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"Digitalotopia" ist ein Ort in der Zukunft, der so gut sein kann und wird, wie wir ihn gestalten. Digitalotopia ist auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Digitalisierung und ein Entwurf einer nachhaltigen und humanen digitalen Utopie. Das Buch stellt dazu neue Thesen, Konzepte und Strategien vor. Richtig eingesetzt, können uns digitale Technologien in hohem Maße helfen, die ökonomischen, ökologischen, politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu lösen und unsere Erfahrung der Wirklichkeit auf eine neue Stufe zu heben. Doch dazu bedarf es gänzlich neue Ansätze. Auf eingängige und verständliche Weise schreibt der Diplom-Physiker Sascha Berger als Experte mit hohem Praxisbezug über Fragen zum aktuellen Wandel: Was genau verbirgt sich hinter dem allgemeinen Schlagwort Digitalisierung? Wie treiben Big Data, künstliche Intelligenz, Robotik, das Internet der Dinge, Kryptowährungen oder Blockchain den industriellen und gesellschaftlichen Wandel, die digitale Transformation, an? Welche Risiken und Chancen liegen darin? Was bedeutet der Wandel für jeden Einzelnen von uns im Privatleben und in der Arbeitswelt sowie für das Zusammenleben aller Menschen auf nationaler und auch globaler Ebene? Worauf kommt es dabei wirklich an und was zeichnet Menschsein in der Zukunft aus? Eine Aufklärung 2.0 und Bildung 4.0, die neben einer Digitalkunde auch eine Bewusstseinskunde beinhaltet, sind Schlüsselfaktoren, um den Wandel sinnvoll, nachhaltig und human zu gestalten. Ein Buch für alle Leser, die verstehen und sich eine Meinung bilden möchten, mitreden und die Zukunft mitgestalten wollen. Sind wir bereit für die (R)Evolution der Wirklichkeit, wie wir sie bisher kennen? www.Digitalotopia.com
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Seitenzahl: 619
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Wer über Aktuelles in Digitalotopia informiert und zur »(R)Evolution der Wirklichkeit« in Kontakt bleiben möchte, ist herzlich zu einem Besuch im Internet auf Digitalotopia.comeingeladen.
Vorwort
Einleitung
Teil I – Alles bleibt anders
3.1 Ein Blick in die Geschichte
3.2 Entwicklungszyklen der Geschichte
3.3 Digitalisierung ist die Geschichte des Computers
3.4 Digitalisierung und die vierte industrielle Revolution
3.5 Innovation, Disruption und Start-ups
Teil II – Zeiten des Wandels
4.1 Ein Blick in die Glaskugel
4.2 Rechenleistung und digitale Assistenten
4.3 Alles wird smart und intelligent
4.4 Big Data, Big Brother und digitale Identitäten
4.5 Neue Infrastruktur für die Machine Economy
4.6 Roboter und künstliche Intelligenz – Digitale Personen mit Rechten und Pflichten?!
4.7 Verhältnis von Mensch und Maschine
4.8 Smart Humans, Cyborgs und Uploads
4.9 Demographie, Weltbevölkerung und assistiertes Leben
4.10 In einer Sharing Economy will teilen gelernt sein
4.11 3D-Druck und neue Materialien
4.12 Gemischte Realität und Aufmerksamkeitsraub
4.13 Neue Formen der Kommunikation und neue Medien
4.14 Der Wandel des World Wide Web
4.15 Cyberlaws, Cybersecurity und Cybercrime
4.16 Arbeit und Geschäft
4.17 Supermobilität und Autonomobilität
4.18 Am Scheideweg mit Ausweg
Teil III – Die größte Chance der Menschheit
5.1 Wandel als Chance
5.2 Kryptowährungen und Digitalgeld
5.2.1 Was ist Geld?
5.2.2 Einführung in Kryptowährungen
5.2.3 Anwendungen und Ausblick
5.2.4 Die Wahrheit über Geld
5.2.5 Krise des Währungs- und Finanzsystems
5.2.6 Sind Digitalwährungen sicher?
5.2.7 Spielregeln Kryptogeld Monopoly
5.2.8 Neues digitales Geld
5.3 Komplexität und Qualität
5.4 Demokratie 2.0, Humankyberkratie und globale human-kybernetische Gesellschaft?
5.5 Wohlstand und Gerechtigkeit in einer digitalisierten Welt
5.6 Die Rettung unserer Welt
5.6.1 Ökoeffektivität und Ökoeffizienz
5.6.2 Nachhaltigkeit
5.6.3 Earth-Overshoot-Day
5.6.4 Sharing-Economy
5.6.5 Maßnahmen: Dezentralisierung, Dekarbonisierung und Sektorkopplung
5.6.6 Nachhaltigkeit und ökologische Zukunftsfähigkeit erfordern mehr
5.6.7 Klimawandel
5.6.8 Bevölkerungswachstum
5.6.9 Globale und digitale Lösung
5.6.10 Status quo und was kommt als Nächstes?
5.7 Neue Arbeit in neuen Unternehmen
5.7.1 Aktuelle Veränderungen
5.7.2 Arbeit in der Übergangsphase
5.7.3 Neue technische Konzepte
5.7.4 Abschaffung der Erwerbstätigkeit?
5.7.5 Recht auf freie Arbeit und das Recht auf Faulheit
5.7.6 Der Mensch in der neuen Arbeitswelt
5.8 Der Faktor Mensch
5.8.1 Drei zentrale Fragen
5.8.2 Was ist wertvoller – Intelligenz oder Bewusstsein?
5.8.3 Sind Organismen wirklich nur Algorithmen, und ist Leben wirklich nur Datenverarbeitung?
5.8.4 Was wird aus unserer Gesellschaft?
5.8.5 Aufklärung 2.0 und Bildung 4.0 für die digitale Gesellschaft
5.8.6 Achtsam durch digitale Zeiten
5.9 Vernunft, Verantwortung, Vertrauen und Kontrolle
Neue Werte braucht das Land
Ende
Danksagungen und Widmung
Liebe Leserin,
lieber Leser,
gesellschaftliche Veränderungen können schleichend geschehen, fast unbemerkt und äußerst sanft. Sie können gesteuert werden von einflussreichen Menschen oder sie geschehen aufgrund äußeren Drucks, plötzlich veränderter Bedingungen oder katastrophaler Ereignisse. Revolutionen und Kriege haben oft große Veränderungen bewirkt. Technischer Fortschritt und die Neuorganisation der Arbeitswelt führten ebenfalls zu umfassenden Umwälzungen und lösten dabei ihrerseits revolutionäre Ereignisse aus.
Die Digitalisierung hat das Potential, unsere Arbeits- und Leistungsgesellschaft vollständig umzubauen. Eine politische Steuerung des Prozesses findet bisher kaum statt, nicht zuletzt, weil es an Konzepten und Einsichten fehlt, die Veränderungen zu erkennen und Wirkungen vorherzusehen. Wir schauen gleichermaßen fassungslos wie fasziniert zu, wie menschliche Arbeit wegautomatisiert wird, und erleben eine neue globale Machtkonzentration in Unternehmen, die erst vor wenigen Jahren gegründet wurden.
Einsichten zu gewinnen, über Digitalisierung aufzuklären und die verschiedenen Dimensionen der Veränderungen erkennbar zu machen, ist das Ziel des Buchs »Digitalotopia« von Sascha Berger. Digitalisierung kann uns allen dienen und die Zukunft lebenswerter machen – wenn wir verstehen, sie uns zunutze zu machen. Der Wandel vollzieht sich dabei in technischen Innovationen und wirtschaftlichen Disruptionen, in globalen Daten-Infrastrukturen und virtuellen Plattformen, in Logistik und Mobilität, über Kryptowährungen und Unternehmertum außerhalb bestimmbarer Grenzen und – nicht zuletzt – in einer Neudefinition von Erwerbstätigkeit, Arbeitswelt und Intelligenz. Alle diese Aspekte und viele weitere werden von Sascha Berger aufgegriffen und zueinander in Beziehung gebracht, dabei kommt auch die Betrachtung von Risiken für Demokratie, Umwelt und Wirtschaftssysteme nicht zu kurz.
Das Thema ist kaum zu fassen und in seiner Komplexität nur schwer zu bewältigen. Sascha Berger hat es dennoch getan. Es entstand ein umfangreiches und anregendes Buch, das zur Aufklärung über ein wichtiges Thema beiträgt und das ich Ihnen gerne ans Herz lege!
Essen, im September 2018
Prof. Dr.-Ing. Ulrich Greveler
»Digitalotopia« ist ein Ort in der Zukunft, der so gut sein kann und wird, wie wir ihn gestalten. Doch wo ist Digitalotopia und wie können wir dorthin gelangen?
Die Welt befindet sich aktuell mitten in einem Wandel. Wandel an sich ist zwar stetig, doch aktuell findet er massiv beschleunigt statt, die Welt scheint an einem Wendepunkt und an einem historisch bedeutenden Meilenstein zu stehen. Große potenzielle Veränderungen und Herausforderungen stehen vor der Tür. Es sind nicht nur die bekannten Herausforderungen wie Umwelt- und Klimaschutz, Aufrechterhaltung von Frieden oder die gerechte Verteilung von Wohlstand. Sondern es sind eine Vielzahl von kleinen und großen Herausforderungen durch globale soziale, politische, ökologische und ökonomische Veränderungsprozesse. Der Wirtschaftswissenschaftler Fredmund Malik sagt, es wird sich alles verändern:1Was wir tun, wie wir es tun und warum wir es tun; wie wir produzieren und konsumieren, wie wir arbeiten, wie wir lernen und forschen – und wie wir leben.
