Digitale Gesundheit in Europa -  - E-Book

Digitale Gesundheit in Europa E-Book

0,0
24,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Digitalisierung, Gesundheit, Europa: Jedes dieser Themen hat für sich eine fundamentale Bedeutung für die Art, wie wir leben werden – und für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Die Autorinnen und Autoren dieses Buches verstehen die drei Themen als Einheit und erkunden eine Zukunft, die von weitreichenden Veränderungen geprägt sein wird: Wird sich die Gesundheitswirtschaft in Europa im Wettbewerb mit den USA und China behaupten können? Wie sieht eine europäisch gedachte Patientenversorgung aus? Gelingt es, Persönlichkeitsrechte, Datenschutz und -sicherheit sowie Zugang zum medizinischen Fortschritt in Form eines europäischen Daten- und Forschungsraums in Einklang zu bringen? Das Werk wirft den Blick hochaktuell und interdisziplinär von Deutschland nach Europa und zurück. Fundierte Expertenbeiträge informieren über neueste Entwicklungen und Rahmenbedingungen in Politik, Wirtschaft, Versorgung und Forschung. Best-Practice-Beispiele machen Mut: Patientinnen und Patienten in Deutschland und Europa profitieren von der Digitalisierung. Das Buch richtet sich an Entscheider und Gestalter im Gesundheitswesen, die die europäische Zukunft nachhaltig im Interesse der Patientinnen und Patienten gestalten wollen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 590

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jens Baas (Hrsg.)

Digitale Gesundheit in Europa

menschlich, vernetzt, nachhaltig

Mit einem Geleitwort von Jens Spahn

mit Beiträgen von

M. Augustin | J. Baas | T. Ballast | M. Baumann | J. Brehmer | A. Bucher | R. Busse | U. Bußhoff | D. Chytrek | G. Danner | J. Debatin | B. de Witte | S. Dramburg | C. Egan | R. Fritz | M. Goyen | A. Grimm | M. Härter | T.L. Hecke | D. Jaeger | S. Krolop | M. Krutzik | H. Lantzsch | H. Lehrach | M. Leyck Dieken | R. Linder | M. Lugan | G. Marx | P. Matricardi | D. Matusiewicz | A. Meusch | K. Neumann | L. Oschmann | C. Oswald | S. Ozegowski | D. Panteli | O. Pfaar | F.M.J. Pfister | A. Rath | C. Rodwell | A. Schellinger | M. Schlobohm | M. Schindel | M. Schössler | M. Schreiner | S. Schupfner | A. Seitz | S.C. Semler | M. Shamsrizi | V. Stephani | A. Struchholz | N. Synowietz | R. Thiel | A. Treszl | G. van Aalst | J. Wager | J.A. Werner | S. Wirth | B. Zernikow

Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

Der Herausgeber

Dr. Jens Baas

Techniker Krankenkasse

Bramfelder Straße 140

22305 Hamburg

MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG

Unterbaumstraße 4

10117 Berlin

www.mwv-berlin.de

ISBN 978-3-95466-561-7 (eBook: ePub)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Informationen sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin, 2020

Dieses Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten.

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Im vorliegenden Werk wird zur allgemeinen Bezeichnung von Personen nur die männliche Form verwendet, gemeint sind immer alle Geschlechter, sofern nicht gesondert angegeben. Sofern Beitragende in ihren Texten gendergerechte Formulierungen wünschen, übernehmen wir diese in den entsprechenden Beiträgen oder Werken.

Die Verfasser haben große Mühe darauf verwandt, die fachlichen Inhalte auf den Stand der Wissenschaft bei Drucklegung zu bringen. Dennoch sind Irrtümer oder Druckfehler nie auszuschließen. Der Verlag kann insbesondere bei medizinischen Beiträgen keine Gewähr übernehmen für Empfehlungen zum diagnostischen oder therapeutischen Vorgehen oder für Dosierungsanweisungen, Applikationsformen oder Ähnliches. Derartige Angaben müssen vom Leser im Einzelfall anhand der Produktinformation der jeweiligen Hersteller und anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden. Eventuelle Errata zum Download finden Sie jederzeit aktuell auf der Verlags-Website.

Produkt-/Projektmanagement: Bernadette Schultze-Jena, Berlin

Lektorat: Monika Laut-Zimmermann, Berlin

Layout, Satz, Herstellung: zweiband.media Agentur für Mediengestaltung und -produktion GmbH

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Zuschriften und Kritik an:

MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Unterbaumstr. 4, 10117 Berlin, [email protected]

Vorwort

Dieses Buch soll einen Beitrag dazu leisten, die Versorgung der Patienten zu verbessern. Denn das ist der Sinn der Digitalisierung im Gesundheitswesen – und die deutsche Ratspräsidentschaft in der Europäischen Union (EU) bietet die Chance, hier einen großen Schritt nach vorn zu gehen. Derzeit zeigt uns die Covid-19-Pandemie sehr deutlich, wie wichtig die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist. Sie verbessert ganz konkret die Versorgung, wenn es zum Beispiel um eine Übersicht der Auslastung von Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit geht. Andererseits stellen wir uns an vielen Stellen auch die Frage, warum bestimmte Dinge noch nicht digital möglich sind. Die Krise führt uns außerdem vor Augen, dass in einer vernetzten und globalen Welt ein einheitlich europäisches Denken und Handeln für alle von Vorteil ist.

Die EU hat mit der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) einen Rechtsrahmen gelegt, der jetzt für das Gesundheitswesen ausgestaltet werden kann und muss. Die Autorinnen und Autoren dieses Buches haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Themen Patientenversorgung und Digitalisierung mit Blick auf Europa zu durchdenken. Warum bin ich überzeugt, dass die Projekte, die in diesem Buch vorgestellt werden, die Versorgung nachhaltig verbessern werden? Durchbruchsinnovationen in der Medizin in Form von neuen bahnbrechenden Arzneimitteln oder neuen Behandlungsmethoden setzen heute die Auswertung großer Datenmengen und die intelligente Vernetzung von Informationen voraus. In der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts wird medizinischer Fortschritt durch geniale Forscher sowie durch kluge Nutzung der vorhandenen Daten bestimmt. Es ist eine große Herausforderung für Deutschland und Europa, hier nicht den Anschluss zu verlieren.

Die DSGVO ist nicht nur als Rechtsrahmen zu sehen, sondern auch als Werteentscheidung, wie wir in der Europäischen Union mit Daten umgehen. Es ist dabei die Aufgabe der Staaten der Union, deren Schutz und Sicherheit zu gewährleisten sowie zu regeln, wie Daten genutzt werden dürfen. Das gilt natürlich auch für Forschung mit Gesundheitsdaten. Diese Regulierung und Begrenzung der Datennutzung ist ein spezifisch europäischer Weg, den wir als Chance sehen sollten zwischen Chinas „Staatskapitalismus“ auf der einen und der kommerziell fokussierten US-amerikanischen Form des Kapitalismus auf der anderen Seite. Für Europa können wir derweil ein innovatives, freiheitliches und soziales Modell für das digitale Zeitalter entwickeln.

Das vorliegende Buch will eine Standortbestimmung zu Beginn der deutschen Ratspräsidentschaft in der EU sein. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sieht den Datenaustausch in der medizinischen Versorgung und Forschung als Schlüssel zu einer modernen, an den Bedürfnissen des einzelnen Patienten ausgerichteten Versorgung und möchte die Ratspräsidentschaft nutzen, um hier Fortschritte zu erzielen. Er kann dabei auf einer Vielzahl von Aktivitäten aufbauen, von denen einige in diesem Buch vorgestellt werden. Die Bandbreite der vorgestellten Projekte zeigt, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen in Europa bereits zahlreiche Wurzeln geschlagen hat. Es bleibt aber noch viel zu tun, um die Versorgung der Menschen zu verbessern und die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu sichern. Die Autorinnen und Autoren des Buches zeigen mit ihren Initiativen, dass es trotz aller Hürden Anlass gibt, mit Zuversicht auf Europa und in die Zukunft zu schauen.

Die Autorinnen und Autoren vertreten durchaus unterschiedliche Positionen zu einzelnen Themen und haben auch nicht auf alle Fragen eine Antwort. Die Vordenkerinnen und Vordenker, die wir für dieses Buch gewinnen konnten, zeigen aber eine gemeinsame Richtung auf: Sie sind getrieben von dem Bedürfnis, einen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit unseres Gesundheitswesens in Europa zu leisten. Wir wünschen uns, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, Impulse erhalten und Freude bei der Lektüre haben.

Dr. Jens BaasBerlin im Juni 2020

Geleitwort

Wir stehen an einer Zeitenwende. Digitale Lösungen verändern unser Leben – von der einfachen Smartphone-App, mit der wir unser Konto verwalten, bis hin zu hochkomplexen Anwendungen wie Präzisionsmedizin oder autonomes Fahren. So macht die Digitalisierung vieles leichter. Aber sie bereitet manchen von uns auch Sorgen: Sorgen um unsere Jobs. Um unsere Art zu leben. Sorgen um unsere Daten. Ganz besonders, wenn es um etwas so Persönliches geht wie Gesundheitsdaten.

Was also können wir tun? Einfach abwarten ist keine Option. Denn die Digitalisierung schafft die Grundlage für eine bessere Diagnostik und eine bessere Behandlung. Sie eröffnet sogar die Möglichkeit der Heilung von heute noch unheilbaren Krankheiten. Darum sind wir verpflichtet, den Weg für eine Zukunftsmedizin in Deutschland zu bereiten. Tun wir das nicht, tun es andere: Großkonzerne aus den USA etwa oder Staatskonzerne aus China. Das können wir nicht wollen. Wir müssen diese Veränderung annehmen, die Chancen sehen und selber gestalten.

Eine der größten Chancen liegt in der klugen Nutzung von Daten – nicht nur hier in Deutschland, sondern europaweit. Nehmen wir das Beispiel seltener Erkrankungen: Weil sie so selten vorkommen, sind sie für Ärzte oft schwer zu erkennen. Insgesamt gibt es aber immerhin vier Millionen Menschen in Deutschland mit einer seltenen Erkrankung. Europaweit sind es 30 Millionen. Darum tauschen sich spezialisierte Zentren für seltene Erkrankungen miteinander aus. Sie vernetzen sich, gleichen Symptome ab und kommen so viel schneller zur richtigen Diagnose als dies ein einzelner Arzt könnte.

Noch sind die Hürden für einen solchen europaweiten Datenaustausch hoch. Jeder EU-Bürger kann sich frei innerhalb der Europäischen Union bewegen. Daten können es bislang nicht. Deutschland wird sich dafür einsetzen, dass sich das ändert. Gemeinsam mit den anderen EU-Staaten wollen wir eine Kultur der gemeinsamen Datennutzung etablieren. Eine Kultur, die eine Zusammenarbeit über Sektorengrenzen und Landesgrenzen hinweg ermöglicht.

