Die Zeitschleife - Thomas Bay - E-Book

Die Zeitschleife E-Book

Thomas Bay

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Beschreibung

Es ist heiss. Die schottischen Freunde Tom und Frank laufen durch die ägyptische Wüste den Marathon ihres Lebens. Für den Wüstenlauf haben sie lange trainiert. Unvorbereitet wird Tom von einem Sandsturm, der aus dem Nichts kommt, verschlungen. Als er wieder zu sich kommt, befindet er sich im Ägypten im Jahr 3000 v. Chr. Träumt er? Ist das alles wahr? Die Pyramiden von Gizeh strahlen gleissend hell und blenden Tom. Woher haben die alten Ägypter nur dieses Wissen? Wurden sie wirklich von den Ägyptern gebaut? Von Ausserirdischen? Er erhält vom Pharao einen Auftrag und zeichnet für ihn

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Seitenzahl: 448

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

Noch zehn Wochen

Zwei Wochen später

Die Highlands

Letzte Vorbereitungen

Es geht los

Der Wüstenlauf

Wo ist Tom?

Ein neuer Tag

Eine unglaubliche Reise

Eine Überraschung

Die Reise durch die Zeit

Wer ist Gechset?

Die Suche nach Tom

Schlechte Vorzeichen

Der Tsunami

Die Freiheitskämpfer

Der Weg nach Masada

In Masada

Schlacht um die Freiheit

Ein Sprung ins Ungewisse

Alles nur ein Traum?

Noch zehn Wochen

03.03.2006 – 04.03.2006

Eins, zwei, drei, vier … gleichmäßig atmen – Puls 144. Erneut kontrollierte ich mein Tempo. Zwölf Kilometer hatte ich bereits zurückgelegt und hatte dafür gerade mal eine Stunde benötigt. In Gedanken rechnete ich schnell hoch, dass ich mit leicht erhöhtem Tempo auf etwas anderthalb Stunden für einen 20-Kilometer-Lauf kommen müsste. Immer und immer wieder kalkulierte ich während des Laufes meine Zeit, schließlich wollte ich beim bedeutsamen Wüstenlauf wenigstens einen guten Eindruck hinterlassen. Innerlich musste ich ja wegen meiner Rechnerei schon wieder lächeln. Aber das war mein Naturell. Meine Welt bestand aus Zahlen, und die Mathematik hatte mich so begeistert, dass ich alles in meinem Leben ausrechnen musste.

Ich bin Tom Berendt. Seit einigen Monaten habe ich das 34. Lebensjahr erreicht und arbeite seit einigen Jahren als Softwareentwickler für Übersetzungsprogramme in einer Firma, die sich auf die Übertragung alter Dokumente spezialisiert hat. Um mich zu qualifizieren, hatte ich fast zehn Jahre an der Universität von Edinburgh studiert. Anfangs stand ein reines Informatikstudium auf dem Plan, um eventuell in der Informatikabteilung einer Bank zu arbeiten. Die Lektüre vieler alter Bücher über Ägypten und das alte Mesopotamien weckte meine Begeisterung für die Archäologie und die alten Sprachen. So entschied ich mich, weitere Studiengänge zu belegen, in denen man mir Sprachen wie Altgriechisch und Hebräisch sowie das Lesen der Hieroglyphen lehrte. So verband ich meine Leidenschaft und beide Ausbildungen mit meinem jetzigen Beruf. Als Ausgleich zu dem doch außergewöhnlichen Beruf hatte ich mich für das Joggen entschieden, welches mich bereits seit fünf Jahren begleitete.

Der imposante Wüstenlauf von Luxor, der in diesem Jahr erst zum dritten Mal stattfand, war das Ereignis, für das ich so hart trainierte. Lange hatte Frank, mein alter Schulfreund, auf mich eingeredet und versucht, mich davon zu überzeugen, dass auch ich einen solchen Lauf schaffen könnte. Ich weiß nicht mehr, wie lange, aber wochenlang malträtierte er mich damit. „Ein einmaliges Erlebnis!“, meinte er. „Besser als jeder Abenteuerurlaub!“ Ich musste natürlich nicht nur mich, sondern auch Carrie, meine Frau, davon überzeugen. Schon zu oft war ich unter der Woche mit dem Laufen unterwegs und so schaute sie mich meist mahnend an, ich solle es nicht übertreiben.

Jetzt müsste ich 14,5 Kilometer erreicht haben. Nervös schaute ich auf meine Pulsuhr, wieder und wieder. „74 Minuten!“, ich war etwas langsamer geworden. Noch hatte ich etwa neun Wochen Zeit für das Training. Frank war mit meiner Leistung bisher sehr zufrieden und motivierte mich immer wieder aufs Neue. Ja, Frank, dieses wahnsinnige Lauftier, mein Arbeitskollege und auch mein bester Freund. Er war es, der mich an manchen Tagen richtig antrieb, und er war es, der während des Spurts noch kleine Witze riss, sodass ich fast einen Lachanfall bekam.

Vor mir wurde es heller und ich konnte das Ende des Waldes erkennen. Ich bog vom Wald auf einen Feldweg ab. Von hier aus waren bereits die ersten Häuser von Falkland zu erkennen, einem kleinen Dorf mit 1.200 Einwohnern, ungefähr 50 Kilometer nördlich von Edinburgh. Sehr idyllisch lebte man hier, ruhig und weit ab vom Stress der Großstadt. Nun musste ich, um mein heutiges Ziel zu erreichen, nur noch knappe drei Kilometer laufen. Daher versuchte ich, das Tempo nochmals anzuziehen. Es ging jetzt leicht bergauf und ich mobilisierte meine letzten Kräfte zum Ende des heutigen Laufes. „Puls 157 … eins, zwei, drei, vier.“ Wieder fing ich an, die Schritte zu zählen. Meine Uhr zeigte eine Stunde und 33 Minuten an, und es war noch ein halber Kilometer zu laufen. Erneut rann mir der Schweiß die Wangen herunter. Wie bereits in der vergangenen Woche war der heutige Tag ungewöhnlich warm für die aktuelle Jahreszeit und für Schottland. Obwohl es im März sonst nur geregnet hatte, war es in diesem Jahr wesentlich wärmer gewesen als in den Jahren zuvor. Bei 20 Grad war ich gestartet, und es kam mir in diesem Augenblick richtig heiß vor, obwohl wir heute erst den 9. März hatten.

Ich musste innerlich grinsen, als Frank bei einem unserer Läufe der letzten Wochen meinte: „Wir laufen in der Wüste übrigens bei über 40 Grad und da wirst du lernen, was Schwitzen wirklich heißt.“

Vorstellen konnte ich mir das nicht, denn im Urlaub war es mir bei 27 Grad schon viel zu heiß. Jetzt kam gleich die Einfahrt zu meinem kleinen Haus und ich bog ab. Mein Ziel, die Strecke in 1 Stunde und 35 Minuten zu absolvieren, war heute doch nicht mehr zu schaffen. Knappe drei Minuten länger war ich an diesem Tag auf den Füßen gewesen. Vor der Haustüre lief ich noch etwas aus und bewegte mich locker durch unseren Vorgarten. Fünf Jahre wohnten wir jetzt schon hier. Nach langem Suchen hatte Carrie es doch gefunden. Gerade sie wünschte sich stets ein kleines Haus mit Garten. Es war klein, gebaut im viktorianischen Stil, mit 120 qm Wohnfläche auf zwei Ebenen. Das Haus war ausreichend für uns beide und hatte einen wunderschönen Garten, der ideal für Carrie war. Ich war da eher der praktische Mensch. Für mich war es nicht so wichtig, ob wir nun einen Garten hatten oder nur eine kleine Rasenfläche. Wobei ich natürlich zugeben musste, dass ich abends den kurzen Sprung in den Naturgarten genoss. Vor allem die Stille am nahegelegenen Wald und die umliegenden Felder des Dorfes boten ideale Möglichkeiten zur Entspannung. Allein die Vorstellung, ich würde direkt in Edinburgh wohnen und müsste zwischen parkenden Autos joggen, inmitten von Abgasen und Schmutz, war mir zuwider.

Ich lehnte mich an die Haustür und atmete tief durch. Es war heute nicht mein bester Lauftag gewesen. Vielleicht war ich in den letzten Tagen einfach zu oft gelaufen und sollte meinem Körper mal wieder etwas Pause gönnen? Tausend Gedanken gingen mir gerade durch den Kopf, als mir ein Handtuch auf den Kopf fiel. Ich schaute nach oben und sah Carrie grinsen.