Ein Haupttreiber der Veränderung ist die Digitalisierung bzw. sind digitale Technologien und die damit verbundenen Fortschritte in Bereichen wie Vernetzung, Big Data, künstliche Intelligenz oder Robotik. Die Auswirkungen werden fast alle Bereiche unseres Lebens sowie unserer Gesellschaft beeinflussen und sie treiben nicht nur eine vierte industrielle Revolution, sondern insbesondere auch einen gesellschaftlichen Wandel an. Sie führen zu einer Veränderung von Kommunikation, Ökonomie, Ökologie, Politik, Gesellschaft und unseres Selbstbildes als Menschen. Die Technologien künstliche Intelligenz und Blockchain zusammen mit dem bereits bestehenden Internet werden von der Bedeutung für das 21. Jahrhundert her vergleichbar sein mit der Nutzbarmachung des elektrischen Stroms oder der Erfindung der Dampfmaschine. Sie werden die infrastrukturelle Basis einer neuen kommenden Zivilisation bilden. Ohne sie wird zukünftig nichts mehr funktionieren und durch sie wird nichts mehr so sein, wie wir es bisher kennen. Würde diese Infrastruktur jedoch einmal in Zukunft ausfallen, so wäre es genauso schlimm, als wenn heute auf der ganzen Welt der elektrische Strom ausfallen würde. Doch genau diese neuen Technologien, von denen wir uns aktuell zunehmend abhängig machen, bieten Chancen, die Wirtschaft, die Politik, das Finanz- sowie Geldsystem, unser Leben und unsere Gesellschaft insgesamt humanistischer zu gestalten.
Nach Schätzungen von Experten könnten durch die Automatisierung in den nächsten zwei Jahrzehnten bis zu 50 % der Menschen ihre bisherige Arbeit an »Automaten« verlieren. Diese Automaten in Form Intelligenter Digitaler Assistenzsysteme oder Roboter werden uns jedoch auch viele lästige, unangenehme, komplexe, schwierige sowie gefährliche Aufgaben abnehmen und bei vielen weiteren Aufgaben unterstützen können. Dadurch gewonnene Freiheit könnte zu einer Befreiung des Menschen vom Zwang der Lohnarbeit führen und als Chance genutzt werden, um bisher nicht genutzte Potenziale zu entfalten und sie für die Gestaltung der Gesellschaft und Welt einzusetzen.
Kommunikation findet bereits heute über ein weltweites Netzwerk statt und wird durch digitale Übersetzungs-Bots von Sprachbarrieren zunehmend befreit werden. Die Welt wird auch dadurch zunehmend globaler. Doch bisher fehlte das echte globale Zusammenwachsen. Der aktuelle Wandel ist, als würde das Betriebssystem unserer Gesellschaft ausgetauscht werden. Die Bedienung des neuen digitalen Betriebssystems müssen wir jedoch erst neu erlernen, um es vernünftig nutzen zu können. Dazu soll nicht nur beispielsweise die Einführung der europäischen Datenschutz-Grundverordnung einen Beitrag leisten, die mit guter Absicht und dennoch wirren Folgen am 25.05.2018 endgültig in Kraft getreten ist. Für das neue Betriebssystem benötigen die Menschen auch ein neues »Mindset« und ein neues Wertesystem. Eine Bildung 4.0 ist dafür ein wesentlicher Schlüssel. Bildung muss jedoch zukünftig mehr als Lernen von Fertigkeiten, Sachkompetenz oder Wissen beinhalten. Programmierunterricht und Digitalkunde werden auch nicht ausreichen, um den Wandel sinnvoll zu gestalten. Ein neuer Schwerpunkt im Bildungssystems des 21. Jahrhunderts, gleichsam einer neuen Kulturtechnik, sollte auch eine Bewusstseinskunde sein. Denn Bewusstsein ist das, was uns maßgeblich von künstlichen kognitiv superintelligenten Maschinen und Robotern der Zukunft unterscheiden wird. Ein starkes Bewusstsein ist auch das, was Menschen den souveränen Umgang mit all den Informations- und Interaktionsmomenten in einer digitalisierten Welt ermöglichen wird. Außerdem scheinen nach Ansicht anerkannter Wissenschaftler der Verstand und das Bewusstsein eine weitere wesentliche Bedeutung zu haben. Nach einem neuen naturwissenschaftlichen Welt- und Menschenbild, genannt Neo-Geozentrismus, könnte das Bewusstsein potenziell im Mittelpunkt dessen stehen, was wir als Realität bezeichnen. Bewusstsein könnte also eine wesentlichere Bedeutung neben einer bloßen kognitiven Intelligenz von zukünftig superintelligenten Maschinen haben. Bewusstsein hat das Potenzial zu mehr und macht Menschsein auch in Zukunft bedeutsam!
Satya Nadella sagte:2»We are not pursuing A.I. to beat humans at games […] We are pursuing A.I. to empower every person and every institution that people build with the tools of A.I., so that they can go on to solve the most pressing problems of our society and our economy. That’s the pursuit.«
Zukünftige künstliche kognitive digitale Superintelligenz ist nach Ansicht vieler Experten möglicherweise die größte Gefahr für die Menschheit und gefährlicher als die Atombombe. Wir können künstliche Intelligenz, Roboter, Daten, Algorithmen, das Internet oder auch Blockchain aber auch als größte Chancen sehen, die die Menschheit je hatte. Wir können diese Digitaltechnologien nutzen, indem sie uns befreien, damit wir uns um unsere wichtigsten Aufgaben kümmern können. Denn wir müssen uns die Frage stellen, wie wir zukünftig leben wollen, um die drängendsten Probleme unserer Gesellschaft zu lösen. Wir alle können und müssen zu aktiven Gestaltern der Zukunft, unserer Gesellschaft und der Welt werden. Und diese Welt beginnt bei unserem unmittelbaren Umfeld. Laut Digital Manifest3, in dem bei »Spektrum der Wissenschaft«neun europäische Experten zu Wort kommen, stehen wir an einem gesellschaftlichen Scheideweg zwischen einer humanistischen Demokratie 2.0 und einem von Maschinen, Daten und Algorithmen dominierten Datentotalitarismus bzw. Feudalismus 2.0. Fundamentale gesellschaftliche Errungenschaften moderner Demokratien sind demnach in Gefahr. Die Weichen müssen wir jetzt stellen, um Risiken zu vermeiden sowie die potenziellen Chancen nicht zu verschlafen, sondern sie zu ergreifen.
Wir Menschen müssen auch zwingend nachhaltig denken und handeln. Denn nach allem, was wir wissen, bleibt der Menschheit nur noch begrenzt Zeit, um auch für Umwelt und Klima die Weichen richtig zu stellen. Wir müssen auf das richtige Gleis setzen, die richtigen Entscheidungen treffen und entsprechende Maßnahmen einleiten. Die durch die Digitalisierung entstandenen Veränderungsdynamiken müssen genutzt werden, um die Ökoeffektivität unseres Handelns nachhaltig zu steigern. Es geht darum, dass unsere Umwelt und unsere Welt – der blaue Planet Erde – für uns auch in Zukunft einen weiterhin lebensfähigen Raum bieten. Und es geht auch insbesondere darum, dass wir zukünftig in einer globalen, für alle Menschen lebenswerten Gesellschaft in Frieden, Sicherheit, Freiheit, Vielfalt und Wohlstand zusammenleben können.
Das Buch »Digitalotopia« soll dazu Denkanstöße liefern, Konzepte sowie Strategien skizzieren und einen Beitrag zu einer für das Digitalzeitalter vielleicht notwendigen Aufklärung 2.0 leisten. Denn richtig verstanden und richtig eingesetzt, können digitale Technologien uns in hohem Maße dienen, ja unsere Erfahrung der Wirklichkeit auf eine neue Stufe heben. Eine notwendige Voraussetzung dafür ist jedoch, die soziale, politische, ökologische sowie ökonomische Dimension der anstehenden Veränderungen zu verstehen und dafür gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Daher werden Fragen aufgegriffen wie: Was genau verbirgt sich hinter dem allgegenwärtigen Schlagwort »Digitalisierung«? Und wie treibt die Digitalisierung mit Big Data, künstlicher Intelligenz, Robotik, dem »Internet der Dinge« oder Kryptowährungen den gesellschaftlichen Wandel an? Welche Rolle spielt Komplexität und wie kann sie in einer immer komplexer werdenden Welt beherrscht werden? Auch geht es um grundlegende gesellschaftliche Zukunftsthemen sowie Fragen zur Ethik des digitalen Zeitalters. Auf der Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und Theorien ergeben sich auch Erklärungsmodelle, die darlegen, was den Menschen von den kognitiv superintelligenten Maschinen der Zukunft unterscheidet, was also Menschsein überhaupt bedeutungsvoll macht.
Der Philosoph Johann Gottfried Herder (1744–1803) schrieb:4»Der Mensch ist der erste Freigelassene der Schöpfung; er stehet aufrecht. Die Waage des Guten und Bösen, des Falschen und Wahren hängt in ihm: er kann forschen, er soll wählen.«
Wir Menschen haben es jetzt also in der Hand, die neuen technischen Möglichkeiten, die Digitaltechnologien, dafür einzusetzen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Die Herausforderungen müssen dabei auf globaler Ebene gelöst und in lokales Handeln umgesetzt werden. Es liegt jetzt an uns allen, die Zukunft bewusst mitzugestalten und die Weichen für ein Digitalotopia richtig zu stellen. Wir dürfen es nicht verschlafen.
Abraham Lincoln wird gerne mit den Worten zitiert: »The best way to predict the future is to create it.«. Fangen wir damit also an.
Sind wir bereit für die (R)Evolution der Wirklichkeit?
Let’s roo the world to make it a better place!
Wer zu »Digitalotopia« und zur »(R)Evolution der Wirklichkeit« in Kontakt bleiben und über Aktuelles in Digitalotopia informiert bleiben möchte, ist herzlich zu einem Besuch im Internet auf Digitalotopia.com eingeladen.
