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Ein Mädchen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten wird in einen Todesfall verwickelt; doch niemand hätte ahnen können, dass dies an den Rand des Verständnisses über diese Welt und darüber hinaus führen würde. Eine Reise beginnt, die von dunklen Wolken begleitet wird, denn Krieg steht bevor. Ein Krieg, der beide Welten bedrohen könnte und den es deshalb mit vereinten Kräften zu verhindern gilt.
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2018
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L.R. Bäuml
Die zwei Welten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Epilog
Die Wächter und Herrscher der Welt des Lichts
Welt des Lichts - Karte
Impressum neobooks
Blitze zuckten durch die pechschwarze Nacht und erhellten das Zimmer, in dem sie saß, für wenige Sekunden. Regentropfen prasselten gegen die Fensterscheibe. Erst langsam, dann schneller, angepeitscht von dem wütenden Wind; sie erzeugten ein Geräusch, das wie kräftige, schmerzhafte Peitschenhiebe klang.
Doch sie saß ohne Regung da.
Ein Donner erfüllte die gereizte Luft mit einem bösen Grollen und ließ die Holzhütte leicht erzittern. Die Kälte bahnte sich langsam einen Weg von dem Küchenfenster, über den Boden, hin zu dem Stuhl, auf dem sie saß. Sie umschloss ihre Füße, kroch allmählich ihre Beine hoch, bis sie schließlich ihr Herz umklammerte.
Doch sie saß da und wartete.
Der Wind wurde stärker, der Regen wütender, das Grollen lauter und lauter. Immer mehr Blitze zuckten und ließen die Luft um sich herum in einem viel zu grellen kaltem Licht erscheinen. Doch sie saß regungslos da. Ein weiterer Blitz erhellte die Nacht und ließ einen kalten schwarzen Schatten hinter sie auf die Wand fallen.
Er war da.
Bist du jemals einen Gang entlang gelaufen in dem dich jeder anstarrte? Blicke fielen auf sie, während sie einen Schritt vor den anderen setzte. Blicke, die den ihren suchten, jedoch nicht fanden. Sie schaute stur gerade aus. Sie spürte jeden einzelnen dieser Blicke, wie sie sich in ihre Haut zu bohren versuchten, doch sie ließ sich nichts anmerken, fast als wäre es ihr egal. Manche Blicke waren erschrocken, oder ängstlich, andere fragend, wenn nicht sogar bewundernd. An der Tür angekommen klopfte sie und trat ein, sobald sie hineingebeten worden war. Die Direktorin zeigte auf einen der beiden Stühle, die vor ihrem großen antiken Schreibtisch standen. Sie folgte der Geste und setzte sich.
„Sage mir, was passiert ist.“, forderte sie die Direktorin mit besorgtem Blick auf.
Nach einigen Minuten der Stille sprach sie erneut:
„Ich habe dich gebeten, mir zu sagen, was passiert ist.“
Doch erneut kam keine Antwort. Sie saß nur da, regungslos, und starrte an die weiße Wand hinter der Direktorin, fast als würde sie ihr in die Augen sehen. Es klopfte an der Tür und zwei Polizisten traten ein.
„Frau Direktorin?“, fragte der eine.
„Ja.“, antwortete diese.
„Ist das das Mädchen, das sich zur Zeit des Todes an dem Tatort befand?“, fragte der andere, als er sie, auf dem Stuhl sitzend, erblickte.
„Ja.“, war erneut die Antwort der Direktorin.
„Haben Sie bereits versucht, ihre Eltern zu kontaktieren?“, erkundigte er sich daraufhin.
„Nein“, antwortete die Direktorin, als würde sie einem kleinem Kind das Lesen beibringen „denn sie hat keine Eltern mehr.“
Sie drehte sich zu dem Fenster hin, so dass sie ihren Blick über das Gelände schweifen lassen konnte, und fuhr dann fort:
„Sie lebte in einem Waisenhaus, bevor sie zu uns ins Internat kam.“
„Bei wem wohnt sie, wenn das Internat geschlossen hat? Es muss doch jemanden geben, der für sie zuständig ist?“, fragte der erste Polizist.
„Ja, wer bezahlt denn das Internat und ihren weiteren Lebensunterhalt? Soweit ich weiß ist das hier eine teure Schule und ich bezweifle, dass der Staat hierfür aufkommt.“, fügte der andere hinzu.
„Es gibt einen anonymen Spendengeber, der für alle Kosten aufkommt.“, begann die Direktorin, „Er zahlt ihr zudem eine Hütte in den Bergen, nicht weit von hier, in der sie leben kann, wenn die Schule und das Internat geschlossen haben.“
„Einen anonymen Spendengeber?“, fragte der zweite Polizist ungläubig.
