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Das DIVI Jahrbuch präsentiert ausgewählte State of the Art-Beiträge und brandaktuelle wissenschaftliche Arbeiten aus der gesamten Intensiv- und Notfallmedizin. Neueste Ergebnisse aus der Grundlagen- und klinischen Forschung werden auf ihren Nutzen für die intensivmedizinische Praxis hin überprüft, spezielle Problemstellungen in der Klinik wie auch neue Blickwinkel auf diskutierte und etablierte Themen sorgen für eine breite, aber stets relevante Wissensvermittlung. Über die klinisch-medizinischen Fragestellungen hinaus werden auch Themenbereiche wie Organisation und Management, Qualitätssicherung oder ethische Fragen angegangen. Die Einbeziehung der aktuellen Vereinbarungen, Leitlinien oder Konsensuspapiere macht das DIVI Jahrbuch zu einer Pflichtlektüre für alle Ärzte und Pflegekräfte in den intensivmedizinischen Fachdisziplinen.
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Seitenzahl: 512
Veröffentlichungsjahr: 2022
S. Kluge | M. Heringlake G. Marx | S. Brenner (Hrsg.)
DIVI Jahrbuch 2022 | 2023
Schwerpunkt: Klimawandel und Nachhaltigkeit
begründet von C. Putensen | M. Quintel | G.W. Sybrecht
mit Beiträgen von
S. Abu Jhaisha | F. Albrecht | S. Apostolidou | T. Becher | P. Beck | T. Bein | A.-V. Benecke | C. Berger | A.E. Berggreen | M. Bernhard | J. Berrouschot | T.M. Boesing | P. Boettger | D. Brämer | P. Brandhorst | M. Buerke | G. Classen | J. Dahm | I. Danquah | G. Dobos | C. Dodt | J. Dutzmann | M. Filser | S. Fortenbacher | M. Grünewald | A. Günther | U. Günther | M. Habicher | H. Hag | A. Hajduk | U. Hankeln | W.H. Hartl | A. Hecker | B. Hecker | M. Hecker | H.J. Heppner | L. Herbst | M. Heringlake | A. Herrmann | B. Hosters | K. Hünninghaus | U. Janssens | M. Janusch | S. John | A. Koch | W. Köhler | B. Kumle | H. Lemm | A. Levsen | V. Lieftüchter | A. Markewitz | U.M. Mauer | A. Meiser | L.M. Müller-Wirtz | P.V. Naser | B. Niemann | W. Padberg | M. Pin | M. Reichert | J.G. Riedel | R. Riessen | J. Röther | O.W. Sakowitz | M. Sander | M. Schmidt | A. Schmidt-Rumposch | M. Schroth | J. Schubert | C. Schulz | J. Trauth | S. Treskatsch | A.W. Unterberg | M.-T. Unterweger | S. Vonderhagen | C. Waydhas | M.A. Weigand | M. Westhoff | C. Willam | O.W. Witte
Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
Das Herausgeberteam
Prof. Dr. med. Stefan Kluge
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Klinik für Intensivmedizin
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Prof. Dr. med. Matthias Heringlake
Klinikum Karlsburg
Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin
Herz- und Diabeteszentrum Mecklenburg-Vorpommern
Greifswalder Straße 11
17495 Karlsburg
Univ.-Prof. Dr. med. Gernot Marx, FRCA
Uniklinik RWTH Aachen
Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care
Pauwelsstraße 30
52074 Aachen
Prof. Dr. med. Sebastian Brenner
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen
Universität Dresden
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Fachbereich Neonatologie und Pädiatrische
Intensivmedizin
Fetscherstraße 74
01307 Dresden
MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Unterbaumstr. 4
10117 Berlin
www.mwv-berlin.de
ISBN 978-3-95466-751-2 (eBook: PDF)
ISBN 978-3-95466-752-9 (eBook: ePub)
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Zuschriften und Kritik an:
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Liebe Leserin, lieber Leser des DIVI Jahrbuchs 2022 | 2023,
auch in diesem Jahr wird der Kongress von der Publikation des DIVI Jahrbuchs 2022 | 23 begleitet, welches Sie als Print-Ausgabe oder digital lesen können.
Die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine haben die Schlagzeilen der letzten Zeit beherrscht und stellen uns vor enorme ökonomische Herausforderungen.
Eine der wichtigsten globalen Aufgaben, den Klimawandel zu stoppen, ist dabei weit in den Hintergrund gerückt. Wir erleben Umweltkatastrophen in steigenden Frequenzen: Überschwemmungen, Orkane, Dürren, Hitzewellen, Waldbrände – Folgen des menschengemachten Klimawandels, der durch Armut und Hungersnöte globale Konflikte anheizt.
Die Klimakrise gefährdet die Gesundheit der Menschen und zugleich trägt das Gesundheitssystem maßgeblich zum Klimawandel bei. Krankenhäuser verbrauchen Unmengen an Energie, produzieren jährlich Millionen Tonnen Abfall und sind damit einer der größten Müllproduzenten in Deutschland. Wir brauchen ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Gesellschaft und im Gesundheitssystem. Wir müssen Eigeninteressen dem Umweltschutz und der gerechten Verteilung von Ressourcen unterordnen, und das jetzt und nicht erst in der Zukunft!
Das DIVI Jahrbuch 2022 | 23 widmet sich mit dem Schwerpunktthema „Klimawandel und Nachhaltigkeit“ dieser Problematik. Diskutiert werden u.a. intelligente Energiemanagementkonzepte, Entsorgungskonzepte im klinischen Alltag, die Rolle der Krankenhäuser im Nachhaltigkeitsprozess und umweltbewusste Ernährung in der Klinikverpflegung.
Wir brauchen sektorenübergreifend ein klimafreundliches Gesundheitssystem, in dem jeder Einzelne seinen Beitrag leistet. Wir müssen uns gemeinsam den Herausforderungen stellen und die theoretischen Überlegungen zeitnah in die tägliche Praxis überführen.
Neben dem Schwerpunktthema werden im DIVI Jahrbuch ausgewählte intensivmedizinische Themen des diesjährigen DIVI Kongresses behandelt. Hier geht es u.a. um das akute Lungenversagen und die Sedierung unter Beatmung, um das Management des nicht-traumatologischen Schockraums und um ethische Aspekte in der Notaufnahme, um den ischämischen Schlaganfall, die intrazerebrale Blutung sowie Entzündungen des zentralen Nervensystems. Neben neonatologischen und pädiatrischen Notfällen, werden Störungen im Elektrolyt- und Säurebasenhaushalt besprochen, Therapien der akuten Pankreatitis erörtert sowie die perioperative Optimierung der Hämodynamik diskutiert.
Wir freuen uns außerordentlich, auch in dieser, für Alle schwierigen Zeit so viele renommierte Autorinnen und Autoren für das aktuelle DIVI Jahrbuchgewonnen zu haben und möchten uns an dieser Stelle ganz herzlich bei allen Mitwirkenden bedanken!
Verlieren Sie nicht die Zuversicht! Stellen wir uns den Herausforderungen – die Notfall- und Intensivmedizin sind es gewohnt Hürden zu überwinden.