1https://www.malik-management.com/de/malikbooks/navigieren-in-zeiten-des-umbruchs/ (03.08.2018)
2 Mark Hachman – Microsoft’s FPGA-powered supercomputers can translate Wikipedia faster than you can blink: The world doesn’t have to long to wait for Microsoft’s »A.I. supercomputers«; they’re already here. – PCWelt (26.6.2016) – https://www.pcworld.com/article/3124486/hardware/microsofts-fpga-powered-supercomputer-can-translate-wikipedia-faster-than-you-can-blink.html (abgerufen: 20.01.2018)
3 Digitale Demokratie statt Datendiktatur – Digital Manifest auf Spektrum.de (Spektrum der Wissenschaft) – https://www.spektrum.de/news/wie-algorithmen-und-big-data-unsere-zukunft-bestimmen/1375933 (abgerufen: 21.05.2018)
4https://www.aphorismen.de/zitat/198943
Um die Bedeutung des aktuellen Zeitgeschehens und aktueller stattfindenden Entwicklungen besser verstehen zu können, kann ein Rückblick in die Geschichte helfen. Dieser soll zeigen, warum wir uns gerade an einem besonderen Punkt in der Menschheitsgeschichte befinden und wohin die nächsten Weichenstellungen führen könnten. Fakt ist, ein Gespenst geht um in Europa und auf der ganzen Welt. Es ist die Digitalisierung. Und aktuelle Entwicklungen und Ereignisse haben das Potenzial für eine Revolution.
Derzeit wird von der Industrie 4.0 bzw. der vierten industriellen Revolution in Verbindung mit der Digitalisierung gesprochen. Tatsächlich jedoch handelt es sich dabei nicht nur um eine Revolution der Industrie, sondern insbesondere auch um eine Revolution der Gesellschaft. Wenn es denn auch keine richtige Revolution gibt, so leben wir doch zumindest in einer Wendezeit und werden massive Veränderungen erleben. Fredmund Malik, der Wirtschaftswissenschaftler mit Forschungsschwerpunkt Managementlehre, sagt im Rahmen seiner Theorie zur Großen Transformation215 dazu, dass wir eine grundlegende Änderung von fast allem erleben werden, was wir tun, wie wir es tun und warum wir es tun.
Neben technologischem Fortschritt haben in unserer Geschichte auch Religionen, naturwissenschaftliche sowie geisteswissenschaftliche Erkenntnisse, auch (Umwelt-)Katastrophen, Machtkonzentrationen oder Machtmissbrauch unsere Gesellschaft und Kultur seit Anbeginn der Zeit geprägt und mehrfach radikal verändert. Die technologischen Fortschritte waren beispielsweise die Nutzbarmachung des Feuers, die Kultivierung der Landwirtschaft, die Erfindung der Schrift, der Buchdruck, die Erfindung der mechanischen Uhr sowie der Brille, die Dampfmaschine, die Elektrifizierung und zuletzt der Computer sowie das Internet. Technologischer Fortschritt führt dabei in der Regel zu einer von außen angetriebenen Veränderung. Die Erfindung der mechanischen Uhr veränderte beispielsweise grundlegend das Leben in den Städten. Mit ihrer Erfindung war es möglich, den Tag in Einheiten einzuteilen. So gab ab dem 13. Jahrhundert der stündliche Schlag der Kirchturmuhren den Takt für Leben und Arbeit in den Städten vor. Insbesondere die Arbeit konnte so effizienter organisiert werden. Diese Entwicklung der getakteten Zeiteinteilung setzte sich später massiv bei der auf Effizienz getrimmten Industrialisierung fort. Die Erfindungen der Dampfmaschine läutete ab ca. 1748 das industrielle Zeitalter, die sogenannte erste industrielle Revolution, ein. Damit setzte eine radikale Veränderung der Arbeitswelt ein. Muskelkraft wurde durch Maschinenarbeit ersetzt. Dampf- und Wasserkraft trieben die Maschinisierung voran. Aus einer Agrargesellschaft wurde eine Industriegesellschaft. Damals protestierten jedoch auch viele Menschen gegen die Industrialisierung, also gegen die damaligen Veränderungen. Die sogenannten Maschinenstürmer (bzw. Ludditen) zerstörten Maschinen oder neu errichtete Fabriken, um die Ersetzung von qualifizierten Arbeitern durch ungelernte Kräfte zu verhindern oder um gegen Verschlechterungen der Lohn- und Arbeitsbedingungen zu protestieren.
Ebenso führten veränderte geisteswissenschaftliche Erkenntnisse bzw. Ansichten bei Menschen häufig zu von innen heraus angetriebenen Umbrüchen. Vielfach wollten Menschen bestehende Strukturen auf den Kopf stellen, und solche Veränderungen waren dann auch mit größeren und kleineren Aufständen bis hin zu Kriegen begleitet, die zum Teil Millionen von Menschenleben gekostet haben. Nicht immer waren die Weltanschauungen, die diesen Umbrüchen zu Grunde lagen, aus heutiger Sicht vertretbar und führten zu tragischen Ereignissen, wie beispielsweise der Inquisition, dem Holocaust, dem Zweiten Weltkrieg und auf der positiven Seite zur Aufklärung.
Auch ereigneten sich Naturkatastrophen mit großer Veränderungskraft. Der Pest beispielsweise fielen im 14. Jahrhundert ca. 25 Mio. Menschen zum Opfer. Dieses Ereignis veränderte das Denken der Menschen, die fortan dem Ideal »Lebe im Diesseits und genieße das Leben« folgten. Dies zeigte sich insbesondere in der Kunst, die fortan nackte und frönende Menschen zeigte.
Im 15. Jahrhundert kam es im Rahmen der Renaissance durch die Erfindung des Buchdrucks zu einer Wissensrevolution, da Wissen massenhaft vervielfältigt und daher schnell verbreitet werden konnte. Dies entsprach einer immensen Beschleunigung von Kommunikation, wie wir sie auch heute wieder durch das Internet erleben. Damals führte sie zu einer zuvor nie dagewesenen Beschleunigung von technologischem Fortschritt und zu einer Weiterentwicklung des Menschenbildes, dem sog. Renaissance-Humanismus: »Die Humanisten traten für eine umfassende Bildungsreform ein, von der sie eine optimale Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten durch die Verbindung von Wissen und Tugend erhofften. Humanistische Bildung sollte den Menschen befähigen, seine wahre Bestimmung zu erkennen und durch Nachahmung klassischer Vorbilder ein ideales Menschentum zu verwirklichen.« Martin Luther konnte damals durch die Buchdrucktechnik vor ca. 500 Jahren am 31.10.1517 erstmals seine 95 Thesen vervielfältigen und massenhaft als Flugblätter verteilen und leitete damit die Reformation der Kirche ein.
In den Jahren 1789 bis 1799 forderten die Menschen im Rahmen der Französischen Revolution Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (liberté, égalité, fraternité) und prägten damit durch die Veränderung von Machtstrukturen bis heute das moderne Europa. Etwa zeitgleich begann das sog. Zeitalter der Aufklärung, in dessen Rahmen durch rationales Denken den Fortschritt behindernde Strukturen überwunden sowie geistige und soziale Reformbewegung angestoßen wurden. Logik, Mathematik und klassische Physik prägten fortan das Denken. Der rationale Verstand steht bis heute im Mittelpunkt dieser Entwicklungen. Im sog. verspäteten Deutschland kam es erst im März des Jahres 1848 zur richtigen Revolution, mit der das Großbürgertum die Macht übernahm.
In der jüngeren Menschheitsgeschichte war es dann also die erste industrielle Revolution mit der Einführung des mechanischen und über Lochkarten gesteuerten Webstuhls sowie insbesondere der bereits erwähnten Einführung der Dampfmaschine Mitte des 18. Jahrhunderts, die unsere Gesellschaft von einer reinen Agrargesellschaft zu einer Industriegesellschaft massiv verändert hat.
Ab ca. 1870 begann die zweite industrielle Revolution mit der Einführung der Fließbandarbeit (Taylorismus und Fordismus) und der Elektrifizierung. Nach und nach wurde der elektrische Strom auch in die Haushalte gebracht. Ab den 1970er Jahren begann mit der dritten industriellen Revolution, oder auch Digitale Revolution genannt, die Automatisierung durch Elektronik und IT. Nicht intelligente Roboter und Computer veränderten die Prozesse in Unternehmen, Industrie und Verwaltung. Das Internet und der Personal Computer zogen in die Haushalte ein. Der Computer hat dabei nicht die Muskelkraft, sondern maßgeblich das Denken vereinfacht es dabei jedoch nicht ersetzt. Dies mündete zuletzt in der Verbreitung des mobilen Internets über Tablets und Smartphones, die dann sogar in unseren Hosentaschen landeten. Technologien, die die Art und Weise verändert haben, wie wir arbeiten, kommunizieren und uns fortbewegen, haben bisher die größten gesellschaftlichen Veränderungsdynamiken hervorgebracht.
Jede der erwähnten Revolutionen hat die Art und Weise, wie die Menschen gelebt und gearbeitet haben, massiv verändert. Und heute eben stehen wir am Beginn der vierten industriellen Revolution, bei der es sich zugleich auch um eine gesellschaftliche Revolution handelt. Die aktuelle Revolution könnte ähnlich radikale Veränderungen mit sich bringen wie die erste industrielle Revolution, bei der sich ein Wandel von einer Agrargesellschaft zu einer Industriegesellschaft vollzogen hat. Damals sind die Menschen vom Land in die Städte gezogen und haben ihre Arbeit auf dem Feld oder als Handwerker gegen die Arbeit in Industriehallen getauscht. Bei der aktuellen Entwicklung könnten jedoch viele der heutigen Arbeitsplätze ersatzlos wegfallen. Denn anders als die letzte industrielle Revolution, bei der die Automatisierung im Vordergrund stand, kann die nun entstehende Industrie 4.0 in ihrer finalen Ausbaustufe durch zukünftig hochintelligente, autonome und autopoietische Produktionsmittel gekennzeichnet sein. Die Fabriken und Organisationen könnten flexibel, intelligent und selbständig operieren. Produktionsmittel wären selbstorganisiert (Autonomie) und erneuern (Autopoiesis) sich dabei kontinuierlich selbst entgegen ihrer natürlichen Abnutzung. Intelligente, vernetzte, selbstorganisierte und sich selbsterneuernde Systeme könnten, ohne dass Menschen eingreifen müssen, der hauptsächliche produzierende und dienstleistende Faktor der zukünftigen Ökonomie sein und menschliche Arbeitskraft zunehmend ersetzen. Durch die ebenfalls zunehmende Vernetzung können Kunden, Auftraggeber und weitere Auftragnehmer in Wertschöpfungsketten direkter einbezogen werden. Konsumenten werden dabei zu Prosumenten, indem sie steuernd in den Produktionsprozess eingreifen oder selbst Teil der Produktionsprozesse werden. Klassische Beispiele für Prosumenten bzw. Prosumer sind Immobilienbesitzer, die einerseits Strom über einen Energieversorger beziehen und andererseits selbst Solarstrom produzieren und diesen ins Netz einspeisen. Die zunehmend intelligenter werdenden Maschinen werden unsere Arbeitswelt und unser alltägliches Leben völlig verändern.