„Ja, ein anonymer Spendengeber. Wir haben bereits versucht Kontakt zu ihm aufzunehmen, um uns für seine Großzügigkeit zu bedanken, doch er möchte anonym bleiben.“, antwortete die Direktorin und fügte dann ungeduldig hinzu:
„Da das Mädchen jedoch volljährig ist, denke ich nicht, dass diese Informationen für sie von großer Bedeutung sind, da wir in diesem Fall niemanden benachrichtigen müssen.“
„Nein, das nicht“, murmelte der erste Polizist „Wir dachten nur es wäre besser wenn eine Bezugsperson Bescheid wüsste, da wir sie, als einzige Zeugin, mit aufs Revier nehmen müssen.“
Die Polizisten, die sie bis jetzt weitestgehend ignoriert hatten, hofften anscheinend auf eine Reaktion von ihr, doch sie saß weiterhin regungslos auf dem Stuhl und hatte ihren Blick fest auf einen unbedeutenden Punkt auf der Wand hinter der Direktorin gerichtet.
„Als Zeugin oder Täterin?“, fragte diese eisig, während sie sich langsam wieder zu den Polizisten hindrehte.
„Wir möchten sie zunächst befragen.“, sagte der erste Polizist steif „Schließlich war sie die einzige, die hätte sehen können, was passiert ist.“
„Basierend auf den Aussagen anderer Schülerinnen, die gesehen haben, wie sie, kurz nach der zu Tode Gekommenen, die Mädchentoilette betrat. Kein anderer war, soweit wir es in Erfahrung gebracht haben, anwesend. Es wäre für unsere Ermittlungen von daher hilfreich zu wissen, was sie beobachtet hat“, fügte der zweite Polizist hinzu.
„Nun gut, ich werde Sie wohl kaum davon abhalten können, ihre Pflicht zu tun“, sagte die Direktorin, die auf einmal sehr müde wirkte.
Und so kam es, dass sie erneut, unter den Blicken aller, den Gang entlang lief; doch diesmal begleitet von zwei Polizisten und in Handschellen – nur als Vorsichtsmaßnahme, wie ihr erklärt wurde-.
Angekommen im Revier, zögerten die Polizisten nicht lange, sie ins Verhör zu nehmen. Stunden um Stunden stellten sie immer wieder die gleichen Fragen:
Ob sie das nun tote Mädchen kannte; ob sie irgendwelche Auseinandersetzungen oder Probleme mit ihr hatte; warum sie sich zu dem Zeitpunkt auf der Mädchentoilette befand; was sie gesehen hatte, was für die Ermittlungen relevant gewesen wäre.
Doch sie saß nur da und sagte nichts. Einer der Polizisten verlor nach einer Weile die Geduld.
„Mensch!“, schrie er „Ein Mädchen ist gestorben, auf deiner Schule, das du höchstwahrscheinlich kanntest, und es lässt dich komplett kalt? Willst du wissen, was ich glaube? Dass du sie ermordet hast! Wir haben von mehreren deiner Mitschülerinnen, unabhängig von einander, die Aussagen erhalten, dass du gesehen wurdest, wie du kurz nach dem Mädchen das Mädchenklo betreten hattest und kurz nachdem du es verlassen hast, wurde es von der nächsten Person, die es betrat, tot aufgefunden! Dein Schweigen bedeutet doch nur, dass du schuldig bist!“
Sie zeigte keine Reaktion und starrte weiterhin mit leerem Blick auf die Wand hinter dem Polizisten. Das machte diesen noch wütender und der andere Polizist musste einschreiten:
„Beruhige dich. Sie anzuschreien bringt uns leider auch nicht weiter. Ich glaube das Beste ist, sie heute Nacht hier zu behalten und sobald wir die Berichte der Gerichtsmedizin haben, können wir weitersehen.“
- Was die Polizisten jedoch nicht wussten war, dass sie der Tod des Mädchens keineswegs kalt ließ. Sie hatte nur früh in ihrem Leben gelernt zu schweigen und ihre Gefühle für sich zu behalten.
„Ivonne von der Gerichtsmedizin hat angerufen, sie wollen noch ein paar weitere Tests machen. Der Bericht soll uns aber morgen vorliegen.“, sagte Michael. „Tja, das heißt wohl ein weiterer Tag und eine weitere Nacht in U-Haft für unser Schätzchen.“, meinte Thomas.
„Warum bist du eigentlich so negativ auf sie zu sprechen? Alle, die ich in der Schule befragt habe, hatten nur Gutes von ihr zu berichten. Außer, dass sie halt gerne ihre Gefühle für sich behält. Das ist aber in Anbetracht ihrer Vergangenheit, wohl kaum zu bemängeln“, wollte Michael wissen.
„Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die ganze Sache stinkt.“, meinte Thomas und fuhr fort:
„Weißt du, was die Lehrer zu sagen hatten? Sie ist in jedem Fach gut. In jedem! Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, dem alles liegt: Mathe, Fremdsprachen, Kunst, Musik, Sport und was es da nicht alles gibt. Zudem scheint sie nett zu Leuten zu sein, wenn sie muss, damit sie in Ruhe gelassen wird, und wenn sie Personen meiden kann, dann nutzt sie jede Chance, um das zu tun. Gerade in einem Internat hat man doch die Möglichkeit, viel mit anderen zu unternehmen, doch sie zieht es lieber vor alleine auf ihrem Zimmer zu sitzen…“
„…um zu lernen und deshalb die guten Noten?“, neckte ihn Michael.
