Diese verrückten 90 Minuten - Wolff-Christoph Fuss - E-Book

Diese verrückten 90 Minuten E-Book

Wolff-Christoph Fuss

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Beschreibung

»Hasta la vista, Bayern finalista!« Spontane, unvergessliche Sprüche wie dieser sind das Markenzeichen des Fußballreporters Wolff-Christoph Fuss. Im Jahr der Fußball-WM 2014 erzählt er aus der verrückten Realität seines Traumberufs und einer häufig überdrehten Branche. Er erinnert sich an peinliche Patzer bei seinen ersten Spielkommentaren, an emotionale Augenblicke wie beim »Spiel für die Ewigkeit« zwischen Inter Mailand und Schalke 04 oder an Vorgänge hinter den Kulissen, etwa als der größte Tag in der Karriere des Jupp Heynckes auch zum Tag seiner größten Niederlage wurde. Doch im Zentrum stehen die 90 Minuten, die – unberechenbar, berauschend, ernüchternd – Millionen Menschen bewegen. Dieses besondere Fuss-Ball-Buch ist Erinnerung, Reisebericht, Autobiografie und Tagebuch in einem. Es erzählt von Spielen und Menschen, von Moderationen und Notlagen, von Pannen und Glücksmomenten.

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Seitenzahl: 404

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WOLFF-CHRISTOPH FUSS

Diese verrückten 90 Minuten

DAS FUSS-BALL-BUCH

C. Bertelsmann

Die Fotos für den Bildinnenteil entstammen dem Privatarchiv des Autors.

1. Auflage

© 2014 by C. Bertelsmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: buxdesign, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-12919-4www.cbertelsmann.de

Gewidmet allen, die mich von diesem Buch überzeugt haben – das habt ihr jetzt davon!

Inhalt

Vorwort

Prolog

1. HÄLFTE

My Way – Der Weg zum Traumberuf

Den Königsweg gibt es nicht

Jetzt geht’s los

Nein, jetzt geht’s richtig los

Freiflüge

Langweilig wird’s nur, wenn alles glattläuft

Blackout

Senden, bis der Akku streikt

Wann ist endlich Weihnachten?

Siempre con nosotros

Die Cassanata

Von Stars und Freunden

Zu Gast in Old Trafford

In Kölle wirst du jeck

Schöner fliegen mit dem Kaiser

Taktikschule beim Tulpengeneral

Fish and Chips in Amsterdam

Sturm im Blätterwald

HALBZEIT

Rein privat

Der Kommentator als Zaungast

Faszination Istanbul

Fliegende Stühle in Athen

Welcome, Mr. President!

2. HÄLFTE

Auf Tour

Heiß – kalt – extrem

Die Gebrüder Grimmig

Kazim Kazim und Rollo Rollo

Wir sind zu voll – bitte aussteigen

Im Chaos von Athen

Total global

Fields of Athenry

Bei Freunden

Meine besten Spiele

Funny old Game

Road to Madrid

Ein Spiel für die Ewigkeit

Drama dahoam

Epilog

Dank

Namensregister

BILDTEIL

Vorwort

Es ist der 26. Juni 2013. Vor einigen Tagen habe ich erfahren, dass ich ein Buch schreiben werde. Ich muss zugeben, dass ich mich zunächst dagegen sträubte. Um es deutlich zu sagen: Es war nicht meine Idee. Das soll jetzt keine Entschuldigung sein. Aber was hat man mit siebenunddreißig Jahren zu erzählen, was kann man schreiben? Ratgeber? Krisenberichte? Lebenshilfebücher? Einen Roman? Den einzigen Roman, den ich schreibe beziehungsweise den ich beschreiben könnte, heißt Abramowitsch. Der Kerl gehört, wie hinlänglich bekannt ist, zu den reichsten Männern der Welt, ich habe seine Yacht mal von Weitem gesehen, beziehungsweise eine aus seiner Flotte, ihn persönlich versteckt hinter einer Packung Leibwächter, und seinem Hubschrauber bei der Landung zugesehen. Aber ich fürchte, das reicht nicht für einen Roman.

