Fünf ungleiche Reiter - Jannis B. Ihrig - E-Book

Fünf ungleiche Reiter E-Book

Jannis B. Ihrig

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Beschreibung

Ein Toter versucht, einen Kameraden zu retten … Eine tarborianische Schamanin versucht, eine Mauer von der falschen Seite aus zu verteidigen … Ein ungekrönter König versucht, sich nicht einspannen zu lassen … Ein Lichtelf versucht, sich seinem dunklen Dämon zu stellen … Ein außergewöhnlicher Ork versucht, sich einer Prüfung würdig zu erweisen … … fünf Auserwählte, die noch immer getrennte Wege gehen müssen. Wege der Diplomatie und des traditionellen Rituals, Pfade der Gottesanrufung, der Selbstfindung und der Fremdbestimmung führen die Helden durch den Kampf. Sind die ungleichen Reiter so sehr mit ihrem eigenen Schicksal beschäftigt, dass sie Locondia im Stich lassen? Und eine dritte Macht betritt die Bühne. Niemand weiß, wie sie das Kräfteverhältnis beeinflussen wird. »Die dritte Macht« ist der dritte Band der »Fünf ungleiche Reiter«-Saga, die Fantasy und Science-Fiction in sich vereinigt.

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Seitenzahl: 488

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Jannis B. Ihrig

FÜNF UNGLEICHE REITER

DIE DRITTE MACHT

Engelsdorfer Verlag

Leipzig 2016

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelgrafik von Sami Seyfert

Lektorat: Dr. Silke Ihrig, Berlin

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Prolog

1. Kapitel – Die Seuche

2. Kapitel – Krönungszeremonie einer Marionette

3. Kapitel – Der Zusammenstoß

4. Kapitel – Ab in den Westen!

5. Kapitel – Hochkommende Erinnerungen

6. Kapitel – Einsicht

7. Kapitel – Die zwergische Runenkunst und scheußliche Erinnerungen

8. Kapitel – Die tote Stadt

9. Kapitel – Die fehlschlagende Rückkehr

10. Kapitel – Gegenkraft

11. Kapitel – Drohendes Unheil

12. Kapitel – Ein unerwarteter, kleiner und heiliger Besuch

13. Kapitel – Treffen der Bewusstseine

14. Kapitel – Der Fluch der schwarzen Kristalle

15. Kapitel – Der Kreuzzug

16. Kapitel – Die zweite Welle

17. Kapitel – Der ewige Frieden

18. Kapitel – Die Geburt des Sonnenmenschen

19. Kapitel – Gefangenschaft und eine Symbiose mit leichtem Widerwillen

20. Kapitel – Die blutrote Stadt

21. Kapitel – Der erste Anfang

22. Kapitel – Die zwei Könige, die auf der Türschwelle standen

23. Kapitel – Undercover

24. Kapitel – Ein Zwillingswunder, befreit vom Stein

25. Kapitel – Der Regen

26. Kapitel – Der Fleischtrinker

27. Kapitel – Der zweite Anfang

28. Kapitel – Der Buchhändler und die Blutgrotte

29. Kapitel – Die Vier-Reiche-Zusammenkunft

Epilog

Personenliste

Weitere Bücher

Prolog

Eine dröhnende und chaotische Finsternis, die das Denken nahezu unmöglich machte, umgab Snakes langsam erwachenden Verstand. Sein Bewusstsein war dermaßen angeschlagen, dass es nur zähflüssig agieren und somit auch nur seine elementare Aufgabe erfüllen konnte: sich seiner selbst bewusst zu sein. Unzählige Augenblicke verstrichen, in denen der Geist des Basilisken beinahe nicht vorhanden war. Doch dann entriss der Verstand der sich festkrallenden Finsternis ein paar Bruchteile des Geistes und begann, das Chaos zu ordnen.

Viele Erinnerungen zuckten vor Snakes geistigem Auge und er begann sich zu entsinnen, was geschehen war. Er erinnerte sich, wie der Eiserne Halbgott ihn und GKR-3443 zu sich gerufen hatte, um sie zu einer Stadt namens Clasista zu führen, die der letzte existierende Ort war, an dem Roboter noch immer ihren Aufgaben nachgingen – so, als wäre die Hochkultur der Goblins mit all ihren technologischen Errungenschaften nie untergegangen und von ihren eigenen Angehörigen ausgelöscht worden. Leider nur zu gut erinnerte sich der Basilisk an die Falle, in die der Eiserne Halbgott sie direkt geführt hatte. Und an GKR-3443s Tod.

Die schmerzhafte Erkenntnis, dass von seinem Reiter und Freund nicht einmal Asche übrig geblieben war, setzte Snake zu, doch gleichzeitig erweckte und nährte sie seine Wut. Der Basilisk begann, seinen Geist aus der Hülle der erdrückenden Finsternis ausbrechen zu lassen, sodass er sich langsam wieder seiner Umgebung bewusst wurde.

Da sein Geist immer noch stark benommen war, konzentrierte er sich zuerst darauf, was er hörte und fühlte: Sein Gleichgewichtssinn verriet ihm, dass er sich bewegte, ohne dass er seine eigenen Muskeln anstrengte. Aus den hörbaren Schleifgeräuschen schlussfolgerte er, dass er von irgendjemandem oder irgendetwas über den Boden gezogen wurde.

Normalerweise könnte er dies natürlich schon allein dadurch erraten, dass er den Boden gespürt hätte. Doch Snakes Tastsinn war ausgeschaltet, denn sein Körper glich einem Flammenmeer aus Schmerzen. Der Basilisk fühlte sich, als hätte man ihn zuerst ausgeweidet, um ihn dann mit glühend heißen Kohlestücken auszustopfen, während man nebenbei noch seine Haut mit zahlreichen Klingen bearbeitete. Für einen Moment kam in ihm das Verlangen auf, sich zurück in die Finsternis fallen zu lassen, um diesem Albtraum zu entgehen. Doch das Verlangen wurde schnell von seinem eisernen Willen totgebissen und hinuntergeschluckt, sodass Snake weiter um sein Wachsein kämpfte.

Er konzentrierte sich auf das, was er hören konnte. Da waren zum einen schwere Schritte, deren Klang hallte. Und eine Stimme. Snake kannte diese Art von Stimme: oberflächlich kalt und emotionslos. So, wie die Maschinenwesen der Menschen, Roboter genannt, sprachen. So, wie GKR-3443 gesprochen hatte. Dies war nicht die Stimme des Reiters, dazu war sie zu tief. Trotzdem hatte sie für Snake sehr vertraute und lebendig klingende Untertöne.

„Halt durch, Snake. Stirb mir hier nicht weg. Ich verspreche dir, ich werde Hilfe finden.“

Snake war verwirrt. Die Stimme, die mit ihm sprach, klang nach GKR-3443 und wiederum auch nicht. Er versuchte, sich zu artikulieren, doch aus seinem Maul kam nur stockend: „G … K … bist … du … es?“

„Ruhig, Snake. Beweg dich nicht, du musst dich ausruhen. Ich werde dich in Sicherheit bringen“, antwortete die Stimme und Snake erkannte in ihr immer mehr von GKR-3443.

„Das … kann … nicht … sein …“, murmelte der Basilisk. „Ich … gesehen … zerquetscht … wie … Fliege …“

„Ruhig. Ich erkläre dir alles später“, versuchte die Stimme Snake weiter zu beruhigen, doch es war überflüssig. Snake war bereits wieder von der Ohnmacht spendenden Dunkelheit umgeben.

‚Was willst du tun, GKR-3443?‘, wollte der Schatten wissen.

‚Snake in Sicherheit bringen. Er braucht medizinische Versorgung‘, antwortete GKR-3443 schlicht.

‚Und wo willst du ihn hinbringen? Wir sind mehrere Tagesmärsche von Goldia entfernt und er wird nicht mehr lange durchhalten. Außerdem werden … die aus der Stadt schnell merken, dass einer ihrer Wächter abgehauen ist. Und wenn sie zwei und zwei zusammengezählt haben, werden sie uns jagen und … ‘, wollte der Schatten erwidern, doch er wurde unterbrochen.

‚Glaubst du, das ist mir nicht bewusst?!‘, brüllte GKR-3443 ihn an, zumindest soweit es möglich war, in seinen eigenen Gedanken laut zu werden. ‚Ich weiß gottverdammt noch mal, dass unsere Lage beschissen ist. Mir ist klar, dass ich nicht so schnell jemanden finden kann, der uns helfen wird, wie es nötig wäre. Doch Snake ist mein Freund und ich schulde es ihm, alles zu versuchen, was möglich ist, egal wie aussichtslos es scheint.‘

Stille trat ein, in der GKR-3443 mit Snake unter dem Arm weiter durch die Höhlen stampfte. Erst nach ein paar Minuten brachte der Schatten hervor: ‚Es ist das erste Mal, dass ich dich fluchen gehört habe.‘

‚Können wir bitte über mein Verhalten später philosophieren? Ich habe einen Schwerverletzten, den ich … ‘ Er stockte.

‚Was ist, GKR-3443?‘, wollte der Schatten wissen.

‚Wir sind nicht allein‘, bekam er zur Antwort.

Der Schatten, der sich bislang auf das Gespräch konzentriert hatte, blickte durch GKR-3443s Augen und sah, was der Reiter meinte. In der Dunkelheit der Höhlen glühten mehrere kleine Lichter, immer zwei nahe beieinander. Es sah aus, als würden Dutzende Wesen sie anstarren. Und dann wanderten mehrere kleine, rote Punkte über den metallenen Körper des Reiters.

