Dieser Doc ist viel zu sexy - Susanne Hampton - E-Book

Dieser Doc ist viel zu sexy E-Book

Susanne Hampton

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Beschreibung

Was bildet sich Laine ein? Schlimm genug, dass Dr. Pierce Beaumont für einen Charity-Kalender halbnackt vor der schönen Fotografin posieren muss! Denn statt Geduld zu zeigen, ist sie dermaßen arrogant, dass die Funken sprühen. Funken der Wut - und der Leidenschaft …

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Dieser Doc ist viel zu sexy erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2014 by Susanne Panagaris Originaltitel: „Falling for Dr December“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBENBand 117 - 2018 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg Übersetzung: Christina Rodriguez

Umschlagsmotive: GettyImages_LanaStock

Veröffentlicht im ePub Format in 01/2021 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751505352

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

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1. KAPITEL

„Noch einen Schritt weiter, und ich drücke ab!“ Laine wartete auf eine Reaktion, doch es passierte nichts.

Der Mann, der vor ihr stand, zeigte sich von ihren Worten nicht beeindruckt. Schweigend stand er da, schüttelte den Kopf und starrte sie aus dunklen Augen an. Die angespannten Kiefermuskeln ließen sein Gesicht sogar noch kantiger und rauer wirken. Er nahm sie nicht ernst, dessen war sie sich bewusst. Warum auch? Sie stellte keine Gefahr für ihn dar. Er war muskulös, mindestens eins achtzig groß und bis zu den Hüften entblößt. Und er würde nicht auf sie hören.

Die Nachmittagssonne schien durch die Vorhänge, und Laine sah, wie das Licht seine Brust- und Armmuskeln betonte. Langsam strich er sich über die offene Gürtelschnalle. Sie musste schlucken, als er mit den Fingerspitzen den obersten Knopf seiner Jeans streifte. Kurz schloss sie die Augen, öffnete sie aber sofort wieder. Sie hoffte, dass es nur wie ein Blinzeln ausgesehen hatte. Sobald sie unsicher wirkte, würde er die Oberhand gewinnen. Das hatte sie im Laufe der Jahre gelernt.

„Noch einen Schritt, und es ist Ihr letzter, versprochen“, rief Laine, während sie sich innerlich dafür verfluchte, dass sie sich überhaupt zu einer Rückkehr bereit erklärt hatte. Warum nur hatte sie Ja gesagt? Diese Stadt brachte nur Unglück, das hätte sie wissen müssen. Seit sie heute Morgen in den Mietwagen gestiegen und über den New England Highway nach Uralla gefahren war, saß ihr ein Kloß im Hals und ging nicht mehr weg – ein Zeichen, dass sie nicht hier sein sollte. Aus gutem Grund hatte sie die Stadt vor zwölf Jahren verlassen.

Noch immer wartete sie vergeblich auf eine Reaktion oder Antwort. Der Mann zeigte keinerlei Emotionen, sein Ausdruck war undeutbar. Stattdessen spürte sie, wie er ihren Körper langsam und eindringlich musterte. Mit jedem Moment nahm ihr Unbehagen zu, bis sein Blick an ihrem Mund hängen blieb. Der Mann schwieg, fuhr sich mit den Fingern durch das kurze schwarze Haar und starrte sie gedankenverloren an.

Beim Klang seiner rauchigen Stimme erstarrte sie, als er unverschämt fragte: „Wissen Sie wirklich, wie man die benutzt?“

Sie sah nur sein unrasiertes Profil, erkannte aber, dass sich sein Mund zu einem Grinsen verzog. Mit aller Kraft sträubte sie sich gegen den Einschüchterungsversuch. Sie würde ihm nicht zeigen, dass er kurz davor war, mit seiner Taktik Erfolg zu haben, sondern sie musste die Kontrolle behalten. Ruhig bleiben.