Scheiße, was soll ich machen – warum soll ich es machen? Ich bin Fußballkommentator, kein Schriftsteller! Mal abgesehen davon, dass man ein Buch nicht mit einer Rechtfertigung beginnen sollte – heißt es. Man sollte es auch nicht mit einer Erklärung beginnen – heißt es ebenfalls. Ich habe das Gefühl, ich sollte es trotzdem tun. Ich fühle mich besser damit. Hier also kommt sie.

Es gibt im Leben eines Fußballkommentators viele große und kleine Momente, die häufig mit den neunzig Minuten des Spieles selbst, mit dem reinen Livekommentar dagegen nur am Rande oder gar nichts zu tun haben. Es sind die kleinen Geschichten und Anekdötchen, die diesen Beruf für mich zum faszinierendsten der Welt machen. Davon wird das Buch erzählen. Es wird nicht von Cousinen in Whirlpoolsituationen mit Profifußballern berichten, ich werde niemanden bloßstellen. Es wird auch kein autobiografisches Gesamtwerk werden, analog vor allem manchen englischen Profis, die nach dem ersten Lebensdrittel sich selbst schon mal vorsorglich den Preis für ihr Lebenswerk überreichen. Es wird schon gar nicht den heiligen Gral der Fußballtaktik präsentieren oder die Faustformel für Kantersiege. Dieses Buch wird vielmehr die kleinen Facetten dieser Branche beleuchten. Es schildert die neunzig Minuten, aber nicht nur, es schildert kulinarische Erlebnisse, aber nicht nur, es schildert Reiseerlebnisse, Fans, Spieler, Funktionäre. Es wird um Beteiligte und Unbeteiligte gehen, um Schönes, Skurriles, Trauriges, Lustiges, Ergreifendes. Um Gänsehautmomente, Plattheiten, Albernheiten. Um verrückte neunzig Minuten, die Wege dorthin und die Wege von dort.

Es ist ein Privileg, den Beruf des Fußballkommentators ausüben zu dürfen. Ich bin mir dessen bewusst und, ja, es ist ein Kindheitstraum für mich in Erfüllung gegangen. Ein Traum, den ich Woche für Woche leben darf. Einer, der mich Tage erleben lässt wie den 26. Juni 2013.

Prolog

Still und starr döst die Liga in der Sommerpause. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass die ersten Vereine ihre Amtsgeschäfte schon wiederaufgenommen haben: Kilometerfressen an Berghängen, in Wäldern, an Stränden. Wilde Steigerungsläufe an verdutzten Touristen vorbei. Grundlagenausdauertraining für die neue Saison. Manch ein Spieler hat in den Wochen zuvor etwas zu exzessiv gelumpt, da müssen Kilos runter. Jürgen Klopp sagte mal: »Ich war überrascht. Der eine oder andere meiner Spieler hat über die Sommerpause Bartwuchs bekommen.«

Auch als Fußballkommentator lümmelt man in der Sommerpause mehr oder weniger beschäftigungslos herum und wartet, dass der Ball wieder rollt. Ja, gut, ich sag mal, natürlich gab es Fußball in diesem Sommer 2013. Den Confederations Cup mit einer eindrucksvollen brasilianischen Nationalmannschaft. Die Europameisterschaft der U21, die dem deutschen Nachwuchs ein Aus in der Vorrunde bescherte und dem Trainer Reiner Adrion etwas mehr Tagesfreizeit – zumindest bis auf Weiteres. Alles in allem aber nichts Weltbewegendes. Ich bin immer ganz froh, wenn es zumindest ein paar Tage im Jahr gibt, an denen ich nicht jedes Spiel gucken muss und eben nicht am nächsten Tag das Gefühl habe, irgendetwas verpasst zu haben. Man kann stattdessen andere Termine wahrnehmen, ein Buch schreiben oder mal eines lesen. Urlaub machen, Seele baumeln lassen, ohne schlechtes Gewissen.

Die Sommerpause in der Bundesliga und im gesamten europäischen Fußball ist aber weit mehr als nur eine Pause. Sie ist praktisch die Ursuppe der Spekulation: Wer geht wann warum wohin oder eben auch nicht? Den Laien oder »Eventguckern« erschließt sich dieser Charme nur sehr bedingt. Dabei sind es im Grunde die Spekulationen, die Zeitungen füllen und TV-Quote machen. Der Fakt als solcher schlagzeilt genau einen Tag – Spekulation funktioniert über Wochen.

