Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Digitalisierung ist eine der wohl bedeutendsten (medien)technischen Entwicklungen seit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks und die vernetzte Sphäre digitaler Kommunikation verändert das gesellschaftliche Leben nachhaltig. Ein Vierteljahrhundert nachdem Tim Berners-Lee die VorausSetzungen für das World Wide Web entwickelt hat, ist heute die junge 'Irgendwas-mit-Medien-Generation' ohne das Internet nicht mehr vorstellbar. Die Kommunikation über mobile Endgeräte wie Smartphones und Tablets überholt den stationären Online-Zugang. Das Social Web scheint ubiquitär, die Crossmedialität nicht mehr aufzuhalten. Solche Indikatoren sprechen Bände über 'Digitale Öffentlichkeit(en)'. Dieser Band dokumentiert ausgewählte Beiträge zur gleichnamigen 59. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) 2014 an der Universität Passau.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
Dieser Band geht zurück auf die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für
Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) 2014 in Passau.
Einführung
Oliver Hahn, Ralf Hohlfeld und Thomas Knieper
Digitale Öffentlichkeit – Digitale Öffentlichkeiten
Teil 1 Digitale Interaktionen und Diskurse: Folgen für die Öffentlichkeitsentstehung
Christoph Neuberger
Interaktionsmodi und Medienwandel
Uwe Hasebrink
Kommunikationsrepertoires und digitale Öffentlichkeiten
Marian Adolf
Öffentliche Kommunikation und kommunikative Öffentlichkeiten. Zur Konstitution von Öffentlichkeit im Zeitalter der digitalen Medien
Christian Pentzold und Claudia Fraas
Framing Big Data: Methode und Ergebnisse einer multimodalen, transmedialen Diskursanalyse der Handygate-Affäre 2011
Christian Strippel und Martin Emmer
Proxy-Logfile-Analyse: Möglichkeiten und Grenzen der automatisierten Messung individueller Online-Nutzung
Teil 2 Digitaler Wandel des Journalismus: Herausforderungen und Perspektiven
Tobias Eberwein
Journalistisches Erzählen im Wandel. Ergebnisse einer Mehrmethodenstudie
Cornelia Wolf
Zwischen Imitation und Innovation – Anwendungsoptionen und redaktionelle Aneignung von Apps im Journalismus
Alexander Godulla
Mehr als lousy pennies? Etablierte vs. alternative Geschäftsmodelle im Online-Journalismus
Corinna Oschatz, Marcus Maurer und Jörg Haßler
Klimawandel im Netz: Die Digitalisierung von Informationskanälen und ihre Folgen für die Öffentlichkeit
Michael Brüggemann und Sven Engesser
Skeptiker müssen draußen bleiben: Weblogs und Klimajournalismus
Daniel Klenke und Stefan Meier
„Through My Eye, Not Hipstamatic’s“: Befunde und Hypothesen zu (digitalen) Ästhetisierungspraktiken in der aktuellen fotojournalistischen Kriegsberichterstattung
Teil 3 Neue Formen und Formate der Online-Kommunikation im privaten und öffentlichen Raum
Pepe Strathoff und Christoph Lutz
Gemeinschaft schlägt Gesellschaft – Die vermeintliche Paradoxie des Privaten
Bernadette Kneidinger
„Social TV“ als Tor zu digitalen Öffentlichkeiten. Virtuelle Fernsehgespräche und Vergemeinschaftung durch Second Screens
Axel Maireder und Stephan Schlögl
Identifikation, Messung und Interpretation von Twitter-Öffentlichkeiten am Beispiel der Europawahlen 2014
Marc Ziegele, Timo Breiner und Oliver Quiring
Nutzerkommentare oder Nachrichteninhalte – Was stimuliert Anschlusskommunikation auf Nachrichtenportalen?
Cornelia Brantner und Katharina Lobinger
„Weil das absolute Poserbilder sind!“ Die Wahrnehmung expressiver Authentizität digitaler Selbstbilder und Selfies
Autorinnen und Autoren
Die Verwendung des Begriffs Öffentlichkeit hat sich unter dem Einfluss der Digitalisierung verändert. In der Vergangenheit war Öffentlichkeit ein Singularetantum, heute ist die Verwendung im Plural nicht nur statthaft, sie gewinnt sogar auch außerhalb der Fachwissenschaft an Bedeutung. Der Zusammenhang mit der Digitalisierung ist evident. Das Internet mitsamt seinen Formen computervermittelter Kommunikation hat zu einer Fragmentierung der Öffentlichkeit geführt. Als Tatsache ist dies unumstritten, über die Folgen der digitalen Teil- bzw. Nischenöffentlichkeiten etwa für die gesellschaftliche Integration herrscht dagegen Uneinigkeit. Die Frage, ob solche „persönlichen Öffentlichkeiten“ sozialer Netzwerke zur Atomisierung des Publikums und zum Leben in einer „Filter Bubble“ sensu Eli Pariser führen, wird derzeit unterschiedlich beantwortet. Sicher dagegen ist: Wir sprechen zwar noch von der „digitalen Gesellschaft“ im Singular, aber die sie umgebende Sphäre der digitalen Öffentlichkeiten wandelt sich allmählich zum Pluraletantum.
Die gesellschaftlichen Ereignisse des Jahres 2014 haben gezeigt, dass das Thema „Digitale Öffentlichkeit(en)“ für die 59. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) vom 28.-30. Mai 2014 an der Universität Passau optimal gewählt war. Im Nachhinein hat das Jahr offenbart, dass die Zeit reif war für den Blick aus der Vogelschau. In Abwandlung Victor Hugos: Nichts ist überzeugender als ein Thema, dessen Zeit gekommen ist. Es begann mit einer zunächst noch vereinzelten Medienkritik von Laien an der Ukraine-Berichterstattung öffentlich-rechtlicher Rundfunksender sowie überregionaler Tageszeitungen und verdichtete sich stetig zu einer selbst ernannten Ständigen Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien. Am Ende gipfelten Zuschauerpetitionen gegen das ZDF wie „Lanz muss weg“ und die allgemeine Kritik an den sogenannten Mainstreammedien und deren angeblich einseitig pro-westlicher Berichterstattung in regelmäßigen Montagsdemonstrationen, die wiederum schließlich zu großen Teilen in der Bewegung Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands (PEGIDA) aufgingen. Dabei entbehrt es nicht der bitteren Ironie, dass zeitnah zum blutigen Anschlag auf das Satireblatt Charlie Hebdo in Paris Anfang Januar 2015 der Begriff „Lügenpresse“ in Deutschland das Rennen um das Unwort des Jahres machte.
Ist die digitale Verdichtung der Publikumskritik in den sozialen Netzwerken noch zu erwarten gewesen, so besitzt die Kumulation der Unzufriedenheit, die in den Reihen der Scientific Community auch als „digitale Empörungsdemokratie“ deklariert wurde, in genuinen Onlineforen, aber auch in den Kommentarbereichen der Onlinemedien, ein eher überraschendes Ausmaß. Vorempirisch drängt sich der Eindruck auf, dass virtuelle Publikumsverbünde als Ausformungen der digitalen Themen- und Versammlungsöffentlichkeit konventionelle Massenmedien unterdessen vor sich hertreiben. Prominente Vertreter des Nachrichtenjournalismus haben sich dem Druck von Nutzerkommentaren in Foren gebeugt, mussten sich erklären, entschuldigen und öffentlich Abbitte leisten. Seit die als konsonant empfundene Ukraine-Berichterstattung der deutschen Nachrichtenmedien ab dem Herbst 2014 immer vehementer kritisiert wurde und auch der ARD-Programmbeirat die Publikumskritik zu teilen begann, hat sich die Tonalität der Berichte schleichend gewandelt, sie sind vorsichtiger und zaghafter geworden, formulieren ständig Kautelen.
So steigt unterdessen die gefühlte Relevanz der interpersonal-öffentlichen Anschlusskommunikation. Damit gehen Verschiebungen in der Tektonik der Öffentlichkeit einher. Die Bedeutung der Medienöffentlichkeit scheint allmählich zu schrumpfen, Formen der Themen- und Versammlungsöffentlichkeit gewinnen qualitativ und quantitativ an Bedeutung, Muster der Öffentlichkeitsentstehung verlaufen vermehrt entlang von Bottom-up-Prozessen.
