Digitalisierung -  - E-Book

Digitalisierung E-Book

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Beschreibung

Digitale Technologien haben heute nahezu jeden Lebensbereich durchdrungen und das verfügbare Repertoire materieller, symbolischer und praxisbezogener Formen sichtbar verändert. Für die kulturanalytische Forschung stellt sich damit die Frage nach theoretischen und konzeptuellen Zugängen, die geeignet sind, diese Veränderungen angemessen zu erfassen und für die empirische Forschung zu erschließen. Der vorliegende Band stellt verschiedene Ansätze vor, welche die spezifischen Dimensionen digitaler Kultur thematisieren. Er offeriert Zugangsweisen für die empirische kulturanalytische Erforschung digitaler Kulturen, die wiederum notwendig ist, um ein differenziertes Bild von der Digitalisierung als einem kulturellen Phänomen zu entwickeln und um zur weiteren Theoriebildung beizutragen. Der Band richtet sich an Studierende und Wissenschaftler der Kulturanthropologie, Soziologie, Medienwissenschaft, der Science and Technology Studies und anderen empirisch arbeitenden Sozial- und Geisteswissenschaften._

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Seitenzahl: 661

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

Gertraud Koch

Einleitung: Digitalisierung als Herausforderung der empirischen Kulturanalyse

1 Kodierte Kultur

Carsten Ochs

Kulturtechnik, Praxis, Programm: Begriffsinventar zur Erforschung der Anthropo-Logik der Digitalisierung

Robert Willim

Das unvollständige Imaginäre

Isto Huvila

Archiv

Gertraud Koch

Ethnografie digitaler Infrastrukturen

2 Doing digital culture

Luis Felipe R. Murillo und Christopher Kelty

Hacker und Hacken

Christian Schönholz

»Jede Kopie ein Original!« Aspekte eines kulturellen Größenverhältnisses

Joan Kristin Bleicher

Mashup-Kategorien und ihre Erscheinungsformen

Katharina E. Kinder-Kurlanda

Big Data

3 Weltzugänge – digital rekonfiguriert

Nishant Shah

Von der Userschnittstelle zur Schnittstelle ohne User: auf der Suche nach der Schnittstelle für das Internet der Dinge

Katharina E. Kinder-Kurlanda und Daniel Boos

Ubiquitous Computing und das Internet der Dinge

Ina Dietzsch und Daniel Kunzelmann

Kartieren und rechnende Räume. Zur Digitalisierung einer Kulturtechnik

Gertraud Koch

Augmented Realities

4 Kulturkonzepte »revisited«

Andreas Wittel

Die Politische Ökonomie digitaler Technologien als neues Forschungsfeld

Anne Dippel und Sonia Fizek

Ludifizierung von Kultur. Zur Bedeutung des Spiels in alltäglichen Praxen der digitalen Ära

Alexander Schwinghammer

Anthropologie des Medialen

Clemens Apprich und Götz Bachmann

Mediengenealogie: zurück in die Gegenwart digitaler Kulturen

Autorinnen und Autoren

Einleitung: Digitalisierung als Herausforderung der empirischen Kulturanalyse

Gertraud Koch

»To some extent our culture is becoming so thoroughly digital that the term digital culture risks becoming tautological.«

Charlie Gere 2008

1 Kultur digital – Kultur analog

Unabhängig von dem Stellenwert, den man der Digitalisierung hinsichtlich der Kulturalität der Computerisierung letztlich zuschreibt, ist diese zunächst einmal ein technischer Terminus, der die Umwandlung von analogen in diskrete Daten bezeichnet, also in Werte innerhalb eines gestuften Wertesystems beziehungsweise -Vorrats, die klar voneinander abtrennbar sind. Die Digitalisierung als Prinzip ist somit nicht zwangsläufig an den Computer gebunden, sondern war bereits in anderen alphanumerischen Formaten, wie etwa im Morsealphabet oder dem Fernschreiber und anderen auf analogen Technologien basierenden Kommunikationsformen, realisierbar. Und umgekehrt, auch der Computer ist ohne Digitalisierung möglich und war bereits analog als Röhrencomputer umgesetzt.

Was Digitalisierung für Kultur und Soziales bedeutet, darüber herrscht keinesfalls Einigkeit. Nicht jeder wird in den Tenor des Eingangszitates einstimmen, dass die Digitalisierung als eine grundlegende Entwicklung anzusehen ist, die einen signifikanten Einschnitt für die Kultur markiert, welche hier im Sinne eines breiten Kulturbegriffs die Praxen, Deutungen und Materialitäten des Alltagslebens meint – einen Einschnitt, der so bedeutsam ist, dass tatsächlich neue kulturanalytische Zugänge notwendig werden. Vielfach wird die Digitalisierung eher als Teil der Computerisierung und damit einfach als ein weiterer Schritt in der Medienentwicklung betrachtet, der entsprechend mit herkömmlichen kulturanalytischen Mitteln aufgegriffen und fortgeführt werden kann, ohne dass grundlegend neue theoretische und konzeptuelle Zugänge notwendig wären (Horst/Miller 2012).

Zweifel und Fragen werden insbesondere auch im Hinblick darauf geäußert, dass es in der Summe der verschiedenen Entwicklungen, die dazu beigetragen haben, dass die Computertechnologie in der heutigen Form und ubiquitären Anwendbarkeit entstehen konnte, ausgerechnet die Digitalisierung jenes signifikante Element sein solle. Dabei wird argumentiert, dass damit die Berechenbarkeit und Regelhaftigkeit das Eigentliche sei, was den Weltzugang mittels Computer ausmache und es damit dann der Algorithmus wäre, der das Kernstück der Computerisierung bildete. Ähnlich wie die Digitalisierung steht auch der Algorithmus in einer langen ideengeschichtlichen Tradition, die weit in die Geschichte des Homo Sapiens zurückreicht (Heintz 1993). Selbst aus Sicht der informatischen Technikentwicklung sind Potenziale und Bedeutung der Digitalisierung keinesfalls unumstritten. Die Kybernetik, als Grundlagenwissenschaft für die Entwicklung des Computers, stritt in den 1940er und 1950er-Jahren über die Bedeutung des Digitalen und seine Reichweite, auch im Hinblick darauf, inwieweit dies die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns sei. Denn wie sonst, sollten seine Fähigkeiten im Umgang mit Komplexität erklärt werden können, so die Auffassung des Computerarchitekten John von Neumann (Pias 2004)? Dabei ist zunächst festzuhalten, dass das Digitale in der Regel als Gegensatz zum Analogen konstruiert wird und beide als wechselseitig ineinander überführbar gelten. Allerdings zeigen die nähere Betrachtung und die Debatten der Kybernetiker, dass das Analoge nicht durchgängig als Akronym gegenübergestellt werden kann. So werden in der Dichotomie analog/digital beispielsweise Momente des Kontinuums oder des wechselseitig aufeinander bezogen Seins sichtbar (Schröter 2004), etwa wenn digitale Morsezeichen über analoge Sendekanäle geschickt werden. Oder aber Analoges sperrt sich gänzlich gegen eine solche Opposition, so wie der Tod, der von dem amerikanischen Philosophen John Haugeland als schlicht nicht überführbar in digitale Zustände angeführt wird, allenfalls in digitalen Medien repräsentiert werden kann (Haugeland 1981).

Die Diskussion um die Unterscheidbarkeit von analog und digital wird dabei eine, die innerhalb der Kybernetik weniger epistemologisch als schließlich praktisch durch den Siegeszug des Von-Neumann-Computers zugunsten des Digitalen gelöst wird,

»innerhalb derer Home- und Personal-Computer zur standardisierten Handelsware wurden und millionenfach digitale Texte, Bilder und Klänge entstanden, die noch einmal ganz andere theoretische Fragen anlocken als die wenigen proprietären Großgeräte der kybernetischen Grundlagenphase« (Pias 2004: 309).

Auch wenn es wohl als Illusion gesehen werden muss, dass Computer ausschließlich digital funktionierten, so sind doch die weiteren Überlegungen dazu interessant, was die Merkmale des Konzeptes »Digitalität« charakterisieren könne und damit als für die Kulturanalyse relevante Bezugspunkte anzusehen sind.

Insofern ist es dann die Von-Neumann-Rechnerarchitektur, die zum Standard wird und damit auch Digitalität als Prinzip in der Computertechnologie durchsetzt. Entsprechend denken die informationsverarbeitenden Wissenschaften in den 1960er-Jahren und weit darüber hinaus intensiv über Verfahren zur Umwandlung von analogen in digitale und digitalen in analoge Daten nach (Brennan/Linebarger 1964, Forgacs/Warnick 1967, Hoeschele 1968, Nguyen et al. 1996).1 Für die Informatik selbst scheint die Digitalisierung im Rückblick allerdings nicht zu den zentralen Paradigmen der Computerentwicklung zu gehören. Zumindest spielt dies für die Scientific Community in Deutschland, in deren Selbstreflexion zur Sozialgeschichte des Computers, keine nennenswerte Rolle, sondern rückt im Zusammenhang mit der Von-Neumann-Rechnerarchitektur eher mittelbar in den Blick (Hellige 1994). Ohne die Digitalisierung wäre der Computer in seiner heutigen Form nicht denkbar und umgekehrt ist erst mit dem Computer und seinen binären Codes die rasante Verbreitung und Anwendung des Digitalen als einem Modus der Berechenbarkeit möglich geworden. Die Speicherung und Verarbeitung von digitalen Daten bildet die Basis heutiger Computer, sodass Computerentwicklung und Digitalisierung im Allgemeinverständnis synonym gebraucht werden und mehr noch die Digitalisierung zum Sinnbild insgesamt geworden ist (Schröter/Böhnke 2004).

