Die zwei Monde - Luca Tarenzi - E-Book

Die zwei Monde E-Book

Luca Tarenzi

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11,99 €

Beschreibung

Bei Vollmond ist deine Zeit abgelaufen!

Als die siebzehnjährige Veronica Meis am Morgen nach einer Party mit dröhnenden Kopfschmerzen und Übelkeit erwacht, kann das nur eines bedeuten: Sie hat einen Kater! Doch als die Symptome auch nach ein paar Tagen noch nicht verschwunden sind, beginnt Veronica sich Sorgen zu machen. Warum ist sie plötzlich so geräusch- und geruchsempfindlich? Wieso sieht sie plötzlich die fantastischsten Gestalten auf den Straßen Mailands? Woher hat sie diese seltsame Wunde am Bein? Und was hat der ebenso geheimnisvolle wie attraktive Ivan mit alldem zu tun? Als Veronica schließlich die Wahrheit herausfindet, ist es fast schon zu spät ...

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MOBI

Seitenzahl: 628

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DAS BUCH

Die siebzehnjährige Veronica Meis ist ein ganz normales Mädchen – sie streitet mit ihren Eltern, kämpft um die Anerkennung ihrer Klassenkameraden und schwärmt heimlich für den coolsten Typen der Schule –, bis sie in einer dunklen Vollmondnacht auf dem Heimweg überfallen wird. Veronica glaubt zwar, mit dem Schrecken davongekommen zu sein, doch ihr Leben hat sich radikal verändert: Sie hört und sieht plötzlich Dinge, die normale Menschen nicht wahrnehmen, und sie verfügt über übermenschliche Kräfte. Veronica lernt den geheimnisvollen Grafen Gorani kennen, der ihr Zugang zu einer magischen Welt mitten im Herzen von Mailand verschafft. Und Veronica genießt es, Teil dieser Welt zu sein und Macht über ihre Mitmenschen zu haben, die von der verborgenen Seite Mailands nichts ahnen. Wie gefährlich das Spiel ist, das sie spielt, erkennt Veronica erst, als sie den attraktiven Kunststudenten Ivan kennenlernt und sich in ihn verliebt. Doch kann sie Ivan wirklich vertrauen? Und was führt Graf Gorani im Schilde? Als Veronica die Wahrheit erkennt, ist es fast schon zu spät…

DER AUTOR

Luca Tarenzi wurde 1976 in Somma Lombardo geboren, studierte Religionsgeschichte in Mailand und war nach seinem Abschluss zunächst als Journalist und Redakteur tätig. Heute lebt und arbeitet er als freier Übersetzer und Autor in Arona. Für seine Werke wurde Luca Tarenzi bereits mit dem Premio Italia ausgezeichnet.

Luca Tarenzi

DIE ZWEI MONDE

Roman

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

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Titel der italienischen Originalausgabe

LE DUE LUNE

Deutsche Übersetzung von Elvira Bittner

Deutsche Erstausgabe 09/2012

Redaktion: Petra Müller

Copyright © 2009 by Luca Tarenzi

Copyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach Design, München

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-07658-0V002

www.heyne-magische-bestseller.de

Für Mirko Mitta und Mauro Ghirimoldi,

die mir das wahre Gesicht der Stadt gezeigt haben.

DER ERSTE MOND

»Das Brüllen der Löwen, das Heulen der Wölfe,

das Wüten des stürmischen Meers und

das zerstörerische Schwert sind Teile der Ewigkeit,

zu groß für das menschliche Auge.«

William Blake, Die Hochzeit von Himmel und Hölle

Kapitel 1

Montag 9. Februar

Vollmond

Mein Name ist Veronica Meis, und als mein düsteres Märchen seinen Anfang nahm, fehlten weniger als fünf Wochen bis zu meinem achtzehnten Geburtstag. Ich wachte morgens auf und erkannte das Geräusch, das mich geweckt hatte, noch bevor ich es wirklich hörte. Ich fühlte mich scheußlich.

Das Geräusch kam vom Vibrieren meines Fensters, verursacht von einem zu niedrig und zu nah vorbeifliegenden Flugzeug. Die ersten drei Dinge, die mir anschließend zu Bewusstsein kamen, waren ein bestialisches Hämmern in meinem Kopf, eine rumorende Übelkeit in meinem Magen und ein dumpfer Schmerz, der in meinem Knöchel pulsierte.

Ich blinzelte ins Dunkel. Wie spät mochte es sein? Durch die geschlossenen Fensterläden drang kein Lichtschimmer, es musste also die Sechs-Uhr-fünfzig-Maschine nach Budapest gewesen sein oder vielleicht auch die von halb sechs nach Frankfurt …

Ich drehte mich auf die Seite und suchte nach dem Radiowecker. Er war nicht da.

Mit ausgestreckter Hand tastete ich blind auf meinem Nachtschrank herum und warf verschiedene Gegenstände herunter, die mit gedämpftem Aufprall auf meinem Bettvorleger landeten.

Nichts. Der Wecker war nicht an seinem Platz.

Was nur eines bedeuten konnte: Meine Mutter hatte gestern Abend meine Abwesenheit ausgenutzt, um in mein Zimmer zu gehen und »aufzuräumen«.

Gestern Abend …

Wo bin ich nur gewesen? Die Erkenntnis, dass gestern irgendein besonderes Datum war, blitzte kurz in meinem Kopf auf, aber alles andere blieb völlig im Dunkeln. Ich war aus gewesen, das war schon allein deshalb klar, weil meine Mutter sich an meinen Sachen vergriffen hatte; dass ich getrunken hatte, sagte mir der unsichtbare Schraubstock, der mir die Schläfen zusammenpresste; dass es spät geworden war, sagte mir die entsetzliche Müdigkeit, die mich bleischwer niederdrückte.

Ich schwang die Beine aus dem Bett und stand auf. Oder besser gesagt, ich versuchte es, denn sobald ich den rechten Fuß auf den Boden setzte, durchzuckte meinen Knöchel ein stechender Schmerz, der mich fast zu Boden gehen ließ. Mir stiegen die Tränen in die Augen, und ich zog das Bein gleich wieder zurück ins Bett.

Hatte ich mir den Fuß verstaucht? Nein, das wäre eine andere Art von Schmerz gewesen … Ich tastete vorsichtig mein Bein ab: Da war etwas Hartes und Raues, an mehreren Stellen, und es tat weh, wenn ich draufdrückte.

Trockenes Blut. Wunden.

Ich streckte mich zur anderen Bettseite und machte das Licht an. Es war wie ein Hammerschlag auf den Kopf.

Die Luft füllte sich mit grellbunten Formen, das visuelle Äquivalent eines schrecklichen Kreischkonzertes. Ich verschränkte schnell die Arme vorm Gesicht.

Ich zählte bis zehn und versuchte dann, langsam die Augen wieder zu öffnen: Die »sichtbare Lautstärke« der Welt war zu einer einigermaßen akzeptablen Intensität zurückgekehrt, und doch war da etwas verdammt falsch um mich herum.

Ich ließ den Blick in jeden Winkel meines Zimmers wandern: das Bett, in dem ich saß, die mit allen möglichen Gegenständen vollgestopften Regale, das Fenster, die Wände, die so dicht mit Manga-Postern behangen waren, dass man den weißen Putz fast nicht mehr sah.

Diese Umgebung kannte ich besser als jede andere. Ich selbst hatte sie erschaffen, im Lauf der Jahre, in dem Haus in Ravenna, in dem ich vorher gelebt hatte. Und als meine Familie vor sechs Monaten hierhergezogen war und ich dieses Zimmer bekommen hatte, das im Grunde nicht viel anders (wenn auch kleiner) war als mein altes, wollte ich es genauso einrichten, einfach um mein Heimweh leichter ertragen zu können. Trotzdem war mir nie aufgefallen, wie bunt es war.

Ach, da stand ja mein Wecker, auf der Kommode neben der Tür, eingezwängt zwischen einem Plüschwolf und einem gerahmten Foto von mir als Sechsjähriger; die perfekte Position, um die perversen Anwandlungen meiner Mutter zu befriedigen, denn sicher hatte sie mich damit zwingen wollen, aufzustehen und das ganze Zimmer zu durchqueren. Das Display zeigte 6.54 Uhr. Linienflug nach Budapest.

Wozu brauchte man überhaupt einen Radiowecker, wenn man neben einem internationalen Flughafen lebte?

Ich schaute auf meinen Knöchel hinunter, der aus meiner türkisfarbenen Schlafanzughose hervorlugte. Blutkrusten. Und zwar viele.

Mich schwindelte. Ich musste die Augen schließen und einige Sekunden lange tief durchatmen. Dann sah ich von Neuem hin: Ich habe sehr helle Haut – in etwa vergleichbar mit dem, was ein Dichter einen »milchigen Teint« nennen würde, was meine Mutter aber schlichtweg als »Leichenblässe« bezeichnete –, daher leuchteten die Höfe um jede der Wunden wie mit einem Lippenstift gemalt. Das Blut hingegen hatte die Farbe von Teer.

Vorsichtig drehte ich den Fuß zur Seite: Es handelte sich um Löcher, deutlich unterscheidbar, in zwei parallel laufenden Reihen auf beiden Seiten des Knöchels. Ich starrte ziemlich lange darauf, bevor mir bewusst wurde, was ich da vor mir hatte. Eigentlich hatte ich noch nie eine solche Wunde gesehen, aber von der Form her war es offensichtlich: ein Biss. Der Biss eines großen Hundes.

