Diffuse Entwicklung - Leif Kostmas - E-Book

Diffuse Entwicklung E-Book

Leif Kostmas

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Beschreibung

Realität ist eine Illusion, hervorgerufen durch den akuten Mangel an Rauschmitteln. Aber wie war es denn noch gleich, nüchtern zu sein? Im Verlauf der Sucht geriet es in Vergessenheit.Von falschen Wahrnehmungen, den Abarten menschlicher Psyche, instabilen und affektiven Emotionen sowie vorübergehender Bedürfnisbefriedigung und konstruierten Dreiecksbeziehungen.

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Seitenzahl: 94

Veröffentlichungsjahr: 2019

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ausgegoren.de

DANKE, SHORTY!

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

Veränderungen

Zusammensetzungen

Sondierungen

Annäherungen

Irritationen

Komplikationen

Eskalationen

Kapitulationen

Resignationen

Versuchungen

Fortsezungen

Vorwort

„Realität ist eine Illusion, hervorgerufen durch den akuten Mangel an Rauschmitteln.“ Aber wie war es denn noch gleich, nüchtern zu sein? Im Verlauf der Sucht geriet es in Vergessenheit.Von falschen Wahrnehmungen, den Abarten menschlicher Psyche, instabilen und affektiven Emotionen sowie vorübergehender Bedürfnisbefriedigung und konstruierten Dreiecksbeziehungen.

Doch der Reihe nach...

Prolog

Es ist der letzte Mittwoch im Februar diesen Jahres. Wie im Norden Deutschlands nicht anders zu erwarten, ist es nasskalt und diesig, ungemütlich. Um halb sieben morgens aufgestanden, die üblichen 3-4 Bier rein gekippt um den anstehenden Entzugserscheinungen zu entgehen. Willkommen in meinem Leben, bei der morgendlichen Routine namens Alkoholabhängigkeit, dem eines sogenannten Spiegeltrinkers

Etwas ist heute anders: Geplant ist der nächste Anlauf einer Entgiftung, eines qualifizierten Entzuges. Taxi in das seit zwei Wochen geplante Krankenhaus kommt wie bestellt und ist pünktlich am Ziel. In einem Krankenhauses im nördlichen Hamburg werde ich mich meiner vierten Entgiftung in kurzer Zeit stellen. In dieser Klinik wird es der zweite Anlauf sein, zwei weitere in anderen Kliniken kommen dazu.

Korrekterweise dreht es sich um multiplen Substanzmißbrauch, sogenannte Polytoxomanie, quer durch sämtliche illegale Drogen und diverse Medikamente mit Abhängigkeitspotential. Hier soll es sich nun ausschließlich um den Alkohol drehen, da alle anderen Abhängigkeiten aktuell im Griff sind. Um durch die Wartezeit bei der Aufnahme nicht in die Entzugigkeit zu geraten, spüle ich mir kurzerhand ein Flachmann Vodka vom Supermarkt in der Nähe runter. So lande ich denn irgendwann in meinem Zimmer, mit 2,38 Promille morgens um kurz nach neun. Zwischen glatt null und rund fünf ist so der Satz bei Aufnahme.

„Jede Entgiftung wird kompizierter als die zuvor“

Es folgen die Eingangsuntersuchungen, Gespräche mit dem Personal und Messungen alle zwei Stunden, wann der Wert auf unter 1,2 fällt, um die Entzugsmedikamente, wie Distraneurin oder Oxazeparm (Kurz: Distra bzw Oxa) verabreichen zu können. Diese können bei höherer „Drehzahl“ lebensgefährliche Komplikationen auslösen. Ähnlich bei „Kaltem Entzug“, daher der ganze Aufwand in einer Klinik. So wird am Tag der Aufnahme eine individuelle Dosis verabreicht. Im weiteren Verlauf wird diese langsam zurück gefahren.

Jede Entgiftung wird komplizierter als die davor. Man steckt mit jedem Rückfall noch tiefer drin in der Abhängigkeit und die reine Entgiftung wird schwieriger und dauert länger.

