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Eine Stadt steht vor dem Fall … Ein Mann steht vor einem neuen Leben … Ein Bündnis steht auf des Messers Schneide … Und fünf Auserwählte, die sich wieder auf die Reise begeben müssen … Die loyalistischen Truppen in New Paris sehen sich mit einer Übermacht konfrontiert, der sie nicht lange widerstehen werden können. Aber sie zögern nicht und bezahlen mit ihren Leben für jede Minute, die sie den Kindern, den Frauen und den anderen Zivilisten zur Flucht verschaffen. Sinnas Dillingham, der viel zu junge Kommandant der Stadt, weiß, dass dies seine letzte Mission sein wird. Im Land der Zwerge binden innere Machtkämpfe die Kräfte, die doch so bitter zur Verteidigung des Reiches benötigt werden. Kann es noch rechtzeitig gelingen, einen König zu krönen, der mit starker Hand die Clans wieder einigt? Hoffnung ist rar in diesen Tagen auf Locondia. Selbst die fünf ungleichen Reiter sind sich uneins. Sie brechen wieder auf, doch jeder nimmt einen anderen Weg. „Die zweite Reise“ ist der zweite Band der „Fünf ungleiche Reiter“-Saga, die Fantasy und Science-Fiction in sich vereinigt.
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Seitenzahl: 516
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Jannis B. Ihrig
FÜNF UNGLEICHE REITER
DIE ZWEITE REISE
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelgrafik von Sami Seyfert
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
ISBN 9783957446695
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Prolog
1. Kapitel – Was wollt ihr eigentlich?
2. Kapitel – Die nächste Evolutionsstufe
3. Kapitel – Erwins Verschwinden
4. Kapitel – Was ist von mir geblieben?
5. Kapitel – Kalus, Meisterschwertkämpfer der Dämonen
6. Kapitel – Ein schicksalhafter Plan wird beschlossen
7. Kapitel – Eine Begegnung der flammenden Art
8. Kapitel – Lebensader
9. Kapitel – Innere Zerrissenheit und ein Abschied
10. Kapitel – Ein unruhiger Abend
11. Kapitel – Vorbote des Streites
12. Kapitel – Gestrandet im Reich der Orks
13. Kapitel – Auf dem Abstellgleis
14. Kapitel – Die Lichtgestalt
15. Kapitel – Das Geflecht und die Gier
16. Kapitel – Unter Orks
17. Kapitel – Die Seelenebene
18. Kapitel – Der entfesselte Tiger
19. Kapitel – Eine unheimlich vertraute Heimsuchung
20. Kapitel – Wie in einer anderen Welt
21. Kapitel – Die Spuren einer längst vergessenen Zivilisation
22. Kapitel – Die Heimkehrerin und der Rote Nachtmahr
23. Kapitel – Der silberne Käfer und der Jadekoloss
24. Kapitel – Ein Vorbild für alle
25. Kapitel – Illusionärer Wein und Braten
26. Kapitel – Die Quelle der Magie
27. Kapitel – Entsetzliche Stille im Geflecht
28. Kapitel – Herumirren
29. Kapitel – Stockender Fortschritt
30. Kapitel – Ein Generationsereignis
31. Kapitel – Die letzte Stadt der Goblins
Epilog
Personenliste
Ungewöhnlich sanft säuselte der Wind über dem Wüstenboden und wirbelte hier und da etwas Sand auf, der langsam, aber bestimmt wieder zu Boden sank. Leicht verwundert über die Beinahewindstille sah ein alter Skorpion aus seiner kleinen Höhle heraus. Er war ein gewöhnlicher Skorpion von zehn Zentimetern Länge. Groß genug, um furchtsamen Menschen Angst einzujagen, obwohl seine Art nicht giftig war, aber immer noch kleiner als die Spitze des Stachels eines Goliathskorpions, welcher gewöhnlich in den weit von der locondianischen Sahara entfernten Sümpfen lebte.
Ein erfahrener Biologe hätte den alten Skorpion sofort als Scorpio planto identifiziert, eines der faszinierendsten Wesen der Wüste. Dieser Skorpion war selbst für Locondia ein außergewöhnliches Lebewesen, nämlich ein Tier-Pflanze-Hybrid. Auf der harten Schale befanden sich grünliche Zellgewebe, die Fotosynthese betrieben und den Skorpion so mit Lebensenergie versorgten. Deswegen musste ein Scorpio planto, auch einfach Grüner Skorpion genannt, nur drei Dinge in seinem Leben tun: sonnenbaden, Wasser trinken und sich ab und zu in fruchtbarer Erde suhlen, sollte er sich zufälligerweise auf eine der Plantagen der Menschen verirren. Der betagte Skorpion war auch durch sein Alter etwas Besonderes. Kleine Skorpione wurden gewöhnlich nur acht Jahre alt, doch dieser war bereits zwanzig Jahre alt. Dies verdankte er nicht nur einer günstigen DNA-Kombination, sondern auch einem angeborenen sechsten Sinn, der ihn all die Jahre immer vor Fressfeinden geschützt hatte.
Und jetzt, in diesem friedlichen Moment, schlug er aus. Der Skorpion überlegte nicht lange und verschwand in seiner Höhle. Dies war unnötig, da das gefährliche Objekt gut einen Meter entfernt einschlug. Jedoch wurde dabei viel Sand aufgewirbelt, weshalb dem Skorpion dank seiner Flucht Sandkörner im Auge erspart blieben. Jetzt schaute er verwundert aus seinem Bau auf das, was vor seiner Höhle eingeschlagen war, ähnlich einem Menschen, in dessen Garten gerade ein außerirdisches Raumschiff niedergegangen war. Das Objekt bestand aus irgendeinem Metall und war stark beschädigt. Der Skorpion sah neugierig nach oben, doch er konnte nur mehrere weiße und schwarze Striche am Himmel erkennen.
„Hier Aufklärer 4, der Feind nähert sich. Sie durchlöchern den Himmel mit Flugabwehrraketen. Sie haben Aufklärer 3 und 5 erwischt und ich hätte es auch fast nicht geschafft. Bitte um Erlaubnis, zur Basis zurückzukehren.“
„Hier Kommandozentrale, Landeerlaubnis erteilt. Kehren Sie zur Basis zurück. Jetzt übernehmen die großen Jungs die Arbeit.“
Der Pilot des Aufklärungs-Senkrechtstarters atmete erleichtert auf. Ihm war vorher bewusst gewesen, dass es sehr gefährlich werden würde, wenn man als Aufklärer die Feindarmee suchen musste. Vor allem, wenn sich das Radar aufgrund von Störsignalen als nicht verwendbar erwies. Doch die Größe des Feindes war gigantischer als gedacht. Dem Anschein nach könnte sich das schlimmste Gerücht bewahrheiten. Die Putschisten hatten tatsächlich drei Viertel der eine halbe Million starken Armee auf ihre Seite gezogen, entweder durch Überzeugung oder durch die Gehirnwäsche der Dämonen. Auf jeden Fall hatte ein Begrüßungskomitee, bestehend aus Luftabwehrraketen, die drei Aufklärer erwartet und nur einer schwer beschädigt mit seinem Senkrechtstarter entkommen können.
Obwohl die noch sichere Stadt mitsamt der Luftbasis näher kam, war der Soldat immer noch nervös, denn der Senkrechtstarter gab Geräusche von sich, die man als Pilot nicht hören wollte, und war schwer beschädigt, da er von zwei Raketen getroffen worden war. Und nun ertönte ein Geräusch, das der Pilot ebenfalls nicht hören wollte. „Scheiße!“
Dies umschrieb seine neue Situation vortrefflich. Denn laut seinem Kurzstreckenrader verfolgten ihn plötzlich drei unbekannte Flugobjekte, die der Bordcomputer mit neunundneunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit aufgrund ihrer Größe und Geschwindigkeit als feindliche Senkrechtstarter identifizierte. Noch waren sie zu weit weg, um ihre Waffen einzusetzen, doch sie würden nur ein paar Minuten brauchen, um in Feuerreichweite zu kommen.
Dem Piloten blieb nichts anderes übrig, als zu beschleunigen, um die Entfernung zur sicheren Basis zu überbrücken. Es war riskant, da der Senkrechtstarter auseinanderzufallen drohte und nun noch mehr belastet wurde – so, als würde man einen schwer verletzten Menschen dazu zwingen, einen übermenschlichen Sprint hinzulegen. Doch die Verzweiflungstat zeigte Wirkung. Wenige Sekunden später konnte der Pilot bereits die Stadt New Paris sehen. Und mit ihr den Luftwaffenstützpunkt samt rettenden Luftabwehrstellungen. Schon jetzt drehten sich die automatischen Luftabwehrraketenwerfer und jagten zielsicher Raketen an dem Aufklärer vorbei in Richtung des Feindes.
Währenddessen versuchte der Pilot, seinen Flieger zu senken, doch die Maschine reagierte nicht. Dem Piloten stockte der Atem, als er erkannte, wo das Problem lag. Das Steuerungssystem für die Düsen, die für Höhenänderungen zuständig waren, musste ausgefallen sein. Tatsächlich lag das System, ohne dass es der Pilot wusste, im Vorgarten eines Skorpions, der sich immer noch wunderte. Ohne Kontrolle über diese Düsen konnte der Pilot nicht sicher landen.
„Scheiße, ich habe das Steuerungssystem für Höhenänderungen verloren! Ich muss einen Notabsturz einleiten!“, funkte er gehetzt. Er wartete nicht auf die Antwort und drückte den Knopf für einen kontrollierten Notabsturz.