Wie sehr sich diese kybernetischen Ideen im Kontext der Computerentwicklung in das allgemeine Verständnis eingeschrieben haben, wird vielleicht daran am deutlichsten, dass dieses Nachdenken über analoge und digitale Daten im Zusammenhang mit der Erforschung von Steuerungsprinzipien technischer, biologischer und sozialer Systeme steht, und zwar einer Steuerung, die mittels Information erfolgt.2 Diese Fokussierung auf Information lässt die Kybernetik ein Stück weit als Stichwortgeber für das Selbstverständnis gegenwärtiger Gesellschaften erscheinen, die ihre Zukunft zunächst als Informations- oder später dann – diese Idee der Informationsverarbeitung perpetuierend –als Wissensgesellschaften sehen. Sehr früh und wirkmächtig haben die informationsverarbeitenden Wissenschaften dabei just jene Begriffe geprägt und konzeptuell bearbeitet, die ab den 1990er-Jahren für die Formulierung von Leitideen von Kultur- und Gesellschaftsentwicklung herangezogen werden. Diese gesellschaftlich wirkmächtige, offensichtlich leitbildtaugliche Wissensproduktion der Kybernetik und die inhärenten Bezüge dieser Konzepte zu analogen und digitalen Daten, verdeutlichen, dass es ein technik- und ein kulturgeschichtliches Argument ist, warum Digitalisierung zu einem zentralen Konzept geworden ist. Dabei ist es vielleicht gerade die Unschärfe des Digitalen in der Relationalität zum Analogen, wie auch die gänzlich fehlenden Anschlüsse zu manchen Lebensbereichen und -formen, die die Anschlussfähigkeit des Begriffs für die Kulturanalyse ausmachen, die wiederum in ihrer Beschäftigung mit dem Kulturellen permanent mit Facettenhaftigkeit, Multidimensionalität, Paradoxien und Widersprüchlichkeiten zu tun hat. Jenseits des oben angeführten technischen Verständnisses wird dabei ganz ähnlich dem Diskurs der Kybernetik unterschiedlich ausbuchstabiert, was die kennzeichnenden Merkmale des Digitalen für das Kulturelle sind. Der Medienwissenschaftler Wolfgang Ernst beispielsweise sieht als ein wesentliches Charakteristikum, dass vollkommen identische Kopien repliziert werden können, die vom Original nicht unterscheidbar sind und mehr noch das fixe Set an diskreten Zeichen bedingt, dass eine sichere und genaue Übertragung in andere digitale Formate erfolgen kann (Ernst 2004). Solche Merkmalsbestimmungen sind notwendig eklektisch in einer Phase, in der die Explorierung digitaler Formate für kulturelle Artikulationen erst begonnen hat. Zu dynamisch und vielfältig sind die Entwicklungen noch, zu wenig kulturanalytische Forschung ist bisher geleistet, als dass hier schon umfassende Perspektiven zur Merkmalsbestimmung aufgeführt werden könnten. Es ist vielmehr ein Ziel dieses Bandes, Forschungen im Sinne einer empirischen fundierten, kulturtheoretischen Konzeptualisierung des Digitalen anzustoßen. In diesem Sinne tragen die Autoren in diesem Band überwiegend konzeptuelle Überlegungen und Zugänge aus der Perspektive der Europäischen Ethnologie beziehungsweise Kulturanthropologie bei, inspiriert wie auch ergänzt durch Autoren und internationale Ansätze der Science und Technology Studies, der Soziologie, der Medienwissenschaft, der Cultural Studies und der Philosophie.

2 Digitales in der Kulturanalyse – die Beiträge

Die Digitalisierung wird hier als ein konzeptueller Begriff für die Kulturanalyse aufgegriffen und dabei weniger im informatischen, als vielmehr im Sinne einer relationalen Anthropologie entwickelt, in dem Kulturelles, Soziales, Biologisches und Technisches als aufeinander bezogen gedacht und die Erforschung der wechselseitigen Verschränkung angestrebt wird (Beck 2015). Dem kommt die enge, in der Kybernetik bereits angelegte Verbindung dieser Bereiche entgegen, wenn auch die Zielperspektiven, aus denen heraus diese in Kybernetik und Kulturanalyse gedacht werden, gänzlich unterschiedlich bestimmt sind. Während die Kybernetik dem Interesse an Steuerungsprinzipien von Systemen, basierend auf Informationsverarbeitung und Kommunikation folgt, ist das Erkenntnisinteresse der Kulturanalyse, ein möglichst breit gefächertes Bild davon zu entwerfen, wo und wie die technischen Prinzipien des Digitalen Anschlussstellen an Kulturelles finden und herstellen. Diese Anschlüsse, Verschränkungen und Relationen bieten im Umkehrschluss dann ihrerseits wiederum Ansatzpunkte für empirische kulturanalytische Zugänge. Diese sind notwendig, um die Veränderungen zu fassen, die sich mit der Digitalisierung als Prinzip der Welterzeugung und dem Digitalen als »Basistechnologie«, die den vielen, wenn nicht den meisten kulturellen Praxen zugrunde liegt, einzustellen. Die Beiträge in diesem Band sind entsprechend der konzeptuellen und theoretischen Zugänge ausgewählt und angeordnet, für die sie als empirische Forschungsansätze zur Kulturanalyse des Digitalen einen Beitrag erbringen können: a) die Kodierung von Kultur durch digitale, informatische Objekte wie Hardware, Software und so weiter, b) die kulturellen Praxen und die Optionen für doing culture, die mit und spezifisch aus der Digitalität erwächst, dann aber möglicherweise auch »überschwappt« als Praxis in die analoge Welt, c) die Weltzugänge und Wahrnehmungen der Welt, die möglich werden, weil informatische Technologien zwischen Menschen und Welt treten und neue Sichtweisen und Erfahrungsmöglichkeiten der Welt generieren, die ohne diese Technologien nicht bestehen würden, Augmented Realities etwa und d) die Re-formulierung bestehender Konzepte und Theorien des Kulturellen wie etwa des historischen Materialismus, die mit dem Digitalen neu gedacht werden müssen, aber nach wie vor interessante, relevante analytische Zugänge darstellen. Die unter diesen Überschriften versammelten Beiträge können und wollen nicht den Anspruch eines vollständigen Überblicks erheben, stehen vielmehr exemplarisch für die jeweiligen Analyseperspektiven. Es sind durchweg Zugänge, die sich aus europäischen Wissenstraditionen heraus mit der Digitalisierung auseinandersetzen.

Digitales ist bereits zu einem gewissen Grad »geronnene« oder besser kodierte Kultur, so argumentiert Abschnitt 1. Kulturelles wird im Designprozess schon in die Geräte, Programme und Infrastrukturen eingeschrieben, die damit nicht starr deterministisch wirken, aber doch einen gewissen Rahmen für kulturelle Praxen setzen und Deutungsspielräume begrenzen. Es ist damit der Sichtbarkeit entzogen, wirkt unbemerkt aber nachdrücklich und tritt erst durch rekonstruierende Analysen wieder ans Licht. Die Produktion von Imaginärem, welches auf die digitale Welt bezogen ist und spezifische Weltsichten auf die Technologiken projiziert, erzeugt dabei sozusagen »Kodierungen« zweiter Ordnung in Form von symbolischen, sinngebenden Bildern im Kopf, die das Handeln mit und in der digitalen Welt leiten. Im ersten Beitrag stellt Carsten Ochs methodologisch-theoretische Überlegungen an, in denen er die Digitalisierung als eine Kulturtechnik versteht und ein begriffliches Instrumentarium für deren empirisch-analytische Erforschung entwirft. Er plädiert dafür, die Digitalisierung nicht als ein epochales Ereignis zu verstehen, vielmehr im Plural zu denken und als relationales Geschehen mit sozialen, biologischen und technischen Dimensionen zu erforschen. Nach dem Verständnis, das er unter Bezugnahme auf den empirischen Naturalismus oder naturalistischen Empirismus von John Dewey sowie die Überlegungen des Technikanthropologen A. Leroi-Gourhans entwirft, müssen Kulturanalysen der Digitalisierung unterschiedliche Arten und Weisen der Skript-Einschreibung differenzieren und empirisch analysieren. Die Begriffe Kulturtechnik, Praxis, Programm verknüpfen kulturelles, technologisches und biologisches Wissen zu einem Instrumentarium, um die je spezifischen »Anthropo-Logiken« des Digitalen so zu erforschen, dass makro- und mikrologische Perspektiven nicht unverbunden nebeneinander stehen. Der Beitrag von Robert Willim, als nächster in diesem Abschnitt, setzt in seiner Perspektive zur Kodierung von Kultur auf einer anderen Ebene an, wenn er das unvollständige Imaginäre des Digitalen als Zugang für die Kulturanalyse skizziert. Es sind die Programme im Kopf, die Robert Willim als wesentlich für das Handeln mit digitalen Technologien skizziert. Die evokativen Imaginationen stehen neben dem eher profanen Alltagshandeln mit Computern. Wie das Mundane des Handelns mit dem Imaginativen verschmolzen wird, ist dabei einerseits von den großen Erzählungen des »Digitalen« geleitet, aber bleibt notwendig unvollständig und in fortwährenden Aushandlungsprozessen verhaftet. Einen weiteren Modus der Kodierung von Kultur zeichnet Isto Huvila in seinem Beitrag zu Archiven nach, in welchem er zunächst ein Spektrum an verschiedenen Begriffen, also theoretischen Verständnissen, des Archivs skizziert. Das Archiv wird zunächst als Institution und Gegenstand der Archivwissenschaft verstanden. Darüber hinaus wird es in seiner metaphorischen Wendung hin zum Archivhaften auch als ein Konzept für die Analyse ausgearbeitet, welches als Praxis und als Erfahrungsdimension analysiert werden kann und neue Blickrichtungen für die Analyse des Digitalen und der Digitalisierung eröffnet. Der vierte und letzte Beitrag in diesem Abschnitt wendet sich der Ethnography of Digital Infrastructures zu, die als ein konzeptueller Ansatz zu verstehen ist, um das Ineinandergreifen von in die Technologien eingeschriebener Kulturalität und sozialer Praxis zu analysieren. Der Beitrag von Gertraud Koch skizziert, ausgehend von dem in den 1990er-Jahren entwickelten Ansatz in den Science-and-Technology-Studies, methodologische Ansatzpunkte für empirische Analysen der digitalen oder vielfach auch im Nachhinein digitalisierten Infrastrukturen, wobei ein Augenmerk auf die Gleichzeitigkeit und die Überlappung von Infrastrukturen gelegt wird.

Digitales offeriert ein spezifisches Repertoire für kulturelle Produktionen oder praxistheoretisch gewendet für doing digital culture, ist die Perspektive die in Abschnitt 2 dieses Bandes aufgespannt wird. Hacking, copy paste, mashup, big data – nicht zufällig artikulieren sich verbreitete Formen sozialer Praxen des Digitalen als Anglizismen; denn die Informatik arbeitet international und dies spiegelt sich auch in der Sprache, die computerbezogenes Handeln zu fassen versucht. Häufig sind die neuen sozialen Praktiken des Digitalen auch alte Praxen und keinesfalls auf die digitale Welt begrenzt, wenn sie auch hier zu besonderer Blüte beziehungsweise Ansehen kommen – oder dann im Umkehrschluss auf Ablehnung derer stoßen, wo diese neue Möglichkeiten als bedrohlich angesehen werden. Offensichtlich scheinen diese digitalen Praxen in besonderer Weise von den diskreten Werten des Digitalen, ihrer Reproduzierbarkeit, ihrer Konvertierbarkeit und ihrer Verknüpfung über Netzwerke zu profitieren.

Die Hacker sind jedenfalls von Randfiguren zu Helden der Computerisierung aufgestiegen, die Werte wie Freiheit, Autonomie, Privatsphäre und andere liberale Werte mehr verkörpern wie Luis Felipe R. Murillo und Christopher Kelty zeigen. Die beiden in Kalifornien, dem Epizentrum der Computerentwicklung, arbeitenden Kulturanthropologen entwickeln in ihrem Beitrag ein begriffliches und konzeptuelles Grundgerüst, welches empirische kulturanalytische Forschungen zu Hacker und Hacken inspirieren kann und zu leiten vermag.

