Die Zeit fliegt mitsamt der Uhr -  - E-Book

Die Zeit fliegt mitsamt der Uhr E-Book

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Beschreibung

Wer kennt sie nicht, die Situationen im (Arbeits-)Alltag, in denen man entweder glaubt, im falschen Film zu sein, oder man vor Wut in die Tischkante beißen möchte. Jene Situationen, in welchen Unbeteiligte für ein erfolgreiches Projekt die Auszeichnungen erhalten, oder andere haarsträubende Dinge passieren, die bar jeder Logik sind. Die Autoren dieses Büchleins wünschen Ihnen viel Spaß mit grotesken Kurzgeschichten und Gedichten aus dem täglichen Erleben. Also anschnallen, es geht rund!

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Seitenzahl: 72

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Drama am Arbeitsplatz

Die Zeit fliegt (mitsamt der Uhr)

Sag es mit einfachen Worten

Entdeckung an der Ladenkasse

Ballade vom alltäglichen Wahnsinn (dementia eternitum)

Warum immer ich?

Das Figaro-Syndrom

(K)ein Job wie jeder andere

Eine Verkettung unglücklicher Umstände

Stress-Bewältigung

Das Ding - Kurz-Psychothriller mitten aus dem Leben.

Friede sei mit euch

Briefkasten- Leerungszeiten

Alles klar?

Gesinnungswandel

Staubsauger am Morgen

Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen

Täglich ein Bett unzerkaut einnehmen

Bäckermeister Ruppert

Armut. Mindesthirn für alle!

Teamfähig!

Oh, du schöne Weihnachtszeit!

Aha. Ich dachte, der käme vom Nilpferd.

Vitae

Frank R. Bulla

Drama am Arbeitsplatz

Der letzte Gehetzte petzte und wetzte,

bis man ihn in der Luft zerfetzte

und durch einen anderen ersetzte

und so die Stelle neu besetzte,

was ihn sehr verletzte

und ihm einen derartigen Hieb versetzte,

dass eine Träne seine Augen benetzte.

Sina Blackwood

Die Zeit fliegt (mitsamt der Uhr)

Es kommt das Grauen jeden Morgen,

wenn Chef mit seiner Gattin naht.

Bis dahin hatte keiner Sorgen,

wenn er um Audienz nicht bat.

Passieren Fehler, ist’s der Kleine,

der sich nicht wirklich wehren kann.

Der bringt das Chaos dann ins Reine,

steht für die Firma seinen Mann.

Tagein, tagaus das miese Spiel.

Der Frust als Wolke hängt im Haus.

Dann kommt der Tag, da wird’s zuviel,

die Wut bricht als Tornado aus.

Der Sklave lehnt sich offen auf,

spricht aus, was hier im Argen liegt.

Der Chef ist baff, die Gattin schnauft,

sie knallt die Tür, die Wanduhr fliegt.

Die knallt zu Boden, splittert gar.

Die Zeit läuft weiter, hält nicht auf,

trotz Riss, der nun im Kunststoff war.

Und nur Chefs Frau ist jetzt schlecht drauf.

Und die Moral von dem Gescheh’n?

Chefs Frau hat selber sich bestraft.

Sie muss die Uhr nun täglich seh’n,

die sie vor Wut herunter warf.

Und wenn wer meint, sie kauft ’ne Neue,

der irrt gewaltig. Geiz ist geil!

Das wär’ doch Perlen vor die Säue!

Die Alte tut’s noch eine Weil’.

Die Kundschaft lass ruhig Sprüche klopfen,

weil’s aussieht wie Akt 3 Wildwest.

Verloren sind hier Malz und Hopfen.

Das Schamgefühl hat eh den Rest.

Matthias Albrecht

Sag es mit einfachen Worten

Es gibt Menschen, die in ihre Gespräche mit Freunden, Bekannten oder Arbeitskollegen unzählige Fremdwörter einflechten, um besonders intelligent zu wirken. Dabei wissen sie in den meisten Fällen nicht einmal, was die Begriffe bedeuten und machen sich darüber hinaus lächerlich und unbeliebt. Sie kennen sicher einige dieser Rhetorik-Genies auch aus Ihrem Umfeld.