Technologien sind grundsätzlich neutral. Falsch genutzt können sie jedoch zu einer Gefahr werden. Die Entdeckung der Atomkraft stellt beispielsweise eine massive Bedrohung für den Menschen dar. Denken wir an die Atombombe von Hiroshima oder die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl sowie Fukushima. Die Endlagerung der radioaktiven Spaltmaterialien aus den Kernkraftwerken ist eine Aufgabe für viele Menschheitsgenerationen. Bei der friedlichen Nutzung der Kernkraft in der Energieproduktion lag jedoch auch die Chance für kostengünstige Energie, die den Fortschritt der letzten Jahrzehnte in den Industriestaaten beflügelt hat. Ähnlich verhält es sich mit den Digitaltechnologien wie künstlicher Intelligenz, Robotern oder Algorithmen im Allgemeinen. Sie bieten Chancen und enthalten Risiken zugleich. Künstliche (Super) Intelligenz könnte zu unserem Partner bei der Lösung von Aufgaben und Roboter zu unseren Dienern werden oder sie könnten zu unseren Sklaventreibern werden, jedoch mit dem Menschen in der Rolle des fremdgesteuerten Sklaven. Der durch Technologie zum Milliardär gewordene Elon Musk schätzt künstliche Intelligenz als gefährlicher ein als die Atombombe.9
Digitale Technologien sowie neue wissenschaftliche Erkenntnisse über Mensch und Natur sind die Treiber der sich beschleunigenden Veränderungen. Nach der Französischen Revolution und der ungefähr zeitgleich stattfindenden Aufklärung könnte nun also die Zeit für eine neue Revolution gekommen sein. Tatsächlich wäre es jedoch nicht nur eine vierte industrielle Revolution und auch nicht nur eine französische, europäische oder amerikanische Revolution. Es wäre auch keine Revolution der Roboter, sondern es wäre diesmal eine globale gesellschaftliche Revolution durch Technologie, durch die Menschen für die Menschen. Sie wird die Art, wie wir global und lokal zusammenleben und arbeiten, radikal verändern.
Um noch besser zu verstehen, was in Zukunft, angetrieben durch technologischen Fortschritt und die Digitalisierung, passieren könnte und wie sich das auf die Gesellschaft auswirken kann, dafür hilft neben einem Blick in die Geschichte auch ein Blick auf die aus der Geschichte ableitbaren und sich wiederholenden Muster und Zyklen, in denen sich die Welt zu verändern scheint.
Über Zyklen spricht Fredmud Malik auch in seiner Großen Transformation21 und bezieht sich dabei auf die von Joseph Schumpeter als Kondratjew-Zyklen bezeichneten Entwicklungen. Diese beschreiben ein wirtschaftliches Auf-und-Ab-Schwingen im Rhythmus von ca. 52 Jahren. Die Zyklen werden durch technologische Innovationen und die sog. Schöpferische Zerstörung (auch kreative Zerstörung) alter Strukturen bestimmt, die die Gesellschaft und die Art zu arbeiten massiv verändern und die jeweiligen Zeitalter massiv prägen:
Zyklus 1 (ca. 1780–1840): Frühmechanisierung; Beginn der Industrialisierung in Deutschland (Kleidungsmanufakturen); Dampfmaschinen-Kondratjew.
Zyklus 2 (ca. 1840–1890): Zweite industrielle Revolution, Eisenbahn-Kondratjew (Massentransportsysteme; Eisenbahn, Bessemerstahl und Dampfschiffe). In Mitteleuropa Gründerzeit genannt.
Zyklus 3 (ca. 1890–1940): Elektrotechnik- und Schwermaschinen-Kondratjew (auch Chemie)
Zyklus 4 (ca. 1940–1990): Einzweck-Automatisierungs-Kondratjew (Basisinnovationen: Integrierter Schaltkreis, Kernenergie, Transistor, Computer und das Automobil/Individualmobilität)
Zyklus 5 (ab 1990): Informations- und Kommunikationstechnik-Kondratjew (Globale wirtschaftliche Entwicklung)
Innerhalb der Kondratjew-Zyklen verläuft technische Innovation innerhalb von S-Kurven. Die Entwicklung startet jeweils wenig dynamisch, geht dann in einen exponentiellen Kurvenverlauf über, bevor die Entwicklung S-Kurvenförmig in eine Sättigung übergeht. Die Grenzen der jeweiligen »alten« Technologie sind am Ende eines jeweiligen Zyklus erreicht, sie werden zunächst verdrängt und schließlich zerstört. Ein Beispiel dafür sind die aktuellen Handys. Nach dem richtig großen Boom, durch den beispielsweise Nokia zu einem wertvollen Unternehmen geworden war, schwächt sich irgendwann der Umsatz ab, weil der Markt gesättigt ist. Irgendwann werden sie durch eine neue Technologie ersetzt. Die alten Mobiltelefone sind durch eine neue Generation Technologie abgelöst worden. Mit der nächsten Technologie wiederholt sich der Verlauf.
Abbildung 1 – Potenziale und Grenzen von Technologien – Prof. Dr. Martin G. Möhrle / Prof. Dr. Dieter Specht – Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: S-Kurven-Konzept, online im Internet:http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/82555/s-kurven-konzept-v6.html (zuletzt abgerufen: 27.12.2017)
Kondratjew-Zyklen haben bisher eine Zeitspanne von jeweils ca. 52 Jahren umfasst. Innovationen innerhalb dieser Zyklen finden natürlich viel häufiger statt. In der jüngeren Geschichte der Menschheit scheint die zeitlich dichte Aneinanderreihung von wesentlichen Innovationen zugenommen zu haben. So wurden das Mobiltelefon, das öffentliche Internet sowie Social Media (Facebook) zwischen 1983 und 2004, also gerade mal innerhalb von ca. 20 Jahren erfunden. 2007 kam dann schon das Smartphone, 2010 das Apple iPad Tablet und 2015 der Sprachassistent Amazon Alexa. Jede dieser einzelnen Innovationen veränderte die Gesellschaft und auch das Was und Wie für Unternehmen. Dennoch haben die länger laufenden Zyklen Bestand. Das Buch »Exponential Organizations: Why new organizations are ten times better, faster, and cheaper than yours (and what to do about it)« von Salim Ismail suggeriert dennoch, dass durch die Digitalisierung der s-kurvenförmige aufschwingende und abflauende Verlauf von technologischen Zyklen außer Kraft gesetzt sei. Unternehmen könnten demnach dauerhaft exponentiell wachsen und zu sog. Exponentiellen Organisationen (ExO) werden. Dafür müssten sie sich jedoch nach den »Gesetzmäßigkeiten« der Silicon-Valley-Unternehmen in Bezug auf Strategie, Struktur, Prozesse, Kultur, KPI, Menschen und Systeme transformieren, um entsprechend flexibel, agil und skalierbar zu werden. Dafür ist massivstes Change-Management gefragt. Angetrieben sein sollen die Menschen in solchen Organisationen vom sogenannten Massive Transformation Purpose, also dem unbändigen Willen zu einer mächtigen Transformation, die auf ein höheres Ziel hingerichtet ist und so Sinn und Motivation für harte Arbeit gibt. Mmmh, klingt interessant, ist es allerdings nur bedingt. Exponentielles Wachstum ist tatsächlich nur phasenweise möglich, nämlich lediglich so lange, bis für eine Technologie die naturgegebene Sättigung eintritt. Weiteres Wachstum kann dann nur erfolgen, wenn ein Unternehmen rechtzeitig auf eine neue sogenannte exponentielle Technologie umschwenkt, die innerhalb eines Kondratjew-Zyklus in einer frühen Wachstumsphase steht und für die die Grenzkosten nun »exponentiell« sinken werden. Dies gilt auch für Unternehmen wie Facebook, Amazon oder Google. Laut Unternehmensberatung Roland Berger werden bald neue Herausforderer auf den Plan treten und daher auch die Geschäftsmodelle der derzeitigen Platzhirsche in den Grundfesten erschüttern.10 Jedes Unternehmen, selbst wenn es derzeit zu den ExO zu gehören scheint, muss sich selbst disruptieren und ständig neu erfinden. Roland Berger sieht im Übrigen für Deutschland und Europa derzeit besonders gute Chancen. Denn Unternehmen in Europa müssen nicht aus bestehenden Geschäftsmodellen noch mehr Profit herausholen, sondern sind bereits gezwungen, sich neu zu erfinden. Außerdem könnte die neue europäische Datenschutzgrundordnung, falls sie Europa technologisch nicht ins Abseits manövriert, zu einem Wettbewerbsvorteil werden, weil sie besonders vertrauensstiftend ist. Man kann also auf eine Chance für Europa bei der nun folgenden zweiten Phase der Digitalisierung hoffen. Vielleicht ergibt sich diese Chance auch dadurch, dass in dieser zweiten Phase der Digitalisierung Software und Maschine bzw. Software und Ding mehr und mehr miteinander verschmelzen (Internet of Things, intelligente Robotersysteme). Jedenfalls muss ein Unternehmen oder Unternehmer, egal wo auf der Welt, um die richtigen Wachstumstrends zu erkennen oder selbst zu gestalten, entweder eine Vorstellung von der Zukunft haben oder auf die eigene Hypothese zukünftiger Entwicklungen spekulieren. Google setzt daher beispielsweise auf die Zukunftsprognosen ihres »Chef-Technikers« Ray Kurzweil, der Anfang der 90er Jahre in Büchern bereits ziemlich treffsicher die Zukunft beschrieb. Der alternative Weg funktioniert über Ausprobieren und Verwerfen und kann gegebenenfalls viel Kapital über eine Aneinanderreihung von Fehlversuchen verbrennen.