Unmöglich. Ich war von einem Hund angefallen und blutig gebissen worden, undich konnte mich nicht daran erinnern?

Ich ging den ganzen gestrigen Tag noch mal durch. Es war ein Sonntag, deshalb hatte ich guten Gewissens bis nach zwölf geschlafen und allein zu Mittag gegessen: Meine Mutter war mit ihren Freundinnen unterwegs, mein Vater keine Ahnung wo. Dienstliche Verpflichtungen bestimmt, auch am Sonntag. Danach hatte ich eine Zeit lang was für die Schule gemacht, und später war ich ausgegangen: Ich war ins Zentrum gefahren, um ein Geschenk für Elena zu besorgen …

Elenas Geburtstag! Das war es, da war ich gestern Abend. Schlagartig tauchten in meinem Kopf eine Reihe von bruchstückhaften Erinnerungen auf, wie ein Haufen unscharfer Fotos, die nun in einem völligen Durcheinander auf dem Tisch lagen: funkelnde Gläser, die hellen Lichter des Lokals, Elena und Angela, die lachten …

Sonst nichts. Ich konnte mich nicht mal mehr erinnern, wie ich nach Hause gekommen war.

Offensichtlich hatte ich mir den unglaublichsten Rausch meines Lebens eingehandelt. Wenn meine Mutter das mitbekommen hätte, hätte sie mich schon mit einem Satz Ohrfeigen aus dem Bett geholt … Aber damit würde es bald vorbei sein. Trotz meiner verfahrenen Lage entlockte mir der Gedanke ein Lächeln: Fünf Wochen noch, dann wäre ich volljährig und würde endlich all das tun und lassen können, was ich wollte, ohne irgendwelche Konsequenzen befürchten zu müssen.

Im Moment aber hatte ich dringendere Probleme. Ich versuchte klar zu denken. Erstens: Meine Mutter durfte absolut nichts merken. Abgesehen von all den Fragen, auf die ich keine Antwort hatte – Was ist denn nur passiert? Ja, wo denn? Warst du alleine? Und wie bist du wieder nach Hause gekommen? –, wäre sicherlich ihre erste Reaktion, mir ihre üblichen »alternativen« Heilmethoden aufzuschwatzen: eine Pendeldiagnose, ein Umschlag mit magnetisiertem Wasser oder vielleicht eine Heilstein-Behandlung …

Was mich unweigerlich zum zweiten Punkt brachte: Ich musste das Bein einem Arzt zeigen. Ich zwang mich, Worte wie Tollwut und Wundstarrkrampf aus meinen Gedanken zu verbannen (ohne viel Erfolg); zu unserem Hausarzt konnte ich nicht gehen, und auch nicht zu einer Notaufnahme: In meinem Ausweis stand noch immer, dass ich erst siebzehn war, also hätten sie todsicher bei mir zu Hause angerufen.

Die Schule hatte eine Krankenstation. Ich war noch nie da gewesen, aber Irene, meine Banknachbarin, die an Anämie, niedrigem Blutdruck und ich weiß nicht was sonst noch für seltsamen Krankheiten litt, landete regelmäßig einmal die Woche dort. Wenn ich dahin gehen würde, ließe es sich dann irgendwie verhindern, dass meine Eltern davon erfuhren? Nachher in der Schule würde ich Irene gleich fragen, ob …

Der Radiowecker explodierte in eines dieser das Trommelfell terrorisierenden Trällerliedchen, wie sie nur am frühen Morgen gespielt werden. Ich schnellte so abrupt hoch, dass ich fast aus dem Bett gefallen wäre. Offensichtlich hatte meine Mutter den Wecker auch noch lauter gestellt.

Auf einem Bein hüpfend stürzte ich mich auf ihn und sorgte für Ruhe. Das Display zeigte sieben Uhr am Montagmorgen, und seltsamerweise war die Lautstärke so eingestellt wie immer. Und doch war es mir so unglaublich laut vorgekommen …

»Nica, bist du wach?«, kam die Stimme meiner Mutter durch die geschlossene Tür.

Sie war natürlich schon seit einer halben Stunde auf den Beinen. Jeden einzelnen Tag des Jahres stand sie um Punkt halb sieben auf und ging immer um dieselbe Uhrzeit ins Bett, getreu dem Prinzip, dass man »den energetischen Zirkadianzyklus des menschlichen Körpers dauerhaft konstant halten müsse«.

»Ja!«, antwortete ich und hüpfte zum Fenster.

Ich öffnete es und klappte die Fensterläden nach außen: Eine Woge feuchter, eiskalter Luft schlug mir entgegen und zerraufte mir die Haare. Es nieselte.

Über mir ein schwarzer Himmel, öde bis zum Horizont; unter mir und um mich herum, im Licht der noch brennenden Straßenlampen, die Dächer und Straßen von Mailand, ein Panorama, das ich nach sechs Monaten ganz gut kannte. Die immer gleiche Farbe des Himmels, mit Variationen von Schmutzgrau bis Asphaltnass. Nah, immer viel zu nah, die gelblichen Lichter des Flughafens, ein riesiger radioaktiver Strahlenkranz, der sich auf der Oberfläche der Wolken spiegelte und sie noch niedriger erscheinen ließ.

Guten Morgen, Leben! Ein weiterer wunderbarer Tag im Herzen der Metropole, eine ganze Schulwoche vor mir, die Weihnachtsferien seit einem Monat vorbei und der Sommer so weit entfernt wie ein fremder Stern.

Ich schloss das Fenster und lehnte mich mit dem Rücken an die Scheibe. Die Übelkeit war zurückgekehrt.

Ich schleppte mich in mein privates Badezimmer – der einzige Luxus in dieser mit jedem Tag kleiner erscheinenden Wohnung – und schaltete das Neonlicht über dem Spiegel an. Veronica starrte mir entgegen: schwarze, zerzauste Locken, gerötete Augen mit Augenringen, eine fast bläuliche Haut. Ich wusste genau, dass es der sicherste Weg in eine Depression war, sich am Montagmorgen um sieben Uhr mit kritischem Blick im Spiegel zu betrachten, aber ich schaffte es einfach nicht, es bleiben zu lassen. Ich schaffte es kein einziges Mal.

Ich wusch mir das Gesicht mit eiskaltem Wasser und sah erneut hin, aber die Veronica, die ich kannte, war noch immer da, mit ihrem zu spitzen Kinn, den zu vollen Lippen und den Haaren, die nicht einmal mit Hilfe von Eisendraht in eine Form zu bringen wären.

Ich hüpfte zurück ins Zimmer. Da ein harter Tag in Sicht war, war Kampfkleidung das Richtige. Ich riss mir den Schlafanzug vom Leib und zog einen schwarzen Rollkragenpullover mit engem Kragen an, weiße Jeans, Springerstiefel, Ohrringe aus Silber und Obsidian, nichts am Hals.

Ich ging zurück zum Spiegel, kämpfte drei Minuten mit der Bürste, packte dann die Schere und schnitt die paar Büschel, die nicht gehorchen wollten, einfach ab. Meine Haare waren sowieso kurz, es war die einzige Möglichkeit, sie einigermaßen im Zaum zu halten; zwei Büschel weniger würde niemand bemerken. Außerdem gefielen sie mir so: kurze Haare wie eine Kriegerin.

Ich sah mir tief in die Augen und härtete den Blick: stählerne Veronica. Du machst sie alle fertig, du bist unbesiegbar!

Ich löschte das Neonlicht. Einen Moment lang wurde mir wieder schwindelig. Ich machte vor der Badtür halt und versuchte, mit dem verletzten Fuß aufzutreten, aber er hielt mich nicht: Die Springerstiefel kamen mir sechs Kilo schwerer vor als sonst.

Ich öffnete die Tür einen Spaltbreit: niemand im Flur. Hüpfend gelangte ich zur Küche, aus der Kaffeeduft, eine schnatternde Frauenstimme und weiße Lichtwellen drangen, verursacht von den lächerlichen vertikalen Neonleuchtern, die meine Mutter in jeder Ecke installiert hatte. Ein vorsichtiger Blick zeigte mir, dass meine Mutter mit dem Rücken zu mir am Herd stand und mein Vater, in seinem Sessel sitzend, in seine Zeitung vertieft war. Mit einem Ruck hievte ich mich in die Küche, erreichte mit zwei Hüpfern den erstbesten Stuhl und setzte mich, bevor mich irgendjemand genauer unter die Lupe nehmen konnte. Der Rückweg würde schwieriger werden, aber eins nach dem anderen.

Meine Mutter trug eines der farbenfrohen Kleider, die sie von ihrer letzten Indienreise mitgebracht hatte, eine Wolke aus gelben, grünen und blauen Falten; meinem Vater und mir gegenüber behauptete sie immer, dass sie die Dinger nur zu Hause anzog, aber ich war mir nicht sicher, wie weit ich ihr das glauben konnte. Mit ihren eins achtundfünfzig, die ich unglücklicherweise geerbt hatte, ihrer Lockenpracht, die der meinen ähnelte, nur dass sie honigfarben war und ihr bis zur Mitte des Rückens reichte, und mit ihrer runden Brille auf der Nase sah sie absolut aus wie ein tropischer Papagei, und sie hatte auch die Stimme dazu. Heute Morgen roch sie nachPatschuli, auch nichts Neues.

