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Zur Debatte: Der Kapitalismus im 21. Jahrhundert. In unserer sich rapide wandelnden Welt scheint die Zukunft unseres Wirtschaftssystems - des Kapitalismus - unvorhersehbarer denn je: Die seit wenigen Jahrzehnten voranschreitende Digitalisierung zeichnet sich bereits jetzt durch drastische Veränderungen auf unserem Arbeitsmarkt ab. Die intensivierte Globalisierung hat neue Formen des Kapitalismus hervorgebracht, die sich von westlichen freien Marktwirtschaften deutlich unterscheiden. Die Kapitalismuskritik stellt derzeit eine weitere Herausforderung für unser Wirtschaftssystem dar. Der vorliegende Band widmet sich der Zukunft des Kapitalismus aus unterschiedlichen Perspektiven, will konstruktiv nach vorne blicken und somit unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft mitgestalten. Es steht die Frage im Fokus, wie sich der Kapitalismus wandeln muss, damit er weiterhin ein erfolgreiches Modell für unsere Gesellschaft bleibt und noch mehr Menschen am Kapitalismus partizipieren bzw. von ihm profitieren können. Mit Beiträgen von Bazon Brock, Kai A. Konrad, Justin Yifu Lin, Rudolf Mellinghoff, Timo Meynhardt, Hans Ulrich Obrist, Stefan Oschmann, Jörg Rocholl, Wolfgang Schön u. a.
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Seitenzahl: 276
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die Zukunft des Kapitalismus
Herausgegeben von Corinne Michaela Flick
WALLSTEIN CONVOCO! EDITION
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detailliertebibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Wallstein Verlag, Göttingen 2019
www.wallstein-verlag.de
Umschlaggestaltung: Celine Singh
ISBN (Print) 978-3-8353-3429-8
ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4338-2
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4339-9
Das politische Problem der Menschheit ist dieKombination von ökonomischer Effizienz, sozialerGerechtigkeit und individueller Freiheit.
John Maynard Keynes (1883-1946)
Einführung
Thesen
Albrecht RitschlKapitalismus und seine Kritik in historischer Perspektive
Kai A. KonradZur Zukunft des Kapitalismus in Europa
Jörg RochollZur Bedeutung von Bruttoinlandsprodukt und Wachstum
Herbert A. ReitsamerDie Physiologie der Gier
Bazon BrockGott lebt, der Markt stirbt
Stefan Korioth Sind Markt und Demokratie aufeinander angewiesen?
Monika Schnitzer Demokratie und Marktwirtschaft – Ein paar Gedanken zu China
Justin Yifu LinDer Aufstieg Chinas und dessen Bedeutung für die Welt
Stefan OschmannHerausforderung China – Eine unternehmerische Perspektive
Corinne Michaela FlickWas Korruption für die Marktwirtschaft bedeutet. Eine Einführung
Sean HaganKorruption – Warum das Thema wichtig ist
Rudolf MellinghoffKapitalismus und der Steuerstaat
Wolfgang SchönDer digitale Kapitalismus und seine fiskalischen Folgen
Gisbert RühlPlattformkapitalismus: Die nächste Stufe in der Wirtschaftsevolution
Christoph G. PaulusEine Vision für die Zukunft des Kapitalismus
Hans Ulrich Obrist mit Adam Curtis im GesprächDer Fluch der Stabilität: Warum gibt es heute keine Visionen mehr?
Timo MeynhardtMaß und Mitte reloaded: Eine visionslose Vision
Jens Beckert mit Convoco im GesprächErwartungen und Imaginationen im Kapitalismus
Die Autoren
Liebe Convoco-Freunde,
es ist immer ein Wagnis, sich einem Thema im Zusammenhang mit der Zukunft anzunähern. Was kommt ist stets ungewiss und von vielen Faktoren abhängig, die oft nur eingeschränkt und meistens gar nicht voraussehbar sind. Gerade heute, in unserer sich rapide wandelnden Welt, scheint alles unvorhersehbarer denn je. Um dem Thema Kapitalismus jedoch gerecht werden zu können, muss die Zukunft mit ins Zentrum der Diskussion gerückt werden. Dem Kapitalismus ist Zukunftsorientiertheit inhärent. Zum einen lebt er vom Blick nach vorne – Investitionen werden heute getätigt, um morgen von ihnen zu profitieren. Ohne nach vorne gerichtete Strategien und Erwartungen würde das kapitalistische System nicht funktionieren. Zum anderen stellt der Blick in die Zukunft eine Möglichkeit dar, die Wege, die der Kapitalismus einschlagen wird, mitzugestalten. Sich das Kommende vorzustellen heißt nämlich, Einfluss auf es zu nehmen, denn Konzepte und Visionen geben die Richtung vor, wohin die Entwicklung gehen soll. Visionen sind entscheidende Führungsinstrumente, um bestehende Zustände zu verändern.
Im Fokus dieses Bandes steht die Frage, wie sich der Kapitalismus wandeln muss, damit er weiterhin ein erfolgreiches Modell für unsere Gesellschaft bleibt. Es geht darum, darüber nachzudenken, wie er sich verändern muss, damit noch mehr Menschen am Kapitalismus partizipieren bzw. von ihm profitieren können. Grundsätzlich sollten wir uns dessen bewusst sein, dass Kapitalismus nur funktioniert, wenn es genug erfolgreiche Menschen gibt, die weiterhin Konsumenten sein können, in dem Sinn, dass sie wirtschaftliche Angebote in Lebensformen transformieren. Dadurch werden Bewohner zu Bürgern.