Jetzt übernahm der Computer die Kontrolle über den Senkrechtstarter und arbeitete seine Checkliste ab: „Schleudersitz vorbereiten.“ Der Sitz schob sich mehrere Zentimeter von den Armaturen weg, dann umhüllten Platten den Körper, sodass sich ein gepanzerter Anzug um den Piloten bildete. Zusätzlich wurden Sauerstoffflaschen mit angeschlossener Atemmaske am Sitz befestigt. Dies sollte das Atmen in dünnen Atmosphären ermöglichen, war aber diesmal natürlich überflüssig.
„Check! Pilot in Sicherheit bringen.“ Die Düsen des Sitzes aktivierten sich, während gleichzeitig das Cockpitdach abgesprengt wurde, was den Piloten herausschleuderte.
„Check! Sicherer Absturz.“ Der Computer steuerte den Senkrechtstarter von der Stadt weg. Weit genug von der Stadt entfernt, schaltete der Computer den Antrieb aus und der Senkrechtstarter stürzte zum Wüstenboden herab und explodierte. Wie durch ein Wunder blieb der Computer noch halbwegs intakt, sodass er ein letztes „Check!“ ausspuken konnte, bevor er sich für immer abschaltete.
New Paris war bei Weitem keine Kulturstadt mit historischen Gebäuden wie das originale Paris. Genau genommen gab es fast keine Kultur, abgesehen von ein paar Museen mit Kunstgegenständen von der Erde und mit historischen Exponaten aus den Anfangszeiten der Kolonie. Den Namen hatte New Paris allein deshalb bekommen, weil in diesen Museen hauptsächlich Ausstellungsstücke aus dem alten Frankreich präsentiert wurden, unter anderem die „Mona Lisa“. Ansonsten war New Paris eine gewöhnliche Baukastenstadt, nach demselben Prinzip gebaut wie alle anderen Städte der Kolonie. Es gab mehrere kreisförmige Hauptstraßen, die durch Nebenstraßen miteinander verbunden waren. Die Gebäude standen zwischen den Hauptstraßen.
Beziehungsweise hatten gestanden. Auch wenn der Feind noch weit weg war, so war er doch nah genug, um die Stadt mit Artillerie zu bombardieren. Stolze Wolkenkratzer waren bereits zerstört worden und hatten ganze Viertel unter sich begraben. Schutzschilde gab es nur für wenige militärische Gebäude wie den Flughafen.
Jedoch hatten alle Koloniestädte noch eine zweite Besonderheit, was ihre Bauweise anging. Die gesamte wichtige Infrastruktur lag unter der Erde: Straßen, die aus der Stadt hinausführten, Schienennetze für die Magnetschwebebahnen, Krankenhäuser, Feuerwehren, Polizeistationen, Kraftwerke – einfach alles, was eine Stadt zum Funktionieren brauchte. Auf der Oberfläche selbst befand sich das in Kriegszeiten Entbehrliche wie Freizeiteinrichtungen, Kaufhäuser und Wohnmöglichkeiten. Für die Einwohner existierten tief unter der Erde Bunker, die zwar schlicht waren, aber alles boten, was man zum Leben brauchte, wenn die Stadt belagert und vor allem beschossen wurde. Und das wurde sie auch, weshalb die Einwohner sich nun in diesen Bunkern befanden, während die Soldaten sich oben zwischen den Ruinen und unzerstörten Gebäuden verschanzten, um die Stadt gegen den anrückenden Feind zu verteidigen. Gleichzeitig wurde die unterirdische Evakuierung der Zivilbevölkerung über das Schienennetzwerk vorbereitet. Zusätzlich belud man die Magnetschwebezüge mit wichtigen Gütern, um sie in Richtung Norden zu den Städten in den Bergen zu schicken.
Der Frontverlauf zwischen den Putschisten, die sich mit den Dämonen verbündet hatten, und den Loyalisten, die für die alte Regierung kämpften und sich um ein Bündnis mit den Urvölkern Locondias bemühten, war folgender: Während die Verräter den Süden der Kolonie, also den Großteil der Städte, die in der Sahara lagen, kontrollierten, konnten sich die Loyalisten im Norden in den teils unterirdischen Bergstädten, die aufgrund ihrer Lage gut geschützt waren, verschanzen. Das bedeutete, dass die Putschisten acht der dreizehn Städte, nämlich New Berlin, New Washington, New Peking, New Rom, New London, New Kairo, New Tokio und New Moskau, in ihrer Gewalt hatten, während die fünf verbliebenen Städte New Madrid, New Seoul, New Ottawa, New Brasilia und New Paris in der Hand der Loyalisten waren.
Die Städte im Süden waren zuerst entstanden, wogegen die Bergstädte sich später aus Minenkomplexen, die die Bergarbeiter mit ihren Familien beheimateten, gebildet hatten. In diesen Bergen wurden vielfältige Rohstoffe, teils altbekannte wie Silber, Gold oder Kupfer, teils aber auch neuartige wie Hydraeisen, abgebaut. Es war schon ein großes Naturwunder, was man so alles in diesem Gestein finden konnte. Aus den Minenkolonien hatten sich erst in den letzten hundert Jahren richtige Städte entwickelt, nachdem immer mehr Arbeitskräfte dorthin gezogen waren, weil der Rohstoffbedarf der Kolonie stetig wuchs. Durch die Varianz in der Entstehung von Nord und Süd hatte sich auch ein leichter kultureller Unterschied entwickelt.
Wegen der Aufteilung der Kolonie in Nord und Süd war New Paris eine besondere Stadt. Sie wurde gern als „Kind von Nord und Süd“ bezeichnet. Das hing mit ihrer Lage zwischen den beiden Städtegruppen zusammen, was sie zu einem Knotenpunkt für den Transport der Ressourcen und Güter machte. Darum besaß die Stadt einen der größten Bahnhöfe der Kolonie, da sie die Schnittstelle zwischen dem südlichen und dem nördlichen Schienennetz bildete, was zur Abwandlung eines altbekannten Sprichwortes führte: „Alle Schienen führen nach Paris.“
New Paris befand sich zwischen den Bergen und der Wüste, also dort, wo der Sand vom Gestein abgelöst wurde. Die Gegend war deshalb sehr flach und die Stadt konnte von jeder Seite angegriffen werden. Zwar war sie so gebaut, dass man sie gut verteidigen konnte, jedoch ließ sich eine gewaltige feindliche Übermacht auch nicht mit einer günstigen Verteidigungsposition abwehren. Darum war die Evakuierung der Zivilbevölkerung und aller wichtigen Ressourcen und Geräte in vollem Gange, während auf der Oberfläche zirka zwanzigtausend Männer und Frauen auf den Feind warteten und dabei immer wieder die Köpfe einzogen, wenn die Projektile der feindlichen Artillerie einschlugen. Die Verteidiger, denen der gesamte Fuhrpark des Kolonie-Militärs wie Panzer, Kampfroboter und Fluggeräte zur Verfügung stand, konnten sogar auf die Unterstützung eines Raketensilos zählen, der sich weit entfernt in den Bergen befand.
Trotzdem waren alle nervös und hatten Angst vor dem, was kommen würde. Ja, sie hatten zwar jahrelanges Training hinter sich gebracht, da aber die Menschen der Kolonie noch nie einen Krieg erlebt, geschweige denn gekämpft hatten, besaßen sie praktische Erfahrungen nur aus Übungsmanövern. Es war, als würde man jemanden, der Schwimmbewegungen nur in Trockenübungen erlernt hatte, ins Wasser stoßen. Er könnte zwar das anwenden, was er gelernt hatte, doch das Ergebnis bliebe trotzdem bescheiden. So ging es auch den Soldaten.
Aber derjenige, der sich am meisten bei dieser Sache unwohl fühlte, war Kommandant Sinnas Dillingham, der Neffe der Zwillinge John und Joy Dillingham. Er fühlte sich nicht einmal ansatzweise so kompetent wie seine berühmten Onkel. Auf seinen Schultern lag die Verantwortung für die Stadt, für seine Männer und Frauen sowie für die Zivilisten. Wenn ihm bei der Verteidigung auch nur ein kleiner Fehler unterlief, würden viele den nächsten Tag nicht erleben. Alles lag in seinen Händen, in den Händen eines Kommandanten, der sich noch mitten in der Ausbildung befand, als er aus der Militärakademie gezerrt wurde, weil es keinen anderen Kandidaten gab. Der alte Befehlshaber war verschwunden, entweder geflohen oder übergelaufen.
Mit seinen zweiundzwanzig Jahren war Sinnas eigentlich noch weit entfernt vom Abschluss seiner Ausbildung und er fühlte sich schon jetzt hoffnungslos überfordert. Irgendwie glaubte er auch, sein bekannter Name könnte einen Einfluss darauf gehabt haben, dass man ihm das Kommando übertrug. Jeder dachte, er würde die Soldaten am besten anführen, nur weil er ein angehender Kommandant mit ehrbarer Militärverwandtschaft war.
Natürlich wusste Sinnas, wie man Befehle gab und die Übersicht behielt, doch sein gesamtes Wissen über Taktik und Strategie umfasste nur die Grundlagen. Das Einzige, was Sinnas wirklich meisterhaft konnte, war, seine Angst und sein schlechtes Gefühl zu verbergen, sodass niemand bemerkte, dass der Kommandant die Schlacht bereits für verloren hielt, weil er selbst an seinen Qualifikationen zweifelte. Doch sein Pflichtbewusstsein, welches ihn daran erinnerte, dass er für das Leben von Tausenden verantwortlich war, verdrängte die Selbstzweifel.