„Noch einen Schritt, und Sie finden heraus, wie gut ich Sie treffe.“ Ihr Tonfall klang gelassen, obwohl sie innerlich bebte. Laine hoffte, sich auf diese Art Gehör zu verschaffen, auch wenn ihr ruhiges Äußeres ihren wahren Gefühlen widersprach. Sie wusste, dass sie ihr Ultimatum gerade zum letzten Mal gestellt hatte, bevor es nur noch wie eine leere Drohung klang. Dann würde sie nicht das bekommen, wofür sie hier war, und alles wäre umsonst gewesen. Aber sie ließ sich von niemandem unterkriegen. Nicht hier, nicht jetzt.

Sie beharrte auf ihrer Forderung und betete, dass er sie dieses Mal ernst nahm. Und das tat er. Widerwillig und zögerlich stieg er in seinen staubigen Stiefeln eine weitere Sprosse hinauf und setzte sich schließlich ganz oben rittlings auf die Trittleiter.

„Endlich“, murmelte Laine, strich sich ein paar Strähnen ihres langen braunen Haars hinters Ohr und griff nach einem weiteren Objektiv. Mit fokussierter Kamera trat sie hinter die Leiter, wobei sie Blickkontakt mit ihrem gut aussehenden, wenn auch sturen Model hielt. Dann begann sie ihre Fotoserie mit so viel Selbstvertrauen und Kompetenz, wie es nur jemand mit ihrem großen Maß an Talent und Erfahrung fertigbrachte.

Pierce brach der kalte Schweiß aus, doch er schluckte nur schwer und zwang sich, nicht nach unten zu blicken. Sein Herz klopfte heftig, und mit aller Kraft versuchte er, die unerwünschten Bilder zu verdrängen. Erinnerungen kamen plötzlich an die Oberfläche, und gegen die alten Ängste war sein Verstand machtlos.

Obwohl er längst kein zwölfjähriger Junge mehr war, der am Rand eines Balkons balancierte, fühlte er sich plötzlich so verletzlich wie damals. Seine Knöchel traten weiß hervor, und er wünschte sich, das Fotoshooting wäre vorüber. Nervös rieb er sich die Stirn. Er musste sich konzentrieren, sich daran erinnern, dass es nur eine Leiter in einem ungenutzten Zimmer seiner Praxis war, auf der er saß, um einigermaßen die Fassung zu wahren. Als er auf die erste Sprosse gestiegen war, hatte er geahnt, dass es nicht leicht sein würde, doch nach all den Jahren hatte er nicht damit gerechnet, dass es ihn so mitnehmen würde. Manche Erinnerungen konnte man nur schwer vergessen – wenn überhaupt.

„Sie können jetzt runterkommen. Aber ernsthaft, Dr. Beaumont, war es denn wirklich so schwer?“, fragte Laine übertrieben höflich, entfernte das Objektiv und packte die Kamera wieder ein. „Wenn Sie nicht so ein Theater gemacht hätten und gleich hinaufgestiegen wären, hätten wir vor zwanzig Minuten fertig sein können“, beschwerte sie sich und nahm den Blitzschirm vom Stativ.

Am liebsten hätte sie sich noch weiter über seine mangelnde Arbeitsmoral ausgelassen, doch sie wollte Pierce nicht noch mehr verärgern. Lieber behalte ich meine Meinung für mich, dachte sie, als sie das Stativ in einer ihrer wasserdichten Taschen verstaute.

Pierce konnte ihr nicht antworten. Schweigend stieg er von der Leiter. Sobald seine Füße festen Boden berührten, verwandelte sich seine Angst in Wut. „Was war denn so verdammt wichtig daran, noch eine Sprosse hinaufzusteigen?“