1. Kapitel – Die Seuche

Bladacon, Hauptstadt des tarborianischen Reiches

Morgen des ersten Tages von Snakes Koma

Ventus hatte in seinem zweihundertjährigen Leben schon vielen Feinden gegenübergestanden. Als junger Elf war er durch die Ländereien der Zwerge gewandert, wobei seine Begegnungen mit der furchteinflößenden Fauna des Eisigen Nordens nicht nur hautnah gewesen waren, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut gingen. Als der Bürgerkrieg zwischen den Licht- und Schattenmagiern ausgebrochen war, hatte er auf der Seite der Lichtdiener gekämpft und das Blut jener vergossen, die einst seinem eigenen Volk angehört hatten. Und bei der Schlacht um Erlin hatte er sich den Dämonen entgegengestellt und seinen Ruf als Kriegsheld gefestigt, als er einen Zyklopen mit seiner Windmagie auseinanderriss.

Nein, man konnte nicht sagen, dass er ein Neuling auf dem Schlachtfeld war. Aber trotzdem war auch für ihn der Feind, den er mit seinen Kameraden daran hindern musste, die Große Mauer zu überwinden, so beängstigend als auch fremdartig wie für die anderen. Nie hätte Ventus erwartet, unter anderem gegen Lichtblitze spuckende Bäume kämpfen zu müssen.

„Ventus, rechts!“ Mehr musste der elfische Windmagier nicht hören, um aktiv zu werden. Eine leicht gebogene, aus gebündelten Winden bestehende Klinge raste waagerecht über den Mauergang hinweg und halbierte den hölzernen, leuchtend weißen Arm, der gerade über die Mauerzinnen ausgestreckt wurde und dessen Finger sich an einer solchen festkrallen wollten. Ein hölzernes Knarren, einem Schrei nicht unähnlich, ertönte und zu seiner Zufriedenheit konnte Ventus sehen, wie die Finger des anderen Armes abrutschten und vom Rand der Zinne verschwanden. Nur zu gern hätte Ventus seinen Kopf über die Zinnen gestreckt und dabei zugesehen, wie sein Feind auf den Boden krachte, doch verblieb ihm keine Zeit, denn weitere Feinde in großer Anzahl wollten die Mauer überwinden.

Die Schlacht, die auf der Großen Mauer, welche die in einer Schlucht liegende Stadt Bladacon und das Tal des Dschungelgottes von der Außenwelt abschirmte und die aus diesem Grund auch entgegen den tarborianischen Baugewohnheiten aus festem Stein erbaut worden war, tobte, war in vielerlei Hinsicht ein seltsamer und gleichzeitig trauriger Kampf. Zum einen, weil er auf einem Bollwerk stattfand, das die Bewohner der Stadt vor gefährlichen Eindringlingen beschützen sollte und nun dazu missbraucht werden musste, genau jene in der Stadt zu halten. Davon abgesehen erwies es sich als sehr schwierig, eine Mauer von der falschen Seite aus zu sichern. Die Verteidiger mussten zuerst über Leitern und provisorische Belagerungstürme emporklettern, um auf den Wehrgang zu gelangen, während die Angreifer die Treppen nehmen konnten, bis die Schamanen diese – wie auch die großen Tore – mit beherzten Holzarmschlägen zum Einstürzen gebracht hatten.

Zum anderen, weil die Kämpfenden gezwungen waren, Unschuldige zu verletzen und zu töten, um das Leben vieler zu schützen.

„Vorsicht, Ventus! Über dir!“ Der Warnschrei ließ Ventus’ Kopf nach oben schnellen und er erblickte einen gleißend leuchtenden Riaker, ein raubkatzenähnliches Reptil, der sich gerade auf ihn stürzte. Ventus packte seine Hände zusammen und versuchte, eine neue Windklinge zu formen, doch es würde knapp werden.

Zu seinem Glück war er nicht allein. Eine große, hölzerne Hand, deren Rinde einen natürlichen Braunton aufwies, sauste über ihn hinweg, erfasste den Riaker und fegte ihn von der Mauer. „Danke!“, sagte Ventus hastig zu dem tarborianischen Schamanen, der in der Krone des wandernden Baumes saß. Dieser nickte kurz und lenkte dann seinen Baumdiener weiter über den Wehrgang, um sich den nächsten Feind vorzunehmen.

Noch einige Stunden kämpften die tarborianischen Schamanen und Krieger, unterstützt von wenigen elfischen Magiern, gegen jene, welche infiziert und ihres Verstandes beraubt worden waren. Dann zogen sich die Tarborianer, Tiere und Pflanzenwesen, die zuvor rasend und wild versucht hatten, die Mauer kletternd zu überwinden, unter dem Schein der aufgestiegenen Sonne zurück. Für den Rest des Tages würden jene, die kämpfend die Quarantäne aufrechterhielten, ihre Ruhe, aber nicht ihren Frieden haben.

„So, das wär’s. Sie sind sauber“, teilte der elfische Lichtheiler dem Windmagier Ventus mit. Dieser nickte nur, stand auf und verließ das Sanitätszelt, damit sich der Nächste darauf kontrollieren lassen konnte, ob er sich angesteckt hatte.

Im Zeltlager, welches das tarboriansche Heer auf Befehl des Obersten Schamanen vor der Großen Mauer errichtet hatte, war die Stimmung trotz der erfolgreichen Verteidigung des Bollwerkes gedrückt. Überall saßen Tarborianer mutlos in kleineren Gruppen zusammen, aßen lustlos ihre Rationen und streichelten lieblos ihre zahmen Echsenraubkatzen, die Riaker, die ebenfalls niedergeschlagen herumlagen. Ein vergleichbares Bild der Mutlosigkeit hatte Ventus zuletzt vor mehr als einhundert Jahren gesehen, als der Bürgerkrieg im Elfenreich ausgebrochen war. Doch dies hier war noch schlimmer, denn die, gegen die die Tarborianer kämpfen mussten, hatten sich nicht selbst für den Kampf entschieden.

‚Verdammte Seuche … ‘, fluchte Ventus, während er auf ein paar beisammensitzende Elfen zuhielt. Sein Dazugesellen wurde zwar bemerkt, aber keiner sagte etwas, weil niemandem nach Reden zumute war. Stattdessen starrten alle vor sich hin und versuchten, ihre verworrenen Gedanken zu ordnen.

Als vor einigen Wochen die Schattenelfen mithilfe der Menschen in das Lichtelfenreich einmarschierten, musste Ventus schnell erkennen, dass der Krieg bereits verloren war, als er begonnen hatte. Er floh mit seiner Familie in den Süden zu einem alten tarborianischen Freund, den er vor langer Zeit kennengelernt hatte und der sie, ohne zu zögern, aufnahm. Es nagte sehr an Ventus, dem Kriegsveteranen, dass er vor einem Feind zurückweichen musste, sodass ein Teil von ihm auflebte, als ein Bote der Hohen Schamanen – die dem Dschungelgott untergeordneten Herrscher der Tarborianer – ihn im Namen seiner Herren um seine Kampfkraft bat. Doch er hatte nicht geahnt, in welchem Albtraum er landen würde.

Ein aufkommender Tumult am Rand des Lagers riss den Windmagier aus seinen Gedanken und aus seiner Trübseligkeit. Er sprang auf und ging hastig dorthin, wo sich eine kleine Gruppe von Tarborianern versammelte, während die anderen Elfen träge sitzen blieben und sich fragten, was denn los sei. Die Ursache der Aufregung war schnell, weil unübersehbar, entdeckt: Ein weißer Goliathskorpion, auf dessen Kopf ein Tarborianer in Schamanentracht saß, war erschienen.

Man sah es dem Schamanen an, dass er wohl nicht in Bilde war. Unsicher blickte er sich in der Menge um, die sich um sein ungewöhnliches Reittier versammelt hatte und die ihn mit einer Lawine von Fragen überrollte. Selbst dem Skorpion schien es unbehaglich zumute zu sein. Anders konnte Ventus es sich zumindest nicht erklären, warum der Skorpion unruhig mit seinen acht sehr langen Beinen hin- und hertappte.

Sie wurden aber recht schnell aus ihrer Lage befreit, als sich eine Gruppe von Speerträgern, die schwere Knochenrüstungen trugen, laut brüllend durch die Menge kämpfte. Ventus erkannte sie als Angehörige der persönlichen Leibgarde des Virachaus, des obersten Schamanen. „Zur Seite! Macht Platz!“, brüllte der Truppführer und die Menge wich gehorsam und ehrfürchtig zurück, da die Leibwächter im Rang sogar über den meisten Schamanen und Hütern standen. „Ehrwürdige Reiterin Schimascha, willkommen in Bladacon“, grüßte der Truppführer und brachte so die Menge endgültig zum Verstummen.

Ventus traute seinen Ohren nicht. Hatte er wirklich gerade „Reiterin“ gehört? Sprach der Truppführer etwa mit einem Mitglied der fünf Reiter, deren Kommen von Erwin dem Sonnenelfen vorhergesagt worden war?

Falls dem Truppführer die Fassungslosigkeit der Menge aufgefallen war, so beachtete er sie nicht, sondern sprach weiter: „Der Virachaus bittet Sie um Vergebung dafür, dass wir für Sie keinen angemessenen Empfang vorbereiten konnten, doch die Lage ist zurzeit ziemlich schlecht. Er bittet Sie zudem, unverzüglich zu ihm zu kommen.“

„Dann führe mich zu ihm“, bat Schimascha und sprang von Albas Kopf. „Kümmert euch bitte um meine Kampfgefährtin, während ich weg bin“, sagte sie noch, ohne jemanden direkt anzusehen, bevor sie dem Truppführer nacheilte und so eine ratlose Menge um einen Goliathskorpion herum stehend zurückließ.