Bewusst ist das Wort Kapitalismus gewählt. Es ist ideologisch besetzt und fordert in dem Moment, in dem man es hört, zum Widerspruch auf. Wem der Begriff zu ideologisch geprägt ist, kann ihn durch die wertfreie Bezeichnung Marktwirtschaft ersetzen. Klassisch definiert bedeutet Kapitalismus die radikale Unterwerfung unter die Gesetze des Marktes. Dieser Gedanke geht auf den politischen Ökonomen und Philosophen Adam Smith zurück. Sein Buch The Wealth of Nations ist die Basis unseres heutigen Systems. Adam Smith ist der erste Ökonom, der die Märkte in das Zentrum der Volkswirtschaftslehre stellt. Das Kennzeichen von Märkten ist die Dezentralisierung der Entscheidungsfindung. In Märkten fließen Informationen von jedem zu jedem. Im konstanten Austausch mit anderen liegt nach Adam Smith der entscheidende, alles verbindende Gedanke menschlichen Daseins. Dies beginnt bei der Kommunikation und geht über den wirtschaftlichen Austausch bis hin zum auf beidem beruhenden Austausch von Werten und Wertschätzungen. Macht man sich dies bewusst, dann bekommt die Forderung nach der Unterwerfung unter die Gesetze des Marktes eine vollkommen andere Konnotation. Man unterwirft sich nicht einer fremden Macht, sondern den eigenen Werten und Regeln. Die Regulierung des Spiels überlässt man dabei jedoch dem Markt. Für Adam Smith ist der Kapitalismus kein in Mauern eingelassenes System, denn die Ausgestaltung der Märkte ist abhängig von den jeweiligen kulturellen Bedingungen, welche durch Normen und Vertrauen beeinflusst werden. Märkte sind also formbare Zivilisationsprodukte. Doch Kapitalismus ist mehr als der Markt. Kapitalismus ist die Universalisierung, also die Verallgemeinerung, der Bedeutung von Kapital. Seine Dynamik bezieht er aus der Akkumulation von Kapital. Erst die Anhäufung von Kapital hat das historisch Neue, das Wirtschaftswachstum geschaffen. Ganz deutlich wird diese Dynamik während der industriellen Revolution: Durch niedrige Löhne und Monopolbildung kam es damals verstärkt zu Wirtschaftswachstum. Als die Landwirtschaft das wirtschaftliche Leben dominierte, gab es diese Dynamik nicht. Wachstum ist notwendig in einem gesunden Markt. Statische oder sogar schrumpfende Ökonomien veranlassen Menschen dazu, grausam und egoistisch zu werden, da der Verteilungskampf zunimmt. Eine Ökonomie ist wie eine Kosmologie. Ein wachsender Markt ist wie ein wachsendes Universum.
Schon immer haben die jeweiligen Kapitalismus-Generationen unterschiedliche Rahmenbedingungen vorgefunden. In der Geschichte hat der Kapitalismus gezeigt, dass er unter verschiedenen Vorgaben funktionieren kann, denn er ist nicht an ein bestimmtes Organisationssystem gebunden. Einzige unabdingbare Grundlage ist der Rechtsstaat, weil nur er Verbindlichkeit stiften kann. Letztendlich erfährt ein System eine verlässliche und nachhaltige Sicherung nur durch Recht. Die Frage, die sich hier erhebt, ist daher, ob der Kapitalismus die Demokratie braucht, weil nur sie den Rechtsstaat sichern kann. Zu bedenken ist, wie verlässlich der Rechtsstaat in nicht-demokratischen Staaten ist.
Heute sind angesichts der technologischen und der gesellschaftlichen Entwicklungen viele zukünftige Formen der Marktwirtschaft denkbar. Selbst das vollkommene Scheitern wird von manchen in Betracht gezogen. Möglich ist auch, dass der Kapitalismus sich auflöst. Was mit Sicherheit festgestellt werden kann, ist, dass er sich in Transformation befindet. Krisen in der Finanzwirtschaft, hohe Staatsverschuldung, durch die Nullzinspolitik aufgeblähte Preise von Sachwerten, ein wackeliges Bankensystem (wie zum Beispiel in Italien) einerseits und vor allem das Phänomen Digitalisierung andererseits werden als Bedrohung angesehen. Wir sind Zeitzeugen einer technologischen Revolution. In naher Zukunft werden wir eine von Künstlicher Intelligenz getriebene Wirtschaft haben. Betrachten wir beispielsweise den Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitswelt näher. Es gibt Untersuchungen, denen zufolge knapp 50 Prozent aller US-amerikanischen Arbeitsplätze stark gefährdet sind, in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren durch Künstliche Intelligenz automatisiert zu werden.[1] Welche Auswirkungen wird eine solche Veränderung der Arbeitsmärkte auf die Wirtschaft und insbesondere auf die Gesellschaft haben? Im Moment noch definiert sich der Mensch durch seine Arbeit. Was ist, wenn dieses zentrale Konzept wegfällt?
Durch die Digitalisierung sind monopolartige Mega-Unternehmen entstanden, die bereits seit einigen Jahren zu den größten Akteuren auf den Börsenmärkten zählen, deren Börsenwert allerdings nicht mit ihrem tatsächlichen Wert übereinstimmt. Der Unterschied zwischen Wachstum und Wert eines Unternehmens wird immer größer. In einem Markt, in dem die Digitalisierung zunehmend prävalenter wird, stimmen die klassischen Kategorien des industriellen Kapitalismus nicht mehr. Die Grenzen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber verschwimmen. Ist zum Beispiel ein Uber-Fahrer noch Arbeitnehmer oder bereits sein eigener Unternehmer? Während es im industriellen Kapitalismus noch eindeutiger war, wen die Gewinne schlussendlich erreichen, ist dies im digitalen Kapitalismus oft nicht klar. Im Fall von Airbnb zum Beispiel verdient vor allem die Online-Plattform und nicht der einzelne Gastgeber, sprich Vermieter. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Steuerlandschaft der Länder, welche derzeit noch die Realität einer digitalen Marktwirtschaft in ihren Strukturen neu abbilden muss. Das ist ein schwieriges Unterfangen.