„Möchtest du heute noch hereinkommen oder soll ich das Essen alleine zu mir nehmen?“, fragte Carrie.

„Nein, nein – ich springe schnell unter die Dusche und bin dann bei dir.“

„Will ich auch hoffen.“ Sie schloss das Fenster und öffnete mir kurz darauf die Eingangstüre. Liebevoll zwinkerte sie mir zu. Ich wollte ihr einen Kuss geben, sie wich aber gleich angewidert zurück. „Pfui, du riechst aber“, und jagte mich ins Bad. Keine zehn Minuten später saß ich hungrig, ein wenig erschöpft, aber gut gelaunt am Tisch.

„Schollenfilet und Bratkartoffeln … Mmmhhh“, schwärmte ich. Es war ausgezeichnet, was Carrie immer für uns zubereitete. Dafür liebte ich sie, denn meine Frau war für ihre Kochkünste und ihre Art, wie sie das Essen anschließend präsentierte, bekannt. Das Auge aß bei ihr immer mit. Den Abend verbrachten wir oft bei einem Glas Wein, wie so oft vor unserem Kamin, und lästerten über dies und das. Die Abendstunde verging wie im Fluge und einen gefühlten Augenblick später standen die Zeiger unserer Wanduhr auf 22:30 Uhr. Morgen war das entspannende Wochenende wieder vorbei, und wir planten, an diesem Abend noch vor Mitternacht schlafen zu gehen.

Das Gluckern von laufendem Wasser auf dem Dach holte mich aus dem Tiefschlaf.

„Oh, schon halb sieben“, murmelte ich, nachdem ich auf den Wecker geschaut hatte, und spürte schon den sanften Schubs von Carrie.

Wie jeden Montag schob ich mich als Erster verschlafen ins Bad. Es begann der routinemäßige Ablauf. Haare waschen, Zähne putzen und vor dem Spiegel ein paar Grimassen ziehen, wobei ich dann automatisch lachen musste. Es sah einfach zu blöd aus, wenn meine Haare in alle Himmelsrichtungen standen. Mein Körper dagegen präsentierte mir eindrucksvoll die Rechnung für meinen unkontrollierten Selbstantrieb beim Training. Nur kurz danach klopfte Carrie leise an die Tür.

„Ist mein Sportler schon so weit?“, fragte Carrie.

Ich öffnete die Tür und drückte sie fest an mich.

„Hi Babe. Du kannst jetzt ins Bad, und ich bereite inzwischen das Frühstück vor“, flüsterte ich in ihr Ohr.

Ich gab ihr einen sanften Kuss auf die Schläfe und machte mich auf den Weg in die Küche.

„Du solltest schneller gehen, sonst knabbere ich dich noch an. Du riechst so unverschämt gut“, hauchte Carrie.

Ja, meine Carrie war außergewöhnlich. Ich hatte sie bei einem Treffen an Harrys Geburtstag kennengelernt und Frank lernte seine Freundin Andrea im Gegenzug über Carrie kennen. Sie besaß eine kleine Anwaltskanzlei und verdiente dabei mehr als ich. Mit ihren 1,69 Metern lag sie im schottischen Durchschnitt, aber mit ihren brünetten Haaren und ihrer tadellosen Figur war sie ein wahrer Blickfang.

Im Erdgeschoss angekommen, deckte ich schnell den Tisch, und gerade als ich die fertigen Toasts auf die Teller legte, kam Carrie vom Duschen in die Küche zurück. Sie war mit der Tageszeitung unter ihrem Arm bewaffnet und setzte sich gut gelaunt zu mir an den Tisch.

„Willst du auch gleich in die Zeitung schauen oder darf ich mir einen Teil nehmen?“, fragte sie mich.

Sie hielt mir den mittleren Teil der Zeitung entgegen.

„Heute nicht. Ich habe irgendwie unruhig geschlafen und beabsichtige nicht, mich am frühen Morgen dem politischen Geschwafel der Presse auszusetzen. Lies du ruhig“, antwortete ich.

Ich schaute verträumt aus dem Fenster und hörte gelegentlich das unverkennbare Geräusch, wenn Carrie die Zeitungsblätter umschlug. Obwohl ich dabei nur am Kaffee nippte, konnte ich es mir trotzdem nicht verkneifen, vereinzelte Artikel auf der Rückseite der Zeitung zu lesen.

„Sensation in Mabada – 2.000 Jahre alte Schriften und Zeichnungen gefunden.“

Kurz sah ich den Titel aus den Augenwinkeln und riss Carrie den hinteren Teil der Zeitung einfach aus der Hand.

„Du musst doch nur fragen, Tom. Ich gebe dir den hinteren Teil der Zeitung gerne“, sagte sie erschrocken.

Ich achtete gar nicht auf ihre Reaktion und begann, den Artikel schnell zu lesen. Mir lief ein Schauer über den Rücken und ich bekam richtig Gänsehaut, als ich den Text überflog. Carries neugierige Blicke dagegen bemerkte ich nicht.

„35 Kilometer südwestlich von Amman, nahe der Stadt Madaba, wurde eine neue vorchristliche Siedlung ausgegraben. Es wurden zahlreiche Haushaltsgegenstände, Dokumente und Schriften entdeckt. Unter anderem lagen geschnitzte Figuren, in Leder verpackt, bei einer Kinderleiche. Man vermutete eine Verbindung zu einer Priesterschule und der ehemaligen Festung von Masada. Von Professor Spürli, dem Organisationsleiter, konnte man bisher noch keine Stellungnahme bekommen. Es müsse noch vieles geprüft werden“, meinte der Wissenschaftler.

Ich las still vor mich hin. Dass Carrie bereits seit einer Minute mit mir redete, bekam ich überhaupt nicht mit. Erst nach und nach registrierte ich ihre Stimme und hob den Kopf.

„Tooooom!! Was ist denn mit dir?“, äußerte sie sich schon leicht verärgert.

„Stell dir vor, Carrie, in Jordanien hat man eine Menge Dokumente, Karten und Schriftstücke gefunden. Wenn ich mir vorstelle, wir würden den Auftrag bekommen und könnten dort die Übersetzung übernehmen. Dann vielleicht sogar vor Ort? Das Team wäre über Jahre hin beschäftigt“, sagte ich.

Meine Euphorie beeindruckte Carrie überhaupt nicht.

„Ach so“, meinte Carrie beruhigt. „Und ich dachte schon, es wäre etwas Schlimmes passiert.“ Sie stand auf und stellte sich hinter mich. Ihren Toast hielt sie noch in der Hand und blickte von oben herab in die Zeitung.

„Ich muss sofort Harry anrufen“, sagte ich, ließ die Zeitung fallen und rannte zum Telefon.

Zwei Tasten gedrückt, Wählvorgang, aber? Besetzt! Mist!

„Ich fahre jetzt schon und versuche es von unterwegs noch mal“, rief ich Carrie zu. Dabei schnappte ich meine Jacke und meine Tasche und rannte aus dem Haus.

Carrie rief noch: „Alles klar, Schatz? Wir essen dann getrennt, oder? Das hörte ich aber schon nicht mehr. Mit dem Koffer in der Hand saß ich fünf Minuten später im Auto auf der Autobahn in Richtung Edinburgh.

Die Firma Scripture & Fond Ltd., für die ich arbeitete, lag in der Meadow Lane nahe der University of Edinburgh. Wir waren darauf spezialisiert, Schriften in Hebräisch, Aramäisch und in altägyptischer Sprache zu übersetzen. Angeschlossen an die Abteilung für Schrifterkennung war ein Labor, welches unseren Bereich mit Altersdatierungen von Dokumenten unterstützte. Dabei war unsere Methode, im Gegensatz zur klassischen C14-Radiokarbonmethode, mit lediglich einer Toleranz von zehn Jahren sehr genau. Unser Team war bereits mehrfach erfolgreich darin gewesen, Objekte und Schriften um fast ein Jahrhundert in ihrem Alter zu korrigieren. Durch unsere Arbeit bedingt konnten wir fast alle Hebräisch sprechen und auch in Altägyptisch bekam ich einige Sätze zusammen. Bis heute konnte aber kein Archäologe eine exakte Aussage treffen, wie sich diese Sprache anhörte.

Während der Fahrt versuchte ich, bei Harry durchzukommen, als plötzlich mein Telefon klingelte.

„Mensch, Tom, du bist ja schwer zu erreichen. Ständig ist dein Telefon besetzt“, sprach Harry hektisch.