Kommandant Sinnas griff zum Mikrofon, um eine letzte Rede vor dem Angriff zu halten: „Soldaten, ich will ehrlich sein. Unser Aufklärer, der als Einziger wieder zurückkam, berichtet von einer Armee, die uns mindestens um das Dreifache überlegen ist.“ ‚Toller Anfang, ich Idiot! Das wird sie ja richtig motivieren‘, schalt sich Sinnas in Gedanken selbst. „Und wir werden die Stadt nicht halten können. Doch das müssen wir nicht. Wir müssen sie aufhalten, bis jedes Kind, jede Frau und jeder Mann in Sicherheit ist. Kämpft für ihre und eure Zukunft. Kämpft für die Menschheit!“
Der gedämpfte Jubel der Soldaten wurde über die Lautsprecher in die Kommandozentrale übertragen und Sinnas wusste, dass er wenigstens das hinbekommen hatte. Er blickte sich in der Zentrale um und sah jeden seiner Untergebenen an. „Packen wir es an“, sagte er zu ihnen. Sie nickten allesamt und blickten wieder auf ihre Monitore. Ganz leise murmelte Sinnas: „Möge Gott mit uns sein.“
Leise zischte der Wind durch die Stadt und trug dabei Sand in die Straßen. Doch heute interessierte sich niemand für dieses tägliche Ärgernis. Die Augen aller Soldaten waren trotz des Sandes, der ihnen entgegengeblasen wurde, auf den Horizont gerichtet. Alle warteten auf den Feind und wünschten sich gleichzeitig, dass er nie kommen würde. Die Infanterie hockte hinter den Barrikaden, die auf den Straßen aufgebaut worden waren, während die Panzer und Kampfroboter ihre Waffen in die Ferne gerichtet hielten, um den Feind, sobald er sich blicken lassen würde, zu befeuern. Über ihren Köpfen flogen zwischen den verbliebenen Wolkenkratzern hindurch einige Senkrechtstarter, die Luftunterstützung geben sollten. Zu guter Letzt befand sich in der Stadtmitte die Artillerie, die die ungefähre Position des Feindes dank Rader orten und ihn so unter Beschuss nehmen konnte.
So stand nun die Armee in der Stadt und wartete, während die Soldaten die Artilleriegeschosse beider Seiten davonfliegen beziehungsweise einschlagen sahen. Und auch Sinnas wartete, während er auf das Hologramm starrte, welches das Schlachtfeld in groben Umrissen zeigte. Die Position der eigenen Truppen wurde korrekt angezeigt, während das Hologramm nur ungefähre Positionen des Feindes wiedergeben konnte, da Störsignale eine genaue Ortung verhinderten. Dies verdeutlichte dem jungen Kommandanten, dass der Feind noch einen großen Vorteil hatte. Während er sich auf das Radar verlassen musste, konnte der Feind dank des Satellitensystems, das sich unter der Kontrolle der Putschisten befand, die Positionen und Bewaffnung der Verteidiger genau erkennen. Kurz gesagt: Der Feind wusste, was ihn erwartete, die Verteidiger aber nicht.
Die Berichte des Aufklärers waren viel zu vage. Die Unmengen an Panzern und Kampfrobotern, die in dem vom Bordcomputer aufgenommenen Film zu sehen waren, erstickten die Hoffnung der Loyalisten. So blieb dem jungen Kommandanten nichts anderes übrig, als auf das Rader zu schauen und zu warten, bis die ersten Gegner in Sichtweite kommen würden.
Dann war es so weit: Sandwolken erschienen am Horizont und enthüllten Panzer und Truppentransporter, die sich rasch der Stadt näherten und das Feuer eröffneten, während über ihnen Kampfsenkrechtstarter hinwegdüsten. Die Verteidiger erwiderten das Feuer.
Als der äußerste Stadtring erreicht wurde, blieben die Truppentransporter stehen und entluden ihren Inhalt, während die Panzer weiterrollten und Feuerschutz gaben. Besessene Soldaten sprangen heraus und eröffneten unverzüglich das Feuer. Die Schlacht um New Paris hatte begonnen.
Goldia, Hauptstadt des Reiches des Silbernen Hammers Morgen des ersten Tages nach dem Fall von New Paris
Du kannst mir nicht entkommen.
Die Stimme schien überall und gleichzeitig nirgendwo zu sein. Erwin hechtete durch die ewige Dunkelheit, verfolgt von irgendetwas.
Renn nicht weg! Es verzögert nur das Unvermeidliche.
Erwin dachte nicht daran, stehen zu bleiben. Er rannte immer weiter in die Dunkelheit, in der Hoffnung, so der unheimlichen Stimme zu entkommen.
Es hat keinen Sinn, vor mir wegzurennen. Niemand kann sich selbst entkommen.
„Lass mich in Ruhe! Verschwinde!“, schrie er …
… und erwachte. Erwin schreckte hoch und wusste einen Moment lang nicht mehr, wo er war. Er blickte sich im Zimmer um und erinnerte sich dann. Dies war eines der Gästezimmer der Goldenen Zitadelle, das Erwin bezogen hatte, nachdem die Schlacht um Goldia zu Ende gewesen war. Erwin zitterte am ganzen Leib und versuchte, sich zu beruhigen.
Sein Blick schweifte durch das Zimmer: Es war, wie der Rest der Zitadelle, prunkvoll. Das Bett und ein Tisch mitsamt den Stühlen waren aus gutem Holz gefertigt, das aus dem Elfenreich importiert worden sein musste, während der Boden, die Wände und die Decke aus Gold bestanden. Zudem gab es ein großes Glasfenster und wie der Zufall es wollte, befand es sich in der richtigen Ausrichtung, um die Morgensonne hereinzulassen. Wirklich ein bemerkenswerter Zufall, wenn man bedachte, dass die Stadt Goldia noch vor einem Tag komplett unter der Erde gelegen hatte und nur wegen der mächtigen Magie das Flammenden Prinzen, die den halben Berg wegsprengt hatte, ans Tageslicht gekommen war. Es würde vermutlich lange dauern, bis die Zwerge sich an die Sonne gewöhnen konnten.
Lautes Klopfen riss Erwin aus seinen Gedanken und eine sanfte Stimme ertönte: „Ich bin es, April.“
Erwin ging zur Tür und öffnete sie. Vor ihm stand April, die Wassermagierin, die sichtlich erleichtert aussah. „Guten Morgen, April.“
„Guten Morgen, Erwin. Ist mit dir alles in Ordnung? Ich habe dich schreien gehört“, fragte April besorgt.
„Ähm, ja, ich hatte einen Albtraum. Kein Wunder, wenn man bedenkt, was wir so alles durchmachen mussten. Tut mir leid, falls ich dich erschreckt habe.“
„Ist schon in Ordnung.“ April sah Erwin an und dieser erwiderte den Blick.
Es entstand eine peinliche Pause. April wusste, dass Erwin etwas belastete, was mehr war als nur ein Albtraum, und Erwin ahnte, dass April es wusste.
Die Wassermagierin brach das Schweigen und sprach weiter: „Ich habe dir eine neue Robe mitgebracht“, wobei sie Erwin eine schneeweiße Robe reichte.
Erwin nahm sie entgegen und bemerkte: „Danke.“ Dann fiel sein Blick auf ein Zeichen auf der Rückseite: eine Sonne, die von einem Ring umgeben war. „Das ist ja die Robe eines vollwertigen Lichtmagiers“, stellte Erwin erstaunt fest.
„Ja, diese Robe hat mir einer der Flüchtlinge gegeben. Er selbst ist auch ein Lichtmagier und bot mir diese Robe sofort an, als ich herumgefragt hatte.“
„Du hast für mich nach einer neuen Robe gesucht?“, fragte Erwin teils erstaunt, teils gerührt.
„Ja, die hast du dringend notwendig, wenn man dich so ansieht.“
Erwin blickte an sich herab und musste zugeben, dass dies noch untertrieben war. Die blaue Robe, die er von April in der Wüste bekommen hatte, war mehr zerrissen als heil und zudem nicht mehr blau, sondern bräunlich, was dem vergossenen, inzwischen getrockneten Blut, teils von Erwins Feinden, teils von ihm selbst, zu verdanken war. Die alte Robe sah so aus, wie sich Erwins Seele anfühlte. Nichts war mehr von seiner Naivität übrig geblieben, stattdessen war seine Seele von dem, was er miterleben musste, zerkratzt und verunreinigt. Es war schwer vorstellbar, dass Erwins altes Leben als Lehrling an der Akademie des Lichts erst vor zwei Wochen geendet hatte.
„Danke, April. Eine neue Robe ist genau das, was ich jetzt brauche.“
April lächelte und zog sich dann zurück, damit Erwin sich umziehen konnte.
„Warte, April! Was ist eigentlich mit deiner Mutter?“
Aprils Mutter Neptunia war nach der Schlacht verschwunden, doch April konnte jetzt Entwarnung geben: „Meine Mutter ist noch gestern Abend wieder aufgetaucht. Das Kämpfen hatte sie sehr erschöpft, weshalb sie vorübergehend ohnmächtig in einer Gasse lag. Dann aber hat sie sich zur Zitadelle geschleppt, wo wir sie gefunden und sofort ins Bett gesteckt haben. Sie schläft noch immer und sollte am besten nicht geweckt werden.“
„Vorsicht, die Natter wacht auf“, vernahm die Silberne Natter.
„Bleib cool, Kumpel. Diese Stahlfesseln, mit der wir sie am Bett fixiert haben, könnte nicht mal ein Kampfroboter brechen“, versuchte eine zweite Stimme zu beruhigen.
„Der Roboter mit den Augen bestimmt schon“, erwiderte die erste Stimme skeptisch.
Zuerst war die Sicht der Natter verschwommen, doch allmählich wurde alles wieder klar. Sie starrte an eine steinerne Decke, bis sie den Kopf drehte und bemerkte, dass sie sich in einem rustikalen Bett befand, welches aus Holzplanken bestand und eine Strohmatte besaß, soweit sie es fühlen konnte. Die Fesseln waren tatsächlich aus Stahlbändern und somit selbst für sie nicht zu brechen. Sie reckte weiter ihren Kopf und konnte nun die beiden Besitzer der Stimmen erblicken und gleichzeitig erkennen, dass sie sich in der Zelle eines Verlieses befand. Vor den Gitterstäben standen zwei menschliche Soldaten. Der eine, der zuerst gesprochen hatte, schien einer arabischen Familie zu entstammen, während der zweite eindeutig asiatische Vorfahren hatte.