Den aktuell 5. Kondratjew-Zyklus – das Informations- und Kommunikationszeitalter – erleben wir gerade hautnah, denn wir stecken alle mittendrinnen. Es ist geprägt durch das Internet, von Smartphones, Tablets, Facebook, YouTube, WhatsApp oder Cloud-Computing. Aktuell müssten wir uns am Beginn eines Abschwungs in diesem Informations- und Kommunikationszeitalter befinden. D. h., die wirtschaftlichen Potenziale aus den jeweiligen Technologien lassen nach und infolgedessen kommt es zu einem wirtschaftlichen Abschwung oder gar Krisen. Die Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnik geht allerdings wie bereits beschrieben noch deutlich weiter. Denn heute schon können wir von fast überall über das Internet kommunizieren.
Laut World Economic Forum und einer Studie der Oxford and Yale University könnten intelligente Computersysteme ab dem Jahr 2024 den Menschen bei Übersetzungsaufgaben nicht nur in der Geschwindigkeit, sondern auch in der Qualität endgültig schlagen.11 Computerbasierte Übersetzungen wären dann in höchster Qualität und in Echtzeit möglich. Es gäbe dann keine lustigen Übersetzungsergebnisse mehr aus dem Google oder Microsoft Translator. Stattdessen würde Kommunikation Sprachbarrieren frei und damit noch globaler werden als es heute der Fall. Die Auswirkungen auf die Globalisierung könnten gigantisch sein. Denn egal ob wir Chinesisch oder Arabisch sprechen, verstehen, schreiben oder lesen müssen, die Übersetzungssysteme könnten es unmittelbar übersetzen. Damit hätten wir alle Zugang zu allem, was jemals in egal welcher Sprache gesprochen oder geschrieben worden wäre. Stelle dir vor, du bereist Japan und könntest dich mit den Japanern dort über den Kopfhörer in deinem Ohr verständigen. Du könntest die japanische Tageszeitung lesen, die von deiner digitalen Brille übersetzt werden würde. Dies würde nicht nur den globalen Austausch von Information erleichtern und massiv verändern, sondern auch den Transfer von Kultur und Weltanschauungen. Eine kulturelle Vermischung wäre vorprogrammiert.
Ein weiterer Aspekt im Informations- und Kommunikationszeitalter ist die Entwicklung des Internet of Things bzw. Internet of Everything, die aller Voraussicht nach auch noch Teil des 5. Kondratjew-Zyklus sein werden. Dabei steht nicht die Kommunikation von Menschen, sondern die von Dingen bzw. Maschinen untereinander im Mittelpunkt. Diese Entwicklung ist bereits mitten im Gange. So werden beispielsweise Autos mit Autos kommunizieren. Sie werden sich darüber informieren, wenn ein Bremsvorgang eingeleitet wird oder die Straße rutschig ist. Haushaltsgeräte werden mit Haushaltsgeräten kommunizieren. So könnte die Kaffeemaschine mit dem Wasserkochen kommunizieren, um diesem mitzuteilen, nun auch das Teewasser aufzuheizen. Oder der Türsensor informiert den Rauchmelder über die unvorhergesehene Öffnung einer Tür, woraufhin der Rauchmelder Alarm schlägt. Häuser würden mit anderen Häusern Informationen austauschen und vielleicht über einen Einbruch informieren oder untereinander von Solarmodulen gespeicherten Strom austauschen. Autos würden auch mit dem Haus kommunizieren und diesem mitteilen, dass die Bewohner gleich nachhause kommen, woraufhin das Haus die Heizung hochregelt. All die vernetzten Dinge werden dabei Cyber-Physische Systeme (CPS) genannt.
Der darauffolgende nächste 6. Kondratjew-Zyklus könnte dann zwischen 2025 und 2040 beginnen und würde voraussichtlich massiv durch hochintelligente und autonome Algorithmen, Roboter und kybernetische Systeme geprägt sein. Es würde ein Zeitabschnitt beginnen, der Cyber Cognitive oder Cognitive Cybernetics Kondratjew(kognitiv Kybernetik Kondratjew) genannt werden könnte.
Kybernetik(Cybernetics) ist im Übrigen nach ihrem Begründer Norbert Wiener die Wissenschaft der Steuerung und Regelung von Maschinen, lebender Organismen und sozialer Organisationen. Es wurde auch mit der Formel »die Kunst des Steuerns« beschrieben. Hingegen wird etwas dann mit dem Zusatz »Cyber« versehen, wenn zum Ausdruck kommen soll, dass es das Internet, die digitale oder vernetzte Welt (den Cyberraum) betrifft (Beispiele: Cyberangriff, Cybersicherheit).
Im kognitiv Kybernetik Kondratjew müssten Maschinen und Roboter nicht mehr gesteuert und programmiert werden, sondern sie würden wie Menschen angelernt, trainiert werden und dann intelligent und autonom – also selbstständig – agieren. Intelligente Maschinen, Roboter und Assistenzsysteme würden nicht nur selbstständig agieren, sondern auch eigenständig (zweckgebundene) Entscheidungen treffen. Sie würden auch ihre eigenen Aktivitäten kontinuierlich selbstständig optimieren und verbessern. Es könnte Roboter geben, die in einem Kaufhaus tätig sind und uns ähnlich wie der Roboter Paul12 von Saturn beim Einkaufen individuell unterstützen und beraten. Ebenso könnten Roboter in einem intelligenten Warenlager arbeiten, sich frei bewegen und Pakete versandfertig packen. In diesem Zyklus würden immer mehr Dinge nicht nur wie im fünften Kondratjew-Zyklus vernetzt werden und miteinander kommunizieren, sondern immer mehr Dinge würden intelligent und autonom werden. Künstlich intelligent-kybernetische Systeme würden viele Anwendungsfälle finden. Möglicherweise werden zukünftig wesentliche Teile unserer gesamten Gesellschaft intelligent-kybernetisch sein. Ich möchte an dieser Stelle noch mal betonen, dass es von unseren heutigen Entscheidungen im Hier und Jetzt abhängen wird, ob eine zukünftige intelligent-kybernetische Gesellschaft eine humanistische Gesellschaft sein wird, die den Menschen beim Menschsein unterstützt, oder ob wir ihr Opfer sein würden. Es besteht jedenfalls die Chance, dass wir es schaffen, eine humanistisch-kybernetische Gesellschaft auch gerade auf Basis neuer Digitaltechnologie zu formen. Die Alternative dazu wäre eine humanistische Gesellschaft, in der wir wieder zurück auf die Bäume bzw. in die Höhlen ziehen müssten und schlicht mit viel weniger auskommen müssten, als es heute der Fall ist. Denn wir müssen im kommenden 6. Kondratjew-Zyklus auch spätestens die Ressourcen-, Umwelt- und Klimaprobleme lösen, damit wir überleben können. Dazu muss entweder die Ressourcen- und Energieproduktivität deutlich gesteigert oder der Konsum heruntergefahren werden. Der Physiker Fritjof Capra griff dies bereits in seinem 1983 erschienenen Buch »Wendezeit« auf und wurde damit zu einer Leitfigur in der Öko- und esoterischen »New-Age«-Bewegung.
Zurück zu den Mustern und Zyklen in der Weltgeschichte. William Strauss und Neil Howe beschreiben in ihrer Strauss-Howe generational theory wesentlich längere Zyklen als die Kondratjew-Zyklen. Die Theorien von Strauss und Howe sind äußerst umstritten. Sie bekommen durch den US-Präsidenten Donald Trump jedoch eine besondere Bedeutung. Denn sein Ex-Chefberater Stephen Bannon ist großer Fan dieser Theorie und hat dazu sogar einen recht extremen Dokumentarfilm aus dem Jahr 2010 mit dem Titel »Generation Zero«13 geschaffen. Die Zyklen umfassen dabei 80 Jahre und somit ein ungefähres Menschenleben. Denn ca. alle 80 Jahre ist die Menschheit nahezu vollständig erneuert. Ein Zyklus umfasst vier sogenannte Turnings (High, Awakening, Unraveling, Crisis). Jedes Turning umfasst ca. 20 bis 30 Jahre, in denen auch eine sog. Generation Menschen, die zu einem bestimmten charakterlichen Archetyp gehören, prägend sind. Aus den Büchern von Strauss und Howe prägten sich auch die modernen Begriffe wie Generation X, Y oder Z. Am Ende eines jeden Zyklus, und zwar im vierten Turning der sog. »Crisis«, kommt es zu gesellschaftlichen Unruhen: »… This is an era of destruction, often involving war, in which institutional life is destroyed and rebuilt in response to a perceived threat to the nation’s survival. After the crisis, civic authority revives, cultural expression redirects towards community purpose, and people begin to locate themselves as members of a larger group …«
Demnach befinden wir uns ca. seit dem Jahr 2005 im vierten Turning, also in einer Krisenphase. Dies ist auch die Basis von Stephen Bannons Ideologie und der Politik von Donald Trump. Das Ziel scheint Isolationismus, Nationalismus und rechter Populismus zu sein.
Jedenfalls bestätigt auch dieses Zyklusmodell, dass wir uns an einem gesellschaftlichen Wendepunkt befinden.
