsam in die Runde. Dann fuhr er leise fort: „Und das ist jener, an den wir glauben, der dreieinige Gott: unser Vater, Jesus Christus, sein eingeborener Sohn und der Heilige Geist, durch welchen er über uns kommt. Doch was können wir, Brüder des heiligen Augustinus und vom Herrn Berufene, tun? Wir, die wir fest und treu zum legitimen Nachfolger Petri stehen; wir, die wir nur mit Worten und guten Taten unseren Glauben verteidigen. Was können wir tun? Ich will es euch sagen! Es kann nur eine Antwort geben, nämlich diese: standhaft bleiben! So standhaft wie unsere Brüder im Kloster St. Marienwolde. Gerade einmal sieben von ihnen und einige Laien leben und arbeiten dort unter schwierigsten Bedingungen. Nicht nur, dass der Landesherr ihnen zusetzt, nein! Die ständigen Auseinandersetzungen zwischen Niederländern und Spaniern tun das Ihrige dazu. Doch unsere tapferen Brüder stehen fest wie ein Fels und allein Gott der Herr gibt ihnen den Glauben und die Macht, das Böse zu überwinden.
Ihr wisst es längst; zwei, die heute unter uns sind, werden entsandt, unseren sieben tapferen Brüdern beizustehen. Sie gehen gestärkt durch Gottes Willen und fest im Glauben, sie nehmen alle Gefahren auf sich in der Gewissheit, dass Gott mit ihnen ist. Denn der Herr sprach: ,Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er das Haupt hinlege‘.
Ihr geht nicht kraft eigenen Willens, sondern der Herr hat euch berufen und sendet euch wie Lämmer mitten unter Wölfe. Wir anderen aber, die wir an diesem Orte bleiben, dürfen nicht vergessen, was diese Brüder für uns und unseren Glauben auf sich nehmen. Wir alle sind nur arme Sünder, auch das dürfen wir nicht vergessen, aber der Herr wird die Seinen erkennen. Nun gehet hin in Frieden und bedenkt bei all eurem Handeln die Worte des Herrn: ,es wird eine Herde und ein Hirte sein!‘ Amen.“
Prior Ernst beendete den Gottesdienst und langsam strömten die Mönche dem Ausgang entgegen. Ich wartete im Kirchenschiff auf Hermann, aber der Prior hatte mich schon erblickt und kam als erster auf mich zu, Hermann folgte. „Nun,“ begann er, „morgen in der Früh, nach Laudes, werdet ihr aufbrechen. Habt ihr all eure Sachen beisammen? Ihr solltet euch zeitig zur Ruhe begeben.“
„Ich denke schon“, antwortete ich und Hermann nickte zustimmend. „Aber ein paar Fragen sind uns noch gekommen.“
„Fragt nur, Bruder Martin, fragt. Ich werde Euch antworten, so gut ich kann. Was bewegt Euer Herz?“
Ich zögerte ein wenig, räusperte mich und schaute zu Hermann, in der Hoffnung, er würde das Wort ergreifen, aber er überließ es mir. „Also, mir – das heißt uns – ist nicht so recht der Sinn unseres Besuches in Münster deutlich...“
„Ah... ich verstehe! Ihr habt natürlich Recht. Wir Brüder der Windesheimer Kongregation unterstehen direkt dem Papst. Aber ihr werdet in Münster nicht Weisungen empfangen, sondern Ratschläge erhalten. Die ganze Sache ist mit dem Domherrn von Münster abgesprochen, denn – ich erwähnte es bereits, lieber Bruder – die Entsendung zweier Chorherren nach Frenswegen ist bereits gescheitert. Die Münsteraner kennen den Bentheimer Grafen, sie kennen auch alle Wege und werden euch nach besten Kräften unterstützen. Ich gebe euch nur den einen Rat: Befolgt die Ratschläge, die man euch in Münster geben wird.“
Ich war erleichtert, bestätigte sich doch die Vermutung Hermanns und auch er schien mit der Antwort des Priors zufrieden zu sein. Wir wurden in unsere Zellen geschickt, auf dass wir ausgeschlafen in der Frühe unsere Reise beginnen mögen. So verabschiedete ich mich von beiden und begab mich sogleich auf mein Lager. Etwa eine Stunde lag ich noch wach, dann entschwand ich in Morpheus Arme und wurde erst zur Matutin durch ein Benedicamus Domino geweckt.