„So oder so, lass es dir von einem erfahreneren und etwas älteren Polizisten sagen: Da stimmt etwas nicht bei der Geschichte“, konterte Thomas und fügte hinzu:
„Ach und übrigens ist mir natürlich nicht entgangen, dass du sie attraktiv findest. Lass das nicht deine Ermittlungen beeinflussen, sie steht nach wie vor unter Verdacht einen Mord begangen zu haben!“
„Sobald sie entlassen wird, darf ich sie aber als Entschädigung auf einen Drink einladen?“, scherzte Michael.
Thomas verdrehte nur die Augen und ignorierte den Kommentar, als er fragte:
„Hast du rausgefunden, warum und in welchem Waisenhaus sie war? Es wäre vielleicht sinnvoll, dort einmal vorbeizuschauen, vor allem da ein psychologisches Gutachten von Herrn Dr. Becker nicht möglich war, da sie ja nichts sagt.“
„Ihre Eltern starben bei einem Autounfall, da war sie drei Jahre alt. Ein Betrunkener raste mit achtzig Sachen, in einem Wohngebiet, in ihr Auto – Frontalaufstoß – keine Überlebenschance, für keinen der Beteiligten. Falls du den Bericht und die Bilder sehen willst, sie liegen auf meinem Schreibtisch, - nicht schön. Und nein, keine Verbindung zum toten Mädchen.“, fügte Michael noch hinzu, bevor Thomas, der bereits seinen Mund geöffnet hatte, etwas sagen konnte.
„In Bezug auf das Waisenhaus: Es wurde vor neun Jahren geschlossen – Budgetkürzungen. Kurz bevor es geschlossen wurde, meldete sich ein anonymer Spendengeber bei der Leiterin des Waisenhauses, mit genauen Anweisungen und Bedingungen, unter welchen unsere in U-Haft-Sitzende Geld für ihren Lebensunterhalt erhalten würde. Der Brief liegt auf meinem Tisch
– und bevor du fragst: Ja, ich habe bereits mit der damaligen Leiterin gesprochen, während du in der Cafeteria mit der Bedienung geschäkert hast. Sie wohnt nicht weit von hier. Das gesamte Gespräch kannst du dir anhören, ich habe es aufgezeichnet.
Was dich aber am meisten interessieren wird, ist die Beschreibung ihres Charakters: Die Leiterin meinte, sie sei ihr sehr schnell aufgefallen, da sie ihr sehr intelligent schien, sogar etwas zu intelligent. Es war ihr teilweise so, als würde sie Dinge wissen, die sie nie und nimmer in ihren jungen Jahren hätte wissen können. Sogar zukünftige Ereignisse, wenn man so etwas Glauben schenken möchte.
Es schien ihr, als hätte sie mitbekommen, dass es andere in ihrer Umgebung abschreckte, und schon hörte sie auf, diese Dinge mit zu teilen. Das war als sie ungefähr vier oder fünf Jahre alt war. Danach schien sie sich nur noch auf das zu konzentrieren, was von ihr erwartet und als ‚altersgemäß‘ angesehen wurde. Sie zog sich hierauf jedoch immer weiter zurück und fing an, immer mehr Zeit alleine zu verbringen. Jedoch nur zu einem Maße, dass es andere nicht als ungewöhnlich empfanden.“
Thomas unterbrach ihn: „Und das Jugendamt fand es okay, dass eine anonyme Person Geld dafür spendet, dass ein bestimmtes Waisenkind zu einer bestimmten Schule gehen kann und alleine in einer Hütte wohnt, die der Spendengeber kennt?“
„Das Jugendamt war sogar sehr damit einverstanden, wohl aus dem alleinigen Grund, dass es ihm sehr viel Geld sparte. Die Hütte wurde ihr erst später angeboten; zu ihrem sechzehnten Geburtstag. Davor lebte sie in den Ferien bei Gast- und Pflegefamilien, teilweise in verschiedenen Ländern, die von dem Spendengeber bezahlt und vom Jugendamt überprüft wurden. Das erklärt wohl, warum sie in Fremdsprachen gut ist. Ach ja, und bei der Hütte konnte das Jugendamt nicht mehr viel machen, da sie zustimmte, als sie alt genug war, die Entscheidung zu treffen.“, erklärte ihm Michael.
„Solange wir den anonymen Spendengeber nicht auftreiben können, werden uns die Fragen bezüglich seines guten Timings und Engagements wohl nicht beantwortet werden. Was uns im Moment bleibt ist das große Warten auf den Autopsie Bericht…“, meinte Thomas achselzuckend.