Selbst was man unter Kapital versteht, hat sich durch die Digitalisierung erweitert. Daten sind das Kapital der Zukunft. Essenziell ist daher, darauf zu achten, wie diese Daten verteilt werden beziehungsweise wer an ihnen das Eigentum hält. Durch eine Konzentration von Daten kommt es nämlich auch zu einer Konzentration von Reichtum und Macht. Nehmen wir als Beispiel ein Unternehmen wie Facebook. Der Wert eines solchen liegt nicht in seiner Plattform, sondern in den Daten, die es von seinen Nutzern über die Jahre gesammelt hat. Wir leben im Zeitalter der Daten, was auch makroökonomisch zu Verschiebungen führen wird. Denn erfolgreiche Algorithmen, die auf Künstlicher Intelligenz basieren, funktionieren umso besser, je mehr Daten zur Auswertung zur Verfügung stehen. Dies wird bei der jetzt anstehenden Anwendung (implementation) von Künstlicher Intelligenz entscheidend sein und Ländern wie China einen Vorteil einräumen.
Durch die Digitalisierung hat sich auch die Globalisierung intensiviert, was einerseits eine große Herausforderung ist und andererseits von vielen als Bedrohung angesehen wird. Seit seinem Beginn kennzeichnete der Begriff Globus den Kapitalismus. Geografisch hat die christliche Seefahrt die Globalisierung durchgesetzt und politisch wurde sie durch den Kolonialismus Europas realisiert. Zum ersten Mal wurde der Begriff Globalisierung in den 1970er Jahren verwendet, um das Phänomen der Internationalisierung der Märkte zu erfassen. Bezeichnend für die heutige elektronische Globalisierung ist, dass sie den ganzen Globus umfasst, indem sie die Welt mit einem digitalen Netzwerk, das sich aus den Verknüpfungen zwischen Rechnern ergibt, umschließt.[2] Diese Vernetzung der Welt löst die Grenzen zwischen Märkten, Regionen, Unternehmen, Maschinen und Menschen auf. Entstanden ist ein standortunabhängiges globales Business. Die Welt virtualisiert sich und bietet so die Chance zum Übergang zur Universalisierung als einheitliches Wertesystem.
Durch die Globalisierung wurde die Bewegung von Menschen, Kulturen, Technologien und Ideen vereinfacht und gefördert. Dies hat auch dazu beigetragen, dass sich das Wirtschaftssystem des Kapitalismus verbreitet hat. Mittlerweile sind aus dem Kapitalismus Kapitalismen geworden. Verschiedene Formen des kapitalistischen Systems treten auf – Formen, die sich von der westlichen freien Marktwirtschaft stark unterscheiden, aber inzwischen auf der globalen Ebene der Wirtschaft eine äußerst wichtige Rolle spielen. China ist hierfür ein äußerst markantes Beispiel. Wurde das Land früher noch als »Werkbank der Welt« bezeichnet, dann seine Unternehmen als Copycats belächelt, ist es heute eine sowohl ernstzunehmende Konkurrenz als auch ein wichtiger Handelspartner für die etablierten westlichen Wirtschaften. Seine wirtschaftliche Stärke wird gerade durch sein außergewöhnliches Wirtschaftswachstum deutlich. China hat durch den Umstieg von einer Plan- in eine Marktwirtschaft über 700 Millionen Menschen innerhalb weniger Jahrzehnte aus der Armut gehoben. 2025 wird China vermutlich zu den Hocheinkommensstaaten zählen.[3] Der Kapitalismus, den China derzeit lebt, unterscheidet sich deutlich vom westlichen Kapitalismus. China hat einen Weg gefunden, ein kapitalistisches System aufzubauen, in dem der Staat beträchtlichen Einfluss auf die Märkte nimmt. Unklar ist noch, wie sich der globale Markt aufgrund der geopolitischen Verschiebungen verhält. Im Entstehen ist eine Rivalität zwischen den USA und China. Ein Bewusstseinswandel ist zu beobachten, insofern als anstelle von Integration Rivalität tritt. Dieser Kampf findet wiederum auf dem Gebiet der cutting-edge-Technologien statt. Unsere Welt und insbesondere die Marktwirtschaft stehen vor Herausforderungen. Da der Markt ein Zivilisationsprodukt ist, also durch unsere Werte und Vorstellungen geformt wird, braucht es derzeit mehr denn je Konzepte und Visionen.
Eine der Hauptkritiken am heutigen Kapitalismus ist, dass eine immer stärker werdende Ungleichverteilung der Vermögen und Einkommen zu beobachten ist. Hier stellt sich die Frage, ob es eine Gesetzmäßigkeit des modernen Kapitalismus sein könnte, dass Ungleichheit innerhalb der Länder zunimmt. Er sei krisenanfällig und ein System, das sich von der Realität der Menschen entferne. Er stütze sich zu sehr auf das Individuum und ließe die Gemeinschaft außen vor. Adam Smith verstand den Kapitalismus ursprünglich jedoch als das genaue Gegenteil, nämlich als die Möglichkeit, durch individuelles Streben kollektiven Wohlstand zu erzeugen. Denn obwohl der Kapitalismus vor allem auf dem Konzept des Individuums aufgebaut ist, haben seine Ausgestaltungen Auswirkungen auf das Zusammenleben aller. Der Kapitalismus muss dem Gemeinwohl, dem bonum commune, dem allgemeinen Wohlbefinden einer Gesellschaft dienen.
Da in der Essenz des Kapitalismus ein stetiges Streben und der immerwährende Wille nach Mehr steckt, geht es unserer Welt heute tatsächlich deutlich besser als noch vor 30 Jahren.[4] Die freie Marktwirtschaft hat viel zur Wohlstandsvermehrung der Menschheit beigetragen – der individualistische Grundzug des Kapitalismus hat sich also faktisch für den allgemeinen Wohlstand als profitabel erwiesen.
Damit der Grundgedanke von Adam Smith jedoch auch im zukünftigen Kapitalismus vorhanden bleibt, braucht unser Wirtschaftssystem Aufmerksamkeit und Pflege. Es ist also unerlässlich, sich Fragen nach der Zukunft des Kapitalismus zu stellen. Wie soll der Kapitalismus heute interpretiert werden, sodass unsere Werte und Ideale nicht torpediert, sondern unterstützt werden?
Der vorliegende Band widmet sich der Zukunft des Kapitalismus aus unterschiedlichen Perspektiven und versucht, mögliche kreative Herangehensweisen an die derzeitigen Herausforderungen zu finden. Das Ziel ist nicht, das derzeitige Wirtschaftssystem in seiner ganzen Form zu verwerfen, sondern konstruktiv nach vorne zu blicken und somit unsere wirtschaftliche, aber auch gesellschaftliche Zukunft mitzugestalten.
