Die Zeppelin-Verschwörung - Antje Windgassen - E-Book

Die Zeppelin-Verschwörung E-Book

Antje Windgassen

4,8

Beschreibung

Nach seiner Karriere in der Armee widmet sich Graf Ferdinand von Zeppelin seinem Traum vom Fliegen. Er plant, ein Luftschiff zu konstruieren, das sich manövrieren lässt. Während er dafür von vielen nur belächelt wird, zeigt sich Kaiser Wilhelm II. interessiert. Zeppelin legt ihm die Konstruktionspläne vor und erhofft sich, den Kaiser als Geldgeber zu gewinnen. Doch dessen Prüf-Kommission findet Unstimmigkeiten in den Berechnungen. Der Graf ist sicher: Jemand muss die Pläne sabotiert haben. Aber wer?

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Antje Windgassen

Die Zeppelin-Verschwörung

Kriminalroman

Impressum

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Lübeck – ein Stadtporträt (2016), Die Hexe von Hamburg (2015)

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung von BookaBook, der Literarischen Agentur Elmar Klupsch, Stuttgart

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2017 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2017

Lektorat: Sven Lang

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © ullstein bild

ISBN 978-3-8392-5284-0

Erstes Kapitel – Washington D. C., 1863

Misstrauisch rührte er in seiner Suppe.

Die milchige, dampfende Brühe, in der das Fleisch von drei großen Austern schwamm, schmeckte ein wenig säuerlich und schien nicht wirklich frisch zu sein.

Ein Mann am Nebentisch – etwa fünfzehn Jahre älter, stattlich, gut gekleidet, mit struppigem Vollbart – beobachtete amüsiert den jungen Leutnant in der königsblauen Uniform.

»Eigentlich ist das Essen hier im Hotel ganz gut«, bemerkte er grinsend und zog an seiner Zigarre. »Ich bin schon seit einigen Wochen Gast im The Willard’s und weiß, wovon ich rede. Nur das Tagesmenü dürfen Sie niemals bestellen. Böse Zungen behaupten sogar, dass die Küche darin die Reste vom Vortag verwertet.«

Er erhob sich, kam herüber und setzte sich unaufgefordert an den Tisch.

»Wenn ich mich vorstellen darf: Mein Name ist Russell, William Howard Russell.«

Angewidert schob sein Gegenüber den Teller von sich und nannte gleichfalls seinen Namen: »Leutnant Ferdinand von Zeppelin. Ich bin heute in Washington eingetroffen, habe eine lange Reise hinter mir und, mit Verlaub gesagt, großen Hunger. Helfen Sie mir, Mr Russell, als Kenner dieses Hauses: Welches Gericht auf der Speisekarte kann meinen knurrenden Magen unbeschadet zufriedenstellen?«

Russell grinste und winkte einen Kellner herbei. »Nehmen Sie die Austernsuppe wieder mit, streichen Sie die übrige Bestellung des jungen Herrn und bringen Sie ihm ein vernünftiges, saftiges Steak mit Bratkartoffeln und Bohnen. Aber zügig, bitte schön. Der Mann hat Hunger und braucht dringend was Richtiges zwischen die Zähne.«

Der Kellner beeilte sich, den Anweisungen des Stammgastes Folge zu leisten.

»Verbindlichsten Dank, Sir.«

Russell winkte ab. »Wir Europäer müssen doch zusammenhalten.«

Zeppelin nickte. »Sie sind Engländer?« Eigentlich waren seine Worte mehr Feststellung als Frage, denn der britische Akzent war kaum zu überhören.

»Geboren und aufgewachsen bin ich in Irland«, lautete die Antwort. »Aber ich lebe schon seit mehr als zwanzig Jahren in London.«

»Und was führt Sie in die Vereinigten Staaten?«, wollte Zeppelin wissen.

Russell kicherte. »Vereinigt ist gut. Seitdem sich die sogenannten Südstaaten aus der Union gelöst und zu einer eigenständigen Nation zusammengeschlossen haben, sollte der Begriff noch einmal überdacht werden. Aber genau das ist der Grund meiner Reise. Als Korrespondent der Londoner Times berichte ich über den Amerikanischen Bürgerkrieg. Und was treibt Sie hierher? Sie sind Deutscher, nicht wahr?«

Zeppelin nickte und sah mit verzücktem Blick auf den Teller, den der Kellner gerade vor ihn auf den Tisch gestellt hatte: ein großes saftiges Stück Fleisch, knusprig gebratene braune Kartoffeln und weiße Bohnen, die in einer Tomatensoße schwammen. Als er nach Messer und Gabel griff, antwortete er: »Ich stamme aus Württemberg. Und der Anlass meiner Reise ist – wie bei Ihnen – der Sezessionskrieg.«

Sprach’s und machte sich mit wahrem Heißhunger über die appetitlich duftenden Speisen her.

Russell schien Verständnis zu haben. Wortlos zog er an seiner Zigarre, beobachtete den jungen Zeppelin und stellte seine nächste Frage erst, als der Teller zur Hälfte geleert war.