„Thomas, eine Idee hätte ich da noch. Wenn du einverstanden bist, dann würde ich ihr gerne heute Abend, nach Dienstschluss und in zivil, einen Besuch in ihrer Zelle abstatten. Das Treffen mit der Leiterin des Waisenhauses hat mir ein paar Ideen gegeben, wie ich an sie rankommen könnte.“, schlug Michael vor.
„Nun gut, schaden kann’s ja nicht. Aber lass die Finger von ihr, ich will hier keine Anklage wegen sexueller Belästigung haben.“, scherzte Thomas.
Als es langsam dunkel wurde, klopfte Michael zunächst an die Tür der kleinen U-Haft-Zelle und trat dann langsam ein. Sie saß auf ihrem spartanischen Bett und hob ihren Blick, als er hineinging. Es war das erste Mal, dass sie ihm direkt in die Augen sah und es löste ein komisches angenehmes Prickeln in ihm aus. Bis jetzt kannte er nur die leeren, etwas unterkühlten und starren Blicke von ihr, doch nun sah er, dass ihre Augen warm und freundlich waren.
„Darf ich reinkommen?“, fragte er.
Sie lächelte ein kaum wahrnehmbares, aber charmantes Lächeln, das unweigerlich als Zustimmung zu deuten war. Er schloss die Zellentür hinter sich und setzte sich mit ein bisschen Abstand neben sie. Wie kann ein so hübsches, elegantes und freundliches Wesen nur des Mordes verdächtigt werden? Schoss es ihm durch den Kopf, doch er verdrängte den Gedanken wieder. Er musste professionell, objektiv und somit unabhängig von seinen Gefühlen bleiben.
„Ich glaube, ich habe mich dir noch nicht vorgestellt. Mein Name ist Michael“, sagte er und streckte ihr seine rechte Hand entgegen.
Während sie seine Hand sanft schüttelte, was ein weiteres Prickeln in ihm auslöste, sagte sie mit warmer ruhiger Stimme: „Mein Name ist Nele, aber das weißt du ja bereits.“
„Ich habe mich heute mit der Leiterin des Waisenhauses, in dem du warst, unterhalten; kannst du dich noch an sie erinnern?“, fragte er.
„Ja, ich erinnere mich sehr gut an sie. Sie war immer sehr bemüht, uns allen zu helfen und unseren Aufenthalt dort so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich glaube ihr größtes Ziel war, es uns ein Zuhause zu geben. Ein ehrenwertes Ziel.“ antwortete sie.
„Hast du dich dort nicht Zuhause gefühlt?“, fragte er.
Sie lächelte ein wenig und antwortete mit einem etwas traurigen Unterton:
„Jeder wusste, dass das Waisenhaus nur eine vorübergehende Lösung war. Ein Zuhause ist etwas, zu dem man immer wieder zurückkehren kann.“
„Wünschst du dir ein zu Hause?“, fragte er.
„Wer tut das nicht?“, antwortete sie lachend und fügte hinzu:
„Aber nur weil ich im Moment keines habe, heißt es nicht, dass ich niemals eines haben werde.“
Er lächelte leicht bei dem Gedanken, dass man sich ein Zuhause selber schaffen kann und fragte dann:
„Vielleicht wird ja die Hütte, in der du lebst, dein Zuhause? Kennst du eigentlich denjenigen, der dir das alles gespendet hat?“
„Ich denke nicht, dass etwas, das mir einfach so gegeben wurde und mir von daher genauso schnell wieder weggenommen werden kann, mein Zuhause werden kann. Ich vermute, ich werde mir das selbst aufbauen müssen. Dennoch bin ich sehr dankbar, dass mir jemand all dies ermöglicht hat. Ich weiß leider nicht wer er ist, nur dass es ein Mann ist, der wohl recht wohlhabend ist.
Warum er gerade mir all dies ermöglicht hat, würde ich selbst gerne erfahren. Auf der anderen Seite habe ich auch etwas Angst davor, denn selten ist etwas für jemand anderen getan worden, was keine Gegenleistung erwartet.“
Michael fiel auf wie reif sie wirkte und er erinnerte sich an die Worte, die die Leiterin gesagt hatte: Es war mir, als wüsste sie Dinge, die sie in ihren jungen Jahren nie und nimmer hätte wissen können. Nun war sie jedoch deutlich älter und nicht viel jünger als er selbst. Ihre Einsicht schien, für jemanden, der in seinem Leben schon viel mitgemacht hatte, jedoch sehr vernünftig. Er verwarf daher den Gedanken und fragte sie:
„Während der Verhöre hast du nie geantwortet. Warum antwortest du mir?“
Sie überlegte kurz und sagte dann:
„Zum einen, weil du Fragen stellst, die ich beantworten kann. Zum anderen, weil ich denke, dass ich dir vertrauen kann.“
Diese Antwort überraschte ihn und er meinte:
„Ob du das Mädchen kanntest, ist eine Frage, die du nicht beantworten kannst, aber ob du dich an die Leiterin des Waisenhauses erinnerst schon?“
Seine Verwirrung schien sie zu amüsieren, denn sie sagte lächelnd:
„Wenn ich dich frage, ob du mich kennst, würdest du dann mit ja oder nein antworten? Kennt man jemanden, den man ab und zu gesehen hat, oder kennt man jemanden erst, wenn man alles über ihn weiß? Kann man wirklich alles über jemanden wissen? Ob man sich an jemanden erinnert hingegen ist sehr viel einfacher zu beantworten.“
„Warum hast du denn dann nicht wenigstens das Gleiche gesagt, was du mir gerade eben gesagt hast?“, wollte er wissen.