Mit einem gewissen Amüsement kann man als Fußballkommentator in der Sommerpause dieses Treiben verfolgen. Robert Lewandowski war in jenem Sommer ein großes Thema. Noch mehr sogar seine Berater, die medial einmal quer durch die Dörfer getrieben wurden und schließlich gar als Mahnmale einer nicht immer seriösen Branche gehandelt wurden. Wie berechtigt oder unberechtigt derlei Vorwürfe sind und waren, können die wenigsten wirklich beurteilen. Bei Transfers im Profigeschäft geht es um viele individuelle Befindlichkeiten, und jeder möchte so gut wie irgend möglich dastehen. Also bestand die Sommerpause 2013 auch aus einem »Unser täglich Lewandowski gib uns heute«. Er geht zu Bayern, er geht nicht zu Bayern, er geht nächstes Jahr zu Bayern, er geht nie zu Bayern, er geht sofort zu Bayern, er geht nach Chelsea, er geht nach Manchester, er geht nirgendwohin, er geht nie mehr irgendwohin. Informanten waren mal die für gewöhnlich »gut informierten Kreise«, die Berater und einer, der einen kennt, der wiederum einen kennt, dessen Bruder mit der Cousine des Onkels gesprochen haben will, und die müsse es schließlich ganz genau wissen. Dazwischen immer wieder vermeintlich gierige Berater, die nur das Beste für ihren Schützling wollen. Und plötzlich heiratet er auch noch. Mahlzeit! Das war der Fußball-Juni komprimiert. In vergleichbarer Form mit unterschiedlichen Personen ist das ein sich Jahr für Jahr wiederholendes Ritual. Eine Art dadaistisches Grundrauschen – ein Evergreen. Lewandowskis endgültiger Wechsel zum FC Bayern München zur Jahresmitte 2014 wurde schließlich, juristisch wasserdicht, den Statuten gemäß, Anfang Januar bekannt gegeben.

Hinein in dieses Rauschen baute der Fußballsommer 2013 eine Oase. Im Jahr zuvor schien diese Oase noch eine Fata Morgana – zu utopisch, um auch nur in Ansätzen Realität werden zu können. Die Oase trug den Namen Pep. Josip Guardiola – so heißt er mit vollem Namen – ist der erfolgreichste Trainer im Vereinsfußball der letzten Jahre. Er hat alles, was der europäische Fußball an Titeln zu bieten hat, zum Teil mehrfach gewonnen.

Schon früh im Jahr hatte der FC Bayern München Pep Guardiolas Verpflichtung bekannt gegeben. Im November 2012, als das Gerücht erstmals auftauchte, war es eigentlich keins. Es war mehr eine Pointe, gerne kommentiert mit dem Zusatz: »Und Lionel Messi und Cristiano Ronaldo kommen auch noch mit.« Klar! Logo! Immer her damit! Erst im Januar 2013 erfuhr die Öffentlichkeit davon, dass Guardiola schon vor einigen Jahren den Bayern-Bossen zugeraunt hatte: »I can imagine to work for Bayern.« Oh yes, he can!

Es war kein Scherz. Die Scheichs aus Manchester und Paris und die Russen aus Chelsea schauten vollkommen überrascht in die Röhre. Bayern München also. Jupp Heynckes hatte, nachdem die Trainerverpflichtung bekannt gegeben worden war, mit den Bayern das Triple geholt. Meisterschaft, Pokal, Champions League. Alles. Das volle Programm. Erstmals für die Bayern, einmalig im europäischen Fußball für eine deutsche Mannschaft. Gerade so, als wollte er sagen: »Dann seht mal zu, was der beste Trainer der Welt noch verbessern kann.« Ich meine das jetzt im übertragenen Sinne. Jupp Heynckes ist für derartiges Gedankengut ein viel zu anständiger Mensch. Und doch ist er mit einer gehörigen Portion Stolz und Genugtuung von der Bühne abgetreten, in dem Wissen, die Benchmark für die folgenden Trainergenerationen im deutschen Fußball gesetzt zu haben, und seien es die besten der Welt. Wie steigert man Rekordsaison?!