»Verzeihen Sie, ich möchte nicht neugierig erscheinen, aber warum schickt man Sie, einen jungen Leutnant, als Kriegsbeobachter nach Washington? Wäre ein erfahrenerer Offizier nicht die bessere Wahl gewesen?«

Zeppelin zuckte mit den Schultern. »Um der Wahrheit die Ehre zu geben, Mr Russell, man hat mich gar nicht geschickt. Im Gegenteil, ich bin auf eigenen Wunsch hier. Da meine Familie über gute Kontakte zum württembergischen Königshaus verfügt, ist mein Antrag auf Beurlaubung auch genehmigt worden. Offiziell bin ich zwar hier, um den als erfinderisch geltenden Amerikanern ein wenig auf die Finger zu schauen und dabei neue militärische Techniken zu entdecken, die auch für unsere Armee von Nutzen sein können. Aber in erster Linie treibt mich die pure Abenteuerlust.«

Russell verbarg sein Erstaunen nicht. »Und was sagt Präsident Lincoln dazu?«

»Das werde ich heute Nachmittag erfahren«, gab Zeppelin zurück. »Ein Gruß- und Empfehlungsschreiben meines Königs hat mir zu einer Audienz beim Präsidenten verholfen. Sollte Mr Lincoln bereit sein, mir einen Passierschein als neutraler Beobachter auszustellen, kann ich bleiben. Andernfalls werde ich mir etwas einfallen lassen müssen, um die weite Reise angemessen zu rechtfertigen.«

Zeppelin schnitt sich ein weiteres Stück Fleisch ab. Bevor er es in den Mund schob, bat er jedoch: »Wären Sie vielleicht so freundlich, mich über die Hintergründe dieses seltsamen Krieges aufzuklären? Ich meine, seit die Amerikaner ihre Unabhängigkeit erstritten haben, sind sie fortwährend in irgendwelche blutigen Auseinandersetzungen verwickelt: gegen die Indianer, die Engländer, die Barbaresken in Nordafrika, gegen Mexiko und Japan. Sind ihnen die Feinde ausgegangen, dass sie nun aufeinander losgehen müssen?«

Russell schmunzelte, beantwortete die Frage seines Gegenübers aber bereitwillig: »Nun, Grund des Krieges ist der Austritt der sogenannten Südstaaten, die sich aus der Union gelöst und zu einer eigenständigen Nation zusammengeschlossen haben – den Konföderierten Staaten von Amerika. Hauptgründe für die Abspaltung waren zum einen die kulturellen Gegensätze zwischen dem kapitalistisch denkenden Norden und dem auf Traditionen wie Ehre, Mut und Höflichkeit bedachten Süden, zum anderen die Sklavenfrage. Während Sklaven im industrialisierten Norden nicht benötigt werden, ist der Süden auf die Arbeitskraft der Schwarzen angewiesen, um auch weiterhin in großem Umfang Baumwolle anbauen zu können.

Zwar ist Präsident Lincoln durchaus bereit, die Gesetzeslage zu respektieren, die die Sklavenfrage den einzelnen Bundesstaaten überlässt. Doch die im Norden geübte Kritik an der Sklaverei wurde im Süden als Bedrohung der eigenen Lebensart und Kultur betrachtet, als Eingriff in die Rechte der Staaten und Bürger.

Im April 1861 griff der Konföderierten-Staat South Carolina die auf seinem Gebiet liegende, aber unter dem Befehl der Nordstaaten stehende Festung Fort Sumter an. Und das war der Beginn des Bürgerkrieges, der nun schon ins dritte Jahr geht.«

Zeppelin hatte inzwischen seine Mahlzeit beendet und dem Journalisten interessiert gelauscht.

»Vielen Dank, Mr Russell. Mit Ihren Ausführungen haben Sie meine Wissenslücken tatsächlich weitgehend geschlossen«, sagte Zeppelin und erhob sich. »Aber nun wird es Zeit für mich. Schließlich möchte ich zu meiner Verabredung mit dem Präsidenten nicht zu spät kommen.«

»Das wäre in der Tat nicht ratsam«, nickte der Engländer schmunzelnd. »Bleibt mir also nur noch, Ihnen für die Audienz viel Glück zu wünschen.«

Die Herren reichten sich die Hände und verabschiedeten sich. Es war ungewiss, ob man einander noch einmal über den Weg laufen würde. Und da beide derzeit nicht wussten, wo sie sich am nächsten Tag aufhalten würden, war eine Verabredung für ein Wiedersehen wenig sinnvoll.

Zeppelin verließ den Speisesaal und das Hotel.

Draußen bot sich ihm kein erfreulicher Anblick. Washington war eine schmutzige Stadt, die Straßen waren ungepflastert und vom Regen der letzten Tage aufgeweicht. Um trockenen Fußes von einem der niedrigen Holzhäuser zum anderen zu gelangen, hatte man Trottoirs aus grob gezimmerten Brettern gebaut.