Mit einem Lächeln drehte sie sich zu mir um – lächeln um sieben Uhr morgens! … – und servierte mir das Frühstück.

»Guten Morgen! Gut geschlafen?« Sie musterte mich mit zur Seite geneigtem Kopf wie ein kleines Mädchen. »Anscheinend bist du gestern Abend spät nach Hause gekommen: Ich hab dich nicht mal gehört.«

»Ich bin ganz leise gewesen.« Ich starrte auf den Kaffee und die Kekse und spürte, wie sich mir unwillkürlich der Magen umdrehte. Ich riss mich zusammen und zwängte mir einen Keks zwischen die Zähne, als wäre alles in bester Ordnung. Ich kaute, schluckte, trank einen Schluck Kaffee und begann die ganze Prozedur von vorn, ohne weiter auf das Geschnatter meiner Mutter zu achten.

Als ich eher zufällig aufsah, kreuzte mein Blick den meines Vaters: Er hatte die Zeitung gesenkt und starrte mich regelrecht an.

Wenn meine Mutter einem Papagei ähnelt, hat mein Vater eher etwas von einem Geier. Fast zwei Köpfe größer als die Damen des Hauses, spindeldürr, mit hoher Stirn und so streichholzkurzen Haaren, als wolle er damit seine Hakennase noch zusätzlich betonen, saß er in seinem Sessel, den Kopf zwischen den Schultern wie ein Raubvogel in Erwartung seiner Beute. Er arbeitete als Versicherungsvertreter, und das seit zwanzig Jahren ohne Unterbrechung; wegen seinem Job hatte man uns vor einem halben Jahr in Ravenna entwurzelt und in den Zement von Mailand verpflanzt.

»Alles in Ordnung, Veronica?« Seine Stimme war so tief, wie die meiner Mutter schrill war.

»Ja, warum?«

»Du siehst erschöpft aus. Und du bist blass.«

»Nica ist immer blass«, schaltete sich meine Mutter ein, ohne sich umzudrehen. »Weil sie in einem total hirnrissigen Tagesrhythmus lebt, nie in die Sonne geht und nur ekelhaftes Zeug isst.«

Ich verzog schweigend den Mund. Es war immer dieselbe Litanei; unnötig, sich auf eine Diskussion einzulassen.

»Wo warst du gestern Abend?«, insistierte der Geier.

»Beim Geburtstag einer Freundin.«

»Im Zentrum?«

»Ja.«

»Und ist alles gut gegangen?«

Ich tat so, als wäre ich noch voll mit Kauen beschäftigt, um genügend Zeit zu gewinnen, meine Antwort überzeugend klingen zu lassen. Aber in der nächsten Sekunde klingelte im Wohnzimmer das Handy meines Vaters, und er tat das, was er schon immer am besten konnte: Er verschwand.

Keine halbe Minute später machte sich auch meine Mutter auf den Weg in Richtung Bad. Das war meine Chance: Ich stürzte hinunter, was von meinem Kaffee noch übrig war, unterdrückte die Übelkeit und schnellte hoch, um so schnell wie möglich in mein Zimmer zu gelangen. Sieben Hüpfer bis zur Zimmertür, einen, um nach dem Rucksack auf dem Stuhl zu greifen, weitere neun zur Wohnungstür.

An der Garderobe schnappte ich mir meine Lederjacke und den riesigen schwarzen Wollschal, den ich mir immer wie ein Umhängetuch um die Schultern legte.

Aus dem Bad war das Getriller meiner Mutter zu hören: »Du wirst doch nicht dieses Lederdings anziehen, oder? Draußen ist es eiskalt!«

»Nein«, rief ich zurück, »es ist gar nicht so kalt. Ciao!« Ich ließ die Tür hinter mir ins Schloss fallen.

Tatsächlich war es im Treppenhaus so kalt wie am Nordpol, und ich kam mir nun doch etwas dämlich vor. Aber ich mochte diese Jacke, auch wenn sie nicht warm hielt. Und sie war einfach das richtige Outfit für diesen Tag: Ein Anorak wäre … irgendwie ein Zeichen von Schwäche gewesen.

Ich humpelte auf die Treppe zu, machte aber auf halber Strecke kehrt und beschloss, den Aufzug zu nehmen. Seit ich hier wohnte, war ich die fünf Stockwerke hoch wie runter immer zu Fuß gegangen: jeder Absatz ein paar verbrauchte Kalorien. Aber heute war es sinnlos, es überhaupt zu versuchen.

Unser Haus war nicht gerade das, was man ein modernes Gebäude nennen würde. Außen und innen weiß gestrichen, hatte es die typische Form der alten Mailänder Mietshäuser: vier Flügel, die sich um einen mickrigen Innenhof drängten – in dem unseren gab es sogar einen kleinen Teich, der mehr wie ein Sumpf aussah, mit Grasbüscheln, die auch im Sommer strohgelb waren, und einem halben Dutzend Goldfischen, bei deren Anblick ich immer an eine Flüchtlingsfamilie denken musste. Auch die mit Geranien geschmückten Balkons waren wenig dazu angetan, den Gesamteffekt zu verbessern. Das Treppenhaus war eng und steil, die Wände sahen schlicht heruntergekommen aus, und die Türen des sowieso schon geräuschvollen Aufzugs wurden von einem noch geräuschvolleren Metallgitter geschützt, das beim Öffnen so gewaltsam zur Seite schnellte wie ein Fallbeil.

Ich drückte die Taste, um den Klapperkasten zu rufen, und schwang mir meinen Schal um die Schultern. Eine Woge aus Rauch, Schweiß, Alkohol und Schlimmerem wallte daraus hervor, sodass ich beinah taumelte. Schnell riss ich mir das Stück Stoff wieder vom Leib.

Es war, als hätte sich in meinem Kopf eine Tür geöffnet, denn plötzlich überrollte mich eine Flut von Erinnerungen an den vorangegangenen Abend. Ich sah alles vor mir: das Lokal mit seinen scharlachroten Sesseln, die runden Tische, die Scheinwerfer, die mit ihrem Licht den rauchgeschwängerten Raum durchschnitten. Da waren bekannte Gesichter und solche, die ich noch nie gesehen hatte, einige Leute saßen an den Tischen, andere tanzten auf der Tanzfläche. Es war ein großes und lautes Fest: Elena hatte viele Freunde, sie war sehr beliebt. Auf den Tischen drängten sich jede Menge Gläser und bunte Flaschen. Es war ziemlich viel Alkohol im Umlauf. Zu viel für ein Fest mit lauter Minderjährigen.

Und ich, wo war ich inmitten dieses Hexenkessels? Anscheinend saß ich an einem Tisch, trank aus einem Plastikbecher und war in ein Gespräch vertieft. Elena saß zwei Tische weiter, zusammen mit Angela und Susanna: Ich sah zu ihnen hinüber, Angela erwiderte meinen Blick mit einem Lächeln, das freundschaftlich zu sein schien. Aber dann …

Nebel, Dunkelheit, das gelbliche Licht einer Straßenlampe, hastende Schritte auf dem Asphalt, eine Stimme, die etwas schrie, eine Art Brüllen und …

Die Aufzugtüren gingen klaffend auf und unterbrachen meinen Tagtraum. Ich lehnte mich gegen das Gitter: In meinem Kopf drehte es sich mehr denn je.

Ich wartete ein paar Sekunden, hob meinen Schal wieder in die Höhe, kam aber nicht weiter als bis auf Armeslänge. Was hatte ich nur mit ihm angestellt? Er sah völlig unverändert aus, stank aber wie ein Lumpen, mit dem man eine Lache aus Wodka und Zigarettenstummeln aufgewischt hatte.

Ich wickelte ihn mir trotzdem um den Hals und versuchte, ihn so weit wie möglich von meiner Nase entfernt zu drapieren. Ohne ihn konnte ich nicht los, wenn ich mir nicht – zum großen Vergnügen meiner Mutter – den Rest holen wollte. Im Erdgeschoss verließ ich den Aufzug und schlüpfte hinaus in die morgendliche Kälte.

Kapitel 2

Montag, 9. Februar

Ich hätte nicht sagen können, was ich wirklich über meine neue Stadt dachte, und das irritierte mich.

Bis vor wenigen Monaten war die Altstadt von Ravenna mein Zuhause gewesen: die schmalen, schattigen Gassen, das Kopfsteinpflaster, die immer wieder überraschend auftauchenden Überreste der alten Stadtmauer und der Duft des Meeres, den der Wind von der Küste an manchen Tagen in die Stadt trug. Eine Welt, die ich liebte, nicht nur, weil sie die einzige war, die ich kannte. Und dann war Mailand gekommen, einfach so, völlig aus dem Nichts, wie ein Meteorit, der in mein Leben eingeschlagen war.

Sich hier einzugewöhnen, war nicht einfach und mir im Grunde noch immer nicht gelungen: An manchen Tagen hatte ich solches Heimweh nach Ravenna, dass ich kaum atmen konnte. Und doch war das hier jetzt mein Zuhause, und damit musste ich irgendwie klarkommen.

Vielleicht, sagte ich mir, sind sechs Monate nicht genug, um die Seele eines Ortes zu erspüren. Vielleicht musste ich nur Geduld haben und warten, dass der neue Himmel, die neuen Straßen, die andere Luft ein Teil von mir wurden … Tatsächlich aber fühlte ich mich in Mailand wie eine Fremde, und die Stadt interessierte sich nicht im Geringsten für meine Meinung über sie.