Die beschriebenen Formen der Empörungs- und Protestkommunikation sowie der digitalen Medien- und Journalismuskritik sind öffentlichkeitstheoretisch spannende Phänomene. Sie haben der Kommunikationswissenschaft gezeigt, dass es höchste Zeit wird, die Öffentlichkeitstheorien und -modelle des Fachs auf den Prüfstand zu stellen und den neuen Prozessen der Herstellung von Öffentlichkeit(en) anzupassen: Zu den massenmedial vermittelten Formen der Öffentlichkeit haben sich neue digitale Öffentlichkeitsformen hinzugesellt, zur einseitigen Medienkommunikation sind erweiterte sequentielle Interaktionsmodi hinzugetreten. Das fordert etwa das etablierte Schichtenmodel der Öffentlichkeit mit den Sphären der Encounter-, Versammlungs- und Medienöffentlichkeit heraus.
Gleichzeitig ist die Fachwissenschaft selbst in die Zentrifuge der digitalen Empörung hineingeraten. Kolleginnen und Kollegen, die sich prominent in der Sphäre der medienvermittelten öffentlichen Kommunikation zu Wort gemeldet oder an fachöffentlichen Diskursen über methodische Fragen der Berechtigung nichtprofessioneller Journalismuskritik teilgenommen haben, finden sich unversehens im Zentrum dieser kritischen Themenöffentlichkeiten. Die Fachdisziplin wird zur Zielscheibe von Protesten, die neben der Publizistik auch deren Wissenschaft ins Visier nimmt. Die Kommunikationswissenschaft ist hier als Fach herausgefordert, sich nicht für individuelle oder kollektive Interessen instrumentalisieren zu lassen.
*
Das Thema „Digitale Öffentlichkeit(en)“ gibt nun vor allem einer jüngeren Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Gelegenheit, aktuelle Forschungsprojekte vorzustellen und innovative methodische Designs zu präsentieren, mit denen Triebkräfte des Medienwandels und Strukturen des Öffentlichkeitsumbruchs beobachtet und analysiert werden können.
Der Band dokumentiert ausgewählte Beiträge zur DGPuK-Jahrestagung in Passau. Er präsentiert Überlegungen und Befunde zu(r) digitalen Öffentlichkeit(en) in drei Abschnitten mit einer Dramaturgie, die trichterförmig vom Allgemeinen zum Speziellen führt.
Den Einstieg bilden Aufsätze, deren Autorinnen und Autoren digitale Interaktionen und Diskurse und deren Folgen für die Öffentlichkeitsentstehung beschreiben und analysieren.
Christoph Neuberger beschäftigt sich in seinem Beitrag („Interaktionsmodi und Medienwandel“) mit der Neuausrichtung der Kommunikationswissenschaft, die durch den beschleunigten Medienwandel notwendig wurde. Gerade das Internet und die dortige Verkettung von Kommunikationsakten ermöglicht es, neben den Relationen auch den Ablauf in der Zeit zu berücksichtigen. Er regt daher die Verknüpfung von Netzwerk- mit Inhaltsanalysen an. Dabei entwickelt er ein Forschungsprogramm für die Mikro-, Meso- und Makroebene.
Uwe Hasebrink greift in seinem Beitrag „Kommunikationsrepertoires und digitale Öffentlichkeiten“ das Thema digitale Öffentlichkeiten aus der Perspektive der Nutzungsforschung auf. Er stellt einen konzeptionellen Ansatz vor, mit Hilfe dessen untersucht werden kann, wie sich die Mitglieder digitalisierter Gesellschaften an öffentlicher Kommunikation auf der Basis ihrer kommunikativen Praxen und Kommunikationsrepertoires beteiligen und welche Konsequenzen dies für die kommunikativen Figurationen von Öffentlichkeiten hat. Für die Analyse digitaler Öffentlichkeiten soll sich diese Konzeption insofern als hilfreich erweisen, als sie die vorab vorgenommene Festlegung auf bestimmte Medien oder bestimmte Kommunikationsformen vermeidet, sondern nur die von den Nutzern selbst für relevant gehaltenen Informationsquellen untersucht – diese aber vollständig und in ihrem Zusammenspiel.
Auch Marian Adolf geht in seinem Beitrag („Öffentliche Kommunikation und kommunikative Öffentlichkeiten: Zur Konstitution von Öffentlichkeit im Zeitalter der digitalen Medien“) von einer veränderten Struktur gesellschaftlicher Kommunikation aus. Mit der Etablierung der neuen Medien ist eine Unterscheidung zwischen privater und öffentlicher Kommunikation nicht mehr trivial. Er reflektiert in seinem Beitrag den Zusammenhang zwischen medientechnologischem und kommunikationspraktischem Wandel, die Öffentlichkeit als veränderliches Konstrukt und die Veränderung der kommunikativen Öffentlichkeit in ihrer Gesamtheit. Er schließt seine Betrachtungen mit möglichen Implikationen, die sich daraus für eine moderne Öffentlichkeitsforschung ergeben.
Christian Pentzold und Claudia Fraas plädieren in ihrer Studie („Framing Big Data: Methode und Ergebnisse einer multimodalen, transmedialen Diskursanalyse der Handygate-Affäre 2011“) für eine Verbindung von Methoden der Sprach- und Sozialwissenschaften, um sich dem Forschungsgegenstand des Kommunizierens im digitalen Strukturwandel von Öffentlichkeiten mit Hilfe einer qualitativ-interpretativen Analyse von Diskursen angemessen nähern zu können.
In ihrem Beitrag („Proxy-Logfile-Analyse: Möglichkeiten und Grenzen der automatisierten Messung individueller Online-Nutzung“) loten Christian Strippel und Martin Emmer das Potential und die Beschränkungen von drei verschiedenen Varianten der Proxy-Logfile-Analyse als Methode zur Messung individueller Online-Nutzung aus. Hierbei zeigen sie relevante Einschränkungen, insbesondere bei der mobilen Online-Nutzung, auf.
Teil zwei des Tagungsbands versammelt Beiträge zum digitalen Wandel des Journalismus und zu den individuellen und kollektiven Herausforderungen, die sich daraus ergeben.
Tobias Eberwein ergründet in seinem Aufsatz „Journalistisches Erzählen im Wandel. Ergebnisse einer Mehrmethodenstudie“, ob digitale Formen journalistischer Berichterstattung wie das multimediale Storytelling die Effektivität narrativer journalistischer Darstellungsmuster steigern können. Seine Mehrmethodenstudie zeigt, dass Internetreporter zwar hinsichtlich der Wirkungsrelevanz optimistisch sind, aber die Rezipienten multimediale und interaktive Webreportagen allenfalls emotionaler wahrnehmen, während sie jedoch die verarbeiteten Inhalte klassischer Printtexte besser verstehen und behalten können.
Cornelia Wolf geht in ihrem Beitrag („Zwischen Imitation und Innovation – Anwendungsoptionen und redaktionelle Aneignung von Apps im Journalismus“) der Frage nach, wie sich der Journalismus das technische und ökonomische Potenzial von Apps derzeit aneignet und sieht im Ergebnis ihrer Untersuchung das Trägheitsprinzip bei der Institutionalisierung neuer Medien im Journalismus auch für journalistische Apps bestätigt.
In seinem Beitrag („Mehr als lousy pennies? Etablierte vs. alternative Geschäftsmodelle im Online-Journalismus“) vergleicht Alexander Godulla Erlösmodelle von journalistischen Online-Auftritten in den USA und Deutschland. Hierbei kann er zeigen, dass Verlage aktuell wenig mit alternativen Erlösformen wie Social Payment experimentieren.