Auch Ray Dalio, der Gründer des weltgrößten Hedgefonds mit einem Fondvermögen von ca. 120 Mrd. US-Dollar, beschreibt in »How the economic machine works« wiederkehrende Schuldenzyklen von 5 – 8 Jahren und längere von 75 bis 100 Jahren, in denen Schuldenmachen und Schuldenabbau sich abwechseln bzw. abwechseln sollten.14
Neben diesen relativ kurzen Zyklen von einigen Jahren bzw. Jahrzehnten existieren noch weit langläufigere Zyklen. Diese sind überwiegend mit einer Weiterentwicklung von Technologie, Bildung, Veränderung der Weltanschauung, Weltreichweite durch neue Möglichkeiten der Mobilität sowie Geschwindigkeit von Kommunikation und Veränderung von Machtverhältnissen verbunden:
Ur- und Frühgeschichte (bis ca. 3500 v. Chr): Zeichnungen und Symbole, mit ersten Spuren (Höhlenzeichnungen) des denkenden
Homo sapiens
vor etwa 70. 000 Jahren
Jäger und Sammler bis ca. 12.000 v. Chr.
Agrargesellschaft ab ca. 12.000 v. Chr.
Antike (3500 v. Chr. bis ca. 600 n. Chr.): Erfindung der Schrift, Christentum (die Institution der Armen), Römisches Reich
Mittelalter (ca. 6. bis 15. Jh.): Feudalismus, dunkles Zeitalter, christliches Abendland vor der Reformation, die Kirche ist nicht mehr die Kirche der Armen, sondern der Reichen
Neuzeit (ab ca. 15. Jh.):
Frühe Neuzeit (ca. 15. bis 18. Jh.): Erfindung des Buchrucks, Fall Konstantinopels, Reformation, Renaissance (Malerei, Architektur, Skulptur, Literatur und Philosophie, Wiederentdeckung der Wissenschaften), Glaubenskriege
Moderne (ca. 18. Jh. bis heute): Aufklärung, Französische Revolution, Industrialisierung, deterministisches Weltbild, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Computer und Internet Nach der Neuzeit könnte nun also die
Weltzeit
beginnen, die geprägt sein könnte von globaler und sprachbarrierenfreier Kommunikation, hochintelligenten Maschinen und einer möglicherweise nahezu technokybernetischen Systemgesellschaft.
Die zuletzt prägenden Zyklen, die einhergingen mit grundlegenden Transformationen, dauerten demnach 200 bis 250 Jahre. Somit könnte nun ein solcher Zyklus zu Ende gehen und wir uns gerade bereits am Beginn eines neuen solchen Zyklus befinden.
Zukünftige Generationen werden vermutlich schreiben, dass die beginnende Weltzeit mit dem Beginn des 21. Jahrhundert angebrochen ist. Denn dann war das Internetzeitalter angebrochen und rückblickend wird ab diesem Zeitpunkt über Internet und Computer das sprachbarrierenfreie und globale Kommunizieren möglich gewesen sein. Vermutlich wird sich auch eine neue Weltsprache ausprägen, in der »NiederChino-RussIndoDEnglisch« oder so etwas Ähnliches gesprochen werden wird. Und nicht zu vergessen: Die intelligenten Maschinen werden unsere Arbeitswelt und Gesellschaft radikal verändert haben und vieles uns Menschen abnehmen, automatisieren und den Menschen damit eine neue Weltreichweite ermöglichen.
Die Geschichte zeigt, dass Übergangsphasen von einer alten hin zu einer neuen Welt bzw. Gesellschaftsform stets mit gesellschaftlichen Unruhen verbunden waren. Das Buch »Im Zeitalter des Zorns« von Pankaj Mishra arbeitet diesen Aspekt heraus und überträgt ihn auf die Gegenwart. Empörung und gesellschaftliche Konflikte werden demnach tendenziell zunehmen. Angst vor sowie Unverständnis für das Neue, Perspektivlosigkeit oder das Auseinandergehen der sozialen Schere sind mit Gründe für solche Entwicklungen. Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs formulierte der italienische Schriftsteller und Philosoph Antonio Gramsci dies treffend mit den folgenden Worten: »Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.«
Was aus den historischen Zyklen jedoch auch als Muster abgelesen werden kann, ist, dass es nach einem Ab auch wieder ein Auf gibt. Auf den Tag folgt die Nacht und auf die Nacht folgt der Tag. Nach guten Zeiten kommen schlechte Zeiten und umgekehrt. Die eine Technologie verliert an Bedeutung und die nächste gewinnt. Die eine Gesellschaftsform geht und die nächste kommt. So sind die Natur und auch die Zivilisation. Es ist der wiederkehrende Lauf der Zeiten. Jedes Mal ändert sich das Was, das Wie, das Warum sowie das generelle Verständnis von Menschsein. So wird es auch nun voraussichtlich wieder sein. Und insbesondere in den letzten 200 Jahren und auch über einen längeren Zeitraum betrachtet, haben sich die weltweiten Lebensbedingungen global maßgeblich verbessert.15 Die Armut und Sterblichkeit haben abgenommen. Alphabetisierung, Bildung, Gesundheit und Freiheit sind gewachsen. Wir können hoffen und es sollte das Ziel sein, diese Tendenz weiter fortzusetzen. Die Welt jedenfalls ist im Wandel.
Wesentliche Beschleuniger für den aktuell stattfindenden Wandel sind Digitaltechnologien bzw. die sogenannte Digitalisierung. Doch was ist das überhaupt genau?
Die Grundlage für die Digitalisierung lieferte Gottfried Wilhelm Leibniz bereits im 17. Jahrhundert mit der Erfindung des sog. Dual- oder auch Binärsystems der Zahlen: »Anders als im üblichen Dezimalsystem werden nicht die Ziffern 0 bis 9 verwendet. Im Dualsystem hingegen werden Zahlen nur mit den Ziffern des Wertes null und eins dargestellt. Oft werden für diese Ziffern die Symbole 0 und 1 verwendet. Die hauptsächliche Erkenntnis dabei war, dass sich die Prinzipien der Arithmetik mit den Prinzipien der Logik verknüpfen lassen (siehe ›De progressione Dyadica‹, 1679; oder ›Explication de l’Arithmetique Binaire‹, 1703). Die hier erforschten Prinzipien wurden erst 230 Jahre später in der Konstruktion von Rechenmaschinen eingesetzt …«
Digitalisierung bezeichnet im ursprünglichen Sinne die Erstellung digitaler Abbilder von physischen Objekten, Ereignissen oder analogen Medien und ihrer Darstellung in Form von Nullen und Einsen (im Engl. Digitization). Das Einscannen eines Fotos gehört dazu. Denn das Bild auf dem Computer liegt nach dem Einscannen in digitaler Form vor. Im neueren und erweiterten Sinn ist »Digitalisierung« in Bezug auf pädagogische Bildung, Wirtschaft oder Gesellschaft dabei gleichbedeutend mit der digitalen Transformation bzw. der Digitalen Revolution von Bildung, Wirtschaft, Kultur und Politik (im Engl. Digitalization bzw. Digital Transformation). Diese Transformation soll das Hauptthema dieses Buches »Digitalotopia« sein. Wenn also die Rede von der Digitalisierung ist, dann soll in der Regel genau Letzteres damit gemeint sein. Die Basis der Digitalen Transformation bzw. der Digitalen Revolution sind die Digitalen Technologien.16 Unter diesen Digitalen Technologien wird alles verstanden, was auf Computerhardware (z. B. Mikroprozessoren), Software (Algorithmen), Netzwerken (z. B. Internet, LAN, WLAN) und digital erfassten Daten beruht. Bei der aktuellen »Revolution« handelt es sich eigentlich um eine Revolution durch Technologie im Allgemeinen und nicht durch Digitaltechnologien im Besonderen.
Im Jahre 1937 realisierte Konrad Zuse, basierend auf den Entdeckungen von Leibniz, die Z1, bei der es sich noch um eine rein mechanische Rechenmaschine handelte. Damit begann quasi die richtige Geschichte des Computers. Während des Krieges baute Konrad Zuse 1941 die erste funktionstüchtige programmgesteuerte binäre Rechenmaschine, bestehend aus einer großen Zahl von Relais, die Zuse Z3.
Angeblich im Jahre 1943 verkündete IBM-Chef Thomas J. Watson, dass es weltweit wohl lediglich den Bedarf für vielleicht fünf Computer gäbe. In den Folgejahren verbreitete sich jedoch der Einsatz von sog. Großrechnern, auf dessen Massenherstellung IBM sich dann spezialisierte. Die technologische Basis bildeten dann nicht mehr Relais, sondern Transistoren.
Mit der Erfindung des serienmäßig produzierbaren Mikroprozessors (ca. 1971), oder auch gelegentlich Computerchip genannt, wurden die Computer immer kleiner, leistungsfähiger und preisgünstiger. Es konnten immer mehr Transistoren auf immer kleinerem Raum untergebracht werden. Dies war zwar der Beginn des Informationszeitalters, auch Computerzeitalter oder Digitalzeitalter genannt. Doch weiterhin wurde das Potenzial des Computers verkannt. So sagte noch 1977 Ken Olson, Präsident und Gründer von DEC: »Es gibt keinen Grund, warum jemand einen Computer zu Hause haben wollen würde«
Das Internet schließlich potenzierte den Nutzen des Computers, ohne den unsere Gesellschaft heute eine ganz andere wäre. Und heute geht die Entwicklung nicht nur dahin, dass jeder und alles vernetzt ist, dass jeder einen oder mehrere Computer zu Hause, ein Smartphone in der Hosentasche oder einen Activity-Tracker am Handgelenk hat, sondern dass auch in fast jedem Ding ein kleiner oder größerer Computer steckt und einfach alles mehr und mehr digital bzw. smart wird. Doch einen Beigeschmack hat diese Entwicklung. Denn das Internet ist deshalb so stark gewachsen, weil es ein gigantischer Gewinnbringer für die Digital-Werbebranche war, wodurch natürlich auch der Ausbau der Infrastruktur vorangetrieben wurde. Dadurch sind große, kritisch zu betrachtende Monopole bei Unternehmen wie beispielsweise Google oder Facebook entstanden, die sich diesen Werbemarkt zu Nutze gemacht haben und damit in gewissem Maße den Zugang zum Internet kontrollieren.