Wir wünschen Ihnen viel Freude bei der Lektüre und verbleiben mit herzlichen Grüßen
Ihr
Herausgeber-Team
im November 2022
IKlimawandel und Nachhaltigkeit
1Klimawandel und Gesundheit aus globaler PerspektiveAlina Herrmann und Ina Danquah
2Neue intensivmedizinische Herausforderungen durch den KlimawandelThomas Bein
3Nachhaltige und gesunde Ernährung in der Klinikverpflegung – so gelingt die TransformationKristin Hünninghaus und Gustav Dobos
4Klimaschutz im Krankenhaus – Status quo und MaßnahmenAnna Levsen und Melanie Filser
5Energiemanagementkonzepte für ein nachhaltiges KrankenhausMichael Schmidt und Jochen Dahm
6Pflege von morgen: Nachhaltigkeit und MenschlichkeitAndrea Schmidt-Rumposch und Bernadette Hosters
7Vermeiden, Reduzieren, Wiederverwerten: nachhaltige Entsorgungskonzepte im klinischen AlltagUlrich Hankeln
IILunge und Beatmung
1Prävention und Therapie der nosokomialen PneumonieJanina Trauth
2Akutes Lungenversagen (ARDS)Michael Westhoff
3Moderne Sedierungskonzepte und Sedativa bei invasiver BeatmungTobias Becher und Ulf Günther
4Sind Inhalationsanästhetika die Lösung bei invasiver Beatmung?Andreas Meiser, Lukas M. Müller-Wirtz und Frederic Albrecht
IIIManagement der Notfall- und Intensivmedizin
1Die 3-stufige Intensiv- und Notfallversorgung im Kontext einer Reform der Krankenhausstrukturen und KrankenhausfinanzierungReimer Riessen, Christian Waydhas und Andreas Markewitz
2Management der Notaufnahme während der PandemieChristoph Dodt
3Ethische Aspekte in der NotaufnahmeJochen Dutzmann
4Nicht-traumatologisches SchockraummanagementMartin Pin, Bernhard Kumle und Michael Bernhard
IVManagement des Schlaganfalls
1Ischämischer Schlaganfall – Basistherapie, Stroke-Unit, TelemedizinJörg Berrouschot
2Sinus- und HirnvenenthromboseJoachim Röther
3Intrazerebrale BlutungPaul V. Naser und Andreas W. Unterberg
VEntzündungen des zentralen Nervensystems
1Autoimmunenzephalitiden in der IntensivmedizinAlbrecht Günther, Julia Schubert, Otto W. Witte und Dirk Brämer
2Intensivtherapie von ZNS-AbszessenAndrea Hajduk und Oliver W. Sakowitz
VINeurologisch-Neurochirurgische Intensivtherapie
1Myasthene und cholinerge KriseWolfgang Köhler
2Axt – Hammer – Kugel – das „gewollte“ SHTUwe Max Mauer und Chris Schulz
VIINeonatologische und pädiatrische Notfälle
1Akutschmerztherapie im Kindesalter – welches Medikament wie und wann?Sofia Apostolidou
2Update Status epilepticus im Kindesalter – was, wie und wann?Thomas M. Boesing und Georg Classen
3Die Hausgeburt: Prähospitale Versorgung des NeugeborenenMarie-Therese Unterweger und Michael Schroth
4Differenzialdiagnose und Therapie der Bewusstlosigkeit im KindesalterThomas M. Boesing
5Kritisch krankes Kind: Blickdiagnosen und strukturiertes VorgehenVictoria Lieftüchter
VIIIDer alte Patient in der Herzchirurgie
1Sichtweise des Geriaters auf die Intensivmedizin: „Was sind die besonderen Aspekte?“Hans Jürgen Heppner und Haitham Hag
2Der alte und gebrechliche Patient – herzchirurgische TherapiekonzepteBernd Niemann
IXPerioperative hämodynamische Optimierung
1Perioperatives hämodynamisches Management – warum, wie lange und bei welchen Patienten?Marit Habicher und Michael Sander
2Erweitertes perioperatives hämodynamisches Monitoring und/oder Echo zur GDT?Philipp Brandhorst, Christian Berger und Sascha Treskatsch
3Perioperative Volumen- und Substitutionstherapie mit Albumin – aktuelle DatenlageMatthias Heringlake, Astrid E. Berggreen und Matthias Grünewald
XStörungen im Elektrolyt- und Säurebasenhaushalt
1Störungen des KaliumhaushaltesSilke Fortenbacher und Stefan John
2LaktatazidoseLarissa Herbst und Carsten Willam
XIAkute Peritonitis
1Differenzierte kalkulierte Antibiotikatherapie bei schwerer Peritonitis – Neues und BewährtesWolfgang H. Hartl
2Offenes Abdomen bei schwerer Peritonitis: wann, wie, wie lange?Andreas Hecker, Birgit Hecker, Matthias Hecker, Jens G. Riedel, Markus A. Weigand, Winfried Padberg und Martin Reichert
XIITherapiestrategien in der Intensivmedizin
1Therapie der akuten Herzinsuffizienz in der Notfall- und IntensivmedizinPriyanka Boettger, Matthias Janusch, Henning Lemm und Michael Buerke
2Management des akuten LeberversagensSamira Abu Jhaisha und Alexander Koch
XIIIBesondere Fragestellungen
1Das „psychisch kranke“ Polytrauma – Versorgungsprobleme und keine LobbyPaula Beck, Anke-Verena Benecke und Sonja Vonderhagen
2Zeitlich begrenzter Therapieversuch in der IntensivmedizinUwe Janssens
Der Klimawandel verursacht durch extreme Temperaturen (Hitze, Kälte), Extremwetterereignisse (Starkregen, Fluten, Stürme, Brände, Dürren), Luftverschmutzung sowie ultraviolette Strahlung direkte Gesundheitsschäden (1; s. Abb. 1).
Abb. 1 Direkte Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit (angepasst nach unveröffentlichter Dissertation mit dem Arbeitstitel: „Climate Change and Public Health – Regime Types, Perception Patterns and Policy Responses in International Comparison“ von Max Jungmann)
Extremwettereignisse. Extremwettereignisse lösen akute Bedrohungen für die menschliche Gesundheit aus. Dazu zählen Unfälle bei Stürmen (2) oder Ertrinken bei Überschwemmungen (3). Durch den Verlust von sauberem Wasser, Elektrizität, Kleidung, Nahrung und Behausung kommt es auch zu Infektionskrankheiten, Unterernährung und psychischen Traumata (1).
Hitzeextreme. An heißen Tagen und während Hitzewellen kommt es weltweit zu einer Übersterblichkeit (Exzessmortalität) und einer Zunahme der Krankheitslast (Morbidität) im Vergleich zu Tagen mit durchschnittlicher Temperatur (4; 5; 6). Je nach klimatischer Region sind die Schwellenwerte für eine Mortalitätszunahme unterschiedlich: Beim Vergleich von 15 europäischen Städten stieg die hitzebedingte Sterblichkeit in Prag bereits ab einem Schwellenwert von 23,0°C an, während dies in Athen erst ab einem Schwellenwert von 32,6°C der Fall war (7). Diese und andere Beobachtungen legen eine gewisse Anpassungskapazität von Individuen und Gesellschaften nahe (ebd.). So ist die Sterblichkeit bei Hitzewellen zu Beginn des Sommers höher als gegen Ende des Sommers (8). Jedoch kommt es durch den Klimawandel nicht nur zu einer graduellen Verschiebung von Temperaturen, sondern auch zu einer Zunahme der Anzahl, Dauer und Intensität von Hitzewellen als Extremereignissen (9). Daher wird auch unter Berücksichtigung von Anpassungsprozessen eine Zunahme an hitzebedingten Gesundheitsschäden erwartet (10).