„Es geht um die Bildgestaltung. Bei meiner Arbeit mache ich keine Kompromisse. Und kommen Sie morgen bitte rechtzeitig. Ich hoffe, den Sonnenaufgang über dem Grundstück der McKenzies zu erwischen“, erwiderte sie und warf dem Mann, der ihr die letzte Stunde unerträglich gemacht hatte, einen vorwurfsvollen Blick zu. „Ich habe bereits elf Ärzte in Australien fotografiert, aber Sie waren zweifellos der schwierigste. Warum in aller Welt haben Sie überhaupt zugestimmt, wenn Sie kein Bild von sich in einem Kalender sehen wollen? Ich habe den Vertrag gesehen. Es waren eindeutig Ihr Name und Ihre Unterschrift.“

„Das ist es ja“, blaffte er zurück. „Ich habe niemals zugestimmt. Mein ehemaliger Partner Gregory Majors hat die Unterlagen gefälscht, bevor er in den Ruhestand ging. Es war ein Streich. Er dachte, ich fände es lustig. Da hat er sich aber geirrt.“

Laine erinnerte sich sofort an den Namen: Dr. Majors, der örtliche Hausarzt. Ein Streich wie dieser war typisch für ihn, denn er besaß eine verschmitzte Ader.

Als Laine noch in Uralla gelebt hatte, war sie oft in seiner Praxis gewesen. Das erste Mal mit einer Mandelentzündung, danach hatte sie sich in der Highschool beim Sport den Arm gebrochen und sich später noch ein paar weitere kleinere Verletzungen zugezogen.

Nach seinem Studium war Dr. Majors wie so viele Einheimische zurückgekehrt, hatte sich als Hausarzt niedergelassen und war in Uralla sesshaft geworden. Anders als Laine. Sie war gegangen und hatte sich geschworen, nie wieder zurückzukehren. Nun atmete sie tief durch. Die Zeit, in der sie Uralla als ihre Heimat bezeichnet hatte, war vorüber. Sie konnte den Ort nie wieder so sehen. Zwar hatte sie ursprünglich vorgehabt, für immer zu bleiben und den Rest ihres Lebens in Uralla zu verbringen, doch dieser Traum war zerbrochen, und ihr Glaube an ein „für immer“ war seitdem zerstört.

„Ich wollte einen Rückzieher machen, aber dann erfuhr ich von den Organisatoren, dass Ihre Flüge bereits gebucht waren und das Budget keine Änderungen im Terminplan erlaubt“, fuhr Pierce fort und riss Laine aus ihren Tagträumen. „Ich habe angeboten, Ihnen andere Flüge zu bezahlen, sobald sich irgendein Trottel findet, der für mich einspringt, aber offenbar war keiner aufzutreiben. Angeblich hätte es den gesamten Zeitplan zerstört, und man hätte die Deadline nicht einhalten können. Ohne den Kalender können für nächstes Jahr keine Spenden gesammelt werden. Die Organisatoren haben es geschafft, mir ein schlechtes Gewissen zu machen.“

Doch es steckte noch mehr dahinter. Nachdem er die Broschüre der Wohltätigkeitsorganisation gelesen hatte, konnte er keinen Rückzieher mehr machen, denn ihm war klar geworden, dass er sich mit seiner Teilnahme für einen guten Zweck einsetzte. Innerlich war er hin- und hergerissen.

Das Posieren für den Kalender ging ihm unheimlich auf die Nerven, doch er konnte die Organisatoren nicht im Stich lassen. Sie planten, in jeder großen Stadt eine Einrichtung speziell für Pflegekinder zu bauen, die achtzehn Jahre alt wurden und damit aus dem System herausfielen – ein ambitioniertes, aber wichtiges Vorhaben. Obwohl Pierce nur ungern im Rampenlicht stand, hatte er beschlossen, dass es wichtig war, sich für eine gute Sache einzusetzen. Mit den Konsequenzen würde er sich später befassen.

„Wie nobel von Ihnen, dass Sie es dennoch tun.“ Laine rollte mit den Augen, ohne zu ahnen, dass er von dem guten Zweck wusste und ihn unterstützte. Seine Worte beeindruckten sie nicht. Sie nahm sowohl ihre Arbeit als auch ihr Engagement für die Sache äußerst ernst, und es ärgerte sie, dass Pierce sowohl ihr als auch dem Projekt so respektlos begegnete. Die Angelegenheit bedeutete ihr unsagbar viel. Sie würde alles tun, um Pflegekindern zu helfen. Es war dringend nötig.