Auf dem Weg vom Gästehaus zur Kirche reihte ich mich ein in die Prozession der Brüder und gemeinsam betraten wir das Gotteshaus durch den üblichen Seiteneingang nahe dem Chor. Etwas frierend setzte ich mich in das leere Kirchenschiff; in dieser Jahreszeit konnte es nachts schon recht kühl werden. Die Kirche wurde nur durch zwei Fackeln im Chor erhellt; andächtig nahmen die Brüder ihre Plätze im Chorgestühl ein, rasch füllten sich die Reihen. Auch die Novizen hatten ihre Plätze bereits eingenommen. Schon wurde der erste Psalmgesang angestimmt, sehr langsam und getragen, um auch den Schläfrigsten die Gelegenheit zu geben, vor Ende des ersten Psalms dem Nachtgebet beizuwohnen. Die frommen Gesänge erfüllten kräftig, aber nicht zu laut den gesamten Kirchenraum, gleich wie ich es in meinem Heimatkloster auch erlebte, aber plötzlich wurde in mir ein Feuer entfacht! Ein bisher nicht gekanntes Glücksgefühl überkam meinen Geist und ließ mich die Kälte an meinem Körper nicht mehr spüren. Stattdessen vernahm ich die wahrhafte Gegenwart Gottes in mir, ich war über und über erfüllt vom Heiligen Geist und meine Lebenskräfte erschienen mir unendlich! Abwechselnd überkamen mich kalte und warme Schauer und meine Augen füllten sich langsam mit Tränen.
Die Zeit bis zum Aufbruch verbrachte ich meditierend im Kreuzgang. Meine Gedanken kreisten, meine Stimmung schwankte zwischen Vorfreude auf das Neue und Misstrauen gegenüber dem Unbekannten.
Montag, 18. August 1578
Der Tag war noch diesig und Feuchtigkeit drang in unsere Kleider, als wir die ersten Schritte aus dem Kloster taten. Zunächst gingen wir – wie es sich für Menschen unseres Standes geziemt – schweigend, mit gesenktem Kopfe, hintereinander, jeder sein Bündel mit dem Nötigsten tragend. Ich war immer noch mit dem gestrigen Tage und der Nacht gedanklich befasst. Nach einiger Zeit, vielleicht war schon eine Stunde vergangen, blieb Hermann stehen und drehte sich zu mir um.
„Dich hat es beruhigt, Martin, nicht wahr?“
„Was hat mich beruhigt?“
„Ich meine das gestrige Gespräch mit dem Prior. Du bist mit seiner Antwort zufrieden, weil sie deiner Vorstellung entsprach.“
Ich wusste nicht recht, worauf Hermann hinaus wollte, darum schwieg ich zunächst und wir gingen weiter – nebeneinander.
„Bist du immer noch beunruhigt?“, fragte ich bald nach.
Er überlegte und meinte dann: „Ich weiß nicht... eigentlich ja, aber...“
„Aber?“
„... aber, also ich habe ein sonderbares Gefühl – als wenn etwas nicht stimmt. Verstehst du, was ich meine?“
„Ich glaube ja und ich glaube auch, dass es das Ungewisse ist, dem wir entgegen gehen. Aber weißt du, gerade heute Morgen, während der Matutin, überkam mich ein überwältigendes Glücksgefühl und ich spürte förmlich unseren Herrn tief in mir. Seitdem weiß ich, dass es richtig ist, was wir tun.“
Wieder gingen wir eine Weile schweigend daher. Plötzlich blieb Hermann abermals stehen und fragte: „Weißt du, dass es richtig ist oder glaubst du es nur?“
Ich verstand abermals nicht und schaute nur fragend.