Die einzigen ansehnlichen Gebäude der Stadt waren der weiße Kuppelbau des Kapitols und der gleichfalls weiß getünchte, im klassizistischen Stil errichtete Sitz des Präsidenten. Er lag nur wenige Gehminuten von Zeppelins Unterkunft entfernt und war selbst für den ortsunkundigen Leutnant kaum zu verfehlen.

Bisher hatte sich der fünfundzwanzigjährige Württemberger den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika als majestätischen Herrscher ohne Krone vorgestellt. Daher war er sehr überrascht, als er Lincoln zum ersten Mal gegenüberstand. Der große, hagere und offensichtlich erschöpfte Mann wirkte eher ungepflegt und zerzaust als repräsentativ und würdevoll. Auch der Empfang unterschied sich in seiner Zwanglosigkeit von allem, was der Leutnant aus Europa gewohnt war. Ohne weitere Formalitäten wurde er von Sekretär Andrew McDonnel ins Amtszimmer des Präsidenten geführt. Dieser blätterte in einer Akte, forderte seinen Gast mit einer Handbewegung auf, Platz zu nehmen, und schien sich nicht im Geringsten über den Sekretär zu wundern, der sich auf eine Ecke des Schreibtisches setzte und die Beine baumeln ließ.

Das Gespräch verlief für Zeppelin durchaus positiv. Mithilfe des königlichen Empfehlungsschreibens bekam er den gewünschten Pass ausgestellt sowie die Erlaubnis, sich der Potomac-Armee anzuschließen. Danach lud ihn Lincoln ein, an einer Versammlung im Gebäude des Kriegsministeriums teilzunehmen.

Neugierig folgte der junge Leutnant den beiden Herren durch den President’s Park, auf dessen Rasen Pferde und Rinder grasten. Unterwegs wurde er von ihnen auf den im Bau befindlichen weißen Marmorturm des Washington Monuments aufmerksam gemacht und betrat schließlich an ihrer Seite ein niedriges Gebäude.

Kriegsminister Edwin M. Stanton führte von seinem überladenen Schreibtisch aus den Vorsitz über die Versammlung, an der neben dem Präsidenten und einigen Sekretären auch drei Generäle und ein Zivilist teilnahmen.

McDonnel begleitete Zeppelin zu einer etwas abseits befindlichen Stuhlreihe und setzte sich neben ihn.

»Der Grauhaarige da drüben«, der Sekretär blickte in Richtung des ältesten Generals, »ist General Henry Wager Halleck, Oberkommandierender der Unions-Armee. Rechts neben ihm sitzt General Joseph Hooker, Oberkommandeur der Potomac-Armee. Er wird heute geschlachtet.«

»Geschlachtet?« Erstaunt sah Zeppelin den Sekretär an. »Was meinen Sie damit?«

McDonnel zuckte mit den Schultern. »Entmachtet, rausgeworfen, abgesetzt. Wie immer Sie das nennen wollen, wenn man einem General das Kommando entzieht. In letzter Zeit hat sich der gute Hooker ein wenig zu oft von den Konföderierten auf der Nase herumtanzen lassen. Und darum muss er gehen. Der Mann links neben Halleck ist sein Nachfolger: General Meade. Da Sie der Potomac-Armee zugeteilt sind, werden Sie für die Dauer ihres Aufenthalts mit ihm zu tun haben.«

Zeppelin hatte kaum Zeit, sich über die offene Art zu wundern, mit der ihm, einem Außenstehenden, Militärinterna verraten wurden, da fuhr McDonnel auch schon leise fort: »Ach ja, und der Zivilist dort drüben ist Professor Thaddeus Lowe. Ich nehme an, der Name ist Ihnen bekannt?«

Zeppelin konnte nur mit dem Kopf schütteln.

Ein wenig pikiert grinste der Sekretär: »Ihr in eurem Europa scheint wirklich hinter dem Mond zu leben. Lowe ist ein berühmter Wissenschaftler in den Bereichen Meteorologie, Chemie und Luftfahrt. Der Präsident hat ihn als Chefaeronautiker der Potomac-Armee eingesetzt, weil er unter anderem einen Fesselballon entwickelt hat, der zur Feindbeobachtung und Artillerieleitung eingesetzt werden kann. Lincoln hält große Stücke auf ihn – im Gegensatz zu den Generälen, die von der wetterabhängigen Ballonfahrerei nicht überzeugt sind.«

Zeppelin war sofort fasziniert. Natürlich hatte er bereits von Fesselballons gehört. Auch wenn die Versuche der Brüder Montgolfier mehr als hundert Jahre zurücklagen. Aber dass die Fluggeräte für militärische Zwecke eingesetzt wurden, war ihm neu.

»Wie hoch kann der Professor den Ballon steigen lassen? Und womit ist dieser gefüllt? Ist es möglich, ihn bei stärkerem Wind zu stabilisieren?«

Die Fragen prasselten nur so auf McDonnel herab.