„Ich meine, hast du dieses … Ding gesehen?“, setzte der Araber wieder an.
„Ja, zugegeben, der ist unheimlich. Und damit meine ich nicht die Toten, die er in der Forschungsstation hinterlassen hatte. Ich habe ihn kurz nach der Schlacht gesehen. Er hat geblutet. Sandfarbenes Blut tropfte aus den Ritzen seiner Panzerung. Und dann erst diese Augen!“, fügte der Asiate hinzu.
„Als wäre er keine Maschine mehr“, befürchtete der Araber.
„Was aber dann?“, fragte der Asiate.
Plötzlich hörten sie ein Geräusch und zuckten zusammen. Es war das typische Surren von Robotergelenken. „Meine Herren, ich wurde zu Ihnen geschickt, um Ihnen bei der Bewachung der Gefangenen zu helfen.“
Die Natter sah den beiden Soldaten die Erleichterung an, die sie verspürten, nachdem sie sahen, dass es nur ein kleiner Delta-Gatling-Roboter war, der die Steintreppe herunterkam. Dieser vierbeinige Spinnenroboter war nicht länger als einen Meter und trug auf seinem Rücken eine einzelne Gatling. Er wurde hauptsächlich für Wachdienste und Patrouillen innerhalb von Gebäuden eingesetzt.
„Verdammt noch mal, schleich dich nicht an, Robot“, fauchte der Asiate den Roboter an.
„Entschuldigung, Herr. Das wird nicht wieder vorkommen“, entschuldigte sich der Roboter.
„Das will ich auch hoffen“, setzte der Araber hinzu. Dann wendete er sich der Treppe zu, die nach oben in die Zitadelle führte. „Ihr beiden passt weiter auf die Natter auf. Ich gehe mal kurz nach oben und sage Bescheid, dass unsere kleine Schlange hier aufgewacht ist.“
Die Natter überlegte kurz, ob sich jetzt vielleicht eine Gelegenheit bot, ihre Bewacher zu überlisten und zu fliehen. Doch sie verwarf alle Fluchtpläne. Die Wache schien sehr gut über sie informiert zu sein, sodass sie nicht einmal im Traum daran denken würde, ihr die Fesseln abzunehmen. Sie musste erst auf eine günstige Gelegenheit für die Flucht warten, bevor sie sich wieder auf ihren Auftrag konzentrieren konnte.
Während die Natter sich den Kopf darüber zerbrach, wie sie ihre eingeschränkte Bewegungsfreiheit wieder entfesseln konnte, musste ein anderer Delta-Gatling-Roboter die Erfahrung machen, dass es keine gute Idee war, einem Ork auf den Fuß zu treten.
„Sie können doch nicht einfach so einen 50.000 Kolonialdollar teuren Roboter gegen die Wand treten, Herr!“
„Nun, dass deine … Eisenspinne jetzt zerschmettert an der Wand liegt, scheint aber das Gegenteil zu beweisen“, erwiderte Janok gereizt.
„Janok, du solltest dich entschuldigen“, ertönte eine weibliche Stimme hinter ihm.
„Bei wem ich mich entschuldige, entscheide immer noch ich, kein anderer, erst recht keine Tarborianerin“, erwiderte Janok scharf. Doch dann wandte er sich dem menschlichen Techniker zu und entschuldigte sich: „Es war keine Absicht. Ich bog gerade um diese Ecke, als Ihre Eisenspinne den Gang heruntergeflitzt kam und mir auf den Fuß trat. Da habe ich sie reflexmäßig weggetreten.“
Der Techniker seufzte: „Sie wären aber der Erste, der einen hundert Kilogramm schweren Roboter einfach so wegtritt. Wie soll ich meinem Vorgesetzten erklären, dass einer unserer Roboter nun Schrott ist, nachdem er Ihren Weg gekreuzt hat?“
„Keine Sorge, er wird Ihnen glauben, da ich zufällig Zeuge dieses ungewöhnlichen Aufeinandertreffens wurde.“
Der Techniker sprang auf, drehte sich um und salutierte: „Herr Irving Anderson.“
„Bitte kein Salutieren vor mir. Ich bekleide offiziell keinen militärischen Rang mehr und stehe so als Zivilist vor Ihnen“, bemerkte Irving.
„Ich respektiere Sie auch nicht wegen irgendwelcher Titel, sondern wegen Ihrer Leistung in der gestrigen Schlacht.“
‚Mit einem gigantischen Kampfläufer ist das auch kein Kunststück‘, dachte Irving missmutig, ließ sich aber nichts anmerken und sagte stattdessen: „Lassen Sie sich beim Aufsammeln der Bruchstücke nicht weiter stören.“ Dann wendete er sich an Janok und Schimascha, die hinter ihm standen.
Weil man Irving während seiner Kindheit immer eingetrichtert hatte, dass die Neutralität und Isolation der Menschheit das Beste für die Urvölker Locondias sei, hätte er nie erwartet, einem Ork und einer Tarborianerin zu begegnen. Noch weniger aber, dass sich diese beiden an einem Ort befinden konnten, ohne sich gegenseitig an die Kehle zu springen. ‚Es sind seltsame Zeiten‘, dachte Irving, bevor er mit dem Gespräch begann: „Ich glaube, wir kennen uns noch nicht. Mein Name ist …“
„Irving Anderson. Wir haben schließlich Ohren“, kam ihm der Ork zuvor. „Ich bin Janok und die Tarborianerin heißt Schimascha.“
Irving musste sich daran gewöhnen, dass die Urvölker von Locondia meistens keine Nachnamen trugen, auch nicht in den vielbevölkerten Städten. Dafür geizte das einfache Volk nicht mit Zusätzen, die die besonderen Merkmale eines Individuums hervorhoben, während es bei den Höhergestellten Familiennamen gab. Ein Beispiel waren die Clans der Zwerge.
„Irving reicht. Anderson ist der Name meiner Familie“, klärte Irving auf.
„Dann muss es ja eine bedeutende Familie sein“, bemerkte Schimascha.
Da es tatsächlich der Wahrheit entsprach, nickte Irving nur und versuchte nicht, das menschliche Konzept der Nachnamen zu erläutern. Stattdessen setzte er das Gespräch fort: „Ich muss zugeben, ich habe noch nicht völlig verstanden, was eigentlich in Locondia vor sich geht.“
Der Ork zuckte mit den Schultern: „Was gibt es da viel zu sagen? Die Schattenelfen haben mithilfe der Dämonen und, nehmen Sie es mir nicht übel, Ihrer Mitmenschen die Macht im Elfenreich an sich gerissen und drohen nun, ganz Locondia zu unterwerfen.“
„Und welche Rolle spielen die fünf ungleichen Reiter? Wer oder was sind die überhaupt?“, fragte Irving.
„Ich frage mich auch manchmal, was eigentlich von uns erwartet wird“, murmelte Janok.
Als auf Irvings Gesicht ein überraschter Ausdruck erschien, erklärte Schimascha: „Wir beide gehören zu den ungleichen Reitern. Und eigentlich kann ich Ihnen über uns nicht mehr sagen, außer dass wir von Erwin dem Sonnenelfen höchstpersönlich prophezeit wurden und jeder von uns einen ungewöhnlichen Kampfgefährten hat. Die dürften Ihnen garantiert schon aufgefallen sein.“
Irving nickte. Der Landtintenfisch, der schwarze Drache, der Albinoskorpion, der Basilisk und der Greif waren schwer zu übersehen.
„Warum wir aber so bedeutend sein sollen und welche Rolle wir in diesem Geschehen spielen, kann keiner von uns sagen. Bei der Axt meines Vaters, ich weiß nicht mal, warum ich das Ganze überhaupt mitmache, statt die Sümpfe meiner Heimat zu durchstreifen“, maulte Janok.
„Wer gehört noch zu den Reitern?“, fragte Irving weiter.
„Nun, wie schon erwähnt, wären da ich und der Greif“, begann Janok aufzuzählen. „Schimaschas Kampfgefährtin ist die weiße Goliathskorpionin Alba, dann wären da noch Erwin mit Debecia, dem weiblichen Riesentintenfisch, und Gribus, der Zwerg mit dem steinernen Gesicht. Der reitet Hämatit, den Grünzeug fressenden Drachen. Und zu guter Letzt GKR-3443 mit dem Basilisken Snake.“
Als der Ork GKR-3443 erwähnte, verhärteten sich Irvings Gesichtszüge. „Was genau hat dieser Roboter mit Euch zu tun, Ork?“
Janok, völlig überrascht vom plötzlichen emotionalen Umschwung des Menschen, sah ihn an. „Was er mit mir zu tun hat? Er ist einer von uns und ich hatte schon das Vergnügen, an seiner Seite zu kämpfen. Zugegeben, er ist mir etwas unheimlich, so als Maschine, doch eigentlich ganz in Ordnung.“
„In Ordnung?“, fauchte ihn Irving an und Kristalle brachen aus seinen Schultern hervor. „Er ist ein Roboter mit einem gravierend tödlichen Defekt. Er hat mehrere gute Männer und Frauen auf dem Gewissen. Jetzt muss ich mir anhören, dass er ein legendärer Reiter sein soll, dessen Kommen seit Jahrhunderten prophezeit und erwartet wurde?!“
Weder Janok noch Schimascha wussten, wie sie auf diesen Ausbruch reagieren sollten.