„Ha, ha, ha“, antwortete ich. „Ich habe es die ganze Zeit bei dir probiert.“

„Bist du schon auf dem Weg ins Büro?“, fragte Harry mich.

„Ja!“, erwiderte ich.

„Komm bitte gleich zu mir ins Labor. Ich habe dir einige unglaubliche Neuigkeiten zu erzählen“, sagte Harry hektisch.

Bevor ich darauf auch nur irgendwie antworten konnte, hatte er bereits aufgelegt. War er etwa aus dem gleichen Grund so aufgeregt wie ich? Hatten wir uns dieselben Neuigkeiten zu erzählen? Bald würde ich es erfahren. In Edinburgh angekommen, bog ich in die Lothian Road ein. Nach etwa einer Minute erreichte ich die Hofeinfahrt der Firma und fuhr zügig auf meinen Parkplatz.

Harry empfing mich winkend am Fenster. Ich sprang aus dem Auto und rannte rasch durch die Eingangspforte. Es ging die Treppe hinauf in den zweiten Stock. Kaum oben angekommen, fing er mich ab und zog mich am Arm, ohne große Worte, in sein Labor. Dort setzten wir uns mit einer Tasse Kaffee, die er bereits besorgt hatte, in eine stille Ecke.

„Schieß endlich los!“, sagte ich erwartungsvoll zu Harry. „Ich bin gespannt, ob es die gleiche Geschichte ist, die ich vorhin in der Zeitung gelesen habe.“

„Aha, deswegen wolltest du mich sprechen. Das, was ich dir erzählen werde, ist viel besser, Tom, viel besser! Die Informationen, die ich über meine Quellen bekommen habe, sind weitaus ausführlicher als das, was in der Presse steht. Ich wollte eigentlich Manningfield, der sich im Urlaub befindet, über die neue Situation informieren. Aber ich konnte ihn bisher nicht erreichen.“

„Quatsch nicht und leg endlich los, Harry“, unterbrach ich ihn ungeduldig. „In knapp zehn Wochen ist mein großer Lauf und ich möchte bitte noch vorher wissen, was genau gefunden wurde“, sagte ich.

Harry schaute mich erst gequält an, verfiel dann wieder in sein diabolisches Grinsen. Er wusste ganz genau, dass er mich in der Hand hatte.

„Okay, Tom. Ich fange mal von vorn an. Bereits vor sechs Monaten und nicht erst vor drei entdeckte man in Madaba Ruinen eines alten Hauses. In dieser Stadt sind viele Ausgrabungen in der Umgebung zu finden, daher ist dies nicht ungewöhnlich. Jedoch wurde unter diesem Haus noch ein weiteres, viel älteres Fundament ausgegraben. Nach einer Weile entdeckte man in der näheren Umgebung mindestens zehn weitere Grundmauern verschiedener Häuser in der gleichen Tiefe. Man entdeckte auch einen großen Versammlungsraum, in dem unter anderem eine Grabstätte mit einer großen Anzahl an Skeletten vorhanden war. Weiter fand man Tonscheiben, Krüge, Geldmünzen aus der Zeit ca. 80 bis 100 nach Christus und ein wenig Schmuck. Das ist aus Sicht der Archäologen erst einmal nichts Besonderes“, erzählte Harry.

Mein Freund holte tief Luft. Ich bemerkte seine vor Aufregung rot gefärbten Wangen, was für Harry eigentlich sehr ungewöhnlich war.

„Man hatte die Ausgrabungsstätte bereits abgesperrt, als man unter dem Versammlungsraum eine Art Gewölbe fand. Zuerst stieß man auf ein paar Krüge und Waffen. Dann entdeckte man noch einen weiteren Kellerraum. In diesem lag offenbar die Mumie des Dorfältesten oder eines Priesters. Um die Mumie hatte man eine Menge Kisten gestellt, vollgefüllt mit Papyri, Steintafeln und Kupferrollen. Auffällig an der Mumie war, dass sie sehr aufwendig gewebte Kleidung trug. Der Tote musste also was Besonderes gewesen sein. Ich würde sagen, nach den Entdeckungen bei Qumran aus den 1950er Jahren ist dies eine weitere Sensation. Man bestellte Doktor Whiteman, Professor Spürli und weitere hochrangige Wissenschaftler nach Amman. Diese begannen, mit einem kleinen Team von Mitarbeitern die ersten Texte zu übersetzen. Sie waren hauptsächlich in Aramäisch und Hebräisch geschrieben. Auf den ersten Papyri war an den Texten nichts Besonderes zu finden.“

„Was genau stand denn in den Schriften?“, unterbrach ich ihn.

„Das Übliche, Tom, sind die Verhaltensregeln und Gesetze innerhalb der Gemeinschaft. Es wurden auch Regeln zum Verhalten bei einem Dorfangriff und ähnlichen Situationen entdeckt. Aber auf einer der Kupferrollen gab es plötzlich einen Hinweis auf eine Priesterschule, den Platz der Weisheit, wie sie es nannten. Auf der Rolle stand folgender Text: „Willst du die Welt beherrschen, dann soll dir das Auge der Welt behilflich sein. Am Platz der Weisheit findest du es.‘“

„Das Auge der Welt?“, fragte ich und schaute Harry verwundert an. „Davon stand ja überhaupt nichts in der Zeitung!“, sagte ich.

„Warte nur ab, Tom, das ist noch lange nicht alles!“, entgegnete er mir mit einem triumphalen Lächeln. „Gut, wo war ich stehen geblieben?“

Er hob seinen Kopf, grübelte, strich dabei mit den Fingern über sein Kinn und schaute mich ernst an.

„Ok, nach einigen Recherchen fand man heraus, dass es östlich der Stadt Al Qatranah eine kleine Priesterschule bzw. eine Art Kloster gegeben hatte. Dieses Kloster wurde in den Rollen ausdrücklich erwähnt. In Jordanien ist es nicht üblich, willkürlich ein Kloster oder eine Schule zu betreten. So stellte Doktor Whiteman bei der Regierung einen Antrag, diese Priesterschule besuchen zu können. Es muss wohl zu einer hitzigen Auseinandersetzung gekommen sein, da sogar der König von Jordanien in die Verhandlungen eingriff. Nach fast sechs Wochen Verhandlungen über die Botschaften und die Regierung bekamen sie endlich die Erlaubnis zum Besuch der Schule. So kam erst ein kleines Team an, welches von den Priestern freundlich, aber mit Misstrauen empfangen wurde. Mit dem Schulleiter unterhielten sie sich über die Funde in Madaba und erfuhren, dass es in der Schule eine ansehnliche Bibliothek gab. Hier befanden sich so viele antiquarische Bücher, dass der katastrophale Zustand die Mitarbeiter von Doktor Whiteman zu Tränen rührte. Viele waren bereits in einem Zustand des Verfalls. Man machte sich an die Arbeit, um nach Schriften über das Auge der Welt zu suchen. Aus Irland stieß der junge McForman zu dem Team von Doktor Whiteman dazu, ein Newcomer in Sachen Übersetzung. Der liest dir ein altgriechisches Dokument wie ein Märchen der Gebrüder Grimm auf Englisch.“

„Jetzt übertreibst du aber, Harry. Er ist wohl eine Art Supermann?“, ärgerte ich Harry.

Harry lächelte und sprach mit einer gewissen Art Süffisanz in der Stimme. „Er beherrscht acht Sprachen und übersetzt Dokumente in Latein, Altgriechisch, Phönizisch, ägyptischen Hieroglyphen, Hebräisch und Aramäisch. In dieser Beziehung ist er unschlagbar und von den vielen Dialekten rede ich noch gar nicht. Durch seine herausragenden Sprachkenntnisse wurde die Aufmerksamkeit vieler Wissenschaftler erst auf ihn gelenkt. Beim Übersetzen und Restaurieren einiger Bücher fand McForman schließlich Hinweise auf das Auge der Welt. Es solle sich in der Festung Masada oder auch Machärus befinden, so sagten es die aramäischen Schriften. Natürlich gab es auch hier erneut Diskussionen, da an der Stätte Masada bereits zahlreiche archäologische Untersuchungen stattgefunden hatten. Man legte dort eine ganze Stadt mit Zisternen und römischen Lagern am Fuße des Berges frei. Erneut wurde in einigen der alten Gänge gesucht, man fand aber nichts wirklich Überraschendes. Vielleicht wollte man auch nicht weiter forschen, da sich dort schreckliche Dramen in Verbindung mit den letzten jüdischen Kriegen abgespielt hatten“, berichtete Harry.