Im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft werden wir einen „Code of Conduct“ erarbeiten, der die grenzüberschreitende Nutzung von Gesundheitsdaten erleichtert. Wir wollen ein gemeinsames Verständnis darüber entwickeln, wie wir Daten für die Versorgung und Forschung in Europa künftig zugänglich machen. Und wie ein sinnvoller Rechtsrahmen dafür aussehen kann, der allen Beteiligten die nötige Sicherheit gibt und die Daten von Patientinnen und Patienten schützt.

Datenaustausch in der medizinischen Versorgung und Forschung ist ein Schlüssel zu einer modernen, an den Bedürfnissen des einzelnen Patienten ausgerichteten Versorgung. Sei es im Bereich der seltenen Erkrankungen, der Krebsforschung oder der personalisierten Medizin. Hinzu kommt: Nur wenn wir Daten innerhalb Europas besser zugänglich machen, bündeln wir unsere Kräfte und bleiben wettbewerbsfähig. So kann es uns gelingen, einen eignen, europäischen Weg zu entwickeln, der unseren rechtlichen und ethischen Vorstellungen entspricht.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Medizin vor großen Veränderungen steht. Die Erfindung des Stethoskops, die Einführung von Impfungen oder die Entwicklung des Röntgenapparats bedeuteten zu ihrer Zeit Quantensprünge. Damals haben wir die Chancen genutzt. Jetzt tun wir es wieder. Wir nehmen die digitale Transformation selbst in die Hand und kreieren ein modernes, am Patienten orientiertes Gesundheitswesen in Deutschland. Und wir setzen uns ein für eine solidarische und hochwertige Gesundheitsversorgung, die allen Europäerinnen und Europäern zugutekommt.

Jens SpahnBerlin im Januar 2020

Inhalt

IWie digitale Technik den Patienten in Europa nutzt

1Blockchain-Technologie für eine europäische und patientenzentrische GesundheitsversorgungSebastian Krolop

2Plattformen als Katalysatoren der Digitalisierung und Innovation in der KrankenversicherungRonald Fritz

3Digitalisierung der Medizintechnik zur Verbesserung der Patientenversorgung in der EUMathias Goyen

4Die Rolle der MDR im Marktzugang von digitalen Gesundheitsanwendungen in DeutschlandMeinrad Lugan

5Konzeptionelle Überlegungen zur Nutzenbewertung von digitalen Gesundheitsanwendungen in Deutschland und Ansätze aus Großbritannien und FrankreichHendrikje Lantzsch, Victor Stephani, Laura Oschmann, Dimitra Panteli und Reinhard Busse

6Die zweite Quantenrevolution – Wie(so) für Medizin und Gesundheitspolitik das größte Potenzial im Allerkleinsten zu finden istManouchehr Shamsrizi und Markus Krutzik

7KI-Plattformen als neue Marktgestalter – Eine Herausforderung für Europas Gesundheitspolitik im „Jahrzehnt der Veränderung“Martin Schössler

8Open-Data- und Open-AI-Ansätze im Gesundheitswesen in EuropaDavid Matusiewicz und Bart de Witte

9Advanced Analytics bei der TK – Möglichkeiten. Grenzen. Perspektiven.Torsten Lothar Hecke, Roland Linder, Sebastian Schupfner und András Treszl

10Zwischen Himmelfahrt und Höllensturz – Wie Künstliche Intelligenz das System auf den Kopf stelltAlexander Schellinger und Franz M.J. Pfister

11Semantische Interoperabilität für digitale Gesundheitsprodukte auf europäischer Ebene: Was Deutschland von anderen Ländern lernen kannRainer Thiel

12Der European Health Data Space und Forschung mit KI: Voraussetzungen und PerspektivenSebastian Claudius Semler

IIWie digitale Medizin den Patienten in Europa nutzt

1Forschen für ein Leben ohne KrebsInterview mit Michael Baumann

2Digitale psychische Gesundheit: Chancen und Herausforderungen in Deutschland und EuropaAndreas Meusch und Martin Härter

3Wie das Smart Hospital die Digitalisierung vorantreibt – In Deutschland und EuropaJochen A. Werner und Achim Struchholz

4Die digitale Medizin und ihre Bedeutung für die Patientenversorgung in Deutschland und EuropaGünter van Aalst und Gernot Marx

5Dermatologie auf europäischer Ebene – Initiativen und Impulse für die Versorgung in DeutschlandMatthias Augustin

6Digitale Allergologie auf europäischer Ebene – Innovationen, Forschung und Impulse aus und für DeutschlandStephanie Dramburg, Paolo Matricardi und Oliver Pfaar

7Das Deutsche Kinderschmerzzentrum und das Kinderpalliativzentrum Datteln – Digitale Projekte für ganz seltene und ganz häufige Erkrankungen im Kindes- und JugendalterBoris Zernikow und Julia Wager

8Vom Humangenomprojekt zur individualisierten Medizin der ZukunftHans Lehrach

9Orphanet: Kooperationsperspektiven innerhalb der EU und die Vorteile für Patienten mit Seltenen KrankheitenAna Rath und Charlotte Rodwell

IIIWie die Digitalisierung des Gesundheitssystems den Patienten in Europa nutzt

1Die Skalierbarkeit digitaler Gesundheitsanwendungen am Beispiel elektronischer Patientenakten – Welche Voraussetzungen sind dafür erforderlich?Thomas Ballast und Günter Danner

2Wir brauchen in Europa für den Umgang mit Daten eigene Regeln, die unseren Werten entsprechenInterview mit Jörg Debatin

3E-Health-Konzepte für Deutschland: National organisieren, international funktionierenMarkus Leyck Dieken

4Eine neue Ära für Gesundheitsdienstleistungen in EuropaAnne Bucher

5Eine digitale Zukunft – Gesundheitsdaten im Europäischen ForschungsraumUlrike Bußhoff, Andrea Grimm und Marina Schindel

6Bedeutung der EU bei der Digitalisierung der deutschen KrankenhäuserMarc Schreiner

7Digitalisierung. Gesundheit. Europa. Herausforderungen für die GesundheitswirtschaftDominique Jaeger

8Digitale Gesundheit in Europa: Vier Schritte zum ErfolgKarsten Neumann

9Patientennutzen und Datenschutz: Europas Weg, beides miteinander zu verbindenMarkus Schlobohm

10Lessons Learned about Digital Health: Was kann Deutschland von seinen europäischen Nachbarn lernen?Christiane Egan und Susanne Ozegowski

11Eintrittsmöglichkeiten chinesischer Tech-Unternehmen in den deutschen GesundheitsmarktJoachim Brehmer, Christiane Oswald, Anke Seitz und Niklas Synowietz

12Zeit zum Handeln – Europas Weg in die digitale ZukunftJens Baas und Dennis Chytrek

I

Wie digitale Technik den Patienten in Europa nutzt

 

1

Blockchain-Technologie für eine europäische und patientenzentrische Gesundheitsversorgung

Sebastian Krolop

Der Begriff „Blockchain“ setzt sich aus den Teilen Block („block“) und Kette („chain“) zusammen. Was aber hat es mit einer solchen Block- bzw. Datenkette im Zusammenhang mit Big Data und Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen auf sich? Und inwiefern kann sie Gesundheitssystemen in Europa helfen, Vertrauen in digitale Gesundheitsdaten aufzubauen beziehungsweise zu stärken? Dies ist notwendig, um eine zeitgemäßere und zugleich verbesserte Gesundheitsversorgung auf den Weg zu bringen. Die Schaffung eines solchen Vertrauens ist eng mit Datensicherheit, Schutz der Privatsphäre und Interoperabilität verbunden, die wiederum intrinsisch in der Architektur der Blockchain angelegt sind.

1.1Vertrauen durch Transparenz: Grundprinzipien der Blockchain

Bei einer Blockchain handelt es sich um ein dezentrales System zur Erfassung und Speicherung von Transaktionsdatensätzen. In jedem digitalen Block einer Blockchain wird jeweils mindestens eine Transaktion zusammengefasst und die Datenblöcke werden über die Zeit fortgeschrieben. Die einzelnen Blöcke werden mithilfe kryptografischer Verfahren aneinander gekettet. Jedes Mitglied eines dezentralen Netzwerkes hat eine vollständige Kopie der kompletten Blockchain auf seinem Computer (auch als „node“ bezeichnet) und dieser prüft in bestimmten Zeitabständen, ob diese noch intakt ist. Die Blockchain bedient sich der sogenannten „Distributed Ledger Technology“ (DLT), wörtlich „verteiltes Kontobuch“, also einem öffentlichen, dezentral geführten Kontobuch.

1.1.1Keine Datenmanipulation

De facto werden die Daten einer Blockchain auf Millionen von Computern gleichzeitig gespeichert und jeder Internetnutzer kann darauf zugreifen. Die Nachvollziehbarkeit der Daten einer Blockchain ist im gesamten Netzwerk verankert: Die Daten sind von vornherein öffentlich und alle Datenblöcke überwachen sich gegenseitig. Diese Kontrolle erzeugt Vertrauen. Es ist deshalb nicht erforderlich, dass ein dezidiertes Vertrauensverhältnis zwischen den einzelnen Parteien eines Netzwerkes besteht, sie müssen sich nicht einmal kennen.

Diese Architektur der Blockchain impliziert, dass es keine zentralisierte Version der Transaktionsdatensätze gibt, die ein Hacker manipulieren könnte. Zum Ändern eines Blocks müsste nämlich das gesamte Netzwerk überschrieben werden und dazu ist eine enorme Menge an Rechenleistung erforderlich. Dies ist zwar theoretisch möglich, jedoch in der Praxis unwahrscheinlich, sodass die einzelnen Datenblöcke als unveränderbar angesehen werden.

Um zu gewährleisten, dass die Datensätze jedes Blocks unterhalb der Netzwerkteilnehmer identisch sind, werden neue Blöcke mittels eines auf Algorithmen beruhenden Konsensverfahrens erstellt und anschließend an die bestehende Blockchain angefügt. Beispiele solcher Konsensverfahren sind (HIMSS 2019a):

Proof of Work (PoW) (von Bitcoin verwendet),

Proof of Stake,

Simplified Byzantine Fault Tolerance und

Practical Byzantine Fault Tolerance.

Durch die aufeinander aufbauende Speicherung von Daten in einer Blockchain können diese nicht nachträglich geändert werden, ohne die Integrität des Gesamtsystems zu beschädigen. Hierdurch wird die Manipulation von Daten erheblich erschwert. Der dezentrale Konsensmechanismus ersetzt die Notwendigkeit einer vertrauenswürdigen dritten Instanz zur Integritätsbestätigung von Transaktionen (Fromm u. Weber 2016).

Jeder Netzwerkteilnehmer einer Blockchain verfügt über einen geheimen privaten sowie einen öffentlichen Zugangsschlüssel. Dieses Schlüsselpaar ist kryptografisch miteinander verbunden und eine vollständige Entschlüsselung ist nur dann möglich, wenn der private Schlüssel gemeinsam mit dem öffentlichen benutzt wird.