»Das können Sie den Professor alles selbst fragen«, erwiderte der Sekretär schmunzelnd. »Nach der Sitzung werden Sie ihn und General Meade nämlich per Schiff nach Baltimore begleiten. Dort befindet sich der derzeitige Standort der Potomac-Armee.«

*

Natürlich wäre die schnellste Verbindung zwischen Washington und Baltimore eine Fahrt mit der Eisenbahn gewesen. Da die Strecke wegen des Krieges aber eingestellt worden war, mussten die drei Herren zunächst nach Annapolis reiten, um dort die französische Dampf- und Segelkorvette Tisiphone zu besteigen.

Seine Reise in die USA hatte Leutnant von Zeppelin auf dem modernen Raddampfer Scotia zurückgelegt, einem Schiff der berühmten Cunard Line. Die Fahrt von Liverpool nach New York, während der er als Spross einer begüterten und angesehenen Adelsfamilie gewohnten Komfort genießen durfte, hatte lediglich zwei Wochen gedauert und war in nichts vergleichbar mit der Schiffsreise, die nun vor ihm lag.

General Meade und Professor Lowe konnten sich sogleich auf ihre Kabinen zurückziehen, wohingegen für Zeppelin kein Logis vorbereitet war. Ihm blieb daher nichts anderes übrig, als die Nacht mit einigen französischen Seekadetten, Fähnrichen und zwölf Flaschen Rheinwein zu verbringen. Als die Stimmung ihren Höhepunkt erreicht hatte, ließ sich der württembergische Kavallerist dazu hinreißen, etwas zu tun, was ihm nie zuvor gezeigt worden war: Er erklomm in recht alkoholisiertem Zustand das Bramsegel – das höchstgelegene Segel der Korvette –, genoss für eine Weile die luftige Höhe und stieg wieder hinab. Wie durch ein Wunder erreichte er wohlbehalten das Deck der Tisiphone, wo ihn kein geringerer als Professor Lowe in Empfang nahm.

»Sie sind ein recht waghalsiger junger Mann«, stellte der Wissenschaftler amüsiert fest. »Unter Höhenangst scheinen Sie jedenfalls nicht zu leiden.«

Zeppelin, noch immer ein wenig außer Atem und ganz gewiss nicht nüchtern, antwortete geradeheraus: »Dies war die erste Möglichkeit, die sich mir bot, ein derartiges Wagnis zu begehen. Aber nein, Angst habe ich dort oben nicht verspürt. Im Gegenteil, es war ein grandioses Gefühl, so hoch über Schiff und Meer zu stehen.«

Lowe lächelte. »Damit erfüllen Sie die wichtigste Voraussetzung für einen Ballonfahrer, Herr Leutnant. Wie wär’s? Hätten Sie Lust, mir auf einer Aufklärungsfahrt mit dem Ballon zu assistieren, wenn wir unser Ziel erreicht haben?«

Begeistert sagte Zeppelin zu. Mit einem Fesselballon aufsteigen zu dürfen, war genau nach dem Geschmack des abenteuerlustigen jungen Mannes.

*

In Baltimore trafen General Meade, Professor Lowe und Leutnant Ferdinand von Zeppelin auf die Potomac-Armee und machten sich mit ihr auf den Marsch nach Gettysburg, einer kleinen Ortschaft im Süden Pennsylvanias. Hier wollte General Meade die Konföderierten stellen und ihren Vormarsch auf dem Territorium der Union stoppen. Sollte er versagen und seine Potomac-Armee den Rebellen unterliegen, wären die Städte Washington, Baltimore und Philadelphia dem Feind schutzlos ausgeliefert. Und das musste natürlich auf jeden Fall verhindert werden.

Meade war daher fest entschlossen, den Feind über die Grenze nach Maryland zurückzuschlagen. Um dieses Ziel zu erreichen, brauchte er jede Unterstützung, der er habhaft werden konnte – wie zum Beispiel aktuelle Angaben über Stärke und Stellungen der gegnerischen Truppen. Und obwohl der General im Grunde überhaupt nichts von der Ballonfahrerei hielt, sollte der Professor eben diese Informationen beibringen.

Die Potomac-Armee schlug ihr Lager kurz vor Gettysburg am Rande einer Hügelkette auf. Auf der anderen Seite des niedrigen Höhenzugs war die von General Robert E. Lee geführte Armee der Konföderierten in Stellung gegangen. Im Morgengrauen würde die Schlacht beginnen. Das wusste man in beiden Lagern – hüben wie drüben.

Müde hatten die Männer ihre grauen Zelte errichtet und machten sich nun, bewaffnet mit Napf und Henkelbecher, hungrig auf die Suche nach etwas Essbarem. Vor den Proviantwagen standen bereits große Kessel mit Bohnensuppe und Speck auf den Feuern, es wurde Brot verteilt und Kaffee ausgeschenkt.

Auch Zeppelin holte sich seine Ration und setzte sich anschließend vor sein Zelt, um sie zu vertilgen. Er hatte seinen Napf noch nicht geleert, als der Professor vorbeikam.