An diesem Morgen griff sie noch gewaltsamer nach mir als sonst. Die Luft war eiskalt und schwer von Feuchtigkeit, das Licht der Straßenlampen tauchte den tief hängenden Nebel in eine gelbliche Farbe, die mir in den Augen brannte. Ich seufzte: Wenigstens hatte es aufgehört, zu regnen.

Die fünf Minuten Weg, die mich von der Metro-Station trennten, fühlten sich an wie fünf Stunden. In kleinen Hüpfern nahm ich die Treppe in Angriff, in der Hoffnung, dass es dort unten wenigstens ein wenig wärmer sein würde. Als die morgendliche Menschenmenge vor mir auftauchte, überrollte mich schlagartig eine solche Woge von Stimmen, Gerüchen und Bewegungen, dass ich für einen Augenblick glaubte, ohnmächtig zu werden. Ich lehnte mich an eine Wand, selbst die Lichter des Kiosks am Fuß der Treppe waren kaum zu ertragen.

Ich zählte bis zehn und versuchte, die aufsteigende Panik zu ignorieren. Dann öffnete ich vorsichtig die Augen und wagte einen zweiten Blick auf den Kiosk: Die Lichter waren zwar immer noch ein wenig zu hell und wurden grell von den Titelblättern der Zeitschriften reflektiert, aber es ging.

Mit gesenktem Kopf legte ich die zehn Meter bis zur Sperre zurück, hielt meine Schülerkarte an den Sensor und schleppte mich die Treppen zu den Zügen hinunter. Der Bahnsteig war total überfüllt wie jeden Morgen. Ich drückte mich an die Wand und schloss erneut die Augen: In diesem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als zu Hause geblieben zu sein.

Zum Glück waren die fünfundzwanzig Minuten Fahrt vom Stadtrand bis zum Parini-Gymnasium weniger schrecklich als befürchtet. Allerdings standen die Leute um mich herum so dicht gedrängt, dass ich auch dann nicht umgefallen wäre, wenn ich die Füße vom Boden gehoben hätte (was ich tatsächlich tat, um meinen verletzten Knöchel zu entlasten).

Ich versuchte, mir darüber klar zu werden, was mit mir vor sich ging: Es war, als wäre die ganze Welt um mich herum lauter geworden, und zwar nicht nur in meinen Ohren, sondern auch in meinen Augen und sogar in den Nasenlöchern. Alles war zu hell, zu bunt, zu grell, die Stimmen der Leute verursachten einen Höllenlärm, und das Kreischen der Metro kam mir vor wie das Brausen eines tosenden Wasserfalls. Und erst der Geruch … Der Geruch der Leute um mich herum, wahnsinnig intensiv, bunt durchmischt, vielschichtig und so dicht, dass ich mich nicht gewundert hätte, wenn er wie Wasserdampf an den Fenstern kondensiert wäre.

Aber je mehr Zeit verging, desto mehr ließ das Gefühl nach, und als ich endlich an meiner Haltestelle ausstieg und mich humpelnd auf den Weg in das graue Licht des Morgens machte, ging es mir schon etwas besser.

In der Schule angekommen, versuchte ich, so schnell wie möglich nach oben zu gelangen: Da ich am Stadtrand wohnte – was bedeutete, dass ich um sieben Uhr aufstehen musste, während ich in Ravenna einen Fußweg von exakt vier Minuten gehabt hatte –, war ich immer die Letzte, die das Klassenzimmer betrat.

Meine Mitschüler hatten sich in Trauben im ganzen Raum verteilt und lümmelten, in verschiedene Gesprächswolken gehüllt, auf Bänken, Heizungen und Fensterbrettern herum; kaum einer saß auf seinem Stuhl. Ich blieb für einen Moment in der Tür stehen: Zwanzig Jungs und Mädchen, alle in meinem Alter, Gedanken wie die meinen, Leben wie meins. Zwanzig fast Fremde, die ich seit über vier Monaten jeden Morgen sah: Ich kannte die Namen von allen, die Handynummern von einigen, die Adresse von keinem.

In Ravenna hatte ich siebzehn Jahre mit denselben Freunden verbracht. Ich kannte sie von Kindesbeinen an, sie waren meine Nachbarn und Klassenkameraden seit Grundschulzeiten. Hier in Mailand war ich gezwungen, neue Freunde zu finden: eine völlig neue Herausforderung, für die ich, wie ich feststellen musste, wenig Talent hatte.

Ich atmete tief durch. Wovor hätte ich Angst haben sollen? Ich hatte den schwarzen Rollkragenpullover an, der mir so gut stand, meine Haare waren in Ordnung (oder fast), und ich trug die Ohrringe, die mir meine Freundinnen aus Ravenna zum Abschied geschenkt hatten. Sie waren ein Glücksbringer für mein neues Leben. Ich war also okay. Ich würde jeder Musterung standhalten können.

Also nahm ich die Schultern nach hinten, trat über die Türschwelle und bewegte mich auf meinen Platz in der vorletzten Reihe zu, bemüht, dabei so wenig wie möglich zu humpeln. Wie zufällig warf ich einen Blick nach rechts, auf das Ende der zweiten Reihe, wo sich gerade die größte und auffälligste Gruppe aufhielt: ein Haufen Jungs, die sich ganz offensichtlich um Angela und ihre Freundinnen geschart hatten.

Die allerdings hatten im Moment gar keinen Nerv für ihren kleinen privaten Hofstaat.

Sie hatten nur Augen für mich.

Wer schon mal einen Manga gelesen hat oder japanische Zeichentrickfilme kennt, hat eine Vorstellung von dem Terzett, das Angela, Elena und Susanna bildeten. Ich, die ich schon mehr Mangas und Animes verschlungen hatte, als gut für mich war, war ihnen im Lauf der Jahre immer wieder begegnet, allerdings noch nie im richtigen Leben: Hätte mir in Ravenna jemand die drei beschrieben und mir gesagt, dass es sich um reale Lebewesen und nicht um gemalte Figuren handelte, hätte ich ihm wahrscheinlich nicht geglaubt.

Noch nie hatte ich sie getrennt voneinander gesehen: Sie gingen zu dritt spazieren, sie lernten zu dritt, sie gingen am Samstagabend zu dritt aus – beziehungsweise zu sechst, aber dann mit wechselnden Begleitern –, und selbstverständlich gingen sie in der Pause auch gemeinsam auf die Toilette, wie eine Riege von drei Heroinen, vereint und stark im Kampf gegen das Böse. Oder eher gegen alles, was nicht nach ihrem Geschmack war.

Elena war die größte von ihnen: Sie überragte ihre beiden Freundinnen um eine Handbreit und mich um fast einen ganzen Kopf. Ihre glatten, rabenschwarzen Haare fielen ihr wie ein Wasserfall über den Rücken, und der Puppenpony, der sich über ihre Stirn drapierte, tat wenig dazu, den herablassenden und leicht angeekelten Blick abzumildern, den sie ständig zur Schau trug. Sie hatte immer eng anliegende Klamotten an und ihre Jeans saßen stets tief auf der Hüfte, auch an Tagen, an denen eine solche Polarkälte herrschte wie heute – und sie machte immer eine gute Figur darin. Ich hatte gehört, dass sie eine erstklassige Schwimmerin sei, was angesichts ihres Körpers absolut glaubhaft schien. Auch ich ging regelmäßig jeden Donnerstag schwimmen, aber Schenkel wie diese würde ich nie haben, nicht einmal im Traum.

Es war ihr Geburtstagsfest gewesen, auf dem ich am Abend zuvor gewesen war: Sie war achtzehn geworden. Damit war sie fünf Wochen vor mir an dem magischen Datum angekommen, und das war nur eine Sache, die sie mir voraushatte.

Susanna war kleiner, aber nicht weniger elegant. Ihre braunen Locken waren weitaus fügsamer als die meinen und immer in perfekter Ordnung; sie trug eine Brille und hatte ein weiches, rundes Gesicht. Als Manga-Heldin wäre sie die Intellektuelle der Gruppe, die junge Wissenschaftlerin oder die geniale Programmiererin, sehr süß und ein wenig naiv. In den nussbraunen Augen, die mich jetzt durch die Brillengläser anstarrten, lag jedoch weniger Süße als in einem Stein, und vielleicht ebenso wenig Naivität. Was die Intelligenz betraf, hatte sie die Figur jedoch richtig getroffen: Sie war unangefochten die Klassenbeste, und wie ich gehört hatte, war sie es immer gewesen, auch in früheren Jahren.

Zwischen den beiden schließlich, auf dem Platz, der ihr naturgemäß zustand: die Prinzessin.

Angela war ein Gemälde, das ideale Modell eines Renaissancemalers. Wer sie ansah, wusste nicht, worauf er seine Aufmerksamkeit zuerst richten sollte: auf ihre kornblonden Locken, ihre Porzellanhaut, ihre blauen, beinahe violetten Augen oder ihren Rosenmund. Ihre Eltern hätten keinen besseren Namen für sie finden können: Angela, die Engelsgleiche. Zu behaupten, dass sie – wo immer sie sich befand – im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, wäre eine Untertreibung gewesen.

In diesem Moment hatte sie, wie gesagt, ihren Blick auf mich gerichtet, und folglich drehten sich alle anderen ebenfalls zu mir um.