Die Verwendung einer Blockchain eignet sich insbesondere dann, wenn eine der folgenden Bedingungen vorliegt:

Mehrere Personen generieren Transaktionen, die in geteilter Verantwortung Daten verändern.

Parteien müssen darauf vertrauen, dass Transaktionen korrekt sind.

Einzelne Akteure zusammen sind nicht effizienter und/oder ihnen wird als Netzwerkteilnehmer nicht vertraut.

Die Notwendigkeit erhöhter Sicherheit, um Daten- und Systemintegrität sicherzustellen, liegt vor.

1.1.2Speichern von Informationen: „On-Chain“ oder „Off-Chain“?

Je nach Art und Weise, wie Daten in der Blockchain gespeichert werden, unterscheidet man zwischen „On-Chain“ und „Off-Chain“.

„Off-Chain“ bedeutet, dass Daten außerhalb der Blockchain, z.B. in einer relationalen Datenbank, gespeichert werden. Dies geschieht über das Speichern von verschlüsselten Links auf der Blockchain, die als Pointer für Informationen dienen, die in separaten Datenbanken abgelegt werden. Diese Links werden dann aktiviert, wenn ein User mit dem korrekten privaten Zugangsschlüssel auf den Block zugreift und dem verschlüsselten Link zum separaten Speicherort der gewünschten Information folgt. Die Blockchain kann auch zur Identifizierung und Zugriffskontrolle verwendet werden, d.h. als Mechanismus zur Kontrolle der Zugriffsrechte auf die außerhalb der Kette gespeicherten Daten.

„On-Chain“ dagegen besagt, dass Informationen direkt in der Blockchain gespeichert und dadurch vollständig durch die Eigenschaften der Blockchain gesichert werden. Die Informationen sind sofort für diejenigen sichtbar, die über eine Zugriffserlaubnis verfügen. Handelt es sich aber um große Datenmengen, so verlangsamt deren Speicherung die Verarbeitungsgeschwindigkeit der Blöcke und kann Schwierigkeiten bei der Skalierung des Systems erzeugen (HIMSS 2019b).

1.1.3Implementierung von Blockchain: Privat versus öffentlich

Man kann zwischen einer öffentlichen und einer privaten – auch als Konsortium bezeichnet – Blockchain unterscheiden.

Öffentliche Blockchains („public“) auch genehmigungsfreie genannt, sind Netzwerke, an denen jeder teilnehmen kann, wie beispielsweise die Bitcoin Blockchain oder das Ethereum-Netzwerk. Sie zeichnen sich durch Interoperabilität, hohe Sicherheit und Zugriff auf eine größere, dezentrale Rechenleistung zur Transaktionsverifizierung aus. Die Mitglieder einer öffentlichen Blockchain sind anonym und vertrauen auf die Authentizität der Daten, müssen aber nicht über die Transaktionen in der Blockkette hinaus Daten austauschen (HIMSS 2019c).

Bei einer privaten Blockchain oder auch bei einem sogenannten Peer-to-Peer-Netzwerk wählt eine zentrale Instanz die Teilnehmer aus, wie beispielsweise das R3 Konsortium im Finanzsektor. Aus diesem Grund können diese Netzwerke eine statistisch höhere Sicherheit bieten, aber weisen aufgrund reduzierter Rechenkapazitäten weniger Datendurchsatz auf. Die zentrale Instanz in einem privaten Netzwerk stellt auch die Benutzerauthentifizierung sowie das Identitätsmanagement bereit.

Gleichgültig jedoch, ob es sich um eine öffentliche oder private Blockchain handelt, erfordert ihre Implementierung ein Plattformkonzept, das die Auswahl eines Blockchain-Protokolls und der zugrunde liegenden Technologie beschreibt. Das Protokoll ist wichtig, da es die Bandbreite potenzieller Anwendungen sowie die Zahl der Mitglieder eines Netzwerkes beeinflusst. Etablierte Protokolle sind beispielsweise Etherum und Hyperledger.

Etherum, ein Protokoll, das sich sowohl für eine öffentliche als auch eine private Blockchain eignet, erlaubt, dezentralisierte Applikationen auf der Blockchain-Architektur aufzusetzen.

Hyperledger ist ein Open-Source-Projekt der Linux Foundation, das eine Plattform für unternehmensbasierte Blockchain-Lösungen und andere Standards schaffen möchte (Deloitte 2016).

1.1.4Beschränkungen der Blockchain

Blockchain-Systeme sind dafür konzipiert, Transaktionsdaten zu speichern und sie innerhalb eines Netzwerks, in dem Transparenz und Datenschutz essenziell sind, unterhalb der Netzwerkteilnehmer zu teilen. Zwar hat Blockchain das Potenzial, Interoperabilität, Sicherheit und Datenschutz zu verbessern, aber sie stellt keinen Ersatz für gewöhnliche Datenbanken dar. Außerdem ist sie nicht für große Datenmengen konzipiert, da die Speicherung von großen Dateien die Verarbeitungsgeschwindigkeit der Blöcke verlangsamt und möglicherweise die Skalierung des Systems behindert (Deloitte 2016). Weitere Defizite der Blockchain sind, dass sie einen hohen Programmieraufwand erfordert und aufgrund des u.U. großen Rechenaufwands, hohe Stromkosten anfallen. Hinzukommt, dass die Kosten für den Betrieb einer Blockchain bislang nicht vollumfänglich bekannt sind.

In Deutschland könnten insbesondere die offenen Fragen zum Datenschutz zu Verzögerungen beim Einsatz der Blockchain-Technologie führen. Es besteht u.a. Klärungsbedarf, ob das in der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) verbriefte Recht von Betroffenen, ihre gespeicherten Daten korrigieren oder löschen zu lassen, mit der Nichtveränderbarkeit der Blockchain, die nachträgliche Veränderungen grundsätzlich ausschließt, kollidiert. Außerdem konfligiert der Grundsatz der Speicherbegrenzung mit dem Prinzip der Blockchain, alle Transaktionen zeitlich uneingeschränkt nachvollziehen zu können. „Wir brauchen dringend Klarheit beim Einsatz der Blockchain in Deutschland. Eine klärende Stellungnahme der Datenschutzbehörden zu den vielen offenen Fragen wäre schon ein großer Schritt in Richtung Rechtssicherheit“, stellt Patrick Hansen, Bereichsleiter Blockchain bei Bitkom klar (Bitkom 2020).

1.1.5Anfänge der Blockchain: Satoshi Nakamatou und Bitcoin

Die Blockchain in Form eines verteilten Datenbankmanagementsystems geht auf den Artikel „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“, der im Jahr 2008 von Satoshi Nakamoto verfasst wurde zurück. Im Folgejahr, 2009, wurde die Kryptowährung Bitcoin eingeführt und Nakamoto veröffentlichte den ihr zugrunde liegenden Quellcode. Anfänglich wurde der Bitcoin nicht viel Beachtung geschenkt, das änderte sich jedoch, als im Jahr 2013 Start-ups begannen, sich für die Nutzung der Plattform zu interessieren und es schafften, erhebliche Finanzierungsmittel einzutreiben. Gleichzeitig fingen soziale Medien an, dieser bis dato eher obskuren Technologie Aufmerksamkeit zu schenken. Damit war der Grundstein für die Popularität des Währungsphänomens Bitcoin und der ihm zugrunde liegenden DLT-Architektur gelegt (Pelz-Sharpe 2019).

1.1.6Weiterentwicklungen der Blockchain

Die DLT-Architektur erzeugte große Aufmerksamkeit. Vitalik Buterin, damals noch Student in Kanada, setzte sich intensiv mit ihr auseinander. Er machte sich daran, eine alternative Blockchain mit einem weiterreichenden Potenzial als die der damaligen Blockchain der Kryptowährung Bitcoin zu entwickeln. Dadurch wollte er zu einer breiteren Nutzung der Blockchain beitragen.

Buterin wählte einen Plattformansatz und entwickelte die Kryptowährung Ether und das Konzept der „Smart Contracts“, welche automatisierte Aktionen bei erfolgten Transaktionen innerhalb von Ether ermöglichen sollten. Dabei handelt es sich bei einem Smart Contract um einen Computercode, der in einer Blockchain die Bedingungen einer Vereinbarung zwischen zwei Parteien definiert. Die Transaktion wird überprüft und nur dann ausgeführt, wenn die vorher festgelegten Bedingungen erfüllt sind. All dies geschieht in einer transparenten Art und Weise und ohne Vermittler, was Kosten und Zeit spart. Da ein solcher Vertrag auf einer Blockchain gespeichert wird, ist er automatisch nachverfolgbar, unveränderlich und aufgrund der dezentralen Speicherung sicher. Dies schließt die Möglichkeit einer Vertragsänderung aus und erzeugt Vertrauen (HIMSS 2019d).

Seither haben die Aktivitäten im Umfeld der Blockchain stark zugenommen. Sie sind schon lange mehr als nur Plattformen für Kryptowährungen. Die Vorteile eines verteilten Netzwerks des Vertrauens sowie unveränderlicher Daten eröffnen ungeahnte Möglichkeiten auf vielen Sektoren – auch im Gesundheitswesen.

1.2Potenzial der Blockchain im Gesundheitswesen

Das Gesundheitswesens ist immer noch davon geprägt, dass die Patientenversorgung an verschiedenen Orten stattfindet und die jeweils dort erzeugten Gesundheitsdaten – von Texten bis hin zu medizinischen Bildbefunden und numerischen Ergebnissen – in unterschiedlichen Formaten aufgezeichnet und nicht zentral vorgehalten werden. Die der Blockchain unterliegende Distributed-Leger-Technologie verspricht, dass sie das Potenzial hat, die Mauern zwischen den existierenden Datensilos zu durchbrechen, die Nachrichtenprotokolle zu standardisieren, die Identitäten von Patienten und Ärzten zu verwalten und einen manipulationssicheren, fortwährenden Prüfungsbericht bereitzustellen. Somit eignet sich die Blockchain, die gesetzlichen Erfordernisse bezüglich des Zugriffs auf diese sensiblen persönlichen Daten zu gewährleisten (Learney 2017). Zudem könnte der von Blockchain unterstützte Austausch von Patientendaten dazu führen, die Kosten, der am Datenaustausch teilnehmenden Gesundheitsinstitutionen radikal zu senken (Deloitte 2016).

Vornehmlich gibt es zwei Kategorien der Umsetzung von Blockchain:

Authentifizierung von Informationen: Digitale Identitäten, genetische Daten oder Medikationshistorien von Patienten können sicher gespeichert und bei Bedarf verifiziert werden.

Datenübertragung: z.B. zum Ausstellen fälschungs- und missbrauchssicherer e-Rezepte (Deloitte 2016).

Tab. 1Potenzial der Blockchain bei der Integration von Gesundheitsdaten (Krolop 2016)

Gegenwärtige Defizite beim Datenaustausch

Potenzial der Blockchain

Aufbau eines Netzwerkes zum vertrauensvollen Datenaustausch ist von den Teilnehmern abhängig. Sie müssen eine sichere Punkt-zu-Punkt-Verbindung aufbauen und eine Liste der zu transferierenden Daten erstellen.