„Hätte das nicht wie ein Ablenkungsmanöver ausgesehen? So, als ob ich die Frage nicht beantworten wollen würde, weil ich mit der Antwort preisgeben würde, dass ich etwas getan habe, das ich nicht preisgeben möchte? Ich hielt es von daher für schlauer, gar nicht zu antworten.“, sagte sie nüchtern.
Nach kurzem Überlegen musste er sich eingestehen, dass sie wohl Recht hatte. Auf der anderen Seite konnte er nicht ganz herausfinden, ob sie nun besonders schlau war, oder ein Spiel mit ihm spielte. Sie musste bestimmt wissen, was unter dem Wort ‚kennen‘ verstanden wird. Natürlich wollten sie nicht wissen, ob sie das Mädchen ‚kannte‘, sondern ob sie ihm schon einmal begegnet war und so weiter.
Er formulierte die Frage von daher um:
„Weißt du, dass das Mädchen Anna hieß?“
„Nein.“, antwortete sie.
„Hattest du sie zuvor schon einmal gesehen?“, fragte er.
„Ja, auf den Gängen. Ihr Klassenzimmer muss wohl in der Nähe von einem gewesen sein, in dem ich Kurse hatte.“, antwortete sie.
„Hattest du jemals mit ihr gesprochen?“, fragte er daraufhin.
„Nicht, dass ich mich erinnern könnte“, antwortete sie.
„Hast du irgendeinen Grund, sie nicht zu mögen?“, fragte er.
„Nein.“, antwortete sie.
„Ist dir bewusst, dass du die einzige Person warst, die sich mit ihr auf der Mädchentoilette befand, während sie starb?“, wagte er zu fragen.
„Was genau verstehst du unter Person?“, fragte sie.
Er sah sie etwas verdutzt an und sagte dann:
„Ein menschliches Lebewesen?“
„Dann ist mir bewusst, dass ich die einzige Person war.“, sagte sie.
Mehrere Gedanken schossen ihm gleichzeitig durch den Kopf: Ist sie verrückt oder besonders clever? Spielt sie ein Spiel, um etwas zu verheimlichen? Vielleicht will sie ihn einfach nur aufs Korn nehmen? Sollte er nicht doch lieber seinen Kollegen mit einschalten? Sein Gefühl sagte ihm jedoch, dass er dran bleiben sollte; daher fuhr er mit dem erstbesten fort, das ihm einfiel:
„War ein anderes Lebewesen, außer euch beiden, in dem Raum?“
„Angenommen du verstehst unter Lebewesen jegliche Art von Leben, dann ist die Antwort wohl ja.“, sagte sie und hinterließ nur weitere Fragezeichen in seinem Kopf.
„Du meinst es war ein Tier, das sie getötet hat?“, sprudelte es aus ihm heraus.
„Nein, kein Tier.“, sagte sie.
„Was für eine Lebensart war dann anwesend?“, fragte er während er sämtliche Science-Fiction-Filme, die er kannte, durchging. Aliens? Wohl kaum.
„Ich weiß es nicht genau. Keine, die ich jemals zuvor gesehen beziehungsweise gespürt habe.“, antwortete sie.
Diese Antwort machte ihn allmählich wütend. Er war sich mittlerweile sicher, dass sie ein Spiel mit ihm spielte. Oder wollte er nur einfach nicht wahrhaben, dass ihre Geschichte, so unglaubwürdig sie auch schien, doch stimmen konnte? Sie schien seinen inneren Kampf zu spüren und blickte ihn fragend und leicht traurig an. Anscheinend wollte sie, das er ihr glaubte und die Wahrheit, oder besser gesagt ihre Wahrheit, selber entdecken würde, indem er weitere Fragen stellte.
Also gut, nur noch eine letzte Frage und dann würde er das hier beenden:
„Hast du sie umgebracht?“
„Wen? Die Lebensart, oder das Mädchen?“, fragte sie zurück.