„Falls du Probleme mit mir hast, solltest du mir das ins Gesicht sagen, statt hinter meinem Rücken zu hetzen.“
Diese halb digitale, halb lebendige Stimme jagte Irving einen eiskalten Schauer über den Rücken. Er drehte sich um und sah GKR-3443 in die Augen. Am liebsten hätte der Mensch mit seiner Magie dem Elektro-Cyborg den Stahlschädel mitsamt diesen unnatürlichen Augen weggeblasen, doch er riss sich zusammen. Für den Moment.
Der Roboter starrte ihn an und wusste nicht, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. GKR-3443 war einerseits wütend darüber, wie dieser kümmerliche Mensch auf ihn herabschaute, so wie es alle Menschen mit Robotern taten. Doch gleichzeitig konnte er dessen Wut verstehen. An dem Metall, aus dem er bestand, klebte Blut. Und nicht gerade wenig.
Zum Glück kam in diesem Moment Gribus um die Ecke, erblickte erstaunt das Grüppchen vor sich, erfasste die Lage blitzschnell und entschärfte sie, indem er einfach sagte: „Was auch immer ihr gerade machen wolltet, es muss warten. Wir alle werden nämlich im großen Saal erwartet.“
Tatsächlich gab es genug Gründe, sich an einen großen Tisch zu setzen und offene Fragen zu beantworten. Zum Beispiel die, warum ein Teil der Menschen auf einmal hier war und die Stadt gegen die Dämonen verteidigt hatte, während der andere Teil genau mit diesen verbündet war. Zudem gab es noch das Problem, dass Goldia und alle anderen Städte des Clans des Silbernen Hammers nun führungslos waren, da mit Theron der letzte Clanangehörige verstorben war. Die Clanlinie, die häufiger mit Todesfällen bestraft als mit Zuwächsen gesegnet gewesen war, befand sich am Ende. Glücklicherweise aber hatte Theron mehrere Berater, die die Regierungsgeschäfte übernehmen konnten. Trotzdem bedurfte es eines neuen Königs, bevor das Volk unruhig wurde.
Im Saal der Goldenen Zitadelle stand vor dem Thron ein großer, langer Tisch, an dem sich mehrere Personen versammelt hatten. Neben den bereits erwähnten Beratern des toten Königs befanden sich als elfische Vertreter König Maximilian der Vierte und sein Bruder Monarchius am Tisch, während der grimmige Kommandant Dillingham als Vertreter der Menschen anwesend war. Man sah ihm an, dass er sich unwohl unter den „Nichtmenschen“ fühlte. Kein Wunder, schließlich war er ein überzeugter Prohumanist, also ein Anhänger von politischen Lehren, welche den Menschen als anderen intelligenten Wesen überlegen ansahen. Zu guter Letzt befanden sich noch die fünf Kampfgefährten der Reiter im Saal, welcher groß genug für sie war, ohne dass es eng wurde. Alle warteten auf die Letzten, welche kurz darauf eintrafen.
Von der rechten großen Treppe, die ins Innere der Zitadelle führte, kam die kunterbunte Fünfergruppe, während Erwin und April die linke hinabschritten. Wortlos setzten sich die Dazugekommenen an den Tisch, außer GKR-3443 natürlich. Abgesehen davon, dass sein massiver Roboterkörper nicht darauf ausgelegt war, eine Sitzposition einzunehmen, besaßen die Zwerge keinen Stuhl, der das Gewicht des Roboters hätte aushalten können. Also stand er am Tisch. Die Reiter, die Vertreter der Elfen und Menschen sowie die zwergischen Berater saßen an den beiden länglichen Seiten des Tisches verteilt, während an der dem Thron zugwandten kurzen Seite ein einzelner Zwerg saß, der sich sogleich von seinem Stuhl erhob. Er war mit einer blausilbernen Robe, die das hervorstechende Bild des Silbernen Hammers trug, bekleidet. Da die anderen Berater nur gewöhnliche Stoffroben trugen, war es für jeden ersichtlich, dass dieser Zwerg der oberste Berater sein musste.
Der Zwerg begann zu reden: „Ich danke Ihnen, dass Sie sich hier versammelt haben. Da die gestrige Schlacht ein gewaltiges Chaos sowohl in der Stadt als auch in unserer Gesellschaft hinterlassen hat und es zudem einige Unklarheiten gibt, was hier los ist“, der Zwerg sah zu den beiden Menschen hinüber, „ist es dringend erforderlich, diese offenen Fragen zu beantworten. Doch zuerst will ich mich im Namen aller Bewohner dieser Stadt bei unseren Elfenfreunden, bei den fünf ungleichen Reitern und bei den Menschen, die uns überraschenderweise beigestanden haben, bedanken: Danke.“
Während alle, auch Irving, den Dank gern annahmen, blieb Dillinghams Gesicht, aus dem schon die gesamte Zeit über die Verachtung heraustropfte, unbewegt. Der Zwerg sah oder beachtete es nicht, als er sich den Menschen direkt zuwandte und weitersprach: „Ich bin Tropandus, der oberste Berater des verblichenen Königs. Somit wären wir aber schon bei einer der wichtigsten Fragen. Es sind Gerüchte im Umlauf, dass Sie sich mit den Dämonen verbündet hätten, was aber wohl durch Ihr Eingreifen in die gestrige Schlacht als eindeutig widerlegt angesehen werden kann.“
Dillingham schüttelte den Kopf und begann zu erklären: „Das stimmt nur zur Hälfte. Tatsächlich haben auch wir Verräter in unseren Reihen.“ Sein Gesicht verkrampfte sich. „Unser … Reich ist gespaltet: Wir gegen die Dämonenanhänger.“
„Wie ist es dazu gekommen?“, fragte Erwin subtil anklagend.
Dillingham sah ihn scharf über den Tisch hinweg an: „Das müsstet ihr Elfen doch wohl am besten wissen.“
Monarchius seufzte: „Also seid ihr Menschen ebenfalls vor der Versuchung schneller Macht nicht gefeit.“
„Ja, die dunkle Seite der Macht hatte schon immer eine anziehende Wirkung“, murmelte Irving.
„Wie bitte?“, fragte Schimascha nach.
„Nichts“, war die hastige Antwort.
„Doch wie ist denn nun die genaue Lage bei euch Menschen?“, hakte Janok nach.
„Das geht dich nichts an, Ork“, erwiderte Dillingham unerbittlich und packte dabei so viel Verachtung in die einzelne Silbe des Wortes „Ork“, dass die Menge für eine gesamte Hetzschrift ausgereicht hätte.
Dies blieb dem Ork nicht verborgen und er reagierte verärgert darauf: „Sie mögen keine Orks, wie?“
„Ich mag keine Nichtmenschen, doch das steht nicht zur Debatte.“
Der schnelle Tritt gegen das Schienbein, den Irving Dillingham verpasste, erfolgte nicht schnell genug. Das Wort „Nichtmensch“ entschlüpfte rasch dessen Mund und breitete sich wie ein eisiger Nebel im Saal aus. Deshalb legte Irving seine Hand auf die Schulter des Kommandanten und flüsterte ihm eindringlich ins Ohr: „Gehen Sie jetzt besser raus, Herr Kommandant.“ In die Worte „Herr Kommandant“ packte Irving genauso viel Verachtung, wie es Dillingham bei dem Wort „Ork“ getan hatte.
Der Kommandant sah ihn wütend an, schien aber dann zu beschließen, eine Konfrontation hinauszuschieben und wortlos den Saal zu verlassen.
Irving blickte peinlich berührt in die Runde und sah in mehrere entgleiste Gesichter. Es galt unter allen Regierenden Locondias als Eklat, Rassismus bei politischen Sitzungen offen zu zeigen. Genau genommen war dies der schlimmste Eklat, den man sich leisten konnte. Und das wusste Irving: „Ich würde ja gern für das Verhalten des Kommandanten um Entschuldigung bitten. Doch so ein Verhalten kann man nicht entschuldigen.“
„Wir nehmen Ihre Entschuldigung trotzdem an“, sagte Tropandus und die anderen Teilnehmer nickten. Damit war die peinliche Situation erst einmal vom Tisch und Tropandus verlangte, bevor er zum nächsten Punkt kam, nur: „Ich muss aber darauf bestehen, dass Ihr Vorgesetzter nicht mehr an unseren Versammlungen teilnimmt.“
Irving nickte. Das war ihm auch lieber so. Dillingham mochte zwar ein guter Kommandant sein, seine Abneigung gegenüber Nichtmenschen war jedoch erstaunlich stark. Irving hätte nicht gedacht, dass ein Kommandant sich nicht zusammenreißen konnte, wie man es von einem hochgestellten Armeeangehörigen erwarten würde. Er verscheuchte seine Gedanken um Dillingham und konzentrierte sich wieder auf Tropandus, der den nächsten Punkt ansprach.
„Ein zweites Problem besteht darin, dass Goldia ohne König ist und dass es keinen direkten Thronerben gibt. Das wird zu Spannungen führen.“
„Spannungen mit wem?“, fragte Janok.
„Natürlich mit unseren reizenden Nachbarn“, polterte einer der anderen zwergischen Berater dazwischen und sein Tonfall ließ erahnen, dass er nicht viel von seinen „reizenden“ Nachbarn hielt. „Da unsere Adligen immer nur jene ihres Standes geheiratet haben, ist so gut wie jeder Clan mit jedem anderen verwandt. Das heißt, jedes Königshaus der drei anderen Reiche kann und wird Ansprüche auf den Thron geltend machen, um das Reich des Silbernen Hammers dem eigenen einzuverleiben.“
„Ich ahne, was das bedeutet“, murmelte Gribus und sprach damit aus, was alle dachten.