Corinne Michaela Flick, im Januar 2019
1
Vgl. beispielsweise die Studie von Carl Benedikt Frey und Michael Osborne, The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerisation?, in: Technological Forecasting and Social Change, 114, S. 254-280, 2016,
https://doi.org/10.1016/j.techfore.2016.08.019
, abgerufen am 8. 10. 2018. Siehe dazu ebenfalls das Convoco-Interview mit Carl Benedikt Frey: Carl Benedikt Frey, Die Zukunft der Arbeit, in: Corinne Michaela Flick (Hg.), Das Gemeinwohl im 21. Jahrhundert, Göttingen 2018.
2
Vgl. Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals, Frankfurt am Main 2006, S. 27 ff.
3
Vgl. Justin Yifu Lin in diesem Band und in seinem Buch The Quest for Prosperity: How Developing Economies Can Take Off, Princeton, NJ 2012.
4
Vgl. Branko Milanovic und Christoph Lakner, Global Income Distribution: From the Fall of the Berlin Wall to the Great Recession, in: World Bank Economic Review 2015, S. 1-13.
https://doi:10.1093/wber/lhv039
, abgerufen am 5. 11. 2018.
Heute sind angesichts der technologischen und der gesellschaftlichen Entwicklungen viele zukünftige Formen der Marktwirtschaft denkbar. Selbst das vollkommene Scheitern wird von manchen in Betracht gezogen. Möglich ist auch, dass der Kapitalismus sich auflöst. Was mit Sicherheit festgestellt werden kann, ist, dass er sich in Transformation befindet.
Corinne M. Flick
Religiöse und institutionelle Schranken behinderten die Herausbildung des Kapitalismus mit seiner Trennung von investiertem und haftendem Kapital bis ins Mittelalter. Die italienischen Handelsgesellschaften des Mittelalters waren ein erster Schritt zur Überwindung dieser Hemmnisse, die Herausbildung von Märkten für haftungsbeschränktes Aktienkapital in den Niederlanden brachte den Durchbruch. Seit Anbeginn sind kapitalistische Finanzierungsweisen mit Seefahrt und Globalisierung verbunden gewesen und sind Finanzkrisen auch Krisen der Globalisierung.
Albrecht Ritschl
Das marktwirtschaftliche System mit Privateigentum hat sehr breiten Bevölkerungsschichten in Europa nie gekannten Wohlstand gebracht. Die industrielle Revolution 4.0 könnte diese Entwicklung fortsetzen. Das erfordert aber eine für Fortschritt und Wandel offene Gesellschaft. Ist die Gesellschaft in Europa dazu nicht bereit und blockiert diese Veränderungen, wird der Wohlstand künftig andernorts entstehen.
Kai A. Konrad
Das Verhältnis von Markt und Demokratie ist ambivalent. Ökonomische und politische Freiheit können sich wechselseitig stützen. Freie Märkte können aber auch die Bereitschaft zu fairem kollektiven Zusammenwirken im Sinne des Gemeinwohls untergraben. Im Grundsatz kann wirtschaftliche Freiheit auch autoritär geschützt werden. Fraglich ist nur, ob dies auf Dauer gelingen kann.
Stefan Korioth
Die Zukunft des Kapitalismus wird zu einem erheblichen Teil in der Volksrepublik China gestaltet. Das ist nicht ganz ohne Ironie, denn schließlich bekennt sich die herrschende Kommunistische Partei offiziell zum Marxismus und zur »sozialistischen Marktwirtschaft«.
Stefan Oschmann
Das Geheimnis von Chinas Erfolg liegt in der Regulierung sowohl durch die »unsichtbare Hand« als auch durch die »sichtbare Hand« und bildet somit eine organische Integration, Ergänzung und gegenseitige Verbesserung der Funktionen des Marktes und des Staates.
Justin Yifu Lin
Ohne politische Mitspracherechte ist schwer vorstellbar, dass Rechtssicherheit gewährleistet werden kann. Ein Staat, der das Vertrauen seiner Bevölkerung verliert, dass er in ihrem Interesse handelt, wird dies auch mit einer nachlassenden wirtschaftlichen Dynamik bezahlen.
Monika Schnitzer
Die Digitalisierung beschleunigt den Steuerwettbewerb. Die hohe Mobilität von Immaterialgütern und die abnehmende Bedeutung von Realinvestitionen und Arbeitskraft lässt die Unternehmenssteuern sinken und die Umsatzsteuern steigern. Dies stellt die Fähigkeit der Steuersysteme zum sozialen Ausgleich im Kern in Frage. Ob dieser Tendenz durch verschärfte Einkommensteuern, Vermögensteuern oder Erbschaftsteuern entgegengewirkt werden kann, muss bezweifelt werden.
Wolfgang Schön
Freiheitliches Wirtschaften als eine der Grundvoraussetzungen des Kapitalismus kann sich im Ergebnis nur dann entfalten, wenn der Staat für Rahmenbedingungen sorgt, die einen Austausch von Gütern und Dienstleistungen ermöglicht, wenn er einen Finanzmarkt und ein funktionierendes Bankensystem gewährleistet und wenn die Rechtspositionen staatlich garantiert sind und sich möglichst mit Hilfe unabhängiger Gerichte durchsetzen lassen. Dabei erweist sich der Steuerstaat als die ideale Staatsform, in der sich eine freiheitliche Marktwirtschaft entfalten kann.
Rudolf Mellinghoff
Der Kapitalismus verändert sich auch dadurch, dass die künstliche Intelligenz ganze Berufsfelder dahinschwinden lässt und Heerscharen von Bürgern von Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten abschneidet. Das ist auch eine massive Bedrohung für die Demokratie. Was in Anbetracht dieses Szenarios zu helfen vermag, ist die bedingungslose Investition in Bildung. Es muss das Wissen, die Bildung für alle zum durchgängigen Programm europäischer Politik werden.