Distributed-Ledger-Technologie garantiert einen sicheren Datenaustausch, es besteht keine Notwendigkeit einer Punkt-zu-Punkt-Verbindung.

Kosten pro Transaktion steigen bei niedrigem Transaktionsvolumen und senken dadurch das Kosten-Nutzen-Verhältnis.

Höhere Effizienz durch reduzierte Transaktionskosten aufgrund der geringen Anzahl beteiligter IT-Systeme sowie einer Verarbeitung in nahezu Echtzeit.

Erfordernis eines Masterpatient-Indexes erwächst aus der Notwendigkeit, viele Patienten IDs zwischen Systemen zu synchronisieren.

Dies führt dann zu Datenschutzproblemen, wenn die ID einem Patienten unverschlüsselt und öffentlich zugeteilt wird.

Dezentraler Rahmen für digitale Patientenidentitäten sichert Patientendaten kryptografisch mit privaten und öffentlichen Schlüsseln.

Unterschiedliche Datenstandards behindern Interoperabilität.

Geteilte Daten forcieren Standardisierung.

Limitierter Zugriff auf Gesundheitsdaten einer Population, da sich die Netzwerkteilnehmer auf eine limitierte Anzahl von regionalen Gesundheitseinrichtungen beschränken.

Dezentraler und sicherer Datenzugriff kann effizienter und leichter für eine Großzahl von Akteuren umgesetzt werden. Netzwerke können signifikant größer werden als bisher und auch neue Akteure einfacher integrieren.

Die Blockchain adressiert viele Defizite im Zusammenhang mit der Integration von Gesundheitsdaten (s. Tab. 1).

1.2.1Gesundheitsbranche wird von Blockchain profitieren

Aber trotz des großen Potenzials, das die Blockchain im Gesundheitswesen hat, ist deren Einsatz momentan in Europa, als auch in der näheren Zukunft, nur sehr begrenzt. So zumindest die Ergebnisse einer Studie der Health Information Management Systems Society (HIMSS):

HIMSS-Umfrage „Blockchain Technology in Healthcare“

Die HIMSS-Umfrage „Blockchain technology in healthcare“ (HIMSS Analytics 2019a) wurde im 1. Quartal 2019 unter mehr als 360 eHealth-Experten verschiedener europäischer Länder durchgeführt. Ergebnis war u.a., dass sich die Blockchain noch in einem frühen Entwicklungsstadium befindet und bislang noch nicht viel Bodenhaftung im Gesundheitswesen gewonnen hat. In dem Maße jedoch, in dem Gesundheitsinstitutionen und -behörden, Beratungsunternehmen sowie Softwareanbieter daran arbeiten, einen sicheren Austausch von Gesundheitsdaten auf Grundlage innovativer Geschäftsmodelle voranzutreiben, wird auch das Blockchain-Konzept auf mehr Resonanz stoßen, findet die Studie.

Einundsiebzig Prozent der Befragten gaben an, zumindest etwas mit der Blockchain-Technologie vertraut zu sein. Jedoch war es für sie nicht eindeutig ersichtlich, wie sie im Gesundheitswesen eingesetzt werden kann. Die Studienteilnehmer mutmaßten, dass Blockchain insbesondere Innovationen sowie der datengesteuerten Entscheidungsfindung dienlich sein werde, weniger aber einer patientenzentrierten Versorgung. Die meisten waren sich einig, dass die Gesundheitsbranche von der Nutzung von Blockchain profitieren kann – insbesondere zur Verbesserung des Datenaustauschs auf einem höheren Sicherheitsniveau zwischen existierenden und neuen Interessengruppen. Die Befragten fanden es aber schwierig, eindeutige Anwendungsfälle der Blockchain zu identifizieren, die einen wirklichen Mehrwert versprechen.

Der eigentliche Einsatz von Blockchain im Gesundheitssektor in Europa ist bislang verschwindend gering: Auf die Frage nach dem Einsatz von Blockchain antworteten lediglich drei Prozent der befragten Gesundheitsorganisationen, dass sie diese bereits einsetzen, 14 Prozent gaben an, dies zu planen und weitere 55 Prozent erklärten, keine Blockchain zu verwenden. Eine weitere Umfrage der HIMSS (HIMSS Analytics 2019b) ergab, dass nur wenige mit einem umfangreichen Einsatz der Blockchain-Technologie im Gesundheitswesen rechnen: Lediglich drei Prozent der Befragten sehen Blockchain als einen der großen Trends im eHealth-Bereich in den nächsten zwei bis drei Jahren.

1.2.2Blockchain als Enabler

Obwohl die Studienteilnehmer keinen einzigen herausragenden Anwendungsfall für Blockchain nennen konnten, kristallisierte sich heraus, dass es bei der Blockchain-Technologie nicht nur darum geht, ein isoliertes Versorgungsproblem mit einer neuartigen Technologie zu beheben, sondern dass sie möglicherweise auf diversen Gebieten für viele Zwecke und im Zusammenspiel mit bereits existierenden Arbeitsabläufen und Werkzeugen eingesetzt werden kann. Ihre Verwendung im Gesundheitswesen sei eher nicht als ein neuer Datenaustauschstandard (z.B. FHIR) oder eine Speicherlösung (z.B. VNA) zu sehen, sondern tendenziell mehr wie eine Technik, die neue Geschäftsabläufe unterstütze und traditionelle verändere, wie beispielsweise Mobiltechnologie oder Cloud-Computing (HIMSS Analytics 2019a).

1.2.3Anwendungen der Blockchain

Insbesondere erhoffen sich 15 Prozent der Teilnehmer, dass Blockchain durch die Bereitstellung eines dezentralisierten Rahmenwerks für digitale Patientenidentitäten helfen wird, Patientendaten zu schützen und 13 Prozent denken, dass die kryptografischen Funktionen einen sicheren Datenaustausch ermöglichen. Jeweils 12 Prozent der Befragten gaben an, dass Blockchain mittels einer dezentralisierten und gesicherten Struktur neue Zugangspunkte für Gesundheitsdaten bereitstelle und den Datentransfer zwischen den an der Versorgung Beteiligten durch die Nutzung geteilter Daten beschleunige. Wiederum 11 Prozent denken, dass Blockchain die Sicherheit unter den traditionellen Systemen dadurch erhöht, dass sie sie vernetzt. Allerdings wird nicht erwartet, dass Blockchain die Datentransaktionskosten im Gesundheitswesen verringern wird – nur 6 Prozent der Befragten gaben dies an (HIMSS Analytics 2019a, s. Tab. 2).

Tab. 2Die wichtigsten Anwendungsfälle der Blockchain im Gesundheitswesen (HIMSS Analytics 2019a)

1.2.4Hindernisse bei der Verbreitung der Blockchain im Gesundheitswesen

Als die größten Hindernisse zu einer breiteren Nutzung der Blockchain identifizierte die HIMSS-Studie die folgenden (HIMSS Analytics 2019a):

Mangel an internen Fähigkeiten und Kenntnissen (20 Prozent der Befragten)

unzureichende Produktreife der derzeit verfügbaren Lösungen, die auch als noch unzureichend erprobt angesehen werden (17 Prozent)

ungeklärte regulatorische und auf die DSGVO bezogene Fragen (17 Prozent)

Bedenken hinsichtlich der Interoperabilität von Blockchain mit vorhandener Soft- und Hardware (10 Prozent)

unsichere Kapitalrendite (7 Prozent)

mangelndes Vertrauen des medizinischen Personals in die Blockchain (6 Prozent)

1.3Blockchain als Öl im Motor der europäischen Gesundheitswirtschaft

Blockchain ist eine relativ neue Technologie, die noch in den Kinderschuhen steckt. Obwohl sie anfänglich mit etlichen Nachteilen behaftet war, sind diese durch die neueren Entwicklungen größtenteils aufgehoben worden, sodass die HIMSS im Gesundheitswesen ein sehr großes Potenzial für die weiterentwickelte Blockchain 2.0 sieht. Denkbare Anwendungsfälle wären beispielsweise das Nachverfolgen von Implantaten (z.B. Herzschrittmachern, künstlichen Hüft- oder Kniegelenken), das Nachvollziehen der Zuliefererkette von Pharmazeutika oder eine autonome Nachbestellung von Materialien.

Die der Blockchain zugrunde liegende dezentrale Distributed-Ledger-Technologie ermöglicht, was das Internetprotokoll nicht erreicht hat: Datensicherheit. Die mit digitalen Gesundheitsdaten verbundene Unsicherheit resultierte bislang in einer Skepsis gegenüber dem mit Gesundheitsdaten realisierbaren Mehrwert und letztlich in einer geringen Akzeptanz der digitalen Transformation. Dies ist insbesondere in Deutschland der Fall, wo sich die Verwendung digitaler Gesundheitsdaten bis dato nicht großflächig durchgesetzt hat, auch wenn es vielversprechende Initiativen, beispielsweise die Medizininformatik-Initiative (MII) der Bundesregierung, gibt.

Kein Land ist in Bezug auf Gesundheitsdaten auf die Blockchain vorbereitet: Estland, Litauen, Singapur, Dänemark und Lettland gelten als Vorreiter auf diesem Gebiet, aber diese Länder zeichnen sich alle durch eine relativ geringe Bevölkerungszahl aus und sind vergleichsweise fortschrittlich in Bezug auf ihre Einstellung zu und Implementierung von zentralen Technologien.

Dabei ist die Blockchain-Technologie so neu, dass bisher keine nationalen, auf Blockchain beruhenden Systeme, sondern nur vereinzelte Insellösungen existieren.

Voraussetzungen zum Einsatz der Blockchain sind einerseits eine große Menge an Daten sowie andererseits die Fähigkeit, diese gut miteinander verknüpfen zu können – also Interoperabilität – sowie Vertrauen in digitale Lösungen. In Deutschland hapert es jedoch sowohl an der Interoperabilität, oft sprechen die IT-Systeme im Gesundheitswesen nicht miteinander, als auch am Vertrauen in den sicheren Umgang mit Gesundheitsdaten. Erschwerend kommen in Deutschland die Parzellierung des Gesundheitswesens in ambulante und stationäre Versorgung mitsamt der damit einhergehenden Sektorengrenze sowie das Fehlen von Gesundheitslotsen, die die Patientenreise koordinieren, hinzu. In Großbritannien, beispielsweise, üben Hausärzten diese Rolle aus. Das Fehlen einer holistischen Sichtweise beziehungsweise Organisation des Gesundheitswesens erschwert die Überwindung der Dateninteroperabilität. Letztlich kreisen die Vorbehalte gegenüber der Digitalisierung um Datensicherheit, Interoperabilität und Schutz der Privatsphäre, sie werden deshalb auch oft als Sand im Getriebe gesehen – und dies nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen Teilen Europas.