„Ich kenne die Geschichten um Masada“, antwortete ich prompt und vielleicht etwas zu forsch. „Aber fahre fort, Harry. In einer halben Stunde muss ich in meinem Büro sein“, drängte ich ihn.

„Gut!“, antwortete Harry mit seinem leicht nörgelnden Unterton. „Man bekam nach langen Diskussionen endlich die Erlaubnis zum Graben, und für den Tourismus wurde erst einmal das ganze Areal gesperrt. Wieder hatte das Team um Professor Whiteman mächtiges Glück. Durch einen Zufall stieß man auf ein verstecktes Gewölbe am unteren Teil des Nordhangs des Tafelberges – oder sollte ich eher sagen: Man fand es in einem alten Waffenlager – das Auge der Welt.“

„Ja, und was ist nun das Auge der Welt?“, stieß ich drängelnd hervor und sprang vor lauter Nervosität von meinem Stuhl auf.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Harry ehrlich und mit einem leicht verzweifelten Unterton. „Das konnten wir den uns gelieferten Informationen nicht entnehmen. Daraus macht man ein echtes Staatsgeheimnis. Aber du kannst davon ausgehen, dass Professor Spürli unseren Chef, den er gut kennt, kontaktieren wird. Ich bin mir sicher, dass er sich meldet, um unser Team zu sich zu holen. Und dann geht es ab nach Jordanien. Er sagte etwas von Mitte Mai.“

„Mensch, das wäre was!“, sagte ich euphorisch und lief wie ein aufgeschrecktes Huhn durch den Raum.

Harry schaute auf seine Uhr und sagte: „Du, wir sollten jetzt in unsere Büros gehen. Nicht, dass sie eine Suchmeldung herausgeben.“

So schlichen Harry und ich zurück an unsere alten Holzschreibtische. Sich jetzt wieder hinter den PC zu setzen und konzentriert zu arbeiten, war uns ein schrecklicher Gedanke. Trotz der vielen Spekulationen schoben wir uns die Arbeit mehr oder weniger gegenseitig zu und taten so, als wären wir geistig anwesend. Den ganzen Tag über konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen und meine Arbeit wurde eher zur Nebensache. Was würde aus meinem Lauf werden, sollten wir uns zur gleichen Zeit in Jordanien befinden? Und was zur Hölle war das Auge der Welt? Warum machte man so ein großes Geheimnis daraus? Und was würde mein Chef zu den Neuigkeiten sagen?

Mit all diesen Gedanken und einem Schreibtisch voller unerledigter Arbeit fuhr ich am Abend wieder nach Hause. Carrie empfing mich mit ihrer Fröhlichkeit und dem Glanz ihrer strahlend blauen Augen. Innerhalb weniger Minuten hatte ich den ganzen Stress und die Neuigkeiten des Tages vergessen. Ich war stiller als sonst und Carrie spürte, dass etwas nicht stimmte. Beim Abendessen legte sie die Gabel beiseite, nahm meine Hand und schaute mich besorgt an.

„Tom, was ist los? Du bist heute so ungewohnt still“, sagte sie liebevoll.

Ich war erneut erstaunt über die einfühlsame Reaktion von Carrie. Sie spürte sofort, wenn mich etwas stark beschäftigte. Dann konnte ich mich auch nicht mehr herausreden. Ich musste die Katze aus dem Sack lassen!

„Es kann sein, dass ich mit dem Team in neun Wochen nach Jordanien fliege. Wir haben unter Umständen die Möglichkeit, einen neuen großen Auftrag zu bekommen“, sagte ich vorsichtig.

Sie strahlte erst, schaute mich aber sogleich wieder nachdenklich an.

„Aber Tom! Fällt in diese Zeit nicht dein Wüstenlauf? Das wird doch bestimmt Probleme geben? Schließlich hattest du dich doch so sehr darauf gefreut.“

„Stimmt, mein Engel. Du hast vollkommen recht. Am 19. Mai findet der große Lauf statt. Das hatte ich völlig vergessen. Jetzt kann ich trotz des Auftrags nur hoffen, dass mir Manningfield freie Zeit geben wird, daran teilzunehmen. Aber warten wir zuerst einmal ab, ob unsere Firma den Auftrag überhaupt bekommt“, sagte ich.

Es herrschte einen Moment Stille. Nur die Kerze auf dem Tisch flackerte, während wir uns gegenseitig ansahen.

„Ach, Tom, da würde ich mir jetzt keinen Stress machen. Mit Mr. Manningfield, deinem Chef, konnte man bis jetzt stets über sämtliche Themen sprechen. In seinem Innersten ist er doch eine gute Seele.“

An dieser Stelle musste man Carrie recht geben. Es gab keine Angelegenheit, die man nicht mit Manningfield besprechen konnte. Trotzdem hatte ich bei diesem Auftrag ein komisches Gefühl. Aber im Moment half es nicht, darüber weiter zu grübeln. Ich musste, ob ich wollte oder nicht, warten, bis Manningfield aus seinem Urlaub zurückkam.

Zwei Wochen später

17.03.2006 – 24.04.2006

Die darauffolgende Woche zog sich hin wie Kaugummi und ich schloss in den folgenden Tagen drei weitere erfolgreiche Läufe ab. Das Joggen war die optimale Möglichkeit, um weiter im Training zu bleiben und dabei den Kopf freizubekommen. Es war wirklich schwierig, nicht an den kommenden Montag zu denken. Ich war mir auf einmal nicht mehr so sicher, wie unser Chef auf die Neuigkeiten reagieren würde. Manchmal erwischte ich mich sogar bei dem Gedanken, alles hinzuschmeißen, mich vom Lauf wieder abzumelden und die Zeit lieber mit Carrie zu verbringen. Aber wie von einer fremden Kraft gesteuert war ich manchmal wie im Rausch, wenn ich die 20 Kilometer in Bestzeit absolvierte.

Am darauffolgenden Freitag, es war der 17. März, joggte Frank wieder mit und lobte mich für meinen Ehrgeiz, mit dem ich an die Wettkampfvorbereitung heranging. Wir hatten geplant, am 25. März für sieben Tage nach Tunesien zu fliegen, um das Gefühl zu bekommen, wie es ist, bei hohen Wüstentemperaturen zu joggen. Anschließend hatten wir eine weitere Trainingswoche an Ostern im Loch-Lomond-Nationalpark gebucht. Dort war unser ehrgeiziges Ziel, in den schottischen Highlands mit Bergläufen den Lauf über die hohen Sanddünen zu simulieren.

Jetzt stand uns aber erst einmal der nächste Montag bevor. Harry hatte Mr. Manningfield bereits am Donnerstagabend erreicht und ihn über die aktuelle Situation informiert. Jedoch wollte dieser die anstehende Personalplanung erst am Montag mit jedem Einzelnen besprechen. Das war halt Mr. Manningfield, mal chaotisch wie ein alter Schreibtisch, dann wieder logisch wie ein präziser Computer. Am Sonntagabend tat Carrie alles, um mich von dem Gedanken an die Arbeit abzulenken.

„Auf jeden Fall werde ich am Montagmorgen erst einmal laufen gehen, bevor ich ins Büro fahre“, sagte ich zu ihr.

Carrie hörte mir nicht mehr zu, denn sie hatte sich im Bett sofort schlafend an mich gekuschelt. Eigentlich fühlte ich mich nach einem allmorgendlichen Lauf immer richtig gut und motiviert. Doch heute aber war ich wahnsinnig nervös, wenn ich an das anstehende Gespräch im Büro dachte. Zu allem Überdruss steckte ich an diesem Morgen, auf dem Weg ins Büro, auch noch im Stau fest. An der Forthroad Bridge hatte es mal wieder gekracht und ein pünktliches Eintreffen im Büro rückte in weite Ferne. So bekam ich die eine eigenartige Stimmung, die im Büro herrschte, zuerst gar nicht mit. Wie ich später erfuhr, diskutierten zuvor Manningfield und Harry heftig in dessen Büro. Draußen beobachteten Suzie, Mandy, Mike und Cole die Geschehnisse durch die Glasscheiben, die zwischen den einzelnen Büros standen.

Harry hatte eine Weile gebraucht, um die richtigen Worte zu finden. Unser Chef bestand jedoch darauf, mit dem gesamten Team nach Jordanien zu reisen, statt nur mit zwei oder drei Personen. Heute vermute ich, er hatte einfach Angst, diesen Auftrag im letzten Augenblick zu verlieren. Für ihn hatte die Firma stets oberste Priorität. Harry versuchte, Manny, wie wir ihn liebevoll nannten, zu beruhigen. Nervös tippte Harry immer wieder meine Nummer, jedoch war bei mir wegen eines Funklochs ständig besetzt und er konnte mich nicht erreichen.