Tropandus nickte: „Der allgemeine Waffenstillstand, den wir optimistisch als ein Bündnis der Reiche bezeichnen, wird aufgehoben werden und ein zweiter Bürgerkrieg wird Einzug in dieses Reich halten. Das ist so schon schlimm genug, da sich jetzt aber die Dämonen erheben, käme dies einem Todesurteil gleich. Ein zersplittertes, sich selbst bekämpfendes Reich wäre für die Dämonen ein leichtes Spiel. Auch mit einem König wird es schon schwierig genug sein, die anderen Königshäuser zu überzeugen, sich mit uns zu verbünden.“
„Moment mal, das klingt aber so, als hätten Sie bereits eine Lösung für unser Königsproblem“, bemerkte Gribus.
„Nun, zumindest eine Idee. Wir, also ich und meine Untergebenen, haben uns überlegt …“
Tropandus konnte den Satz nicht beenden, denn in diesem Moment ertönte ein schriller Ton, woraufhin Irving einen kleinen Kommunikator aus seiner Jackentasche zog, sich diesen ans Ohr hielt und ungehalten hineinsprach: „Ja, was ist? Fassen Sie sich kurz, ich bin hier in einer wichtigen Besprechung!“ Der Anrufer tat, wie befohlen, denn nur wenige Sekunden später sprang Irving vom Stuhl auf.
„Ist irgendwas?“, wollte Tropandus wissen, dem anzumerken war, dass ihm diese unhöfliche Unterbrechung nicht gefiel.
„Bei unseren Sanitätszelten vor der Stadt hat sich eine wütende Menge gebildet und versucht, Zugang zu erlangen. Noch hält sie sich zurück. Doch die Situation droht zu kippen“, antwortete Irving.
„Warum sollten unsere Leute Ihre Sanitätszelte belagern?“, fragte Monarchius beunruhigt.
Irving schluckte kurz, entschloss sich dann aber, es zu offenbaren: „Es ist durchgesickert, dass wir einige Dämonen in unseren Sanitätszelten behandeln.“
Die Volksseele kochte. Gut eintausend Zwerge und Elfen hatten sich auf der Ebene vor der Stadt versammelt und standen nun laut protestierend vor den großen, grünen Sanitätszelten mit den roten Kreuzen, in denen Sanitäter trotz der Unruhe immer noch um die Leben ihrer Patienten kämpften. Nur eine Reihe von Soldaten, die mit großen Schilden, Schlagstöcken und Tränengasgranaten bewaffnet waren, versuchte die Menge zurückzuhalten. Unterstützt wurden die Soldaten von mehreren BPRs, Beta-Polizei-Robotern, die mit jeweils zwei Wasserwerfern bewaffnet und so ideal für das Ruhigstellen von aggressiven Mengen geeignet waren. Die Lage war angespannt und es kamen immer mehr Personen dazu, sodass die Menge stetig größer wurde.
„Macht Platz! Die Reiter kommen!“, schrie auf einmal eine zwergische Wache hinter der Menge. Diese reagierte sofort und öffnete eine große Schneise, die die fünf ungleichen Reiter und die anderen Teilnehmer der Versammlung passieren konnten. Flankiert wurde die Gruppe von den Zwergenwächtern der Stadt, doch eigentlich waren sie in diesem Moment überflüssig. Die Wut richtete sich nicht gegen die Reiter. Vielmehr hegten die meisten die Hoffnung, dass die Reiter jetzt zum Angriff auf die Zelte blasen würden. Doch das taten sie nicht. Stattdessen baute sich Irving, von den wüsten Beschimpfungen der Menge attackiert, demonstrativ vor der Soldatenlinie auf.
Erwin forderte ihn auf: „Erklärt Euch! Ist es wahr, dass Ihr Dämonen Zuflucht gewährt?“
„Ja, es stimmt“, sagte Irving schlicht.
Erwin starrte ihn an und schien auf eine Erklärung zu warten. Als der Elf merkte, dass Irving unaufgefordert keine geben würde, fragte er nach: „Und warum? Sie sind unsere Feinde. Sie müssen ausgelöscht werden.“ Ein gewisser Ton, der eine drohende Eskalation ankündigte, schwang mit.
„Sie sind unsere Gefangenen“, gab Irving scharf zurück, „und als solche haben sie das Recht auf eine angemessene Behandlung.“
„Recht auf eine angemessene Behandlung? Ich glaube, Dämonen kennen weder das Wort ‚Recht‘ noch dessen großen Bruder ‚Gerechtigkeit‘“, warf Janok trocken ein.
Erwin wurde sichtbar wütend: „Das ist ein Schlag in das Gesicht eines jeden, der gegen die Dämonen gekämpft hat. In das Gesicht eines jeden, der gesehen hat, wie seine Freunde und Verwandten von den Dämonen niedergemetzelt wurden. Die Dämonen kennen keine Gnade und verdienen keine.“
„Nur weil unsere Feinde Bestien sind, sollen wir es ihnen gleichtun?“, fragte Irving, worauf Erwin kurz stockte.
„Wir sind und wir werden keine Bestien, nur weil wir Bestien ausmerzen. Unsere Welt war ein friedvoller Ort, bevor sie kamen und die Herzen unserer Brüder und Schwestern vergifteten. Sie sind der Grund allen Leids auf dieser Welt“, erwiderte Erwin. Zustimmende Rufe kamen aus der Menge, durch welche Erwin weiter angestachelt wurde.
Irving spürte, wie er die Kontrolle über die Lage verlor. Doch er durfte nicht nachgeben. Wenn man seine Grundsätze verrät, egal wie gut der Grund dafür ist, wie kann man dann noch an sich selbst glauben? Irving würde jedenfalls kein Massaker zulassen. ‚Was für ein Glück, dass Dillingham nicht hier ist‘, dachte Irving. ‚Er hätte sich garantiert von seiner Ablehnung leiten lassen und entweder die Dämonen der Menge zum Fraß vorgeworfen oder harte Abwehrmaßnahmen befohlen. Die ohnehin schon angeknackste Beziehung zwischen den Menschen und den Urvölkern wäre völlig ruiniert, wenn die Menge mit Tränengas und Wasser überschüttet werden würde.‘
Irving sah Erwin an und sagte schließlich: „Na gut.“
Erwin entspannte sich sichtlich und lächelte: „Ich hatte gehofft, dass Ihr vernünftig werden würdet.“
„Lasst mich aussprechen“, fiel Irving ihm ins Wort. „Ja, ich bin vernünftig. Ich habe erkannt, dass unsere Grundsätze nicht mit den Ihrigen vereinbar sind. Also werden wir mit unseren Gefangenen gehen.“
Todesstille und erstarrte Gesichter. Der letzte Satz traf alle, selbst die Menschen, mit so einer Wucht, die selbst der Faustschlag eines Zyklopen nicht hätte haben können. Einer der Soldaten löste sich aus der Reihe und während sich die Lücke hinter ihm sofort schloss, trat er an Irving heran und fragte ihn, in sein Ohr flüsternd: „Herr Anderson, sind Sie sich sicher? Kommandant Dillingham wird es gar nicht gefallen, wenn Sie hinter seinem Rücken solche Entscheidungen treffen.“
„Seien Sie still“, zischte Irving, „und vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue.“ Der Soldat schwieg und zog sich in die Reihe zurück.
Nun blickte Irving nach hinten: „Worauf wartet ihr? Ich sagte, wir gehen. Macht unsere Verletzten und die Gefangenen transportbereit! Ich will, dass wir innerhalb eines Tages verschwunden sind!“ Er wartete nicht auf die Reaktion der Soldaten, sondern untermalte seine Entscheidung, indem er auf die Reihe zuschritt. Die Soldaten wichen zurück und machten Platz, weil sie nicht wussten, wie sie sich verhalten sollten.
„Warten Sie! Das können Sie nicht machen!“
Irving drehte sich um und tat so, als wäre er überrascht. Dabei war genau das passiert, was er sich erhofft hatte. Tropandus rannte auf ihn zu und fiel auf die Knie.
„Bitte gehen Sie nicht. Ohne Sie ist die Stadt ein gefundenes Fressen für all unsere Feinde. Egal ob Zwerg, Schattenelf oder Dämon, jeder Feind würde ein leichtes Ziel vorfinden.“ Der Zwerg blickte demütig zu Boden. „Die Dämonen haben unsere Mauer eingerissen, unsere tapferen Soldaten getötet oder verletzt und unseren Kampfwillen gebrochen. Bitte! Wir brauchen Sie!“
Wieder angespannte Stille. Dann ein Wutschrei. „Was soll das?“ Es war Erwin, der wie ein Blitz auf den Zwerg und den Menschen zuraste. „Warum werft Ihr Euren Stolz für diese Verräter weg?!“ Das letzte Wort zog er in die Länge, während er in die Luft sprang und sich mit wutverzerrter Miene den beiden näherte. Seine Hände glühten wie zwei kleine Sonnen auf und jedem wurde mit Schrecken klar, dass gleich ein Unglück passieren würde.
Plötzlich raste eine grüne Faust heran. Sie traf Erwins linke Gesichtshälfte und veränderte so seine Bahn. Genau genommen ging er augenblicklich zu Boden und flog nicht einmal einen halben Meter weit. Beim Aufprall grub Erwin seine Hände in das harte Gestein, das sofort von der Lichtenergie geschmolzen wurde. Der gesamte Granit in einem Umkreis von einem Meter um Erwin herum zerfloss.
Ein Aufschrei des furchtsamen Erstaunens ging durch die Menge. Nur Janok blieb unbeeindruckt. Kein Wunder, schließlich kochte er vor Wut. Man sah ihm an, dass er sich nur mit Mühe davon abhalten konnte, in die Raserei zu verfallen. „Bist du völlig verrückt geworden, Erwin?“, schrie er. „Was ist mit dir los?“
Doch Erwin hörte ihn nicht. Er kniete nur im flüssigen Gestein, das nicht einmal sein Gewand ansengte, geschweige denn ihn. Und die Stimme war wieder da.
Na, na, na. So was lässt du dir doch nicht bieten.