Und genau an dieser Stelle hat Europa die Chance, gemeinsam tätig zu werden, Blockchain könnte zu einer Art „globalen“ Standard auf europäischer Ebene werden. Mit ihr eröffnet sich die Möglichkeit, genau diese drei Faktoren nicht länger als Sand, sondern als Öl im Motor der Gesundheitswirtschaft zu sehen. Denn durch die mit Blockchain verbundene Transparenz und Sicherheit der Datennutzung kann das notwendige Vertrauen in den Schutz der Privatsphäre geschaffen werden. Dies ist die Chance, eine Plattform aufzubauen, die gewährleistet, dass das Potenzial der Daten ausgeschöpft werden kann. Damit wäre die Grundlage für eine aktive Gesundheitsversorgung geschaffen, die am Gesundbleiben des Einzelnen ansetzt, statt einer reaktiven, auf Diagnose und Therapie ausgelegten. Die Fortschritte in der Sensorik erlauben es, die dafür notwendigen Daten wesentlich einfacher und umfangreicher zu erheben, als dies bisher möglich war. Firmen wie Amazon, Facebook oder Google haben sich insbesondere in den USA schon auf den Weg gemacht, das Potenzial der Daten zu nutzen. Blockchain erlaubt uns, diesen Weg im gesundheitspolitischen Rahmen auf europäischer Ebene zu beschreiten.

Jedoch erfordert der Einsatz der Blockchain-Technologie einen hohen Programmieraufwand und ist daher keine Lösung, die ein einzelnes Krankenhaus oder eine Region allein stemmen kann. Selbst für ein einzelnes Land ist es schwer, die Ressourcen dafür aufzubringen.

Deutschland hat die Chance, sich während der Ausübung der EU-Präsidentschaft ab dem 1. Juli 2020 dafür einzusetzen, die Widerstände gegen die Digitalisierung abzubauen. Denn eines ist sicher: Die Digitalisierung wird kommen, es ist nur eine Frage des Wann, nicht des Ob. Wenn es gelingt, die drei Pfeiler Datensicherheit, Interoperabilität und Schutz der Privatsphäre unter der deutschen Ägide mittels einer Technologie wie Blockchain anzugehen, wäre das ein enormer Erfolg.

1.4Zusammenfassung

Die systematische Erhebung, Auswertung sowie der Austausch von Gesundheitsdaten der verschiedenen Gesundheitsdienstleister eröffnen die Möglichkeit, die Gesundheitsversorgung proaktiv am Erhalt der Gesundheit, statt reaktiv auf das Heilen einer Krankheit, auszurichten. Damit geht auch die Chance auf eine personalisierte und zeitgemäße evidenzbasierte medizinische Versorgung einher. Diese Chance der Digitalisierung muss jedoch auch mit den möglichen Gefährdungen, die von unzureichender Datensicherheit und Interoperabilität sowie mangelndem Schutz der Privatsphäre ausgehen, in Ausgleich gebracht werden.

Genau an dieser Stelle greift das Konzept der Blockchain. Die ihr zugrunde liegende dezentrale Distributed-Ledger-Technologie gewährt, was das Internetprotokoll nicht erreicht hat: Datensicherheit. Sie verspricht auch, die Mauern zwischen den existierenden Datensilos zu durchbrechen, die Nachrichtenprotokolle zu standardisieren, die Identitäten von Patienten und Ärzten zu verwalten und manipulationssichere Datentransaktionen mit beständigem Prüfungsbericht zu offerieren.

Durch die mit Blockchain verbundene Transparenz und Sicherheit der Datennutzung kann das notwendige Vertrauen in den Schutz der Privatsphäre geschaffen werden. Dies ist die Chance, eine Plattform aufzubauen, die gewährleistet, dass das Potenzial der Gesundheitsdaten ausgeschöpft werden kann.

Bis es aber so weit ist, muss noch einiges geschehen. Um sich die Skaleneffekte der Einführung von Blockchain zunutze machen zu können, wäre ein abgestimmtes Vorgehen auf europäischer Ebene wünschenswert. Mit der Ausübung der EU-Präsidentschaft hat Deutschland die Chance, sich dafür einzusetzen. Wenn es gelänge, die Bedenken hinsichtlich Datensicherheit, Interoperabilität und Schutz der Privatsphäre unter der deutschen Ägide mittels Blockchain abzumildern oder gar auszuräumen, wäre das ein enormer Erfolg. Aus der Erfahrung von anderen Ländern wissen wir, dass die Umsetzung der Blockchain, wie auch anderer Technologien, überall dort gelingt, wo alle Akteure gemeinsam an einem Strang ziehen.

Literatur

Bitkom (2020) Für den Blockchain-Durchbruch fehlt es an Rechtssicherheit. URL: https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Fuer-Blockchain-Durchbruch-fehlt-Rechtssicherheit (abgerufen am 14.04.2020)

Fromm J, Weber M (Hrsg.) ÖFIT-Trendschau: Öffentliche Informationstechnologie in der digitalisierten Gesellschaft. Kompetenzzentrum Öffentliche IT Berlin

HIMSS (2019a) Consensus on the Blockchain. URL: https://www.himss.org/resources/consensus-blockchain (abgerufen am 14.04.2020)

HIMSS (2019b) Blockchain Distributed Storage. URL: https://www.himss.org/resources/blockchain-distributed-storage (abgerufen am 14.04.2020)

HIMSS (2019c) Blockchain Networks Overview. URL: https://www.himss.org/library/blockchain-networks (abgerufen am 14.04.2020)

HIMSS (2019d) Smart Contracts. URL: https://www.himss.org/library/smart-contracts (abgerufen am 14.04.2020)

HIMSS Analytics (2019a) eHealth Trendbarometer. Blockchain. URL: https://www.himss.eu/sites/himsseu/files/analytics/ehealth-trend/eHealth-TRENDBAROMETER-Blockchain-technology-in-healthcare_v1b.pdf (abgerufen am 14.04.2020)

HIMSS Analytics (2019b) eHealth Trendbarometer Annual European eHealth Survey 2019

Krolop S (2016) Blockchain – Einsatz im deutschen Gesundheitswesen. Deloitte

Learney R (2017) Blockchain’s breakthrough for healthcare. Briefing Note. Creative Intellect Consulting

Dr. Sebastian Krolop, MD, PHD, M. Sc.

Sebastian Krolop ist Vorstand der HIMSS (Healthcare Information and Management System Society), einer unabhängigen und gemeinnützigen globalen Gesellschaft zur Förderung von Qualität und Sicherheit von Gesundheitswesen durch Technologie und Daten mit Hauptsitz in Chicago, IL, USA. Als Global Chief Operating und Strategy Officer (COSO) verantwortet er das Erreichen der operativen und strategischen Ziele der gesamten Organisation. Krolop studierte Medizin in Deutschland und den USA und erlangte seinen „Master of Healthcare Management“. Er promovierte zum Dr. med. an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und der Kinderchirurgischen Klinik der Fakultät für Klinische Medizin in Mannheim. Als Arzt arbeitete er am Universitätsklinikum Heidelberg in der Klinik für Anästhesiologie. Als Berater war er bei der Boston Consulting Group in Frankfurt tätig, bevor er geschäftsführender Gesellschafter der ADMED wurde. Bei Accenture war er „Partner Strategy Consulting Healthcare“ für Deutschland, Österreich und die Schweiz, bei Philips war er „Vice President and Partner Healthcare Transformation Services“ für Europa, Mittleren Osten und Afrika. Bevor er Vorstand bei der HIMSS wurde war er Partner und Industry Lead Life Science and Health Care bei Deloitte.

2

Plattformen als Katalysatoren der Digitalisierung und Innovation in der Krankenversicherung

Ronald Fritz

2.1Aufbau von Plattformen entlang unternehmensübergreifender Prozesse

Die digitale Transformation startete bei gesetzlichen wie privaten Krankenversicherungen selbstverständlich nicht erst in dieser Dekade. So wurden in der Branche wiederholt vor allem lokale, in den Grenzen des jeweiligen Unternehmens angesiedelte Digitalisierungsvorhaben auf den Weg gebracht. Eine Vielzahl von Versicherungen führte z.B. bereits ab den 1990er-Jahren Dokumenten-Management- und digitale Archivsysteme ein. Diese erlauben seitdem einen schnellen und verteilten Zugriff auf weitestgehend alle Dokumente durch die Sachbearbeiter und Mitarbeiter im Kundenservice, seien es beispielhaft die gescannten Anschreiben der Kunden, ärztliche Abrechnungsdokumente oder letztlich die Ausgangspost an den Versicherten, die zwar digital im Archivsystem abgelegt wird, aber dennoch papierhaft den Versicherten per Post erreicht.

Elektronische Workflowsysteme pro Unternehmen steuerten in der Folge die Bearbeitungsprozesse, mit der Idee, die Erledigung eines Vorgangs bestenfalls regelsystembasiert und automatisiert erledigen zu können. Massengeschäftsprozesse mit großer Häufigkeit wurden für die sogenannte „Dunkelverarbeitung“ priorisiert. Für den Fall der manuellen Bearbeitung und Vorlage des Vorgangs beim Sachbearbeiter erfolgte dies nunmehr – bis auf wenige Ausnahmen (!) – nicht mehr mit dem internen Postverteilwagen oder dem Rohrpostsystem – sondern mithilfe des elektronischen Postkorbs. Hierüber ließ sich die Abarbeitung aller anstehenden Vorgänge optimiert steuern, so z.B. unter Berücksichtigung der Kompetenzen der Sachbearbeiter, der Dringlichkeit des Anliegens, des Vorgangstyps (z.B. Kündigung vs. Adressänderung) oder des Eingangskanals. War der Versicherte beim postalischen Versand seines Anliegens eine deutlich mehrtägige Bearbeitungszeit gewohnt, veränderte sich die Erwartungshaltung später fundamental, als Geschäftsprozesse durch den Kunden digital über Portale oder mobile Geräte initiiert wurden.

Diese und andere Digitalisierungsinitiativen waren stets mit einem hohen Nutzenwert für das einzelne Unternehmen verbunden, boten aber für sich gesehen in der Regel keinen maßgeblichen Wettbewerbsvorteil oder Differenzierungsmöglichkeiten. Sie wurden trotzdem bzw. gerade wegen ihres Nutzenpotenzials n-fach in der Branche „kopiert“.

Es etablierten sich aber auch in den 2000er-Jahren zentrale Standardlösungen insbesondere für Geschäftsprozesse, die über die Systemgrenzen der einzelnen Krankenversicherung hinausragten und das Ökosystem der Krankenversicherung einbezogen. Anstelle der Ausprägung eines Systems heterogener und proprietärer Einzellösungen setzen sich erste plattformbasierte, standardisierte Prozesse durch und machten Versicherungen und Ökosystempartner zu Konsumenten dieser Plattformen. Zur Verdeutlichung seien zwei prominente Beispiele angeführt.