Christoph G. Paulus
Das Element des Abstrakten, das von der unmittelbaren emotionalen Beziehung Losgelöste, war ursprünglich ein großer Freiheitsgewinn und Fortschrittsmotor. Die aktuellen Krisenerscheinungen zeigen uns jedoch, dass die alte Balance zwischen dem Konkreten (Gemeinschaft) und dem Abstrakten (Gesellschaft) verlorengegangen ist.
Timo Meynhardt
Was Adam Smith in seinen Anfängen über die Moral gesagt hat, ist von zentraler Bedeutung für sein Konzept des Kapitalismus. Es geht hierbei nicht nur um den Markt. Es geht darum, ob du über Fähigkeiten und den Willen verfügst, darüber nachzudenken, wie sich andere Menschen fühlen und wie du ihnen vielleicht helfen kannst, sich besser zu fühlen. Und das ist es vielleicht, was kommen wird, und was den Kapitalismus retten könnte.
Adam Curtis
Wenn wir uns allein auf Gesetze und Regeln verlassen, provozieren wir letztlich deren Umgehung. Wir brauchen aber keine Compliance-Kultur, sondern eine Kultur der Werte. Wir brauchen Beamte, öffentliche Angestellte und private Akteure, die das Richtige tun, auch wenn niemand hinsieht.
Sean Hagan
Der Belohnungsmechanismus des Gehirns lässt uns nach Wohlstand streben und Reichtümer anhäufen. Man kann die Gier nach dem Mehr als Relikt unserer phylogenetischen Entwicklung und als Bürde oder Segen der Evolution sehen. Es muss uns jedoch bei allen Handlungen klar sein, dass wir Menschen im gewissen Sinne immer noch auf der Basis eines Froschgehirns agieren und primitive neuronale Regelkreise Einfluss auf unsere Entscheidungen nehmen.
Herbert A. Reitsamer
Die herkömmlichen Konzepte der Kapitalismusfeier wie -kritik übersehen gerade mit der Behauptung, sich auf wirtschaftliche Tatsachen zu stützen, die wichtigste Tatsache, dass nämlich vor allem Kontrafakte für das gesellschaftliche Leben entscheidend sind. Es ist das bedeutendste Faktum, dass alle Gesellschaften der Normativität des Kontrafaktischen unterliegen.
Bazon Brock
Die Einbindung von Künstlern in die Mitte der Gesellschaft ist sehr interessant, wenn wir über die Zukunft sprechen – nicht nur über die Zukunft der Kunst, sondern auch der Gesellschaft. Jede Firma, jedes Ministerium, jedes Unternehmen sollte über einen »Artist in Residence« verfügen.
Hans Ulrich Obrist
Wachstum ist keine Entscheidungs-, sondern eine Zielvariable. Sie entsteht durch Kreativität, gegenseitig nützlichen Handel und Arbeit – d. h. durch menschliches Streben. Arbiträre Interventionen, wie sie von radikalen Wachstumskritikern gefordert werden, stellen einen immensen Eingriff in die Freiheit dar und könnten schnell in einem autoritären System münden.
Jörg Rocholl
In der Masse angekommen, beschreibt der Plattformkapitalismus eine neue digitale Wirtschaftsordnung, also eine erweiterte Form des Kapitalismus. Der Kapitalismus definiert sich im Kern über das »Privateigentum der Produktionsmittel«. Im Zeitalter des Plattformkapitalismus wird dieser Zusammenhang zum Teil aufgelöst: Das Privateigentum an Informationen wird zum konstituierenden Grundsatz des Plattformkapitalismus.
Gisbert Rühl
Die Zukunft technologischer und wirtschaftlicher Entwicklung sollte viel stärker im Hinblick auf die Folgen für das politische Gemeinwesen und die Gesellschaft insgesamt reflektiert werden. Wo wollen wir eigentlich hin?
Jens Beckert
Albrecht Ritschl
Was konstituiert geschichtlich den Kapitalismus? Worin unterscheidet er sich von früheren Wirtschaftsformen, was sind die Anfangsgründe seiner Entstehung? Beruhte das neue System auf Innovationen, etwas Neuem, das den Altvorderen nicht in den Sinn gekommen war? Oder wurde es möglich durch den Wegfall von Beschränkungen, brach es Kräften Bahn, die sich zuvor nur nicht entfalten durften? Und ging das Neue, was immer die Ursache seiner Freisetzung war, eher vom Unternehmertum oder von der Finanzierungsseite aus?
Vorformen von Kapitalismus finden sich seit Beginn der großen Ackerbau- und Stadtkulturen des Vorderen Orients und Chinas. Überall dort, wo in großem Stil landwirtschaftliche Überschüsse zur Ernährung von Stadtbevölkerungen abgeschöpft wurden, musste eine kommerzielle Landwirtschaft betrieben werden. Umfangreiche Bewässerungsprojekte, der Städtebau und die dazugehörige Infrastruktur, Tempelanlagen, eine Priesterschaft, stehende Heere und nicht zuletzt der Fernhandel waren zu finanzieren. Alles das setzte neben der Besteuerung ein zumindest rudimentäres Kreditsystem voraus, schon wegen der periodischen Erntezyklen. Allerdings wäre es verfehlt, diese frühen Zivilisationen trotz ihrer Leistungen kapitalistisch zu nennen. Zwar fehlte es nicht an Kaufleuten und gelegentlichen Zusammenschlüssen in Kaufmannsgesellschaften, etwa für Unternehmungen im Fernhandel. Großprojekte aber lagen offenbar regelmäßig in Händen der Obrigkeit, wovon im Falle Ägyptens und seiner Vorsorge gegen Dürren bereits das Alte Testament berichtet. Zudem finden sich im Altertum bereits Bestimmungen über die Beschränkung des Kreditverkehrs.
Im alten Mesopotamien waren nach dem Gesetz des Hammurabi[1] Kreditzinsen zunächst erlaubt, wenngleich nach oben begrenzt. In einer späteren Zeit wurden die entsprechenden Vorschriften allerdings aus den Gesetzestafeln getilgt. Das Alte Testament kannte ein Zinsverbot für Schulden zwischen Mitgliedern der Stämme Israels, nicht aber nach außen.[2] Hinzu kamen Beschränkungen der Dauer von Schuldverhältnissen, die sich in Teilen ähnlich im Codex Hammurabi finden.