„Nein, das tue ich nicht“, flüsterte Erwin.
Gut, endlich wirst du vernünftig. Zerschmettere ihn!
Erwin stand auf und ballte seine Hände zu Fäusten. Dann sprach er mit unheimlich tiefer Stimme: „Dieser Schlag war dein letzter, Ork.“ Seine Hände begannen zu glühen, als Lichtenergie in sie hineinfloss. Doch Erwin ließ sie nicht frei.
„Erwin, beruhige dich, verdammte Axt! Was soll das denn werden?“, rief Janok ihm zu.
„Das wirst du sehen, Ork.“ Immer mehr Licht floss in die Hände, doch es konnte nicht ausströmen, also musste es sich enger zusammenpressen. Das Licht wurde fester und nahm Formen an, die sich um die Hände schmiegten.
„Nein, das kann nicht sein“, keuchte Monarchius.
Dann zeigten sich Erwins neue Waffen vollendet. Um seine Hände hatten sich Klingen gebildet. Sie waren einen halben Meter lang und bestanden aus purem Licht.
„Das kann nicht sein“, keuchte Monarchius erneut. „Das hat noch niemand geschafft.“
„Was hat noch niemand geschafft?“, fragte Schimascha und Nervosität schwang in ihrer Stimme mit.
„Dem Licht eine feste Gestalt zu geben. Licht ist eine Energie und es ist schon unglaublich schwer, sie in ihre flüssige Form, das Lichtensa, zu bringen. Eine feste Form ist eigentlich unmöglich“, erklärte Maximilian hektisch und aufgewühlt, während Erwin einfach nur dastand.
Doch dann schnellte der Reiter nach vorn und schlug mit der linken Klinge nach dem Ork, der sich zwischen ihn und die Menge gestellt hatte. Ein schriller Laut hallte über die Ebene, als Janok den Angriff blitzschnell mit einem seiner Schwerter abwehrte. Auch den zweiten Schlag konnte der Ork abblocken. Doch Erwin hatte gerade erst angefangen. Jedem Hieb folgte ein weiterer. Es war ein wahrer Klingensturm, den Erwin entfesselte, aber Janok konnte diesem problemlos standhalten.
‚Jetzt dreht er völlig durch‘, dachte Janok. ‚Ich muss den Kampf beenden, bevor einer von uns verletzt wird.‘ Nur hatte Janok das Problem, dass Erwin diese Bedenken nicht teilte. Es war eindeutig, dass der Elf ihn töten oder zumindest verletzen wollte.
Einige der menschlichen Soldaten und zwergischen Wächter wollten eingreifen, doch sie wurden von ihren Befehlshabern zurückgehalten. Dieser Klingensturm hätte sie blitzschnell in ihre Einzelteile zerlegt. Erwins wilde Schnelligkeit, die ständig zunahm, war erstaunlich. Obwohl Janok sich einzig und allein auf die Verteidigung konzentrierte, vermochte er nur mit Mühe und Not, die Schläge abzuwehren.
„Erwin, komm wieder zu …“ Janok konnte den Satz nicht beenden. Es ertönte ein grässliches Knacken, als eins von Janoks Schwertern brach. Erwins Klinge hatte es zerschmettert. Jeden Schwertkämpfer hätte der plötzliche Verlust eines Schwertes so sehr überrascht, dass eine Lücke in seine Verteidigung gerissen worden wäre. Doch Janok war nicht jeder. Augenblicklich erfasste sein Verstand die Situation und blitzschnell ließ Janok das verbliebene Schwert herumwirbeln, sodass er Erwins Angriffe weiterhin abwehren konnte. Die Menge staunte über diese meisterhaften Schwertkünste.
Doch leider folgte das zweite Schwert dem Beispiel des ersten. Wieder ein fürchterliches Knacken und nun verblieb Janok keine Waffe mehr. Dies nutzte Erwin sofort aus und er ließ seine Klingen wie einen Hurrikan über den Brustpanzer von Janoks Rüstung toben. Janok schrie auf und ein Schwall aus Blut und Eisensplittern flog von dem Ork weg. Erwin jagte seine Klingen immer wieder in Janoks Brust hinein, sodass er Ströme an Blut und Fleisch entfesselte. Der Ork konnte nichts machen. Er war im Klingensturm gefangen.
„Schluss damit!“ Endlich hatte sich jemand aus der Schockstarre lösen können. Es war Irving, der einen Schattenblitz entfesselte. Erwin sah nicht einmal hin, sondern ließ seine rechte Hand hervorschnellen und schoss eine Lichtkugel ab. Die Kugel traf auf den Blitz, der sofort verpuffte. Der Blitz war gegen die Kugel so effektiv gewesen wie eine Sardine im Kampf gegen einen Hai. Bevor die Lichtkugel Irving traf, hatte sich wieder eine Klinge um Erwins Hand gebildet, die den Angriff auf den Ork fortsetzte. Irving hingegen wurde zurückgeschleudert. Er rutschte über den Boden und kam erst vor der Soldatenreihe zum Stillstand.
„Herr Anderson.“ Zwei Soldaten bückten sich zu ihm hin. „Gütiger Gott, alles in Ordnung?“
„Kann mi… mich ni… nicht be…wegen“, stöhnte Irving.
Janok stieß einen letzten Schrei aus, der die steinerne Ebene erschütterte. Er hatte auch gute Gründe dafür. Eine der Lichtklingen hatte sich in seine Brust gebohrt und durchbrach die hintere Rüstung. Schreie aus der Menge wurden laut, während aus Janoks Mund kein Laut mehr kam, sondern nur noch Blut floss. Der Elf zog seine Klinge heraus und der Ork fiel wie ein gefällter Baum zu Boden.
Erwin drehte sich um und erhob seine Stimme: „Nun zum Rest!“ Seine Stimme klang wie die eines Todesengels. Die Menge schreckte zurück, als sie seine schwarz funkelnden Augen sah.
April presste die Hände auf ihren Mund und ihre Augen weiteten sich vor Furcht. Diese blutverschmierte Gestalt vor ihr hatte kaum noch Ähnlichkeit mit dem besonnenen Erwin, den sie bis hierher begleitet hatte.
Erwin trat einen Schritt hervor, doch weiter kam er nicht. Plötzlich erhob sich Janok wieder, mit einer Hauttönung, die die rote Farbe der Raserei angenommen hatte, und packte Erwin mit der einen Hand am Hals und mit der anderen an der Hüfte. Mit einem Wutschrei, der selbst die weit entfernten Berge zum Erzittern brachte, stemmte der Ork den sich wehrenden Elfen hoch. Und bevor es jemand verhindern konnte, ließ Janok seinen elfischen Kampfgefährten hinunter auf sein hochgestrecktes Knie sausen und brach ihm damit die Wirbelsäule.
Forschungsstation 67, irgendwo im Süden der Wüste Mittag des ersten Tages nach dem Fall von New Paris
Nachdenklich rauchte die Oberwissenschaftlerin Ansell ihre Zigarre, während sie sich den Kopf über ihr aktuelles Projekt zerbrach. Präsidentin Katharina wurde langsam ungeduldig und wollte endlich Ergebnisse sehen. Doch was sollte die Wissenschaftlerin machen? Ansell, eine rüstige Wissenschaftlerin im hohen Alter, sah auf ihr auf dem Schreibtisch liegendes Datenpad. Auf diesem Gerät waren die Akten von dutzenden Personen, sowohl männlichen als auch weiblichen, abgespeichert. Doch kein Proband erfüllte die Anforderungen.
Ihr Blick wanderte durch das Büro zum großen Panoramafenster. Da sie sich im fünften Stockwerk befand und zudem das Wetter heute klar war, bot sich ihr eine schöne Aussicht auf die Wüste und die weiter weg gelegenen Felsformationen. Doch dieser Anblick half der Oberwissenschaftlerin nicht weiter. Es war ganz einfach und doch so schwierig, denn eigentlich musste der Proband nur einige spezielle Voraussetzungen erfüllen, damit er für das Projekt geeignet war. Das Problem bestand in dem Zusatz „speziell“. Bisher konnte kein Mensch gefunden werden, der die Voraussetzungen erfüllte.
Ansell stand auf, drückte ihre Zigarre in einem großen Aschenbecher aus, nahm eine neue aus dem auf dem Tisch stehenden edlen, hölzernen Humidor und zündete sie auf dem Weg zum Fenster mit ihrem Feuerzeug an. Während sie nun vollends die Aussicht genoss, dachte sie über das Problem nach, obwohl es keinen Sinn hatte. Solange niemand gefunden wurde, der sich als geeignet erwies, blieben ihr die Hände gebunden.
Ein Summen machte sie darauf aufmerksam, dass jemand vor ihrer Bürotür wartete. „Herein“, krächzte sie mit ihrer vom Rauchen zerkratzten Stimme.
Einer ihrer zahlreichen Assistenten trat ein und verkündete: „Frau Doktor Ansell, es gibt gute Nachrichten.“
Ansell drehte sich zu ihm um, zog an ihrer Zigarre und meinte: „Solange Sie nicht sagen, dass wir eine geeignete Versuchsperson gefunden haben, gibt es keine guten Nachrichten.“
„Aber genau das ist passiert, Frau Doktor Ansell.“
Ansell ließ die Zigarre fallen. „Wer ist es?“, war alles, was sie herausbrachte, während sie reflexmäßig die Zigarre am Boden austrat.
Der Assistent reichte ihr ein Datenpad und fasste gleichzeitig die wichtigsten Informationen zusammen: „Sein Name lautet Sinnas Dillingham.“
„Dillingham? Ein bekannter Name. Ich kenne aber nur John, den Kommandanten, und Joy, den Wissenschaftler. Ist dieser Sinnas mit ihnen verwandt?“, wollte Ansell wissen.
„Ja, er ist ihr Neffe“, antwortete der Assistent.