Die Pressekonferenz zum Antritt des spanischen Jupps in der Allianz Arena war hoffnungslos überbucht. Mehr als zweihundert Journalisten aus aller Welt hatten sich angemeldet, Liveübertragung im Fernsehen inklusive. Ein wahrer Hype hatte die bayerische Landeshauptstadt erfasst. Eine Inszenierung wurde erwartet, mit Kettenkarussell und Dosenwerfen, und am Ende würde Pep womöglich noch übers Wasser gehen und Hunger und Armut auf der Welt besiegen. Wir sind zwar nicht mehr Papst, aber wenigstens Pep, und wenn die Hand Gottes in Rom jetzt schon ein Argentinier sein muss, dann sind wir zumindest der Außenrist. So geht Hype. Und es hat Zeiten gegeben, da haben die Protagonisten den Affen gezuckert – in München. Jürgen Klinsmann wollte jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen. Louis van Gaal meinte, sein Verständnis des »Mia san mia« und das des FC Bayern passe zu ihm »wie ein warmer Mantel«. Beide Trainer scheiterten. Klinsmanns Buddhas, die er auf der Wohlfühl-Dachterrasse des Leistungszentrums an der Säbener Straße zur Kräftigung der inneren Mitte aufbauen ließ, wurden nach einem Dreivierteljahr medial von selbiger Terrasse geschossen, das Chi war in die völlig verkehrte Richtung geflossen und wurde im Anschluss noch wuchtig von der Vereinsspitze kommentiert. Van Gaal gewann zwar Titel, glaubte sich aber in Sphären jenseits des Vereins – und musste schließlich kurz vor Ende seiner zweiten Spielzeit gehen. Der warme Mantel war auch nur eine Übergangsjacke gewesen.

Jetzt also Pep Guardiola. Und es passierte – nichts. Buenos dias, Messias! Ein wohltuend unaufdringlicher, fast schüchtern wirkender Trainer nahm, im perfekt sitzenden Anzug und flankiert von den Bayern-Granden, auf dem Podium Platz. Die Herrschaften vom Club grinsten wie die Honigkuchenpferde. In beachtlich gutem Deutsch würdigte der Neue die Vorsaison, vermied Kampfansagen, analysierte, parlierte aufgeschlossen, freundlich, zurückhaltend. Bayerns Mediendirektor Markus Hörwick meinte gar, er wünsche manch anwesendem Journalisten eine derartige Grammatik. Das klingt überzogen, sollte aber wohl eher seiner Erleichterung Ausdruck verleihen. Denn mit Sprachproblemen und rudimentären Deutschkenntnissen hat man beim deutschen Rekordmeister einschlägige Erfahrungen gemacht. Die Hochphase von Giovanni Trapattoni ist noch allgegenwärtig: »Ein Trainer is nisst ein Idiot. Ein Trainer seigt se was passiere in Platz.« Sätze, die mittlerweile ein Stück deutscher Fußballkulturgeschichte darstellen, führten in erster Instanz auf eine humoreske Reise in die Untiefen der deutschen Grammatik. »Was erlaube Strunz!?«

Nein, hier saß eine Größe des Weltfußballs vor dem imposanten Plenum, etwas nervös zwar, aber doch Staatsmann. Er bildete mühelos deutsche Relativsätze, konnte aber gleichzeitig auch den Kollegen aus England und Italien in ihrer jeweiligen Muttersprache Auskunft geben. Nein, so viel wolle er gar nicht verändern, es sei eine Ehre, hier zu trainieren, und klar sei das hier medial sehr erhitzt, aber so sei das nun mal, wenn ein großer Club einen neuen Trainer verpflichte.

Selten wurde ein Hype durch einen charmanten Auftritt so wohltuend konterkariert wie an diesem Vormittag. Pep ging nicht übers Wasser, segnete in der Folge auch keine Kleinkinder, und der Weltfrieden blieb ebenfalls ein süßer Traum. Das hatte internationales Flair. Fußballerische Hochkultur an der Isar.