Im antiken Griechenland und Rom waren dem Unternehmertum – allerdings nur soweit es sich um freie Bürger handelte – kaum Schranken gesetzt, es finden sich Hinweise auf ein rudimentäres Bankwesen mit Depositen- und Scheckverkehr. Allerdings handelte es sich hier wie überall in der Antike im Wesentlichen um die Aktivitäten von Einzelkaufleuten, die – wie die im Neuen Testament geschilderten Geldwechsler im Tempel – mehr oder weniger auf Geldgeschäfte spezialisiert waren.[3] Wesentliche Einschränkungen der antiken Gewerbefreiheit und eine – gescheiterte – Preisstoppverordnung brachten die Reformen des Diokletian, die den Übergang zum Zunftwesen des Mittelalters und seinen starren Regeln vorausahnen ließen.
Was aber war mit dem Kapitalismus in der Blütezeit des Römischen Reiches? Man muss sich fragen, warum es damals keinen Aufbruch in einen modernen Kapitalismus gegeben hat, denn an den produktiven Voraussetzungen für eine modernere Wirtschaftsform fehlte es nicht. Die landwirtschaftliche Produktivität, ein wichtiger Gradmesser für die Vorbedingungen des Übergangs zu modernem Wirtschaftswachstum, war im Römischen Reich auf einem Stand, wie er erst wieder im 18. Jahrhundert erreicht werden sollte. Auf dem Gebiet des Straßenwesens und der Wasserversorgung erbrachte das Römische Reich Leistungen, an die erst das 19. Jahrhundert wieder heranreichen konnte: Die ganz Süd- und Westeuropa durchziehenden Heerstraßen waren gleichsam die Autobahnen des Römischen Reichs und bis heute lassen sich in der räumlichen Anordnung der westeuropäischen Städte die langfristigen Wirkungen der römischen Raumplanung besichtigen.
Dagegen lässt sich einwenden, dass das alte Rom und noch mehr die hellenische Welt zwar die technischen, aber vielleicht nicht die institutionellen Voraussetzungen für dauerhaftes Wachstum mit sich brachten, denn beides waren Sklavenhaltergesellschaften. Wozu modernisieren und die Produktivität erhöhen, wenn die Arbeitsleistung von Sklaven für ein Minimum an Kosten verfügbar war? Dass Sklaverei ein ernsthaftes Hindernis für den Übergang zu einer modernisierten Wirtschaftsweise darstellen kann, ist intensiv und kontrovers am Beispiel der amerikanischen Südstaaten vor dem Bürgerkrieg diskutiert worden. Immerhin scheint nach der abgeschlossenen Expansion des Römischen Reichs ca. 150 n. Chr. der Zustrom an Sklaven geringer geworden zu sein und die Institution etwas an Bedeutung verloren zu haben. Zudem wuchs mit der Verbreitung billiger Nahrungsmittel aus den Provinzen die Arbeitslosigkeit in Rom und den angrenzenden Gebieten, zunehmend mehr italische Güter blieben unbewirtschaftet. Gerade diese Freisetzung landwirtschaftlicher Arbeit ist jedoch eine Voraussetzung für den Übergang zu modernem Wachstum mit seinem sektoralen Strukturwandel weg von der Landwirtschaft. Hinzu kam, dass Italien als das Kernland des Römischen Reichs erhebliche Steuerprivilegien genoss. Wenn nicht hier, wo sonst hätte der Übergang zu einer kapitalistischen, profitorientierten Wirtschaftsform gelingen können?
Dieses unerklärt bleibende Paradox wiegt umso schwerer, als gerade Italien die Region war, in der tausend Jahre später eben jene Umwälzungen eintraten, die im Römischen Reich ausgeblieben waren und sich von dort aus allmählich ausbreiteten. In den italienischen Stadtrepubliken des Mittelalters setzten zu fast gleicher Zeit drei Entwicklungen ein, die dem modernen Kapitalismus sein Gepräge gegeben haben: ein kommerzielles Manufakturwesen, die Kreditfinanzierung über Wechselbriefe und die Herausbildung der Rechtsform der Firma.
Max Weber verglich in seiner Dissertation die italienische Rechtsform der Firma mit älteren, besonders in der Schiffsfinanzierung angewandten Rechtsformen wie der commenda, die sich weit in die Antike zurückverfolgen ließen, sowie der societas des römischen Rechts, fand aber keine direkten Vorläufer.[4] Neu war in der Firma das Nebeneinander voll und beschränkt haftender Gesellschafter, für das es außer den zeitlich begrenzten Schifffahrtsunternehmungen der commenda keine Vorlagen gab. Auch das römische Recht und seine Wirtschaftspraxis scheinen diese Unterscheidung nicht gekannt zu haben. Wohl gab es Vereinigungen, die als Konsortien öffentliche Aufträge übernahmen, aber die socii hafteten unbeschränkt, ähnlich wie in der heutigen, ihr nachgebildeten Gesellschaft bürgerlichen Rechts.[5]
Zur Kapitalansammlung und dem Unternehmenswachstum erwies sich die neue Institution der Firma als erfolgreich. Größere Manufakturen und Handelsunternehmen konnten nun etwa als Familienunternehmen betrieben werden, ohne dass jeder Kapitalgeber zugleich haftendes Mitglied der Geschäftsführung war, wie es das Partnerschaftsmodell der römischen societas nahegelegt hätte, oder die Unternehmung nach jeder abgeschlossenen Expedition mit Erfüllung ihres begrenzten Geschäftszwecks abgewickelt worden wäre, wie bei der commenda. Überraschend bleibt, dass die commenda sich nicht zu einer ständigen Unternehmung verewigt hat. Weber argumentiert detailreich, dass die Firma stattdessen ihre Wurzeln in Erbengemeinschaften und Familienstiftungen langobardischen Rechts hatte, bei denen ein Fortbestand des Patrimoniums erreicht werden sollte, ohne alle Familienmitglieder in der Haftung zu belassen.