Ungeduldig und genervt konterte er:
„Sowohl als auch!“
Langsam antwortete sie:
„Die Lebensart wohl leider nicht und das Mädchen…“, sie senkte ihren Blick und flüsterte „…indirekt schon.“
Er war so erstaunt und erschrocken über ihre Antwort, dass sich zusammen mit der Wut und den eigentlich positiven Gefühlen ihr gegenüber ein Gefühlschaos in ihm breit machte. Er musste hier raus und ein weiteres Verhör musste ebenfalls stattfinden! Als er sich rasch zur Tür begab, räusperte sie sich hinter ihm, so dass er sich automatisch zu ihr umdrehte.
Sie sah ihn mit ihren großen, braunen, traurigen Augen an und sagte:
„Das mit den Drinks, wenn ich hier raus bin, ist für deine Karriere keine so gute Idee. Selbst wenn dir das egal wäre, hat sich das ja jetzt eh erledigt, da du mich für verrückt hältst.“
Der Anruf von seinem Kollegen kam kurz vor Mitternacht. Er sei in seiner Lieblingsbar und ob es Thomas nichts ausmache, vorbeizukommen, er würde gerne mit ihm reden. In der Bar angekommen fand er einen halbbetrunkenen Michael vor, der ihn dankbar umarmte.
„Schon gut, schon gut“, sagte Thomas, dem das sichtlich unangenehm war,
„Was gibt es denn so dringend zu besprechen?“
Mit einem Schlag schien Michael nüchtern:
„Hast du irgendjemandem erzählt, dass ich mit ihr auf einen Drink gehen will, wenn sie raus ist?“
„Was ist das denn für eine Frage? Natürlich nicht!“, sagte er überrascht.
„Auch ihr nicht?“, fragte Michael.
„Ihr auch nicht. Geschweige denn, dass ich überhaupt mit ihr geredet hätte, ohne dass du dabei gewesen wärst“, antwortete er.
Irgendwas war gewaltig faul, dachte Thomas. Sein Kollege hatte ihn noch nie privat angerufen. Sie waren, trotz eines guten Arbeitsverhältnisses, auch noch nie privat zusammen in einer Kneipe gewesen. Es musste irgendetwas passiert gewesen sein und da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen:
„Was ist bei dem Gespräch mit ihr passiert? Hat sie überhaupt geredet?“
Michael schaute ihn lange an, als wolle er abschätzen, wie viel er ihm sagen könne, bevor er meinte:
„Sie sagte am Ende des Gesprächs zu mir, dass das mit den Drinks für meine Karriere keine so gute Idee sei.“
Thomas konnte sich nicht mehr halten und brüllte los vor Lachen. Als er endlich wieder zu Atem kam, wischte er sich eine Träne aus den Augen und sagte:
„Da hat sie wohl Recht!“
Doch erst jetzt bemerkte er den Blick seines Kollegen. Eine Mischung aus Verärgerung, Zweifel und Furcht.
„Also hast du es ihr doch erzählt, um mich zu verarschen!?“, schrie dieser ihn an.
„Michael, ich habe es ihr nicht gesagt! Ich schwöre es!“, sagte Thomas.
„Aber woher wusste sie es dann?“, meinte Michael.
„Vielleicht hat uns jemand gehört und es ihr gesagt?“, schlug Thomas vor.
„Wir waren alleine in unserem Büro. Die Tür war geschlossen. Wie hätte uns jemand hören können?“, meinte Michael aufgebracht und fuhr fort:
„Bevor ich das Gebäude verlassen habe, bin ich die Liste durchgegangen, in die man sich eintragen muss, wenn man einen Gefangenen besucht. Außer mir stand da niemand und die Aufseher können wohl kaum wissen, was wir in unserem Büro besprechen… Woher konnte sie es wissen?“
Thomas überlegte, wie er ihm glaubhaft versichern konnte, dass er es ihr nicht erzählt hatte, denn er war es nicht gewesen. Ihm war auch nicht ganz verständlich, warum sein Kollege so einen Aufstand machte. Vielleicht hatte es doch jemand gehört, wäre doch auch egal – außer es steckte noch mehr dahinter.
„Michael, was genau ist passiert, als du mit ihr gesprochen hast?“, fragte er voller Vorahnung. Doch als Michael allmählich anfing zu berichten, verschlug es auch ihm, einem erfahrenen Polizisten, die Sprache.
„Gerne würde ich dir auch die Tonbandaufnahme vorspielen,“ beendete Michael die Erzählung „doch diese enthält nur Rauschen.“
„Hattest du vielleicht vergessen, den Aufnahmeknopf zu drücken?“, fragte Thomas wenig hilfreich.
„Natürlich habe ich den Knopf gedrückt! Es hat ja auch aufgenommen, nur ist nichts zu hören!“, konterte Michael.
„Vielleicht liegt es ja daran, dass das Gerät zu sehr von Kleidung bedeckt war?“, überlegte Thomas.