Mein erster Impuls war, mich einfach mit gesenktem Kopf zu meinem Platz in der vorletzten Reihe zu flüchten. Stattdessen presste ich die Lippen zusammen und hielt ihrem Blick stand. Warum sollte ich es sein, die zuerst wegsah? Nur weil sie mich mit ihren amethystfarbenen Pupillen durchbohrte?

Wir waren keine Freundinnen, hatten nur ab und an ein paar wenige Worte gewechselt, und auch bei den anderen beiden war das nicht anders; ich war lediglich auf Elenas Fest eingeladen, weil die ganze Klasse eingeladen war.

Aber wir waren auch keine Feindinnen. Oder jedenfalls nicht offiziell: Zwar hatte mir nie gefallen, wie die drei mich ansahen oder miteinander tuschelten, wenn ich an ihnen vorbeiging, aber es hatte auch keine offenen Zeichen von Feindschaft zwischen uns gegeben.

Ich sah die drei Manga-Heldinnen so gleichgültig wie nur möglich an: Auf Angelas Lippen lag die Andeutung eines Lächelns, ein rätselhafter, aber irgendwie anziehender Gesichtsausdruck, wie ihn nur sehr selbstsichere Menschen über längere Zeit zur Schau stellen konnten. Ihre Komplizinnen hingegen lächelten ganz und gar nicht.

Ich warf einen Blick auf die Jungs um sie herum und bereute es sofort: Auf Angelas Bank lümmelte mit übereinandergeschlagenen Beinen, die Hände am Rand aufgestützt, Alex.

Alex gefiel mir, es wäre dumm gewesen, das nicht wenigstens vor mir selber zuzugeben. Er hatte dunkelblonde Haare, die im Licht wie Kupferfäden leuchteten, haselnussbraune Augen und ein Lächeln, das einen zwang, ihn zumindest zur Kenntnis zu nehmen.

Auch mit ihm hatte ich bisher kaum geredet, vor allem weil meine Zunge, wenn er mich anlächelte, meistens die plötzliche Tendenz hatte, am Gaumen festzukleben. Aber er war immer nett zu mir, und als ich im November mit Grippe flachgelegen war, hatte er mich sogar zu Hause angerufen – von sich aus! –, um mir die Hausaufgaben durchzugeben.

Ich hätte gern, sehr gern, mehr mit ihm zu tun gehabt, aber angesichts der Tatsache, dass er mich schrecklich nervös machte und mehr oder weniger fester Bestandteil von Angelas Hofgesellschaft war, sah ich dafür keine reelle Chance. Vielleicht auch besser so: Wenn ich ihn zu oft gesehen hätte, wäre es sicher aufgefallen, dass ich eine Schwäche für ihn hatte.

Und das durfte am besten niemand wissen, er noch weniger als alle anderen.

Als ich ihn ansah, erwiderte er einen Moment meinen Blick, senkte aber sofort die Lider. Das versetzte mir einen Stich. Hatte ich was falsch gemacht? Ich versuchte mich an unser letztes Gespräch zu erinnern, aber mein Kopf war wie leer geblasen.

Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich auf halber Strecke zu meinem Platz stehen geblieben war und ins Leere starrte, während die anderen mich ihrerseits unverhohlen anglotzten. Humpelnd nahm ich den Weg ans Ende des Klassenzimmers wieder auf.

Auch ohne hinzusehen, spürte ich, wie Angelas Augen zu meinem verletzten Knöchel wanderten. »Hey, Meis, Probleme mit deinem Bein? Zu viel getanzt vielleicht?«

Sie sagte es mit nur leicht erhobener Stimme, fast als würde sie gar nicht mich meinen, die ich ja einige Meter von ihr entfernt war; dennoch provozierte ihre Bemerkung schallendes Gelächter, das vom einen Ende des Klassenzimmers bis zum anderen hallte.

Ich taumelte, als hätte mich ein kräftiger Windstoß erfasst, schaffte es aber doch zu meinem Platz, bevor ich von oben bis unten rot anlief. Wenigstens hoffte ich das.

Ich schloss die Augen und zwang mich, nicht die Hände vors Gesicht zu schlagen. Was zum Teufel war hier los? Warum lachten alle über mich? Was hatte Angelas Bemerkung zu bedeuten?

»Veronica, bist du in Ordnung?«

Die liebevolle und etwas heisere Stimme zu meiner Linken holte mich wieder zurück in die Realität.

Ich öffnete die Augen und zwang mich, meiner Banknachbarin und einzigen Freundin ein Lächeln zu schenken.

Irene war so groß wie ich, hatte eine herrliche Lockenmähne, deren Schwarz mit bläulichen Reflexen gesprenkelt war, riesige feuchte Kulleraugen und einen Teint, der mich im Vergleich fast dunkelhäutig erscheinen ließ. Sie war zweifellos hübsch, aber auf eine so niederschmetternde Art, dass man unwillkürlich den Wunsch verspürte, sie wie ein Plüschtier in den Arm zu nehmen.

Sie trug immer strahlend weiße Blusen, teure Ohrringe und – als einziges Mädchen, das ich kannte – Röcke. Sie hatte ein sehr eigenes Parfüm, ein Gemisch aus Veilchen und Krankenhausdesinfektionsmittel, das mir an diesem Tag erwartungsgemäß umso heftiger in die Nase stieg. Ihr Vater war Juwelier, ihre Mutter Psychologin, und zwar eine von denen für hundertfünfzig Euro die Stunde.

»Nein, ich bin überhaupt nicht in Ordnung.« Ich senkte die Stimme. »Ich habe mir den Knöchel verletzt.

Ihre schimmernden Augen füllten sich mit Sorge. »Gestern Abend?«

Sie war nicht auf der Party gewesen: Ein verrauchtes Lokal hätte ihr sicherlich einen Asthmaanfall eingebracht, und selbst der Geruch von Alkohol reichte ihr schon.

»Ja. Nein …« Ich seufzte. »Ich weiß es nicht. Ich bin mir nicht sicher.«

»Was war denn los?« Sie warf einen abschätzigen Blick auf den Rest der Klasse; einige blickten immer noch in meine Richtung und grinsten.

Ich fuhr mir mit der Hand über die Stirn. »Ich habe keine Ahnung: Ich kann mich an so gut wie nichts erinnern.«

»Zu viel getrunken?«

»Wahrscheinlich.«

Ich zog meine Jacke aus und hängte sie über die Stuhllehne, zusammen mit meinem Schal, aus dem auch diesmal eine übelkeiterregende Wolke hervorquoll. Irene zuckte nicht mit der Wimper, und ich fragte mich, wie das möglich war: Diesen Gestank musste man doch aus drei Metern Entfernung riechen!

»Und da ist noch was …« Ich senkte die Stimme noch mehr; Irene näherte ihren Kopf dem meinen. »Irgendwas stimmt heute Morgen mit meinen Augen nicht. Und mit meinen Ohren. Und mit meiner Nase.«

»Was soll das denn heißen?«

»Ich weiß auch nicht, alles ist so viel … heftiger. Die Lichter, die Geräusche, der Geruch der Leute. Es ist, als wäre alles intensiver geworden.«

»Hyperästhesie«, erwiderte sie im Brustton der Überzeugung, wie jemand, der eine große Menge an medizinischen Fachausdrücken kennt, einfach weil er sie alle auf sich selbst angewandt gehört hat.

»Was heißt das?«

»Das ist eine nervöse Störung: eine pathologische Verschärfung der Sinne.«

»Und warum kriegt man so was?«

»Aus vielerlei Gründen. Auf jeden Fall ist es keine Krankheit, sondern ein Symptom.«

Es war sicher nicht ihre Absicht, mich zu erschrecken, aber sie tat es trotzdem. »Und was kann man dagegen tun?«

»Kommt drauf an … Es muss nicht unbedingt gefährlich sein. Mir passiert es zum Beispiel auch, wenn ich Erdbeeren esse: Ich kriege lauter rote Punkte auf der Zunge und kann den Geruch der Früchte nicht mehr ertragen. Und wenn ich zu wenig schlafe, erscheinen mir alle Geräusche unerträglich laut, sogar das Ticken der Uhr. An deiner Stelle würde ich einfach mal bis morgen warten: Wenn es von selber aufhört, ist es nicht weiter schlimm.«

»Und wenn es nicht aufhört?«

Irene schüttelte den Kopf. »Dann geh zum Arzt.«

»Hast du eine Ahnung, wie das mit dem Schularzt hier ist? Wenn ich zu dem gehe, um meinen Knöchel anschauen zu lassen und auch … das andere, werden dann meine Eltern verständigt?«

»Wahrscheinlich.«

Ich pfiff leise durch die Zähne.

»Aber was hast du denn mit deinem Knöchel angestellt?«, fragte sie. »Eine Zerrung vielleicht?«

Trotz allem musste ich grinsen: Wenn man mit Irene redete, schien es, als wäre man schon beim Arzt.

