Dithyramben - Goll, Yvan - kostenlos E-Book

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Goll, Yvan

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The Project Gutenberg EBook of Dithyramben, by Iwan GollThis eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and mostother parts of the world at no cost and with almost no restrictionswhatsoever.  You may copy it, give it away or re-use it under the terms ofthe Project Gutenberg License included with this eBook or online atwww.gutenberg.org.  If you are not located in the United States, you'll haveto check the laws of the country where you are located before using this ebook.Title: DithyrambenAuthor: Iwan GollRelease Date: September 19, 2014 [EBook #46899]Language: German*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DITHYRAMBEN ***Produced by Jens Sadowski

IWAN GOLL

DITHYRAMBEN

LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG

BÜCHEREI DER JÜNGSTE TAG BAND 54 GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER • WEIMAR

GLAIRE STUDER ZU EIGEN

DER GROSSE FRÜHLING

DIE GÖTTLICHE ORGEL

Wer von euch hörte die hektische Orgel nicht über den Städten?

Straßen sirrten wie abgebrochene Kometenschweife um die rote Erde. Goldene Karussells des Sonntags umflogen die Wochenwelt wie große Ventilatoren.

Aus den Warenhäusern fielen die elektrischen Hesperidenäpfel. Und jeder arme Passant, dem die wächsernen Damen sich gaben, wurde zum Kind, zum Weihnachtskind.

Aber spitz und gotisch stand die Orgel über dem Quadrat der Städte: Orgel des Lebens, Orgel des Sterbens! Alle Stimmen der Menschen schrieen gegen den bleiernen Himmel.

Die Orgel wußte vom ewigen Skandal der Erde.

Sie war voll versoffener Männerstimmen, voll blecherner Klagen hungernder Witwen. Altes Husten klopfte aus Spitälern. Zimbeln schlugen aus Kinderschulen. Und das Frösteln einsamer Propheten gab sie wieder.

Die Orgel orgelte den hektischen Gesang der Erde. Sie strahlte groß und spitz über den aufgehäuften Häusern des Elends.

Ausgehöhlte Hotels zerbröckelten. Fabriken drohten mit ihren keuchenden Schloten. Schlafgemächer stürzten ein zu kalkigem Schnarchen. In den frühen Morgen schlotterten die eisigen Glocken.

Und die Orgel donnerte überall über der Welt!

DER KINODIREKTOR

Für einen Groschen öffnet sich euch das Paradies. Hier ist das einzige Paradies der Welt: Chemnitzerstraße 136. Am Eingang die goldenen Lettern leuchten es laut.

An die Kassa! Die Dame hat echte Brillantringe. Jedem schenkt sie ihr purpurnes Lächeln, dir, verschwitzter Dienstmann, und auch dir, hölzerner Soldat! Jedem will sie blonde Geliebte sein: für einen Groschen!

Die Welt sei euer. Der Portier im roten Frack ist euer Sklave. Kein anderes Gefühl hat der Kaiser, wenn er in sein Schloß tritt.

Hier allein gibt es die glücklichen Menschen. Für einen Groschen, o Brüder, könnt ihr glückliche Menschen sehn.

Da fächeln sich Damen über sonnige Parks hinweg. Straßen, himmlische Spiralen, entheben die Passanten der Erde. Und vor Tribünen fahren in überirdischen Galawagen die Präsidenten ferner Republiken auf.

Ihr Dumpfen, seht: ihr sollt angelisch werden! Hier im Kino seid ihr jenseits der Erde. Gut und Bös des Lebens sind ja nichts als ein Reflex wie Schwarz und Weiß auf dieser Leinwand. Nichts ist! Alles ist!

Ich schenke euch die Schöpfung Gottes: das Paradies, ohne Schlange und Apfel. Fluch dem Skeptischen, der lächelnd an die Leinwand klopft und sagt: Das ist ein weißes Tuch! Fluch diesem Lügner: denn das ist das Leben, das reellste Leben!

Das ist das Leben: wo Urwälder noch und Niagarafälle rauschen. Wo auf heißem Rennplatz ein Jockei sich den Hals bricht. Wo Mörder im Frack zu Engeln werden.

Das ist das Leben: Weinend sitzt ihr bei hungernden Witwen. In unendlichem Mitleid beugt ihr euch über den Bankier, der stehlen mußte, der armselige Mensch!

O Schöpfung Gottes! O paradiesisches Orchester! Die Geigen schluchzen Liebe. Flöten schaukeln wie Libellen über dem Teich des Cellos.

Und ich: seht in mir den letzten Apostel! Seht, wie ich kämpfe und leide und an euch sterbe. Ich muß für einen Groschen meine ganze Seele hergeben.

Ich muß euch den Kosmos herrollen. Ich muß euch alle Leidenschaften aufwühlen. Ich hin der Souffleur Gottes.

Hätte ich einen Groschen, wie selig wär ich! Nur einen Groschen! Kassandra sitzt an der Kassa und wird euch lächeln. Schenkt ihr einen Groschen!

DER STUDENT

Er kam aus den dunklen kleinen Pensionen. Da hatte er den Mittagstisch schon zur tollen Tribüne erhoben.

Aus Bakunin stand er auf. Aus zerkrampften Nächten. Aus den notwendigen Examen. Aus Zweifel und Spott. Aus tiefstem Schrei nach Gott.

Seine Augen zwei schwarze Löcher in die graue Maske des Alltags. Auf seinen Lippen schwebte wie ein Falter sein Herz.

Aber an jenem Tage war er überall, der Freund, der Bruder, der Mensch. Aus allen Pensionen trat so ein Student. In allen Versammlungen sprach so ein Fanatiker.

Er schleuderte den brennenden Spitzbart ums Kinn. Er schlug mit der hageren Faust die Schlangen der Zeit nieder.

Und um ihn die blassen Arbeiter der Vereine. Um ihn die stillen Jüdinnen. Um ihn die aufkeimenden Knaben des nächsten Jahrhunderts.

Hoch wuchsen seine goldenen Säulen am Eingang der Städte. Die Julis wälzten sich in den Mohnäckern naher Revolte. Die Menschenengel schwebten aus den Mansarden herab.

Mütter taumelten mit ihren Söhnen hinterher. Auf Denkmälern stand er und zerballte die Zeit. Im Volk war er und schrie nach Gerechtigkeit.

Überall in der Welt war so ein aufgepeitschter Student. Überall öffneten sich die Schleusen des Himmels.

MEETING DER FÜNFTEN KLASSE

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