1. Beispiel: IBM Insurance Service Hub (ISH)

Ab 2009 etablierte sich die zentrale Austauschplattform ISH (bereitgestellt durch die IBM Deutschland GmbH) zur Reduzierung des papiergebunden Dokumenten- und Datenaustausches zwischen Ärzten, Leistungserbringern und Abrechnungsstellen auf der einen Seite und privaten Versicherungsunternehmen und deren versicherten Bürgern auf der anderen. Es war die initiale Idee des ISH, lediglich die digitalen Abrechnungsdaten zu einer Behandlung von einer der vielen Abrechnungsstellen oder Ärzte in Deutschland von der Quelle abzurufen und an eines von ebenfalls vielen Versicherungsunternehmen zu übertragen, immer genau dann, wenn der Versicherte dies mit seinem Antrag zur Leistungserstattung bei seinem Versicherungsunternehmen einforderte. Diese Form von digitaler Logistik, nämlich die Bereitstellung unverfälschter, strukturierter Daten für den Geschäftsprozess und das Management der beteiligten Ökosystempartner, definierte den hohen Nutzen des ISH und begründet den kontinuierlichen Anstieg seiner Nutzung.

Beispielhaft ist in Tabelle 1 die Skalierung des ISH, der mittlerweile für mehr als 30 Krankenversicherungsunternehmen und weiterführend auch Beihilfestellen aktiviert ist, am digitalen Rechnungsdatenabruf von privatärztlichen Verrechnungsstellen in Deutschland dokumentiert.

Tab. 1Digitale Rechnungsabrufe von den privatärztlichen Verrechnungsstellen über die ISH-Plattform

Abb. 1Digital per FotoApp eingereicht Posteingänge bei der HanseMerkur Krankenversicherung

Wurde einmal die Verbindung zwischen den Parteien im Sinne eines digitalen Ökosystems erfolgreich aufgespannt, ergab sich die Umsetzung neuer digitaler Prozesse fast wie von selbst. Es lag auf der Hand, mindestens zwei Dinge zu tun: erstens, alle Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich die Anzahl der Servicegeber und Konsumenten im Ökosystem kontinuierlich vergrößern kann und zweitens, die Logistikplattform zu einer Plattform mit klaren Mehrwertdiensten für die Beteiligten des Ökosystems zu erweitern. Insbesondere der zweite Aspekt adressiert das Innovationspotenzial dieser ISH- und anderer digitaler Plattformen und soll hier an wenigen produktiven Beispielen aus der Branche kurz benannt bzw. erörtert werden:

1.Über die sogenannte ISH FotoApp (auch bekannt als ServiceApp, EinreicherApp, RechnungsApp, GesundheitsApp, usw.) initiiert der Versicherte bzw. Beihilfeempfänger digitale Prozesse mit seiner jeweiligen Krankenkasse, etwa zur Einreichung von AU-Bescheinigungen, Rechnungen oder Formularen. Das Beispiel der HanseMerkur Krankenversicherung (s. Abb. 1) zeigt in der unteren Kurve die per mobiler Anwendung eingereichten, digitalen Erstattungsanträge pro Jahr sowie in der oberen Kurve die korrespondierende Aufsummierung der mobilen Einreichungen über die Jahre. Wurde über den Zeitraum 2011 bis 2019 eine Einreichungsquote von ca. 37% erreicht, werden mittlerweile fast 45% der Anträge zur Leistungserstattung pro Jahr digital eingereicht.

2. Beispiel: HMM ZHP-Plattform

HMM wurde 2006 gegründet, als Spezialistin für GKV-Prozesse im Bereich wiedereinsetzbarer Hilfsmittel, wie z.B. Rollstühle. Initial erbrachte HMM einen spezialisierten Service für knapp 40 Hilfsmittel-Lieferanten, die mit 5 Krankenkassen einen HMM-spezifischen Rückholungs-, Einlagerungs- und Wiedereinsatzprozess durchführten. Technisch wurde dieser Prozess mithilfe einer Zentralen Online-Datenbank von Mitarbeitern der angeschlossenen Krankenkassen und Lieferanten durchgeführt. Der Name: Zentraler Hilfsmittelpool ZHP.

Die Akquisition von Großkunden in den Jahren 2006–2010 und deren große Reichweite in den Hilfsmittel-Versorgungsmarkt machte sodann die Standardisierung der Kommunikation zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern infrastrukturell und semantisch erforderlich: HMM etablierte die Telematische Infrastruktur X3.Net zum Austausch von Prozessdaten gemäß des von HMM definierten X3-Standards. So konnte in der Folge die an die Telematische Infrastruktur X3.Net angebundenen Hilfsmittel-Lieferanten von knapp 200 (im Jahre 2007) zunächst auf über 12.000 im Jahre 2012 ausgeweitet werden.

Abb. 2Entwicklung der ZHP.X3-Plattform – wichtige Plattform-Kennzahlen (KPI)

Heute findet über die HMM-Plattform (nunmehr Zentrale Healthcare Plattform ZHP. X3) ein digitaler Datenaustausch für alle Antrags- und Genehmigungsprozesse in der GKV mit über 25.000 Leistungserbringer aus allen sonstigen Leistungsbereichen (Hilfsmittel, Heilmittel, Krankenfahrten, Pflegedienste, Ärzte, etc.) statt. Für die Leistungserbringer und ihre Softwaresysteme ist dabei die Plattform über standardisierte Konnektoren digital erreichbar, ebenso ist eine tiefe Verzahnung von ZHP in die Prozesse und IT-Umgebung der Krankenversicherung vorkonfektioniert. Mit der Anzahl der Servicegeber und Konsumenten wuchs ebenso die Anzahl der digital abgewickelten Prozesse zwischen den beteiligten Ökosystem-Partnern – diese Skalierung wird durch weitgehende Automatisierung der Prozessverarbeitung unterstützt (s. Abb. 2).

2.2Wandel zu Systemplattformen – Für Deutschland und Europa

Der kontinuierliche Ausbau des Plattform-Ökosystems in der Gesundheitsbranche, die gleichzeitige Fokussierung auf innovative und nutzenbringende Services für alle beteiligten Ökosystemparteien, aber auch die frühzeitige Einbeziehung starker Partner zur Abwicklung einer kritischen Masse an digitalen Geschäftsprozessen und gemeinsamen Durchsetzung von Veränderungen ggfs. tradierter Prozesse hat bei den vorgenannten Plattformen dazu beigetragen, sie als ein zentrales Serviceelement im deutschen Gesundheitsmarkt zu etablieren.

Dieser Wandel zur Gesundheitsplattform lässt sich am Beispiel der ISH-Plattform mit den sehr prominenten Services der elektronische Gesundheitsakte (eGA) sowie zukünftig der elektronischen Patientenakte (ePA) für Bürger, Krankenversicherungen und Ärzte nachzeichnen.

Die elektronische Patientenakte (ePA) ist die gesetzlich vorgeschriebene Akte in Deutschland, die jede gesetzliche Krankenversicherung ihren Versicherten anbieten muss, und zwar zum 1. Januar 2021. IBM wird diese ePA u.a. den Kassen TK, Barmer, Knappschaft, Viactiv und HEK zur Verfügung stellen, mithin fast 24 Millionen Versicherten in Deutschland. Diese ePA wird von zentraler Stelle, nämlich der gematik, über einen komplexen Prozess zugelassen, ebenso die jeweilige Betriebsumgebung des Anbieters. Die elektronische Gesundheitsakte (eGA) – nunmehr auch als kassenspezifischer Teil der ePA tituliert – war und ist der Ausgangspunkt jedes zusätzlichen Nutzererlebnisses und innovativer Mehrwertdienste im Kontext Gesundheit. Bereits 2017/2018 starteten erste Kassen und Versicherungsunternehmen in die Bereitstellung einer eGA für ihre Versicherte.

Drei relevante Säulen charakterisieren diese beiden Plattformservices fundamental:

Die 1. Säule

Die erste Säule stellt die sichere, verschlüsselte Datenhaltung persönlicher Gesundheitsdaten – nunmehr auf der Plattform – für eine lebenslange Akte in Deutschland bzw. Europa dar. Heute findet sich in der Regel eine äußerst fragmentierte und fragile Datenhaltung, insbesondere und üblicherweise in jeder der verschiedenen, vom Versicherten genutzten GesundheitsApps vor. eGA und ePA unterstützen den Anspruch, diese Form der Datenhaltung auf eine zentrale Datenhaltung in der eGA/ePA zu reduzieren. eGA und ePA werden zur Senke und Quelle der Gesundheitsdaten anderer Gesundheitsanwendungen. Die Akte bildet genau die zentrale Stelle persönlicher Gesundheitsdaten, die ein holistisches Bild zum Gesundheitszustand des Versicherten projizieren und einen umfassenden Datenvorrat für weitergehende Services und die Kommunikation mit dem Arzt und Leistungserbringer darstellen kann.

Gesundheitsdaten werden an dieser zentralen Stelle inhaltsverschlüsselt gespeichert und können nur mit dem privaten Schlüssel des Nutzers entschlüsselt werden. Die Verschlüsselung der Daten erfolgt an der Quelle, so z.B. im IT-System des Leistungserbringers zum Einspielen von Behandlungsdaten, im IT-System der Krankenversicherung zum Bereitstellen historischer Abrechnungsdaten oder in den mobilen Gesundheitsanwendungen, etwa zur Übertragung von Vitalparametern. Die Verschlüsselung erfolgt jeweils mit dem öffentlichen Schlüssel des Versicherten und somit vor Übergabe der Daten an das zentrale IT-System des Aktenbetreibers.

Abb. 3Herkömmliches Gesundheitsmanagement papierner Unterlagen

Diese Form der Speicherung an Gesundheitsdaten in der zentralen Akte wird ergänzt um die Fähigkeit, nach Einwilligung durch den Versicherten., Gesundheitsdaten an Services, Gesundheitsanwendungen und Leistungserbringer zu übergeben und sie dort berechtigt und unverschlüsselt zu nutzen. Die Akten entsprechen mit diesem Prinzip den einschlägigen Anforderungen der Europäischen Datenschutzgrundverordnung, müssen aber gegebenenfalls durch länderspezifische Vorschriften weitergehende Erfordernisse berücksichtigen (z.B. Sozialgesetzbuch in Deutschland).

Die Speicherung von Daten an zentraler Stelle erlaubt somit ab sofort auch die sichere Verwaltung relevanter, digitaler Dokumente, wie etwa den Blutspendeausweis, Brillenpässe oder – aktueller denn je – den digitalen Impfpass, die in der Regel dann nie zur Stelle waren, wenn man das jeweilige papierne Exemplar dringend benötigte (s. Abb. 3).