Niemand wusste so recht mit einem großen Skorpion etwas anzufangen, sodass Alba sich ein Herz fasste und nett bat: „Ich hätte gern etwas Fisch, falls Sie welchen haben.“

In ihrem Leben hatte Schimascha bis jetzt nur einmal den goldschuppigen Virachaus gesehen, und zwar von Weitem. Sie hatte sich, wie jeder auszubildende Schamane, der seine Ausbildung absolviert hatte, für die Weihe durch den Dschungelgott selbst als würdig erwiesen. Davor fand eine Zeremonie im Haupttempel statt, bei der der Virachaus auf einem steinernen Podest stehend ihnen einige Lebensweisheiten mitgegeben hatte. Schimascha hätte sich damals nicht träumen lassen, dass sie schon wenige Wochen später ihm direkt gegenüber an einem einfachen Holztisch in einem schlichten Zelt sitzen würde.

Woran merkte man am besten, dass eine Lage angespannt war? Daran, dass die Leute begannen, entbehrliche Gebräuche und Gebärden wegzulassen.

So saß Schimascha also mit dem Virachaus, der mit einer einfachen Kutte, die seine Holzarme nicht verbarg, bekleidet war, an einem Tisch. Ohne die feinen Gewänder und den prächtigen Federschmuck erkannte man den Höchsten der Schamanen kaum wieder. Neben den beiden waren zudem der General Danschido, ein wortkarger Mann in schwerer Knochenrüstung, der nur sprach, wenn es notwendig war, und der Oberste Kurator Walkadus, der dafür umso mehr redete und seltsamerweise mit einer farbenfrohen Robe und einem prächtigen Federschmuck deutlich besser gekleidet war als der Virachaus selbst, anwesend.

Tausend Fragen hatte Schimascha, jedoch wartete sie, wie es die Höflichkeit verlangte, bis der Virachaus sprach. Das tat dieser nun endlich: „Ich wusste, dass Sie eines Tages zurückkommen würden, ehrwürdige Reiterin Schimascha. Allerdings hätte ich es nicht einmal in meinem schlimmsten Albtraum erwartet, dass Sie unsere prächtige Hauptstadt in so einem Zustand vorfinden würden.“

Hätte Schimascha wie eine Elfin Augenbrauen gehabt, so hätte sie mit diesen gezuckt. Der Virachaus siezte sie. Dabei war es sein Recht, alle, die unter ihm standen, zu duzen, da er der religiöse Anführer der Tarborianer und somit auch so etwas wie der Vater des Reiches war. Und da alle unter ihm standen, müsste er eigentlich nur den Dschungelgott siezen. Schimascha begriff langsam, dass der Virachaus sie aufgrund ihrer Position als Reiterin mindestens als gleichwertig ansah. Also entschloss sie sich zu einem kleinen Bruch der Tradition und wollte wissen: „Werter Virachaus, wie ist es zu dieser schlimmen Lage gekommen?“

Der Oberste Kurator Walkadus sog scharf Luft ein, denn es galt als große Respektlosigkeit, den Virachaus etwas ohne dessen ausdrückliche Aufforderung zu fragen. Doch dieser achtete nicht darauf, sondern antwortete: „Das erzählt Ihnen am besten mein Oberster Kurator. Ihm und seinen Verwaltungskünsten verdanken wir es, dass es nicht noch schlimmer geworden ist. Walkadus, wenn du bitte …“

„Natürlich, Virachaus, sofort“, antwortete der Angesprochene, der sich wieder gefangen hatte. „Es begann vor zwei Wochen, als einige Schamanen bei ihren Rundgängen durch das Tal des Dschungelgottes die Kadaver von Tieren vorfanden, deren Haut vollkommen von einem weißen Geflecht, bestehend aus pilzartigen Lebewesen, überzogen war. Wenig später erkrankten die ersten Haustiere in der Stadt, daraufhin ihre Besitzer und dann mussten wir feststellen, dass die Bäume des Waldes ebenfalls von diesen uns unbekannten Parasiten befallen wurden. Die Symptome schienen anfangs immer die gleichen zu sein: langsame Schwächung mit anschließendem Zerfall des Körpers.“

„Anfangs?“, hakte Schimascha nach und der Kurator nickte, bevor er weiter berichtete: „Ja. Zuerst dachten wir, wir würden es durch harte Maßnahmen wie eine Quarantäne in den Griff bekommen. Es wäre schließlich nicht die erste Seuche, die unser Volk erfolgreich bekämpft hat. Doch während sich unsere Hospitäler in der ersten Woche immer mehr mit Kranken füllten und immer größere Teile des Waldes im Tal weiß wurden, begannen sich die Symptome bei den Neuerkrankten in wenigen Tagen zu wandeln. Anstatt seinen Wirt zugrunde zu richten, begann der Pilzparasit, die Kontrolle über dessen Körper zu übernehmen.“

Walkadus hörte auf zu sprechen und ließ die Worte wirken. Schimascha ahnte, was das bedeutete: „Die Kranken begannen, die Gesunden anzugreifen, richtig?“

„Ja, das stimmt“, bestätigte überraschenderweise General Danschido. „Chaos brach aus, als die Kranken gewaltsam aus den Hospitälern ausbrachen und in den Straßen wüteten. Beim Dschungelgott, selbst die erkrankten Bäume entwurzelten sich, stürmten in die Stadt und machten Jagd auf uns, ohne einen Schamanen, der sie führte. Sie waren … sie sind nicht mehr bei Verstand, sodass uns nichts anderes übrig blieb, als uns mit Waffengewalt ihrer zu erwehren. Irgendwie haben wir es unter großen Verlusten geschafft, uns, die Gesunden, aus der Stadt zu retten. Da sich zu unserem Glück die Nachricht dieses Unglücks rasch verbreitet hatte, kam im richtigen Moment Verstärkung von den nahe gelegenen Nachbarstädten, sodass wir die Kranken in der Stadt einsperren konnten. Und so ist es zu dem gekommen, was hier los ist. Jeden Tag stürmen die Kranken in Wellen auf die Mauer und wir müssen unsere Hände in ihrem Blut baden, um die Seuche einzudämmen.“

Wieder wurde eine Pause eingelegt und bedrückende Stille herrschte. Sowohl der Virachaus als auch der General und der Oberste Kurator sahen Schimascha mit einer Mischung aus Erwartung und Hoffnung an und ihr wurde schlagartig bewusst, dass man von ihr als Reiterin die Enthüllung eines rettenden Plans erwartete. „Ich nehme an, dass an dem Tag, als es eskalierte, auch die Stille im Geflecht eintrat und der Dschungelgott nicht mehr erreichbar war“, vermutete Schimascha, doch der Virachaus schüttelte den Kopf.

„Nein“, antwortete er. „Der Kontakt zu unserem Gott brach schon einige Tage zuvor ab, ehe die Krankheit zum ersten Mal bemerkt wurde. Wir hatten eine kleine Gruppe von erfahrenen Schamanen entsendet, um der Sache auf den Grund zu gehen. Wir haben seither nichts mehr von ihnen gehört.“

Das war für Schimascha nicht gerade ermutigend, doch sie blieb bei ihrem Plan und sagte deshalb an den General gewandt: „General Danschido, ich weiß, dass es viel ist, um das ich Sie nun in Ihrer brenzligen Situation bitte, doch ich brauche eine kleine Truppe, bestehend aus Ihren besten Männern und Frauen.“

2. Kapitel – Krönungszeremonie einer Marionette

Goldia, Hauptstadt des Reiches des Silbernen Hammers

Mittag des zweiten Tages von Snakes Koma

„Bist du sicher, dass du das durchstehst? Ich kenne mich als Lich vielleicht nicht so gut aus mit dem Lebensrhythmus eines Zwerges, doch leichtes Hin- und Herschwanken ist ein beunruhigendes Vorzeichen“, fragte der Goldene Hammer mit einer Mischung aus Sorge und Zweifel, auf die Gribus gereizt reagierte: „Versuchen Sie nun auch, mich ins Bett zurückzubeordern? Mir geht schon diese überfürsorgliche Ärztin auf die Nerven. ‚Haben Ihre Schmerzen zugenommen? Verspüren Sie Übelkeit? Wollen Sie sich nicht vielleicht doch etwas ausruhen? Nur ein bisschen?‘“

„Sie geht nur ihrer Aufgabe als Heilerin nach. Du solltest nicht schlecht über sie reden, sondern ihr dankbar sein“, tadelte der Hammer Gribus, worauf dieser tief Luft holte und sich sichtlich beruhigte. Zuerst schien es, als wollte er noch etwas sagen, dann beschloss er aber anscheinend, zu schweigen und sich auf das weitere Umkleiden zu konzentrieren.

Hierbei wurde er von zwei zwergischen Dienern unterstützt, die sich mit ihm im königlichen Schlafzimmer befanden und stumm dem kleinen Streit beigewohnt hatten. Die nun eingetretene Pause nutzte einer der beiden, um auf ein Problem hinzuweisen, welches sich nach dem Anziehen der Plattenhose ergab: „Herr, ich müsste eigentlich nun die Schnallen Eures Brustpanzers zuziehen, aber …“

„Tu es!“, schnitt Gribus ihm das Wort ab.