Luftverschmutzung. Städtische Luftverschmutzung wird durch hohe Temperaturen verstärkt. So steigt beispielsweise der Ozongehalt in der Luft durch hohe Umgebungstemperaturen: Im Vergleich zu den 1990er-Jahren wird der Klimawandel die ozonbedingte Sterblichkeit um 4,5% bis 2050 erhöhen (11).
Ökosystemvermittelte Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit umfassen biologische, physikalische und ökologische Veränderungen (12) (s. Abb. 2).
Abb. 2 Ökosystemvermittelte Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit (angepasst nach unveröffentlichter Dissertation mit dem Arbeitstitel: „Climate Change and Public Health – Regime Types, Perception Patterns and Policy Responses in International Comparison“ von Max Jungmann)
Wasser- und Lebensmittel-übertragene Erkrankungen. Der Klimawandel beeinträchtigt die Versorgung mit sauberem Wasser in vielen Teilen der Erde. Erhöhte Temperaturen und Niederschlagsvariabilität führen zu einer Zunahme von Wasser-übertragenen Infektionskrankheiten. Die Folgen sind gesundheitsschädliche Algenbildung, Infektionen mit Vibrionen inkl. Cholera, Dysenterie, Typhus, Durchfallerkrankungen und Leptospirosis (13). Belege dafür wurden in den letzten Jahren nicht nur in Indien, China, Brasilien und anderen tropischen Regionen erbracht, sondern auch in höheren Breitengraden, z.B. für Badegewässer in der Ostsee (14).
Vektor-übertragene Erkrankungen. Die Ausbreitung Vektor-übertragener Erkrankungen wird direkt durch klimatische Faktoren beeinflusst (15). So erfahren z.B. Dengue-Fieber, Gelbfieber, West-Nil-Virus, und nicht zuletzt Malaria durch den Klimawandel eine weitere Verbreitung (16). Beispielsweise sorgen steigende Temperaturen in größeren Höhenlagen für verbesserte Fortpflanzungsbedingungen von Stechmücken, sodass diese Vektoren neue geografische Regionen als ihre Lebensräume erschließen können (17).
Ernährungsstatus. Verstärkte Wettervariabilität bedeutet in vielen Teilen der Welt spät einsetzende Regenfälle während der Aussaat oder Starkregen während der Keimung, Dürrephasen während der Wachstumsperioden von Pflanzen und zerstörende Niederschläge während der Ernte. All diese Wetterphänomene des Klimawandels führen zu erheblichen Ernteeinbußen. Gleichzeitig werden Ausdünnungen von Nährstoffen in wichtigen pflanzlichen Nahrungsmitteln beobachtet. Dazu zählen die Verluste von Protein, Zink, Eisen und Selen in Mais, Hirse, Weizen und anderen Getreidesorten (18). Diese Faktoren tragen direkt zur Nahrungsunsicherheit der Bevölkerung bei – vor allem bei Kindern und Frauen in Gesellschaften, die auf Subsistenzwirtschaft angewiesen sind.
Auf dieser Ebene sind die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und menschlicher Gesundheit komplex und multifaktoriell (12; 1) (s. Abb. 3).
Abb. 3 Sozial vermittelte Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit (angepasst nach unveröffentlichter Dissertation mit dem Arbeitstitel: „Climate Change and Public Health – Regime Types, Perception Patterns and Policy Responses in International Comparison“ von Max Jungmann)
Konflikte, Migration. Vor allem in Ländern mit niedrigem sozioökonomischem Status, schlechter Regierungsführung und großer Abhängigkeit von der Landwirtschaft trägt der Klimawandel zu bewaffneten Konflikten bei (19). Diese Konflikte verursachen Verletzungen, Tötungen und erhebliche Schwächungen der dortigen Gesundheitssysteme. Sie führen zu Vertreibung, Migration und Isolation, wodurch mit den entsprechenden gesundheitlichen Folgen (15) gerechnet werden muss.
Wie kann man nun die gesundheitlichen Risiken durch den Klimawandel mindern? Zunächst bleibt festzuhalten, dass eine konsequente Reduktion von Treibhausgasemissionen notwendig ist, um auf die Gefahrenquellen einzuhegen und nicht mehr zu bewältigende Risiken durch den Klimawandel abzuwenden („avoiding the unmanagable“). Parallel dazu müssen sich Gesellschaften jedoch an nicht mehr vermeidbare Gefahren anpassen und Resilienz entwickeln („manage the unavoidable“). Im Folgenden werden relevante Aspekte zur Reduktion von gesundheitlichen Klimarisiken in den Bereichen Klimaschutz, Anpassung und Resilienz diskutiert.
Es liegt auf der Hand, dass die Verminderung von Treibhausgasemissionen eine ursächliche Therapie für den Klimawandel und die damit verbundenen gesundheitlichen Risiken darstellt. Dabei ist der Begriff Klimaschutz eigentlich missverständlich, da es nicht um den Schutz des Klimas, sondern um den Schutz der Menschen geht. Der 1,5°C-Sonderbericht des Weltklimarats hat deutlich gemacht, dass eine Limitierung der globalen Erwärmung auf 1,5°C die (gesundheitlichen) Risiken des Klimawandels im Vergleich zu einer Erwärmung auf 2°C oder mehr deutlich reduzieren würde (20). Beispielsweise würden bei einer Erwärmung um 1,5°C statt 2,0°C 10 Mio. Menschen weniger den mit dem Anstieg der Meeresspiegel verbundenen Risiken ausgesetzt sein (21).
Selbst wenn es der Weltgemeinschaft gelingt, die Erderwärmung auf 2°C zu begrenzen, werden gesundheitliche Auswirkungen verbleiben, mit denen die Gesellschaften umgehen müssen. Das Schlagwort der Anpassung beschreibt im Klimawandeldiskurs den Umgang mit vorherrschenden oder erwarteten Klimabedingungen, um Schäden zu mindern und ggf. weitere Vorteile zu erlangen (20). Bei der Anpassung an Klimawandelfolgen wie Hitzewellen, Überflutungen oder Dürren spielt global gesehen vor allem die Anpassungskapazität eine große Rolle („Adaptive Capacity“). In Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen ist diese Anpassungskapazität u.a. aus sozio-ökonomischen Gründen oft niedriger als in Ländern mit hohen Einkommen (22; 23). So wirken sich verminderte Ernteerträge bei Kleinbauern in Subsistenzwirtschaft beispielsweise direkt auf das Überleben von Kleinkindern in deren Familien aus (24), während Landwirte in Ländern mit hohen Einkommen in diesem Fall vor allem mit ökonomischen Konsequenzen zu rechnen haben. Diese Gegenüberstellung kann an dieser Stelle das Thema der Klimagerechtigkeit nur anreißen. Aus gesundheitlicher Sicht beseht der Bedarf zur Klimaanpassung weltweit, ist jedoch in benachteiligten Gruppen und Regionen besonders groß (25).
Während Gesellschaften als ganze resilient, also widerstandsfähig gegenüber Klimarisiken sein sollten, soll in diesem Kontext vor allem die Resilienz von Gesundheitssystemen betrachtet werden. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind klimaresiliente Gesundheitssysteme wie folgt definiert:
„Ein klimaresilientes Gesundheitssystem ist dazu fähig, klimabedingte Erschütterungen und Belastungen vorauszusehen, auf sie zu reagieren, mit ihnen umzugehen, sich von ihnen zu erholen und sich an sie anzupassen. Damit sorgt ein solches Gesundheitssystem trotz instabiler klimatischer Bedingungen für eine nachhaltige Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung.“ (26)
Klimaresilienz soll also dazu führen, dass Gesundheitssysteme trotz sich verändernder und steigender klimabedingter Belastungen weiter ihrer Grundfunktion nachkommen oder ggf. sogar ihre Leistung verbessern können (26). Dies gilt insbesondere aber nicht ausschließlich für Länder, in denen die Gesundheitssysteme schon bisher keine flächendeckende Gesundheitsversorgung bieten. Tabelle 1 stellt die zehn Komponenten des Rahmenwerks für klimaresiliente Gesundheitssysteme der WHO in Relation zu Grundbausteinen von Gesundheitssystemen dar.