„Ich meine, du sagtest gerade, du glaubst, du verstehst mich und du glaubst, es ist das Ungewisse, weshalb ich ein seltsames Gefühl habe, aber du weißt, dass es richtig ist, was wir tun...“
„Ja, genau,“ schoss es aus mir heraus, „ich weiß ja nicht genau, was in dir vorgeht, aber glaube es zu wissen, weil ich ja in einer ganz ähnlichen Situation bin. Aber ich weiß, dass es richtig ist, dass wir diese Mission unternehmen. Und das weiß ich, weil ich heute Nacht während der Matutin Gott in mir spürte, der mir eingab, dass es richtig ist.“
„Verstehe“, sagte Hermann in einem Ton innerster Überzeugung, „du weißt, weil du fest im Glauben stehst.“
„Ja, genau; du hast es genau getroffen. Ich hätte es nicht treffender formulieren können“.
„Ist das nicht merkwürdig? Du glaubst, also weißt du. Aber bei Dingen, die mich anbelangen, glaubst du nur...“
„Na, das wird mir jetzt aber sehr philosophisch!“ warf ich ein.
„Ich versuche nur oder besser gesagt, mir ist aufgegangen, dass der Glaube an Gott nicht mit dem Glauben an Sachverhalte gleichzusetzen ist!“
Er strahlte mich triumphierend an und ich musste lachen. Es wurde ein schöner Tag. Die Sonne wärmte uns und vertrieb rasch die Feuchtigkeit. Gegen Mittag erreichten wir ein Dorf. Hier ruhten wir ein wenig, aßen von unserer Wegzehrung und beteten in der Dorfkirche. Auch an den folgenden Tagen hielten wir diesen Rhythmus ein; abends erreichten wir unser Tagesziel, am frühen Morgen zogen wir weiter.
Dienstag, den 19. August 1578
Als wir am nächsten Tage die niederrheinische Gegend verlassen hatten und ins Westfälische gelangten, machte ich eine erstaunliche Entdeckung: Es wurde für mich zunehmend schwieriger, mich mit den Einheimischen zu verständigen, weil sich ihr Idiom zu sehr von meinem heimatlichen unterschied. Und das, obwohl die Entfernung zwischen meiner niederrheinischen Heimat und Westfalen nicht sehr groß ist. Als ich nämlich einst für einige Monate in Amsterdam weilte, konnte ich mich dort durchaus, wenn auch nicht problemlos, verständlich machen. Aus diesem Grunde befasste ich mich später – viel später, als ich bereits einige Zeit bei meinen Brüdern in der Grafschaft Bentheim lebte – mit dem Thema Sprache, Sprachfamilien und Sprachgrenzen; ein überaus interessantes Thema! Seit dieser Zeit weiß ich, dass mein eigenes Idiom und auch das der Holländer, dem Niederfränkischen zuzuordnen ist. Die Westfalen und auch die östlichen Niederländer sprechen hingegen – wie übrigens die Mehrzahl der Norddeutschen – einen niedersächsischen Dialekt. Sowohl das Niederfränkische als auch das Niedersächsische sind niederdeutsche Dialekte. Im Gegensatz hierzu steht das Hochdeutsche, dessen Dialekte überwiegend im Süden und Südosten Deutschlands gesprochen werden und die auch die Sprache Martin Luthers war. In diese Sprache hat er auch die Bibel übersetzt – ein nicht unwesentliches Detail, denn in den protestantisch gesinnten Gebieten geht man in letzter Zeit immer häufiger dazu über, das Hochdeutsch von Luther als Amtssprache zu etablieren; solches tat vor kurzem auch Graf Arnold II. von Bentheim! Gewissermaßen könnten sich evangelische und katholische Gebiete im niederdeutschen Sprachgebiet in der Zukunft durch die verschiedene Sprache unterscheiden, sodass sich auch dadurch die religiöse Spaltung manifestieren könnte. All dies sind natürlich nur Spekulationen und ich schweife ganz beträchtlich vom Thema ab und langweile womöglich dich, mein lieber Leser, mit gänzlich unbedeutenden Dingen, die gar nichts mit dem Lauf dieser Begebenheiten zu tun haben, die ich hier niederschreibe.