„Ich hatte es, so wie heute Mittag bei dem Gespräch mit der Waisenhausleiterin, in meiner Hosentasche und diese Aufnahmen sind super. Obwohl das Gespräch auch noch draußen stattgefunden hat!“
Sie verstummten. Egal wie Thomas es drehte und wendete, keiner hätte sie hören und es ihr sagen können. Er nahm sich auch das Diktiergerät und machte ein paar Testaufnahmen, sowohl in, als auch außerhalb der Hosentasche, es funktionierte einwandfrei. Gerne hätte er einfach gesagt, sie sei halt verrückt und so sei es eben, aber wie konnte sie das mit den Drinks wissen? War es einfach nur eine Vermutung, die ins Schwarze getroffen hatte, weil sie gemerkt hatte, dass Michael von ihr angetan war? Das Diktiergerät war einfach nur ein Zufall und es hatte halt zu dem Zeitpunkt irgendeine Macke? Und wie passte der Autopsie Bericht zu ihrer Geschichte, dass sie Anna ‚indirekt‘ getötet hatte? Ach ja, der Autopsie Bericht, von dem wusste Michael noch gar nichts!
„Kurz nachdem du gegangen warst,“ brach Thomas das Schweigen, „kam der Bericht der Gerichtsmediziner rein. Anna ist ohne Gewalteinwirkung gestorben. Vergiftungen, oder sonstige äußerliche Einflüsse, können ebenfalls ausgeschlossen werden. Es war wohl ein natürlicher Tod durch Herzversagen.“
Michael saß für einige Zeit nur da und sagte nichts. Letztendlich meinte er jedoch:
„Dann werden wir sie wohl gehen lassen müssen.“
„Das werden wir wohl.“, antwortete Thomas „Soll ich sie vor der Entlassung noch fragen, woher sie von den Drinks wusste? Ich könnte bei der Gelegenheit auch noch einmal dein Diktiergerät ausprobieren.“
Michael nickte fast unmerklich.
Nach mehrmaligem Überprüfen des Diktiergeräts, machte sich Thomas auf den Weg zu ihrer Zelle. Er klopfte kurz und ging dann hinein. Sie war bereits wach und saß erwartungsvoll auf ihrem Bett.
„Guten Morgen, Nele“, sagte er.
„Guten Morgen, Thomas“, sagte sie.
Erschrocken sah er sie an:
„Woher weißt du, wie ich heiße?“
Sie lächelte sanft und meinte:
„Manche Dinge weiß man halt.“
Bestimmt hatte Michael ihr seinen Namen gesagt, dachte er, oder er hatte sich ihr doch mit Vornamen vorgestellt gehabt. Doch dann hörte er sie sagen:
„Michaels Diktiergerät funktioniert wunderbar, nicht wahr? Nur wenn ich in der Nähe bin geht es nicht. Du kannst es gerne noch einmal ausprobieren, sobald ich entlassen werde, aber ich verspreche dir, es liegt nicht an dem Gerät. Ich bevorzuge es, wenn Gespräche unter vier Augen bleiben.“
Sie lächelte ihn an, als sei dies die normalste Unterhaltung der Welt.
„Das war aber nicht alles, weshalb du gekommen bist, oder?“, fragte sie ihn daraufhin.
Als Thomas seine Fassung wieder fand, sagte er:
„Wer auch immer dir bereits erzählt hat, dass du heute entlassen wirst, kriegt aber so was von Ärger!“
Sie lächelte ihn an, verständnisvoll und wissend, und sagte in einem sanften Ton:
„Du weißt genauso gut wie ich, dass es mir noch niemand gesagt hat. Verstehe bitte, dass du, bevor ich dir eine Antwort auf die Frage, wegen der du wirklich hier bist, geben kann, einsehen musst, dass es Dinge auf dieser Welt gibt, die du noch nicht wahrgenommen hast.“
Sie wusste, weshalb er hier war, wie er heißt, dass sie entlassen wird, dass das Diktiergerät nichts aufgenommen hatte, obwohl es ihr niemand zuvor gesagt haben konnte. Er konnte keine Erklärung finden, die mit irgendeiner Logik, die er bis jetzt kennengelernt hatte, zu vereinbaren war.
Von daher fragte er, auf sämtliche Antworten gefasst:
„Was war es dann, was Anna getötet hat?“
„Das, mein Lieber,“ sagte sie traurig lächelnd „ist eine Frage, auf die ich ebenfalls eine Antwort suche.“
Sie wusste, dass er kommen würde, obwohl sie ihn nicht kannte, noch nie gesehen hatte, oder seinen Namen wusste. Er war das Teil in dem Puzzle, das all die Jahre gefehlt hatte, um es zu vollenden. Also fuhr sie zu der kleinen Holzhütte in den Bergen, in der sie schon so häufig ihre Schulferien verbracht hatte. Es war ein wolkenbedeckter grauer Tag gewesen; ihre Stimmung war nicht viel besser. Deshalb setzte sie sich in die kleine Küche, dachte nach und wartete.