„Aber Herr! Wenn ich es tue, drücken die Platten auf Eure …“, wollte der Diener erwidern, doch Gribus’ stechender Blick, der vor Ungeduld geradezu zitterte, ließ ihn verstummen und er zog vorsichtig an einer der Schnallen. Ein schmerzliches Zischen entfleuchte Gribus, als sich ein sanfter Druck über seine durch Dämonenkrallen zugefügten Wunden legte. Seine vom Mondgestein ummantelten Gesichtszüge begannen daraufhin, warum auch immer, zu jucken, doch er sagte nichts, weshalb die beiden Diener fortfuhren und ihm zuerst in die schweren Plattenstiefel halfen, um anschließend die Arm- und Beinschienen anzulegen. Zu guter Letzt zog Gribus die Plattenhandschuhe an und ließ sich den offenen Helm vorsichtig über sein Haupt stülpen. Als die Rüstung komplett war, betrachtete sich Gribus in einem der großen, im Raum aufgestellten Spiegel.

Er erblickte eine Rüstung, die eines Königs würdig war, zumindest was ihre Prunkhaftigkeit betraf. Die schweren Platten, die jedes Stück seines Körpers vollkommen umgaben, bestanden aus gutem Hydraeisen und waren zusätzlich vergoldet sowie mit kunstvollen Gravuren versehen worden. Der offene Helm stellte einen kleinen Bruch dar, da er eine ebenhölzerne Färbung besaß. Das hing damit zusammen, dass es sich um einen Flügelhelm handelte, der einem Schwarzen Vegetarier nachempfunden war: Hämatit. So stellten das Nasenstück den Kopf des Drachen, die abstehenden Teile seine Flügel und der Rest seinen Körper dar. Der Helm war damit Gribus’ Lieblingsteil dieser hervorragenden Rüstung. Die königlichen Schmiede hatten in kurzer Zeit ein schützendes Kunstwerk erschaffen.

„Ihr seht hervorragend aus, werter Reiter“, lobpreiste Tropandus, der Verwalter, unüberhörbar, als er die Tür öffnete und ins königliche Schlafzimmer trat. „Ich erwarte von meinen Untergebenen, dass sie klopfen, bevor sie meine Privatgemächer betreten“, tadelte Gribus, ohne sich zu ihm umzudrehen. Mit einem kleinen Grinsen sah er zu, wie das Spiegelbild von Tropandus einen Gesichtsausdruck bekam, als hätte man ihm von einem Augenblick auf den anderen den Bart abgeschnitten.

Doch der Adlige fing sich rasch wieder und verbeugte sich, während er sich halbherzig entschuldigte: „Natürlich, werter Reiter. Verzeiht meinen Fehltritt, mein zukünftiger König.“

Gribus genügte dies, sodass er sich umdrehte und wissen wollte: „Ist alles so weit?“

„Ja, mein zukünftiger König. Alles wartet nur auf Euch“, antwortete Tropandus.

Gribus nickte und streckte seine rechte Hand aus, was dem Hammer als Zeichen diente. Mit einem magischen Summen erhob sich die Waffe mit dem Lich in sich von ihrem Stehplatz nahe dem königlichen Bett und flog zielsicher in die Hand von Gribus, was zu Erstaunen bei den Dienern führte. „Na, dann wollen wir mal“, sagte Gribus leichthin und scheinbar selbstsicher. Doch in seinem Inneren trug er Sorge: ‚Hoffentlich stehe ich das durch, ohne umzukippen. Vielleicht hätte ich auf sie hören und im Bett bleiben sollen.‘

‚Man kann über Zwerge sagen, was man will, eines muss man ihnen aber lassen: Sie können innerhalb kurzer Zeit eine Menge auf die Beine stellen‘, fand Monarchius, während er sich im Thronsaal der Goldenen Zitadelle umblickte. Dieser war beeindruckend, aber mit den zahlreichen goldenen Statuen, in zeremoniellen Rüstungen gekleideten Wachen und reich gedeckten Tischen bekam er nun eine überwältigende Festlichkeit. Wenn man bedachte, dass der Termin der Krönung erst seit ungefähr zwei Wochen feststand, war es eine beachtliche Leistung der königlichen Diener, in so kurzer Zeit den Saal zu schmücken und dazu noch die ungeheuren Mengen an Essen, die bei solchen Anlässen gewöhnlich verspeist werden, heranzuschaffen. Diese wurden dringend benötigt, denn neben dem Gefolge des Elfenkönigs Maximilian des Vierten und den menschlichen Diplomaten waren auch einige zwergische Adlige und viele Entsandte anwesend, um dem neuen König den Treueschwur zu leisten.

„Was denkst du?“, bekam Monarchius überraschenderweise als Frage von der Seite gestellt. Er hatte sich so sehr auf die Betrachtung der Szenerie konzentriert, dass ihm entfallen war, dass er etwas abseits der anderen neben seinem Bruder Maximilian stand, umgeben von dessen Leibwächtern.

„Was denke ich worüber?“, wollte Monarchius wissen.

Sein Bruder wurde konkreter: „Ob die Adligen einfach so den Treueschwur leisten werden? Schließlich ist Gribus ein Gemeiner. Selbst ein uneheliches Kind von König Theron hätte größere Ansprüche auf den Thron.“

Monarchius dachte einen Moment lang nach, bevor er antwortete: „Intrigen wird es früher oder später geben. Das kann man nicht einmal als Naiver leugnen. Aber nicht heute. Und nicht gegen Gribus, zumindest nicht zuerst.“ Monarchius sah, dass sein Bruder interessiert blickte, weshalb er unaufgefordert weiter mutmaßte: „Den anderen Adligen dürfte bewusst sein, dass Tropandus aus Gribus eine Marionette machen will, und dass der einzige Grund, warum er ihn als Thronnachfolger erwählt hatte, dessen Beliebtheit beim Volke ist. Also werden die meisten davon ausgehen, dass Gribus leicht zu beeinflussen ist, weshalb sie versuchen werden, beim Wettkampf um seine Gunst vor allem Tropandus auszustechen. Allerdings …“ Monarchius blickte zur Treppe, über die Gribus den Saal betreten sollte. Da der Zwerg noch nicht erschien, sprach der Elf weiter: „Ich kenne Gribus schon, seit er ein Baby war. Er ist mit einem eisernen Willen und einem scharfen Verstand auf die Welt gekommen. Er wird es zwar aufgrund seiner politischen Unerfahrenheit schwer haben, mit den Adligen fertigzuwerden, jedoch wird er es auch ihnen nicht leicht machen. Es dürfte jedenfalls interessant werden.“

Maximilian nickte zustimmend, doch bevor er etwas hinzufügen konnte, ertönte ein Horn, geblasen von einer der Wachen. Es war das Zeichen, dass nun der zukünftige König den Saal betreten wird.

Die zwergischen Adligen, die eben noch an den Banketttischen oder abseits davon in kleinen Gruppen plaudernd herumstanden, gingen hastig in die Mitte des Saals, während sich die Gäste zur Seite begaben. Die Wachen nahmen Haltung am Fuß der Treppen an und bildeten einen Korridor.

Leicht knarrend öffnete sich am oberen Ende eine Tür und Gribus betrat die rechte Treppe. Langsam und bedächtig schritt er von einer Stufe auf die nächste, wobei seine wuchtige Rüstung leise schepperte. Als er unten angekommen und durch die beiden Reihen der salutierenden Wachen gegangen war, stellte er sich vor den Thron, ohne sich auf diesen zu setzen. Die Adligen knieten mit gesenkten Köpfen vor ihm nieder. Eine der Wachen, deren Rüstung noch etwas prächtiger wirkte als die der anderen, allerdings ohne die des zukünftigen Königs zu übertreffen, trat aus der Reihe heraus und forderte mit kräftiger Stimme: „Haditus vom Eisenerz-Clan, Minenlord von Eisenheim, tritt vor!“

Der Angesprochene, der ebenfalls eine Rüstung trug, stand auf, löste sich aus der Gruppe der Adligen und trat vor Gribus, wo er abermals auf die Knie fiel und lauthals schwor: „König Gribus der Erste, hiermit schwöre ich bei der Ehre meiner Ahnen und meiner Nachkommen, dass ich Euch treu dienen und in jede Schlacht folgen werde. Die Minen meiner Heimat werden stets Eure Armee mit dem besten Eisen des gesamten Eisigen Nordens versorgen.“

Und Gribus antwortete: „Ich höre deinen ehrenhaften Schwur. Du wirst als mein Vasall unter meinem Schutz stehen und dein Land soll stets deinem Clan gehören.“

Der Minenlord erhob sich und holte mit seiner rechten Faust aus. Gribus tat es ihm gleich und die beiden gepanzerten Fäuste schlugen krachend aufeinander.

„Interessante Geste, um einen Schwur zu besiegeln …“, murmelte Maximilian.

„Dadurch wollen beide ihre Stärke demonstrieren und gleichzeitig dem anderen Respekt zollen“, erklärte Monarchius unaufgefordert und hastig, bevor er sich wieder auf das Geschehen konzentrierte.