Zwei Beiträge beschäftigen sich mit dem digitalen Klimajournalismus. Im Kapitel „Klimawandel im Netz: Die Digitalisierung von Informationskanälen und ihre Folgen für die Öffentlichkeit“ untersuchen Corinna Oschatz, Marcus Maurer und Jörg Haßler mit Hilfe eines Multi-Methoden-Designs das komplexe Phänomen Klimawandel und dessen Online-Aufbereitung. Gerade Akteure aus Politik und Wissenschaft haben dank Internet die Möglichkeit, sich mit Informationen direkt an die Bürger zu wenden. Das wiederum führt die Autorin und die Autoren zu der spannenden Frage, ob Onlinemedien stärker zum Wissenserwerb über die Ursachen und Folgen des Klimawandels beitragen als klassische Medien. Die Rolle von Social Media im Klimajournalismus nehmen Michael Brüggemann und Sven Engesser in ihrer Studie („Skeptiker müssen draußen bleiben: Weblogs und Klimajournalismus“) unter die Lupe und kommen unter anderem zu dem Ergebnis, dass im konventionellen Klimajournalismus eine fachspezifische Blogosphäre offenbar nur wenig Gewicht habe.
Daniel Klenke und Stefan Meier gehen in ihrem Beitrag („“Through My Eye, Not Hipstamatic`s“: Befunde und Hypothesen zu (digitalen) Ästhetisierungspraktiken in der aktuellen fotojournalistischen Kriegsberichterstattung“) auf den Diskurs um Normen und Grenzen digitaler Ästhetisierungspraktiken innerhalb des Fotojournalismus ein, der infolge des Einsatzes der Smartphone-Fotografie und digitaler Filtersoftware – etwa durch den Fotojournalist Damon Winter bei seiner Fotostrecke A Grunt´s Life – ausgelöst wurde. Ihr Fazit zur neuen Art der Authentizität in der digitalen Bildlichkeit: Es steht nicht mehr allein das fotografierte Objekt im Mittelpunkt, das als indexikalische Spur ins Bild getreten ist, sondern die Produktionssituation tritt hervor, die durch das Bild initiiert wurde.
Im abschließenden dritten Abschnitt des Sammelbands befassen sich Autorinnen und Autoren mit neuen Formen und Formaten der Onlinekommunikation im privaten und öffentlichen Raum, die Anschlusskommunikation auslösen.
In ihrem Kapitel („Gemeinschaft schlägt Gesellschaft – Die vermeintliche Paradoxie des Privaten“) wollen Pepe Strathoff und Christoph Lutz zeigen, wie sich das sogenannte Privacy Paradox vor dem sozialtheoretischen Hintergrund von Ferdinand Tönnies, der Dualität von Gemeinschaft und Gesellschaft, auflösen lässt. Damit suchen sie nach einem anderen theoretischen Bezugsrahmen als dem Rational-Choice-Modell des sogenannten Privacy Calculus, wonach Internet-Nutzer die Vorteile der Datenpreisgabe höher gewichten als die Risiken.
Bernadette Kneidinger interessiert sich im Kapitel „“Social TV“ als Tor zu digitalen Öffentlichkeiten. Virtuelle Fernsehgespräche und Vergemeinschaftung durch Second Screens“ für die Frage, welche Motive hinter der Nutzung von Social TV-Angeboten stehen und inwieweit die Parallelnutzung mehrerer Bildschirme zum Alltag der Fernsehnutzer gehört. Die Ergebnisse ihrer empirischen Studie deuten darauf hin, dass der tatsächlich interaktive Austausch innerhalb der Gruppe der Fernsehzuschauer bzw. zwischen Fernsehzuschauern und -produzenten bislang noch auf eine eher kleine aktive Nutzergruppe beschränkt ist.
In ihrer Twitter-Studie („Identifikation, Messung und Interpretation von Twitter-Öffentlichkeiten am Beispiel der Europawahlen 2014“) belegen Axel Maireder und Stephan Schlögl, wie eine Strukturanalyse von Accountnetzwerken zur Beschreibung und Interpretation öffentlicher Kommunikationsprozesse auf Twitter beitragen kann. Sie zeigen dabei zudem auf, dass sich ihr Instrument auch auf andere Kontexte außerhalb des Europawahlkampfs übertragen lässt und damit auf Twitter geführte Diskurse effizient untersuchbar werden.
Marc Ziegele, Timo Breiner und Oliver Quiring kommen im Kapitel „Nutzerkommentare oder Nachrichteninhalte – Was stimuliert Anschlusskommunikation auf Nachrichtenportalen?“ auf der Basis einer experimentelle Untersuchung zu dem Schluss, dass in integrierten Öffentlichkeiten sowohl Eigenschaften der Massen- als auch der Individualkommunikation den Diskussionswert von Online-Nachrichten konstituieren. Diskussionsfaktoren in Nutzerkommentaren verursachten in drei von vier Experimenten zusätzliches (negatives) affektives Involvement, das die Bereitschaft erhöhte, auf die entsprechenden Kommentare zu antworten.
Abschließend zeigen Cornelia Brantner und Katharina Lobinger in ihrem Beitrag zur „Wahrnehmung expressiver Authentizität digitaler Selbstbilder und Selfies“ auf der Basis einer Q-Sort Studie, dass verschiedene, durchaus konträre subjektive Sichtweisen auf die Authentizität von digitalen Selbstfotografien existieren und diese insbesondere von Alter, Fotoexpertise und eigenen Bildpraktiken beeinflusst werden.
Die hier versammelten Beiträge spiegeln allesamt das weite Feld wider, das der Untersuchungsgegenstand digitale Öffentlichkeit(en) für Anschlussforschung künftig bietet.
*
Als Herausgeber dieser Anthologie und als Organisatoren der 59. DGPuK-Jahrestagung 2014 in Passau sind wir dem Vorstand unserer Fachgesellschaft für dessen tatkräftige Unterstützung bei der Ausrichtung der Konferenz sehr verbunden. Auch allen, die vorgetragen, und jenen, die teilgenommen haben, danken wir für instruktive Präsentationen und rege Diskussionen. Besondere Erwähnung verdienen ferner unsere Universitätsleitung, Verwaltung, Sekretariate, Techniker, wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie zahlreichen Studierenden, ohne deren helfenden Hände und Köpfe eine solche Veranstaltung gar nicht zu realisieren gewesen wäre. Herzlicher Dank und großes Lob gelten aber insbesondere unserer wissenschaftlichen Mitarbeiterin, Anne-Christin Hoffmann, für deren unermüdliches Engagement beim Tagungsmanagement und bei der Publikation dieses Bandes.
Passau, im Januar 2015Oliver Hahn, Ralf Hohlfeld und Thomas Knieper
Der seit Mitte der 1990er Jahre beschleunigte Medienwandel hat eine Neuausrichtung der Kommunikationswissenschaft notwendig gemacht.2 Die Theorien und Methoden des Faches sind vor allem in Auseinandersetzung mit den traditionellen Massenmedien im 20. Jahrhundert entstanden und spiegeln deren – aus heutiger Sicht – recht simplen Verhältnisse wieder: Presse und Rundfunk charakterisieren einseitige, einstufige und punktuelle Kommunikation – also nicht wechselseitige Kommunikation (Interaktion) und mehrstufige Kommunikation (Diffusion), die beide sequentiell verlaufen, d. h., die Teilnehmer beziehen sich in ihren Kommunikationsakten aufeinander, indem sie ihre Mitteilungen zurückadressieren oder übernommene Mitteilungen in andere Richtungen weiterverbreiten. Wechselseitige und mehrstufige Kommunikation erfordern die Möglichkeit des flexiblen Wechsels zwischen der Kommunikator- und Rezipientenrolle. Den traditionellen Massenmedien fehlt bekanntlich der Rückkanal, über den sich das Publikum an der öffentli chen Kommunikation beteiligen könnte, sieht man z. B. von Leserbriefen ab. Deshalb ist sequentielle Kommunikation hier auf wenige Angebotsformate (z. B. Talkshows und Interviews) beschränkt oder findet nicht-öffentlich im zeitlichen Vorfeld (im Verhältnis zwischen Quellen bzw. Public Relations und Journalismus) oder Nachfeld (in der Anschlusskommunikation des Publikums) statt. Weil die Relationen zwischen Mitteilungen bzw. zwischen Kommunikatoren in den traditionellen Massenmedien noch keinen hohen Stellenwert besaßen, blieben sie in den Theorien und Methoden der Kommunikationswissenschaft unterbelichtet. Kommunikator und Rezipient wurden, da kein Rollenwechsel stattfand, in separaten Forschungsfeldern untersucht.