Ein Leben als Pflegekind war oft schwer, erst recht, sobald der Aufenthalt in einer Pflegefamilie endete. Laine hatte es am eigenen Leib erfahren. Einerseits wollte sie den Kindern helfen, bevor das System seine Spuren an ihnen hinterließ, aber genauso lagen ihr die Jugendlichen am Herzen, die an der Schwelle zum Erwachsensein standen.

Seit einigen Jahren schon arbeitete sie für die Wohltätigkeitsorganisation und übernahm jedes Jahr eine noch größere Aufgabe. An manchen Tagen, wenn ihr die freiwillig gewählte Einsamkeit unerträglich wurde, dachte sie an all die Pflegekinder ohne feste Familien, und in solchen Augenblicken beschloss sie, dass es einen Weg geben musste, ihnen zu helfen. Was immer sie durch Beziehungen und mit ihrer Arbeit bewirken konnte, würde sie, ohne zu zögern, tun.

Sorgfältig und schweigsam fuhr sie fort, ihre Ausrüstung einzupacken. Bevor sie die Objektive verstaute, reinigte sie deren Vorder- und Rückseiten. Mit ihrem Handwerkszeug ging sie stets penibel um und wusste alles zu schätzen, was sie besaß. Sie verwendete nur das beste Equipment, weil sie es sich leisten konnte, doch das war nicht immer so gewesen. Zu Beginn ihrer Karriere hatte sie sich sogar die Basisausrüstung vom Munde absparen müssen. Auch heute noch nahm sie nichts als selbstverständlich hin.

„Vielleicht muss ich dieses Fotoshooting mitmachen, aber ich werde auf keinen Fall noch mal auf eine Leiter klettern. Morgen habe ich das Sagen. Entweder es läuft so, wie ich es will, oder gar nicht“, verkündete Pierce und bemühte sich nicht, seine Verachtung für die Situation zu verbergen.

Laine musterte den Mann, der in den nächsten zwei Tagen ihr Model sein würde. Sie befürchtete, dass es einer der frustrierendsten und schwierigsten Aufträge ihrer fast zehnjährigen Karriere werden würde. Frustrierend aufgrund des Models und schwierig aufgrund der Kulisse. Dr. Pierce Beaumont war unglaublich unkooperativ, und in Uralla lauerten an jeder Ecke Erinnerungen, die sie verdrängen wollte.

Als sie vor vielen Jahren die kleine, fast fünfhundert Kilometer nördlich von Sydney gelegene Stadt verließ, hatte sie nicht damit gerechnet, jemals zurückzukehren. Uralla war ein Teil ihrer Vergangenheit und spielte in dem Leben, das Laine sich in New York aufgebaut hatte, keine Rolle. Sie wusste, dass sie nie glücklicher gewesen war als in Uralla, doch ihr war ebenso bewusst, dass sie nicht mehr das junge Mädchen von damals war. Sie würde sich nie wieder an das Kleinstadtleben gewöhnen können.

Sie war eine Weltbürgerin, eine Frau, die einzig für die Karriere lebte. In ihrem Leben war kein Platz für andere – erst recht nicht für die Menschen dieser Stadt. Sie waren herzlich und gastfreundlich, doch auf solche Sentimentalitäten konnte Laine verzichten. Sie passten nicht mehr zu ihr.

Die Jahre in der Kleinstadt hatten ihr gezeigt, wie es sich anfühlte, Teil einer Familie zu sein. Menschen hatten sich tatsächlich für ihre Gefühle interessiert, hatten ihr Geborgenheit und Schutz geboten. Zum allerersten Mal hatte sie sich nicht mehr verlassen gefühlt, und sie hatte aufgehört, ständig damit zu rechnen, dass Versprechen immer irgendwann gebrochen werden würden.