Erst einmal wieder unter den Lebenden, am Tag drei, darf man denn in Begleitung das Gebäude verlassen. Ab Tag vier auch alleine. Dies wird mit der Verfügbarkeit von Alkoholika in direkter Nähe wie auch mit dem Abschätzen der Nebenwirkungen der Entzugsmedikation zusammen hängen, beide Risiken gilt es zunächst zu minimieren.

Veränderungen

Irgendetwas ist bei dieser Entgiftung grundlegend anders; Das Setting, also das Drumherum, ist mir wohl bekannt, daran kann es nicht liegen. Allerdings lässt sich mein Körper dieses Mal nicht ohne Weiteres auf das Abdosieren ein, an Tag vier immer noch auf Maximaldosis der Entzugsmedikation. Dazu kommen unkontrollierbare Anspannungs- und Erregungszustände, die weitere Medikamente notwendig machen. Die Stimmungslage pendelt wie ein Seismograph, ich halte alles schriftlich fest ab jetzt.

Von völlig trivialen äußeren Einflüssen viel zu schnell angetriggert erlebe ich Stimmungswechsel wie bei einer bipolaren Störung in Zeitraffer. So weit nicht unbedingt neu für mich, aber die Intensität hat eine bis hier hin unbekannte Qualität erreicht. Mehrmals täglich erreicht der Triggerlevel beinahe die 100%, ein Gegensteuern wird immer schwieriger und ist oftmals nur noch mit fluchtartigem Verhalten und zusätzlicher Medikation möglich. Von Suchtdruck und Suizidgedanken gebeutelt nehme ich Reiss aus und laufe vor mir selber weg.

Seit Sonntag nun wird vorsichtig abdosiert, meine Schlafphasen reduzieren sich auf 3-4 Stunden in der Nacht, am Tag versuchte ich es gar nicht erst, und die Stimmung liegt im oberen Bereich, manisch. Die Spannungszustände nehmen immer noch extreme Formen an.

Zusammensetzungen

So lange man noch Promille hat, gilt das Zimmergebot. Auf einem Dreibettzimmer gesellte ich mich zu Martin und einem anderen, beide mit deutlich zweistelliger Zahl an Entgiftungen in der Alkoholiker-Karriere. Am Stationsprogramm teilnehmen ist ebenso tabu wie die Interaktion im Tagesraum mit anderen Patienten. Leuchtet wohl auch jedem ein, wer möchte schon gerne frisch trocken geschleudert ein Gegenüber oder gleich einen ganzen Raum mit Alkoholgestank ertragen. Bis zum Abendbrot habe ich jedenfalls die 0,0 nicht mehr erreicht, womit ich denn erst am nächsten Tag unter die Truppe frisch trockengeschleuderter Menschen durfte.

Endlich Frühstück am nächsten Morgen, mit wem habe ich das Vergnügen diesmal? Diese Runde setzte auf eine feste Sitzordnung zu den Mahlzeiten, im Gegensatz zum letzten Mal, da war freie Platzwahl. So beschlagnahmte ich den freien Platz am Vierertisch mit Claudia zu meiner Linken, der aktuell einzigen Frau auf Station. Und, ich habe ihn aus optischen Gründen so genannt, Hr. von Bödefeldt zu meiner Rechten. Unser Tisch stand an der Wandseite des Raumes, wo sich unter anderem das Besteck und die Thermoskannen mit Heißwasser befanden.

Hr. v. Bödefeldt jedenfalls glänzte mit einer unmöglichen Art und Weise, mangelnder Körperpflege und der Ansicht, dass die Regeln einer solchen Gruppe nicht für ihn gelten. Ja, auch hier gibt es ungeschriebene Gesetze, ohne die ein Zusammensein frisch trocken gelegter relativ schwierig werden kann.