Die Verkettung von Kommunikationsakten mehrerer Teilnehmer, wie sie das Internet ermöglicht, macht es nun notwendig, Relationen im zeitlichen Verlauf zu beobachten, z. B. einen Konflikt, in dem Kontrahenten Argumente austauschen und einander zu überzeugen versuchen. Diese Dynamik wurde bisher unzureichend abgebildet: In der quantitativen Inhaltsanalyse ist es üblich, die Merkmale eines Beitrags isoliert, d. h. ohne die Relationen zu anderen Beiträgen zu codieren. Anschließend werden die Beiträge im Aggregat betrachtet. Um Entwicklungen nachzuvollziehen, werden allenfalls aggregierte Daten für mehrere zeitliche Abschnitte verglichen, wie z. B. in Agenda-Setting-Studien. Idealtypische Phasenmodelle für Themenkarrieren wurden selten getestet. Dies liegt vor allem daran, dass die kontinuierliche Beobachtung von Themen mit Hilfe manuell durchgeführter Inhaltsanalysen mit einem erheblichen Aufwand verbunden ist. Erst für digitale Angebote lässt sich ein fortlaufendes Monitoring mit Hilfe von Software bewältigen.
Die Kommunikationswissenschaft steht damit vor einer methodischen und einer theoretischen Herausforderung. In methodischer Hinsicht sind Netzwerkanalysen notwendig, die mit Inhaltsanalysen kombiniert werden (z. B. Nuernbergk 2013), in denen mit Hilfe relationaler Variablen auch die Qualität der Beziehungen zwischen Mitteilungen bzw. zwischen Kommunikatoren erfasst wird. Außerdem muss die Entwicklung des Interaktionsnetzwerks im Zeitverlauf betrachtet werden. In theoretischer Hinsicht sind Theorien gefragt, die Relationen und Dynamik in der medienvermittelten, öffentlichen Kommunikation einfangen. In diesem Aufsatz soll für diese theoretische Herausforderung ein Lösungsschritt vorgeschlagen werden.
Mit der Frage, in welcher Beziehung Akteure zueinander stehen und wie sich ihre Beziehung entwickelt, hat sich bereits ein Klassiker der Soziologie, Georg Simmel (1992: 20f, Kieserling 2011: 184), befasst. Er unterschied „soziale Formen“ wie Konflikt, Konkurrenz, Kooperation und Tausch, die für ihn den Kerngegenstand des Faches bildeten. Allerdings hat er diese Formen nicht systematisiert (Schimank 2010: 211, Kieserling 2011: 196) und auch nicht historisch relativiert (Kieserling 2011: 193). In diesem Aufsatz soll die Frage beantwortet werden, wie der Medienwandel soziale Formen bestimmt. Sie werden hier – Rosa (2006: 84f) folgend – als „Interaktionsmodi“ bezeichnet. Neben der Konkurrenz, der sein Hauptinteresse gilt, nennt Rosa als weitere Modi den (antagonistischen) Konflikt, die (assoziative) Kooperation, die (traditionalistisch-ständische) Zuteilung und die (autoritär-hierarchische) Regelung. Im Folgenden wird auf drei dieser Interaktionsmodi näher eingegangen, die für medienvermittelte, öffentliche Kommunikation von besonderer Bedeutung sind: auf Konflikt, Kooperation und Konkurrenz (Tab. 1).3 Danach soll ihre Realisierung in zwei medialen Kontexten diskutiert werden: in den traditionellen Massenmedien (Abschnitt 3) und im Internet (Abschnitt 4).
Interaktionsmodi lassen sich als basale Akteurkonstellationen aus in-/direkten Beobachtungs- und Beeinflussungsbeziehungen4 zwischen zwei bzw. drei Akteuren definieren. Eine Akteurskonstellation liegt vor, sobald die „Intentionen von mindestens zwei Akteuren interferieren und diese Interferenz von den Beteiligten wahrgenommen wird“ (Schimank 2010: 202). Menschen sind aufeinander angewiesen, weil ihr Interesse an knappen Ressourcen und die Kontrolle darüber oft auseinanderfallen (Esser 1996: 342). Dabei können sie mit- oder gegeneinander versuchen, ihre jeweiligen Interessen durchzu setzen. Der erste Fall, die Kooperation, wird hier als direkte, wechselseitige Kommunikation zwischen mindestens zwei Kooperationspartnern aufgefasst, die einem gemeinsamen Zweck und/oder der gegenseitigen Unterstützung beim Erreichen individueller Ziele dient (Lewis 2006: 201-204). Im zweiten Fall rivalisieren Akteure und tragen untereinander Kämpfe aus, um ihre Interessen auch gegen Widerstreben durchzusetzen. Solche Kämpfe lassen sich danach unterscheiden, ob die Akteure direkt oder indirekt interagieren:
Treffen die Kontrahenten direkt aufeinander und streiten, dann handelt es sich um einen Konflikt. Werron (2010: 305, H. i. O.) definiert ihn als „Abfolge direkt aufeinander Bezug nehmender Gegenwidersprüche“. Ihn kennzeichnet – wie die Kooperation – eine direkte, wechselseitige Kommunikation zwischen mindestens zwei Kontrahenten (Kepplinger 1994: 219). Diese Kommunikationsformen sind mit einem hohen Koordinationsaufwand verbunden; ihre Teilnehmer- und Themenkapazität ist gering (Kieserling 1999: 32-47, Werron 2010: 312). Die Konstellation verkompliziert sich, wenn Dritte hinzutreten (Fischer 2010: 198f). Eine solche Triade ist der Fall der Konkurrenz (hier wird das Wort synonym mit Wettbewerb gebraucht). Simmel (2008: 203) definiert die Konkurrenz als indirekte Form des Kampfes, in dem man so „verfährt, als ob kein Gegner, sondern nur das Ziel“ (Simmel 2008: 204) existiere. Dabei herrsche „Konkurrenz zweier um den dritten“ (Simmel 2008: 208). Die Leistungsanbieter, z. B. Unternehmen und Parteien, setzen kommunikative „Mittel der Überredung oder Überzeugung“ (Simmel 2008: 209) ein, um die Gunst des Publikums zu gewinnen. Zwischen den Konkurrenten besteht nur eine indirekte, über das Publikum verlaufende Beziehung. Das Publikum (hier i. S. v. Leistungsempfängern in den verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen, z. B. Konsumenten und Bürger) ist der von den Konkurrenten umworbene und daher lachende Dritte (Fischer 2010: 196, Werron 2010: 308). Es beobachtet, vergleicht und bewertet die Offerten der Leistungsanbieter und trifft danach seine Auswahlentscheidung. Die Glieder des Publikums müssen weder untereinander noch mit den Konkurrenten kommunizieren. Das Publikum kann daher (muss aber nicht) in einer passiven, nur rezipierenden und selektierenden Haltung verbleiben, während die Konkurrenten kommunikativ aktiv werden und für sich werben müssen, um im Leistungsvergleich des Publikums besser abzuschneiden und bei ihm ein intendiertes Anschlusshandeln auszulösen, es z. B. zur Wahl ihrer Partei oder den Kauf ihres Produkts zu veranlassen. Auch dieses Beeinflussen kann einseitig und punktuell bleiben, d. h. ohne fortgesetzte Interaktion mit dem Publikum. Die Beschreibung der für die drei Interaktionsmodi erforderlichen Kommunikationsformen lässt bereits vermuten, dass der mediale Kontext für ihre Realisierung von erheblicher Bedeutung ist.