Endlich im Büro angekommen sah ich Harry, wie er nervös durch die Büroscheibe schaute, und Mandy, die mir hektisch mit den Armen zuwinkte. Ich joggte an den Bürostühlen vorbei in Richtung Mr. Manningfields Büro und hätte Harry die Tür nicht aufgehalten, wäre ich bestimmt durch die Scheibe gesprungen. In dem Moment, als ich das Büro betrat, war ich mir nicht sicher, ob Mr. Manningfield mich entlassen oder aus dem Fenster schmeißen wollte.

„Tom!“, fuhr mich mein Boss an. „Mensch, wo bleiben Sie denn? Wollen Sie mich ins Grab bringen oder muss ich Sie jetzt immer vom MI6 begleiten lassen?“, fauchte er wie eine Raubkatze.

„Okay, okay. Ich weiß, was Sie sagen wollen, aber ich war heute etwas zu lange laufen und dann kam noch der Stau auf dem Weg zur Arbeit. Das hätte ich wirklich besser koordinieren können, wenn mich anschließend die Parkplatzsuche aufgehalten hätte“, entschuldigte ich mich.

Doch Mr. Manningfield unterbrach mich und schrie: „Tom, Mensch, halten Sie endlich Ihren Mund!“

Totenstille trat in die Runde. Selbst Suzie, Mandy, Mike und Cole standen schockiert an der Tür und wussten nicht, wohin sie schauen sollten. So erbost hatten wir unseren Chef noch niemals erlebt.

„Sorry, sorry …“, begann ich mit meiner Entschuldigung.

Doch Manningfield ließ sich erschöpft in den Sessel fallen und hielt sich die Finger an die Stirn.

„Bitte setzen Sie sich, Tom. Bitte setzen Sie sich alle“, sagte er und holte tief Luft. „Meine Kolleginnen und Kollegen. Es ist Ihnen doch bewusst, dass ein Auftrag wie dieser in Jordanien sich zu einem der wichtigsten, vielleicht sogar zum bedeutendsten in unserer Firmengeschichte entwickeln könnte. Dazu benötige ich nun einmal jeden Mitarbeiter, und ich möchte natürlich mit einem professionellen und geschlossenen Team auftreten. Vor allem, da so namhafte Wissenschaftler wie Ron McForman, Professor Spürli und Doktor Whiteman den Auftrag leiten. Es scheint sich bei den Dokumenten und den Funden in den Ausgrabungsstätten um eine weltgeschichtliche Sensation zu handeln.“

Alle Anwesenden waren erstaunt und verharrten in Stille, als sie bemerkten, wie sehr ihr Vorgesetzter von der Situation betroffen war.

Ich ergriff das Wort und sagte: „Mr. Manningfield, ich bin sicher, uns ist allen die Tragweite dieses Auftrages bewusst. Auch was unser Team vor Ort zu leisten vermag, ist, denke ich, allen klar. Daher werden alle, sofern wir den Auftrag bekommen, hundertprozentig hinter Ihnen stehen. Mir ist bewusst, dass wir unsere Arbeit dort zu 150 Prozent erledigen müssen. Jedoch haben wir, Frank und ich, für den 19. Mai in Luxor einen Wüstenlauf geplant. Warten Sie! Ich weiß, was Sie sagen wollen. Allen im Team leuchtet die Wichtigkeit des Auftrags ein. Doch haben Frank und ich uns auf diesen Lauf seit zwei Jahren vorbereitet. Wir würden mit nur vier Tagen Verspätung, wenn der vorab angekündigte Beginn der Arbeiten stimmt, in Al Qatranah bei Ihnen eintreffen. Wir haben bereits mit dem übrigen Team einige Vorbereitungen getroffen. Sie würden unsere Abwesenheit überhaupt nicht bemerken.“

Harry hielt mir ein Glas Wasser hin und grinste über seine dicken Backen. Allem Anschein nach sah ich mit meinem roten Kopf aus, als ob ich gleich umfallen würde. Ich nahm einen kräftigen Schluck und genoss das kühle Nass aus dem Glas. Dabei entspannten sich Mr. Manningfields Gesichtszüge wieder und er holte tief Luft.

Er lehnte sich langsam zurück und sagte: „Gut, Tom, ich denke, bei dieser Argumentationslage und den Vorbereitungen, die sie bereits getroffen haben, bleibt mir wahrscheinlich keine andere Wahl, als nachzugeben, oder?“

Harry schnaufte erleichtert, drehte sich um und sagte: „Ich brauche jetzt erst einmal einen Schokoladenriegel. Diesen Stress hält ja keiner aus!“

Suzie und Mandy konnten sich das Lachen über Harrys Art nicht verkneifen. Harry war durch seine Sucht nach Süßem bei Stress und sein daraus resultierendes Übergewicht bekannt.

Ich ergriff wieder das Wort und sagte: „Ich denke, Sie können sich auf das Team wirklich verlassen, Mr. Manningfield.“

Unser Chef blickte mich unsicher an, äußerte dann aber erleichtert: „Gut, dann holen Sie Frank und wir treffen uns in einer Stunde im Besprechungsraum. Ich möchte wissen, was Sie bereits organisiert haben.“

Kaum drei Stunden später war das meiste geklärt. Unser Chef sah zufrieden aus und der heftige Sturm vom Vormittag war vergessen. Cole und Harry hatten die Aufgabe, bereits eine Woche vorher die Hardware, weitere technische Geräte sowie unsere Unterlagen nach Masada zu bringen. Suzie und Mandy würden am 18. Mai nachkommen und die Übersetzungen in Angriff nehmen, bis Frank und ich am 21. Mai das Team vervollständigen würden. Ich selbst lief in meinen Gedanken bereits schon durch die Wüste Tunesiens und die schottischen Highlands, am Loch Lomond.

In vier Tagen war es bereits so weit, und Frank schien auf irgendeine Weise entspannter als ich zu sein. Im Gegensatz zu mir merkte man ihm die Nervosität überhaupt nicht an. Ich dagegen war seit Tagen vollkommen neben der Spur. Bereits vor einer Woche hatte ich den Koffer gepackt, worüber sich Carrie amüsierte. Unabhängig von der Art des Tages zogen sich alle Tage wie ein Gummiband dahin, und ich hatte den Eindruck, dass der Freitag niemals kommen würde. Mr. Manningfield war jedoch in seinem Element. So wie ich wollte er schon Wochen vorher seine Koffer packen und das Team hätte er am liebsten jetzt schon nach Jordanien geschickt, obwohl er den eigentlichen Auftrag immer noch nicht in der Tasche hatte.

Motiviert sprang ich am Abflugtag unter die Dusche, so dass Carrie froh war, wieder ihre Ruhe zu haben, als ich mich lachend von ihr verabschiedete. Mit Franks Auto, das mich an diesem Morgen abholte, fuhren wir zum Edinburgh Airport, um den dreieinhalbstündigen Flug nach Tunis zu nehmen. Ohne nennenswerte Verspätung erreichten wir unser Ziel und landeten gegen Mittag auf dem Flughafen in Tunesien. Als Hotel hatten wir das Thugga in dem kleinen Ort Teboursouk ausgewählt, welches wir mit einem etwas altersschwachen Bus gegen 16 Uhr erreichten. Von dort hatten wir es nicht mehr weit, um kleinere Wüstenläufe zu testen.

In den sechs Tagen liefen wir vier verschiedene Strecken von jeweils 15, 21, 30 und 35 Kilometern. Anfangs von der Hitze regelrecht geschockt, akklimatisierte ich mich in den darauffolgenden Tagen schnell und war mit den Ergebnissen zufrieden. Die Woche verging wie im Fluge und als wir am 1. April wieder im Flugzeug saßen, waren die letzten Zweifel, den Wüstenlauf nicht zu schaffen, verflogen. Ich war mir sicher, dass das Training in den Highlands nur noch zum Spaß stattfinden würde. Da sollte ich mich aber täuschen. Denn es begann etwas, was mein Leben langsam aus den Fugen hob.

Es war Abend, als mich Frank nach der Landung regelrecht aus seinem Auto warf. Er wollte unbedingt noch zu seiner Freundin Andrea, bevor auch er in sein Bett sprang.