Schon als sie klein gewesen war hatte sie bemerkt, dass sie anders als die anderen Kinder war. Dinge, die anderen verdeckt blieben, waren ihr zugänglich. Es schien, als würde sie intuitiv verstehen, was Menschen um sie herum fühlten, was sie bewegte, motivierte. So war es ihr auch möglich vorherzusagen, was sie als nächstes tun würden. Als sie in die Schule kam, wurde der Unterschied zu den anderen Kindern für sie noch stärker bemerkbar. Viele der Waisenkinder, die mit ihr wohnten, taten sich schwer, Dinge zu lernen. Sie hatte damit keine Probleme. Selbst schwierige komplexe Dinge erschlossen sich ihr, als hätte sie sie schon immer gewusst. Um nicht aufzufallen, passte sie sich jedoch so gut wie möglich den anderen Kindern an. Es kostete sie viel Kraft jemanden zu spielen, der sie nicht war. Und sie schien dies nicht gut genug getan zu haben, denn einer wurde auf sie aufmerksam: Der anonyme Spendengeber. Sie wusste, dass er Antworten zu ihren Fragen haben würde. Wobei ihr noch immer nicht klar war, warum gerade sie die Ehre erhalten hatte, von ihm unterstützt zu werden. Sicherlich waren noch mehr Leute da draußen, die genauso waren wie sie.
Nicht nur ergaben sich Zusammenhänge für sie schneller, sondern sie konnte auch Dinge wahrnehmen, die für andere nicht vorhanden zu sein schienen. Gewisse Kräfte, die einen Einfluss auf das Leben in dieser Welt haben – sowohl gute als auch böse. Je älter sie wurde, desto mehr nahm sie wahr. Zunächst war es nur das Gefühl, dass noch etwas anderes Lebendiges in der Nähe war, dann sah sie eine Art hellen Schatten und erst vor kurzem fing sie an, Umrisse zu erkennen, wobei diese aber noch zu unscharf waren, um genaue Formen zu erkennen. Niemals zuvor hatte sie so viel negative Energie gespürt, wie an dem Tag, an dem das Mädchen gestorben war. Aus einem Grund, der ihr verschlossen blieb, hatte diese Lebensart es auf das Mädchen abgesehen. Sie folgte ihm, um es zu beschützen. Doch wenn man nicht weiß, vor was genau man es eigentlich beschützen möchte, und auch nicht weiß, wie man das eigentlich genau anstellen soll, dann gestaltet sich das ein wenig schwierig. So kam es, dass das Mädchen, trotz ihrer Bemühungen gestorben war, und was auch immer der böse Schatten gewesen war, fast unbeschadet davon gekommen ist.
Es wurde langsam dunkel um sie herum, und als die Nacht kam, entlud sich das Gewitter, das sich den Tag über in den Wolken angestaut hatte. Blitze zuckten durch die Luft und erhellten die pechschwarze Nacht für wenige Sekunden. Doch sie saß noch immer ruhig auf ihrem Stuhl und dachte nach. Wenn sie wenigstens gewusst hätte, was sie zu tun hatte, dann hätte sie das Mädchen retten können. Die Regentropfen begleiteten ihre finsteren Gedanken mit der passenden Melodie. Wütend peitschten sie gegen das Fenster. Der Donner, der die Hütte zum Zittern brachte, drückte ihre Wut auf sie selbst aus.
Nach außen hin blieb sie jedoch regungslos; ihre leeren Augen auf die gegenüber liegende Tür gerichtet. Dass sie letztendlich als Tatverdächtige dastand überraschte sie nicht. Menschen sahen nicht das, was sie sah. Sie verstanden nicht das, was sie verstand, und wenn es nach ihr ginge, dann hatte sie die mehr oder weniger zwei Tage Haft auch verdient. Schließlich hatte sie Teilschuld an dem Tod des Mädchens, auch wenn in einer etwas anderen Form, als die, die man wohl normalerweise kennt. Der Regen wurde stärker und trommelte immer fester gegen die Scheibe. Langsam fuhr die Kälte in ihren Körper, doch sie unterdrückte das Zittern. Egal ob sie versucht hätte, den zwei Polizisten zu erklären, dass es in der Welt Dinge gab, von denen sie nichts wussten, oder nicht, wäre sie dennoch entlassen worden. Warum sie es dennoch getan hatte, wusste sie nicht so wirklich. Vermutlich wollte sie wenigstens einmal in ihrem Leben von jemandem verstanden werden. Ob sie den jüngeren der beiden Polizisten wohl jemals wieder sehen würde? Die Kälte kroch allmählich in ihre Brust und umschloss ihr Herz. Wohl kaum.
Ein Donner folgte auf den nächsten. Das Gewitter schien direkt über der Hütte zu sein. Doch sie saß nach wie vor regungslos da. Erneut zuckte ein Blitz durch die Nacht, der das kleine Zimmer erhellte. Ein Schatten fiel hinter ihr auf die Wand.
Er war da.
Sein Gesicht war von der Kapuze seines schwarzen Mantels verdeckt. Er war groß. So groß, dass er seinen Kopf einziehen musste, um durch die Tür gehen zu können.