Im Jahr 2020 veröffentlichte die WHO eine Handreichung zur Umsetzung des oben skizzierten Rahmenwerks, welches den Aspekt der Nachhaltigkeit von Gesundheitssystemen noch stärker in den Blick nimmt (27). Nicht zuletzt durch einen viel beachteten Bericht der Organisation Health Care Without Harm 2019 erhielt das Thema der nachhaltigen Gesundheitssysteme zurecht eine größere Aufmerksamkeit (28). Denn allein in Deutschland ist der Gesundheitssektor für etwa 6–7% der nationalen Treibhausgasemissionen verantwortlich (29). Nach dem Prinzip „primum non nocere“ (erstens nicht schaden) sollte auch der Gesundheitssektor seine Treibhausgasemissionen reduzieren und somit zur gesellschaftlichen Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit beitragen (30; 27). Der britische National Health Service (NHS) hat sich bereits das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 gesteckt (31).
Tab. 1 Die zehn Komponenten des operationalen Rahmenwerks für klimaresiliente Gesundheitssysteme, nach (26)
Bausteine des Gesundheitssystems10 Komponenten klimaresilienter Gesundheitssysteme Führung und Steuerung1. politische Verpflichtung und effektive Steuerung zum Aufbau von Klimaresilienz
Gesundheitspersonal2. Befähigung von Gesundheitspersonal im Bereich Klimawandel und Gesundheit, z.B. durch Integration in Aus- und Weiterbildung
gesundheitliche Informationssysteme3. Bewertung von Vulnerabilität, Kapazität und Anpassung
4. umweltbezogenes Risikomonitoring und Frühwarnsysteme (z.B. Hitzewarnsysteme, Pollenmonitoring, UV-Index, Wasserqualität)
5. multidisziplinäre Forschung zu Gesundheit und Klimawandel
Medizinprodukte und Technologien6. klimaresiliente und nachhaltige Produkte, Technologien und Infrastruktur
Leistungserbringung7. Anpassung der Katastrophenbereitschaft und des Notfallmanagements an klimabedingte Extremereignisse
8. Einbeziehung klimawandelbezogener Aspekte in Gesundheitsprogramme
9. intersektorales Management von umweltbedingten Gesundheitsdeterminanten unter Berücksichtigung des „Health in all policies“-Ansatzes (Gesundheit in jedem Politikbereich)
Finanzierung10. Finanzierung zum Aufbau von Klimaresilienz über klimaangepasste Kernfinanzierung des Gesundheitssystems und Finanzierungsmöglichkeiten externer Organisationen
Take home messages:
Während die in Kapitel 1.1 dargestellten Risiken von der Lancet Kommission zu Gesundheit und Klimawandel 2009 als größte Bedrohung für die globale Gesundheit im 21. Jahrhundert dargestellt wurden, bieten Klimaschutz und Klimaresilienz auch Chancen (32; 2). So gehen viele Klimaschutzmaßnahmen mit gesundheitlichen Vorteilen (Co-Benefits) einher, beispielsweise die Reduktion von Luftverschmutzung, die Steigerung der aktiven Mobilität und gesunde und klimafreundliche Ernährung (33). Klimaresiliente und nachhaltige Gesundheitssysteme sollten idealerweise auch resilienter gegenüber anderen externen Schocks wie Pandemien sein und beispielsweise Gesundheitsrisiken durch Überversorgung vermeiden. Daher sollten wir es als Chance betrachten, unsere Gesellschaften und Gesundheitssysteme klimafreundlich und klimaresilient zu gestalten.
Hinweis
Bei diesem Kapitel handelt es sich um eine gekürzte Fassung des Beitrags „Klimawandel und Gesundheit aus globaler Perspektive – eine Übersicht über Risiken und Nebenwirkungen“, veröffentlicht in Günster et al. (Hrsg.) „Versorgungs-Report Klima und Gesundheit“ (34).
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32. Costello A, Abbas M, Allen A, Ball S, Bell S, Bellamy R, Friel S, Groce N, Johnson A, Kett M, Lee M, Levy C, Maslin M, McCoy D, McGuire B, Montgomery H, Napier D, Pagel C, Patel J, de Oliveira JA, Redclift N, Rees H, Rogger D, Scott J, Stephenson J, Twigg J, Wolff J, Patterson C (2009) Managing the health effects of climate change. The Lancet 373(9676), 1693–1733. DOI: 10.1016/S0140-6736(09)60935-1
33. Herrmann A, de Jong L, Kowalski C, Sauerborn R (2019) Gesundheitliche Vorteile von Klimaschutzmaßnahmen – wie Haushalte und Politik profitieren können. Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz 62(5), 556–564
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Dr. med. Alina Herrmann
Alina Herrmann studierte in Heidelberg Medizin und promovierte am dortigen Global-Health-Institut zur Rolle von Hausärzten im Gesundheitsschutz älterer Menschen in Hitzewellen. In ihrer weiteren Tätigkeit als Wissenschaftlerin beschäftigt sich Alina Herrmann vor allem mit gesundheitlichen Co-Benefits von Klimaschutzmaßnahmen im europäischen und afrikanischen Kontext. Als Weiterbildungsassistentin für Allgemeinmedizin ist sie außerdem besonders an Handlungsmöglichkeiten zu Klimaschutz und -anpassung innerhalb des Gesundheitssystems und der Gesundheitsberufe interessiert.
Prof. Dr. Ina Danquah
Ina Danquah hat in Potsdam und Accra (Ghana) Ernährungswissenschaft studiert. Sie promovierte am Institut für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit, Charité – Universitätsmedizin Berlin zu den Beziehungen zwischen Ernährungszustand, Malaria und Typ-2-Diabetes. Ina Danquah erhielt einen Master of Science in Epidemiologie von der London School of Hygiene and Tropical Medicine und habilitierte sich am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité Berlin im Fach Epidemiologie und Public Health. Durch die vielschichtigen Untersuchungen zu Unter- und Überernährung bei afrikanischen Bevölkerungsgruppen hat sie sich in ihrer Forschung den Möglichkeiten zur Klimaanpassung und -abschwächung in Bezug auf Ernährung zugewandt. Dafür erhielt sie 2019 die Robert Bosch-Juniorprofessur für die Erforschung der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen. Sie leitet die Arbeitsgruppe „Klimawandel, Ernährung und Gesundheit“ am Heidelberger Institut für Global Health.