Mein Kollege, Waldemar Labermann, war von dieser Sorte. Er hörte sich gern reden, mischte sich permanent in Gespräche ein, hatte zu allem eine Meinung und nutzte jede sich ihm bietende Gelegenheit, seinen Mitmenschen auf die Nerven zu gehen. Wer ihn nicht kannte, versuchte noch während der ersten Sekunden seinen wirren Gedanken zu folgen, um sich dann kopfschüttelnd abzuwenden.

Das fehlerhafte Anwenden von Fremdwörtern war nicht der einzige Fallstrick, den sich Waldemar legte, und über den er letztlich stolperte. Er geriet während seiner Ausführungen von einer gehobenen, ja eloquent zu nennenden Ausdrucksweise in eine sehr gewöhnliche, geradezu primitive Art. Dies war symptomatisch für Waldemar, der gern etwas darstellen wollte, wozu ihm die Voraussetzungen fehlten. Und wie er redete, so schrieb er auch. Darüber hinaus hatte er mit Rechtschreibung und Grammatik arge Probleme.

Damit kein falsches Bild entsteht: Waldemar war beileibe nicht dumm. Er hatte eben seine Defizite. Wenn er allerdings die vom Sachbearbeiter abgelehnten Anträge und sonstigen, bearbeiteten Posteingänge sortierte, registrierte, stempelte und abheftete, arbeitete er konzentriert und gewissenhaft. Er hatte ein Händchen für die auf den Fenstersimsen wuchernden Zimmerpflanzen, konnte besseren Kaffee kochen als die Chefsekretärin Beate – was diese, sofern wir eine Bemerkung darüber machten, regelmäßig auf die Palme brachte – und sorgte beizeiten für Nachschub an Büromaterial. Daneben war er unser Mann für Tabellenkalkulation und Statistik, denn solange er keine Sätze bilden oder gar Berichte schreiben musste, war alles in bester Ordnung.

Nun halte ich nichts von Purismus auf Teufel komm raus; habe also grundsätzlich nichts gegen Fremdwörter. Doch – ist der Wortschatz der deutschen Sprache nicht umfangreich genug, auch mit einfachen, allgemeinverständlichen Worten all das ausdrücken zu können, was einem auf den Nägeln brennt?

Bekanntermaßen steckt der Teufel ja im Detail. An diesem verhängnisvollen Montagmorgen steckte er als Anfrage der Redaktion unserer länderübergreifenden, justizeigenen Wirtschaftszeitschrift „DER NEUE JUSTIZÖKONOM“ im Faxgerät. Man suchte noch händeringend Beiträge zum Thema: „Das zeitgemäße Rollenverständnis moderner Wirtschaftsbetriebe unserer Justizvollzugsanstalten“. Mittwoch Mittag war Redaktionsschluss. Die Zeit drängte! Und so machte sich Waldemar, ohne uns von dem Fax zu erzählen, an die Arbeit.

Unser Vorgesetzter war im Urlaub, der stellvertretende Referatsleiter auf Dienstreise, die Chefsekretärin lag zu Hause mit einer Sommergrippe in Erwartung baldiger Genesung darnieder und ihre einzig infrage kommende Vertreterin – ebenfalls in Erwartung – im Kreißsaal der hiesigen Frauenklinik. Und wir übrigen fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Wir waren auf uns allein gestellt.

Anstatt nun das zu tun, was alle taten, wenn die Katze, respektive der Kater, aus dem Haus war, nämlich Däumchen drehen, sich stundenlang über die jüngsten Urlaubserlebnisse austauschen, die neuesten Computerspiele herunterladen und die Füße auf den Tisch legen oder die Vorgänge mit dem „Eilt-sehr-Stempel“ im Postverteilerraum – natürlich reinweg „versehentlich“ – dem nächstbesten Referat unterjubeln, kramte Waldemar das Manuskript eines seiner früheren Aufsätze aus den unergründlichen Tiefen seiner Schreibtischschublade hervor. Dann öffnete er ein neues Word-Dokument und begann wie ein Irrer, die Tastatur seines Computers zu bearbeiten. Er wusste, wie gern es der Leiter der Abteilung IV des STAATSMINISTERIUMS DER JUSTIZ, Herr Ministerialdirigent Rottweiler, sah, wenn regelmäßig Artikel seiner Referate in der Zeitschrift erschienen. So konnte er einerseits Nähe zur Basis demonstrieren und andererseits – sozusagen durch die Blume – dem Fußvolk die Vorstellungen, Erwartungen und den Willen des Olymps kundtun.