Ähnliches gilt für die Überlegungen zu der kulturellen Neuvermessung von Originalität von Christian Schönholz. Der Titel »Jede Kopie ein Original!« weist die Richtung dieser Entwicklung hin zu ununterscheidbarer, unbegrenzter Reproduzierbarkeit als einem kulturellen Normalfall. Mit und über diese digitalen Re-konfiguration des Verhältnisses von Kopie und Original werden eine Reihe an kulturrelevanten Fragestellungen aufgeworfen, die Verwertungszusammenhänge, Demokratisierung von Kulturgütern und kulturellen Formen, Widerstand und Ironie oder auch Machtverhältnisse auf neue und interessante Weise problematisieren.

Auch das Mashup ist eine solche neue, alte Form des kulturellen Produzierens, lange bekannt aber in neuer Blüte, weil die Konvergenz von Medien im Digitalen ganz neue Optionen, vor allem auch unkomplizierte Umsetzungsmöglichkeiten für kreative Neuarrangements nach Art der Collagen bietet. Für die Kulturanalyse des Mashup schaffen die Einordnungen von Joan Kristin Bleicher hinsichtlich von Kategorien und Erscheinungsformen neue Ausgangspunkte für die empirische Kulturanalyse in der Schnittstelle von Kulturund Medienwissenschaft.

Der vierte und letzte Beitrag in dieser Sektion von Katharina E. Kinder-Kurlanda handelt von Big Data, denen in der gegenwärtigen Diskussion enorme Effekte für Soziales und Kulturelles zugeschrieben werden. Die evokative, imaginative Strahlkraft dieser Idee wird nicht zuletzt in dieser Zuschreibung sichtbar und es mag ein Stück weit typisch für die Erwartungen und die Begeisterung stehen, die Berechenbarkeit als ein alle Lebensbereiche durchdringendes Prinzip entgegengebracht wird. Die berechnende Auswertung von Daten scheint Alltagshandeln zu erklären, doch in welcher Qualität, fragt die hier entwickelte eher skeptische, hinterfragende und dekonstruierende Perspektive auf Phänomen und soziale Praxis der Big Data.

Digitales ermöglicht neue Wahrnehmungsweisen von der Welt, indem sie Menschen, Dinge und Informationen computertechnologisch in neue Verhältnisse setzt und so bestehende Weltzugänge – digital rekonfiguriert, wie in Abschnitt 3 argumentiert wird, der verschiedene informationstechnische Entwicklungen zum Ausgangspunkt nimmt und diese im Hinblick auf ihre kulturellen und gesellschaftlichen Relationen thematisiert. Die Welt und die Wahrnehmung von ihr werden zunehmend durch (Medien-)Technologien vermittelt, die zwischen Mensch und Welt treten und zwar in ganz anderer Weise als dies Fernsehen, Radio und andere Massenmedien ohnehin schon tun. Die digital rekonfigurierten Weltzugänge erzeugen einerseits neue Repräsentationen der Welt; sie vermögen es aber auch, gänzlich neue Wirklichkeiten durch die Überblendung von physischen und virtuellen Objekten und Räumen zu schaffen, die in dieser technischen Konstruiertheit gar nicht wahrnehmbar werden, vielmehr naturwüchsig erscheinen. Die Übergänge zwischen neuen digitalen Repräsentationsformaten, die bestehende Kulturtechniken zu neuen Wahrnehmungsweisen rekonfigurieren, wie etwa die Kartographie, hin zu den digital präkonfigurierten Räumen und Wirklichkeiten sind fließend. Dabei sind die digitalen Präkonfigurationen der Räume und Überlagerung von virtuellen und physischen Wirklichkeiten vielfach nicht einmal mehr wahrnehmbar. Die einzelnen Beiträge in diesem Abschnitt zeigen jeweils spezifische konzeptuelle Zugänge auf, die geeignet sind, den konstruktiven Beitrag der Informatik zu Kultur und Gesellschaft in Relation zu analysieren. Die Unterschiedlichkeit der jeweils eingenommenen Blickrichtungen verweist dabei darauf, wie vielfaltig die kulturellen und sozialen Relationen sind, die dabei berührt werden und kulturanalytisch wie auch -theoretisch relevant sind.

Der Beitrag von Nishant Shah skizziert diese Entwicklung von der Nutzerschnittstelle zur Schnittstelle ohne Nutzer, die sich aktuell mit dem Internet der Dinge vollzieht und zum »Verschwinden« der Computer aus dem Gesichtsfeld führt und damit auch die Präkonfigurationen von Räumen und sozialer Wirklichkeit insgesamt als Gegenstand – auch der Kulturanalyse – verschwinden lässt. Shah weist auf die Notwendigkeit von Analysen dieser Entwicklung hin und zeigt kulturanalytische Möglichkeiten dafür auf, die insbesondere auf die Dekonstruktion von Macht- und Geschlechterverhältnissen angelegt sind, die sich in und hinter diesen neuen Schnittstellen oder auch Interfaces »verstecken« können.

Ebenfalls dem Internet der Dinge wenden sich Katharina E. Kinder-Kurlanda und Daniel Boos zu, wobei sie am Beispiel der Arbeitswelt eine gänzlich unterschiedliche Perspektive einnehmen, indem sie die Ubiquität des Computers und der Netzwerke in ihrer Relevanz für die Alltagswelten herausstellen. Ubiquitous computing und das Internet der Dinge, Computernetzwerke und mobiles Computing bilden gleichsam eine zweite, oder angesichts der heute bestehenden Vielzahl an Netzen, auch dritte oder vierte Haut, die soziale und kulturelle Räume überspannen, durchdringen und dabei das Potenzial haben, Setzungen zu treffen und Anstöße dafür zu geben, Soziales und Kulturelles zu re-konfigurieren. Diese Entwicklungen kulturanalytisch auch tatsächlich aufzugreifen, wird von den beiden Autoren als Notwendigkeit nachdrücklich herausgestellt.

In dem dritten Beitrag in diesem Abschnitt arbeiten Ina Dietzsch und Daniel Kunzelmann aus, wie das Kartieren als eine Kulturtechnik im Zug der Digitalisierung massenhaft »rechnende Räume« entstehen lässt, in denen Karten verschränkt sind und angereichert werden können mit individuell generierten Informationen, die Nutzer mithilfe von mobilen Geräten dort einspeisen. Die Karte als wissenschaftliches Medium wird so gänzlich neu gedeutet und die metaphysische Idee des Erfinders des Computers, Konrad Zuse, vom Universums als einem gigantischen Raum der Datenverarbeitung, wird damit in ganz neuer Weise gedeutet. Rekombinationen, neue Ordnungen der Sichtbarkeit und des Unsichtbaren sowie die sozio-technischen Konstellationen zur Erstellung von Karten markieren dabei relevante Zugangspunkte für die empirische Kulturanalyse.

Der Abschnitt endet mit einem konzeptuellen Beitrag zu den Augmented Realities, in dem Gertraud Koch zeigt, wie die Informatik an lange bestehende kulturelle Ideen und Praxen der informationellen Anreicherung von Räumen anknüpft, wenn sie informationstechnische Lösungen zur Überblendung und Verkoppelung von physischen und virtuellen Objekten entwickelt, und ein relationales Verständnis der ARs entwickelt. Die ARs werden bereits in vielen Bereichen, Museum, Bildung und Unterhaltung, Medizin und Wirtschaft eingesetzt, so dass bereits vielfältige Anwendungsfelder bestehen, in welchen die Kulturanalyse ansetzen kann. Dabei geht es nicht zuletzt um kulturtheoretische Fragen danach, wie Wahrnehmungen der Welt mittels ARs verändert und reorganisiert werden.

Digitales und alle Veränderungen im Sozialen und Kulturellen, die es mit sich bringt, bedeutet nicht zwangsläufig, dass alte kulturtheoretische Konzepte obsolet geworden und eine vollständige Neuerfindung bestehender Theorien notwendig wird. Vielmehr scheint es sinnvoll, die mit der Digitalisierung einhergehenden Veränderungen für Theorien und Methodologien in den Kulturwissenschaften eher in einem fragenden Duktus zu problematisieren und einer Überprüfung zu unterziehen. Solch reflexive Blicke auf die eigenen Epistemologien sind von Zeit zu Zeit ohnehin sinnvoll, wobei schon Sortierungen und Vorauswahlen vorgenommen und wohl gerade solche Konzepte der Reflexion unterzogen werden, die als vollständig obsolet und aussortierbar wahrgenommen werden oder aber jene, von deren Potential man auch in der neuen Zeit überzeugt ist. Im letzteren Fall wird es dann eher darum gehen, in welcher Weise Weiterentwicklungen notwendig sind und welchen Ertrag diese dann in der Anwendung eines »alten« Konzeptes auf »neue« Entwicklungen versprechen. Die im vierten und letzten, vielleicht wichtigsten Kapitel dieses Bandes ausgewählten theoretischen Zugänge zu Kultur sind unschwer als solche zu erkennen, die ein Potential für das Verständnis digitaler Entwicklungen haben oder auch in Abgrenzung zu bestehenden Ansätzen neues Potential generieren, wie die Anthropologie des Medialen.

Im ersten Beitrag zur Politischen Ökonomie digitaler Technologien skizziert Andreas Wittel die Konturen eines jungen und rasant wachsenden Forschungsfeldes, das aus der politischen Ökonomie von Medien und Kommunikation hervorgegangen ist, sich aber weitgehend wandelt, weil der technologische Charakter des Digitalen nun Berücksichtigung findet. Zudem wird politischer Aktivismus in diesem Zusammenhang ein Thema. Es wird ein Bedarf an empirischen Studien reklamiert, die die Prinzipien der digitalen Ökonomie im Zusammenwirken von materiellen und immateriellen Sphären detailliert in ethnografischen und autoethnografischen Zugängen analysiert.

Anne Dippel und Sonia Fizek wenden sich dem Spiel als einer eng mit der Menschheitsgeschichte verknüpften, auch vielfach reflektierten sozialen Praxis zu. Sie gehen von einer zunehmenden Bedeutung des Spiels im digitalen Zeitalter aus, sprechen von einer Ludifizierung von Kultur und grenzen sich damit konzeptuell ab von der vielfach diskutierten »gamification«, die sie eher auf der Ebene eines Gestaltungsansatzes in der informationstechnischen Entwicklung verorten. Im Unterschied dazu skizzieren sie die Erscheinungsformen des Spiels als kulturanalytisch interessanten und relevanten Zugang, über den die Veränderungen nachzuvollziehen sind, die mit dem Digitalen in Alltag und Kultur angestoßen werden.