An dem Tisch schräg neben uns, an der Fensterseite, waren die Plätze belegt von: Matthias, einem recht ruhigen Vertreter; René, ein groß gebauter und trainierter Mensch, für den sich die meisten Verschwörungstheorien wie z.B. Chemtrails im Kopf zu barer Münze manifestiert haben; Roland, Kettenraucher und Spielsüchtiger neben dem Alkoholiker sein, dem Großteil seiner Zähne beraubt und Sascha kräftig gebaut, schwarz gekleidet, glattraiserter Kopf und eine auffällige Silberkette um den Hals tragend.

An dem Tisch in der Mitte saßen die älteren Semester, einer mit Rollator unterwegs und ein anderer am Stock, recht übergewichtig, Karl-Heinz. Neben den beiden eine schlacksige Gestalt vom Kiez namens Heinrich, eine abgehalfterte Lederjacke in beige, ungepflegt und geisteig nicht mehr auf der Höhe, was ihm in der Folge den ‘Hein-Blöd’ einbrachte.

Am hintersten Tisch fanden sich Stefan, ein zarter Riese mit einer ausgeprägten Fehlhaltung von Schulter, Arm und Kopf auf sowie sehr schlechten Zähnen und langsamer Aussprache sowie Denkprozessen zum Einschlafen. Daneben gab es noch „Mütze“, der es sich zur Lebensaufgabe machte, wirklich saublöde Sprüche trommelfeuerartig zu klopfen, welcher nur keiner lustig fand. Außer Stefan. So weit erst einmal das aktuelle Umfeld also. Dazu lief das für solche Stationen obligatorische Radio. Zu den Mahlzeiten wurde es, wie auch der Fernseher, abgeschaltet. Dies war für Neuankömmlige meist der einzige Kontakt zur Außenwelt. Was sich auf der Station selbst abspielte, dafür gab es den sogenannten Flurfunk. Am Schwesternzimmer vorbei gehend, schnappte man hier die Neuigkeiten auf, weil immer irgendwas grad gesprochen wurde. Oder man sah eben die Neuzugänge live. Was denn im Rahmen der stillen Post draus wurde, kann man sich denken.

Am Freitag wurde ich, wie in jeder Entgiftung irgendwie, zum stellvertretenden Gruppensprecher ernannt. Da der eigentliche Gruppensprecher von Freitag bis Sonntag mit sich selbst beschäftigt war und dieses Amt denn am Sonntag Abend bereits wieder niedergelegt hatte, hatte ich den ganzen Zirkus sowieso alleine an der Backe. Was macht ein Gruppensprecher, sein Stellvertreter oder beides in einer Person? In erster Linie der verlängerte Arm des Personals in Richtung Patienten; Dazu ein Auge auf Neuzugänge zu haben und Ansprechpartner für diese bei allen möglichen Belangen zu sein. Dinge ans Personal weiter geben, welche einfach an denen vorbei gehen. Und manchmal auch Samstags schnell noch bei Aldi 30 Eier einkaufen, wenn diese vergessen wurden - wer verzichtet schon gerne auf das Sonntags-Ei?

Herr von Bödefeldt jedenfalls eskalierte am Samstag Morgen, ein Brötchen wurde wütend platt gehauen und Unverständliches geschimpft. Nach dem Mittag begab sich dieser in sein Belastungs- Wochenende, das ist in den 16 Tagen Qualifizierter Entzug das zweite Wochenende, wo man fünfeinhalb Stunden dem Klinikum fernbleiben darf. Er verließ uns wohlgemerkt mit Koffer und per Taxi.

„Jeder ist für sein Tun und Unterlassen selbst verantwortlich.“

Das als solches muss nichts bedeuten. Evtl. auch schon einfach einen Teil der Klamotten nach Hause bringen, da der Entlassungstag in der kommenden Woche sein wird.

Besagter Patient war denn allerdings zum und nach dem Abendessen nicht zu sehen. Eine Nachfrage bei der Schwester ergab denn, dass dieser auch nicht wieder auftauchen wird. Es sollte allerdings nicht das letzte Mal sein, dass ich ihn sehe. Viele Mutmaßungen könnte man darüber nun anstellen - letztlich kann man das aber auch genau so gut sein lassen. Jeder ist für sein Tun und Unterlassen selbst verantwortlich.