Carrie begrüßte mich mit den Worten: „Na Rothaut, lebst du noch?“ Anscheinend war mir der Sonnenbrand der vergangenen Tage, trotz Sonnenschutzcreme, nicht aufgefallen. Am nächsten Tag musste ich Carrie alle Details und Eindrücke aus der Woche in Tunesien erzählen. Meine Frau ließ mich ab und zu spüren, warum sie denn zu Hause bleiben musste, während ich eine Woche Urlaub machte. Dass es gar kein Urlaub im eigentlichen Sinne gewesen war, ließ sie nicht gelten und jede Argumentation meinerseits war zwecklos.

In der darauffolgenden Woche kam es dann endlich zu den ersehnten Vertragsabschlüssen zwischen unserer Firma und dem archäologischen Institut in Jordanien. Ab diesem Zeitpunkt erkannten wir unseren Chef nicht wieder. Er wirkte 20 Jahre jünger und gab unserem Team sogar zweimal einen Kaffee aus, was einer Sensation gleichkam. Carrie genoss es, dass ich abends wieder mal öfters an ihrer Seite saß und nicht nur am Trainieren war. Seltsamerweise begann an diesem Tag, dass ich nachts plötzlich nicht mehr richtig schlafen konnte. Ich erwachte mehrmals und war verwirrt über die Unruhe in mir. Ich versuchte, die Geräusche, die ich auf einmal vernahm, und die seltsamen Träume, die aufkamen, zu ignorieren.

Ostern rückte näher und damit auch unsere Woche in den Highlands, wo wir mit einigen Bergtouren unsere Muskelkraft und die Kondition weiter trainieren wollten. Ich erkundigte mich bei Carrie immer wieder, ob es sie auch wirklich nicht störe, dass ich schon wieder ohne sie wegfahren wollte. Sie lachte jedes Mal und wiegelte es ab. Carrie verheimlichte mir, dass auch sie ein komisches Gefühl hatte, je näher der Wüstenlauf kam. Den Karfreitag verbrachten wir mit harter Gartenarbeit, um uns abzulenken. Dabei jagte mich Carrie regelrecht durch den Garten. Vielleicht handelte es sich um eine Form der Vergeltung, jedoch zögerte ich, meiner Ehefrau dies zu unterstellen, nachdem wir an diesem Abend bereits um zehn Uhr erschöpft im Bett lagen.

Erneut wachte ich mehrmals auf, weil ich den Eindruck hatte, den Klang des Windes zu hören. Doch bemerkte ich nur, dass die Fenster geöffnet waren.

Die Highlands

22.04.2006 – 27.04.2006

Es war noch vor Sonnenaufgang, als Frank und ich in Falkland losfuhren. Die Route verlief über Dunfermline, Oakley und Kincardine und führte schließlich nach Stirling. Nach einer kurzen Rast ging es weiter nordwestlich, hinein in die schottischen Highlands. Während der Fahrt erzählte mir Frank kontinuierlich kleine Anekdoten aus seinem Wüstenlauf vor zwei Jahren. Mal musste ich lachen und manchmal war ich mir nicht sicher, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, mich zu einem Wüstenlauf anzumelden. Nach zwei Stunden Autofahrt war der Loch Lomond in greifbarer Nähe. Unser Hotel, das Rowardennan Youth Hostel, befand sich am rechten Ufer des Sees, weit abseits vom üblichen Verkehrsstress. Zum Ufer des Loch Lomonds waren es nur wenige Schritte. Das Hotel war in hellem Backstein gebaut worden, mit einem kleinen Turm versehen.

Gegen halb zehn Uhr am Morgen erreichten wir das Hotel. Auf ein größeres Frühstück, welches uns von der netten Empfangsdame angeboten wurde, verzichteten wir und wollten nach einem leichten Lauf lieber das gute Mittagessen genießen. Frank hatte sein Notebook dabei, um präzise die Laufroute über Google Maps planen zu können. Für heute hatten wir einen Zwölf-Kilometer-Lauf über einen Hügel von 420 Metern Höhe geplant.

„Bist du endlich so weit?“, fragte Frank ungeduldig.

„Ich bin noch beim Schuhe binden. Bleib locker und geh dich schon einmal dehnen!“, antwortete ich.

Wenige Minuten später starteten wir und ich spürte die frische Brise, die vom See herkam. Wir liefen zuerst rund 800 Meter am See entlang, bevor wir den ersten Anstieg erreichten. Nach etwa einer knappen Viertelstunde genossen wir den herrlichen Blick auf den vor uns liegenden Berg.

„Was hältst du von der Sache in Jordanien, Tom?“, fragte Frank und sah mich sehr ernst an.

„Ich habe dafür noch keine Erklärung. Ich habe in den letzten Tagen intensiv über dieses Auge der Welt nachgedacht – vielleicht ist es ein Rätsel?“, antwortete ich.

„Du vergisst, Tom, dass man das Auge der Welt gefunden hat. Es muss also irgendein Gegenstand sein. Ich tippe auf eine Figur, die einen Gott verkörpert“, sagte Frank.

Völlig in unsere Unterhaltung vertieft bemerkte ich erst nach ein paar Metern, dass wir wieder bergab liefen.

Er zog das Tempo wieder etwas an und ich spürte jeden Muskel in den Beinen. Ich schätzte den Höhenunterschied nach dem nächsten Kilometer auf etwa 200 Meter. Immer weiter ging es bergauf, an dem kleinen Waldstück entlang, und ich atmete immer tiefer den kühlen Sauerstoff in meine Lungen ein. Es war eine bemerkenswerte Idee von Frank gewesen, für ein paar Tage hierherzufahren. Ich höre noch heute Carries Worte, wo sie sagte: „Ruf mich aber ja an, wenn du dich verlaufen hast, dann sammle ich dich wieder auf.“

Carrie müsste wahrscheinlich ewig auf meinen Anruf warten, denn das Handy hatte ich im Hotel liegen lassen. Frank signalisierte mir, dass wir vorerst nicht mehr weiter bergauf laufen würden. Schließlich wollten wir am ersten Tag das geplante Laufpensum nicht überstrapazieren.

„So, mein Höhenmesser ist bei 482 Metern stehengeblieben und wir sind 420 Meter bergauf gelaufen“, sagte Frank.

Wenn ich gewusst hätte, was er mit seinen 420 Metern ausdrücken wollte, hätte ich mich auf die nächsten Tage nicht mehr gefreut. Denn es sollte weitaus anstrengender werden. Nach einer kurzen Unterhaltung joggten wir den Berg wieder hinunter. Und tatsächlich, keine zehn Minuten später, erreichten wir wieder den Hof des Hotels.

„Wow“, schnaufte ich, als wir in die Einfahrt einliefen. „Wir haben ja fast eine Dreiviertelstunde für diesen Lauf gebraucht.

Lachend erwiderte Frank: „Warte nur ab, Tom. Die wirst du morgen erst richtig spüren. Denn die Bergtouren gehen ziemlich in die Knochen.“

So langsam wurden mir der Sinn und Zweck dieses Trainings bewusst. Die extremen Temperaturen, die uns in der Wüste erwarteten würden, hatte ich schon fast wieder vergessen. Ich erinnere mich, es war ungefähr zur Teestunde, als wir erneut über das Auge der Welt sprachen.

„Ich bin auf die Bibliothek in der Priesterschule gespannt. Angeblich sollen dort zum Teil unbezahlbare Dokumente liegen. Ob wir dort noch weitere aufschlussreiche Informationen finden?“, fragte ich.

Frank schaute nachdenklich auf den See und antwortete langsam: „Vielleicht ist es ein Hinweis.“

„Ein Hinweis? Was meinst du damit?“, fragte ich wieder.

„Weißt du, Tom, wir hatten schon einmal eine Überraschung erlebt, als wir in Ägypten ein Papyrus fanden, welches uns nach wochenlangen Übersetzungen den Hinweis auf eine Grabkammer gab“, erzählte Frank.

„Ach so, deswegen kann ich mich nicht an solch eine Geschichte erinnern. Nur, was ist nun dieses Auge der Welt? Und warum machen die so ein Geheimnis daraus? Diese Ungewissheit macht mich verrückt“, schimpfte ich.