Mit der Anthropologie des Medialen greift Alexander Schwinghammer einen theoretischen Ansatz auf, der wesentlich von dem Frankfurter Kulturanthropologen, Medien- und Sozialtheoretiker Manfred Faßler entworfen und in seinem intellektuellen Umfeld weiterentwickelt und ausgearbeitet worden ist. Er markiert eine Zäsur in der kulturtheoretischen Befassung mit den Medien, indem er evolutions- und systemtheoretische Ansätze aufgreift und die Dominanz empirischer Zugänge durch ein dezidiert theoretisch ausgerichtetes Programm relativiert.

Der Band schließt mit einem Blick zurück in die Zukunft, wie die Autoren selbst schreiben, und betont damit die Notwendigkeit Zukünftiges in seinen Zusammenhängen zu erschließen und die Mediengenealogie als einen zentralen kulturanalytischen Zugang zu den digitalen Entwicklungen verstärkt aufzugreifen. Clemens Apprich und Götz Bachmann stellen die Grundzüge der Mediengenealogie vor – auch im Unterschied zur Medienarchäologie dar – mit ihrem Spektrum an Vorgehensweisen und Verfahren. Der Umgang mit genealogischer Multilinearität wird dabei als Herausforderung wie auch als signifikantes Potenzial deutlich.

Literatur

Beck, Stefan (2015): Von Praxistheorie 1.0 zu 3.0 – oder: wie analoge und digitale Praxen relationiert werden sollten. http://www.academia.edu/10952692/Von_Praxistheorie_1.0_zu_3.0_oder_wie_analoge_und_di-gitale_Praxen_relationiert_werden_sollten, zuletzt geprüft am 19. 7. 2016.

Brennan, Robert D./Linebarger, Robert N. (1964): A Survey of Digital Simulation: Digital Analog Simulator Programs. In: Simulation, 3 (6), 22–36.

Ernst, Wolfgang (2004): Den A/D Umbruch aktiv denken – medienarchäologisch, kulturtechnisch. In: Schröter, Jens/Böhnke, Alexander (Hg.): Analog/Digital-Opposition oder Kontinuum. Zur Theorie und Geschichte einer Unterscheidung (Medienumbrüche, Bd. 2). Bielefeld: Transcript, 49–66.

Forgacs, Robert L./Warnick, A. (1967): Digital-Analog Magnetometer Utilizing Superconducting Sensor. Review of Scientific Instruments, 38 (2), 214–220.

Gere, Charlie (2008): Digital Culture. London: Reaktion Books.

Haugeland, John (1981): Analog and analog. Philosophical Topics, (12), 213–225.

Heintz, Bettina (1993): Die Herrschaft der Regel. Zur Grundlagengeschichte des Computers. Frankfurt am Main: Campus.

Hellige, Hans-Dieter (Hg.) (1994): Leitbilder der Informatik und Computer-Entwicklung. Eine Tagung der Fachgruppe »Historische Aspekte von Informatik und Gesellschaft« der GI und des Deutschen Museums, München, 4.-6. Oktober 1993 (artec Paper, 33), zuletzt geprüft am 12. 7. 2016.

Hoeschele, David F. (1968): Analog-to-Digital/Digital-to-analog Conversion Techniques. New York: Wiley.

Horst, Heather A./Miller, Daniel (Hg.) (2012): Digital Anthropology. London: Bloomsbury.

Nguyen, Tam M./Rana, Deepak/Ruiz, Antonio/Willner, Barry E. (1996): Hybrid Digital/Analog Multimedia Hub with Dynamically Allocated/Released Channels for Video Processing and Distribution. Google Patents, US US5515511 A.

Pias, Claus (2004): Elektronengehirn und verbotene Zone. Zur kybernetischen Ökonomie des Digitalen. In: Schröter, Jens/Böhnke, Alexander (Hg.): Analog/Digital-Opposition oder Kontinuum. Zur Theorie und Geschichte einer Unterscheidung (Medienumbrüche, 2). Bielefeld: Transcript, 295–309.

Schröter, Jens (2004): Analog/Digital-Opposition oder Kontinuum. In: Schröter, Jens/Böhnke, Alexander (Hg.): Analog/Digital-Opposition oder Kontinuum. Zur Theorie und Geschichte einer Unterscheidung (Medienumbrüche, 2). Bielefeld: Transcript, 7–30.

Schröter, Jens/Böhnke, Alexander (Hg.) (2004): Analog/Digital-Opposition oder Kontinuum. Zur Theorie und Geschichte einer Unterscheidung (Medienumbrüche, Bd. 2). Bielefeld: Transcript.

1 Die Informatik befand sich zu dieser Zeit in Deutschland in Gründung und es waren vielfach Wissenschaftlerinnen aus anderen Disziplinen wie der Physik, der Elektrotechnik und der Mathematik, die die Informationstechnik vorantrieben.

2 Mit und durch die Forschungen der Kybernetik wird Information als weitere physikalische Grundgröße neben Materie und Energie definiert.

1 Kodierte Kultur

Kulturtechnik, Praxis, Programm: Begriffsinventar zur Erforschung der Anthropo-Logik der Digitalisierung

Carsten Ochs

»Was wir liefern, sind eigentlich Bemerkungen zur Naturgeschichte des Menschen; aber nicht kuriose Beiträge, sondern Feststellungen, an denen niemand gezweifelt hat, und die dem Bemerktwerden nur entgehen, weil sie ständig vor unseren Augen sind.«

Ludwig Wittgenstein 1967

1 Einleitung

Es scheint ein kaum noch begründungspflichtiger Allgemeinplatz zu sein, dass nichts und niemand an der »Digitalisierung« vorbeikommt, weder die Politik noch die Ökonomie oder die Gesellschaft (sofern diese sich noch nicht in einem digital induzierten Auflösungsprozess befindet; vgl. Faßler 2009) – und ganz bestimmt auch nicht die Wissenschaft von der Kultur. Für letztere stellt sich schon seit einer Weile, zuletzt aber immer drängender die Frage, wie wir Digitalisierungsvorgänge als anthropologische Prozesse analysieren können. Und welche Prämissen wir dabei sinnvollerweise als analytischen Ausgangspunkt zugrunde legen sollten: Muss von vornherein von einem epochalen Bruch ausgegangen werden, dessen großräumige Wirkungsweisen zu analysieren wären? Oder wäre stattdessen eher von den vielen lokalen Mikropraktiken der Digitalisierung auszugehen, mithin von Digitalisierungen im Plural? Oder stellt die hier mehr oder weniger implizit angelegte Mikro-/Makro-Unterscheidung selbst nur eine irreführende Scheinalternative dar?

Nicht nur der öffentliche Diskurs, auch der Bestand an sozial- und kulturwissenschaftlichen, theoretischen und empirischen Digitalisierungsanalysen der letzten Jahrzehnte scheint sich eher der Diagnose des »epochalen Bruchs« anzuschließen. Viele der in diesem Zeitraum entstandenen Arbeiten unternahmen den Versuch, das Anbrechen der neuen digitalen Epoche zu markieren und zu charakterisieren (vgl. Castells 2001, Lash 2002, Galloway 2004, Baecker 2007, Faßler 2009, Faßler 2014). Genau diese »epochale« Sichtweise wurde in der jüngeren Vergangenheit jedoch einer kritischen Revision unterzogen – etwa von Ruppert et al. (2013: 26):

»One influential approach imparts intrinsic properties to the digital, which is imagined to grow and unfold so that its qualities become more widely disseminated. The suggestion that the digital marks a profound, epochal, rupture in social change is familiar. (…) However, a re-reading of many of these seminal texts a decade later suggests that they treat information technologies and the digital in a derivative way. Rather than offering novel arguments about its revolutionary capacities, reflections on the innovatory character of the digital tend to reflect concerns with epochal change originally developed in the context of other kinds of claims.«

Ähnlich wie zuvor schon in anderen Bereichen scheint die zunehmende Beschäftigung mit dem fraglichen »Gegenstand« zu einer fortschreitenden Ausdifferenzierung der Phänomendimensionen3 zu führen, welche schließlich in eine Pluralisierung des »Gegenstands« selbst mündet.4 Gleichzeitig ist eine Hinwendung zur (in empirischer oder diagnostischer Hinsicht) mikro-logischen Detailarbeit zu beobachten (Savage et al. 2010, Ruppert et al. 2013, Ochs 2012, Ochs 2013).

Das Ziel des vorliegenden Artikels besteht darin, einen substantiellen Beitrag zu einer theoretisch fundierten, empirisch operationalisierbaren anthropologischen Forschungsperspektive zu liefern. Der Text verfolgt dementsprechend methodologische Absichten und nimmt in diesem Zuge die jüngst zu beobachtende Relativierung epochaler Diagnosen zum Anlass, ein Begriffsinventar zu entfalten, das sowohl der relativierten Sichtweise (»epochaler Bruch«) als auch der Relativierung (Digitalisierungen im Plural) gerecht zu werden versucht. Spätestens im Schlusskapitel sollte deutlich werden, dass die so entwickelte Perspektive es erlaubt, einigermaßen bruchlos zwischen einer eher makrologischen und einer stärker mikrologischen Perspektive hin- und herzu wechseln. Damit bemühe ich mich hier um eine weitere theoretische Ausbuchstabierung dessen, was mir zuvor schon empirisch begegnet ist: Die »glokale« Anthropo-Logik der Digitalisierung (Ochs 2013).

Was soll der Begriff der Anthropo-Logik in diesem (methodologischen) Zusammenhang aber genau bedeuten? Der Beitrag wird diesbezüglich vor allem in zwei Traditionslinien gestellt:5 Zunächst in jene, die J. Dewey (1995: 15) »empirischer Naturalismus oder naturalistischer Empirismus« nannte, und die sich ausdrücklich gegen eine »Trennung des Menschen und der Erfahrung von der Natur« wendete. Die zweite Traditionslinie stellt die Technikanthropologie A. Leroi-Gourhans dar, und diese knüpft direkt an den empirischen Naturalismus an: »Wir bräuchten also eine wirkliche Biologie der Technik, die den sozialen Körper als ein vom zoologischen Körper unabhängiges Wesen betrachtet« (Leroi-Gourhan 1988: 188, kursiv CO). Die im Verlauf des Textes etablierte Perspektive kann somit als meine Spielart des breiteren Trends innerhalb der Sozial- und Kulturwissenschaften gelten, welcher Kultur wenn auch nicht als bloßes Resultat jener heterogenen Einflussgrößen versteht, die wir klassisch als »biologisch« und »technisch« zu unterscheiden gelernt haben, so doch als eine im Wechselspiel mit diesen Größen begriffene Produktionsleistung (vgl. die Wegbereitung in Beck 2008). Eine entsprechend orientierte »Forschungspragmatik, die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Wissenssystemen, Denk- und Forschungsstilen (…) organisiert und fruchtbar macht« (ebd.: 198, kursiv i. O.), muss wenigstens prinzipiell in der Lage sein, Wissensbestände aus Biologie und Technikwissenschaften produktiv aufzugreifen, was weder notwendig in die Verkürzungen des Biologismus noch in die Verirrungen des Technikdeterminismus führen muss: Indem die Kulturanalyse gewissermaßen an ihren Rändern mit biologischem oder technikwissenschaftlichem Wissen überlappt, wird sie keineswegs zur Funktion der Biologie oder der Technik – beziehungsweise tut sie es doch, so liegen Kategorienfehler vor.