„Eloni vom Kupfernen-Pilz-Clan, Pilzherrin von Eisfeld, tritt vor“, forderte der Aufrufer, worauf eine Adlige in einer prächtigen Stoffrobe sich erhob und vor Gribus trat. Auch sie kniete nieder und schwor: „Werter Reiter Gribus, mein König, ich schwöre Euch, dass meine Familie Euch treu ergeben sein wird. Weder Ihr noch Eure Untertanen werden je hungern müssen, denn stets werden unsere Ernten Eure Bäuche füllen.“

Und auch ihr sagte Gribus: „Ich höre deinen ehrenhaften Schwur. Du wirst als mein Vasall unter meinem Schutz stehen und dein Land soll stets deinem Clan gehören.“

Auch diesmal wurde der Schwur mit zusammenknallenden Fäusten besiegelt und da die Adlige in weiser Voraussicht einen Eisenhandschuh trug, wurde dies mit einem befriedigenden Rums belohnt.

Während im Thronsaal die langwierige Prozedur, das Reich des Silbernen Hammers hatte viele Vasallen, voranging, stand Gribus’ Familie draußen mitten im Volk auf dem Goldenen Platz.

„Es ist ziemlich … herabwürdigend, dass man uns, die lieben Verwandten, nicht eingeladen hat“, murrte Gribus’ Stiefbruder Borondo missmutig.

„Das ist das Los der einfachen Leute. Auch wenn unser Gribus König wird, macht uns das nicht zu Adligen. Das müssen wir akzeptieren“, erwiderte sein Stiefvater Ekarum.

„Ja, das mag sein, aber wir durften ihn ja nicht ein einziges Mal in der Zitadelle besuchen. Nur du als sein leiblicher Vater hast ihn bisher einmal gesehen, und zwar nur, weil Gribus von seinem eigenen Bruder zusammengeschlagen wurde. Du kannst mir nicht weismachen, dass dies keine Entfremdung ist“, erwiderte der Stiefsohn etwas heftig.

„Borondo!“, ermahnte Glutia ihren Sohn, nicht nur, weil er sich respektlos gegenüber seinem Stiefvater verhielt, sondern auch, weil die Zwerge und Elfen um sie herum bereits neugierig zu ihnen blickten. Es war weder der richtige Ort noch die passende Zeit für einen Familienstreit.

„Ist schon gut, Liebste“, beruhigte Ekarum seine Frau und sagte dann zu seinem Stiefsohn: „Natürlich habe auch ich die Angst, dass Gribus sich von uns entfernen könnte. Doch hier geht es um mehr als um unseren Familienfrieden. Er muss sich darauf konzentrieren, ein guter König zu werden, zum Wohle des Zwergenreiches und von ganz Locondia.“ Borondo schwieg zwar, man sah ihm aber an, dass er nicht überzeugt war. Also fügte der Stiefvater hinzu: „Und ich kenne meinen Sohn: Er wird uns weder vergessen noch im Stich lassen.“

‚Das dachtest du vermutlich auch von Brobus‘, hallte es Borondo im Kopf. Missmutig beließ er es aber dabei und blickte wieder zum großen Tor der Goldenen Zitadelle, darauf wartend, dass es sich öffnete.

Doch noch würden die Wachen die Flügel des Tores nicht aufschieben, da sich die Prozedur der Treueschwüre hinzog. Schließlich umfasste das Reich des Silbernen Hammers ungefähr ein Viertel des gesamten Zwergenreiches und war deshalb einer effektiven Verwaltung zuliebe in viele Lehen unterteilt. Und jeder Herr eines Lehens musste den Treueschwur leisten. Beziehungsweise leisten lassen.

„Ich, Schwester von Payton vom Blitzstahl-Clan, dem Waffenherrn der Blitzschmieden, schwöre, dass mein Clan treu hinter Euch stehen wird, mein König. Mögen unseren Waffen Eure Feinde erschlagen“, lobte eine der vielen Entsandten. Sie stellten den Großteil der anwesenden Adligen dar, da nicht jeder Vasall zur überraschend angekündigten Krönung anreisen konnte.

„Ich höre deinen ehrenhaften Schwur. Du wirst als mein Vasall unter meinem Schutz stehen und dein Land soll stets deinem Clan gehören“, antwortete Gribus wie viele Male zuvor, während er sich bemühte, einen gelangweilten Tonfall zu unterdrücken und ein wohlwollendes Lächeln im Gesicht zu haben, welches aber nicht so wirkte, da seine Gesichtszüge in doppelter Hinsicht versteinert waren. Und wieder einmal führte er mit der Entsandten die Geste der gegeneinanderschlagenden Fäuste durch und missachtete dabei, so gut es ging, den aufkommenden Schmerz in seinem strapazierten Arm. Als Gribus vor ein paar Tagen zufällig gesehen hatte, wie sich die Menschen zum Gruß die Hände schüttelten, hatte er diese schwach wirkende Geste belächelt. Jetzt wünschte er sich, diese wäre bei der Besiegelung eines Treueschwurs üblich.

„Es ist vollbracht!“, rief Tropandus aus, der die Rolle des Krönungsmeisters übernommen hatte. „Die Clane haben ihre Treue geschworen und somit Gribus den Ersten als würdig befunden, die ‚Goldene Krone des Neuen Reiches‘ zu tragen.“

Nicht wenige der zwergischen Adligen mussten schlucken. Eigentlich schmückte eine silberne Krone das Haupt des Königs des Reiches des Silbernen Hammers. Mit einer goldenen Krone stellte Gribus seinen Anspruch auf das gesamte Zwergenreich zur Schau, was einer Provokation gleichkam.

Gribus nahm seinen Helm ab, reichte ihn einer herbeigeeilten Wache und kniete nieder. Auf seinen Fingerspitzen trug Tropandus sacht die Krone zu Gribus, so, als könnte eine Bewegung zu viel sie zerfallen lassen. Auch sie war ein prachtvolles Schmuckstück der zwergischen Schmiedekunst. Vollständig aus Gold und mit einem großen Rubin an der Vorderseite sowie mehreren kleinen, seitlichen Saphiren leuchtete die Krone vielfarbig im einfallenden Sonnenlicht. Und nun würde ihr Glanz auf Gribus’ Haupt erstrahlen.

Vorsichtig und würdevoll setzte Tropandus die Krone auf den Kopf des neuen Königs und verkündete dann: „Wir haben einen neuen König! Möge König Gribus unser Reich und alle anderen zwergischen Reiche in eine glorreiche Zukunft des Zusammenhalts führen! Möge sein Stein niemals brechen!“

Und die Adligen fielen ein, während die Wachen ihre Hörner ertönen ließen: „Möge sein Stein niemals brechen!“

Unter den lauten Huldigungen seiner neuen Vasallen erhob sich Gribus, schritt an Tropandus vorbei und ging durch die Halle, wobei die Adligen respektvoll zur Seite traten. Die Wachen öffneten das große Tor und der neue König trat hinaus auf den Goldenen Platz, worauf der Jubel des Volkes einsetzte. Es war ein bewegender Moment für Gribus und für einen Augenblick konnte er vergessen, dass dies alles nur der Beginn der größten Aufgabe war, der er sich in seinem Leben stellen musste.

3. Kapitel – Der Zusammenstoß

Irgendwo im Höhlensystem des Eisigen Nordens

Abend des zweiten Tages von Snakes Koma

Menach fand keine logische Erklärung für das Verhalten des gefangen genommenen Wächters. Es war schon unerklärlich, warum er allein unterwegs gewesen war, da die über Jahrzehnte geführte Statistik aussagte, dass Wächter normalerweise nur in Vierergruppen oder in besonderen Fällen zu zwölft die Stadt verließen. Niemals allein.

Und doch hatte die Erkundungsgruppe Kazi-Dat vor zwei Tagen über einen sich allein durch die Höhlen bewegenden Wächter ohne klar erkennbares Ziel, der zudem ein schlangenähnliches Geschöpf unter dem linken Arm trug, berichtet. Als die schnell entsandte Gruppe von leichten, mit Raketenlafetten ausgerüsteten Kampfrobotern den feindlichen Wächter umringt hatte, wollte Menach schon den Angriffsbefehl geben, aber da tat der unkonventionell agierende Roboter etwas, was seinesgleichen noch nie getan hatte: Er ergab sich. Zumindest interpretierte Menach so das Verhalten, welches sich aus dem vorsichtigen Ablegen des biologischen Wesens, dem Herausreißen des Schildarms, in dem auch die Plasmakanone montiert gewesen war, und dem anschließenden Hinknien, wobei der Roboter zusätzlich seine linke Hand auf seinen stählernen Hinterkopf legte, zusammensetzte. Er wehrte sich nicht, als Menachs Roboter ihn umringten, das Schlangenwesen bargen und ihn anschließend auf Peilsender untersuchten. Er rührte sich nicht einmal, als man seine Kommunikationsgeräte ausbaute.

Und nun war Menach mit einer Situation konfrontiert, für die er keine Berechnungen durchführen konnte, weil so viele Variablen unbestimmt waren. Die Genanalyse des biologischen Wesens hatte ergeben, dass es der Nachkomme einer kleinen Schlangenart war, die zur Zeit seiner Herren im südlichen Dschungel von Goblando gelebt hatte. Wie kam ein Vertreter dieser wärmeliebenden Art, die anscheinend ihre Kleinwüchsigkeit überwunden hatte und zudem nun über zwei Arme verfügte, so weit in den Norden? Zum ersten Mal in Menachs sehr langer Funktionszeit wurde der Zustand der Welt außerhalb dieser Höhle relevant. Ihm war zwar bewusst gewesen, dass es dort draußen noch eine Welt voll biologischen Lebens gab, die sich in den letzten fünfzigtausend Sonnenumläufen von den Kriegsfolgen erholt haben dürfte. Aber bislang war sie unerheblich für Menach gewesen, denn seine Welt umfasste lange nur die Stadt, die er als letzten Auftrag verwalten sollte. Vor einiger Zeit wurde seine Welt noch um die Höhlen größer, die die Stadt umgaben, als er vor dem unerwarteten Feind flüchten musste.