»Nein, ich würde eher sagen eine … Wunde. Ich glaube, ein Hund hat mich gebissen oder so was.«

»Was heißt das, du glaubst?«

»Dass ich mich nicht daran erinnern kann, das habe ich dir doch schon gesagt.« Plötzlich kam mir ein neuer, alles andere als beruhigender Gedanke. »Dieses Nervenproblem, von dem du vorhin gesprochen hast …«

»Die Hyperästhesie.«

»Könnte das ein Symptom sein für … Tollwut?«

Irene senkte einen Moment den Blick und durchwühlte die medizinische Enzyklopädie in ihrem Kopf. »Vielleicht, ich bin nicht sicher. Aber sicher nicht vor dem Endstadium der Krankheit.«

»Endstadium?«

»Dem Stadium, in dem man stirbt.«

Wahrscheinlich war ich kreidebleich geworden, denn ihre Augen weiteten sich und sie legte schnell eine Hand auf die meine. »Reg dich nicht auf, Veronica. Es ist praktisch unmöglich, im Zentrum von Mailand von einem tollwütigen Hund gebissen zu werden: Hier gibt es keine Tollwut, nicht bei uns.«

Ich brauchte drei ganze Sekunden, um die Nachricht aufzunehmen, und wenigstens doppelt so lang, bis sich mein Herzschlag wieder zu normalisieren begann.

»Und Wundstarrkrampf?«, flüsterte ich. »Kann man den kriegen von einem Hundebiss?«

Irene presste die Lippen aufeinander. »Ich fürchte ja, auch wenn es nicht sehr wahrscheinlich ist. Hast du die Wunde desinfiziert?«

Ich ärgerte mich über mich selbst. »Nein.«

»Dann würde ich mich gegen Tetanus impfen lassen.«

Ich schluckte. »Und wo kann man das machen?«

»Ich werde mich informieren.«

»Aber diskret, bitte!«

»Diskret.« Sie lächelte mich an und drückte von Neuem meine Hand.

Drei Stunden später, in der Pause, bat ich sie, mit mir auf die Toilette zu kommen, um sich die Wunde anzusehen. Es war das erste Mal, dass ich mit einem anderen Mädchen zur Toilette ging, seit ich in Mailand war: Um dem Tag auch eine positive Seite abzugewinnen, versuchte ich, das als Zeichen für einen Fortschritt in unserer Freundschaft zu werten.

Ich zog meinen Stiefel aus und nahm vorsichtig die Jeans hoch; die Wunde tat schon weniger weh als beim Aufwachen. Irene bückte sich, um mit professioneller Miene meinen Knöchel zu studieren. »Es sieht tatsächlich aus wie ein Hundebiss, allerdings nur ein oberflächlicher: Die Haut ist ja nicht mal gerötet. Du hast dir völlig umsonst Sorgen gemacht.«

Ich schüttelte den Kopf. »Wie, sie ist nicht gerötet?«

Ich bückte mich, um selber zu schauen: Die Wunden schienen deutlich kleiner, als ich sie in Erinnerung hatte.

Ich runzelte die Stirn und studierte die Stelle noch genauer. Irene hatte recht: Es war wirklich nur ein kleines bisschen rot um die Krusten herum, und die tiefen Einkerbungen, die ich einige Stunden vorher gesehen hatte – oder zu sehen geglaubt hatte – sahen eher aus wie große Kratzer.

Ich tastete mich vorsichtig ab: Es tat zwar weh, aber weniger als vorher. Viel weniger.

»Ich komme mir vor wie eine Idiotin. Ich schwöre, dass sie heute Morgen noch ganz anders ausgesehen haben.«

Irene schenkte mir ihr typisches Lächeln, süß und blutleer. »Du hast dich nur erschreckt. Komm, gehen wir zurück: Es klingelt gleich.«

»Geh schon mal vor: Ich wasche mir noch die Hände und komme nach.«

Irene verließ die Toilette, während ich mein Hosenbein herunterzog und wieder in meine Stiefel schlüpfte.

Ich ließ Wasser über meine Hände laufen, als die Tür aufging und Giada hereinkam, ein etwas untersetztes und eher schweigsames Mädchen, das zwei Reihen vor mir saß. Sie warf mir einen raschen und alles andere als unschuldigen Blick zu, bevor ihr brauner Pagenkopf hinter einer Toilettentür verschwand.

Ich beendete mein Händewaschen und wollte schon den Raum verlassen, blieb dann aber doch stehen.

Giada war nicht unbedingt eine Freundin von Angela und ihren Kumpaninnen: Dazu fehlten ihr die ästhetischen und sozialen Requisiten. Aber ich hatte sie des Öfteren dabei beobachtet, wie sie Elena und Susanna zuhörte und dabei mit einem servilen Grinsen immer wieder beifällig nickte. Jeder Hof braucht nun mal auch seine Lakaien.

Ich versuchte mich zu erinnern, ob auch sie auf dem Fest gewesen war, aber umsonst. Die Logik ließ allerdings auf Ja tippen: Es war schließlich Elenas Fest gewesen.

Ich wartete, bis Giada wieder aus der Kabine kam. Bei meinem Anblick fuhr sie zusammen. Offensichtlich hatte sie nicht damit gerechnet, mich noch hier anzutreffen.

Sie drehte den Wasserhahn auf und tat so, als würde sie mich gar nicht zur Kenntnis nehmen, aber ich postierte mich direkt neben sie. Sie wurde ganz steif. Unter normalen Umständen hätte sie mir vielleicht leidgetan, aber nicht jetzt.

»Warum habt ihr heute Morgen alle gelacht?«, fragte ich sie unvermittelt. »Was hat Angela da angedeutet?«

Giada starrte ihre eingeseiften Hände an und antwortete nicht.

Ich setzte in schneidendem Ton hinzu: »Was verheimlicht ihr vor mir?«

Der fiese Ton gelang mir gut, das wusste ich; manchmal übte ich ihn auch vor dem Spiegel. Und in diesem Moment hatte ich nichts sonst, um dem Gefühl zu begegnen, dass die ganze Welt sich gegen mich verschworen hatte.

»Hast du wirklich keine Ahnung?« Giada hatte eine ziemlich unangenehme Stimme, die die Vokale überbetonte. »Erinnerst du dich denn nicht?«

Ich zögerte, aber nur einen Augenblick. »Nein.«

Giada schluckte. »Angela hat gesagt, …« Sie holte Luft, als ob sie drauf und dran wäre, gleich loszurennen. »… dass wir dir nichts verraten sollen.«

Und jetzt rannte sie tatsächlich los, sie stürzte förmlich nach draußen, obwohl noch die Seife von ihren Händen tropfte.

Ich blieb allein zurück, unfähig, mich zu bewegen, starrte ich auf die halboffene Tür, einem Chaos an Emotionen ausgeliefert. Verwirrung, Scham und mehr als alles andere: Wut.

Kapitel 3

Montag, 9. Februar

Nach Schulschluss regnete es in Strömen. Ich legte den Weg bis zur Metro rennend zurück. Wegen all der aufgespannten Regenschirme war auf dem Fußweg kaum ein Durchkommen, und– ein weiterer unsympathischer Unterschied zwischen Mailand und Ravenna– es gab keine überstehenden Dächer, die Schutz vor der Sintflut geboten hätten. Als ich die Treppen zur Metro hinunterstürzte, tropfte es aus meinen Haaren und von meinen Ärmeln; die weißen Wölkchen, die mein Atem produzierte, waren so dicht, dass ich fast nicht mehr hindurchsehen konnte.

Auf dem Bahnsteig, inmitten all der Menschen, die in ihre Mittagspause strömten, bückte ich mich und betastete durch die Jeans hindurch, die inzwischen eher bräunlich grau als weiß waren, meinen Knöchel: Es tat gar nicht mehr so weh. Ich schüttelte ungläubig den Kopf: Heute Morgen konnte ich damit praktisch nicht auftreten, und jetzt war ich sogar schon wieder gerannt.

Zu Hause empfingen mich eine mucksmäuschenstille Wohnung, ein Mittagessen zum Aufwärmen und eine Nachricht von meiner Mutter. Letztere lugte unter den dicklichen Füßen von Ganesha hervor, dem fetten indischen Gott mit dem Elefantenkopf, der in unserer Küche als heiliger Tafelaufsatz fungiert.

Ich schleuderte die tropfende Jacke auf den Garderobenhaken und ging erst mal ins Bad, um meinen Schal, der klatschnass und vollgesogen war wie ein Schwamm, im Waschbecken auszuwinden. Ich hielt ihn mir unter die Nase, er roch nach nasser Wolle. Sonst nichts. Kein Rauch, kein Alkohol, kein Gestank. Alles weg.

Meine Mutter war im Tai-Chi-Unterricht. Auf ihrem Zettel setzte sie mich darüber in Kenntnis, dass sie am Nachmittag später als gewöhnlich heimkommen würde, und zwar aufgrund von nicht weiter präzisierten Verpflichtungen. Umso besser, dachte ich, während ich das Gas unter dem Topf anzündete, ohne auch nur einen Blick hineinzuwerfen: Ich hatte einen Haufen Englisch-Hausaufgaben und musste mich auf einen blöden Italienischtest vorbereiten. Die Anwesenheit eines Menschen, der unfähig war, auch nur ein Regalbrett abzustauben, ohne dabei ein Liedchen zu trällern, wäre mir dabei keine große Hilfe gewesen.

Ich ließ mich deprimiert am Küchentisch nieder. Ich war eine der wenigen in der Klasse, die noch eine zweite mündliche Note in Italienisch brauchten, und ich hatte das fragwürdige Glück, seit einer Ewigkeit nicht mehr mündlich geprüft worden zu sein: Das bedeutete nichts anderes, als dass ich morgen ganz oben auf der Liste stand und ein ganzes Bündel an Fakten parat haben musste.