Ab dem Jahr 2015 wird von der vierten industriellen Revolution bzw. in Deutschland auch von der Industrie 4.0 gesprochen, mit der Roboter und Maschinen zunehmend intelligenter und vernetzter werden. Die Grundlage der Industrie 4.0 sind also intelligente und digital vernetzte Systeme. Mit deren Hilfe soll eine weitestgehend selbstorganisierte Produktion möglich werden: Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte kommunizieren und kooperieren in der Industrie 4.0 direkt miteinander. Maschinen kommunizieren mit Maschinen und Maschinen auch mit Menschen. Durch die Vernetzung soll es auch möglich werden, nicht mehr nur einen einzelnen Produktionsschritt, sondern eine ganze Wertschöpfungskette zu optimieren. Das Netz soll dabei alle Phasen des Lebenszyklus des Produktes einschließen – beginnend von der Idee eines Produktes über die Entwicklung, Fertigung, Nutzung und Wartung bis hin zum Recycling. Industrie 4.0 ist zugleich auch ein Begriff, der für eine Forschungsunion17 der deutschen Bundesregierung und ein gleichnamiges Projekt in der Hightech-Strategie18 der Bundesregierung steht; zudem bezeichnet er ebenfalls eine Forschungsplattform19. Das Jahr 2015 gilt auch als Beginn der sog. Digitalen Transformation, welches einen kontinuierlichen Veränderungsprozess durch digitale Technologien meint, der die gesamte Gesellschaft und nicht nur Unternehmen betrifft. Es verändert sich dabei primär, wie die einzelnen Teile in der Gesellschaft bzw. in Unternehmen zueinander in Beziehung stehen. Auch die Art und Möglichkeiten der Kommunikation verändern sich radikal, und intelligente Maschinen beginnen dabei nicht nur das menschliche Denken zu vereinfachen, sondern es sogar zunehmend zu ersetzen. Hören wir, was die Politiker im Wahlkampfjahr 2017 ausrufen, dann scheint die Digitalisierung hauptsächlich aus etwas Netzpolitik, Datenschutzmaßnahmen und dem Ausbau des schnellen Internets zu bestehen. Breitband für alle und ein bisschen Informatikkenntnisse in der Schule lehren, und schon ist alles gut und Deutschland ist wieder wettbewerbsfähig gegenüber den Technologiekonzernen aus dem Silicon Valley. Doch das ist zu kurz gedacht und von der Politik wird dabei ein wesentlicher Punkt übersehen. Denn Politik sieht in der Digitalen Transformation hauptsächlich einen industriellen Veränderungsprozess. Tatsächlich wird sie maßgeblich eine gesellschaftliche Veränderung und mehr als eine Veränderung, nämlich eher eine Transformation oder gar Revolution sein, die auch auf gesamtgesellschaftlicher und dabei nicht nur nationaler, sondern insbesondere globaler Ebene stattfinden wird.
Die Digitalisierung hat mit dem Beginn des Internets bereits seit den 1980er Jahren unsere Gesellschaft sowie die Art und Weise, wie wir kommunizieren, maßgeblich verändert. Begonnen hat es mit dem statischen Internet, bei dem Websites lediglich Inhalte in Form von Text und Bildern ausspielen konnten. Als Nächstes kam das interaktive Internet mit interaktiven Formularen, Kommunikationskanälen, Applikation und Computerspielen auf Websites. Danach entstand seit 2007 mit der Einführung des Smartphones (iPhone) das mobile Internet. Dabei können wir von fast überall surfen, kommunizieren, Fotos posten und spielen. Das Telefonieren, wofür Handys mal gedacht waren, rückt dabei fast in den Hintergrund.
Kern der Digitalisierung sind neben den Computern die Vernetzung, Daten und Algorithmen. Algorithmen sind eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems oder einer Klasse von Problemen. Algorithmen bestehen aus endlich vielen, wohldefinierten Einzelschritten, ähnlich wie ein Kochrezept. Das Medium Internet ist bei der Digitalisierung die tragende Säule der zunehmenden Vernetzung, durch die sich die Art, wie Menschen mit Menschen, Menschen mit Organisationen oder mit Maschinen kommunizieren, stark verändert. Facebook und WhatsApp sind dabei nur die prominentesten Beispiele. Ursprünglich galt das Internet als ein Medium für »Freiheit« und »Demokratie«. Diesem Zweck wird es aktuell jedoch nicht mehr gänzlich gerecht, da es zunehmend von Gruppen instrumentalisiert wird, die es nutzen, um die Freiheit und Demokratie in der Gesellschaft zu unterwandern.20 Sei es durch manipulative Algorithmen oder durch Fake News. Es wurde kürzlich geschrieben, dass Facebook zum Desinformationskanal rechter Kulturkämpfer (Propaganda) und Twitter zum Megafon geworden sei, über das Trump seine Lügen verbreitet. So negativ sollte man das nicht sehen, denn diese Medien sind richtig genutzt eine Bereicherung und tragen zu einem öffentlichen Diskurs und Wissensaustausch zu vielerlei Themen bei. Es bleibt jedenfalls abzuwarten, ob es unseren demokratischen Staaten wieder gelingen wird, diese zum Teil entfesselte Technologie namens Internet wieder demokratischen Regeln zu unterstellen.
Häufig wird, insbesondere in Unternehmen, von »digital« gesprochen. Sogar Abteilungen oder Unternehmensteile bekommen den Beititel »digital«. Digital meint dann vielfach die neuen digitalen Medien, digitale Kommunikationsformen, digitale Endgeräte (z. B. Smartphone, Tablet) und digitale Kanäle, wie beispielsweise online, mobile, Social Media (z. B. Facebook), Communities (z. B. gutefrage.de), Newsplattformen (z. B. Spiegel Online, T-Online), Messenger (z. B. WhatsApp, Snappchat) oder Apps. Das ist jedoch ein unvollständiges Verständnis von digital. Denn die digitalen Kanäle basieren massiv auf Technologie und sind eine Folge und ein Teil der digitalen Technologien und der Digitalisierung als Ganzes. Tatsächlich kann alles als »digital« bezeichnet werden, was mit elektronischer Datenverarbeitung, Computer-Algorithmen und Vernetzung zu tun hat. Also sind das zunehmend mehr Dinge und Themen. Und gerade in Unternehmen sollte, um einen wirklichen Erfolg der Digitalisierung zu gewährleisten, bei Digital auch immer zumindest Technologien, Prozesse, Systeme und Arbeitsweisen mitbedacht werden. Durch die Digitalisierung bzw. die aktuelle digitale Transformation wird letztendlich alles digital. Die Basis der Digitalisierung als Ganzes ist der gleichzeitige technologische Fortschritt in Bereichen wie Informationstechnologie (IT), Elektrotechnik, Mechatronik, Chemietechnik, Nachrichtentechnik, Biotechnologie, Messtechnik oder Materialtechnik. Dabei kommt es zu neuen Technologietrends und kombinatorischen Innovationen, wie Internet of Things (IoT) und Internet of Services (IoS), Cloud (SaaS), Mobile, Social Media, 3D-Druck, Virtual Reality, Augmented Reality, künstliche Intelligenz, autonome Mobilität, Kryptowährungen, Blockhain, Roboter und vieles mehr. Im Übrigen wird der Siegeszug der interaktiven bzw. digitalen Welt erst dann abgeschlossen sein, wenn niemand mehr über »Digitalisierung« als solcher spricht. So wie heute auch niemand mehr, außer in speziellen Bereichen, von der Elektrifizierung spricht, bei der in den 1970er Jahren auch die letzten Haushalte angefangen haben, elektrische Küchengeräte einzusetzen. Bis dahin dauert es jedoch noch eine Weile und bis dahin sind Unternehmen und Organisationen aus allen Bereichen von der sog. Digitalisierung betroffen – seien es Industrie, Handel, Vertrieb, Marketing, Verwaltung, Energieversorgung, Medien, Medizin, Logistik, Transport oder Finanzunternehmen. Sinkende Grenzkosten neuer Digitaltechnologien führen dabei zu einer raschen Verbreitung ebendieser. Der aktuelle Fortschritt in vielen Bereichen erfolgt massiv durch besagte kombinatorische Innovationen. All dies ist am Beispiel des Smartphones anschaulich zu verstehen. Dabei sind u. a. folgende Entwicklungen synergetisch zusammengeführt, also zu einer Innovation kombiniert worden: Hochauflösende touchfähige Displays, Hochleistungsmikroprozessoren, Mikrosensoren, hochleistungsfähige Akkumulatoren, neue Materialen, ausgefeilte fortgeschrittene Software und ein schnelles mobiles Internet. Das Ergebnis war das Smartphone. Wenn eines davon wegfallen würde, gäbe es Smartphones nicht so, wie wir sie kennen. Denn so würden wir sie beispielsweise nicht in unseren Hosentaschen mitschleppen, wenn der Akku immer noch 1 kg wiegen oder es 10.000 Euro kosten würde. In der »Technologie Review«, Ausgabe 05/2018, werden die folgenden 10 Technologien genannt, die unsere Welt in naher Zukunft verändern werden:
KIs trainieren sich gegenseitig
Elektronik aus dem 3D-Drucker
Synthetische Organismen
Praxisnahe Quantencomputer
Intelligente Kopfhörer
Landwirtschaft ohne Dünger
Künstliche Blätter zur Energieerzeugung
Bluttest für Krebs
Denkende Kameras
Datenschutz Dank Blockchain
Auch werden Roboter entwickelt, die bei der Spargelernte helfen. All dies sind nur Beispiele für Entwicklungen in bisher nicht dagewesener Geschwindigkeit.