Mithilfe einer Kamera konnte er in die Höhle hineinsehen, wo einige Medizinroboter, die er nach einer langen Ruhezeit dafür hatte reaktivieren müssen, dabei waren, das Schlangenwesen am Leben zu erhalten. Menach stellte sich die Frage, ob er gerade Ressourcen verschwendete. Er konnte es verneinen, denn das Schlangenwesen war eine unbestimmte Variable, bei der nicht bestimmbar war, ob sie positive oder negative Auswirkungen auf Menachs Berechnungen hatte. Solange dies nicht geklärt werden konnte, war es zu riskant, das Schlangenwesen zerfallen zu lassen.

Die andere unbestimmbare Variable befand sich in einer weiteren Seitenhöhle, die seine Untergebenen mit einem Stahlschott abgeriegelt hatten und zudem gut bewachten. Über eine Kamera konnte Menach aber weiterhin das seltsame Verhalten des Wächters beobachten. Und eine Frage, die sich ihm unter anderem stellte, war: Wieso beschädigte er seinen noch funktionierenden Arm ohne ersichtlichen Grund?

Zahllose kleine Steinsplitter flogen durch die Luft, als sich die stählerne Faust in die Felswand rammte.

‚GKR-3443, du solltest nicht deine einzige noch verbliebene Waffe unnötig in Mitleidenschaft ziehen. Vermutlich werden wir sie noch … ‘

‚Das weiß ich!‘, unterbrach der Cyborg den Schatten in seinen Gedanken. Eine kurze Pause trat ein, bevor der Reiter gedanklich weitertobte: ‚Aber Snake könnte längst tot sein, seinen Verletzungen erlegen oder von … von ihnen getötet worden sein.‘

‚Solange wir das aber nicht wissen, wäre es töricht, unsere Möglichkeiten für simplen Frustabbau zu vergeuden‘, erwiderte der Schatten scharf, worauf GKR-3443 diesmal laut entgegnete: „Ich bin nicht frustriert! Ich weiß nicht einmal, was es eigentlich bedeutet, es zu sein!“

‚Doch!‘, meinte der Schatten. ‚Dein Kampfgefährte befindet sich in einer kritischen Lage, während du in einer Sackgasse sitzt und deinen Gefühlen freien Lauf lässt. Das ist Frust!‘

‚Okay. Vielleicht bin ich frustriert. Was aber bleibt mir anderes übrig, Herr Shadow?‘, fragte GKR-3443 immer noch gereizt und unbewusst mit einem herablassenden Tonfall.

Der Schatten ließ sich nicht auf das Spiel des Cyborgs ein und antwortete ruhig: ‚Manchmal muss man den Dingen ihren Lauf lassen.‘

Und genau in diesem Moment kamen die Dinge angelaufen, da sich laut scheppernd das Schott öffnete, das die Gefängnistür von GKR-3443s Höhlenzelle bildete. Genau genommen öffnete es sich ein kleines Stückchen von unten nach oben und verschloss sich knallend wieder, nachdem durch den entstandenen Spalt etwas Weißes hineingelangt war. Es hatte eine diskusförmige Gestalt und auf dem Rand leuchtete ein blauer Punkt, vielleicht ein Sensor. Der Diskus flog an GKR-3443 heran und plötzlich öffneten sich auf der gesamten Außenhaut mehrere kleine Klappen, aus denen fangarmähnliche Anschlüsse herausquollen. GKR-3443 erkannte, dass der Diskus, vermutlich eine Drohne, sich mit ihm verbinden wollte. Er wich zurück und hob schützend den Arm vor seinen Kopf. Die Drohne stoppte daraufhin und unternahm keinen weiteren Versuch, sich seinem Kopf zu nähern. Stattdessen blinkte der Sensor und eine holografische Darstellung wurde in die Mitte der Höhle projiziert.

GKR-3443 konnte Snakes Kopf erkennen. Dem Basilisken schien es nicht besser zu gehen, denn seine Augen waren fest geschlossen, sein Atem raste und seine grünbraunen Schuppen hatten einen ungesund aussehenden rotgrauen Glanz angenommen. Es waren einige Schläuche erkennbar, die in das Maul und in die Nasenlöcher eingeführt worden waren, doch was den Blick des Reiters auf sich zog, schwebte über dem Kopf des Basilisken. Eine große Waffe mit einem langen Lauf hing ins Bild hinein. Auch wenn der Reiter nicht sagen konnte, um was für eine Waffe es sich handelte, so war es eindeutig, dass sie Snake den Gnadenschuss geben konnte.

‚Ich fürchte, sie werden ein zweites Nein nicht so einfach akzeptieren‘, fasste Shadow die Lage etwas missmutig zusammen. Das begriff auch GKR-3443, sodass er, als die Projektion erlosch und die Drohne sich ihm erneut mit ihren wild um sich schlagenden Anschlüssen näherte, keinen Widerstand mehr leistete. Still stand er da, als die Anschlüsse über seine metallene Haut glitten und in die dafür vermutlich vorgesehenen Buchten hineinfuhren. Kaum war die Verbindung hergestellt, da stürzte eine gewaltige digitale Flut auf den Verstand des Reiters ein und zwei Welten stießen zusammen.

4. Kapitel – Ab in den Westen!

Osalö, östliches Orkreich

Morgen des dritten Tages von Snakes Koma

Schlaftrunken klammerte sich Freya halb stehend, halb hängend an das Geländer, das nicht einmal ein leises Geräusch von sich gab, obwohl es ihr Gewicht aushalten musste, und versuchte, die Treppe hinunterzusteigen, ohne über ihre Füße zu stolpern.

„Guten Morgen, Zombie!“, kam es belustigt von ihrer älteren Schwester Sofia, die gut gelaunt am reichlich gedeckten Frühstückstisch saß und ein belegtes Brot mit Salami genoss.

„Morgen, Scherzkeks …“, grüßte Freya brummelnd zurück und wandte sich dann der nächsten Person zu: „Morgen, Sino.“

„Guten Morgen, Freya“, ertönte es von Sofias groß gewachsenem Ehemann asiatischer Abstammung, der gerade dabei war, Spiegeleier zu braten. Und zwar an einem Herd, der das eigentlich autonom hätte erledigen können. Doch Sino gehörte zu jenen, die der Überzeugung waren, Essen sollte immer noch von Hand zubereitet werden und Freya konnte ihm nur zustimmen: Seine Speisen schmeckten deutlich besser als die des Herdroboters.

Sino ließ das Innere der Eier kurz allein in der Pfanne vor sich hin brutzeln, um der sich setzenden Freya eine große Tasse voll dampfenden Kaffees hinzustellen. „Hier, du siehst aus, als würdest du jeden Moment zusammenbrechen. Wann bist du denn diesmal gekommen?“, wollte Sino wissen.

Freya nahm zuerst einen kräftigen Schluck und wartete, bis das Koffein ihre müden Zellen etwas wachgerüttelt hatte, bevor sie antwortete: „Mal überlegen … Ich bin ungefähr zwei Uhr morgens gelandet … eine Stunde, um den Papierkram zu erledigen … und dann noch eine Stunde, um hierherzukommen … Es dürfte so gegen vier oder fünf gewesen sein.“

„Dann gehörst du ins Bett und nicht an den Frühstückstisch“, meinte Sofia mit schwesterlicher Besorgnis.

„Keine Chance! Ich muss um elf wieder bei meinem Flieger sein. Schlafen kann ich auch noch während des Fluges“, widersprach Freya der unausgesprochenen Aufforderung mit plötzlich aufflammendem Diensteifer. „Mein Boss hat mich schon wegen der fünf Minuten Verspätung beim vorletzten Mal auf dem Kieker.“

„Wieso sind bei euch die Zeitpläne nur so streng? Du bringst doch nur irgendwelches Zeug von Punkt A nach B, wie eine gewöhnliche Frachtpilotin“, meinte Sino, während er den beiden Frauen zwei mit Spiegeleiern beladene Teller vorsetzte.

„Die Bezahlung beim Militär ist deutlich besser als das, was ich bei irgendeiner Sklaventreiberfirma bekommen würde“, antwortete Freya kurz angebunden, stopfte hastig das Essen in sich hinein und sprang dann von ihrem Stuhl auf. „Entschuldigt mich, ich muss los, wenn ich pünkt…“, wollte sie gerade ihr unangemessenes Verhalten rechtfertigen, als ihr ein seltsames, überhaupt nicht in eine hochmoderne Küche passendes Geräusch auffiel: ein lautes, hölzernes Klopfen.

Freya schlug die Augen auf und wunderte sich darüber, warum sie wieder im Bett lag. Und warum die Matratze sich so hart und rau anfühlte. Und warum die Decke ihres Zimmers, das ihre Schwester ihr großzügig zur Verfügung gestellt hatte, plötzlich aus Holz war.

Bis die Erinnerungen wie ein harter Regen auf sie einprasselten. Die Erinnerungen daran, dass Krieg herrschte. Dass sie im westlichen Sumpf abgestürzt war. Und dass sie sich, abgesehen von einer Drohne, ganz allein unter Orks befand.