Der Tag danach war der 26. Juni 2013. Das erste öffentliche Training des neuen Topstars der Fußballbundesliga. Fünfundzwanzigtausend Zuschauer waren zugelassen. Um noch mehr Menschen einen ersten Blick auf den neuen Trainer zu gewähren, setzten die Münchner für den 27. Juni eine zusätzliche Trainingseinheit in der Allianz Arena an. Gegen fünf Euro Eintritt, für eine neunzigminütige Einheit. Es gab Stimmen, die besagten: »Was ein Schnäppchen!« In der vorangegangenen Saison kostete das Ticket ein Vielfaches. Da allerdings gab es einen Gegner, zumindest offiziell.

Ich sollte das Training live kommentieren, mitten in der lümmeligen Sommerpause. Ein Träumchen, ohne Zweifel. Eine Herausforderung ohne Wenn und Aber. Kommentiere Warmlaufen, Dehn- und Stabilisationsübungen, Sit-ups, »Fünf gegen zwei«-Spielchen. Und zwischendurch: »Jetzt betritt er das Grün, jetzt macht er sich zum ersten Mal den Trainingsanzug zu, jetzt wird er zum ersten Mal böse, jetzt lacht er zum ersten Mal.« Taktisches Warmlaufen im modernen 4-3-3-System. Du kriegst die Tür nicht zu!

Ich habe durchaus schon öffentliche Trainingseinheiten besucht – unzählige sogar. In der Regel allerdings hielt sich der Erkenntnisgewinn in überschaubaren Grenzen. Von der Faszination Abschlusstraining vor Champions-League-Spielen wird im Verlauf dieses Buches noch die Rede sein. In der Regel sieht man Sport treibende Männer, die sich im hintersten Eck des Stadions bewegen, möglichst weit weg von den Objektiven der Kameras. Im besten Fall kann man für den privaten Hausgebrauch eine innovative Dehnübung abgreifen. Ernsthafte, bahnbrechende Neuigkeiten sind äußerst selten.

Auf Schalke habe ich 2010 mal ein Torabschlusstraining am Vorabend eines Champions-League-Spiels verfolgt. Die Übung war relativ simpel: Der Ball sollte vom Mittelkreis nach außen zum Kollegen gespielt werden, der ihn sich selbst mit einem Kontakt in Richtung Torauslinie vorlegen sollte, um ihn anschließend nach kurzem Sprint zum aufgerückten Kollegen in den Sechzehnmeterraum zu flanken. Der Kollege wiederum sollte unbedrängt per Kopf oder Fuß direkt verwandeln. Ein Metallgestell, das an der Außenseite des Strafraums positioniert war, simulierte einen Abwehrspieler und sollte den Außenspieler zu einem hohen Ball zwingen.

Das Ganze wirkte ziemlich praxisfern, da unbedrängte Abschlusssituationen in der erogensten Zone eines Spielfelds so gut wie nie vorkommen. Angreifer können auf diese Weise jedoch Selbstbewusstsein im Abschluss sammeln. Insofern war das auch für den interessierten Beobachter durchaus nachvollziehbar. Alle hatten Spaß, bis auf den Torhüter, dem, so zumindest der theoretische Ansatz der Übung, die Bälle nur so um die Ohren pfeifen sollten. Dann und wann vielleicht ein erfolgreicher Reflex, ansonsten Dauerbeschuss.

Die Übung geriet jedoch zur kompletten Farce. Die Spieler nagelten, so sie überhaupt verwertbare Bälle vom Mitspieler fanden, die Kugel mit einer beeindruckenden Streuung am Tor vorbei. Unzählige Spielgeräte wurden schon vor der Flanke mit sensationeller Penetranz ins Aus gelaufen oder zu weit vorgelegt. Im gefühlt zwanzigsten Versuch dann endlich die erste gelungene Flanke und wiederum deutlich später die erste Abwehr des Torhüters. Nach gut zehn Minuten schließlich der erste Treffer.