Der Klimawandel ist Fakt, die globale Erderwärmung ist in vollem Gange. Unter diesen Bedingungen werden regionale und saisonale Hitzewellen und/oder Naturkatastrophen (Überschwemmungen, großflächige Waldbrände, Dürreperioden) zunehmend zum Alltag gehören, bzw. sie sind schon im täglichen Leben angekommen. Durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden jährlich bis zu 250.000 zusätzliche Todesfälle erwartet, die als Folgen des Klimawandels einzuordnen sind (1). Der Klimawandel hat erhebliche Implikationen für die menschliche Gesundheit. Die Folgen des Klimawandels für das Auftreten neuer oder zusätzlicher Erkrankungen steht in den letzten Jahren zunehmend im Interesse epidemiologischer und klinischer Forschung. Im Rahmen von Hitzewellen und Naturkatastrophen entstehen neue Erkrankungsmuster, die sich auf das respiratorische System, auf Nierenfunktionsstörungen, auf neurologisch-kognitive Krankheiten, auf kardiovaskuläre Störungen, sowie auf – für europäische Länder bislang ungewöhnliche – Infektionskrankheiten (s. Abb. 1) beziehen (2; 3). Diese Veränderungen haben unmittelbare Relevanz für die Intensivmedizin, die in diesem Beitrag skizziert werden.
Abb. 1 Übersicht von Klimawandel-assoziierten Erkrankungen mit Relevanz für die Intensivmedizin (modifiziert nach [2])
„Lungs in a warming world“ (4) werden anfälliger für Noxen-assoziierte inflammatorische Reaktionen, insbesondere bei vorbestehenden chronischen Lungenerkrankungen (chronisch obstruktive Lungenerkrankung [COPD], Asthma). Erhöhte Konzentrationen an CO2 oder Treibhausgasen in der Luft, Ozon (O3), Stickstoffdioxid (NO2) und erhöhte Feinstaubbelastungen (z.B. im Rahmen großflächiger Brände) gehören zu solchen Noxen. Pathophysiologisch wird eine pro-inflammatorische Reaktion (vermutlich über eine Aktivierung der toll-like Rezeptoren) sowie eine Erhöhung des Atemwegswiderstands bei vorgeschädigten Lungen (über eine Aktivierung der C-fiber Nerven) hervorrufen, die die Hyperreagibilität der Atemwege fördert (5).
Daher wurde im Rahmen von Hitzewellen eine exzessive Zunahme der (intensiv-)stationären Aufnahme von Patienten mit respiratorischen Störungen beobachtet (6; 7). Darüber hinaus ließ sich für jede Erhöhung der mittleren Temperatur um 1oC eine Steigerung der Letalität von COPD-Patienten feststellen. Auch die Zunahme von Klima-bedingten, bisher als „ungewöhnlich“ eingestuften Infektionserkrankungen des respiratorischen Systems (virale Infektionen [Hantavirus, Influenza, Ebola, West-Nil-Virus, Dengue, Respiratory Syncytial Virus], fungal hervorgerufene Infektionen [Aspergillosis, Coccidiomycosis]) werden die Intensivmedizin in den industrialisierten Ländern vermehrt beschäftigen (8). Ferner besteht an einem negativen Einfluss der Klimaassoziierten Änderung der Luftqualität auf die Vulnerabilität des respiratorischen Systems in Europa kein Zweifel (9). Es ist davon auszugehen, dass solche Veränderungen des Spektrums respiratorischer Erkrankungen den Bedarf an intensivmedizinischen Kapazitäten sowohl kurzfristig und saisonal, als auch langfristig spürbar vergrößern wird.
Die kardiovaskuläre Gesundheit steht besonders im Fokus der Auswirkungen von globaler Erderwärmung und Klimawandel (10). Als typische pathophysiologische Mechanismen zwischen Hitzebelastung und akuten kardiovaskulären Erkrankungen (besonders Herzinfarkte, Schlaganfälle) werden überwiegend eine generelle Vasodilatation, die gesteigerte Expression lokaler und systemischer Entzündungsreaktionen (Expression von Interleukinen), eine erhöhte Hämoviskosität sowie die Aktivierung der Blutgerinnung angesehen (11). In einer Übersicht bisheriger Daten waren Hitzewellen mit einem erhöhten Aufkommen akuter kardialer Erkrankungen (z.B. kardiale Dekompensation, Herzinfarkt) assoziiert, was zu einer gestiegenen Anzahl von Notaufnahme-Besuchen, stationären Aufnahmen und konsekutiv vermutlich auch Intensivbehandlungen führte (10). In einer großen europäischen epidemiologischen Studie (12) wurden für neun repräsentative europäische Metropolen während der Sommermonate (1990–2004) meteorologische Daten mit durch die jeweiligen statistischen Ämter erfassten Erkrankungen verglichen. Obwohl die Hitzewellen geografisch sehr unterschiedlich ausfielen, zeigte sich generell ein Hitze-bedingter Anstieg der Letalität zwischen 7,6% in München bis zu 33,6% in Mailand mit einem Anteil von kardiovaskulär bedingten Todesfällen von ca. 50%. Hier zeigt sich, dass sich die kardiologisch orientierte Intensivmedizin in besonderer Weise während großer Hitzebelastungen für zusätzliche Herausforderungen rüsten muss.
Hitzewellen können in besonderer Weise – vor allem bei entsprechend vorgeschädigten Menschen – eine Belastung der Nierenfunktion und -leistung hervorrufen: Volumenverlust und Dehydratation, gegebenenfalls begleitet von kardiovaskulären Problemen, stellen – insbesondere bei älteren Menschen mit multiplen Komorbiditäten – ein Risiko für akute Nierenfunktionsstörungen dar. Hier hat sich der Begriff „heat-stress nephropathy“ eingebürgert (13), dessen Spektrum von einer passageren Einschränkung der Nierenfunktion bis zum akuten Nierenversagen reicht. In Zentralamerika wurden Epidemien von Nierenerkrankungen beschrieben, die zunächst unerklärlich waren. Bei näherer Analyse zeigte sich, dass ausschließlich Patienten mit hitzebedingter Dehydratation betroffen waren. Ähnliche Daten wurden aus den Vereinigten Staaten (California Central Vally) sowie aus Indien und Sri Lanka gemeldet, wo es zu einem Versorgungsengpass von Dialyse-Geräten kam (zusammengefasst in 13). Für Europa liegen bisher keine belastbaren Daten vor, es ist allerdings davon auszugehen, dass auch hier unter Hitzewellen mit einer erhöhten Rate von Nierenversagen zu rechnen ist (14). Für die Intensivmedizin besteht die Notwendigkeit, einen saisonal höheren „ad hoc“ Bedarf an Dialyse- und/oder Hämofiltrationsgeräten und den erforderlichen Behandlungsmöglichkeiten zu antizipieren.