„Glaube mir, es ist gut, dass wir uns hier ein paar Tage mit dem Training ablenken können, denn ohne Unterlagen oder Hinweise kommen wir so oder so nicht dazu, das Rätsel zu lösen“, sagte Frank und lachte herzhaft. „Vergiss nicht, Tom. Wir müssen auch noch den Aufenthalt in Luxor planen. Denn nach dem Wüstenlauf geht es wieder ins Hotel, und wir erholen uns noch zwei Tage, bevor wir von Luxor aus nach Jordanien fliegen.“

Frank hatte Recht. Es gab wirklich noch einiges zu tun. Das Thema der Ausgrabungen beschäftigte mich weiter, und an diesem Abend fanden wir keine angemessene Lösung. Ich kann mich heute nur noch daran erinnern, dass die Hotelbar schon geschlossen war, als wir uns schlafen legten. Ich brauchte diesmal keine Minute, da befand ich mich bereits im Reich der Träume. Diesmal hatte ich das Gefühl, tief und fest zu schlafen. Irgendwie spürte ich plötzlich etwas am Arm, als würde mich jemand berühren. Ich schlug erschrocken die Augen auf, da ich zuerst an eine Spinne oder einen Käfer dachte. Oder war ich jetzt wirklich wach oder träumte ich?

Vor mir erkannte ich schemenhaft einen dunkelhäutigen Mann, der mich mit einer tiefen Stimme ansprach: „Junger Herr, wann kommst du? Wir brauchen dich. Wir benötigen deine Hilfe. Bitte, Herr komm endlich zu uns.“

Ich fühlte einen kühlen Luftzug und begann zu frieren. Dabei schaute ich mich um und bemerkte plötzlich, dass ich alleine im Sand saß. Wo befand ich mich auf einmal? Und warum lag ich nicht in meinem Bett? Wer war dieser Mann in diesem ungewöhnlichen, antiken Gewand? Und in welcher Zeit befand ich mich eigentlich? Aus dem Wind wurde schlagartig ein Rauschen und es wurde wieder dunkel.

Da hörte ich jemanden meinen Namen rufen: „Tom, hey Tom. Tom, wach auf.“

Ich ruderte mit den Armen wild um mich, setzte mich auf und hörte das Klopfen von Franks Faust an meiner Tür und wie er meinen Namen rief. Ich quälte mich aus dem Bett und öffnete die Tür.

„Mensch, Tom. Ich dachte schon, du rennst bereits alleine durch die Highlands und fragte mich, ob du vielleicht doch noch schläfst“, sagte Frank.

„Wie? Was? Wie spät ist es denn?“, fragte ich etwas verwirrt.

„Mensch, Junge, wir haben es schon nach neun Uhr und wir wollen heute Mittag noch etwas laufen. Oder hast du schon vergessen, dass wir hier keinen Wellnessurlaub gebucht haben?“, antwortete Frank in bester Laune.

Ich schloss die Tür und war überzeugt, dass dies nicht mein Tag werden würde. Frank hatte mal wieder Recht gehabt. Keine 20 Minuten später saß ich in Trainingskleidung im Frühstücksraum und schaute immer noch etwas verschlafen aus den Augen.

„Wir gehen nachher in den Fitnessraum des Hotels und machen ein wenig Krafttraining. Bei dem schönen Wetter laufen wir heute Mittag eine 17-Kilometer-Strecke in Richtung Norden am See entlang“, erklärte Frank.

Ich blickte aus dem Fenster auf den ruhigen See. Von meinem seltsamen Traum, an den ich mich plötzlich erinnerte, wollte ich Frank erst einmal nichts erzählen.

„Gute Idee, Frank. Wie machen wir das mit den Getränken? Nehmen wir unsere Laufgurte oder unsere Laufrucksäcke mit?“

„Ich denke, bei der recht flachen Laufstrecke reichen die Gurte.“

Auf der Terrasse angekommen wechselten wir nur wenige Worte. Jeder wollte sich etwas ausruhen und seinen Gedanken freien Lauf lassen. Mir ging natürlich dieser seltsame Traum der letzten Nacht nicht mehr aus dem Kopf. Allmählich erinnerte ich mich zunehmend an mehr Details. Was sollte er nur bedeuten? Wieso konnte ich den Sand, in dem ich saß, deutlich fühlen?

Frisch gestärkt joggten wir nach dem Mittagessen gegen halb zwei Uhr los. Es ging auf einem asphaltierten Fahrradweg in Richtung Norden, direkt am See entlang. Im Nachhinein wäre die Gegend für einen kleinen Urlaub mit Carrie genau das Richtige gewesen, so naturverbunden wie sie war. Frank zog gleich am Anfang mächtig das Tempo an und ich hatte Mühe, hinterherzukommen. Man merkte deutlich, dass er seinen besten Marathon schon in 2:31 Stunden gelaufen war, wohingegen ich mit 3:02 Stunden gerne mal unter die drei Stunden gekommen wäre.

Nach knapp 30 Minuten machten wir wieder kehrt und begaben uns auf den Heimweg. Ich selbst war ziemlich überrascht, dass ich nach 54 Minuten noch relativ locker in die Hoteleinfahrt einlief, obwohl ich mich am Morgen noch relativ schlapp gefühlt hatte. Frisch umgezogen und für die Dusche entspannt, trafen wir uns später in der Teestube des Hotels. Mister Raven, der Hotelier, kam uns lächelnd entgegen und sagte: „Na, morgen werden sie nicht solch ein Bilderbuchwetter vorfinden.“

„Wie? Wieso, soll es morgen etwa schlechter werden?“, fragte ich nach.

„Es sieht stark nach Regen aus, junger Mann“, antwortete er.

Frank winkte nur ab und flüsterte mir ins Ohr: „Ja, ja. Ich glaube, der trinkt zu oft mal einen Whisky zu viel.“

Hätte sich Frank nur mal nicht so abfällig über den Hinweis von Mister Raven geäußert. Am nächsten Morgen fiel uns die Kinnlade bis auf den Boden. Es schüttete tatsächlich wie aus Kübeln.

„Ich denke, Frank, da hattest du gestern wohl zu viel Promille im Blut“, sagte ich und setzte mich lachend auf den Stuhl. „Nun, wie sieht dein Plan in solchen Fällen aus?“

Frank brummelte etwas vor sich hin und meinte, er hole sich erst einmal einen Kaffee. Damit hatte Frank wirklich nicht gerechnet, recherchierte er doch das Wetter für diese Woche penibel über das Internet.

„Den Wetterfröschen aus dem Internet erzähle ich was, wenn wir wieder zu Hause sind. Trocken und sonnig. Dass ich nicht lache. Klimawärmung von wegen? Die können ja nicht einmal das Wetter für die kommenden drei Tage voraussagen“, schimpfte Frank.

„Gut, nun haben wir halt Pech. Frank, nun lass den Kopf nicht hängen. Wir haben doch unsere Regenjacken mitgebracht“, versuchte ich ihn wieder zu motivieren.

„Tom, es geht mir nicht um den Regen selbst, sondern darum, dass es auf einigen Bergstrecken sehr morastig werden könnte, und einen verstauchten Knöchel können wir nun wirklich nicht leisten“, maulte Frank.

„Ok, Frank, ich denke, wir warten jetzt einfach bis zum frühen Nachmittag und entscheiden dann nochmals“, sagte ich.

Frank nickte wortlos und verzog sein Gesicht. Ihm war bewusst, dass es nichts brachte, sich deswegen aufzuregen. Gegen 14:00 Uhr regnete es zwar noch immer, jedoch nicht mehr so stark wie am Morgen. Wir fuhren mit dem Auto 26 Kilometer südlich auf einen Campingplatz kurz vor Cashel. Von dort aus liefen wir den vor uns liegenden Berg hinauf, bis auf etwa 600 Meter Höhe. Da der Weg gut gepflastert war, hatten wir mit dem Bodenbelag anfangs keine Probleme. Ich schnaufte heute wie eine Dampfmaschine, so hoch war das Tempo. Der feine Regen, der mir ständig ins Gesicht peitschte, machte mir mehr zu schaffen, als ich anfangs dachte. Nach 40 Minuten erreichten wir unser Ziel auf 640 Metern Höhe. Völlig außer Atem trank ich einen tiefen Schluck. Selbst Frank, der einiges gewohnt war, hatte ein hochrotes Gesicht. „Ich denke, wir lassen es bergab etwas langsamer angehen“, schnaufte Frank und ich nickte ihm dankbar zu.