Die 2. Säule

Die zweite Säule ist die breite und standardisierte Vernetzung mit vielen Partnern im Gesundheitswesen, um die Akte zügig mit aktuellen Informationen etwa aus dem Krankenhaus, der Arztpraxis oder der Apotheke zu befüllen und um genau diese Informationen für die Weiterversorgung des Bürgers, ggf. in anderen Gesundheitssektoren, nutzen zu können. Die Befüllung der Akte durch Ärzte und sonstige Leistungserbringer ist entscheidend für ihren Erfolg, ebenso der einfache, berechtigte Zugriff des Leistungserbringers zum Lesen, Übernehmen und schließlich Berücksichtigen bereits vorhandener Aktendaten in der Versorgung.

Im stationären Umfeld wurde für die eGA eine Multivernetzer-Strategie ausgeprägt, um den gegebenen Realitäten insbesondere in Deutschland Rechnung zu tragen. Hier findet man bei ca. 2000 Krankenhäusern die gesamte Bandbreite von Schnittstellen für externe Systeme wie z.B. Aktenanwendungen vor. Auf der einen Seite die Verfügbarkeit von komplexen IHE-Infrastrukturen zum standardisierten Datenaustausch innerhalb und außerhalb des Krankenhauses, auf der anderen Seite Faxlösungen oder proprietäre Insellösungen zur externen Kommunikation.

Die eGA stellt für deutsche und europäische Krankenhäuser auf Basis standardisierter IHE-Profile des Partners Forcare eine „leichtgewichtige“ eGA-Schnittstelle (die sogenannte eGA-Bridge) bereit, die ebenso leicht in der IT-Umgebung des Krankenhauses integriert werden kann. Ebenso ist eine pure IHE-Kommunikation möglich, wenn der Leistungserbringer selbst eine komplexe IHE-Infrastruktur vorhält oder über eine IHE-Cloud konsumiert. In jedem Fall können hierüber nun initial Dokumente, etwa der Entlassbrief des Krankenhauses, in der Akte des versicherten Patienten digital bereitgestellt werden.

Im ambulanten Bereich konnte sich in Deutschland bisher keine flächendeckende Standardisierung zur externen Kommunikation mit Aktensystemen durchsetzen. So hat die eGA zwar die für Deutschland spezifische KV-Connect Schnittstelle etabliert, um potenziell ca. 12.000 ambulante Arztpraxen (ca. 10%) zu erreichen, aber eine weitestgehend vollständige Standardisierung wird erst mit der gesetzlich vorgegebenen Nutzung der Telematik-Infrastruktur zum bidirektionalen Datenaustausch mit der Akte möglich sein. Dies ist ab dem 1. Januar 2021 mit der ePA in Deutschland gegeben. Für andere europäische Länder sind so ebenfalls die jeweils länderspezifischen Gegebenheiten zu berücksichtigen und im Aktensystem auszuprägen, um die Interoperabilität mit dem ambulanten Gesundheitssektor herzustellen.

Die 3. Säule

Die dritte Säule umfasst die Bereitstellung eines wachsenden Portfolios an gesundheitsfachlichen Basisanwendungen, die eng mit der Akte verzahnt sind und auf den in der Akte gespeicherten, historischen Daten vergangener Gesundheits- und Krankheitsverläufe agieren. Stets nach vorgeschalteter, informierter Einwilligung durch den Versicherten analysieren diese Services die gespeicherten Gesundheitsinformationen und treffen entsprechende Ableitungen.

Als Beispiel für eine eGA mit derartig aktivierten Basisdiensten sei an dieser Stelle der TK-Safe referenziert, der mittlerweile über 250.000 aktive Anwender hat und unter anderem folgende eGA-Basisanwendungen für die Versicherten der TK bereitstellt (s. Abb. 4):

initiale automatische Befüllung und kontinuierliche Übernahme der in einer Krankenversicherung vorliegenden, historischen Abrechnungsinformationen zu Arztbesuchen, Krankenhausaufenthalten, Medikamentenverschreibungen, Meldungen zur Arbeitsunfähigkeit etc., der sogenannten Patientenquittung, in die persönliche Akte in eine chronologische und sortierte Übersicht

personalisierte Hinweise zu anstehenden Impfungen bei Kenntnis der bisherigen, in der Akte verfügbaren Impfungen (Impfstatus), bei Kenntnis von Alter und Geschlecht des Nutzers und unter Nutzung des Impfregelwerks der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts in Deutschland

personalisierte Vorsorgehinweise zu anstehenden Vorsorgeuntersuchungen bei Kenntnis der bisherigen, in der Akte verfügbaren Vorsorgeuntersuchungen (Vorsorgestatus), bei Kenntnis von Alter und Geschlecht des Nutzers und unter Nutzung eines kassenspezifischen Regelwerks des jeweiligen Versicherungsunternehmens

Bereitstellung der persönlichen Arztliste (und zukünftig Krankenhausliste) eines Versicherten als Aggregation aller in der Vergangenheit getätigten und in der Akte dokumentierten Arztbesuche; mit Bekanntgabe relevanter Stammdaten des Arztes, wie etwa seine Adresse, Sprechstundenzeiten und die Kommunikationskanäle und Telefonnummern

persönliches Medikamentenmanagement, das die Übernahme des bundeseinheitlichen Medikationsplans erlaubt, aber ebenso durch Fotografieren der Verpackungen die in der Apotheke erworbenen Medikamente in der Akte protokolliert. Die Erinnerung und Dokumentation der Einnahme der Medikamente knüpft sich als Einnahmeplaner an das Medikamentenmanagement an.

Abb. 4Basisdienste der eGA, wie persönliche Impfempfehlung, Arztliste, Medikation und Einnahmeplan

Die Basisanwendungen der Gesundheitsplattform sind dabei grundsätzlich für den Einsatz in Deutschland und Europa vorgesehen, müssen aber ggf. um länderspezifische Regularien adjustiert werden. Der Ökosystem-Partner aidminutes stellt mit der „Digitalisierung der Anamnese“ ein sehr klares Beispiel für einen zukunftsweisenden, in Deutschland entwickelten Plattformservice bereit, der auf die plurale und globaler werdende Gesellschaft vorbereitet ist (s. Abb. 5):

Fremdsprachige Patienten können sich in ihrer Landessprache erklären, während das System von aidminutes abschließend die Übersetzung übernimmt. So reduzieren sich die Verständigungsschwierigkeiten und Ineffizienzen deutlich, insbesondere auch für das Personal in den Krankenhaus-Notfallaufnahmen, das in der Regel nicht auf Dolmetscher zurückgreifen kann.

Mit einem normierten Digitalstandard werden akute Beschwerden und die medizinische Vorgeschichte des Patienten vor dem Arztbesuch oder spätestens im Wartezimmer per mobiler Anwendung strukturiert und expertensystembasiert erfasst. Für den Arzt entsteht auf diese Weise ein durch klinische Studien untermauerter Nutzen, und zwar sowohl eine fundierte Entscheidungsgrundlage für weitere Behandlungspfade als auch spürbarer Zeitgewinn durch die erleichterte Dokumentation.

Sobald die digitale Anamnese und die Dokumentation der Beschwerdebilder in der Gesundheitsakte gespeichert sind, können die Informationen über die Interoperabilitätsoptionen der Gesundheitsplattform dem Arzt- und Krankenhaussystem verfügbar und für nachfolgende Versorgungsphasen transparent gemacht werden.

Nun konvergieren diese beiden Entwicklungen: Die ePA organisiert vorerst systematisch sowohl die Vernetzung mit den Ärzten und sonstigen Leistungserbringern als auch den Austausch von Dokumenten und Daten zwischen Arztsystem und Akte in beide Richtungen. Oberhalb der ePA werden diese ePA-Daten und historische Daten vergangener Gesundheits- und Krankheitsverläufe an eGA-Mehrwertdienste übergeben. Die eGA – als kassenspezifischer Teil der ePA – bietet damit den Raum für das Feuerwerk an innovativen Ideen, von dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn 2019 sprach, und erlaubt die wettbewerbliche Differenzierung der Kassen untereinander. Sie können entscheiden, welche der verfügbaren Services (im Sinn eines Marktplatzes) prinzipiell für die Kohorte ihrer jeweils Versicherten bereitgestellt werden soll. Sie können darüber hinaus die Bereitstellung eigener, spezifischer Gesundheitsanwendungen über die Akte vornehmen.

Abb. 5Digitale, fremdsprachige Akutanamnese als Service der Gesundheitsplattform

2.3Digitale Organisation von Gesundheit

Die Kombination von plattformbasierter Informationslogistik sowie die systemrelevanten Mehrwertdienste wie eGA und ePA bilden ein breites Fundament einer zentralen, nutzerzentrierten Plattform zur Gesundheitsorganisation. Mit ihr kann für den Bürger die verbesserte Nutzung seiner lebenslangen Gesundheitsinformationen möglich werden.

Und diese Nutzungsoptionen werden bereits in Kürze in Deutschland umfassend Realität, denn auch begleitende gesetzliche Grundlagen, wie zum Beispiel das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG), treten in Kraft und unterstützen die Nutzung digitaler Gesundheitsanwendungen durch den Versicherten im Rahmen seiner Vorsorgeaktivitäten und seiner Versorgungsprozesse. Vielmehr noch: Durch dieses Gesetz müssen bestimmte digitale Gesundheitsanwendungen (sogenannte DiGAs) für die Patienten nun als Medizinprodukt zertifiziert werden, was ein sehr hohes Maß an Sicherheit im Risikomanagement der Versorgung, dem Qualitätsmanagement der Softwareentwicklung und dem Datenschutz und Datensicherheit ermöglicht. Zusätzlich werden diese DiGAs zur Implementierung einer Schnittstelle zur ePA verpflichtet, wodurch die ePA mit zahlreichen neuen, qualitativ hochwertigen und enorm wichtigen Daten beliefert wird.

Um dies mit einem konkreten Beispiel zu veranschaulichen, sei auf die Versorgung schwer an Krebs erkrankter Patienten eingegangen. Zahlreiche moderne Krebsmedikamente (Zytostatika) werden immer mehr oral eingenommen. Die Patienten nehmen die Medikamente somit zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung ein, anstatt diese sehr langwierig über Stunden intravenös in den Facharztpraxen an einen Stuhl gebunden verabreicht zu bekommen.

Der Nachteil ist aber, dass die Patienten allein zu Hause ohne fachkundige Betreuung sind – bei Medikamenten mit zum Teil sehr heftigen Nebenwirkungen. Die Abbruchraten teurer Medikamente steigen, der Aufwand mit der Arztpraxis per Telefon zu kommunizieren oder dort in die Sprechstunde zu gehen, steigt ebenso. Eine digitale Betreuung mithilfe einer DiGA, wie etwa die Anwendung „ONKOEINS DTB“, kann hier wirksam unterstützen, derartige Nachteile zu kompensieren und so den gewünschten Effekt einer guten Betreuung der Patienten zu erreichen.

Der Patient nutzt die DiGAs und dokumentiert im Sinne eines Tagebuchs regelmäßig seinen Gesundheitszustand, u.a. Vitalwerte, Nebenwirkungen sowie die Medikamenteneinnahmen und hat einen Überblick über seine individuelle Therapie (s. Abb. 6). Der betreuende Arzt kann die Daten einsehen, wird bei Abweichungen zu Erwartungswerten automatisch informiert und kann bei Bedarf, etwa zu starken Nebenwirkungen, die Therapie gezielt optimieren.