»Heute Abend geht es los, Junge«, sagte er. »Um Mitternacht steigen wir mit dem Ballon auf. Halten Sie sich bereit.«

Um Mitternacht?

Zeppelin war irritiert. Brauchte man zur Feindaufklärung nicht Tageslicht? Was um alles in der Welt wollte der Professor im Dunkeln erkunden? Doch Lowe war bereits weitergegangen und bot ihm vorerst keine Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Überzeugt davon, dass der Professor wusste, was er tat, beendete der Württemberger seine Mahlzeit und sehnte ungeduldig das Ende des Tages herbei.

Da er als neutraler Kriegsbeobachter zum einen keine besonderen Aufgaben zu erfüllen hatte, sich andererseits aus dem Lager aber nicht entfernen durfte, blieb ihm nur eines, um sich die Zeit zu vertreiben: die Augen offen zu halten und alles zu beobachten, was in seiner unmittelbaren Nähe geschah. Während um ihn herum die Soldaten und Offiziere der Potomac-Armee sich ihrer Uniformjacken und Stiefel entledigt hatten, sich einen Teufel um Kleidervorschriften scherten und nun halb nackt umhersprangen, trug er trotz des warmen Sommerwetters seine königsblaue württembergische Kavallerie-Uniform, die kein Stäubchen und kein offener Knopf verunzierten.

Unwillkürlich stellte Zeppelin fest, wie sehr sich die militärische Führung dieser Armee von dem unterschied, was er aus seiner Heimat gewohnt war. Dort lebte man nach einem streng hierarchischen, auf Befehl und Gehorsam beruhenden System, wohingegen die traditions- und konventionslosen Amerikaner weder übermäßig strenge Disziplin noch Kadavergehorsam zu kennen schienen.

Keiner der Offiziere dachte daran, seine Männer einen Tag vor der Schlacht militärischem Drill zu unterziehen oder ihnen ihre nicht vollständig angelegten Uniformen vorzuhalten. Die Soldaten hingegen erwarteten Vorgesetzte, auf die sie sich verlassen konnten. Eine hohe gesellschaftliche Stellung und lautes Sporenklirren reichten als Qualifikation für einen Offizier nicht aus, um den Männern Respekt abzuverlangen.

Zeppelin musste sich selbst eingestehen, dass er beeindruckt war. Die Erkenntnis, dass eine Armee auch ohne das ganze militärische Brimborium, auf das man in Europa so viel Wert legte, siegreich und schlagkräftig sein konnte, erstaunte ihn – und imponierte ihm zugleich.

Während die Sonne sich am Abend vor der entscheidenden Schlacht anschickte, wie ein roter Feuerball unterzugehen, wurde es im Lager der Potomac-Armee ruhiger. Viele Soldaten dösten vor ihren Zelten, andere saßen in kleinen Grüppchen zusammen und unterhielten sich leise. Zwei Zelte weiter spielten einige Männer Karten. Ein leeres Holzfässchen diente ihnen dabei als Tisch.

Zeppelin, den die Aufregung bereits gepackt hatte, konnte sich nur darüber wundern, wie entspannt die Soldaten vor der großen Schlacht wirkten. Und wenn er den einen oder anderen darauf ansprach, winkte dieser nur ab.

»General Meade schafft das schon«, lautete die einhellige Meinung. »Er wird nicht zulassen, dass dieses kriegsentscheidende Gefecht verloren geht.«

Das Vertrauen der Männer in ihren neuen General schien grenzenlos zu sein, und der Einzige, der angespannt wirkte, war offensichtlich er selbst. Allerdings bezog sich Zeppelins Aufregung nicht allein auf den morgigen Kampf – der immerhin die erste große Schlacht seines Lebens darstellte –, sondern vielmehr auch auf die bevorstehende Ballonfahrt.

Drei Stunden vor der verabredeten Startzeit machte sich der junge Leutnant auf den Weg. Der Platz, von dem aus der Ballon aufsteigen sollte, lag gut geschützt inmitten des Lagers. Der Leutnant musste nur den schmalen Pfaden folgen, die sich aus den schnurgerade ausgerichteten Zeltreihen ergaben.

Um die Rebellen nicht auf die geplante Ballonfahrt aufmerksam zu machen, hatte man mit den offensichtlichen Vorbereitungen erst nach Einbruch der Dämmerung begonnen. Als Zeppelin eintraf, entrollten die Männer gerade den noch zusammengefalteten Ballon.

Lowe überwachte die Arbeiten, prüfte das Seil, an dem der Ballon gesichert werden konnte, und den stabilen Korb, der ihn und den jungen Württemberger tragen sollte. Zwischendurch blickte er immer wieder zum Himmel empor, der jedoch unverändert klar blieb.

Zeppelin beobachtete, wie der Professor eine Handvoll Sand aufnahm und fallen ließ.