Anwesende Zuschauer und Journalisten rieben sich verwundert die Augen: Was war das hier? Ein Treffen der prominenten Fußball-Legastheniker? Was machten die Jungs eigentlich beruflich? Das Trainerteam feuerte die Spieler von außen lautstark an: »Jawohl! Gut gemacht!« Es war purer Slapstick. Ein französischer Kollege fragte mich währenddessen, wie ich die Schalker Anfangsformation morgen erwarten würde (Klammer auf: Von denen da könne ja eigentlich keiner dabei sein, Klammer zu). Am nächsten Tag qualifizierte sich eine Elf, die sich natürlich aus diesen vermeintlichen Feierabendkickern rekrutierte, für die K.-o.-Phase der Champions League. Damit gehörte Schalke in dieser Saison zu den besten sechzehn Mannschaften in Europa – mindestens. Natürlich fiel aus einer tags zuvor praktizierten Situation ein Tor. Ich erzählte während der Übertragung von den Erlebnissen des Vortags, von der, natürlich kalkulierten, genialen Blendkerze. Sepp Herberger hat darauf seit der WM 1954 gegen Ungarn das Copyright: Am 20. Juni beim 3:8 in der Vorrunde so zu tun, als habe man eigentlich anderweitige Termine, um am 4. Juli gegen dieselbe Mannschaft Weltmeister zu werden. Irre!

Was also macht dieser Guardiola heute? 2011 erlebte ich schon einmal ein Abschlusstraining mit ihm mit, vor dem Champions-League-Finale FC Barcelona gegen den englischen Rekordmeister Manchester United. Es war das schärfste, rasanteste und perfekteste Fünf-gegen-zwei, das ich je gesehen habe, egal bei welcher Trainingsgruppe. Auch bei den Messi-losen. Der Ball lief wie an der Schnur gezogen, in einem Tempo, das für das menschliche Auge so gerade noch zu erfassen war. Selbst der Ersatztorwart besaß beeindruckende technische Fertigkeiten. Zwei fast bemitleidenswerte Weltstars tollten vergnügt durch die Mitte, Balleroberungsversuche verliefen nahezu aussichtslos. Tags darauf wurde der FC Barcelona ungefährdet Champions-League-Sieger. Das Spiel geriet zu einer beeindruckenden Machtdemonstration mit eingeschränktem Spannungsbogen.

Jetzt also Pep in München. Sein Auftritt im Stadion war ähnlich antimessiashaft wie bei der Pressekonferenz. Statt der erwarteten fünfundzwanzigtausend kamen nur knapp zehntausend Menschen, was trotzdem ganz ordentlich ist – an einem Mittwoch um siebzehn Uhr und außerhalb der Schulferien. Und trotzdem war das einmal mehr der Beweis, dass sogenannte Hypes in der Regel medial inszeniert und die Fans überwiegend schlau genug sind, sich erst dann zu unterwerfen, wenn eine Gegenleistung in Form von guten Spielen und Ergebnissen erbracht wurde. Und nach dem Triplesieg gibt’s allein von der Ausgangssituation her erst mal nichts zu gewinnen.

Vier Sender übertrugen das Training live. Die Faszination des ersten Mals, Sie verstehen?! Erste Pressekonferenz, erstes Training, erste Ansprache, erste Wasweißichwas. Wenn man alles einmal durch hat, wird’s ruhiger, außer beim FC Bayern München. Da hat jedes Loch im Socken Sondersendungsstatus. Guardiola kennt diese medialen Ausnahmezustände aus Spanien, wo die Grenze zwischen Himmel und Hölle bestenfalls ein Trampelpfad ist. Hysterie gehört dort zur Folklore im Fußball. Im Vergleich zum Boulevard in Spanien, wo rücksichtslos gerichtet wird, bewegen sich die einschlägigen Medien in Deutschland zwischen »Apotheken Umschau« und »Bäckerblume«. Insofern »ois easy« für Pep.