Die perfekte Vorstellung, die sie sich von einem Leben in einer liebevollen Familie gemacht hatte, war endlich wahr geworden. Es war ein Leben, von dem sie nie zu träumen gewagt hatte, als sie noch ständig umgezogen, in neue Pflegefamilien gekommen und von Pflegegeschwistern schikaniert worden war. In ihrem Zuhause in Uralla erfuhr sie die wahre Bedeutung von bedingungsloser Liebe und erhielt eine Antwort auf die Frage, die sie sich schon ihr ganzes Leben lang gestellt hatte: Wohin gehöre ich?

Genau dorthin.

Doch nach vier wunderbaren Jahren nahm alles ein schreckliches, tragisches Ende. Ihre Adoptiveltern kamen bei einem Autounfall ums Leben. Sie waren fort, würden nie mehr zurückkehren – und Laine war wieder allein.

Also zog sie Kraft aus den emotionalen Wunden. Sie kehrte der sicheren Kleinstadt den Rücken und entschied sich für ein neues Leben weit weg von Uralla. Es dauerte Jahre, bis sie endlich Erfolg hatte, doch sie wusste, dass sie es schaffen würde. Sie war fest entschlossen, ihr Leben unter Kontrolle zu bringen, jeden einzelnen Tag maximal auszunutzen und sich auf absolut niemanden zu verlassen, und so gelangte sie an die Spitze.

Durch die Welt zu reisen, mit Models, Kunden und deren Ansprüchen bei Fashion-Shootings zu arbeiten, jeden Tag in einem anderen Hotel aufzuwachen – irgendwann wurde das alles Alltag für Laine. Ihr Terminplan grenzte an Wahnsinn, doch die hektische Betriebsamkeit half ihr dabei, Erinnerungen an früher zu verdrängen.

Manchmal war sie einsam, doch das war der Preis, den sie für ihren Lebensstil zahlte, und sie beklagte sich nicht. Auch die Launen der Models störten sie nicht. Sie alle hatten einen Job zu erledigen, und sobald der Auftrag im Kasten war, konnte sie neue großartige Aufnahmen im Portfolio verbuchen. Laine war an einem Punkt in ihrer Karriere angelangt, wo sie es sich leisten konnte, die weitere Zusammenarbeit mit kratzbürstigen Models abzulehnen. Ein solches Verhalten bedeutete ohnehin meist, dass deren Karriere kurzlebig war.

Laine liebte ihre Arbeit. So einfach war das. Sie war eine angesehene Fotografin und musste sich nie um Aufträge bemühen. Ihr Name war gleichbedeutend mit Fotos in den Hochglanzmagazinen namhafter Modehäuser und Schmuckhersteller. Erst kürzlich hatte sie an der italienischen Riviera einen Auftrag für eine berühmte Sportwagenfirma ausgeführt. Sie hatte ein weltweit anerkanntes, vielseitiges und zeitloses Portfolio mit ungewöhnlich schönen und innovativen Fotos zu bieten.

Alles in ihrem Leben hatte sie sich hart erarbeitet, und von irgendeinem Arzt aus New South Wales, Australien, der von ihrem Beruf nichts verstand, würde sie sich gewiss nicht sagen lassen, was sie zu tun hatte.

Sie war nicht mehr die kleine Melanie Phillips aus Uralla. Dieses Mädchen existierte nicht länger. Sie war Laine Phillips, internationale Fotografin, und würde sich von keinem Mann herumschubsen lassen, ganz egal, wie gut er aussah oder wie wichtig er für ihr Shooting war.

„Dann gestalten Sie morgen also das Shooting? Interessant.“ Laine atmete tief durch und hockte sich neben eine ihrer Taschen. Pierce würde morgen nichts entscheiden, außer, was die Wahl seines Eau de Cologne betraf.

