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Der Autor führt uns zunächst in eine tiefe Vergangenheit des vorderen Orients, rückt dann bis ins 19. Jahrhundert vor. Unerwartet verlässt er die Rolle des auktorialen Erzählers und wir erleben, wie er in die Rolle eines - bescheidenen - Sammlers schlüpft.
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Seitenzahl: 37
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Carl Andreas Franz
Die Ziegenkönigin
Eine Geschichte aus vier Jahrtausenden
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
I
II
III
Impressum neobooks
Als die beiden Jungen in die Werkstatt traten, wusste Adab sofort, was das bedeutete.
Noch geblendet von der Helligkeit draußen brauchten die Kleinen eine Weile, bis sie sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten und ihren Stammesgenossen zwischen den Borden mit ungebrannten Tongefäßen entdeckt hatten.
„Bist du Adab?“, erkundigte sich der Größere vorsichtig.
„Ja. Und ihr? Kommt ihr aus dem Dorf?“ Adab saß auf einem Hocker, hatte sich einen bauchigen Tontopf über die erhobene Hand gestülpt und in eine sachte Drehung versetzt, so dass er mit der freien Hand eine Wellenlinie darauf malen konnte. Als die Wellenlinie ihren Anfang wieder erreicht hatte, legte Adab den Pinsel beiseite, setzte vorsichtig den Tontopf ab und erhob sich.
Die Jungen nannten ihre Namen und sagten, wer ihr Vater sei. Dann überbrachten sie ihre Botschaft.
„Die Ziegenkönigin ... also deine Mama ... sie ist tot, sollen wir dir sagen, und du sollst kommen.“
Adab sah die beiden an, ihren Vater kannte er noch, er war ein Altersgenosse von ihm; sie sollten einmal zusammen in die Stammesgeheimnisse eingeweiht werden.
Adab goss sich aus einem Krug Wasser über Arme und Beine, um die Farbreste abzuwaschen, und ging ins Haus, ein schmuckloses Hemd zum Zeichen der Trauer überzuziehen. Dann musste er mit Nunnar, seinem verehrten Meister, sprechen. Der ließ ihn nur ungern gehen, längst hatte sich der stille und fleißige Vasenmaler aus den Bergen unentbehrlich gemacht, aber es wäre gegen jede Sitte gewesen, ihn nicht zu der Beerdigung seiner Mutter ziehen zu lassen und auch, ihm nicht die erbetenen Töpfe zur Verfügung zu stellen.
Als die ärgste Hitze des Tages vorbei war, holte Adab ein von ihm bemaltes Gefäß hervor. Er hatte es vor ein paar Monaten bemalt, als sein Söhnchen Dodo schwer an Durchfall erkrankt war. Während seine Frau, die schöne Noomi, sich damals von einer durchwachten Nacht zu erholen versuchte, hatte Adab den Kleinen, in einen Korb gebettet, neben sich in die Werkstatt gestellt und ihm die mit drei Ziegen bemalte Vase gezeigt. Dodo lächelte matt. Wenn nur der schreckliche Durchfall aufhörte. Adab hatte dann mit dem Pinsel jeder der drei Ziegen drei oder vier kleine Knödel unter ihr aufgerichtetes Schwänzchen getupft, so, wie sie ihre Notdurft zu erledigen pflegten. Als er die Vase nun erneut Dodo zeigte, lachte das Kind glucksend – und war bald wieder gesund geworden. Adab hatte danach noch mehrere Vasen mit knödelnden Ziegen bemalt; junge Eltern hatten sie immer wieder bestellt, da Tongefäße mit diesem Motiv nun im Ruf standen, durchfallkranke Kinder zu heilen.
Nun ließ er sich von Noomi diesen Topf in der Küche mit Hirsebrei füllen, der üblichen Totennahrung, und packte ihn zusammen mit einigen nur mit Ornamenten bemalten Gefäßen in einen Korb, alle sorgfältig mit Stroh ummantelt. Obendrauf legte er noch ein Säckchen fein geriebenen roten Ockers, das er in der Werkstatt zum Malen benutzte. Er verabschiedete sich von den Schwiegereltern, Noomi, Dodo und den anderen Hausbewohnern, hing sich den Korb mit den Tontöpfen auf den Rücken und machte sich mit den beiden Jungen auf den Weg zu dem Dorf, in dem er einmal gelebt hatte.
Als es dunkel wurde, hatten sie die ersten Ausläufer des Kebirgebirges erreicht, die Tigris-Ebene mit ihrer Unzahl von Kanälen und Gräben lag hinter ihnen. In einem kleinen Ort baten sie um ein Nachtquartier. Am nächsten Morgen, nachdem die Sonne über den Bergen aufgetaucht war, machten Adab und die beiden Jungen sich wieder auf den Weg, der bald steil und steinig zu den Bergen des Kebir hinauf führte. Während die beiden Jungen munter zwischen den Felsen umher sprangen, war Adab bald außer Atem, er war die Berge nicht mehr gewohnt. Gegen Mittag hatten sie die Hochebene erreicht, auf der das Dorf inmitten von kleinen Feldern, Gemüsegärten und Olivenbäumen lag. Auf weiten Wiesenflächen grasten Schafe. Der Dorfälteste, es war noch derselbe wie damals, als Adab das Dorf verließ, und zwei jüngere Männer erwarteten ihn bereits. Nachdem Adab sich ein wenig gestärkt und ausgeruht hatte, machte er sich mit dem Ältesten und den beiden Burschen an den Aufstieg zu der Gegend, in der Adabs Mutter mit ihren Ziegen gelebt hatte.