Was der Neue aus Spanien nicht kannte, waren öffentliche Trainingseinheiten. Diese sind in Spanien, aber auch in England oder Italien, absolut unüblich. Dort üben die Mannschaften in der Regel fernab der Städte in hermetisch abgeriegelten Trainingskomplexen. In Deutschland ist eine nichtöffentliche Trainingseinheit dagegen eine Schlagzeile wert, beziehungsweise man interpretiert sie als Zeichen von Krise oder höchster Konzentration und Anspannung. Schon kurz nach seinem Amtsantritt legte Guardiola deshalb fest, dass das Pensum an öffentlichen Trainingseinheiten zurückgefahren würde. Er erhielt dafür die uneingeschränkte Rückendeckung des Vereins. Und doch war jedem klar, dass, sollten die Ergebnisse ausbleiben, dies der erste Ansatzpunkt für kritische Stimmen und Stimmungen werden würde. Im Verlauf der Hinrunde ließ er große Vorhänge um die Trainingsanlage bauen, für noch mehr Privatsphäre. Es war eine Meldung wert, mehr nicht. Für mehr blieben die Bayern zu erfolgreich.

Donnernder Applaus, als Josip Guardiola vor zehntausend Augenpaaren und Millionen vor den Fernsehgeräten das Stadion betritt. Wir, das heißt Bayern-Reporter Uli Köhler und ich, hatten schon zehn Minuten vor Trainingsbeginn den Übertragungsbetrieb für SKY aufgenommen. Viel spekuliert, viel philosophiert: Wo gibt’s noch Verbesserungspotenzial? Macht er aus Bayern Barcelona und so weiter und so weiter – die komplette Litanei. So eine Nummer ausschließlich ernsthaft zu sehen, macht wenig Sinn, weil man de facto ja »nur« ein Training überträgt. Bloß mit Ironie und Sarkasmus zu kommen, macht aber noch viel weniger Sinn, da das die beiden schärfsten Waffen sind, die einem Fußballkommentator zur Verfügung stehen und die man nicht zu früh und zu häufig einsetzen sollte, weil sie einem im Zweifel selbst das Gehirn wegpusten. Ironie ist nur sinnvoll, wenn die Zuschauer und Zuhörer sie als solche verstehen. Aber es gibt immer Leute, die eine ironische Bemerkung nicht verstehen oder nicht verstehen wollen.

Es entspann sich eine vergnügte Plauderei zwischen Uli und mir. Sie zog sich über knapp zwei Stunden, mit mal mehr, mal weniger Gehalt. Dafür, dass das Ganze mit der Übertragung eines Fußballspiels nur sehr am Rande zu tun hatte, machte es großen Spaß. Es hatte in der Tat etwas Faszinierendes, Guardiola im Bayern-Kostüm zu sehen. Ein ähnliches Gefühl hatte ich Jahre zuvor gehabt, als ich erstmals Raúl auf Schalke erleben durfte. Er war der Superstar, eine Institution bei Real Madrid, als ich gerade anfing, als Fußballkommentator zu arbeiten. Mit großem und nicht nur professionellem Interesse verfolgte ich seine Karriere, sah ihn bei Champions-League-Spielen häufig für Real Madrid spielen, und auf einmal stand er da, im Schalker Königsblau! In einem Kommentar verstieg ich mich aus lauter Bewunderung zu der Aussage: »Sehen Sie es mir nach, aber ich kann Raúl nicht kritisieren. Er ist einfach zu gut, um schlechte Spiele zu machen.«

Pep habe ich ebenfalls noch als Aktiven erleben dürfen, gegen Ende seiner großen Karriere, als sein Nachfolger Xavi beim FC Barcelona schon feststand. Ein Mittelfeldstratege, wie er im Buche stand. Elegant, torgefährlich, zweikampfstark. Edel in der Spielweise, robust im Zweikampf, genial in der Spieleröffnung. 2008 übernahm er dann als Trainer den FC Barcelona, räumte bereits im ersten Jahr sämtliche Titel ab, geleitete Spieler wie Deco, Eto’o oder Ronaldinho zum Ausgang und implementierte bei Barca einen Fußball, der über Jahre hinweg stilprägend für die komplette Branche sein sollte, weltweit.