Beim Shooting führte sie Regie. Ihr Name und ihr Ruf hingen unmittelbar mit den Fotos zusammen, und das hieß, dass sie die Kontrolle behielt – genau so, wie es in den letzten zwölf Jahren in allen Bereichen ihres Lebens gelaufen war. Niemand entriss ihr die Zügel. Niemals.

„Wenn Sie glauben, Sie können hier einfach in unserer Stadt aufkreuzen und mir Vorschriften machen, dann irren Sie sich.“ Laines Versuch, ihn herumzukommandieren, beeindruckte Pierce nicht. Er würde es nicht dulden und konnte ihr den Aufenthalt problemlos erschweren, wenn sie so weitermachte. Sollte sie doch ihr arrogantes Großstadtgetue nehmen und sich direkt wieder ins Flugzeug setzen. „Kommen Sie mir nicht mit Ihrer herablassenden Art. Ich tue Ihnen schließlich einen Gefallen.“

„Mir? Sie helfen einer Wohltätigkeitsorganisation, nicht mir persönlich. Im Grunde machen Sie nicht viel, außer sich auszuziehen. Das ist wohl nicht zu viel verlangt. Trotz Ihres Vorschlags, dass Sie morgen den Ton angeben, habe ich leider schlechte Nachrichten für Sie. Das Shooting wird auf meine Art gemacht.“

Pierce beäugte die atemberaubende Brünette, die ihm gerade die Meinung gegeigt hatte. Sie war gewiss kein Mauerblümchen, eher eine kleine Diktatorin, und eine äußerst hübsche noch dazu. Einen Moment lang fragte er sich, warum sie nicht vor der Kamera stand. Unter dem engen weißen Top und der ausgeblichenen Jeans zeichnete sich ihre makellose Figur ab. Sie war auf natürliche Art schön, schminkte sich kaum und machte um ihr Aussehen allem Anschein nach kein großes Aufheben.

Doch er musste ihre Attraktivität ausblenden. Sie wollte ihn herumkommandieren, und das war etwas, das er nicht ausstehen konnte.

„Ich kann mich auf der Farm der McKenzies auf einen Traktor setzen“, erklärte er. „Keine große Planung nötig. Ein Landarzt, auf einer Farm, auf einem Traktor. Shooting erledigt, Foto im Kasten – sagt man das nicht so?“

Laine verdrehte die Augen. Sie konnte nicht glauben, wie wenig er von ihrem Handwerk verstand, wie wenig er es zu schätzen wusste. Er reduzierte ihren Beruf schlicht und einfach darauf, einen Arzt auf einen Traktor zu setzen und einen Schnappschuss zu schießen.

„Vielleicht könnten Sie mit dem Handy einfach ein Selfie machen und es mir schicken?“ Sie würde sich nicht die Mühe machen, einem Mann, der keine Ahnung hatte, den komplizierten Planungsprozess eines Qualitätsfotos zu erklären. Stattdessen zog sie den Reißverschluss der letzten Tasche zu.

„Ich bin mit der Kalenderidee noch immer nicht einverstanden“, bemerkte er und ignorierte ihren Sarkasmus.

„Es ist eine bewährte Formel“, erwiderte sie nüchtern. „Attraktive Männer mit nacktem Oberkörper werden mit ein paar Tricks zum Traum jeder Frau.“

„Tricks?“, fragte er stirnrunzelnd. „Sie sind gerade richtig in Fahrt, oder? Beleidigen Sie Ihre Models immer in einem so kühlen Tonfall?“

Sie musterte ihn mit ungerührter Miene. „Das war keine Beleidigung, sondern eine Tatsache. Ich bearbeite die Fotos, um das Beste aus ihnen herauszuholen und die Makel zu retuschieren. Fotografie ist oft reine Fantasie. Ich lasse das Objekt unwiderstehlich wirken – ob es sich um eine Perlenkette, um eine Lederhandtasche oder um ein Auto handelt, das sich höchstens zwei Prozent der Bevölkerung leisten können. Ich verwandle es in eine begehrenswerte Sache, ohne die der Konsument nicht leben kann, lasse es glänzen und schöner aussehen, als es vielleicht ist. Erst dadurch wird es zum Stoff, aus dem die Träume sind.“