Zumindest erwies sich die letzte Erinnerung als teilweise falsch, denn die vertraute Stimme des Elfen Luke drang durch die Tür gedämpft in den Raum. Freya verstand nur Bruchstücke, da sie die Kontinentalsprache wenig beherrschte, doch die Drohne ED-7523 fuhr sich unaufgefordert aus dem Ruhemodus hoch und übersetzte: „Herr Luke weist darauf hin, dass die Morgendämmerung angebrochen ist und nur noch wenige Stunden verbleiben, um ein Frühstück einzunehmen, bevor der Aufbruch erfolgt.“

„Sag ihm, dass ich gleich kommen werde“, befahl Freya der Drohne und während diese es tat, wandte sie sich dem zu, was ihr als Ersatz für ein vernünftiges Badezimmer diente: eine große Schüssel mit kaltem Wasser, die auf einem Tisch stand.

Sie zog das grobe Nachthemd, gespendet von der Elfin Lavia, einer Wassermagierin, die sich um Freyas Verletzungen gekümmert hatte, aus, wobei die Drohne aufgrund ihres einprogrammierten Verhaltens ihre Sehsensoren von ihr wegdrehte. Diese Routine hatte ihren Ursprung im zivilen Anwendungsbereich von Robotern. Da jeder menschliche Haushalt mehr als einen Roboter besaß, hatte man sich für diese Vorsichtsmaßnahme entschieden, damit kein Hacker eventuell heikles Bildmaterial aus einem Roboter entwenden konnte.

Während die Drohne wegschaute, hatte Freya rasch ihren Körper mit eiskaltem Wasser so gut wie möglich gewaschen, was zu einem nur mäßig befriedigenden Sauberkeitsgefühl und dafür umso mehr zu einer Gänsehaut führte. Es war erstaunlich, dass es nicht die Küche oder die Bequemlichkeit ihres Zimmers war, was Freya am meisten vermisste, sondern die Möglichkeit, sich anständig zu waschen.

Nachdem Freya mit ihrer Katzenwäsche fertig war, zog sie die Kleidung an, die sie ebenfalls von Lavia bekommen hatte. Es war keine Robe, wie man es von einer Magierin erwarten würde, sondern eine deutlich gewöhnlichere Bekleidung: Hose und Hemd aus leichtem Stoff und eine lange Lederjacke, die für Freya in doppelter Hinsicht nützlich sein würde. Zum einen, weil die Jacke sie während der Reise vor dem rauen Wetter des Sumpfes schützen wird, und zum anderen, weil Freya unter dieser gut ihr Gürtelhalfter mit den Laserpistolen verbergen konnte. Was Freya aber am meisten freudig überrascht hatte, war das Vorhandensein von Stoffunterwäsche. Zwar etwas rauer als ihre Kunststoffpendants, aber gut genug, um sie zu ersetzen. Und dabei hatte Freya gar nicht erwartet, dass Elfen Unterwäsche besitzen.

Nachdem Freya angekleidet war, packte sie ihre Tasche mit ihren wenigen Habseligkeiten, unter anderem ihren Pilotenanzug, und wollte danach hinunter in den Wirtsraum gehen, als sie für einen Moment innehielt.

Sollte sie wirklich mit diesem Ork Janok und mit Luke mitgehen? Noch tiefer in den Sumpf hinein? Ohne zu wissen, wozu? Der Elf hatte angedeutet, dass Janok die Angehörigen seines Volkes hinter sich versammeln und in den Krieg gegen die Schattenelfen führen wolle. Hierzu müsse er ein Ritual durchführen, doch der Elf konnte oder wollte nicht sagen, um was für ein Ritual es sich handelte. Am Ende musste dieser Ork noch irgendwelche Riesenmonster jagen, die jeden mit einem einzigen Biss verschlingen konnten, um sein Anrecht auf den Königstitel, oder worum es auch immer ging, zu untermauern.

Doch was wäre die Alternative? Hier in dieser Orkstadt bleiben und darauf warten, dass man sie irgendwann abholte? Das könnte Wochen dauern. Und würde sie sich dann nicht vielleicht die einmalige Gelegenheit entgehen lassen, Dinge zu sehen, die kein Mensch vor ihr zu Gesicht bekommen hatte?

Freyas Entschluss verfestigte sich in ihrem Geist, sodass sie beherzt ihre Tasche ergriff und das Zimmer verließ, dicht gefolgt von der Drohne.

Als Freya in den aufgrund der frühen Stunde noch sehr leeren Wirtsraum trat, fand sie nicht nur Luke, sondern auch den Ork Janok an einem der Tische sitzend vor. Die beiden hatten bereits mit dem Essen angefangen und als sie die Menschenfrau bemerkten, nickte Janok ihr mit vollem Mund zu und aß dann weiter, während Luke wenigstens den Bissen im Mund hinunterschluckte und ein paar Worte zu sagen hatte: „Guten Morgen, Freya. Verzeihe uns, dass wir bereits mit dem Essen begonnen haben, doch uns verbleibt nicht mehr als eine Stunde, bevor wir zur Wandernden Halle müssen. Setz dich! Mein Freund Janok will uns über unsere Reise aufklären.“

Es schien das Stichwort für den Ork gewesen zu sein, doch dieser ignorierte es beflissen und biss weiterhin das Fleisch von der Keule ab, die er in seiner rechten Hand hielt. Freya warf Luke einen fragenden Blick zu, während sie sich setzte, doch dieser konnte nur mit den Schultern zucken. Freya beschloss, nicht zu warten, sondern erst einmal ihren eigenen Magen zu füllen, und Luke tat es ihr gleich.

Es vergingen einige Minuten, in denen Janok geräuschvoll den Knochen von seinem nahrhaften Fleisch befreite. Als er fertig war, ließ er den Knochen achtlos auf seinen Holzteller fallen und ergriff das Wort: „So, Zeit, dass ich euch aufkläre, was nun passieren wird. Nein, esst ruhig weiter und hört einfach zu. Wir werden zuerst mit Häuptling Frakonix zu einem nahe gelegenen Dorf im Westen reisen und dort warten, bis sich die anderen Häuptlinge angeschlossen haben.“

„Moment mal, wie kommen die jetzt ins Spiel?“, wollte Luke wissen.

„Ganz einfach …“, erklärte Janok mit einem selbstgefälligen Lächeln. „Da Frakonix der Anführer eines Stammbündels ist, sind ihm die anderen Häuptlinge untergeordnet. Und da Frakonix mich bei meinem Anspruch auf den Blutkönigstitel unterstützen wird, werden auch seine Untergebenen es tun, ob es ihnen gefällt oder nicht. Das ist die Pflicht eines Gefährtenstammes.“

„Was hat es mit diesem Blutkönigstitel auf sich?“, wollte Luke als Nächstes in Erfahrung bringen, während Freya seinen Wissensdurst bewunderte. Er strebte wirklich danach, alles über die Orks zu erfahren.

Es war Freya schon früher aufgefallen, dass der Elf mit großer Aufmerksamkeit die Orks studierte, sodass ihr Interesse an seinen Beweggründen wuchs. Dazu wollte sie ihn bei Gelegenheit einmal befragen, doch es war sehr unpersönlich, mit der Drohne als Dolmetscher ein Gespräch zu führen. Sie sollte vielleicht nachts mit ihrem Roboterbegleiter noch eine Stunde länger als sonst die Kontinentalsprache üben.

Janok wich der Frage des Elfen aus: „Das erfahrt ihr erst, wenn es so weit ist. Ich will euch doch nicht die Überraschung verderben.“ Der Ork schien einen Moment lang den säuerlichen Blick der beiden zu genießen, bevor er weitersprach: „Wenn alle Häuptlinge zusammengekommen sind, werden wir als Kolonne weiter nach Westen reisen, und zwar nach Kruora, die Stadt des Blutes.“

„Stadt des Blutes? Das klingt ja nicht gerade nach einem Ort, wo man hinwill“, meinte Luke und Freya hatte ähnliche Gedanken.

„Keine Sorge, sie heißt nicht so, weil dort jeden Tag Blut fließt“, erklärte Janok leicht amüsiert, doch Luke überzeugte das nicht.

„Warum heißt sie dann … Ach, lass mich raten: Du verrätst es nicht, richtig? Warum bist du so geheimniskrämerisch? Das ist doch sonst nicht deine Art. Und du brauchst keine Angst zu haben: Ich renne nicht schreiend davon, wenn du mir die Wahrheit sagst, egal, worum es sich bei dieser Zeremonie handelt“, tobte er und sprang von seinem Stuhl, während sein Kopf eine leichte Rötung annahm. Freya zuckte zusammen, als der Elf explodierte, denn sie hatte nicht erwartet, dass der so beherrscht wirkende Elf von einem Moment zum anderen so in die Luft gehen konnte.

Janok versuchte zu beruhigen: „Halt deinen Warg zurück, Luke. Ich habe auch nichts anderes von dir erwartet. Für deine Größe bist du sehr mutig. Der Grund, warum ich es euch jetzt nicht erkläre, ist ganz banal: Ich kann einfach nicht gut erklären. Egal wie sehr ich mich anstrenge, meine Worte würden dem nicht gerecht werden. Zumal ich selbst nur von der Zeremonie gehört habe, schließlich fand sie zum letzten Mal vor einhundert Jahren statt. Es ist einfach besser, wenn ihr das alles unvoreingenommen erlebt.“

Während dies für Freya wie eine faule Ausrede klang, schien der Elf sich damit zu begnügen, denn er setzte sich wieder und sein Gesicht bekam die typische Bleiche zurück.