Völlig durchnässt kamen wir auf dem Campingplatz an und viele Camper schauten uns kopfschüttelnd an. Wir hatten uns zum Glück Kleidungsstücke zum Wechseln mitgenommen und zogen uns in den öffentlichen Duschen des Campingplatzes schnell um. Nach einem Abendessen in Milarrochy fuhren wir mit dem Auto durch den nachlassenden Regen gut gelaunt zum Hotel zurück. Für den nächsten Tag planten wir, uns zu erholen, da wir die 35-Kilometer-Strecke zum Ben Lomond noch bewältigen mussten. Im Hotel angekommen, setzten wir uns noch einen Moment an die Bar und genossen ein kühles Bier. Eine Stunde vor Mitternacht gingen wir in unsere Zimmer zurück und ich telefonierte kurz mit Carrie. Sie freute sich über den Anruf und war sehr glücklich, dass bei uns alles in Ordnung war.

Nach einer diesmal traumlosen Nacht hatte sich das Wetter am nächsten Morgen zum Glück wieder etwas beruhigt. Diesmal war es zwar stark bewölkt, aber es regnete wenigstens nicht mehr. Auch die Temperaturen lagen heute bei angenehmen 15 Grad. Nach einem langen und gemütlichen Frühstück telefonierten wir mehrmals mit Harry, den wir mit unserer Arbeit nicht alleine machen lassen wollten. Somit verging der Dienstag mit viel Erholung und ohne nennenswerte Ereignisse. Am Abend fand im Hotel ein kleines Grill-Barbecue statt und die interessanten Gespräche mit den anderen Hotelgästen waren eine gelungene Abwechslung.

Ich lag keine Minute im Bett, schon war ich wieder tief eingeschlafen. Und wieder wurde ich mit dem Gefühl geweckt, als würde mir ein kühler Wind durchs offene Fenster ins Gesicht blasen. Diesmal fror ich sogar, zog die Decke fest an mich und öffnete vorsichtig meine Augen. Es war dunkel in meinem Zimmer und wie beim letzten Traum hörte ich das Rauschen des Windes. Diesmal spürte ich sogar, wie die Sandkörner an meinem Körper abprallten. Ich setzte mich langsam auf und schaute mich um. Ich war zurück in diesem seltsamen Traum, den ich bis jetzt nicht deuten konnte. Diesmal schien es, als hätte es eine helle Mondnacht, denn heute konnte ich nicht nur die Umgebung erkennen, sondern auch die Sterne am Himmel. Von weitem sah ich erneut diesen Mann, der langsam auf mich zukam und mir wieder die Hand reichte. Ich versuchte, nach seiner Hand zu greifen, und konzentrierte mich dieses Mal mehr auf den Mann. Dieses Mal sprach ich ihn an, und fragte, was er von mir wollte. Doch gab er mir keine Antwort. Auf einmal wurde es um mich herum wieder tiefschwarz und die Umgebung war verschwunden. Verzweifelt tastete ich nach meinem Bett, doch hatte ich jetzt das Gefühl, als würde ich in der Luft schweben. Unter mir wurde es auf einmal hell und ich sah, von oben schauend, wie eine Unmenge an Menschen wie in einem riesigen Treck hintereinander herliefen. Ich konnte viele Wagen und Karren aus längst vergangener Zeit erkennen, welche die Menschen mit ihrem Hab und Gut zogen. Doch dann verblasste das Bild erneut, und ich spürte ,dass wieder ich in meinem Bett saß.

Nach diesem Tagtraum war ich hellwach, stand auf und ging ans Fenster. Was passierte hier mit mir und warum träumte ich schon zum zweiten Mal einen Traum wie in einer Art Fortsetzung? Draußen waren die Wolken verschwunden, und die Sterne leuchteten am Himmel. Einige Minuten verharrte ich in dieser Position, öffnete das Fenster und inhalierte die frische Luft tief. Noch versuchte ich, die gerade geträumten Ereignisse zusammenzufassen, jedoch konnte ich mir keine plausible Erklärung dafür geben, da sie zu absurd erschien. Wieder im Bett zurück dachte ich noch: „Was für verrückte Träume“, als ich wieder in einen tiefen Schlaf versank.

Piep ... piep ... piep ... piep ... „Warum habe ich nur diesen bescheuerten Wecker mitgenommen? Und warum habe ich ihn auf 8 Uhr gestellt?“, murmelte ich.

Ich nahm den Wecker in die Hand und wollte die Weckzeit gerade auf 9 Uhr vorstellen, als Frank wieder mal an die Tür klopfte und rief: „Hey, Tom. Raus aus den Federn! Wir laufen in etwa einer Stunde los.“

„Laufen? Wieso? Ja, natürlich, Frank“, rief ich mürrisch zurück und sprang aus dem Bett.

Im Frühstücksraum angekommen, lächelte mir Frank entgegen: „Na, du bist ja eine Schlafmütze. Carrie hat es mit dir ja wirklich nicht leicht.“

Bevor ich antworten konnte, wurde ich in der Schlange am Buffet weitergeschoben. Am Frühstückstisch präsentierte mir Frank das Laufprogramm für heute, das einen 32-Kilometerlauf vorsah. Unser Ziel war es, den Ben Lomond bis auf etwa 940 Meter hinaufzulaufen.

Ich kommentierte seine Äußerung nicht. Zu sehr war ich mit meinem Traum der letzten Nacht abgelenkt. Es war kurz nach neun Uhr, als ich meine Laufschuhe anzog und das Hostel verließ. Wir begannen mit einer Strecke, welche uns erst einmal etwa 12 Kilometer am See entlangführte. Die Bergstrecke verlief über mehrere Serpentinen und so gewannen wir stetig an Höhe.

Nach 40 Minuten hatten wir die vorgenommenen 940 Meter tatsächlich erreicht.

Frank grinste nur frech und meinte: „Na, noch fit?“

Ich erwiderte schnaufend: „Ja, ja, jetzt geht es ja zum Glück nur noch abwärts.“

Nach etwa zwei Minuten Verschnaufpause, die ich zum Trinken nutzte, ging es wieder los. Der Pfad war so gut gelegen, dass dieser über die gesamte Strecke zurück sanft bergab verlief und dann nur 1,5 Kilometer von unserem Hotel entfernt in den Straßenverlauf einmündete. Obwohl ich unterwegs immer wieder etwas getrunken hatte, fühlte ich mich völlig ausgetrocknet. Selbst Frank schnaufte wie eine Dampflok.

Den kommenden Tag nutzen wir noch einmal zur Entspannung und reservierten online das Hotel für den Wüstenlauf. Bei meinem Blick auf meine Uhr war ich ziemlich überrascht, dass wir fast vier Stunden unterwegs gewesen waren. Den Rest des Tages ruhten wir uns aus und ließen die Seele baumeln. Vor der kommenden Nacht hatte ich diesmal richtige Angst, wieder in einen dieser seltsamen Träume zu verfallen. Doch zum Glück schlief ich in dieser Nacht traumlos durch. Vielleicht war ich auch einfach nur zu erschöpft zum Träumen. Doch diesmal wachte ich vor dem immer motivierten Frank auf und war ganz stolz, als Erster am Frühstücksbuffet zu stehen. Als ich Frank bemerkte und sein Gesicht sah, wurde mir sofort klar, dass etwas nicht in Ordnung war.

Schlecht gelaunt setzte er sich schnaufend hin und sagte: „Das war's dann mit unserem Training! Wir müssen noch heute zurückfahren. Harry hat vorhin angerufen und mir erzählt, dass uns Ron McForman bereits einen Stapel Dokumente hat zukommen lassen, die von unserem Team eingescannt worden sind. Offensichtlich sind bei den Ausgrabungen so viele Dokumente ans Tageslicht gelangt, dass man mit dem Übersetzen nicht mehr nachkommt und nun dringend unsere Hilfe benötigt. Und du weißt ja, dass deine Software hier federführend ist.“

Schweigend schauten wir uns an. Es war selbstverständlich, dass die Arbeit immer Priorität hatte.

„Meinst du das bisherige Training reicht aus?“, sagte ich und durchbrach das Schweigen.

„Mach dir deswegen keine Sorgen, Tom. Wir haben uns hier gut geschlagen und werden in den nächsten vier Wochen noch einige Strecken bei uns zu Hause laufen. Du trainierst jetzt schon seit einigen Jahren regelmäßig und bist gut vorbereitet“, beruhigte mich Frank.

„Wann wollen wir wieder zurückfahren?“, fragte ich einige Minuten später.

„Ich denke, so in zwei Stunden. Dann sind wir gegen 15 Uhr im Büro und können uns den Arbeitsablauf für morgen anschauen.“, erwiderte Frank.

„Dann werde ich Carrie kurz informieren, dass wir doch früher als geplant nach Hause kommen.“