„Also ist alles nur Blendwerk?“, fragte Pierce. „Keine echten Fotos. Nichts mit Tiefgang. Überrascht mich im Grunde nicht. Es geht Ihnen nur darum, ein Produkt zu verkaufen, Punkt.“

„Und was gibt Ihnen das Recht, das zu sagen? Sie wissen nichts über mich“, entgegnete sie, erhob sich und sah ihm ins Gesicht. „Ich mag meine ungeschminkten realistischen Aufnahmen, wie die Porträtfotos älterer Menschen. Ich retuschiere keine einzige Falte und verändere nichts. Der Charakter eines Gesichts, das sowohl gute als auch schlechte Zeiten erlebt hat, ist unbezahlbar. Wenn ich aber beauftragt werde, ein Produkt so darzustellen, dass es sich verkauft, dann wende ich so viele Tricks an wie möglich!“

Sie war sich bewusst, dass die Aufnahmen von Pierce keinerlei Nachbearbeitung benötigten. Er besaß eine besondere Anziehungskraft, die auf jede Frau wirkte, und die würde sie nicht verfälschen.

Die letzte Stunde mit ihm war in professioneller Hinsicht frustrierend gewesen, doch das war ihr geringstes Problem. Etwas an diesem Mann und der Situation weckte in Laine ein ungutes Gefühl. Ob es an seiner authentischen und natürlichen Sinnlichkeit oder nur daran lag, dass sie wieder in Uralla war, wusste sie nicht, doch aus irgendeinem Grund fühlte sie sich unwohl.

Sie war an Models gewöhnt und an die Art, wie sie für die Kamera posierten, doch Pierce war tatsächlich immer so sexy. Seine Attraktivität war ihm angeboren, er strahlte innere Stärke aus und brachte Laine auf unerklärliche Weise aus der Fassung.

„Wollten Sie einfach nur schwierig sein, oder gab es einen konkreten Grund, weshalb Sie nicht die Leiter hinaufsteigen wollten?“, fragte sie und versuchte, das Gesprächsthema wieder aufs Geschäftliche zu lenken. „Sie haben auf meine Bitte wirklich überreagiert.“

„Ich sagte doch schon, dass ich mit der ganzen Sache nichts zu tun haben wollte. Belassen wir es dabei. Sie werden mich nicht davon überzeugen, dass es keinen besseren oder leichteren Weg gibt, Spenden für Ihre Wohltätigkeitsorganisation zu sammeln.“

Sie wandte sich wieder ab und wickelte die Kabel auf. Vermutlich steckte hinter seiner Weigerung mehr als nur Arroganz, doch sie beschloss, nicht weiter nachzubohren. Sie wollte einfach nur das Shooting beenden, um ihn loszuwerden. Nachdem sie die Kabel eingepackt hatte, klappte sie ihren Laptop zu, steckte ihn in den Rucksack und wandte sich an Pierce.

„Man hat Marktforschung betrieben und sich daraufhin für einen Kalender entschieden. Letztes Jahr hat es mit Feuerwehrmännern gut funktioniert, also hat die Organisation nun zwölf von Australiens attraktivsten Hausärzten ausgesucht. Und Sie, Dr. Beaumont, haben die zweifelhafte Ehre, der letzte Arzt des Jahres zu sein. Sie sind Dr. Dezember“, erklärte sie.

„Nennen Sie mich Pierce. Dr. Beaumont ist viel zu förmlich. Und korrigieren Sie mich, wenn ich falschliege, was Sie sicher tun werden, aber ich sehe hier nichts, was auch nur entfernt weihnachtlich wirkt.“ Er kratzte sich am Kinn und fuhr trocken fort: „Wie wäre es, wenn ich noch den Rest meiner Sachen ausziehe und Sie strategisch einen Weihnachtsbaum vor mir platzieren?“