Tabelle 1: Vergleich der Interaktionsmodi (nach Neuberger 2014: 575)
Die idealtypisch unterschiedenen Modi Konflikt, Konkurrenz und Kooperation können sich über die basalen Konstellationen als Keimzellen hinaus in der sozialen, zeitlichen und räumlichen Dimension erweitern. Dabei nehmen die Zahl der beteiligten Akteure, die Zahl verknüpfter Interaktionsakte, ihre Gesamtdauer sowie die räumliche Verteilung der Akteure zu. Die Größe und Komplexität von Interaktions-Netzwerken wächst damit. Zu dieser Ausdehnung tragen Medien der öffentlichen Kommunikation in erheblichem Maße bei.
Die traditionellen Massenmedien Presse und Rundfunk ermöglichen in erster Linie einseitige, einstufige und punktuelle one-to-many-Kommunikation. Mangels Partizipations- und Interaktionsmöglichkeiten eignen sie sich nur begrenzt für Konflikt und Kooperation. Wechselseitige Kommunikation ist nur im kleinen Kreis vor einem Massenpublikum realisierbar, z. B. in Talkshows. Bei der Auswahl der Kommunikatoren konzentrieren sich traditionelle Massenmedien auf prominente Leistungsträger, die einen hohen Nachrichtenwert besitzen, während Leistungsempfänger zumeist auf die Rezipientenrolle beschränkt bleiben. Ihnen fehlt nicht nur ein Rückkanal zu den Medien, sondern auch der Kontakt zu den anderen Gliedern des dispersen, d. h. verstreuten Massenpublikums.
Wesentlich bessere Voraussetzungen schaffen Presse und Rundfunk für die Konkurrenz. Der Bonner Soziologe Tobias Werron hat die Ko-Evolution von Massenmedien, Journalismus und Konkurrenz in den gesellschaftlichen Teilsystemen untersucht. Auf seine Analysen, die in der Kommunikationswissenschaft bisher noch nicht aufgegriffen worden sind, stützen sich die folgenden Ausführungen: Leistungsanbieter haben relativ günstige Wirkungsvoraussetzungen, wenn sie das Publikum einseitig beeinflussen wollen. Zur „Formierung der Gunst“ (Werron 2009a: 20) müssen sie sich jedoch „den Gesetzen öffentlicher Kommunikation unterwerfen“ (Werron 2009a: 20). Traditionelle Massenmedien eignen sich in umgekehrter Richtung auch für die einseitige Beobachtung der Leistungsanbieter durch das Publikum (via Journalismus und Werbung), weil sie für ein Massenpublikum kostengünstig Informationen bereitstellen. Der professionelle Journalismus konnte mit Hilfe medialer Techniken die Vergleichshorizonte erweitern: Das Beobachten, Messen und Vergleichen von Leistungen expandierte, zugleich wurden Ergebnisse dieses Leistungsvergleichs einem immer größeren Publikum zugänglich (Wehner et al. 2012: 59-66, Passoth/Wehner 2013: 10). Telegraphie und Presse förderten schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in mehreren Dimensionen „Universalisierungsdynamiken“ (Werron 2009b: 29) des Wettbewerbs (Werron 2009a, b, Werron 2005: 266-271, Werron 2007: 388, Werron 2012: 36). Die „Telegraphie-Presse-Allianz“ (Werron 2009b: 31) war „stilbildend für eine moderne Kombination aus Echtzeitnetzwerken und statisch-narrativer Evaluation“ (Werron 2009b: 33, H. i. O.). Die Telegraphie als Technik der Nachrichtenübermittlung ermöglichte z. B., dass über eine Vielzahl von Sportwettkämpfen aktuell und gleichzeitig in der Presse berichtet werden konnte, die diese Ereignisse zusätzlich bewertete und miteinander verglich. Werron (2005: 266) hat am Beispiel des Sports die zeitliche („Der Beste aller Zeiten“), räumliche („Der Beste der Welt“) und soziale („Der Beste von allen“) Universalisierung der Konkurrenz erläutert:
In der
Zeitdimension
kam es durch Wettkampfserien zur Verdichtung und Verstetigung von Vergleichsereignissen, um die wachsende Nachfrage der Medien zu befriedigen. Das Publikum der periodisch erscheinenden Massenmedien beobachtete diese Vergleichsereignisse kontinuierlich. Beim Leistungsvergleich wurden Einzelereignisse in einen größeren zeitlichen Zusammenhang gestellt. Über Leistungen im Verlauf einer Saison wurde in Tabellen Buch geführt. Medien forcierten damit die Gleichzeitigkeit des Vergleichens durch ihre hohe Aktualität und die zeitliche Ausdehnung des Vergleichens in die Vergangenheit als eine Art kollektives Gedächtnis (Werron 2009b: 27-29).
In der
Raumdimension
trieb die immer größere Reichweite der Berichterstattung und Verbreitung der Medien die Globalisierung des Vergleichens voran. Lokale Ereignisse wurden in einen immer größeren räumlichen Vergleichshorizont gestellt. Im Sport differenzierten sich Vergleichsebenen heraus, die von der Kreisklasse über nationale Ligen bis zur Weltmeisterschaft reichen (Werron 2009b: 29, Heintz 2010: 167).
In der
Sozialdimension
weiteten Medien den Beobachterkreis von einem überschaubaren Präsenz- zu einem massenhaften Medienpublikum aus. Der Leistungsvergleich findet in den Massenmedien vor und in einem unabgeschlossenen, als Fiktion wirksamen Publikum statt, um dessen Gunst geworben wird (Werron 2009a: 16f, 20, Werron 2010: 309f).
Der professionelle Journalismus hat also mit Hilfe der traditionellen Massenmedien zur zeitlichen, räumlichen und sozialen Universalisierung der Konkurrenz im Sportsystem beigetragen. Eine ähnliche Ko-Evolution zwischen Teilsystemen, Massenmedien und Journalismus liegt auch für andere Teilsysteme nahe.
Allerdings bieten auch die traditionellen Massenmedien nicht in jeder Hinsicht optimale Bedingungen für Konkurrenz: Den Anbietern bleibt der Blick auf das Publikum weitgehend versperrt, weshalb er sich mit einer operativen Fiktion behelfen muss (Werron 2009a: 16f, 20, Werron 2010: 309f). Dafür gibt es zwei Ursachen: Erstens führt die allgemeine Zugänglichkeit der Öffentlichkeit dazu, dass das Publikum stets unabgeschlossen ist. Die Fiktionalität wird zweitens dadurch gesteigert, dass auch das tatsächliche Publikum für die Leistungsträger weitgehend intransparent bleibt. Deshalb bemühen sie sich, über den Umweg der Marktforschung das Publikum besser in den Blick zu bekommen. Dennoch bleibt ein erhebliches Maß an Unbekanntheit und Unberechenbarkeit des Publikums, was jedoch funktional ist, da sie Leistungsanbieter zu besonderen Anstrengungen nötigen. Sie erzeugen zumindest einen „öffentlichen Zwang zur Simulation von Sachlichkeit und Leistungsbereitschaft“ (Werron 2009a: 25), um den unterstellten Erwartungen des fiktiven Publikums gerecht zu werden.5 Das Publikum profitiert davon, dass es „systematisch überschätzt“ wird. Deshalb ist das Publikum ein „versteckter Dritter, der in diesem Sinne am meisten zu lachen hat“ (Werron 2009a: 25, H. i. O.).
Das Internet erleichtert wechselseitige und mehrstufige, d. h. sequentielle Kommunikation, wie sie Konflikt und Kooperation erfordern, und es ermöglicht eine breitere Beteiligung des Publikums in der Kommunikatorrolle (Partizipation). Im Internet steigt deshalb nicht nur die Relevanz von Konflikt und Kooperation im Verhältnis zu anderen Interaktionsmodi, sondern es fördert auch ihre zeitliche, räumliche, soziale und sachliche Universalisierung. Es verfügt nämlich u. a. über das Potenzial, Mitteilungen zu archivieren (zeitlich), global zu verbreiten (räumlich), Mitteilungen einer Vielzahl von Kommunikatoren zu verknüpfen, z. B. durch Hyperlinks und Retweets, ohne dass darunter die Kohärenz der Interaktion leiden müsste (sozial), und das Themenspektrum auszuweiten, wenn jeder nach eigenem Interesse Themen selektieren kann (sachlich).