Die generelle Stoßrichtung des Beitrags sollte damit verdeutlicht sein. Vorgeschlagen wird ein anthropologisches Begriffsinventar zur Kulturanalyse des Digitalen. Aus dem bislang Gesagten folgt ein dreifacher Beurteilungsmaßstab zur Überprüfung der Tragfähigkeit der entfalteten Methodologie: erstens soll diese in der Lage sein, »epochale« mit »mikro-logischen« Perspektiven zu integrieren; zweitens soll sie erlauben, technikwissenschaftliche und biologische Wissensbestände aufzugreifen und fruchtbar zu machen; und drittens muss sie sich, um als Methodologie gelten zu können, empirisch operationalisieren lassen. Um die drei genannten Ziele zu erreichen, werde ich wie folgt vorgehen:

In Kapitel 2 wird zunächst eine maximal abstrakte Sicht auf Digitalisierung eingenommen und letztere als Kulturtechnik bestimmt. Damit erfolgt eine Theoretisierung ihrer formalen Eigenschaften, das heißt die Herausarbeitung der allgemeinen und übergreifenden Eigenschaften desjenigen modus operandi oder Prozessierungsprinzips, welches in der empirischen Vielfalt aller beobachtbaren Digitalisierungsvorgänge am Werk ist. Wie zu sehen sein wird, lassen sich diese Eigenschaften durch eine Kulturanalyse der mathematisch-technischen Prinzipien der Kulturtechnik des Digitalisierens bestimmen.

Bereits angedeutet wurde, dass die abstrakte Kulturtechnik der Digitalisierung empirisch grundsätzlich nur als praktisch aktualisiertes Prozessierungsprinzip vorzufinden ist. In Kapitel 3 wird die Blickrichtung dementsprechend auf die maximal »konkrete« Sicht der Praxis umgestellt. In diesem Zuge wird argumentiert, dass digitale Praktiken sinnvoll analysiert werden können als eine Überführung der abstrakten kulturtechnischen Prozessierungsweise in konkrete Operationsketten im »Hier und Jetzt«.

Aber wie genau erfolgt diese Überführung? In Kapitel 4 wird der Beitrag eine detaillierte theoretische Antwort auf diese Frage in Angriff nehmen, womit er sich auf den Kern der entwickelten Methodologie zubewegt. Wie zu sehen sein wird, erfolgt die Überführung der abstrakten Kulturtechnik des Digitalisierens in digitale Praktiken durch die Erzeugung und Einschreibung kultureller Programme/Skripte. Kulturanalysen der Digitalisierung müssen in der Lage sein, die unterschiedlichen Modi der Skript-Einschreibung zu differenzieren und empirisch zu analysieren. Um dies zu ermöglichen und die vorgeschlagene Methodologie theoretisch hinreichend auszudifferenzieren, wird an diesem Punkt biologisches Wissen in das Theoriegerüst eingefügt.

Wie oben angemerkt, müssen die theoretischen Überlegungen empirisch operationalisierbar sein, soll die entwickelte Forschungsperspektive als Methodologie gelten. In Kapitel 5 wird letztere folgerichtig einem empirischen Stresstest unterzogen, was, wie ich hoffe, für methodologische Robustheit sorgen wird. Kapitel 6 wird schließlich eine knappe Zusammenfassung liefern, und die Brücke zurück zur Ausgangsproblematik schlagen.

2 Digitalisierung als Kulturtechnik

Eine Erforschung der Anthropo-Logik der Digitalisierung wird einer Bestimmung ihres Gegenstands kaum ausweichen können – was soll überhaupt unter der Rubrik der Digitalisierung« in den Blick genommen werden? Beginnen wir mit dem Begriff »digital«: Er verweist im allgemeinen Sprachgebrauch üblicherweise auf einen bestimmten modus operandi, namentlich auf Prozesse, die einer binär-digitalen Logik folgen. »Digital« meint dabei präzise, dass ein System »nur diskrete, eindeutige Zustände benutzt« (Schreiner 2009: 209); »binär« bedeutet darüber hinaus, dass das System nur zwei solcher Zustände kennt: »Für Computer gibt es nur binäre Informationen, also zwei Zustände, null oder eins« (ebd.). »Binär-digital« oder das alltagssprachlich häufiger anzutreffende »digital« bezieht sich also auf Systeme, gleich welcher Art (menschliche Rechenkünstler, künstliche Rechenmaschinen), die auf Basis binär-digitaler Rechenprozesse operieren, um verschiedenste Aktivitäten zu verrichten. »Digitalisierung« benennt in diesem Sinne erstens Prozesse, in deren Verlaufskurve Elemente integriert werden, die der Logik des binär-digitalen Systems folgen. Wenn ich beispielsweise meinen mechanischen Wecker gegen einen digital operierenden ersetze, dann wird damit ein materielles Artefakt, welches auf Basis binär-digitaler Rechenoperationen die Zeit misst und zu bestimmten Zeiten Alarm schlägt, in die Verlaufskurve des Prozesses »schlafen – wecken – aufstehen« integriert. Es handelt sich bei der Ersetzung des mechanischen Weckers also um Digitalisierung. Indessen spricht der Begriff der Digitalisierung zweitens aber auch die Neu-Erfindung digital-binär gesteuerter Operationen an, für die sich keine analogen Vorbilder ausmachen lassen, so wie es bei Internet-Suchmaschinen der Fall ist: für deren Operationen lassen sich kaum analoge »Vorgänger« anführen. Wenn ich im Folgenden die Begriffe »digital«, »Digitalisierung« und so weiter verwende, dann beziehe ich mich auf Prozesse, die binär-digitale Anteile in einem der beiden dargelegten Sinne, das heißt, die anteilig einen binär-digitalen modus operandi aufweisen.

Wo kommt nun dieser modus operandi her? Festgehalten werden kann erst einmal, dass Digitalisierungsprozesse sich grundsätzlich das von Alan Turing (1936) formulierte binär-digitale Prozessierungsprinzip der sogenannten Universal Machine zunutze machen. Die theoretische Formulierung dieses Prozessierungsprinzips gibt das Rechenmodell der heute verbreiteten speicherprogrammierten Rechnertechnologie ab und gilt folglich als deren Grundlegung.6 Betrachtet man den fraglichen modus operandi der Universal Machine kulturanalytisch, so fällt zunächst dessen abstrakte und formale Formulierung auf. Turing entwickelte eine »theory of computable numbers«; angewendet wurde diese anfänglich auf das theoretische Entscheidungsproblem der Mathematik. Das Prinzip erweist sich insofern als abstrakt, als es von jeder konkreten raumzeitlichen Situation abstrahiert. Genau dies erlaubt es dann, eine Universalität des Prinzips zu behaupten – gerade dessen Abstraktheit resultiert im Potential einer universalen Re-Lokalisierung. Während der Prozess der Formulierung oder Erzeugung des Prinzips insofern als kulturspezifisch zu bezeichnen ist, als er an spezifische raumzeitliche (soziokulturelle) Umstände gebunden war, bestand das Ziel der Formulierung doch von vornherein in dessen universaler Gültigkeit. Es ging bei der Erzeugung des Prinzips also (wie immer bei der Produktion wissenschaftlichen Wissens) um »the ways in which the local and the heterogeneous are combined to create knowledge with status of timeless and universal truth« (Akrich 1992: 205). Abstrakte Formulierung kann in diesem Sinne als Voraussetzung universaler Gültigkeit eines Prinzips gelten, gleichwohl muss solche Gültigkeit aber immer erst hergestellt werden.7 Bei Prozessierungsprinzipien, wie dem der Universal Machine, werden also keine a priori existenten Universalien entdeckt, vielmehr wird die Reichweite lokaler Prinzipien systematisch und gewissermaßen asymptotisch in Richtung Universalität ausgeweitet. Abstraktheit ist dabei eine notwendige, keineswegs aber hinreichende Bedingung für (so verstandene) Universalisierbarkeit.8

Digitalisierung meint in diesem Sinne also zunächst die formale Anwendung des abstrakten Prozessierungsprinzips der Universal Machine. Die Beschreibung der Eigenarten dieses Prinzips erschöpft sich allerdings nicht in der Feststellung der Formalität und Abstraktheit. Wie S. Krämer und H. Bredekamp in ihrer medientheoretisch orientierten Auseinandersetzung mit dem Konzept der Universal Machine verdeutlichen, kann dieses zwar »in einer Reihe mathematisch äquivalenter Vorschläge« gesehen werden, doch hebt es sich in verschiedenerlei Hinsicht von diesen ab. Eine maßgebliche Differenz besteht vor allem allem darin, dass es die Überbrückung der Kluft »zwischen dem Symbolischen und dem Technischen, damit auch zwischen dem Semiotischen und dem Physischen, letztlich also zwischen Software und Hardware« erlaubt, »indem er [Turing] zeigt, dass es universelle Turingmaschinen gibt, die jede spezielle Turingmaschine imitieren können, indem ihrem Rechenband die Codierung der speziellen Maschine eingeschrieben, also einprogrammiert wird« (Krämer/Bredekamp 2003: 13). Das abstrakte Prinzip der Universal Machine wird somit operationalisierbar. Damit ist gemeint, dass das Prinzip in konkrete, materielle Operationen überführt werden kann, die dessen Logik folgen. Durch Programmierung kann es in spezielle Anwendungen überführt, und Dingen materiell eingeschrieben werden. Solche speziellen Anwendungen weisen ihrerseits (aufgrund ihrer Spezifizität) einen niedrigeren Abstraktionsgrad auf. Während sich sämtliche Software-Programme, die die Operationen von Computerartefakten steuern, das binär-digitale Prozessierungsprinzip zu Nutze machen und auf dieser Ebene derselben (eben binär-digitalen) Logik folgen, sind die programmierten Anwendungen des Prinzips doch auf spezielle raumzeitlich lokalisierbare Situationen zugeschnitten.9 Gerade aufgrund der Abstraktheit, Formalisierbarkeit und Operationalisierbarkeit des Prinzips können Computeroperationen die verschiedensten Formen annehmen. Die Universal Machine ist also potentiell universell, da ihr universelles Simulationspotential per Programmierung spezifisch genutzt werden kann. Die Universalität des binär-digitalen Prozessierungsprinzips ist indes gerade in dessen kultureller Nicht-Spezifik zu finden.10

Dies führt zu einem vierten Charakteristikum des Prinzips: Wenn sich das Prinzip als solches als kulturell unspezifisch erweist, empirisch aber immer nur in kulturspezifischer Ausprägung beobachtbar ist, so erhält es damit einen virtuellen Status. Als Potential befindet es sich nicht in Opposition zum Realen, sondern zum empirisch Vorhandenen beziehungsweise Aktualisierten.11 Hierin gleicht das binär-digitale Prozessierungsprinzip der Kulturtechnik Schrift: Es ist unmöglich Schrift-als-solche anzutreffen, da man es empirisch immer nur mit schriftlichen Operationen oder Schriftgebrauch zu tun hat. Da sich von letzterem auf das (als solches unbeobachtbare) virtuelle Schriftprinzip schließen lässt, ist dieses dennoch analysierbar: »Was Schrift ist, zeigt sich in ihrem Gebrauch« (Krämer 2005: 52).