Die Farben des Nachmittags verblassten nach und nach in der Dämmerung und mir wurde erst bewusst, dass es dunkel geworden war, als ich das Buch vor meiner Nase ohne Schreibtischlicht kaum noch sehen konnte. Wenig später kam meine Mutter nach Hause und begrüßte mich lautstark durch den Flur. Im Handumdrehen jagte sie jede Spur von Dunkelheit mit Neonlampen aus dem Haus und jeden Rest an Stille mit orientalischer Musik.

Als auch mein Vater heimkam, war das Abendessen fast fertig. Ich war zu müde und nervös, um eine ganze Mahlzeit mit ihrem Geplauder und seinem Schweigen zu ertragen, und so machte ich mir eines der wenigen Rechte zunutze, die mir die Schulpflicht verlieh: Ich rief durch die geschlossene Tür, dass ich in meinem Zimmer essen wollte. Meine Mutter wandte natürlich ein, dass Essen und Lesen gleichzeitig nicht gut für die Verdauung seien, aber sie machte wenigstens kein Theater.

Zehn Minuten später klopfte es an meiner Tür. Ich hob verwundert den Blick vom Buch: Meine Mutter kam sonst immer ohne Vorankündigung rein, aber diesmal war es mein Vater, der mich mit rundem Rücken und Geieraugen über das Tablett mit dem Abendessen hinweg prüfend ansah.

Ich nahm ihm mit einem »Danke« das Tablett aus der Hand.

Aber er musterte mich auch weiterhin. »Du siehst immer noch erschöpft aus.«

Ich zuckte die Schultern. »Ich hab den ganzen Tag gelernt, morgen steht mir ein mündlicher Test bevor, und ich muss noch dreißig Seiten wiederholen.«

Der Geier wartete einen Moment, dann nickte er schließlich und entfernte sich. Ich sah ihm nach. Dies war das zweite Mal an einem Tag, dass er sich nach meinem Befinden erkundigte: Wenn ich Tagebuch schreiben würde, hätte ich es dort als Rekord eingetragen.

Ich könnte nicht mehr sagen, wann sich die strengen Linien der Buchstaben, die aus dem Weiß der Seite hervorstachen wie ein Geflecht aus schwarzen Ästen auf einer Schneedecke, in die Schatten von echten Ästen verwandelten, die auf dem Boden sichtbar wurden. Allerdings war da kein Schnee: Es war eine kristallklare Nacht, beinahe schwül und sommerlich. Über mir blinkten durch dichtes Blätterwerk hindurch die Sterne. Überall um mich herum standen knorrige Baumstämme, teils weit voneinander entfernt, teils so dicht beieinander, dass ich nicht zwischen ihnen hätte hindurchgehen können. Es war dunkel, eine Dunkelheit wie in tiefster Nacht, zerschnitten nur von bleichen Strahlen des Sternenlichts.

Meine Füße waren offenbar nackt, denn ich spürte unter den Sohlen den weichen, mit Gras und Moos bedeckten Boden. Oder vielmehr, ich unterschied sogar das eine vom anderen in der Berührung, ohne es zu sehen: Das Gras bildete eine unregelmäßige Oberfläche, wie ein aus groben Fäden gewebter Stoff; das Moos hingegen war weich und kompakt wie Samt, fast schwammig dort, wo es ein Stück Erde bedeckte, und fein wie die Schale einer Frucht dort, wo es einen Stein oder eine alte Wurzel umhüllte.

Die Luft war unbeweglich, schwer und voller unbekannter Gerüche. Jeder Einzelne war klar unterscheidbar und lieferte mir eine ganz bestimmte Information. Feuchte, dampfende Erde: Es hatte vor Kurzem geregnet. Runzlige, moosbedeckte Bäume: ein alter und dichter Wald. Blätter, die gerade begannen, sich mit Tau zu bedecken: Die Nacht bereitete sich darauf vor, dem Morgengrauen zu weichen. Ein herber, warmer, fremder und zugleich altbekannter Geruch: Nicht weit von mir entfernt verbarg sich ein Dachsbau.

Ich verharrte bewegungslos in der Stille. Es war absolut nichts zu hören, nicht einmal ein Windhauch, nicht einmal mein eigener Atem.

Aber ich war nicht entspannt: In meinen Muskeln spürte ich eine Art Zittern, ein Gefühl der Erwartung, das nach außen gerichtet war, in die Luft um mich herum. Ich war auf der Suche: Ich wusste, dass es dort draußen war, im Dunkeln, ich hatte es kurz vorher schon gewittert.

Dann erhob sich der Wind, und zwei Herzschläge später nahm ich es wahr: Ein kaum hörbares Geräusch, schnelle, trappelnde Schritte, begleitet von einem Keuchen.

Es war, als würden in meinem Gehirn schlagartig Tausende von Glocken zu läuten beginnen. Ich sprang auf, stürzte vorwärts, zwischen die Bäume, ohne zu denken, ohne mich zu fragen, warum ich hier war und was ich hier machte.

Ich lief in einer Geschwindigkeit, die ich nicht für möglich gehalten hätte, übersprang Wurzelballen und Bachläufe, die unvermittelt in der Erde auftauchten. Jede meiner Bewegungen war blitzschnell, instinktgesteuert, wie hundertfach einstudiert. Plötzlich drehte der Wind und trug neue Geräusche zu mir herüber, diesmal begleitet von einem Geruch, und nun fühlte ich etwas sehr Seltsames: Mein Geist teilte sich in zwei Hälften. Der eine Teil spürte dem Geruch nach, analysierte ihn und identifizierte nacheinander glühende Haut, schweißgetränkte Kleidung und den herben, gepressten Atem der Angst; der andere Teil fokussierte sich wie ein Lichtstrahl nur auf ein einziges unmittelbares Bedürfnis, und ganz plötzlich schlug ich einen rechten Haken.

Ich durchquerte eine buschbewachsene Talsenke und übersprang einen umgestürzten Baumstamm, als sich am Rande meines Gesichtsfelds unvermittelt etwas bewegte. Ich stürzte mich sofort darauf, aber es war schon verschwunden. Noch einmal durchtränkte der Geruch von eben die Luft, intensiver als zuvor: Ich atmete ihn tief durch die Nase ein, und er ließ mich vibrieren wie die Seite einer Violine.

Ich bückte mich hinunter, wo der Geruch stärker wurde, drehte den Kopf nach links und rannte dann von Neuem los. Wieder ein Rascheln, diesmal ganz nah, zwischen den Bäumen, das Knacken eines abgebrochenen Astes und dann ein Aufprall, begleitet von einem Stöhnen. Der Teil meines Gehirns, der noch in der Lage war, zu denken, klassifizierte diese Lautsequenz als »Stolpern«, aber noch bevor der Gedanke zu Ende gedacht war, ließ mich der andere Teil schon nach vorn ins Gebüsch stürzen, auf einen Punkt zu, wo sich zwischen den Bäumen eine winzige Öffnung zeigte.

Als ich aus dem Dickicht hervorschoss, sah ich ihn. Er war gerade dabei, wieder aufzustehen, so schnell er konnte, aber als er mich sah, erstarrte er. Zwei riesige, kindliche Augen waren auf mich gerichtet, in ihnen standen Tränen, und sie waren schwarz in einem milchigen Gesicht, das sowohl das eines Jungen als auch das eines Mädchens hätte sein können.

Auch ich sah ihm einen Sekundenbruchteil in die Augen, und mein gespaltener Geist zerbarst beinahe zwischen völlig widersprüchlichen Gefühlen. Der denkende Teil presste sich zu einem Knoten aus Mitleid, Verzweiflung und Schrecken zusammen. Der andere hingegen spürte nur einen einzigen Impuls: Hunger.

Schon schnellte ich nach vorn und meine Ohren füllten sich mit einem Schrei. Meinem Schrei.

Ich warf den Kopf zurück, als vor meinen Augen eine Wolke aus Blitzen explodierte. Dann war alles finster.

Ich saß im Dunkeln, die Schultern gegen die Rückenlehne meines Stuhls gedrückt, und atmete heftig. Es dauerte einige Sekunden, bis ich mir darüber klar wurde, dass das Dröhnen in meinen Ohren das Schlagen meines eigenen Herzens war.

Ohne etwas sehen zu können, ertastete ich den Rand eines Tischs. Meines Schreibtischs. Unter meinen Fingern spürte ich die Seiten des Italienischbuchs, und plötzlich durchzuckte mich ein stechender Schmerz, der mir einen kleinen Schrei entlockte.

Ich führte die Kuppe meines Ringfingers zum Mund: Sie schmeckte nach Blut.

Die Erinnerung an den Traum, aus dem ich gerade erwacht war, schnürte mir die Kehle zu. Ich schüttelte mich, um sie zu vertreiben.

Ich musste beim Lernen eingeschlafen sein, und der Stress und die Nervosität des Tages hatten sich in einen schrecklich lebendigen Albtraum verwandelt. Ich atmete tief durch: Ruhig, Veronica, ganz ruhig. Es ist alles gut. Du bist in deinem Zimmer; es gibt keinen Wald, und es gibt auch kein verirrtes Kind. Alles ist ganz normal.

Aber warum war es dann so dunkel?

Vielleicht hatte ich ja bis tief in die Nacht geschlafen, aber ich konnte mich nicht einmal daran erinnern, das Licht ausgeschaltet zu haben.