Die Möglichkeit, an Konflikten teilzunehmen, hat sich im Internet wesentlich verbessert: Konsumenten, Bürger und andere Leistungsempfänger können ihre Kritik relativ ungehindert öffentlich artikulieren. Damit steht ihnen neben der konkurrenzspezifischen Exit-Reaktion (z. B. bei Konsumentscheidungen oder politischen Wahlen) auch die konfliktspezifische Voice-Reaktion zur Verfügung. Allerdings stellt sich die Frage, in welchem Maße in teilnehmeroffenen Konflikten Respekt, Kohärenz und andere deliberative Qualitätskriterien verwirklicht werden können (z. B. Dahlberg 2004, Rucht et al. 2008, Freelon 2010, Gerhards/Schäfer 2010).
Kooperationen waren in der Vor-Internet-Ära in der öffentlichen, medienvermittelten Kommunikation kaum relevant, weil sie noch nicht – wie heute z. B. im Fall der Wikipedia (Stegbauer 2009) – mit großer Teilnehmerzahl sowie zeit- und raumunabhängig realisierbar waren. Benkler (2011: 11) behauptet sogar, dass es historisch eine Abwendung von Kontrolle und Konkurrenz (sowie dem damit verbunden Bild des selbstsüchtigen, egoistischen Menschen) und eine Hinwendung zur Kooperation gegeben habe, gefördert u. a. durch das Internet (Benkler 2011: 23). Studien befassen sich mit den Motiven der Kooperationsbereitschaft (Stegbauer 2009, Benkler 2011, Nowak 2011), der Qualitätssicherung (McIntosh 2008, Sunstein 2009) sowie geeigneten Formaten und Regeln (Walther/Bunz 2005, Bos et al. 2007, Sohn/Leckenby 2007, Benkler 2011: 238-247).
Die große Herausforderung des Internets besteht darin, für wechselseitige Kommunikation – sei es für Konflikt oder Kooperation – geeignete Formate und Regeln zu finden, die einerseits die Beteiligung einer relativ großen Zahl an Kommunikatoren erlauben bzw. zur Teilnahme motivieren, andererseits aber auch die Qualitätserwartungen an den Verlauf und das Ergebnis sicherstellen.6
Auch der Konkurrenz eröffnet das Internet neue Möglichkeiten. Dass einseitige Beobachtungs- und Beeinflussungsbeziehungen in der Medienöffentlichkeit nicht mehr so stark dominieren, zeigt sich z. B. im Wirtschaftssystem. Dort galt bisher die Konkurrenz als wichtigster Interaktionsmodus. Im Internet wird die Konkurrenz durch Konflikt und Kooperation flankiert: Leistungsempfänger kooperieren, wenn sie untereinander Erfahrungen austauschen oder sich zu Protesten gegen Leistungserbringer zusammenschließen. Mit der Kritik, die sie dabei üben, treten sie in Konflikte mit den Leistungsanbietern ein. Damit verlassen Konsumenten ihre passive Beobachterrolle. Weil sie sich sowohl bei der Kooperation untereinander als auch mit ihrer Kritik, die sie an Leistungserbringer adressieren, öffentlich exponieren, werden sie aber zugleich für Leistungsanbieter besser beobachtbar (Wendelin 2014). Im Internet wird für sie das Publikum transparenter, weil seine Kommentare und die Datenspuren, die das Nutzerverhalten hinterlässt, gesammelt und ausgewertet werden können. Allerdings ändert sich nichts daran, dass das Publikum unabgeschlossen ist und damit sein Verhalten nur in Grenzen kalkulierbar ist. Im Gegenteil: Reaktionen des nun aktiven Publikums können weitaus gravierender sein als in der Vergangenheit. In der Gegenrichtung gewinnt auch das Publikum einen besseren Überblick über die konkurrierenden Leistungsangebote, weil es effizienter vergleichen und dabei auch auf Erfahrungen anderer Konsumenten zurückgreifen kann. Beidseitig wächst also die Transparenz(-vermutung), worauf wiederum reagiert wird, z. B. durch die Manipulation von Konsumenten-Äußerungen seitens der Unternehmen oder durch Proteste gegen das Datensammeln.
Der Journalismus verliert im Internet zum Teil seine Rolle als vermittelnder Dritter, weil er nicht mehr notwendig zwischen Trägern von Leistungs- und Publikumsrollen stehen muss, sondern umgangen werden kann (Disintermediation). Das Publikum kann deshalb unmittelbar mit den Leistungsträgern und deren persuasiven Botschaften konfrontiert sein. Allerdings entstehen auch neue Intermediäre, die den besonderen Bedingungen des Internets angepasst sind. Dabei treten neben professionellen Vermittlern auch partizipative und technische Vermittler auf. Im Prozess der Institutionalisierung des Internets haben sich auch spezialisierte Angebotsformate herausgebildet, die für einen bestimmten Interaktionsmodus günstige Bedingungen schaffen sollen: Für Konflikte sind dies z. B. Diskussionsforen, für Kooperationen „virtuelle Gemeinschaften“ und für Konkurrenzen Vergleichsportale. Es ist aber noch weitgehend offen, wie solche Interaktionsrahmen optimal zu gestalten wären.
Mit Hilfe von Interaktionsmodi lassen sich die Konstellationen zwischen Akteuren typisieren, die an medienvermittelter, öffentlicher Kommunikation beteiligt sind. Sie helfen, die Relationen zwischen Akteuren bzw. ihren Mitteilungen sowie die Dynamik von Interaktionen systematisch zu erfassen. Traditionelle Massenmedien schufen zunächst die Möglichkeit der einseitigen Beobachtung für ein Massenpublikum und dessen einseitiger Beeinflussung. Dies förderte vor allem Konkurrenzbeziehungen und deren Universalisierung. Das Internet besitzt das technische Potenzial für einen flexiblen Wechsel zwischen der Kommunikator- und Rezipientenrolle sowie für die Beteiligung einer großen Zahl von Akteuren in der Kommunikatorrolle. Es unterstützt damit wechselseitige und mehrstufige, d. h. sequentielle Kommunikation, die für Konflikte und Kooperationen charakteristisch ist. Der Medienwandel hat also die Bedingungen für Interaktionsmodi verändert, was zu einem Wandel der Beziehungen zwischen Leistungsträgern und -empfängern in den diversen gesellschaftlichen Teilsystemen beigetragen hat. Diese Ko-Evolution genauer zu analysieren, ist Aufgabe künftiger Studien. Neben dieser langfristigen Makroperspektive wären in einer kurzfristigen Mikroperspektive Verlaufsmuster für Konkurrenz, Konflikt und Kooperation zu bestimmen und zu erklären. Auf der Mesoebene wäre schließlich zu prüfen, wie Angebote und Formate Akteurskonstellationen prägen.
Benkler, Y. (2011): The Penguin and the Leviathan. How Cooperation Triumphs over Self-Interest. New York: Crown Business.
Bos, N./Zimmerman, A./Olson, J./Yew, J./Yerkie, J./Dahl, E./Olson, G. (2007): From shared databases to communities of practice: A taxonomy of collaboratories. In: Journal of Computer-Mediated Communication 12(2), 652–672.
Dahlberg, L. (2004): Net-public sphere research: Beyond the »First Phase«. In: Javnost – The Public 11(1), 27–44.
Esser, H. (1996): Soziologie. Allgemeine Grundlagen. 2., durchgesehene Auflage, Frankfurt a. M./New York: Campus.
Fischer, J. (2010): Der lachende Dritte. Schlüsselfigur der Soziologie Simmels. In: Eßlinger, E./Schlechtriemen, T./Schweitzer, D./Zons, A. (Hrsg.): Die Figur des Dritten. Ein kulturwissenschaftliches Paradigma. Berlin: Suhrkamp, 193–207.
Freelon, D. G. (2010): Analyzing online political discussion using three models of democratic communication. In: New Media & Society 12(7), 1172–1190.
Gerhards, J./Schäfer, M.S. (2010): Is the internet a better public sphere? Comparing old and new media in the USA and Germany. In: New Media & Society 12(1), 1–18.