Abb. 6Die Digitale Gesundheitsanwendung „ONKOEINS DTB“

Am Ende einer solchen Behandlungsphase sind die Daten, die durch die DiGAs entstanden sind, ganz wesentliche Informationen für die weitere Behandlung der Krebserkrankung. Hier macht die Übernahme der erzeugten Daten (wie z.B. das Abschlussergebnis der Therapie und die Daten zur Reaktion der Patienten) in die ePA einen erneuten Qualitätsunterschied zur analogen Welt. Sollten hier Krankenhausaufenthalte, Pflegemaßnahmen, weitere Medikation oder sonstige Weiterbehandlungen erfolgen, sind die Möglichkeiten zum Zugriff auf detaillierte und hochwertige Ergebnisse einer Therapie für alle weiteren Leistungserbringer wie Ärzte, Apotheker, Pflegekräfte etc. enorm wichtig.

Verfügt ein Patient vor Beginn einer solchen Krebstherapie schon über eine ePA, setzt der zweite Effekt ein, dass die nun behandelnden Ärzte den Zugriff auf die bisherigen Ergebnisse der Therapie haben. Somit kann – basierend auf diesen Informationen und der personalisierten Ergebnisse durch den Patienten – die neue Therapieplanung schneller, effizienter und genauer erfolgen. Auch die Prüfung durch die Apotheker wird vereinfacht und verbessert.

Es lässt sich verallgemeinernd und zusammenfassend ableiten, dass eine erfolgreiche Plattform zur Gesundheitsorganisation in der Zukunft die informierte und bedarfsgerechte Zusteuerung bzw. Bereitstellung von vorsorge- und versorgungsrelevanten Gesundheitsservices in die Wirkungssphäre des versicherten Bürgers ermöglichen muss, seien es medizinische Angebote, DiGa, GesundheitsApps, Basis- oder Zusatzservices der eGA, sowie den effizienten bidirektionalen Austausch von wertigen, digitalen Informationen mit dem nächsten Arzt bzw. Leistungserbringer abbildet.

Dies erfolgt zum einem unter der klaren Prämisse der Vermeidung fragmentierter Datenhaltungen „irgendwo in der Welt“ und insofern mit dem Ziel der Manifestierung der persönlichen, holistischen Gesundheitsakte als zentralen, sicheren Datenspeicher, aus dem sich die Gesundheitsservices als Konsument bedienen und in die sie wiederum hinein speichern können.

Darüber hinaus sollten die Gesundheitsanwendungen über die Plattform von standardisierten Verfahren zur sicheren, überwachten Verarbeitung von Gesundheitsdaten partizipieren, da diese Verfahren bereits heute für die Gesundheitsakten etabliert und beispielgebend im operativen Betrieb sind. Standardisierte Bausteine, etwa die Kommunikation mit bzw. über die Telematikinfrastruktur stehen zur Wiederverwendung zur Verfügung.

Die Absicherung der Nutzeridentität wird ebenfalls eine zentrale Rolle für neue Gesundheitsanwendungen spielen und insofern eine relevante Aufgabe der Plattform zur Gesundheitsorganisation sein müssen. Es wäre nicht richtig, wenn sich z.B. jede einzelne DiGA mit eigener Nutzerverwaltung und einem eigenen Verfahren zur Sicherstellung der Identität und Authentifizierung des Nutzers etabliert. Stattdessen sollte eine einmal erfolgreich über das Krankenversicherungsunternehmen oder eine zentrale Stelle stattgefundene sichere Identifizierung des Versicherten sowohl für die Gesundheitsakten, aber ebenso für (sämtliche) Gesundheitsservices nutzbar gemacht werden.

Und blickt man an dieser Stelle zurück zu den Anfängen der Plattformen und ihrer primären Logistikfunktion, so kann für die künftigen digitalen, unternehmensübergreifenden Prozessketten, etwa das eRezept oder die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgegriffen werden. Dieser umfasst nicht nur etablierte Schnittstellen in die Leistungserbringerwelt und ePA, die erprobten, sicheren Kommunikationsstrecken sowie vergleichbare, zentrale Plattformservices und moderne Technologien, sondern auch die mehrfach bewiesene Innovationskraft, die über die Plattformen in das umliegende Ökosystem ausstrahlt. So liegt es auf der Hand, bei der Umsetzung neuer, digitaler Prozessketten im Gesundheitssystem auf die Fundamente einer Plattform zur Gesundheitsorganisation zu setzen.

Damit diese Plattformreise erfolgreich fortgesetzt wird, bedarf es wie in der Vergangenheit der engen und produktiven Partnerschaft zwischen Industrie und ihren Kunden als gemeinsame Geschäfts-, Ökosystem- und Plattformpartner. Nur dann werden gemeinsam neue Hürden genommen, etwa im Kontext ePA 2.0, beim Zusammenspiel von gesetzlicher Kranken- und privater Zusatzversicherung, beim Einwirken europäischer Erfordernisse oder die Verfügbarmachung weitergehender Kohortenanalytik zu wissenschaftlichen Zwecken.

Ronald Fritz

Der Gesundheits- und Digitalisierungsexperte Ronald Fritz, Vice President, Partner und Executive IT Architect in der Consultingsparte der IBM Deutschland, leitet das Geschäftsfeld Gesundheitsplattform und Ökosysteme der IBM. Er verantwortet den Rollout digitaler Gesundheitsservices in Deutschland und Europa sowie die Entwicklung der elektronischen Patientenakte der IBM. Er ist seit mehr als 20 Jahren für die IBM Deutschland als Strategieberater mit den Schwerpunkten versicherten- und patientenzentrierte Plattformen, E-Health sowie Prozessautomatisierung in gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen aktiv.

3

Digitalisierung der Medizintechnik zur Verbesserung der Patientenversorgung in der EU

Mathias Goyen

3.1Digitalisierung – Eine große Chance für das Gesundheitswesen

Der europäische Gesundheitsmarkt wird sich in den kommenden Jahren entscheidend verändern. Die Digitalisierung ebnet den Weg für neue medizinische Ansätze und eröffnet Möglichkeiten, einige der drängendsten Gesundheitsprobleme in Europa anzugehen. Obwohl weiterhin Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes bestehen, nutzen Patienten bereits digitale Gesundheitslösungen wie Online-Dienste und interaktive Tools. Die Verwendung digitaler Lösungen – so lässt sich jetzt schon festhalten – wird dazu beitragen, Gesundheitssysteme effizienter zu gestalten und einen insgesamt stärker integrierten Ansatz zu etablieren.

Allerdings hat sich die Gesundheitsbranche der globalen digitalen Revolution überraschend langsam angeschlossen und rangiert in Bezug auf ihren digitalen Reifegrad eher im unteren Drittel der Branchen. Im Vergleich zu den digitalen Veränderungen in der Finanz- und Medienbranche steckt die Digitalisierung im Gesundheitswesen quasi noch in den Kinderschuhen. Dennoch setzen sich zunehmend auch im Gesundheitswesen neue Technologien durch, die in der Lage sind, Effizienzen zu steigern sowie die Patientenversorgung signifikant zu verbessern und somit Gesundheitssysteme grundlegend zu transformieren. Gehen wir also der Frage nach, welche Auswirkungen im Einzelnen die Digitalisierung für die Zukunft der Gesundheitssysteme haben haben könnte.

3.2Sechs Trends der Digitalisierung

In Bezug auf die Digitalisierung im Gesundheitswesen sehe ich im Wesentlichen sechs Trends, bei denen uns Technologien helfen werden, länger zu leben und ein sichereres, gesünderes und produktiveres Leben zu führen. Diese werden im Folgenden erläutert.

Telemedizin

Global gab es im Jahr 2015 etwas mehr als 1 Million Telemedizinpatienten. Bis 2018 stieg diese Zahl auf 7 Millionen – und das aus gutem Grund (Edelmann 2019). Die heutige Telegesundheitstechnologie ermöglicht es Patienten an den entlegensten Orten der Welt, Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung und lebensrettende Diagnosen zu erhalten. Was passiert, wenn ein Patient es sich nicht leisten kann, quer durchs Land zu fliegen, um den besten Krebsspezialisten zu konsultieren? Es spielt praktisch keine entscheidende Rolle mehr, denn dieser Spezialist kann sich digital mit dem behandelnden Arzt vor Ort in Verbindung setzen, um dem Patienten die bestmögliche Diagnose und Therapie zukommen zu lassen.

Telemedizin führt damit in gewisser Weise zu einer Demokratisierung im Gesundheitssystem: Patienten sind zunehmend geografisch und finanziell gleichberechtigt und in der Lage, jederzeit auf die beste Gesundheitsversorgung zuzugreifen.

Seit einiger Zeit gibt es sogenannte „E-Rezepte“ für Patienten, die sich telemedizinisch – also per Telefon oder Videochat – behandeln lassen. Verschrieben Ärzte in der Video-Sprechstunde ein Medikament, mussten die Patienten bisher für das Rezept persönlich in eine Arztpraxis kommen. Nun geht das Rezept auf einen Server, der Patient kann es in seiner App ansehen und an eine Apotheke seiner Wahl senden. Per Chat kann der Patient mit dieser Kontakt aufnehmen und erfahren, wann die Medikamente verfügbar sind oder sie sich mittels Botendienst schicken lassen.

Das Internet der medizinischen Dinge (IoMT)

Verschiedene Geräte und mobile Applikationen („Apps“) spielen für viele Patienten und ihre Ärzte eine entscheidende Rolle bei der Verfolgung und Vorbeugung chronischer Krankheiten. Durch die Kombination der IoT („Internet of Things“)-Entwicklung mit Telemedizin- und Telegesundheitstechnologien ist ein neues Internet der medizinischen Dinge (IoMT) entstanden. Dieser Ansatz umfasst die Verwendung einer Reihe sog. „Wearables“, z.B. für die Messung der Hauttemperatur, des Glukosespiegels oder des Blutdrucks.

Eine der größten Herausforderungen für die Branche bleibt die Bereitstellung einer konsistenten und effektiven Kommunikation mit zahlreichen medizinischen IoMT-Geräten. Viele Hersteller verwenden immer noch regelmäßig ihre eigenen proprietären Protokolle, um mit Geräten zu kommunizieren. Dies kann zu Problemen führen, insbesondere beim Versuch, große Datenmengen von Servern zu sammeln. Potenzielle Sicherheitsbedenken müssen ebenfalls berücksichtigt werden.

Cloud Computing im Gesundheitswesen

Für die gemeinsame Nutzung großer Dateien stehen verschiedene öffentliche, private und sogenannte hybride Cloud-basierte Plattformen zur Verfügung. Gerade das Cloud Computing wird zu einer attraktiven Option für die digitale Technologie im Gesundheitswesen (Health Catalyst 2018).