Waldemars damaliges Aufsatz-Thema passte wie die Faust aufs Auge: „Anforderungen an die Qualifikationsstruktur von Strafgefangenen beim Arbeitseinsatz an rationalisierten Arbeitsplätzen“. Zweieinhalb Arbeitstage und zehn Überstunden später hatte Waldemar seine ursprünglichen vierundzwanzig A-4-Seiten vollständig überarbeitet und auf neunzehn statt der von der Redaktion als Maximum zugelassenen fünf „geschrumpft“. Weniger war beim besten Willen nicht drin. Dann hatte er das Machwerk per Mail-Anhang zwanzig Minuten vor Einsendeschluss abgeschickt.

Ein Monat war seither vergangen. Längst waren der Referatsleiter aus dem Urlaub und sein Stellvertreter wohlbehalten von der Dienstreise zurückgekehrt. Auch die Chefsekretärin erfreute sich wieder bester Gesundheit, und ihre Stellvertreterin war zum dritten Mal Mutter eines ebenso gesunden Mädchens geworden.

Waldemar hatte niemandem von seinem Artikel erzählt. Desto größer der Knall, als die Bombe eines Tages platzte. Kurz nach halb Zehn vormittags drang schallendes Gelächter der Sekretärin aus dem Vorzimmer unseres Referatsleiters. Es folgten einige Sekunden der Stille, dann wieder herzhaftes Lachen, das ab und an von einem Bass – der verwundert fragenden Stimme unseres Vorgesetzten – unterbrochen wurde. Wenig später schlug die Tür zum Gang zu, die zu unserem Büro öffnete sich und Beate – hochrot im Gesicht – stolperte, noch immer lachend, herein.

„Ha-habt ihr das schon ge-gelesen?“ Sie schnappte nach Luft, schwenkte die neueste JUSTIZÖKONOM-Ausgabe wie ein Lasso über dem Kopf, knallte sie mir auf den Schreibtisch und tippte mit dem Zeigefinger auf die Überschrift eines Artikels. „Da-da-das müsst ihr gelesen haben!“, krähte sie, während ihr die Tränen über die Wangen kullerten. Ich nahm das Heft und las: „Anforderungen an die Qualifikazionsstrucktur von Strafgefangenen beim Arbeitseinsatz an rattzionalisierten Arbeitsplätzen“. Ich schaute fragend auf. „Abgesehen davon, dass es gravierende Rechtschreibfehler enthält, klingt es ja nun nicht unbedingt lustig.“

„Lies, wer es geschrieben hat!“

Ich glaubte, meinen Augen nicht trauen zu können. „Ein Beitrag von Waldemar Labermann – Mitarbeiter des Referats IV-4 des Staatsminist… – ja, da leck mich doch! Ich nehme an, unser Chef weiß es schon?“

„Hat’s gerade eben erfahren und ist mit ’nem Exemplar wutentbrannt aus dem Zimmer. Wahrscheinlich zum Abteilungsleiter. Waldemar kann er sich ja nicht zur Brust nehmen; der hat heute Dienstfrei wegen seines erkrankten Vaters.“

„Hast du noch mehr Zeitschriften?“

„Könnt jeder eine haben. Müsst euch aber beeilen mit dem Lesen. Ich könnte mir denken, dass sie der Alte einziehen lässt, wenn er das mit dem Artikel erfährt.“

„Dann kopiere ihn doch schnell, bevor unser Chef wiederkommt. Dann haben wir ihn für alle Fälle gesichert.“

„Gute Idee!“