Es ist meteorologisch untermauert, dass Hitzewellen in Häufigkeit und Dauer in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen haben. Physiologisch gesehen ist der menschliche Organismus auf eine relativ eng eingestellte Homöostase der Körpertemperatur angewiesen. Während Abweichungen in die Hypothermie insgesamt noch besser kompensiert werden können, induzieren Fieber und Hyperthermie sehr schnell sowohl physiologische Kompensationsanstrengungen (Umverteilung des Blutvolumens zur Haut, Schwitzen), als auch – bei eingeschränkter Kompensationsmöglichkeit – pathophysiologische Reaktionen (Inflammation, Endotoxinämie, zentrale Hypovolämie, kardiovaskulärer Stress), die bei extremer Exposition (Körperkerntemperatur > 40oC) und vorbestehenden Risikofaktoren bis zum Multiorganversagen führen können. Zur Orientierung werden Hitze-assoziierte Erkrankungen in drei Schweregrade eingeteilt (15):
Milde Hitzeerkrankung („Hitzekrämpfe“): Symptome: Adynamie, Gesichtsödeme, Muskelkrämpfe
Moderate Hitzeerkrankung („Hitzeerschöpfung“): Symptome: Orthostase, Schwindel, Lichtscheue, Bewusstseinstrübung, fatigue, Übelkeit
Schwere Hitzerkrankung (Hitzschlag): Symptome: Bewusstseinsverlust bis Koma, Erbrechen, Tachykardie, Hyperventilation, generalisierte Krampanfälle, kardiovaskuläres Schocksyndrom
Die Entscheidung über das Behandlungsmanagement muss individuell nach Symptomen, Alter und Komorbidität getroffen werden. Während bei milder Hitzeerkrankung häufig eine ambulante Behandlung ausreicht, können bei ausgeprägteren Formen die stationäre oder intensivstationäre Versorgung mit Organersatztherapie und aktiver Kühlung notwendig werden. Insbesondere bei schwerer Hitzeerkrankung besteht die Gefahr eines inflammatorisch getriggerten Multiorganversagens. Patienten mit Hitzschlag sind aus den dargelegten Gründen Intensiv-behandlungspflichtig, da sie einer vitalen Bedrohung ausgesetzt sind. Eine Analyse von Intensivpatienten, die während der Hitzewelle im August 2003 auf französischen Intensivstationen behandelt wurden, ergab alarmierende Daten: Die Hospitalletalität der 345 Patienten mit Hitzschlag betrug 62,6%, diese war bei Patienten, die auf Intensivstationen ohne Klimaanlage lagen, deutlich höher im Vergleich zu Stationen mit air condition (16). Als prognostische Risikofaktoren für die Hitzschlag-assoziierte Sterblichkeit wurden die chronische Diuretika-Einnahme, ein Alter > 80 Jahre, eine Unterbringung in Alten- oder Pflegeheim, eine Körperkerntemperatur > 40oC, eine maligne Erkrankung, ein Schocksyndrom sowie ein Glasgow Coma Scale < 12 identifiziert (17). Eine aktuelle Analyse der Hitze-bedingten Mortalität in Deutschland (18) berechnete etwa 8.700 hitzebedingte Sterbefälle für 2018 und etwa 6.900 für 2019. Dies unterstreicht die Notwendigkeit für die Intensivmedizin, während zunehmend häufiger und intensiver auftretender Hitzewellen fachlich und logistisch gewappnet zu sein.
Klimawandel und Erderwärmung lassen – wie beschrieben – erhebliche Konsequenzen für die Intensivmedizin erwarten: schwere Erkrankungen des kardialen oder respiratorischen Systems, neue, teilweise lebensbedrohliche Infektionen und die Zunahme von Nierenversagen können mit ausgeprägten Funktionsstörungen oder dem Versagen von Organen und Organsystemen einhergehen – die Organersatztherapie (Beatmung, Kreislaufunterstützung, Nierenersatz) ist eine Kernkompetenz der Intensivmedizin. In mehreren Studien waren die stationären Aufnahmen von Patienten mit akutem Nierenversagen, Appendizitis, Dehydrierung, ischämischem Schlaganfall, psychischen Störungen und diabetogener Stoffwechselentgleisung während Hitzewellen signifikant erhöht. Obwohl keine gesonderte Analyse für die Intensivmedizin durchgeführt wurde, ergibt sich logischerweise eine höhere Auslastung von Intensivbetten und eine erhöhte Inanspruchnahme von Personal und Technik.
Wie kann sich die Intensivmedizin vorbereiten? Die Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze sind in Tabelle 1 zusammengefasst. Sowohl für eine erhöhte kontinuierlich wirksame Inanspruchnahme von intensivmedizinischen Leistungen (Folgen des generellen Anstiegs der Temperatur) als auch für akute Massen-Beanspruchung (z.B. Hitzewellen, Naturkatastrophen) sind spezifische Konzepte erforderlich, um adäquat reagieren zu können (2). Zum skizzierten Komplex „Klimawandel und Intensivmedizin“ ist eine Initiative erforderlich, die auf der Ebene von Fachgesellschaften Konzepte erstellt. Intensivmediziner werden sich zukünftig in ihrem Ausbildungscurriculum dem Thema „Klima-assoziierte Erkrankungen“ widmen müssen, um sich spezifische, bislang nicht oder wenig relevante Erkenntnisse, z.B. zu ungewöhnlichen Infektionserkrankungen, anzueignen.
Darüber hinaus werden dringend für Deutschland und Europa präzise epidemiologische Daten benötigt, um die Entwicklung der Klimawandel-assoziierten Erkrankungen und ihre medizinischen Konsequenzen besser abschätzen zu können. Außerdem sollten auch und besonders wir Mediziner selbst uns in gebotenem Maße für eine Abmilderung des Klimawandels einsetzen.
Tab. 1 Lösungsansätze für intensivmedizinische Herausforderungen im Kontext von Erderwärmung und Klimawandel (modifiziert nach [2])
HerausforderungLösungsansatz Anstieg der Anzahl kritisch kranker Patienten im Gefolge von Hitzewellen, oder Luftverschmutzung Bereitstellung einer höheren Kapazität von Intensivbetten, v.a in Küstenregionen und Megacities Massenanfall kritisch kranker Patienten im Gefolge von rapiden Wetterumschlägen, Überschwemmungen, Waldbränden oder anderen Naturkatastrophen Bereitstellung einer ‚Reserve‘ von Intensivbetten und Personal, die im Bedarfsfall akut aktiviert werden kann Zunahme von Infektionen, besonders mit „ungewöhnlichem“ CharakterBereitstellung von Isolationsmöglichkeiten
Erweiterung der Kenntnisse des Intensivpersonals bzgl. des Managements „ungewöhnliche“ Infektionen
Anstieg der Anzahl von Patienten mit akuter Nierenschädigung während Hitzewellen Bereitstellung einer ausreichenden Anzahl von Nierenersatzverfahren Gefahr der Einschränkung der Energieversorgung von Kliniken bei Naturkatastrophen adäquates VorsorgemanagementTake home messages:
Erderwärmung und Klimakrise fordern die Intensivmedizin doppelt heraus: zum einen muss mit stärker auftretenden Erkrankungen im kardiovaskulären, pulmonalen und renalen Bereich gerechnet werden.
Im Rahmen von Hitzewellen und Naturkatastrophen steigen Mortalität und Morbidität in der (vor allem alten) Bevölkerung an. Notaufnahmen und Intensivstationen müssen sich fachlich, strukturell und in der Ausstattung darauf einstellen.
Die globale Erderwärmung wird auch nach Zentraleuropa bisher „untypische“ Infektionserkrankungen bringen, deren Kenntnis und Management in die Intensivmedizin zu integrieren ist.
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Prof. Dr. Thomas Bein, M.A.
Studium der Humanmedizin in Marburg und München. Ausbildung zum Facharzt für Anästhesiologie am Universitätsklinikum der Ludwig-Maximilians-Universität, Innenstadt und Großhadern. Oberarzt der Anästhesiologischen Intensivstation Klinikum Großhadern. Wechsel an die neu gegründete Universitätsklinik Regensburg und Aufbau der Intensivstation. 1995 Forschungsaufenthalt in Uppsala, Schweden. 1997 Habilitation. Seit 2002 Professur und bis 2019 Leitung der Operativen Intensivstation. Forschungsschwerpunkte: Behandlungsstrategien beim akuten Lungenversagen, extrakorporaler Gasaustausch.