Tags drauf setzte sich Claudia denn auf den frisch desinfizierten freien Platz.

Am Montag Vormittag waren für mich zwei Außentermine wahrzunehmen. Nach dem ich wieder auf Station war, gegen Nachmittag, durfte ich denn bei der Fr. Sander, der Sozialberaterin der Station, zum Gespräch - mit der Fragestellung, ob ich „gekifft“ hätte. Irgendwo zwischen einem erstaunten Gesichtsausdruck und aufgesetzten Lachen konnte ich beim besten Willen nicht verstehen, was diese Frage soll, schließlich lag mein letzter Joint mehr als 15 Jahre zurück. Hintergrund soll gewesen sein, dass es nach frisch weg gekifftem Gras gerochen haben soll, als ich vom Außentermin wieder auf Station kam. Zum anderen hätte das Stationspersonal ausgesagt, ich sähe müde aus.

Also, das ist zweifach bemerkenswert: Zum einen wird unterstellt, dass ich den Joint direkt vor der Tür entsorgt haben muss; Zum anderen ist ein müdes Aussehen nun Grund für die Annahme des Konsums? Habe zwar versucht, mich zu argumentieren - die Glaubwürdigkeit eines Suchtkranken ist aber in der Regel nicht besonders hoch. Also wurde schlussendlich eine Urinkontrolle angeordnet. Warum man dann erst fragt und rumbohrt, hat sich mir so nicht erschlossen. Wie erwartet verlief diese Kontrolle negativ, zur Absicherung aller somit.

Gegen Nachmittag gesellte sich Fiete mit an unseren Tisch, ein Neuzugang von Freitag, den ich bis dato gar nicht so recht wahrgenommen hatte. Claudia und Martin mochten ihn wohl und waren der Meinung, dass er gut zu unserem Tisch passen würde. Ein groß gewachsener Mensch mit breiter Statur; Unbeholfen und grobe Motorik, wenig rücksichtsvoll. Anfang 30, mit kindlicher Naivität und wenigstens ADHS, aber was bedeutet das schon. Psychische Begleiterscheinungen sind bei Abhängigen entweder der Nährboden, aus dem die Sucht entstand - oder sie sind durch den ständigen Substanzmißbrauch erst entstanden. Er hatte diesen Typ „Bauerntölpel“ an sich, wenig schmeichelhaft - aber das traf es ganz gut.

Claudia und ich gingen am frühen Abend spazieren. Man hat viel Zeit in einer Entgiftung, und wer im Stationsablauf unter den teils anstrengenden Mitpatienten nicht wahnsinnig werden möchte und dazu in der Lage ist, dreht draussen seine Runden. Sie erzählte mir, welche Geschichte hinter Sascha steht. Die äußere Erscheinung lässt sich noch ein wenig ergänzen:

Eine tragische Person, geistig stark unterentwickelt, oftmals mit wutverzerrter Miene vor seinem Laptop mit Kopfhöhrern auf, hörte man ihn raunen „Ich muss tööööten“. Weiter auffällig war, dass er gerne Barfuss in der Klinik unterwegs war und seine Schuhe unter dem Tisch stehen ließ.

„Die Klinik Alsterdorf arbeitet eng mit dem UKE zusammen.“

Das zum Eindruck, den man von ihm auf den ersten Blick hatte. Im Dunkeln wollte man ihm jedenfalls nicht so gerne alleine begegnen. Zu seiner Sucht hatte ein Trauma geführt: Er wurde von einer Gruppe Männern dazu eingeladen, unter welchen Umständen auch immer, mit denen zu Feiern an einem Wochenende. Alkohol und Drogen nicht abgeneigt, ließ er sich darauf ein. Ein Martyrium sollte folgen, aus den Feierkumpanen sollten seine Peiniger werden und mißbrauchten ihn stundenlang. Er