»Die Windrichtung stimmt«, meldete er General Meade. »Für meinen Geschmack bläst es aber noch ein wenig zu stark.«

»Sehen Sie«, knurrte der General, »genau das ist der Grund, warum ich von Ihrem Hokuspokus nichts halte. Es ist ein Glücksspiel, weil man viel zu sehr auf das unberechenbare Wetter angewiesen ist.«

»Sie haben doch überhaupt keine Ahnung«, giftete Lowe zurück. »Mehr als einmal habe ich General Hooker einen völlig zutreffenden Bericht liefern können und …«

»Natürlich«, höhnte Meade. »Wohin das geführt hat, sehen wir ja. Die Rebellen stehen noch immer in Pennsylvania. Und ich muss für Ihren feinen Hooker jetzt die Kohlen aus dem Feuer holen.«

»Aber dafür bin doch nicht ich verantwortlich …«

Es fehlte nicht viel und die beiden Hitzköpfe hätten sich am Vorabend der Schlacht ernsthaft in die Wolle bekommen.

Endlich war es so weit. Der große, aus dichter Seide gefertigte nachtblaue Ballon war fest vertäut und mit sechshundert Kubikmetern Wasserstoffgas gefüllt. Um ihn am Boden zu halten, hatte man an die bereits am Ballon befestigte Gondel zahlreiche Sandsäcke als Ballast gehängt.

»Wir sind bereit«, erklärte Lowe.

»Dann los«, knurrte Meade und setzte hinzu: »Viel Glück Ihnen beiden.«

Der Professor stieg als Erster in den Korb, Zeppelin, dessen Knie vor Aufregung ein wenig zitterten, folgte ihm auf dem Fuß. Die Soldaten, die die Gondel gehalten hatten, traten zurück. Der Ballon hob vom Boden ab und stieg langsam auf, ohne das geringste Geräusch zu verursachen. Dass der Professor damit begonnen hatte, Sand aus den Säcken rieseln zu lassen, um den Ballon immer weiter emporzubringen, bemerkte Zeppelin nicht einmal. Er war viel zu fasziniert von dem Erlebnis seiner ersten Ballonfahrt, beobachtete aufgeregt, wie Menschen und Zelte unter ihm immer kleiner und schließlich von der Dunkelheit verschluckt wurden. Nur die Zeltlichter und Lagerfeuer waren noch auszumachen.

Und plötzlich begriff er: Auch die gegnerischen Soldaten würden Feuer entzündet und ihre Zelte beleuchtet haben. Man musste die Lichter nur zählen, um die Truppenstärke halbwegs genau zu ermitteln. Die ganze Zeit hatte er sich gefragt, wobei er dem Professor assistieren sollte. Jetzt wusste er es.

Gemächlich stieg der Ballon höher. Stille und dunkle Nacht umfing die beiden Männer. Weit über sich konnten sie den klaren Sternenhimmel und unter sich die Lichter ihres Lagers ausmachen. Dazwischen schwebten sie.

Zeppelin meinte zu träumen. Es war so unglaublich, was er gerade erlebte, so unwirklich. Wäre es ihm nicht zu kindisch erschienen, hätte er sich am liebsten selbst gekniffen. Unwillkürlich erinnerte er sich an sein Erlebnis auf der Segelkorvette Tisiphone, als er im trunkenen Zustand das Bramsegel erklommen hatte. Es war eine großartige Erfahrung gewesen, so hoch über Schiff und Meer zu stehen, aber kein Vergleich zu dem, was er hier und jetzt empfand. Er fühlte sich wie im Rausch – und das, ohne einen Tropfen Alkohol zu sich genommen zu haben.

Inzwischen zeichnete sich deutlich das dunkle Band der Hügelkette ab. Und schließlich, nachdem sie weiter an Höhe gewonnen hatten, blitzten die ersten Lichter auf der anderen Seite des Höhenzuges auf. Da waren sie, die Rebellen. Wie die Unionisten hatten sie ihr Lager fein säuberlich und in mehreren Reihen entlang der Hügelkette aufgeschlagen.

Wenig später ging ein leichter Ruck durch die Gondel. Das Seil, mit dem sie am Boden verankert waren, hatte sich vollends abgerollt. Ihr Aufstieg war beendet. Lowe stellte den Sandabwurf ein und schaute zu Zeppelin hinüber.

»Alles in Ordnung? Geht es Ihnen gut, junger Mann?«

Der Angesprochene lächelte, obwohl er sich nicht sicher war, ob Lowe das in der Dunkelheit überhaupt wahrnehmen konnte.

»Ich glaube, es ist mir in meinem ganzen Leben noch niemals besser gegangen«, antwortete er.

»Gut«, nickte der Professor zufrieden. »Dann an die Arbeit.«

Eine gute Stunde lang zählten die beiden Männer Zeltlichter. Dann machten sie sich daran, zur Erde zurückzukehren.

Die dreitägige Schlacht von Gettysburg ging als einer der blutigsten Kämpfe in die Geschichte ein, die jemals auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten ausgefochten wurden. Für den Amerikanischen Bürgerkrieg wurde Gettysburg zum Wendepunkt – zum Anfang vom Ende der Konföderation.