Der binär-digitale modus operandi der Universal Machine lässt sich folglich, ähnlich wie die Kulturtechnik Schrift, als Kulturtechnik der Digitalisierung konzipieren. In diesem Unterkapitel wurden vier Charakteristika dieser Kulturtechnik bestimmt. Sie erweist sich als:

– abstrakt (abstrahiert von konkreter raum-zeitlicher Situation),

– formalisierbar (vgl. die explizite Formulierung in Turing 1936),

– virtuell (empirisch existent nur in aktualisierter Form) sowie

– operationaliserbar (das Prinzip beschreibt nicht nur einen möglichen modus operandi wie etwa die Theorie des Urknalls, sondern lässt sich auch in konkrete Operationen im Hier-und-Jetzt überführen).

Die virtuellen Kulturtechniken liegen diesen Bestimmungen gemäß empirisch nur in ihrer Aktualisierung als spezifische Prozessverläufe vor. So kann die Kulturtechnik des Digitalisierens etwa auftreten, indem menschliche Akteure binär-digitale Rechenvorgänge im Kopf beziehungsweise auf Papier vornehmen oder indem sie Taschenrechner benutzen. Digitalisierungsvorgänge können aber auch in viel stärkerem Maße an materielle Artefakte delegiert werden. Im Extremfall fällen digital prozessierte Algorithmen gar Entscheidungen (Preda 2000).

In diesem Sinne geht es bei der Aktualisierung der Kulturtechnik des Digitalisierens immer um Operationen, die in der materiell-physischen Welt (z. B. von denkend-notierenden Körpern, von materiellen Apparaten, die mit der An- und Abwesenheit bestimmter Spannungen operieren etc.) in konkreten raum-zeitlichen Situationen in Gang gesetzt werden, oder kurz: es geht um Praktiken.12 Diese Feststellung provoziert zwei Typen von Fragestellungen, die auf verschiedenem Wege zu bearbeiten sind:

– Zum einen ist es Aufgabe von Kulturtechnikanalysen in abstracto, zu analysieren, wie bestimmte Kulturtechniken als Möglichkeitsbedingungen von Praktiken entstehen, welche Möglichkeitshorizonte sie aufspannen usw. Bei diesem Typus handelt es sich offensichtlich um historisch orientierte Fragestellungen.

– Zum anderen wirft der virtuelle Status der Kulturtechnik aber auch eher ethnographisch zu bearbeitende Fragestellungen auf; denn wenn diese Kulturtechnik empirisch nur in Form von Praktiken auftritt, dann stellt sich die Frage, auf welche Weise der Statuswechsel von »virtuell« hin zu »aktualisiert« erfolgt.

Diese letzte Frage ist nicht allzu leicht zu beantworten und erfordert das Treffen einiger theoretischer Vorkehrungen. Weiter unten wird ein Rahmen entwickelt werden, in dem Fragestellungen dieses zweiten Typs bearbeitet werden können. Zuvor muss aber zunächst einmal geklärt sein, wie jene Kategorie der digitalen Praktiken ihrerseits zu konzipieren ist. Um dies zu ermöglichen, muss also zunächst einmal die Blickrichtung umgekehrt werden: von der abstrakten Kulturtechnik zu den konkreten Praktiken.

3 Die Aktualisierung von Kulturtechniken als Operationsketten/Praktiken

Was ist das Resultat einer Aktualisierung der virtuellen Kulturtechnik des Digitalisierens? Zur Beantwortung dieser Frage ist es hilfreich, sich an den französischen Paläontologen A. Leroi-Gourhan zu wenden. Dieser stellt das Konzept der Operationskette zentral, um von dort ausgehend biologisch-organische mit zeichenhaft-symbolischen, technisch-materiellen sowie sozial-institutionellen Transformationsbewegungen menschheitsgeschichtlich zusammenzudenken. Auf diese Weise gelingt es ihm, eine Geschichte der kulturellen Evolution bis an einen Punkt zu rekonstruieren, an dem sie ihre biologistische Fassung verlässt – der Punkt »an dem eine noch von den biologischen Rhythmen beherrschte kulturelle Evolution abgelöst wird von einer kulturellen Evolution, die von den sozialen Phänomenen beherrscht wird« (Leroi-Gourhan 1988: 183). Es ist diese disziplinübergreifende Differenziertheit Leroi-Gourhans, die es ermöglicht seine generelle Perspektive sowie einige der zentralen Konzepte für die zeitgenössische Anthropologie fruchtbar zu machen.13

Ausgangspunkt für alle weiteren Überlegungen bildet mit Leroi-Gourhan die »heuristische, historische und praktische Priorität der Operationsketten vor den durch sie gestalteten Größen, und zwar vor allen beteiligten Größen, seien diese Artefakte, Personen und Zeichen oder technische Objekte, Praktiken und Wissensformen« (Schüttpelz 2006: 91, 92). Operationsketten setzen sich aus Einzeloperationen zusammen, die von Menschen und/oder Dingen ausgeführt werden. Die Entwicklung materieller Technologien kann dabei als ein Modus verstanden werden, nach dem Operationen an Artefakte delegiert werden, um dann in die Operationsketten sozialer Formationen integriert zu werden. Solche Übertragungen von Operationen auf nichtmenschliche Entitäten nehmen ihren Anfang bereits mit der Auslagerung bestimmter Tätigkeiten von der Hand in das Werkzeug: »Menschlich ist die menschliche Hand durch das, was sich von ihr löst, und nicht durch das, was sie ist«, schreibt Leroi-Gourhan (1988: 301). Am Anfang dieser Loslösung stehen Schlaginstrumente (Keulen, Messern, Hämmer; ebd.). Während die menschliche Geste in diesen Fällen noch das technische Artefakt führte, wurde ein Teil der Aktivität (schlagen, schneiden, stechen, hämmern) ausgelagert. In der Folge wurde dann auch die Geste selbst delegiert. Ein fortschreitender Exteriorisierungsprozess kommt in Gang, der schließlich darin mündet, dass die Aufgabe der Hand sich darauf beschränkt »einen programmierten Prozeß in den automatischen Maschinen aus [zulösen]« (ebd.: 302). Menschliche Kollektive blicken somit auf eine lange kulturevolutionäre Geschichte der Erzeugung komplexer, aus den Einzeloperationen menschlicher und nichtmenschlicher Entitäten zusammengesetzter Operationsketten zurück.

Im Kontext einer solchen anti-essentialistischen14 Anthropologie stellen sich Operationsketten als Praktiken dar (ebd.: 283–289), die dreierlei Form annehmen können: erstens wären biologisch geformte Verhaltensweisen (Instinkte) zu nennen; zweitens durch Erfahrung und Erziehung erworbene »maschinenförmige« Verhaltensweisen; sowie drittens bewusstes Verhalten (ebd.: 288). Sofern rechnende Artefakte (Computer) als Elemente jener relativ stabilen Operationsketten agieren, die wir »digitale Praktiken« nennen, kann mit letzterem Ausdruck nicht gemeint sein, dass die Operationsketten digitaler Praktiken in »vollständig« digitalisierter Form auftreten. Vielmehr bilden binär-digitale Einzeloperationen Anteile der fraglichen Operationsketten/Praktiken. Im Zuge alltäglicher Internetnutzungsprozesse verbindet sich zum Beispiel die binär-digitale Prozessierung von Daten durch Artefakte mit den Operationen menschlicher Akteure oft genug über zeichengebundene Interfaces. Erst dies erlaubt es zuweilen den sogenannten »Nutzer*innen«, die Datenprozessierung zu manipulieren, deren Resultate über die Darstellung wahrzunehmen und diese selbst kognitiv weiterzuverarbeiten (damit ist nicht gemeint, dass binär-digitale Operationen in solchen Situationen der menschlichen Kontrolle unterlägen). Nicht alle Einzeloperationen der hier vorgestellten Operationskette folgen also einer binär-digitalen Logik. Das verwendete Konzept eröffnet in diesem Zusammenhang aber dennoch einen Analysehorizont, der es erlaubt, nach der Verschränkung von binär-digitalen mit analogen Operationen zu fragen. Auch wenn »digitale Praktiken« im ausgeführten Sinne also grundsätzlich als digital-analoge gelten müssen, benutze ich hier diese Wendung der Einfachheit halber immer dann, wenn Operationsketten Anteile im modus operandi der Kulturtechnik des Digitalisierens ausführen.

Nun basieren Praktiken jedweder Art Leroi-Gourhan zufolge auf einem sozial erzeugten, virtuellen »Operationsgedächtnis«; dieses gilt »als Grundlage, in die sich die Handlungsketten einprägen«. Ausdrücklich können auch außerkörperliche Substrate Bestandteile des kollektiven Operationsgedächtnisses sein, wie etwa im Falle des »künstlichen Gedächtnis, das in seiner neusten Form elektronischer Art ist« (ebd.: 276). Zwar spielen individuelle Erfahrungen eine nicht zu vernachlässigende Rolle bei der Bildung von Operationsketten, im Modus der Erziehung werden letztere jedoch kollektiv verdauert und stabilisiert (ebd.: 288). Operationsketten werden also in einem kollektiv erzeugten Gedächtnis stabilisiert, das sich auf Menschen und andere Entitäten verteilen kann. Dieses Gedächtnis beeinflusst alle drei oben genannten Operationsweisen: biologisch konditioniertes Verhalten wird kulturell überformt (ebd.: 285);15 bewusstes (also reflexives) Verhalten wird – gegebenenfalls unter Rückgriff auf Sprache – »repariert«, oder es werden experimentell neue Operationsketten beziehungsweise Gedächtnisinhalte geschöpft (ebd.: 288–289); »maschinenförmige Operationsketten« schließlich hängen ganz maßgeblich von diesem Gedächtnis ab, denn bei diesen handelt es sich um

»Operationsketten, die durch Erfahrung und Erziehung erworben werden und sich zugleich in das gestische und das Sprachverhalten einschreiben, die aber in einem Halbdunkel verlaufen, das gleichwohl keine Automatik bedeutet, denn jede zufällige Unterbrechung im Ablauf führt zur Einschaltung der Vergleichstätigkeiten auf dem Niveau der Sprachsymbole« (ebd.: 288).