„Aufgabe der Ärztinnen und Ärzte ist es, […] an der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Gesundheit der Menschen mitzuwirken.“
Der erste Paragraf der ärztlichen Berufsordnung verdeutlicht, dass die Ärzteschaft nicht nur Verantwortung für die individuelle Gesundheit der Patient:innen übernehmen sollte, sondern sich auch aktiv gegen den Klimawandel und für die Erhaltung der planetaren Grenzen einsetzen sollte. Das Konzept der planetaren Grenzen wurde 2009 durch Rockström et al. (1, 2) entwickelt. Es definiert neun zentrale natürliche Systeme und deren Grenzen, in denen sich die menschliche Existenz ohne akute Eigengefährdung bewegen kann.
Unser Ernährungssystem ist mit hauptverantwortlich für das (drohende) Überschreiten von mindestens fünf dieser planetaren Grenzen: Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Landnutzungsänderung, Wasserverbrauch. Phosphor- und Stickstoffkreislauf (3). Auch der Entstehung und Zunahme von chronischen Erkrankungen, Antibiotikaresistenzen und Zoonosen kann durch einen Ernährungswandel synergistisch begegnet werden.
Eine nachhaltige und gesunde Ernährung kann eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der größten Herausforderungen unserer Zeit einnehmen!
Aufgrund ihres Genesungs- und Präventionsauftrags sollte jede Klinik den Anspruch haben, eine Vorbildfunktion im Bereich der Ernährung einzunehmen. Die aktuelle Verpflegung der Patient:innen steht hier oftmals im Widerspruch zu diesem gesellschaftlichen und gesetzlichen Auftrag. Ein Großteil der Klinikspeisen ist sowohl nachteilig für die individuelle als auch für die planetare Gesundheit.
Die Planetary Health Diet gilt aktuell international als die Referenzernährung im Bereich der nachhaltigen Ernährung. Dieser Ernährungsplan wurde von der sog. EAT-Lancet-Kommission, entwickelt und 2019 im Lancet publiziert. Die Planetary Health Diet sieht eine flexitarische bis vegane Ernährung mit dem Fokus auf Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und Nüsse vor (4). Die globale Anpassung der Ernährungsgewohnheiten entsprechend der Planetary Health Diet und die konsekutive Umstellung der Lebensmittelindustrie stellt einen Lösungsansatz dar, wie die stetig wachsende Weltbevölkerung innerhalb der ökologischen Belastungsgrenzen gesundheitsfördernd ernährt werden könnte. Außerdem könnten jährlich elf Mio. frühzeitige Todesfälle verhindert werden.
Möchte man seinen ökologischen Fußabdruck durch Ernährung verbessern, ist die Wahl der Lebensmittel entscheidend. Herstellungsort, -zeit und -art, sprich Lokalität, Saisonalität und Bioqualität spielen hinsichtlich des CO2e-Fußabdrucks eine untergeordnete Rolle. Optimal ist natürlich die entsprechende Beachtung all dieser Einflussfaktoren.
Die aktuelle Verpflegung der Patient:innen in vielen deutschen Krankenhäusern steht in einem enormen Kontrast zu den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und der EAT-Lancet-Kommission. Meist werden den Patient:innen zu allen drei Mahlzeiten Fleisch- und Wurstwaren angeboten. Der hohe Einsatz von Lebensmitteln mit schlechtem CO2e-Fußabdruck trägt maßgeblich zu den generell sehr hohen ökologischen Auswirkungen eines Krankenhauses bei. Laut einer Studie von Keller et al. im Jahr 2009 (5) sind durchschnittlich 17% der Umweltwirkung eines Krankenhauses auf die Krankenhausverpflegung und hier v.a. auf tierische Lebensmittel zurückzuführen. Demnach kommt die Ernährung direkt auf Platz zwei der Umweltauswirkungen eines Krankenhauses nach der Wärmeerzeugung.
Mit 55 kg Fleischverzehr pro Jahr (6) (Statistisches Bundesamt 2021) ist es nicht verwunderlich, dass der ernährungsbedingte Klimafußabdruck bei einem durchschnittlichen deutschen Mischköstler bei 2,3 t CO2e pro Jahr liegt. Bei einer ovo-lakto-vegetarischen Ernährung entstehen 1,7 t und bei einer veganen Ernährung 1,3 t CO2e pro Jahr (7; 8).
Zum Vergleich: In Deutschland fallen im Durchschnitt 7,75 t pro Person und Jahr insgesamt an (8). Das Einsparpotenzial nach den Daten des Wissenschaftlichen Beirats läge demnach bei 600 kg bzw. 1.000 kg CO2e pro Jahr und Person (8). Eine Studie von Hallström et al. (9) kommt zu sehr vergleichbaren Ergebnissen. Demnach können bei einer vegetarischen Ernährung 540 kg CO2e und bei einer veganen Ernährung 760 kg CO2e pro Jahr und Person eingespart werden.
Eine Ernährungsumstellung hat das Potenzial bis zu 50% der ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen und benötigten Landflächen einzusparen!
Aus den Ergebnissen der o.g. zwei Studien lässt sich folgende Kalkulation für die Emissionseinsparung bei einer Vollverpflegung pro Tag und Person im Vergleich zur durchschnittlichen Mischkost herleiten:
Kalkulation bei vegetarischer Ernährung:
Kalkulation bei veganer Ernährung:
Das heißt beispielhaft, wenn in einem Krankenhaus mit 1.000 Vollverpflegungen 15% mehr Patient:innen als zuvor eine vegetarische und 25% eine reinpflanzliche Vollverpflegung bestellen würden, dann könnten über 300 t CO2e jährlich eingespart werden. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Klinikverpflegung ein großes Potenzial hat, einen entscheidenden Beitrag zur Transformation zum Green Hospital zu leisten.
Die DGE hat 2020 den ersten Leitfaden für die Verpflegung in Kliniken herausgebracht (10). Neben der Gesundheit der Patient:innen und der betrieblichen Gesundheitsförderung wird der Fokus auf Nachhaltigkeit gelegt. Zudem hat die BKK Provita den Wegweiser Pflanzlich. Nachhaltig. Gesund. für Gesundheitseinrichtungen herausgebracht (11), der bei einer Ernährungstransformation unterstützen soll. Beide Leitfäden stehen online gratis zum Download zur Verfügung.
Nachfolgend sollen die wichtigsten Aspekte der o.g. Konzepte zusammengefasst werden und einen roten Faden für eine Ernährungsumstellung liefern:
1.Durchführung einer Bestandsaufnahme der Klinik-Verpflegung: „Wer wird wann, wo und wie verpflegt?“ Detaillierte Evaluation der gesamten Prozesskette (Planung, Einkauf, Zubereitung, Ausgabe, Entsorgung und Reinigung)
2.Gründung eines Kernkompetenzteams: Regelmäßiger Austausch der Verpflegungsverantwortlichen, Entwicklung eines zukunftsfähigen, bereichsübergreifenden Verpflegungskonzepts, intensive Vernetzung (s. Abb. 1)
3.Gemeinschaftliche, prozessorientierte Qualitätsentwicklung in fünf Schritten:
1. Analyse des Istzustands, Festlegung von Zielen
2. Planung der geplanten Maßnahmen: Was soll durch wen bis wann und in Zusammenarbeit mit wem umgesetzt werden?
3. Umsetzung der geplanten Maßnahmen in stetiger Begleitung durch eine Ansprechperson
4. Systematische Überprüfung durch alle Beteiligten: Sind die gesetzten Ziele erreicht worden? Wo besteht Optimierungspotenzial?