Und für Zeppelin? Eigentlich hatte er den Kämpfen lediglich als neutraler Beobachter beiwohnen sollen. Doch dann empfand er es als eines Soldaten unwürdig, an einem Krieg teilzunehmen und passiv zu bleiben.

Inmitten des Kanonendonners, des Pulverqualms und der Schreie sterbender Soldaten ließ er sich dazu hinreißen und nahm an einem Kavallerieangriff auf die Flanke der gegnerischen Armee teil. Dabei wagte er sich allerdings ein bisschen zu weit vor, wurde von seinen Kameraden getrennt und lief dem Feind in die Arme. Ein Reitertrupp der Südstaatenarmee verfolgte und beschoss ihn. Er musste flüchten und verdankte es vor allem seinem schnellen Pferd, dass er die Attacke überlebte.

Wenn Zeppelin sich später dieser Tage in den Vereinigten Staaten erinnerte, wurde das grauenvolle Blutvergießen dennoch stets von einem anderen Erlebnis überstrahlt: seiner ersten Ballonfahrt.

Und obwohl es ihm zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht bewusst war, wurde sein ganz persönlicher Traum vom Fliegen in der Nacht vor der Schlacht von Gettysburg geboren.

Zweites Kapitel – Stuttgart, 1870

Man schrieb das Jahr 1870, es war Sommer und es roch gefährlich nach Krieg.

Mit Sorge beobachtete das französische Kaiserreich bereits seit Jahren, wie aus dem ewig zersplitterten deutschen Flickenteppich unter preußischer Führung allmählich ein mächtiger Nachbar herangewachsen war. Noch hatten sich im sogenannten Norddeutschen Bund nicht alle deutschen Staaten zusammengeschlossen. Doch wenn es dazu kommen sollte, so fürchtete Paris, wäre die europäische Vormachtstellung Frankreichs deutlich gefährdet.

Die Situation spitzte sich weiter zu, als das spanische Parlament auf der Suche nach einem neuen König dem preußischen Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen die spanische Krone anbot und dieser auf das Angebot einging.

Frankreichs Kaiser Napoleon III., der sich bereits von den Deutschen umzingelt sah, protestierte energisch und drohte unmissverständlich mit Krieg, sollte Prinz Leopold von seiner Kandidatur nicht zurücktreten.

Die Zeitungen in Preußen, aber auch die der anderen deutschen Länder überschlugen sich mit diesbezüglichen Meldungen. Schließlich wurde der preußisch-französische Zwist in ganz Deutschland zum Thema – auch im Haus des zweiunddreißigjährigen Ferdinand Erbgraf von Zeppelin, der inzwischen zum Dragonerhauptmann avanciert war und seinen Dienst in der Adjutantur König Karls I. von Württemberg leistete.

»Glaubst du, es wird zum Krieg kommen?« Isabella von Zeppelin stellte die Frage, als sie die Suppe auftrug.

Ihr Gatte sah auf, faltete die Zeitung zusammen und legte sie beiseite.

»Ich kann es mir kaum vorstellen. König Wilhelm scheint nicht besonders erpicht darauf zu sein, sich mit einem säbelrasselnden Napoleon einzulassen.«

»Er vielleicht nicht«, gab Isabella zurück, während sie die Suppe mit einer silbernen Kelle auf die Teller schöpfte, die eine filigrane Blütenkante schmückte. »Aber Bismarck dafür umso mehr. Irgendwie ist mir dieser preußischen Blut-und-Eisen-Kanzler zutiefst unsympathisch.«

Zeppelin antwortete nicht, sondern beobachtete schweigend die Frau, mit der er seit einem Jahr vermählt war. Ach, wie sehr er sie liebte, diese ruhige, schöne und intelligente baltische Baronesse. Jeden Tag beglückwünschte er sich aufs Neue zu seiner Entscheidung, ihr einen Antrag gemacht zu haben.

»Was schaust du mich so an?« Etwas verunsichert schaute Isabella an sich herab, konnte aber nichts Auffälliges entdecken. Die weiße Schürze mit den berüschten Bändern war blütenrein.

Zeppelin lächelte sie zärtlich an. »Mir gefällt halt, was ich sehe«, erwiderte er und griff nach der Serviette.

Isabella erwiderte sein Lächeln und ließ dann ihren Blick über den Tisch gleiten. Hatte sie auch nichts vergessen? Nein, Brot und Salz standen parat, genau so, wie ihr Gatte es erwartete.

Sie liebte es, die Hausfrau zu spielen. Wenn sie daheim am Bodensee waren, übernahm eine Köchin die Zubereitung der Speisen und ein Mädchen die Bedienung bei Tisch. Nicht anders tat es der alte GrafFriedrich von Zeppelin, ihr Schwiegervater. Und wer konnte es ihm verdenken, schließlich war er schon seit fast zwanzig Jahren verwitwet und wollte sich natürlich nicht selbst in die Küche stellen.

Wenn sie und Ferdinand allerdings in Stuttgart lebten, kümmerte sie sich um alles und genoss es, ihren Gatten selbst versorgen zu können.