Leroi-Gourhans Ausführungen decken sich an diesem Punkt weitgehend mit einschlägigen praxistheoretischen Perspektiven, wie etwa der von A. Giddens (1995). Letzterer betont ebenfalls die Routinehaftigkeit alltäglich abgespulter Praktiken und verweist auf das im praktischen Bewusstsein verankerte, gemeinsame, stillschweigende Wissen der Akteure, das es ihnen erlaube,

»sich innerhalb der Routinen des gesellschaftlichen Lebens zurechtzufinden. Die Trennungslinie zwischen dem diskursiven und dem praktischen Bewusstsein ist sowohl in der Erfahrung des handelnden Individuums als auch hinsichtlich von Vergleichen zwischen Akteuren in verschiedenen Kontexten sozialer Aktivität gleitend und durchlässig. Doch gibt es zwischen ihnen keine Schranke wie etwa zwischen dem Unbewußten und dem diskursiven Bewußtsein« (ebd.: 55).

Leroi-Gourhan und Giddens weisen also hinsichtlich der praxistheoretischen Grundperspektive deutliche Parallelen auf, unterscheiden sich jedoch in einem zentralen Punkt: Während ersterer das Operationsgedächtnis auch von nichtmenschlichen Substraten getragen sieht, meint letzterer dass dieses ausschließlich »in der Form von Erinnerungsspuren« auf Seiten der Menschen vorläge (ebd.: 77).

Die Feststellungen haben tiefgreifende konzeptuelle Konsequenzen. Denn sofern binär-digitale Operationen als Bestandteile von Praktiken, das heißt von umfassenderen digital-analogen Operationsketten gelten müssen, ist davon auszugehen, dass sie immer in andersartige Operationsweisen eingewoben sind, oder im Falle von Neu-Erfindungen auf diese stoßen. Ein Geflecht aus Routinen, Gewohnheiten, (Erwartungs-)Erwartungen, Konventionen, Selbstverständlichkeiten, ways of doing things verleiht Praktiken ihre je spezifische Form. Und binär-digitale Operationen sind offenkundig in dieses Geflecht eingelassen. Es ist durchaus üblich, dieses Geflecht als »Kultur« zu bezeichnen, und ich schließe mich dieser Konvention hier an. Die binär-digitalen Operationen müssen demzufolge mit analogen, kulturell stabilisierten Operationsketten koordiniert, an diese angeschlossen und in diese integriert – müssen gewissermaßen kulturell »domestiziert« (Silverstone/Haddon 1996) – werden. In diesem Sinne handelt es sich bei der Aktualisierung der Kulturtechnik des Digitalisierens notwendig um Kulturproduktion. Aus der Verteilung des Operationsgedächtnisses auf sowohl menschlich-körperliche als auch nichtmenschliche materielle Träger folgt wiederum, dass die Operationen von Menschen und Rechnern analytisch auf Augenhöhe angesiedelt werden können (womit jedoch erst einmal nichts über die verschiedenen Gedächtnisinhalte der verschiedenen Träger gesagt ist).

Die Gegenüberstellung der abstrakten Kulturtechnik des Digitalisierens mit den konkreten digitalen Praktiken erlaubt uns damit die Identifikation einer konzeptuellen Leerstelle. Denn was diese Gegenüberstellung offen lässt, ist die Frage, wie die fragliche Kulturtechnik in die nämlichen Praktiken überführt wird. Im Sinne des hier vertretenen Anthropologieverständnisses kann und muss diese Frage empirisch gewendet werden, da sich die Plausibilität jedes noch so theoretischen Argumentes durch Rückbindung an die »Primärerfahrung« der Empirie beweisen muss (Dewey 1995: 22–25). Aber was genau soll die Empirie überhaupt in den Blick nehmen? Die Antwort auf diese Frage verklammert die abstrakte Ebene der Kulturtechnik mit der der Operationsketten, und birgt das Potential, als Scharnier zu fungieren. Kulturtechniken treten empirisch immer als von Menschen und materiellen Objekten getragene Operationsketten, und in diesem Sinne als Praktiken auf. Geformt werden diese Praktiken von den Inhalten der ebenfalls auf Menschen und Nichtmenschen verteilten Operationsgedächtnisse – aber was bildet überhaupt den Inhalt dieser Gedächtnisse?

4 Die Programme der Praktiken

Wie lässt sich die Überführung von Kulturtechniken in Operationsketten/ Praktiken theoretisch bestimmen? Diese Frage lässt sich anhand eines simplen Beispiels, nämlich der Aktualisierung der Kulturtechnik »Kochen« als einem Ensemble von Praktiken der Nahrungszubereitung angehen. In der Praxis scheinen wir leicht unterscheiden zu können, welche Praktiken und Gerichte zum Beispiel der »Punjabi Cuisine« (Biryani) angehören, und welche etwa eher der hessischen Küche (Grüne Soße) zugeordnet sind. Ebenso leicht können wir beide Praxisformen als jeweils kulturspezifische Ausprägung der Kulturtechnik des Kochens bestimmen. Damit zusammenhängend, können wir auch beide Praxisformen bis zu einem gewissen Grade mit derselben formalen Beschreibung belegen (Substanzen, die der menschliche Organismus verarbeiten kann, werden manipuliert, bearbeitet, vermischt, biochemische Prozesse werden induziert, dabei kommen bestimmte materielle Instrumente zum Zuge etc.). Gleichzeitig weisen beide Praxisformen jeweils kulturspezifische Muster auf (welche Substanzen werden wie durch Zuhilfenahme welcher Instrumente manipuliert usw.). Verantwortlich für solche Muster-bildende Stabilität zeichnen nach Leroi-Gourhan (1988: 288–295) im Operationsgedächtnis verdauerte Programmsequenzen, die den Operationsketten Form verleihen. Grundlage dieses Vorgangs bildet der Umstand, dass »es beim Menschen aufgrund der Abgelöstheit von Werkzeug und Sprache zu einer Exteriorisierung der Operationsprogramme [kommt]« (ebd.: 297). Auf Basis eines »shared space of common psychological ground that enables everything from collborative activities with shared goals to human-style cooperative communication« (Tomasello/Carpenter 2007: 121–122) werden Operationsprogramme also einerseits sprachlich und gestisch an andere menschliche Akteure weitergegeben (exteriorisiert): Köche geben Rezepte an Auszubildende weiter oder notieren diese in Bücher; Väter lehren Söhne das Kochen etc. Offenkundig werden Programmelemente jedoch auch materiellen Dingen eingeschrieben. Restaurant- oder Einbauküchen lassen sich als in eine materielle Umgebung eingeschriebene Handlungsprogramme verstehen, die dann gemeinsam mit Menschen zum Laufen gebracht werden. Genau daran wird auch die kulturelle Spezifik deutlich, mit der Kulturtechniken durch Programm-Exteriorisierung in Praktiken überführt werden: Soll die Kulturtechnik Kochen in die Kochpraxis der »Punjabi Cuisine« überführt werden, dann muss ein Tandur, ein Holzofen zum Brotbacken Teil des materiellen Arrangements der Küche sein. Ist dies nicht der Fall, können bestimmte Programmanteile nicht zum Laufen gebracht werden.

Das Programmkonzept wurde zunächst von Leroi-Gourhan entwickelt und später vor allem von der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) adaptiert (vgl. Akrich 1992, Latour 1992). Der generelle Ansatz dürfte daher geläufig sein, jedoch wurde er seitens der ANT in erster Linie für techniksoziologische Forschungszwecke fruchtbar gemacht. Die anthropologische Praxisforschung hat demgegenüber wohl ein wesentlich stärker ausgeprägtes Interesse an der analytischen Unterscheidbarkeit und an den Weitergabemodi unterschiedlicher Programmelemente.16 Ich werde deshalb das Programmkonzept zunächst einmal praxistheoretisch ausbuchstabieren, bevor ich im nächsten Kapitel seine Anwendbarkeit vorführe.

Welche Bestandteile weisen Programme also auf, wie entstehen diese, und wie werden sie erhalten und weitergegeben? Leroi-Gourhan richtet bei der Beschäftigung mit diesen Fragen den Fokus zunächst auf die motorisch-kognitive Programmdimension. Indem er Programme als im »motorischen Gedächtnis verankert« begreift (Leroi-Gourhan 1988: 293), verortet er sie im Körpergedächtnis der neuronalen Netze des vegetativen Nervensystems und des Kleinhirns. Dieser Fokus auf Verhalten im Sinne von Bewegungsabläufen ist zwar nicht falsch, stellt aber eine gewisse Engführung dar. Das Argument, dass Programme zielgerichtetes körperliches Verhalten ermöglichen, lässt sich zunächst sowohl biologisch als auch praxistheoretisch stützen. A. Reckwitz (2003: 289) stellt etwa für die Praxistheorie fest, diese untersuche »Verhaltensroutinen, deren Wissen (…) in den Körpern der handelnden Subjekte ›inkorporiert‹ ist«. Der Neurobiologe und Psychiater J. Bauer (2006: 18) charakterisiert dieses Inkorporieren wie folgt: »Handlungssteuernde Nervenzellen (…) verfügen über Programme, mit denen sich zielgerichtete Aktionen ausführen lassen.« Programme werden also auch im prämotorischen Cortex lokalisiert, im somatischen (teilweise der Willkür zugänglichen) Bereich. Jedoch legt diese Formulierung eine »algorithmische« Vorstellung von Programmen nahe, als ob diese in der Praxis in Form propositionaler, explizierbarer Anweisungen vorlägen, und so Verhalten im handlungstheoretischen Sinne ein-eindeutig steuerten.

Dass eine solche Sichtweise nicht zu halten ist, weiß nicht nur Bauer, wenn er ausführt, dass Programme sich nicht nur auf »motorische Handlungsfolgen, sondern ebenso« auf »Abläufe des Empfindens und Fühlens« (ebd.: 31) erstreckten. Auch die seit langem geführte und verzweigte Diskussion innerhalb der Praxistheorie um den Status und den Charakter sozialer Regeln verdeutlicht dies. So schließt sich etwa A. Preda der Annahme an, dass jede theoretisch robuste Konzeption menschlicher Aktivität Verhaltensregeln zwingend eine grundlegende Rolle zuweisen muss, aber dies

»means to account, in a conceptually consistent fashion, for how actors follow and reproduce rules over various contexts. Of key importance here are rules belonging to ›background understanding‹ (…): that is, rules which are shared by actors, orienting their actions, but not entirely reducible to explicit formulations« (Preda 2000: 271).

Ganz in diesem Sinne hält denn auch Wittgenstein (1967: § 23), Autor einer der zentralen Referenzen der Praxistheorie, fest, »daß das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform«. Das soll heißen: Das Sprechen der Sprache, das hier stellvertretend für alle Formen von Praktiken gelten kann, ist in seiner Einbettung in eine (nicht unbedingt holistisch zu verstehende, aber doch äußerst weitreichende) Lebensweise (»Lebensform«) – man könnte auch sagen: in eine Kultur – zu analysieren.