Zurück zu unserer Reise! Glücklicherweise war es so, dass Hermann aus Westfalen stammte und so überließ ich es ihm, die Gespräche mit Einheimischen zu führen. Untereinander sprachen wir natürlich Latein.
An diesem zweiten Tage unserer Unternehmung kamen wir am frühen Nachmittag in ein kleines Bauerndorf. Wir waren schon etliche Stunden gewandert und uns schmerzten die Füße, also beschlossen wir, eine Weile zu rasten. In dem Dorf befand sich ein kleines Kirchlein und so traten wir ein, weil es sich an solchen Orten gut ruhen und beten lässt. Der Innenraum war sehr schlicht und alle Wände waren weiß gekalkt. Durch die großen Fenster fiel das gelbliche Licht der Nachmittagssonne und durchflutete den kleinen Raum, wodurch dieser sehr warm und einladend wirkte. Wie üblich in solch kleinen Kirchlein gab es keine Bänke, nur im Chorraum in der Nähe des Altars waren zwei Stühle aufgestellt. Hermann und ich durchschritten langsam das Kirchenschiff. Im Chorgewölbe hing ein hölzernes Kreuz ohne Corpus, der Altar wirkte eigenartig kahl.
„Sehr schmucklos, diese Kirche,“ war meine erste Reaktion.
„Was bei den Menschen Eindruck macht, das verabscheut Gott“, war Hermanns knappe Antwort.
Wir setzten uns auf die Stufen vor dem Chor und streckten die Beine von uns. Da hat er eigentlich Recht, dachte ich bei mir, aber mir schien es doch so, als ob diese Kirche entweder einst geplündert wurde oder aber die Gemeinde so arm war, dass sie sich keinen Kirchenschmuck leisten konnte. Weder das eine noch das andere stimmte; wir sollten es bald erfahren. Nach einer Weile drehten wir uns um und knieten auf den Stufen, jeder in seinen Gedanken versunken. Nachdem ich mir das Kirchlein von oben bis unten genauer angeschaut hatte, kam mir unser Ordensvater Gerhard Groote in den Sinn. Seine geistlichen Lehren, bekannt unter dem Namen devotia moderna, hatten letztendlich zur Gründung meines Ordens, der Windesheimer Kongregation der Augustiner-Chorherren, geführt. Groote hatte seinerzeit einen Traktat verfasst, welcher unter dem Namen Contra Turrim Traiectensem in unseren Bibliotheken zu finden ist. In ihm setzt er sich unter anderem mit dem Sinn und Zweck der Sakralarchitektur auseinander und kritisiert hart den Bau des Domturmes zu Utrecht. Das gewaltige Ausmaß des Turmes ist Dreh- und Angelpunkt seiner Kritik. So lautet auch die Überschrift zu diesem Kapitel seines Traktates Contra monstruosam turrim et inutilem. Wer je den Domturm zu Utrecht gesehen hat weiß, was Groote bewegte. Der gewaltige Turm beherrscht das gesamte Bauwerk. Groote war der Auffassung, dass ein Turm mit geringeren Ausmaßen die Funktion des Glockenturmes viel besser hätte wahrnehmen können. Er beklagt in seinem Traktat die Hingabe und intensive Betrachtung des architektonischen Turmschmuckes durch auswärtige Besucher, Laien und Geistliche als eine ungerechtfertigte Vereinnahmung der Menschen durch die Kunst. Ebenso lehnte Groote auch die Hingabe an die Wissenschaft ab als eine Konzentration auf weltliche Belange, die damit eine Abkehr von Gott bedeute. Dies war im ausgehenden 14. Jahrhundert und mittlerweile sieht es unsere Kongregation nicht mehr ganz so streng