Mehr und mehr nehmen Algorithmen und Daten, die beispielsweise von Sensoren geliefert werden, nicht nur Einfluss auf Produktions- oder Geschäftsprozesse, sondern auch gerade auf unser Leben. Dies geschieht einerseits willentlich, indem Activiytracker freiwillig an Handgelenken getragen werden. Diese teilen mit, wie gut wir geschlafen haben oder ob wir uns hinreichend viel bewegt haben. Andererseits geschieht es unwillentlich, indem wir auf einer Website surfen und uns dann Informationen oder Werbung in Abhängigkeit davon angezeigt werden, was wir zuvor gemacht und angeschaut haben und ob wir mit einem Desktopbrowser oder einem Smartphone surfen.
Gerne geben wir also auch unsere Daten freiwillig her, um dafür einen scheinbar kostenlosen Dienst nutzen zu können. Dadurch, dass wir Google über das auf dem Smartphone eingeschaltete GPS stets mitteilen, wo wir uns gerade befinden, können wir via Google-Maps nachschauen, ob es sich lohnt, den Stau auf der Autobahn über Nebenstraßen zu umfahren, oder ob es sich lohnt, zu Ikea zu gehen, weil das Internet die Auskunft gibt, wie viele Einkäufer aktuell dort unterwegs sind.
Für all dies zahlen wir heute schon einen Preis. Denn indem wir unsere Daten hergeben, werden wir transparent, überwachbar und am Ende vielleicht auch manipulierbar.
Es ist zwar überwiegend die Rede von einer vierten industriellen Revolution, mit Betonung auf »industriell«. Doch tatsächlich handelt es sich auch um eine gesellschaftliche Revolution. Wir befinden uns im Übergang vom Industriezeitalter in ein Digitalzeitalter. Dem Industriezeitalter haben die Ingenieure sozusagen ihren prägenden Stempel aufgedrückt. Es wurden fantastische Maschinen gebaut. Insbesondere die deutschen Ingenieure waren Meister dieser Kunst und haben so beispielsweise weltweit die besten Motoren oder Autos gebaut. Computertechnik diente dazu, diese Maschinen zu präzisieren und zu optimieren. Dem digitalen Zeitalter werden mehr die Informatiker ihren Stempel aufdrücken. Ingenieurskunst wird degradiert zum Träger digitaler Inhalte und Services. Maschinen ohne digitalen Geist werden zunehmend nutzlos sein. So kaufe ich persönlich mir beispielsweise keinen Lautsprecher mehr, der nicht zumindest mit meinem Handy via Bluetooth oder mit dem häuslichen WLAN gekoppelt werden kann, um darüber die Musik via Streaming abzuspielen. Die alte Stereoanlage bleibt meistens aus. Insofern erleben wir in zweifacher Weise eigentlich eine Deindustrialisierung. Denn zum einen werden, wie bereits gesagt, aus Sicht der Menschen statt Industrieprodukte nun digitale Inhalte und digitale Dienste relevanter und gar dominierend. Und zum anderen werden in der verbleibenden Industrie nur noch weniger oder irgendwann gar keine Menschen mehr beschäftigt, da ihre Jobs automatisiert und von den intelligenten Maschinen erledigt würden. Willkommen in einer schönen neuen digitalen Welt.
Traditionelle Unternehmen und traditionelle Märkte sind teilweise scheinbar von den Entwicklungen durch die Digitalisierung und der rasanten Geschwindigkeit, mit der diese vonstattengehen, überrascht worden. Die sogenannte Disruption ist zum Schreckgespenst geworden. Damit ist gemeint, dass junge Unternehmen und Start-ups durch Innovationen und Schaffung neuer Märkte bestehende Geschäftsmodelle oder ganze Märkte zerstören und dabei etablierte Unternehmen ins Wanken bringen. Vielfach werden die neuen digitalen Geschäftsideen heute direkt global ausgerollt. So sind beispielsweise Amazon und Google innerhalb weniger Jahre zu Weltkonzernen aufgestiegen. Uber greift das Geschäft der Taxibranche an, ohne auch nur einen einzigen Taxifahrer zu beschäftigen. Tesla revolutioniert mit seinen Elektrofahrzeugen die Automobilbranche. Dienste wie WhatsApp werden zum Hauptkommunikationsmedium und stoßen SMS und Telefonieren vom Thron. Airbnb vermietet private Unterkünfte und macht damit den Hotels Konkurrenz. Couchsurfing vermietet »Couches« zum Übernachten und bietet die Möglichkeit, Menschen zu treffen. Durch Musikstreamingdienste wie Spotify verlieren Musik-CDs weiter an Bedeutung. Bereits im Jahr 2014 nahm die Musikbranche mehr über Streamingdienste ein, als über den Verkauf von CDs.21 Doch Disruption gab es auch schon vor Jahrhunderten. So führte der Buchdruck zur Alphabetisierung der Bevölkerung, wurde zum ersten Massenmedium und führte zur Verbreitung von Wissen in der breiten Bevölkerung, welches zuvor nur gebildeten Klerikern und den Adelshöfen vorbehalten war, die dadurch eine Disruption und Entmachtung erfuhren. Dies führte zu drastischen gesellschaftlichen Veränderungen und einer herausragenden Zeitgeschichte, die wir als Renaissance kennen. In dieser Epoche veränderte sich die Welt rasant. Durch das kopernikanische Weltbild, das besagt, dass die Erde um die Sonne kreist, ergab sich eine weitere Disruption. Denn es gingen daraus neue Erkenntnisse für die Navigation in der Seefahrt hervor. Parallel führten neue Techniken im Schiffsbau dazu, dass Handelswege über Land durch Handelswege über See ersetzt wurden und Hafenstädte blühten zu Dreh- und Angelpunkten im Handel für Gewürze und andere Güter auf. Städte, die hingegen auf Handelsrouten lagen, die über Land führten, verloren an Bedeutung. Frederic Tudor startete am 13. Februar 1806 sein Geschäft mit in den USA abgebautem Natureis, welches er in die ganze Welt verschiffte.22 Er wurde damit zu einem der reichsten Menschen der damaligen Zeit, weil Lebensmittel nun gekühlt werden konnten, die Küchen so revolutioniert wurden und die Menschen in der Karibik, in Kalkutta oder auf Martinique eisgekühlte Drinks genießen konnten. Doch schließlich bricht das Geschäft mit dem Natureis ein, weil es Kälteingenieuren gelingt, künstliches Eis herzustellen und die Epoche der Kältetechnik (Kühlhäuser) anbricht. Die Energie für die Produktion von künstlichem Eis und dem Betrieb der Kältemaschinen wird von den damals neuen Dampfmaschinen geliefert. Im 19. Jahrhundert ging mit dem Ausbau der Eisenbahn das romantisch verklärte Zeitalter der Postkutschen für »Fernreisen« zu Ende. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verdrängte das moderne Automobil endgültig die Kutsche aus dem Straßenbild. Der Beruf des Stadtausrufers, der rufend die wichtigsten Ereignisse der Stadt verkündete, fiel dem lokalen Radio und der lokalen Tageszeitung zum Opfer. Disruption findet sich im gesamten Verlauf der Menschheitsgeschichte.
Gegen eine »drohende« Disruption durch die Digitalisierung und die daraus hervorgehende Bedrohung derzeitiger Geschäftsmodelle, suchen Unternehmen auch das Heil und die Lösung bei Start-up-Unter-nehmen und schnellen Lösungen in den Start-up-Metropolen dieser Welt, wie im Silicon Valley, in Tel-Aviv oder Berlin. Das Unternehmen Seedstars23 hingegen sucht auf der ganzen Welt und insbesondere in Entwicklungsländern nach kleinen Start-up-Rosinen. Die traditionellen Unternehmen hingegen suchen auch nach der großen Rettung und nach dem neuen Milliardengeschäft der Zukunft. Start-up-Unternehmen mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde US-Dollar, vor einem Börsengang bzw. einem Exit, werden in der Finanzbranche im Übrigen als Unicorn (Einhorn) bezeichnet. Start-up Gründungen sind so hipp geworden, dass der erfolgreiche deutsche Start-up Gründer und Investor Frank Thelen durch die Sendung „Die Höhle der Löwen“ einen gewissen Promistatus erlangt hat. In der Sendung werden verschiedene Start-up Geschäftsideen gepitcht und versucht die Gunst der Investoren aus der Jury zu gewinnen. In seinem lesenwerten Buch „Startup DNA“ beschreibt Thelen u.a. sowohl wie Gründen als auch Scheitern als Unternehmer geht. Etablierte Unternehmen gründen Innovationseinheiten, in denen eine sogenannte Lean Start-up-Kultur vorherrschen soll. Es sollen dadurch neue Geschäftsmodelle ausprobiert (Ideation) und gegebenenfalls auch schnell wieder verworfen werden. Ganz wie die GAFA-Vorbilder (Google, Apple, Facebook und Amazon) und die Start-ups im Silicon Valley es zu tun scheinen. Ganz nach dem Trial and Error-Prinzip: probieren, scheitern und wieder probieren. Fehler dürfen gemacht werden. Doch Fehler tragen eher den Charakter von misslungenen Experimenten. Dabei werden häufig gescheiterte Projekte bzw. Experimente in einer ritualisierten Zeremonie zu Grabe getragen. Doch der eigentliche Spirit, den Lean-Start-up haben soll, ist der, dass Geschäftsmodelle flexibel sein sollen. Funktionieren sie nicht, wird umgeschwenkt (pivot).24 Scheint das Geschäftsmodell zu funktionieren, so muss man durchhalten (perservere), bis der Scale-up in Form von steigenden Umsätzen bzw. Gewinnen erzielt wird, und das am besten noch »exponentiell«. Funktioniert es nicht, muss man es beerdigen (Shut-down). Studien zeigen, dass viele Investitionen in Start-ups und Innovationseinheiten bisher jedoch nicht den gewünschten