Da stand er also jetzt, scherzte mit Hermann Gerland und den anderen Assistenten, ließ die Seinen vor jeder Tribüne eine Einheit absolvieren. Er selbst war erst stiller Beobachter, später aktiver Initiator von Übungen. Er sprach mit jedem Spieler und hörte jedem zu. Er kritisierte lautstark jedes unsaubere Zuspiel, vornehmlich auf Deutsch, im Zweifel war eine Prise Englisch mit dabei. Es wurde rasch klar: Diese Trainingseinheiten waren anstrengend, für Körper und Geist. Trotzdem schön zu sehen: Ein Sit-up blieb auch unter Guardiola ein Sit-up. Keine plakativen Gesten, kein Aktionismus. Auch diesmal ging er im Anschluss nicht zu Fuß über die Isar. Stattdessen gab es Autogramme für die Fans, dann ab in den Bus und Tschüss.

Es war meine erste Begegnung mit diesem Trainer-Staatsmann. So nahbar, wie er im Umgang mit seinen Spielern ist, so scheu präsentierte er sich der Öffentlichkeit. Autogramme und Fotos ja, aber bis auf die vorgeschriebenen Pressekonferenzen und Interviews nach Spielen verzichtet er auf weitere Einzelbefragungen und Hintergrundgespräche. Schade eigentlich. Denn gerade auf diese Weise habe ich von vielen seiner Kollegen unglaublich viel gelernt.

1. HÄLFTE

My Way – Der Weg zum Traumberuf

Den Königsweg gibt es nicht

Es ist auf Veranstaltungen an Hochschulen oder auf Fantreffen die meistgestellte Frage: »Wie wird man eigentlich Fußballkommentator?« Meine, mittlerweile standardisierte, Antwort lautet: »Den Königsweg gibt es nicht.« Dieser Beruf stellt quasi einen Querschnitt durch alle erdenklichen anderen Jobs dar. Man findet unter den Kommentatoren gelernte Handwerker, Akademiker, DJs, Exprofis, ehemalige Leistungssportler, Fleischereifachangestellte – oder eben Studienabbrecher wie mich. Insofern war es zumindest in den ersten sechs bis sieben Jahren meiner Tätigkeit keine Seltenheit, dass Verwandte mir auf Familienfesten sehr dezent die Frage stellten, ob ich nicht eigentlich auch noch mal was »Richtiges« zu arbeiten gedächte. »Du hast doch früher so gern Klavier gespielt«, oder: »In Geschichte warst du doch so gut!« Garniert mit einem kumpelhaften Anbuffen oder, noch schlimmer, einem herzhaften Kniff in die überschüssige Gesichtshaut, konnte einen das Ganze schon mal zur Weißglut bringen. Ich behalf mir in der Regel mit einem nickenden nonverbalen »Du mich auch«. Ich habe ja studiert, zumindest damit begonnen, und mit Betriebswirtschaft sogar etwas äußerst Rechtschaffenes gewählt, so ist es gar nicht.

Aber es war keine einfache Zeit, damals, 1996, mit gerade mal zwanzig. Wie oft musste ich an die Uni Stuttgart-Hohenheim fahren, um anschließend unverrichteter Dinge wieder von dannen zu ziehen! Es gab für zu viele Studenten zu wenige Parkplätze. Eigentlich hätte ich es wissen müssen: Parkplätze sind neben geistigen Schätzen das höchste Gut an deutschen Hochschulen. So also mussten die Wirtschaftswissenschaften zum ausgehenden Jahrtausend weitestgehend ohne mich auskommen. Ohnehin diente bei mir das Studium eher dem Zweck, Zeit zu gewinnen. Zeit für die wirklich interessanten Dinge des Lebens. Das Internet bekam Mitte, Ende der Neunziger konkrete, massentaugliche Züge. Eine bis dahin noch etwas unterentwickelte Medienlandschaft rund um Stuttgart begann zu expandieren. Dies alles interessierte mich so viel mehr als knochentrockenes Rechnungswesen oder angestaubte Statistik. Mit einem soliden Abitur in der Tasche lässt das Studium zudem viel Platz für individuelle Interessen – die Teilnahme an Vorlesungen ist dafür nicht mal zwingend notwendig. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt. So lief das in meinem Fall: Die Scheine fluppten mit sehr überschaubarem Aufwand, und ich konnte hemmungslos an dem basteln, was mir wirklich Spaß machte. Willkommen im Reich der angehenden Studienabbrecher.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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