Die bis an diesen Punkt geführte Diskussion weist uns damit die Richtung für die Bestimmung des Programmbegriffs, der über Leroi-Gourhans Konzipierung hinaus erweitert werden kann. Wenn Operationsketten Praktiken sind, dann werden diese von Programmen unter anderem im Sinne von körperlich verankertem Wissen stabilisiert,17 das über motorische Formung hinausgeht und keineswegs notwendig in propositionaler Form auftreten muss. In welcher Form aber dann? Ein Blick auf die sozialtheoretische Regeldiskussion macht schnell klar, dass eine definitorisch ansetzende Bestimmung Gefahr läuft, sich in kürzester Zeit in allen möglichen kleinteiligen begrifflichen Problemen zu verheddern; der beste Weg zu einer Bestimmung des Charakters von Programmen führt meines Erachtens hingegen über die analytische Rekonstruktion ihrer Genese. Um diese theoretisch nachzuvollziehen, können wir nun biologisches Wissen kulturanalytisch wenden. Ansatzpunkt hierfür liefert die neurobiologische Identifizierung einer bestimmten Klasse von Nervenzellen, den sogenannten »Spiegelneuronen« (Bauer 2006). Bei diesen handelt es sich um Zellverbünde, die bei Handlungen und Beobachtungen die gleichen Aktivitätsmuster aufweisen: ob Akteure eine bestimmte Handlung nun durchführen oder lediglich beobachten, die fraglichen Nervenzellen feuern. Wie jede andere wissenschaftliche Theorie, so ist auch die der Spiegelneuronen, obwohl empirisch gut belegt, in ihren Folgerungen umstritten. Einer recht weit verbreiteten Annahme zufolge prägen jedoch diese Neuronen Menschen (und anderen Primaten) biologisch eine unterhalb der Wahrnehmungsschwelle operierende Nachahmungstendenz auf, die bereits mit Beginn der Ontogenese einsetzt: »Beobachtung und Imitation erzeugen im kindlichen Gehirn ein Skript, das in Nervenzellnetzen gespeichert ist« (ebd.: 69). Kulturanalytisch wie sozialtheoretisch dürfte diese postulierte Tendenz zur Nachahmung eine gewisse Plausibilität aufweisen, sind doch ganze Soziologien auf der Bestimmung der »Gesetze der Nachahmung« (Tarde 2003) gegründet worden.

Sofern das Postulat der allgemeinen Nachahmungstendenz akzeptiert wird, ergibt sich daraus eine Erklärungsfigur, die es ermöglicht die Entstehung relativ geordneter Operationsmuster auch bei vollständiger Abwesenheit expliziter Handlungsregeln oder dergleichen zu erklären: Programme werden demzufolge im Rahmen permanent ablaufender Imitationsprozesse erzeugt und weitergegeben, wobei Weitergabe keine »identische Replikation« irgendwelcher neuronalen Muster oder mentalen Repräsentationen meint, sondern immer variierende, unscharfe Reproduktion – die aber dennoch die zur Musterbildung erforderliche Ähnlichkeit von Operationen gewährleistet.18

Von hier ausgehend können wir nun weitgehend problemlos an sozial- und kulturtheoretische Wissensbestände anschließen. Denn wenn unsere Imitationen schon jenseits der Formulierung ausdrücklicher Verhaltensregeln zu einigermaßen stabilen Ordnungen sedimentieren (können), dann lässt sich vermuten, dass diese Ordnungen zumindest auf dieser fundierenden Ebene stillschweigenden Charakter haben. Und genau diesen Charakter hat H. Garfinkel (1984) im Zuge seiner experimentellen Sozialforschung empirisch virtuos belegt. Insbesondere verweist Garfinkel darauf, dass die Mitglieder einer Sozialformation Operationen in der Alltagspraxis grundsätzlich mit einer gewissen Normalitätserwartung begegneten – erwartet würden »normal courses of action – familiar scenes of everyday life affairs, the world of daily life (…) taken for granted« (ebd.: 35). Der so normalisierten Ordnung werde immer und grundsätzlich normative Qualität zugesprochen, denn die sozialen Akteure »refer to this world as the ›natural facts of life‹ which, for members, are through and through moral facts of life« (ebd.). Die stillschweigenden Erwartungen, die Garfinkel auch »the socially standardized and standardizing ›seen but unnoticed‹, expected background features of everyday scenes« (ebd.: 36) nennt, werden an der Vergangenheit gebildet und gerinnen (u. a. neuronal) zu normativen Regelhaftigkeiten. Sie lassen sich in genau diesem Sinne auch als implizite Regeln fassen. Die gewohnten Operationsketten (»normal course of action«) werden als Teil der normalen Ordnung der Dinge wahrgenommen, und einem Verstoß gegen diese Normalität droht grundsätzlich, wenn auch nicht zwingend, die Sanktion.19 Der Regelcharakter dieser regelhaften Erwartungen wird aber nur bei Verstoß expliziert. In dieser Negativität der regelhaften Erwartungen deutet sich bereits die ihnen eigene Unschärfe an, und es kann zumindest an dieser Stelle völlig offen bleiben, ob und inwieweit welche Regelbereiche explizierbar sind oder nicht – praktisch wirksam werden in jedem Fall. Wenn ich im Folgenden von impliziten Regeln spreche, beziehe ich mich im dargelegten Sinne auf implizite, normativ gekleidete regelhafte Erwartungen des erläuterten Typs. Programme bestehen somit einesteils in Form impliziter Regeln, welche per Imitation gebildet und reproduziert werden. Diese Programmebene bildet die anthropologische Grundlage für alle weiteren Programmformen.

Nun treten Regeln aber üblicherweise auch in expliziter, diskursiver und propositionaler Form auf. Ein Schild mit der Aufschrift »Grundstück betreten verboten« nutzt diskursive Mittel, um eine Verhaltensregel explizit zu machen, die als Proposition so formuliert werden kann: »Das Grundstück darf nicht betreten werden.« Genau an diesem Punkt, das heißt am Übergang von impliziten zu expliziten Regeln setzt die verästelte Diskussion um den Regelbegriff ein. In die Problematik einsteigen können wir hier mit Giddens (1995: 73), der uns dazu auffordert, dass wir »die Regeln des gesellschaftlichen Lebens als Techniken oder verallgemeinerbare Verfahren betrachten, die in der Ausführung/ Reproduktion sozialer Praktiken angewendet werden.« Bezüglich der Frage, welche Form diese Regeln haben, verweist Giddens auf das Beispiel einer mathematischen Formel (ebd.: 72). Menschliche Akteure wendeten ständig solcherart verallgemeinerbare Verfahren an, »typisierte Schemata (Formeln)« (ebd.: 73), die zum ganz überwiegenden Teil in stillschweigender Form als Elemente des praktischen (im Unterschied zum diskursiven) Bewusstseins operierten (ebd.: 57).

Als problematisch an Giddens’ Argument erweist sich allerdings das gewählte Beispiel der mathematischen Formel; denn wenn soziale Verhaltensregeln üblicherweise in stillschweigender Form operieren, dann lassen sie sich gerade nicht explizit, formal und propositional ausdrücken, wie dies im Falle des mathematischen Formel-Algorithmus möglich ist (vgl. Schatzki 1997: 293–300). So verdeutlicht etwa L. Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen eindringlich, dass Sprachregeln (die hier stellvertretend für alle anderen sozialen Konventionen stehen; vgl. Wittgenstein 1967: § 355) weder gänzlich und ein-eindeutig explizit gemacht werden können, noch sind sie als propositionale Aussage formalisierbar. Die Bedeutungen eines Wortes ergeben sich aus dessen Gebrauch (ebd.: § 43) in einem bestimmten Kontext, und auch das Befolgen einer Regel lasse sich nicht kontextfrei formalisieren: »Einer Regel folgen, eine Mitteilung machen, einen Befehl geben, eine Schachpartie spielen sind Gepflogenheiten (Gebräuche, Institutionen)« (ebd.: § 199). Das gilt auch für das oben genannte Beispiel der Schildaufschrift »Grundstück betreten verboten«. Denn in der Praxis gehen wir normalerweise davon aus, dass meine Formalisierung dieser Regel als »Das Grundstück darf nicht betreten werden« streng genommen unzureichend ist. Bei Lichte betrachtet müsste es heißen: »Für eine bestimmte Klasse von Akteuren gilt: Sie dürfen das Grundstück nicht betreten.« Man könnte nun die Klasse von Akteuren als die »Nicht-Eigentümer« bestimmen und so fort, jedoch ist eine erschöpfende Bestimmung eben weder möglich noch praktisch erforderlich, da die explizite Regel von impliziten Erwartungen unterfüttert und so hinreichend mit »Eindeutigkeit« versehen wird. In diesem Sinne weisen Operationsketten, Praktiken aller Art immer einen nichtexplizierbaren empirischen »Überschuss« auf: »Darum ist ›der Regel folgen‹ eine Praxis« (ebd.: § 202).

Vor Hintergrund dieser kontextuellen Gebundenheit endet jeder Versuch der übersituativen, kontextfreien, generellen und ein-eindeutigen Bestimmung von Begriffen, und damit von Regeln schlechthin, in einem infiniten Regress (ebd.: § 29). Und wohin eine fortlaufende Explizierung getroffener Aussagen in der Praxis führt – zum Zusammenbruch von Praktiken – ist ja auch in Garfinkels Krisenexperimenten eindrücklich dargestellt worden (vgl. etwa Garfinkel 1984: 42). So verzichten wir in der Praxis auch auf eine solche unmöglich zu einem sinnvollen Ende kommende Explizierung, stattdessen »ruht der Vorgang unseres Sprachspiels [d. h. unserer Praktik, CO] immer auf einer stillschweigenden Voraussetzung« (Wittgenstein 1967: 215). Bei diesen stillschweigenden Voraussetzungen handelt es sich wiederum um die von Garfin-kel empirisch erforschten »background expectancies«, die wir weiter oben als implizite Regeln bestimmt haben.

Die soziokulturellen Programmregeln wären also missverstanden, würde man sie durchgehend als zumindest potentiell ein-eindeutig zu bestimmende regelhafte Bewusstseinsinhalte X des praktischen Bewusstseins mit explizitem Regelgehalt Y identifizieren. Explizite Regeln (»Grundstück betreten verboten«) sind dementsprechend keine explizit gemachten impliziten Regeln. Vielmehr verweisen Regeln aufeinander (Regeln bezüglich Eigentumsverhältnissen, Rechtsordnungen, Sprachverwendung etc.), sind also nicht in Isolation zu betrachten. Jede implizite oder explizite Regel muss als Element eines umfassenderen kulturellen Gewebes gesehen werden, in diesem wechselseitig und gemeinsam mit weiteren impliziten und expliziten Erwartungen, Regelhaftigkeiten und Regeln interagiert. Ich bezeichne dieses kulturelle Gewebe als Kultur-Programm, da es sich um eine unscharfe, kulturell bestimmte Vielheit handelt, innerhalb derer einzelne Regeln Operationen Form verleihen. Wir können also für den Programmbegriff festhalten, dass Programme aus impliziten Erwartungen, Regelhaftigkeiten und Regeln sowie aus expliziten diskursiven Regeln bestehen können.