„Seltsam, die Dillinghams sind doch eigentlich sehr loyal gegenüber der alten Regierung. Warum ist dieser zu uns übergelaufen?“, wunderte sich Ansell.
„Er ist nicht übergelaufen, sondern wurde von uns gefangen genommen. Während der Schlacht um New Paris, die wir gewonnen haben, war er der befehlshabende Kommandant.“
„Was? Laut dieser Akte ist er erst zweiundzwanzig. Eindeutig zu jung für diesen Posten“, erwiderte die Wissenschaftlerin.
„Das stimmt, aber es waren schwierige Umstände für die Verteidiger. Durch das Chaos, welches durch unseren Putsch verursacht wurde, kam es irgendwie dazu, dass Sinnas Dillingham derjenige war, der als Kommandant am besten geeignet war. Er wurde zu diesem Zeitpunkt gerade an der Militärschule von New Paris zum Strategen ausgebildet und galt als sehr talentiert. Unsere Kommandanten waren überrascht, wie er trotz seiner geringen Erfahrung und der hoffnungslosen Unterlegenheit so lange die Stadt halten konnte“, erläuterte der Assistent ausführlich und mit einem Hauch versteckter Bewunderung.
„Er selbst konnte aber nicht fliehen und wurde gefangen genommen?“, hakte Ansell nach.
„Ja, wobei man eher von ‚bergen‘ reden sollte. Die Kommandozentrale wurde von unserem Beschuss zum Einstürzen gebracht und begrub den gesamten Stab unter sich. Er war der Einzige, der schwer verletzt überlebt hat, und er ringt immer noch mit dem Tod. Man hatte beschlossen, ihn mithilfe von kybernetischen Implantaten und Prothesen zu retten und ihn wieder zu einem vollständigen Menschen zu machen. Dazu musste man aber erst die Leistungsfähigkeit seines Gehirns untersuchen, um herauszufinden, ob und mit welchen Implantaten der Patient ausgestattet werden kann.“
Ansell nickte. Jedes Implantat wurde nicht mit den Nervenenden, wie man es früher beispielsweise mit Bein- und Armprothesen gehandhabt hatte, sondern direkt mit dem Gehirn verbunden. Dies ermöglichte eine genauere Kontrolle der Prothese beziehungsweise des Implantats. Jedoch erhöhte sich durch jede Direktverbindung die Belastung, die das Gehirn aushalten musste. Hielt das Gehirn dieser nicht stand, konnte es zu einem tödlichen Aneurysma kommen. Darum mussten Patienten mit einer geringen Leistungsfähigkeit zusätzlich mit einem oder mehreren Sentio-Chips, die direkt ins Gehirn gepflanzt wurden, ausgestattet werden. Diese Chips regten die einzelnen Hirnregionen, die uneffektiv zusammenarbeiteten, zu Leistungsoptimierungen an.
Jedoch gab es zwei Probleme: Sie waren einerseits sehr teuer und andererseits war ihre dauerhafte Auswirkung auf das Gehirn nicht vollständig erforscht. Die Chips könnten tickende Zeitbomben für den Menschen sein, den sie eigentlich unterstützen sollten. Darum versuchte man immer, nur wenige oder gar keine Chips einzupflanzen. Deshalb wurde bei jedem Patienten die Leistung des Gehirns ermittelt, um die Anzahl der benötigen Chips genau bestimmen zu können. Meistens wurden keine gebraucht, da beispielsweise eine Beinprothese nur eine geringfügig höhere Anforderung für das Gehirn darstellte als das biologische Original. Schwieriger wurde es bei Sinnesorganen, die ersetzt werden mussten. Die Daten, die beispielsweise von kybernetischen Augen an das Gehirn gesendet wurden, waren grundsätzlich komplizierter zu entschlüsseln als die von biologischen Augen.
Natürlich gab es auch die Idee, die geistigen Fähigkeiten eines Menschen zu steigern. Hier kam aber die derzeitige Technik an ihre Grenze. Experimente mit solchen Implantaten endeten ausnahmslos mit dem Tod der Probanden. Man musste feststellen, dass es eine Sache war, ein Körperteil zu ersetzen, und eine andere, einen Menschen klüger zu machen. Aufgrund der hundertprozentigen Todesrate wurden alle wissenschaftlichen Projekte, die die menschliche Intelligenz mit Implantaten verbessern sollten, als ethisch unannehmbar eingestuft und verboten.
Dieses Verbot umgingen die Putschisten im Verborgenen und sie gewannen die Erkenntnis, dass es doch möglich war, einen geistigen Leistungsschub zu bewirken. Jedoch stellte sich auch heraus, dass erst ab einem bestimmten Intelligenzquotienten eine weitere Steigerung möglich war. Deshalb benötigte Ansell für ihr neues Projekt, in welches Präsidentin Katharina so große Hoffnung setzte, einen überdurchschnittlich intelligenten Menschen. Aber selbst die bekannten Genies waren nicht gut genug. Es schien so, als gäbe es keinen Menschen, der dafür geeignet wäre. Dies hätte bedeutet, dass erst der Sentio-Chip weiterentwickelt werden müsste, was Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte dauern könnte. Doch nun hatte es den Anschein, als würde das Projekt endlich anlaufen.
Ansell sah sich die Werte auf dem Datenpad an. „Mein Gott“, sagte sie. „Diese Werte liegen weit über dem Durchschnitt. Selbst der legendäre Einstein hätte alt ausgesehen. Wie kann es sein, dass so ein Genie unbemerkt geblieben ist?“
Der Assistent hatte darauf eine Antwort: „Wie Sie vielleicht wissen, arbeitet das menschliche Gehirn uneffektiv.“
Ansell nickte: „Natürlich weiß ich das. Durch die Sentio-Chips können wir die Denkprozesse eines Menschen optimieren. Jedoch greifen wir damit in den biologischen Rhythmus des Gehirns ein, weshalb diese Methode umstritten ist. Doch worauf wollen Sie hinaus?“
„Es klingt zwar erstaunlich, doch das Gehirn von Sinnas Dillingham arbeitet rund zehnmal weniger effektiv als ein durchschnittliches Gehirn“, lüftete der Assistent das Geheimnis.
„Was?“ Ansell war sprachlos.
Der Assistent fügte noch hinzu: „Aber selbst mit dieser Quote ist er schon überdurchschnittlich intelligent. Wenn wir nun auch noch Sentio-Chips verwenden …“
Jetzt wusste Ansell es: Dieser Sinnas war der Gesuchte.
„Haben Sie schon …“, fragte sie, doch der Assistent kam ihr zuvor: „Ja, seine DNA wurde bereits gewonnen und zu den entsprechenden Klonexperten geschickt. Sie werden bald das Geheimnis seiner Intelligenz herausgefunden haben. Dann wird es uns nicht mehr an Probanden mangeln.“
Ansell lächelte: „Sehr gut. Sagen Sie den Teams Bescheid. ‚Projekt Eiserner Mensch Typ Dornteufel‘ läuft an.“
Feuer. Überall Feuer. Sinnas wandelte durch die Hölle. Die Flammen überzogen bereits seine Haut, doch das war nicht das Schlimmste. Am schlimmsten waren die Schreie. Von überall her kamen die letzten Schreie der Soldaten, die in New Paris gefallen waren. Sinnas konnte sie nicht sehen, doch er spürte ihren Schmerz. Und alles war seine Schuld. Er hatte als Kommandant versagt und ihr Blut klebte an seinen Händen. So gesehen, wandelte er zu Recht in der Hölle umher. Eine erneute Flammenwoge stieß ihm ins Gesicht …
… und er wachte auf. Hätte man ihn nicht auf der Trage festgegurtet, wäre er hochgeschreckt. Sinnas versuchte, seinen Körper zu bewegen, aber die Gurte waren zu fest. Zudem fühlte er sich schwach, als hätte man ihm irgendetwas Betäubendes gegeben. Er bewegte den Kopf und versuchte herauszufinden, wo er war.
Der Raum, in dem er sich befand, war klinisch weiß. Überall stand medizinisches Gerät herum, weshalb Sinnas vermutete, dass er sich in einem Operationssaal befand. Auf seinem Gesicht lag schwer eine Atemmaske, durch die ein süßliches Gasgemisch in Sinnas’ Atemwege gepumpt wurde. Dies war vermutlich das Betäubungsmittel. Zudem verspürte er dumpfe Schmerzen durch die angeschlossenen medizinischen Geräte, deren Zweck aber für ihn, einen Laien in medizinischen Dingen, nicht ersichtlich war.
Sinnas blickte hoch und ihm stockte der Atem. Er hatte es zuerst nicht bemerkt, weil seine Sicht kurz nach dem Aufwachen verschwommen gewesen war, doch jetzt konnte er ihn klar und deutlich erkennen: Über ihm in der Decke war ein Operationsroboter eingebaut. Diese Art von Maschine, die mit vielen mit Operationsgeräten bestückten Armen versehen war, hatte auf Sinnas schon immer unheimlich gewirkt. Die Tatsache, dass er direkt unter dem Roboter lag und er sich zudem nicht bewegen konnte, machte das Ganze noch schlimmer. In Sinnas’ Vorstellung bohrten sich die Instrumente des Roboters in sein Fleisch. Ein plötzliches Summen, das von dem Roboter ausging, kündigte sogleich den Beginn dieses Albtraumes an.
Goldia, Hauptstadt des Silbernen Hammers Vormittag des zweiten Tages nach dem Fall von New Paris
„Wie geht es Janok?“, fragte Neptunia.
„Ganz gut, die Menschenärzte meinen, dass er sich erstaunlich schnell erholt. Er ist sogar bereits wieder aufgestanden“, antwortete Schimascha.
„Ich hätte nicht gedacht, dass Orks zwei Herzen haben“, gab April zu.