Ich streckte erneut die Hand aus und tastete vorsichtig die Tischoberfläche vor mir ab, wo sich ein Teppich aus winzigen Glasscherben zu befinden schien.

Mit einer Klarheit, die mich angesichts der Umstände überraschte, begriff ich: Die Glühbirne meiner Schreibtischlampe war explodiert. Ich hatte sogar das Flackern wahrgenommen, in dem Moment, als ich aufgewacht war. Wahrscheinlich war es sogar genau das gewesen, was mich geweckt hatte.

Ich sah mich im Dunkeln nach meinem Radiowecker um, aber statt des vertrauten grünlichen Displays sah ich nur Schwarz.

Ach ja, meine Mutter hatte ihn ja auf die Kommode gestellt. Aber auch dort: Dunkel.

Mich packte die Angst.

Mein Zimmer war in eine rabenschwarze Finsternis getaucht, so undurchdringlich, dass sie quasi an mir zu kleben schien. Irgendetwas absolut Falsches lag in der Luft: Normalerweise fiel durch die Ritzen der Fensterläden immer ein wenig Licht von draußen, auch in den tiefsten Tiefen der Nacht. Ich wandte die Augen Richtung Fenster, nur die Augen, urplötzlich widerwillig, mich zu bewegen: Selbst der verhasste radioaktive Lichtschein des Flughafens hatte einem endlosen Nichts Platz gemacht.

Ich hielt den Atem an.

In diesem Moment war am Fenster, genau in Blickrichtung, ein Geräusch zu hören, kurz und trocken, wie von etwas Hartem, das über eine raue Oberfläche kratzt.

Aus unerfindlichen Gründen nahm in meinem Kopf das Bild einer riesigen, schwarzen Klaue Gestalt an. Sie war länger als meine Hand, krumm wie eine Sense und scharrte draußen über die Hauswand, um sich am Fenstersims festzuklammern.

Mir schlug das Herz bis zum Hals. Ich atmete krampfhaft, meine Nasenflügel bebten, und es war, als würde in meinem Inneren eine Tür aufgerissen: Wieder füllte sich die Luft mit Gerüchen, eine deutlich erkennbare Ausdünstung, vertraut, in diesem Moment die natürlichste Sache der Welt.

Es war mein eigener Geruch, der die anderen überdeckte. Ich wusste ganz sicher, dass ich mit etwas Konzentration jede Einzelheit herausfiltern konnte: die natürliche Duftnote meiner Haut, das Moschusparfüm, das ich am Morgen angelegt hatte, mein Shampoo, mein Duschgel und sogar den Duft des Waschmittels, mit dem meine Klamotten gewaschen worden waren. Ich nahm den stechenden Rest von Elektrostatik wahr, den die Glühbirne in der Luft hinterlassen hatte, die leichte Spur von Explosionsrauch, den feuchten, dumpfen Geruch meiner Springerstiefel, die auf dem Boden lagen, und den Mix der äußeren Welt, den meine offen neben dem Schreibtisch liegende Schultasche verströmte.

Und da war noch etwas, fremd, ekelerregend, wie verwelkte Blumen und aufgewühltes Erdreich. Mit aller Deutlichkeit signalisierten mir meine Instinkte, dass ich ganz unmittelbar und unumstößlich in Gefahr war.

Wie zur Antwort darauf zitterte in der Finsternis der Fensterrahmen, begleitet von einem sehr seltsamen Geräusch, eine Art Flattern.

Schlagartig fand ich mich auf dem Fußboden wieder, Hände und Füße auf der Erde, hinter den Stuhl gekauert, auf dem ich einen Moment zuvor noch gesessen hatte und der noch um sich selber taumelte, so plötzlich und heftig war der Satz gewesen, mit dem ich ihn verlassen hatte. Eine Bewegung, an die – und das merkte ich erst jetzt – ich mich nicht erinnern konnte. Gerade noch hatte ich schockstarr an meinem Schreibtisch gesessen, und jetzt fand ich mich plötzlich auf dem Boden wieder, die Augen fest auf den Punkt geheftet, an dem sich das unsichtbare Rechteck des Fensters befinden musste.

Mehrere Geräusche durchschnitten jetzt die Finsternis, genauer gesagt zwei, gut voneinander unterscheidbare Geräusche: ein Scharren an der linken Seite, lauter und drängender als zuvor, und rechts eine Art abgefederter Aufprall, als wäre etwas Schweres und gleichzeitig Weiches auf dem Fensterbrett gelandet.

Meine Alarmglocken schrillten umso heftiger und ließen mich von den Fußsohlen bis zu den Haarwurzeln erzittern. In meinen Augen machte sich eine seltsame Empfindung breit, eine Art brennendes Kitzeln.

Dann war hinter mir das leichte Knarzen einer Tür zu hören und einen Sekundenbruchteil später das Klicken des Lichtschalters im Gang. Durch die Ritzen meiner Zimmertür drangen vier dünne Streifen Licht und verwandelten die Finsternis meines Zimmers in ein Halbdunkel.

Das Scharren hörte sofort auf.

Ich sprang auf die Füße, warf mich neben der Tür gegen die Wand und machte mit einem Handschlag das Zimmerlicht an. Der Fensterrahmen erzitterte, als ob sich ein Körper plötzlich von ihm lösen würde, und für einen Augenblick vibrierten die Fenstergläser unter dem Gewicht von etwas Riesigem, das die Luft durchquerte. Dann Stille.

In den endlosen Sekunden, die folgten, hörte ich das Trappeln der Hausschuhe meiner Mutter auf dem Gang, das Öffnen der Badtür, das Geräusch der Spülung und wenig später die Schritte zurück, bis schließlich das Flurlicht wieder verlosch.

Für einen unbestimmten Zeitraum blieb ich unbeweglich mit dem Rücken gegen die Wand stehen, auch noch, als mein Atem wieder normal ging und jedes weitere Geräusch im Haus von der nächtlichen Ruhe geschluckt worden war.

Ich atmete tief durch und gab mir einen Ruck. Ich konnte keinerlei Geruch mehr wahrnehmen. Auch als ich mir die Hand unter die Nase hielt: nichts.

Dabei war ich sicher, den Geruch meiner Haut gerade so intensiv gespürt zu haben wie nie zuvor.

Ich starrte auf das Fenster, schluckte und zwang mich, näher hinzugehen. Als ich die Hand auf den Griff legte, merkte ich, dass ich zitterte. Ich presste die Faust zusammen, bis das Zittern aufhörte. Dann riss ich in einer fast frenetischen Geste Fenster und Fensterläden weit auf.

Die feuchtkalte Nachtluft verschlug mir den Atem. Vor mir die Weite des Himmels, die wie immer niedrig hängenden Wolken, angestrahlt von den Lichtern des Flughafens. In der Ferne, am von den Dächern zerklüfteten Horizont, glitten langsam die blitzenden roten und blauen Lichter eines Flugzeugs dahin. Es hatte aufgehört zu regnen: Die Straßen unter mir waren in einen Mantel aus gräulichem, undurchdringlichem Nebel gehüllt.

Ich untersuchte das Fensterbrett und den äußeren Fensterrahmen, aber ich konnte nichts finden. Was auch immer mich besuchen gekommen war, hatte sich in Nichts aufgelöst, wie es die Träume tun.

Kapitel 4

Dienstag, 10. Februar

Abnehmender Mond

Ich habe mich schlaugemacht: Ich weiß jetzt, wo man sich gegen Tetanus impfen lassen kann.« Ich ließ mich steif neben Irene nieder und nickte. Während ich ein paar Bücher auf meine Bank legte, tat ich so, als würde ich an nichts anderes denken. Tatsächlich war ich damit beschäftigt, die Lage zu checken. Die allgemeine Aufmerksamkeit war im Vergleich zum Vortag offenbar nicht mehr auf mich konzentriert, aber einige Leute beobachteten mich immer noch heimlich und lachten oder wandten sich an ihre Banknachbarn, um ihnen etwas zuzuflüstern, das im Gegenzug ein breites Grinsen hervorrief. Auf dem Weg von der Tür zu meinem Platz hatte ich mit meinem Blick den von Alex gesucht: Er saß am Fenster, lachte und quatschte mit einem Freund und sah nach draußen. Er drehte sich nicht zu mir um.

Ich hätte alles dafür gegeben, zu erfahren, was hier gespielt wurde. Was hatten die nur alle zu lachen? Warum ließen sie mich nicht in Frieden? …

Es wäre schon schlimm genug gewesen, wenn ich den Grund gekannt hätte, aber dass mich alle anstarrten und ich wusste nicht, warum, machte mir Lust, laut herumzuschreien. Oder einfach unsichtbar zu werden und zu verschwinden.

Zu Hause in Ravenna wäre so etwas nie passiert. Dort war ich unter Freunden gewesen, unter Menschen, die mich kannten und mochten, und die mir in diesem Moment so sehr fehlten, dass mir das Herz schwer wurde. Was hatte ich nur in dieser verdammten Nebelstadt zu suchen, inmitten von Fremden, die mich auslachten, ohne irgendeinen Menschen, der …

Irene beugte sich vor, um mein Gesicht besser sehen zu können. »Geht’s dir gut?«

Ich lächelte leicht verkrampft. »War ’ne schlimme Nacht.« Ich wies mit einer Kopfbewegung auf die anderen. »Und ich würde wirklich gerne wissen, was hier los ist …«