Die zweite institutionelle Innovation des italienischen Mittelalters war die Etablierung eines bargeldlosen Zahlungs- und Kreditverkehrs auf Grundlage des Wechselbriefs. Hier spielte die Umgehung religiöser Vorschriften eine Hauptrolle. In einer frühen Version von Kapitalismuskritik hatte die kirchliche Scholastik argumentiert, die Erhebung von Zins bei Rückzahlung eines Kredits sei wie eine Doppelbelastung des Kreditbetrags, denn anders als Nutztiere oder -pflanzen vermehre sich Geld nicht von selbst. Die kirchlichen Doktrinen wandten sich nicht gegen den Unternehmensgewinn, der sich auf Gütervermehrung zurückführen ließ. Das Verbot richtete sich gegen den festen Zinssatz, der das Ertragsrisiko allein beim Schuldner belässt. Für ein solches Verbot konnten manche Gründe sprechen, insbesondere die Not des unverschuldet ohne Ertrag gebliebenen Kreditnehmers. Zu dessen Schutz dienten bereits die alttestamentarischen Vorschriften über die Begrenzung der Schuldknechtschaft und den periodischen Schuldenerlass. Andererseits musste das Zinsverbot als Hemmschuh der Investitionen wirken, denn jede Risikoteilung zwischen Kapitalgeber und Unternehmer im Sinne einer Gewinnbeteiligung setzt ein für beide Seiten beobachtbares Geschäftsergebnis voraus. Bei den Schiffskrediten der commenda sorgten genaue Verfahrensregeln dafür, dass die Erlöse der Expeditionen von unparteiischen Beobachtern aufgezeichnet wurden. In einem laufenden Geschäftsbetrieb mit wechselnden Projekten war dagegen eine hochentwickelte Buchführung erforderlich, die sich im Zuge der Verbreitung der Firma in Italien herausbildete und allmählich ausbreitete. Ohne Zuhilfenahme so komplexer Mechanismen war der Einzelkaufmann auf Überschüsse aus früheren Unternehmungen angewiesen oder allenfalls auf stille Einlagen, die auf Vertrauen gegeben wurden und für ihre Durchsetzbarkeit von den erwarteten Erträgen einer fortbestehenden gegenseitigen Geschäftsbeziehung abhingen. Als Alternative blieb der Weg zum jüdischen Geldverleiher, der früh komplexe Finanztransaktionen übernahm.
Neu am Wechselbrief war zunächst die Umgehung des Zinsverbots durch eine Wechselgebühr. Ihre Berechtigung ergab sich durch das Wechselkursrisiko beim Überweisungsverkehr mit auswärtigen Finanzplätzen. Seiner Bestimmung nach stellte der Wechsel eine gebührenpflichtige Überweisung dar, später meist mit einer Bevorschussung von Warentransporten durch den Empfänger oder eine zwischengeschaltete Bank. Ihre Berechtigung erhielt die Wechselgebühr durch das Kursrisiko beim Überweisungsverkehr mit auswärtigen Plätzen. Am Empfangsort wurden periodisch die Wechsel gegen andere, auf den Senderort gezogene Wechsel verrechnet und die Clearingspitzen ausgeglichen oder durch neue Wechsel vorgetragen in die nächste Wirtschaftsperiode. Italien und von dort ausgehend bald ganz Europa hatten damit eine Methode des grenzüberschreitenden bargeldlosen Zahlungsverkehrs entwickelt, der später die Einrichtung von regionalen Clearingmessen folgte, oft am Rande regulärer Handelsmessen. Clearing- und Sammelwechsel übernahmen Derivatfunktionen. Schon zuvor war die Verwendbarkeit des Wechsels für reine Kredittransaktionen entdeckt worden, die den kirchlichen Regeln direkt zuwiderliefen. Erforderlich war allein Überweisung von A nach B und eine Rücküberweisung (recambium) von B nach A. Der Kreditzeitraum entsprach der Laufzeit der jeweiligen Wechsel, etwa 2 Monate zwischen West- und Südeuropa, sechs Wochen innerhalb des Mittelmeerraums. Auch von Wechseln, die auf Aussteller an anderen Orten gezogen wurden und scheinbar zu Protest gingen, wird berichtet. Während der doppelten Laufzeit bis zur Rückkehr des Wechsels an seinen Ausstellungsort und der Rückabwicklung des ursprünglichen Zahlungsvorgangs war Kredit in Anspruch genommen worden, die Überweisung erfolgte nur zum Schein. Für die religiösen Autoritäten waren solche Transaktionen kaum kontrollierbar und wohl auch schwer zu durchschauen. Im Ergebnis bürgerte sich der Wechsel als universelles, zunehmend handelbares Zahlungs- und Kreditinstrument ein. Als Nebeneffekt bildete sich eine Schicht europaweit tätiger, als Lombarden bezeichneter katholischer Bankiers und Händler heraus.[6]
Mit diesem System war zunehmend eine Abkehr von früheren Traditionen verbunden. An Stelle des Einzelkaufmanns trat die Firma, wuchs an Größe und breitete international ihre Aktivitäten in Handel, Finanz und Produktion aus, bis hin zu weltweit tätigen Großfirmen wie den Augsburger Handelshäusern der Fugger und Welser. Durch ihre oft dezentrale Organisation waren sie optimal an die politische Zersplitterung Europas in zahlreiche Mikroterritorien angepasst, beteiligten sich aber auch maßgebend an den großen Expeditionen zur Erschließung der Seewege und der lateinamerikanischen Kolonien. Gerade das ist aber diesem ersten Aufblühen des Kapitalismus zum Verhängnis geworden. Der rasche Machtzuwachs der spanischen Habsburger brachte diese Unternehmen in Abhängigkeit von einem kapitalhungrigen Souverän, der sie in den Strudel einer Reihe von Staatsbankrotten zog und ihre Blütezeit beendete.