Heintz, B. (2010): Numerische Differenz. Überlegungen zu einer Soziologie des (quantitativen) Vergleichs. In: Zeitschrift für Soziologie 39(1), 162–181.
Kepplinger, H. M. (1994): Publizistische Konflikte. Begriffe, Ansätze, Ergebnisse. In: F. Neidhardt (Hrsg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen (= Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 34). Opladen: Westdeutscher Verlag, 214–233.
Kieserling, A. (1999): Kommunikation unter Anwesenden. Studien über Interaktionssysteme. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Kieserling, A. (2011): Simmels Sozialformenlehre: Probleme eines Theorieprogramms. In: Tyrell, H./Rammstedt, O./Meyer, I. (Hrsg.): Georg Simmels große »Soziologie«. Eine kritische Sichtung nach hundert Jahren. Bielefeld: Transcript, 181–208.
Lewis, L. K. (2006): Collaborative interaction: Review of communication scholarship and a research agenda. In: Beck, C. S. (Hrsg.): Communication Yearbook 30. Mahaw, NJ/London: Lawrence Erlbaum, 197–247.
McIntosh, S. (2008): Collaboration, consensus, and conflict. Negotiating news the wiki way. In: Journalism Practice 2(2), 197–211.
Neuberger, C. (2014): Konflikt, Konkurrenz und Kooperation: Interaktionsmodi in einer Theorie der dynamischen Netzwerköffentlichkeit. In: Medien & Kommunikationswissenschaft 62(4), 567–587.
Nowak, M. (2011): Super Cooperators. Evolution, Altruism and Human Behaviour or Why We Need Each Other to Succeed. With R. Highfield. Edinburgh, London, New York/Melbourne: Canongate.
Nuernbergk, C. (2013): Anschlusskommunikation in der Netzwerköffentlichkeit. Ein inhalts- und netzwerkanalytischer Vergleich der Kommunikation im »Social Web« zum G8-Gipfel von Heiligendamm. Baden-Baden: Nomos.
Passoth, J.-H./Wehner, J. (2013): Quoten, Kurven und Profile – Zur Vermessung der sozialen Welt. Einleitung. In: Passoth, J.-H./Wehner, J. (Hrsg.): Quoten, Kurven und Profile. Zur Vermessung der sozialen Welt. Wiesbaden: Springer VS, 7–23.
Rosa, H. (2006): Wettbewerb als Interaktionsmodus. Kulturelle und sozialstrukturelle Konsequenzen der Konkurrenzgesellschaft. In: Leviathan 34(1), 82–104.
Rucht, D./Yang, M./Zimmermann, A. (2008): Politische Diskurse im Internet und in Zeitungen. Das Beispiel Genfood. Wiesbaden: VS.
Schimank, U. (2010): Handeln und Strukturen. Einführung in die akteurtheoretische Soziologie. 4., völlig überarbeitete Auflage, Weinheim/München: Juventa.
Simmel, G. (1992): Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Simmel, G. (2008[1903]): Soziologie der Konkurrenz. In: Simmel, G.: Individualismus der modernen Zeit und andere soziologische Abhandlungen. Ausgewählt und mit einem Nachwort von O. Rammstedt. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 202–224.
Sohn, D./Leckenby, J. D. (2007): A structural solution to communication dilemmas in a virtual community. In: Journal of Communication 57(3), 435–449.
Stegbauer, C. (2009): Wikipedia. Das Rätsel der Kooperation. Wiesbaden: VS.
Sunstein, C. R. (2009): Infotopia. Wie viele Köpfe Wissen produzieren. Aus dem Amerikanischen von R. Celikates und E. Engels. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Walther, J.B. /Bunz, U. (2005): The rules of virtual groups: Trust, liking, and performance in computer-mediated communication. In: Journal of Communication 55(4), 828–846.
Wehner, J./Passoth, J.-H./Sutter, T. (2012): Gesellschaft im Spiegel der Zahlen – Die Rolle der Medien. In: F. Krotz/Hepp, A. (Hrsg.): Mediatisierte Welten. Forschungsfelder und Beschreibungsansätze. Wiesbaden: Springer VS, 59–86.
Wendelin, M. (2014): Transparenz von Rezeptions- und Kommunikationsverhalten im Internet. Theoretische Überlegungen zur Veränderung der Öffentlichkeitsdynamiken zwischen Journalismus und Publikum. In: Loosen, W./Dohle, M. (Hrsg.): Journalismus und (sein) Publikum. Schnittstellen zwischen Journalismusforschung und Rezeptions- und Wirkungsforschung. Wiesbaden: Springer VS, 73–89.
Werron, T. (2005): Der Weltsport und sein Publikum. Weltgesellschaftstheoretische Überlegungen zum Zuschauersport. In: Heintz, B./Münch, R./Tyrell, H. (Hrsg.): Weltgesellschaft. Theoretische Zugänge und empirische Problemlagen (= Sonderheft der Zeitschrift für Soziologie). Stuttgart: Lucius & Lucius, 260–289.
Werron, T. (2007): Publika. Zur Globalisierungsdynamik von Funktionssystemen. In: Soziale Systeme 13(1–2), 381–394.
Werron, T. (2009a): Zur sozialen Konstruktion moderner Konkurrenzen. Das Publikum in der »Soziologie der Konkurrenz« (= Working Paper, WP 05/09). Luzern: Soziologisches Seminar, Kultur- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Universität Luzern.
Werron, T. (2009b): Der Weltsport und seine Medien. In: Axster, F./Jäger, J./Sicks, K./Stauff, M. (Hrsg.): Mediensport. Strategien der Grenzziehung. München: Fink, 23–42.
Werron, T. (2010): Direkte Konflikte, indirekte Konkurrenzen. Unterscheidung und Vergleich zweier Formen des Kampfes. In: Zeitschrift für Soziologie 39(4), 302– 318.
Werron, T. (2012): Kontingenz in Serie. Zur ‚Spannung‘ des modernen Sports. In: Körner, S. (Hrsg.): Die Möglichkeit des Sports. Kontingenz im Brennpunkt sportwissenschaftlicher Analysen. Bielefeld: Transcript, 25–48.
1 Mein Dank gilt Ines Engelmann, Andreas Hepp, Sonja Kretzschmar, Manuel Wendelin und den Panelteilnehmern auf der Passauer DGPuK-Tagung für ihre hilfreiche Kritik zur Weiterentwicklung des Vortrags.
2 Da diese Standortbestimmung der Kommunikationswissenschaft sehr allgemein gehalten ist, wird in diesem einführenden Abschnitt auf Einzelbelege weitgehend verzichtet.
3 Als ausführliche Darstellung und Diskussion vgl. Neuberger (2014: 573-575).
4 Schimank (2010: 202) unterscheidet Beobachten und Beeinflussen als Arten der Handlungsabstimmung. Unter „Beobachten“ versteht er, dass ein Akteur aus der Wahrnehmung seiner Umwelt Schlüsse zieht, um sein Handeln anzupassen (Schimank 2010: 226-235). „Beeinflussen“ bedeutet den „gezielten Einsatz von Einflusspotenzialen wie Macht, Geld, Wissen, Emotionen und moralische Autorität“ (Schimank 2010: 202), um den Handlungsspielraum eines Gegenübers einzuschränken und eine beabsichtigte Wirkung zu erzielen (Schimank 2010: 267-279). Beobachten wird hier mit Rezeption, Beeinflussen mit Kommunikation gleichgesetzt.
5 Das Publikumsbild beruht auf Unterstellungen, z. B. der Unterstellung der allgemeinen und gleichzeitigen Informiertheit (Werron 2007: 387, Werron 2009a: 28). Es besteht immer das Risiko, dass sich eine – wenn auch noch so kleine – Zahl von Experten im Publikum befindet, die Leistungen kompetent bewerten kann und öffentlich Kritik übt, wenn sie unzufrieden ist (Werron 2009a: 24f).
6 Weniger anspruchsvoll sind die Anforderungen, die mehrstufige Kommunikation stellt: Diffusionsprozesse können parallel und unkoordiniert in unterschiedliche Richtungen verlaufen. Gerade im Internet kann häufig beobachtet werden, wie sich Mitteilungen auf dezentralen Wegen im weltweiten Netzwerk rasch verbreiten.