Eine Weile löffelten sie schweigend ihre Suppe.

»Falls es zum Krieg kommen sollte«, begann Isabella erneut mit dem leidigen Thema, »müssten dann auch die Württemberger einrücken?«

»Ich fürchte ja«, gab Zeppelin zögernd zurück. »Es gibt Bündnisse …« Doch dann unterbrach er sich selbst. »Könnten wir bitte das Thema wechseln, Liebste? Den ganzen Tag über muss ich mich mit diesem verdammten Kriegsgeschrei herumschlagen. Da möchte ich wenigstens am Abend meine Ruhe haben.«

Lange sollte Zeppelin dem Geschrei jedoch nicht mehr entkommen können. Am 19. Juli 1870 erklärte der französische Kaiser Napoleon III. Preußen den Krieg, und bereits einen Tag später erhielt der Dragonerhauptmann einen Marschbefehl zu einem Sonderkommando nach Karlsruhe.

Isabella gab sich beim Abschied sehr gefasst. Immerhin, die Kampfhandlungen hatten noch nicht begonnen. Und was auch immer man in Karlsruhe von ihrem Ferdinand wollte, in unmittelbarer Lebensgefahr würde er sich dort nicht befinden.

»Schreib mir, sobald du Näheres weißt«, bat sie beim Abschied auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof. »Und sende den Brief per Boten. Dann kommt er schneller an, als wenn du ihn der Post übergibst.«

Zeppelin versprach, alles zu tun, um seiner Frau lange Zeiten quälender Ungewissheit zu ersparen, umarmte sie ein letztes Mal und betrat sein Eisenbahnabteil. Gleich darauf setzte sich die schwere Lokomotive zischend und pfeifend in Bewegung. Langsam rollte der Zug aus der Bahnstation.

Mit zuversichtlichem Lächeln auf den Lippen winkte Ferdinand seiner Gemahlin einen letzten Abschiedsgruß zu. Doch Isabella konnte sein Lächeln kaum erwidern. Mit Tränen in den Augen sah sie dem Zug nach, bis er hinter einer Biegung verschwunden war.

Zeppelin erreichte die badische Stadt Karlsruhe ohne Zwischenfälle. Da er noch ein wenig Zeit hatte, kehrte er in ein Gasthaus in der Lang Gass ein, um ein frühes Mittagsmahl zu sich zu nehmen. Auch wenn er einen Offiziersrang bekleidete, hatte er als Soldat gelernt, sich bietende Gelegenheiten sofort zu nutzen. Man wusste nie, wann sich wieder eine ergab.

Gerade wollte er sich die Maultaschen schmecken lassen, als er plötzlich eine Hand spürte, die ihm herzhaft auf die Schulter klopfte.

»Die Welt ist ein Dorf, meinen Sie nicht auch, Zeppelin?«

Der Dragoner sah auf. Er wusste, dass er das Gesicht des großen, dunkelhaarigen Mannes mit dem struppigen Bart schon einmal gesehen hatte. Er konnte es in seiner Erinnerung jedoch nicht zuordnen.

»Wir sind uns in Washington begegnet«, half ihm der Fremde auf die Sprünge. »Vor – lassen Sie mich nachdenken – etwa sieben Jahren, würde ich schätzen. Ich habe Sie damals mit den kulinarischen Raffinessen der Neuen Welt bekannt gemacht.«

Unwillkürlich musste Zeppelin lachen. Jetzt war auch bei ihm der Groschen gefallen.

»Mr Russell, nicht wahr? Der berühmte Kriegsberichterstatter der Londoner Times. Es ist mir eine Freude, Sie wiederzutreffen, Sir.«

»Die Freude ist ganz meinerseits, alter Freund«, grinste der Journalist, der sich mit seinen Reportagen aus diversen Kriegsgebieten selbst in deutschen Landen einen Namen gemacht hatte. Und wie damals nahm er auch jetzt ohne Umstände an Zeppelins Tisch Platz.

»Was führt Sie nach Karlsruhe, Mr Russell?«

»Mein Metier, Herr Hauptmann«, sagte der Ire. »Immerhin hat Frankreich dem preußischen König Wilhelm den Krieg erklärt. Und da interessieren sich meine Leser natürlich dafür, wie sich die anderen deutschen Staaten verhalten werden.«

»Natürlich«, lachte Zeppelin. »Aber ich hoffe, dass sie auf diese Frage von mir keine Antwort erwarten.«

»Sicher nicht«, gab Russell zu. »Selbst wenn Sie etwas wüssten, dürften Sie mir nichts sagen. Aber vielleicht können Sie mir etwas anderes erklären: Wie kam es denn nun zu dieser Kriegserklärung? Wenn ich richtig unterrichtet bin, verwahrte sich der französische Kaiser dagegen, dass einem Hohenzollern-Prinzen die spanische Krone angeboten wurde, oder?«

Zeppelin nickte und meinte: »Offensichtlich befürchtete Frankreich, von den Preußen eingekreist zu werden.«