Mit der Entdeckung der Seewege nach Indien und der Neuen Welt verlagerte sich aber auch der wirtschaftliche Schwerpunkt Europas auf die seefahrenden Nationen entlang der Atlantikküste. Für die weitere Entwicklung wichtig wurden besonders die Niederlande, die in langen Kriegen ihre Unabhängigkeit von den spanischen Habsburgern errungen hatten und eine Sonderentwicklung in Gang setzten. Kennzeichnend wurde im niederländischen Goldenen Zeitalter des 17. Jahrhunderts zum einen eine gewisse religiöse Toleranz, was die Niederlande zur Zuflucht religiös Verfolgter machte, insbesondere portugiesischer Juden. Zum anderen bildeten sich in den Niederlanden innovative Methoden zur Kapitalsammlung heraus. Die neugebildete, mit einem staatlichen Monopol versehene Vereinigte Ostindische Kompanie (VOC) gab Aktien aus, die an der Amsterdamer Börse gehandelt wurden. Börsenhandel hatte es seit der Renaissance an zahlreichen europäischen Plätzen gegeben, so auch in Augsburg und Nürnberg, meist allerdings im Handel mit Währungen und Schuldtiteln. Auch Handel mit Firmenanteilen, insbesondere Bergwerkskuxen, war schon im Mittelalter bekannt, allerdings bestand für den Anteilseigner das Risiko der Zubuße, einer Nachschusspflicht im Falle von Geschäftsverlusten. Neu war die Börsennotierung einer prominenten Gesellschaft mit – anders als zunächst bei Englands gleichaltriger East India Company – frei handelbaren Anteilsscheinen, bei denen die Haftung auf die Kaufsumme begrenzt war.
Nun bot die VOC kein Beispiel marktwirtschaftlichen Unternehmertums, handelte es sich doch um ein quasi staatliches Monopolunternehmen, dessen Gewinne in weiten Teilen auf der Ausübung militärischer Gewalt basierten. Aber die Trennung von Geschäftsführung und Kapitaleignern war nun vollständig vollzogen und der Schritt zur Bewertung durch den Kapitalmarkt getan. Florieren konnte dieses System unter den Gesetzen der Republik, die der Kaufmannschaft Teilhabe an der politischen Macht und damit den staatlichen Budgets gaben. Insbesondere waren die Aktivitäten der VOC von denen des allgemeinen öffentlichen Budgets getrennt, so dass die Hergabe von Kapital nicht selbst eine Form der indirekten Staatsfinanzierung war, anders als bei den von den Fuggern und Welsern finanzierten Expeditionen der Habsburger. Voraussetzung für den Erfolg dieser Innovationen war also einerseits die Schaffung nicht entziehbarer Eigentumsrechte, die das Vertrauen in die neuen Institutionen schufen und befestigten, und andererseits die Abwesenheit eines von den Bürgern unabhängigen Souveräns, dessen Finanzierungsnöte das Rechtssystem gefährden konnten. Ersteres war in den Niederlanden weitgehend garantiert, während es um die Stellung des damals so genannten Statthalters anhaltende Konflikte gab.
Eine ähnliche Entwicklung setzte in England nach dem Ende der Bürgerkriege mit der Glorious Revolution von 1688 ein, die selbst ein Revolutionsimport aus den Niederlanden war und mit der Krönung des damaligen Statthalters zum englischen König ihren Abschluss fand. Zur Absicherung seiner Wahl gewährte der neue Monarch die Bill of Rights, welche dem Parlament weitgehende Rechte bei der Besteuerung, der Schuldenaufnahme und der Kriegserklärung zugestand. Zur Erlangung von Kriegskrediten gegen Frankreich unterstützte der Monarch 1694 die Gründung der Bank von England, die der Kaufmannschaft weitere Kontrolle über das Staatsbudget brachte. Mit den finanziellen Innovationen des beginnenden britischen und niederländischen Kolonialzeitalters sehen wir ausgebreitet alle wesentlichen Bestandteile eines kapitalistischen, weitgehend von anlagesuchendem Kapital angetriebenen Wirtschaftssystems.[7]
Ein Vorbehalt ist zu machen. In beiden Ländern mag der Handelskapitalismus des 18. Jahrhunderts die Industrialisierung eher verzögert als vorangetrieben haben. Und zunächst trat nicht die erhoffte Stabilisierung von Finanzmärkten und Staatsfinanzen ein, sondern das Gegenteil. Die Spekulationsfreude der Anleger richtete sich auf exotische Agrarerzeugnisse, so in der holländischen Tulpenmanie des ausgehenden 17. Jahrhunderts, oder aber auf weitere Lizenzen zur Ausbeutung von Kolonialgebieten wie im South Sea Bubble in London und parallel dem Mississippi Bubble in Paris in den Jahren 1719 bis 1721. Die South Sea Company besaß ein Handelsmonopol für Englands Handel mit den spanischen Kolonien in Lateinamerika, das allerdings nur bescheidene Erträge abwarf. Ihr eigentlicher Geschäftszweck sollte die Übernahme von Teilen der britischen Kriegsschulden sein. Mit Desinformationen über die Geschäftsaussichten wurde der Absatz von Anteilen angekurbelt. Die euphorische Stimmung führte alsbald zu gewaltigen Kurssteigerungen, denen ein ebenso starker Einbruch folgte. Als Ergebnis wurden mehrere Regierungsmitglieder entlassen, der Schatzkanzler wanderte wegen betrügerischen Verhaltens ins Gefängnis. Ein ähnliches Schema in Frankreich gab der Compagnie d’occident ein Handelsmonopol mit den französischen Besitzungen in Nordamerika, damals immerhin der gesamte mittlere Westen der späteren USA sowie Großteile Kanadas. Wie in England sollte auch dieses Schema zur Tilgung der Staatsschuld dienen, Staatsschuldtitel konnten gegen Anteile an der Compagnie eingetauscht werden. Das Schema war bald zu erfolgreich, weitere Staatsschulden und Banknoten wurden emittiert und in die Spekulation mit den rasch steigenden Aktien der Compagnie eingesetzt. Das Ergebnis waren Inflation und Staatsbankrott.[8]