Ausgangspunkt der folgenden konzeptionellen Überlegungen sind die zum Teil massiven Verschiebungen der Medienumgebungen, die sich in den letzten Jahren im Zuge der Digitalisierung und der damit verbundenen technischen Konvergenz der Übertragungswege und Endgeräte sowie der Ausdifferenzierung der Medien- und Kommunikationsdienste beobachten lassen (Couldry 2012, Deuze 2011, Napoli 2011). Diese Verschiebungen werden intensiv im Hinblick auf ihre Konsequenzen für die kommunikativen Grundlagen der Gesellschaft und einen erneuten „Strukturwandel von Öffentlichkeit“ (Münch/Schmidt 2005) diskutiert (siehe auch Gripsrud 2009). Der vorliegende Beitrag greift diese Entwicklungen auf, indem er „digitale Öffentlichkeit(en)“ in den Fokus rückt und einen konzeptionellen Zugang zur empirischen Analyse des Wandels von Öffentlichkeiten entwickelt.
Gesellschaftlicher Wandel wird oft anhand der für die betreffende Zeit als typisch angesehenen Formationen von Publika, also der Grundstrukturen von Öffentlichkeiten charakterisiert. Die Massengesellschaft sah man geprägt durch die den Großteil der Bevölkerung einschließenden Publika massenmedialer Angebote, die Zielgruppen- bzw. Erlebnisgesellschaft durch die Publika von fein auf bestimmte Lebensstile ausgerichteten Zielgruppenangeboten, die Netzwerkgesellschaft durch die vernetzte Individualität der Nutzerinnen und Nutzer von Onlinediensten. Dies verweist darauf, dass an Prozessen öffentlicher Kommunikation, durch die sich – auf unterschiedlichen Ebenen, z. B. lokal, regional, national, supranational oder translokal – Öffentlichkeiten konstituieren, neben institutionalisierten Kommunikatoren, den von ihnen hergestellten Kommunikationsangeboten und den verschiedenen Akteuren des intermediären Systems (Jarren/Steiner 2009) maßgeblich auch die Mediennutzerinnen und -nutzer beteiligt sind: Erst im kommunikativen Handeln derjenigen, die, primär in einer Publikumsrolle und in der Regel vermittelt über mediale Angebote, mit den Aussagen institutionalisierter Kommunikatoren in Kontakt kommen und sich darüber auf die eine oder andere Weise mit Anderen austauschen und verständigen, konstituieren sich Öffentlichkeiten.
Vor diesem Hintergrund greift dieser Beitrag das Thema der digitalen Öffentlichkeiten aus der Perspektive der Nutzungsforschung auf. Vorgestellt wird ein konzeptioneller Ansatz, mit Hilfe dessen untersucht werden kann, wie sich die Mitglieder digitalisierter Gesellschaften an öffentlicher Kommunikation beteiligen und welche Konsequenzen dies für die kommunikativen Figurationen von Öffentlichkeiten hat.
Die Mediennutzungsforschung sieht sich angesichts der zunehmenden Crossmedialität (Schrøder 2011) und der technischen Konvergenz (Dwyer 2010) und der damit verschwimmenden Grenzen zwischen Mediengattungen und Plattformen sowie zwischen Massen- und Individualkommunikation vor erhebliche Herausforderungen gestellt (Bjur et al. 2014). Die bisher maßgeblichen Kategorien der Nutzungsforschung waren vornehmlich auf konkrete, untereinander abgrenzbare Mediengattungen und Angebotsformen bezogen, Mediennutzung wurde als Fernsehen, Radiohören, Zeitunglesen oder Onlinenutzung erfasst und beschrieben. Die verschwimmenden Grenzen zwischen den verschiedenen Medien wie auch die Ausdifferenzierung zahlreicher medialer Mischformen stellen die bisherigen Kategorien der Nutzungsforschung zunehmend in Frage. In Reaktion auf diese Herausforderung wurde in den letzten Jahren verschiedentlich für einen repertoireorientierten Ansatz der Mediennutzungsforschung plädiert (Hasebrink/Popp 2006, Schrøder/Larsen 2010, Taneja et al. 2012, Bjur et al. 2014, Hasebrink 2014). Gemeinsam ist diesen Arbeiten, dass sie die Gesamtheit aller Medienangebote, die sich Individuen zusammenstellen, in den Blick nehmen; die klassische medienzentrierte Fragestellung der reichweitenorientierten Nutzungsforschung – welche Publika erreicht ein bestimmtes Medienangebot? – wird hier ersetzt durch eine nutzerzentrierte Fragestellung: Welche Medienangebote stellt sich ein Individuum im Zuge seines Alltagshandelns zusammen?
Der repertoireorientierte Ansatz ist durch drei Prinzipien gekennzeichnet (Hasebrink 2014), die ihm im Hinblick auf die Herausforderungen digitalisierter Medienumgebungen besondere Erklärungskraft geben: Erstens erscheint es angesichts der Unübersichtlichkeit der neuen Medienumgebungen, der schieren Masse an verfügbaren Informationsangeboten und der medialen Durchdringung des Alltags angebracht, bei der Untersuchung der Mediennutzung nicht von einzelnen Angeboten, sondern von den Mediennutzern selbst auszugehen (Prinzip der Nutzerperspektive); maßgeblich ist, welche Angebote die Nutzer als für sich selbst sinnvoll wahrnehmen und aus der Fülle des Verfügbaren auswählen und zu einem Bestandteil ihres Medienrepertoires machen. Zweitens kann nur ein medienübergreifender Ansatz der zunehmenden Konvergenz und Crossmedialität heutiger Medienumgebungen gerecht werden (Prinzip der Ganzheitlichkeit); die Übergänge zwischen verschiedenen Mediengattungen und Angebotsformen werden fließend, weshalb es zunehmend nötig wird, die Gesamtheit der genutzten Medienangebote in den Blick zu nehmen. Und drittens lenkt der repertoireorientierte Ansatz den Blick auf die wechselseitigen Beziehungen zwischen den Bestandteilen von Medienrepertoires (Prinzip der Relationalität); die genutzten Einzelangebote erhalten erst durch ihre Stellung im Gesamtrepertoire, durch ihre Beziehungen zu den anderen genutzten Angeboten ihren Sinn.
Bisherige Arbeiten, die diesem Ansatz zuzuordnen sind, konzentrierten sich auf die medialen Angebote, die sich die Individuen zusammenstellen; insofern war dort von Medienrepertoires die Rede. Diese Perspektive ist zu erweitern, da angesichts der technischen Konvergenz die Grenzen zwischen öffentlicher und interpersonaler Kommunikation bzw. zwischen medienvermittelter und direkter Kommunikation fließend werden. An dieser Stelle soll daher das weitergehende Konzept des Kommunikationsrepertoires in den Mittelpunkt gerückt werden: In erster Annäherung sind darunter alle medialen und nicht-medialen kommunikativen Handlungen des Individuums zu verstehen, mit denen dieses sich zu Anderen und zur Welt in Beziehung setzt.
Das Konzept knüpft an die praxeologische Perspektive in der Kommunikationswissenschaft, die die Einbettung kommunikativer Praxen in soziale Handlungskontexte betont (Weiß 2001, Paus-Hasebrink 2013). Es wird angenommen, dass sich die Gesamtheit der kommunikativen Praxen eines Individuums, wie sie sich aus den jeweils gegebenen Handlungsoptionen, Handlungsentwürfen und Handlungskompetenzen ergeben, in einem für bestimmte Lebensphasen stabilen Muster kommunikativer Bezugnahme auf verschiedene Bezugspersonen und -gruppen niederschlägt, welches sich als Kommunikationsrepertoire des Individuums beschreiben lässt. Kommunikationsrepertoires beziehen sich also auf eine bestimmte Beschreibungsebene kommunikativer Praxen, die an beobachtbaren Handlungsaspekten – nämlich medienvermittelten und nicht-medienvermittelten Kontakten mit verschiedenen Bezugsgruppen – ansetzt und daher Anknüpfungspunkte für empirische Zugänge bietet.