„Der eigentliche Grund, warum ich mit euch beiden sprechen wollte, ist eine Warnung“, offenbarte Janok, woraufhin Luke aber nicht sonderlich überrascht wirkte.

„Es hätte mich gewundert, wenn im Inneren des Sumpfes nicht noch gefährlichere Monster leben würden“, erklärte er scheinbar wissend.

„Das tun sie, doch die sind nicht das Problem. Die, vor denen ich euch warnen will, sind die, die wir Westorks oder auch Sumpforks nennen.“

Jetzt trat die Überraschung auf Lukes Gesicht und er fragte: „Sind das etwa eure primitiven Verwandten?“

„Sie wohnen nicht in Sumpflöchern oder essen ihr Fleisch roh, wenn du das meinst“, antwortete Janok in einem leicht beleidigten Tonfall. „Sie sind genauso zivilisiert wie wir, die Ostorks. Nur unterscheiden sie sich … ein wenig von uns. Ich muss etwas weiter ausholen. … Als sich vor Jahrhunderten“, begann er, „die ersten elfischen und zwergischen Händler in unsere Sümpfe trauten, brachten sie mit ihren Waren eine Art von Reichtum, den mein Volk vorher nicht kannte. Meine räuberischen Vorfahren, die sich bislang bei Raubzügen die notwendigen Dinge zum Leben … besorgten, begriffen schnell, dass es einfacher war, zu handeln. Denn die Tiere und Pflanzen, die für euch Elfen und für die Zwerge exotisch waren, eigneten sich hervorragend als Tauschmittel. So wurden meine Vorfahren zu gastfreundlichen Händlern, während sich auch unsere Kriegerkultur veränderte: Statt unsere Ehre bei Raubzügen zu suchen, begannen wir, uns in Duellen und an unseren Jagderfolgen zu messen. Kurz, wir wurden etwas zivilisierter.“

Luke blieb bei dieser Ausführung der Mund offen stehen. Dann sagte er fassungslos: „Das war ja eine hervorragende Analyse der kulturellen Entwicklung eines Volkes. So etwas habe ich gar nicht von dir erwartet, Janok.“

„Ist auch nicht von mir“, gab Janok freimütig zu. „Das stammt aus dem Buch ‚Unsere Geschichte‘ von dem weisen Schamanen Histoko. Mein Vater hat mir mal eines geschenkt, als ich noch ein Kind war.“

„Ihr Orks habt Geschichtsbücher?“, staunte Luke weiter und Freya begann zu fürchten, dass der Elf gleich einen Herzinfarkt bekommen würde, denn das Blut schien stark zu zirkulieren, da Lukes Haut abwechselnd rot und weiß aufleuchtete. „Ich muss unbedingt Orkisch lernen!“, stieß der Elf voller Euphorie aus.

„Nicht nötig. Die meisten unserer Bücher gibt es auch in der Kontinentalsprache. Auch eine Sache, die uns die elfischen Händler mitgebracht haben. Da sie für unseren Handel sehr wichtig war, haben wir sie einfach übernommen, sodass die meisten von uns Ostorks sie besser sprechen als unsere ursprüngliche Muttersprache“, fügte Janok lachend, von der Euphorie des Elfen angesteckt, hinzu.

„Meine Herrin bittet um Verzeihung, Ihre Freude zu unterbrechen, doch sie möchte gern wissen, was es nun mit den Westorks auf sich hat“, sprach die Drohne plötzlich dazwischen und die aufkommende Fröhlichkeit fiel zusammen.

„Ähm, natürlich“, antwortete Janok und erklärte: „Nun, während die Handelskarawanen den Osten veränderten, kamen sie nie in den Westen, nie in das Herz des Sumpfes. Die dort lebenden Stämme blieben unbeeinflusst, sodass die alten Traditionen und Gebräuche erhalten blieben, was in unserem Fall eher schlecht ist. Die Stämme dort unten tief im Sumpf überfallen sich ständig gegenseitig, obwohl wir eigentlich Brüder und Schwestern sind. Es herrscht das uneingeschränkte Gesetz des Stärkeren und Blutopfer für die Ahnen sind an der Tagesordnung, während der Sklavenhandel ein florierendes Geschäft ist. Ach ja, und die meisten Westorks beherrschen die Kontinentalsprache nicht.“

Betretenes Schweigen trat am Tisch ein und Janok konnte allein anhand der Gesichter sehen, dass seine beiden Begleiter gerade überlegten, doch lieber hierzubleiben. „Keine Sorge“, fügte Janok eilig hinzu, „wir werden nicht so tief in den Westen gehen. Kruora liegt ungefähr auf der Mitte zwischen Ost und West. Jedoch werden viele östliche Stämme aufgrund der Zeremonie nach Kruora kommen. Und ja, Westorks mögen keine Nichtorks und sind ziemlich leicht reizbar. Deshalb möchte ich, dass ihr stets entweder in meiner Nähe oder in der von Frakonix’ Vertrauten bleibt. Man kann nie vorsichtig genug sein, wenn Westorks in der Nähe sind. Habt ihr verstanden?“ Luke und Freya nickten, immer noch leicht erschrocken. Janok zeigte sich zufrieden: Seine Warnung war angekommen.

5. Kapitel – Hochkommende Erinnerungen

Irgendwo im Höhlensystem des Eisigen Nordens

Mittag des dritten Tages von Snakes Koma

Es war stockdunkel, wie immer, wenn Natascha aufwachte. Die junge Frau in grüner Patientenkleidung wusste nicht genau, was sie aus ihrem Schlaf hochgeschreckt hatte, bis sie die Schritte hörte. Schwere Schritte. Sie kamen, um sie zu holen. Auch wenn Natascha in ihrer dunklen, fensterlosen und engen Zelle keine Möglichkeit hatte, die Zeit irgendwo abzulesen, so sagte ihr ihre innere Uhr, dass es noch Ruhezeit war. Das bedeutete, dass die Männer in Weiß nicht kamen, um sie für das Tagesprogramm abzuholen, sondern für … Zuerst durchfuhr blanke Angst Natascha, doch mit der kalten Gewissheit, dass sie sich nicht wehren konnte, folgte die Apathie. Also wartete sie auf ihrer Schlafpritsche sitzend und in Richtung des Bodens starrend auf das Unvermeidbare.

Ein Brummen setzte ein und Natascha konnte hören, wie schwere Riegel in die Stahltür der Zelle eingezogen wurden. Langsam öffnete sich jene und ein hereinbrechender Windhauch blies kalte Frische hinein. Natascha holte tief Luft, denn obwohl ihre Zelle durch das Belüftungssystem eigentlich über eine Frischluftzufuhr verfügte, wurde die Luft in diesem Raum recht schnell stickig.

Leider war diese vergängliche Frische das einzig Angenehme der erfolgten Öffnung. Im einfallenden Licht zeichneten sich die Konturen zweier Männer ab. „Doktor Metzger will Sie sehen, Patientin Natascha Cabot“, sagte eine der in schwere Montur gekleideten Wachen in dem typischen, unheimlich neutralen Tonfall. Natascha sah auf und blickte sie an, obwohl das sinnlos war. Durch die dicken Scheiben der Helme konnte sie die Gesichter der Männer, die sie gleichgültig immer wieder aus ihrer Zelle holten und nach den Untersuchungen des Arztes zurückbrachten, nicht erkennen.

Von der unterirdischen Anlage, in die Natascha vor drei Jahren als Fünfzehnjährige wie viele andere Jungen und Mädchen verschleppt worden war, erschienen ihr die Arbeiter stets am unheimlichsten. Waren es nun die Wachen, die die Gefangenen auf Schritt und Tritt verfolgten, die Köche, die das Essen in der Mensa kochten, die Putzkräfte, die stets alles sauber hielten, oder die Trainer, die das schwere körperliche Übungsprogramm forderten, welches Natascha und ihre Leidensgenossen jeden Tag absolvieren mussten: Stets trugen sie Ganzkörperkleidung, die kein bisschen von ihren Trägern offenbarte.

Während Natascha von den beiden Wachen durch den Gang mit den zahlreichen Türen der Einzelzellen eskortiert wurde, fragte sich die junge Frau, ob sie alle Roboter waren. Das würde zumindest zu ihren emotionslosen Stimmen und ihrer seltsam anmutenden Höflichkeit passen. Zudem verhielten sich die Wachen stets gefasst. Natascha hatte noch nie eine von ihnen brüllen hören. Wenn sie einen Gefangenen zurechtwiesen, sprachen sie zuerst höflich formulierte Warnungen aus, bevor sie ihre Taser einsetzten. Diese Wachen waren viel disziplinierter als jene, mit denen Natascha im Jugendgefängnis zu tun gehabt hatte. Diszipliniert wie Roboter … Aber warum konnte Natascha sie dann atmen hören? Und wozu die Montur?

Die Wachen erreichten mit der Gefangenen das Ende des Ganges, wo sich ein Fahrstuhl befand. Eine der Wachen drückte mit ihrer schwer behandschuhten Hand gegen den Schalter und ein unüberhörbares „Ding“ ließ verlauten, dass der Fahrstuhl kam. Schon wenige Sekunden später öffneten sich die Türen mit einem ebenfalls geräuschvollen „Pling“ und die Wachen traten mit Natascha ein. „Etage L1“, sagte eine Wache und die Türen schlossen sich. Als der Fahrstuhl nach unten fuhr, kam in Natascha die Angst hoch, so, als hätte diese im Schacht auf sie gewartet.