5. Erneute gemeinsame strategische Analyse, Wiederholung der gemeinsamen prozessorientierten Qualitätsentwicklung
Abb. 1 Beteiligte Bereiche bei der Ernährungsumstellung in der Klinik; modifiziert aus dem Leitfaden für Verpflegung (10)
An erster und wichtigster Stelle bei dem Transformationsprozess stehen natürlich die Küchenleitung und das gesamte Küchenpersonal. Mit der Motivation und Innovationsbereitschaft des Küchenteams steht und fällt der Erfolg der Transformation zu mehr Gesundheit, Nachhaltigkeit, Qualität und gleichzeitig gutem Geschmack in der Verpflegung. Der Anspruch an eine ökologischere Küche führt zu vielen Herausforderungen: neue und schmackhafte Rezepte, neue Zulieferer, neue Lebensmittel, (wenn gewünscht) Zertifizierungen etc. Dieser Prozess kann und sollte nicht allein bestritten werden. Besonders hilfreich ist der Austausch mit erfahrenen Küchen-Kolleg:innen wie z.B. spezialisierten Lehr-Köchen/Köchinnen wie z.B. von ProVeg Food Services und der Besuch von Best-Practice-Beispielen.
Wird die Klinik durch einen Caterer verpflegt, sollte dieser frühzeitig in die Planung miteinbezogen werden. Viele Caterer sind sich der wachsenden Wünsche nach mehr Nachhaltigkeit bewusst und haben entsprechende neue Menülinien entwickelt. Bei einer Neuausschreibung einer Verpflegungsdienstleistung sollten die neuen Nachhaltigkeitsansprüche Grundvoraussetzung für einen Vertragsschluss sein. Die DGE-Standards sollten als Mindestanspruch geltend gemacht werden.
Begleitende zu der Ernährungstransformation kann eine Kampagne mit entsprechenden Informationsmaterialien sowie Fortbildungen und Seminare für interessierte Mitarbeiter:innen wie z.B. der Pflege und der Servicekräfte hilfreich sein.
Das übergeordnete Ziel der Ernährungstransformation sollte es sein, das Speisenangebot schrittweise immer pflanzlicher und gesünder zu gestalten, ohne dass irgendjemand etwas vermisst. Aus diesem Grund ist der gute Geschmack die wichtigste Grundvoraussetzung für das Gelingen. Außerdem spielen der Seh- und Geruchssinn eine entscheidende Rolle. Für das optimale kulinarische Erlebnis muss also das Zusammenspiel der verschiedenen Sinne passen.
Die Ziele sollten in jeder Klinik individuell mit dem Küchenpersonal und dem „Runden Tisch“ festgelegt werden. Nachfolgend werden einige mögliche Zielsetzungen genannt:
1.Etablierung einer rein-pflanzlichen Menülinie: Vegane Gerichte haben meist den besten ökologischen Fußabdruck, außerdem würden die Ansprüche der wachsenden Anzahl von Veganer:innen gedeckt und die Menülinie könnte als konfessionsunabhängige Universalmahlzeit dienen. Diese Menülinie könnte auch besonders gut als Zugangsessen dienen.
2.Teilweiser Austausch von tierischen durch pflanzliche Lebensmittel: So können beliebte Gerichte (auch in der Diätetik) erhalten und modifiziert werden. Z.B. könnte das Hackfleisch in einer Bolognesesoße teilweise durch Möhren, Tomaten und Nüsse ersetzt werden.
3.Erhöhung der Qualität v.a. von tierischen Lebensmitteln und gleichzeitige Reduktion der Größe der Fleischbeilage: Die Akzeptanz kann u.a. durch das Bewerben der besseren Qualität und durch die schmackhaften Beilagen erhöht werden.
4.Schrittweise Etablierung von Veggie-Tagen: Die Qualitätsstandards der DGE werden sehr wahrscheinlich mittelfristig verpflichtend werden, sodass jede Klinik bereits jetzt anfangen sollte, diese umzusetzen. Dies würde für die Verpflegung der Patient:innen bedeuten, dass nur noch max. 3-mal pro Woche Fleisch/Wurstwaren in der Mittagsverpflegung angeboten werden.
5.Reduktion der Menüauswahl: Hierdurch kann die Arbeit für das Küchenpersonal reduziert werden und gleichzeitig mehr Zeit für frische, hochqualitative pflanzliche Gerichte geschaffen werden. Beispielhaft könnten drei Menülinien etabliert werden: eine rein-pflanzliche, eine vegetarische und eine mischköstliche.
6.Berechnung des ökologischen Fußabdrucks der Menüs: Hierfür kann z.B. die Software Eaternity verwendet werden. Die Software berücksichtigt den gesamten Lebenszyklus der Lebensmittel und errechnet anhand aktueller wissenschaftlicher Evidenz verschiedene Scores. Auf diese Weise könnte z.B. auch täglich ein sogenannter Klimateller ermittelt werden und dieser als solcher für die Patient:innen und Mitarbeiter:innen beworben werden.
7.Schrittweise Einführung von Bio-Lebensmitteln: Als erstes Ziel könnte man sich einen Bio-Anteil von 10% innerhalb eines Jahres vornehmen und z.B. mit Bio-Kartoffeln beginnen und dann das Sortiment langsam erhöhen.
Nudging bedeutet so viel wie „jemanden anstupsen“, d.h. man versucht das Verhalten von Menschen zum Positiven zu lenken, ohne dabei auf Verbote zurückzugreifen.
Ein Beispiel für einen sehr wirksamen Nudge ist die Anpassung der Reihenfolge der Angebotsaufzählung. Die nachhaltigsten und gesündesten Speisen sollten als erstes z.B. von den Servicekräften, an der Tafel, im digitalen Menü oder in der Auslage angeboten werden. Auch eine ansprechende Wortwahl bei der Namensgebung der Gerichte (z.B. „Rauchiges Seitling-Gulasch mit Semmelknödeln und frischen Kräutern“ statt „Veganes Gulasch“) kann sehr wirksam sein. Die Bezeichnung vegan sollte vermieden werden, da Menschen, die sich nicht ausschließlich vegan ernähren, dann häufig das Gericht automatisch nicht in ihre Auswahl miteinbeziehen. Rein-pflanzliche Gerichte sollten jedoch durch ein Piktogramm z.B. dem V-Label gekennzeichnet werden, welches in der Legende näher erläutert wird.
Durch das positive Framing der Veränderungen zu mehr Nachhaltigkeit als Mehrgewinn für alle Beteiligten sollte es gelingen, dass Veränderungen, die als negativ gewertet werden könnten (z.B. reduzierte Fleischportionsgrößen) nicht als Verlust wahrgenommen werden.
Transformation und Modernisierung der Verpflegung gehen initial mit einem gewissen Mehraufwand einher, was zu erhöhten Kosten führen kann. Vor allem vor dem Hintergrund, dass z.B. 2018 im Durchschnitt lediglich 5,14 € bzw. 14,02 € pro Tag (inkl. Personal- und Betriebskosten) und Patient:in ausgegeben wurden (12). Bei den 14,02 € sind die Personal- und Betriebskosten miteinberechnet, die tendenziell steigend sind. Bei der Verpflegung wird nicht nur aus diesem Grund gern als erstes gespart, sondern auch weil sie unter die „nichtmedizinischen Leistungen“ fällt und somit u.a. mit Aus- und Fortbildung, EDV und Reinigung um einen festgelegten Betrag konkurriert. Hier besteht also dringender politischer Handlungsbedarf! Das Angebot einer gesundheitsförderlichen Ernährung ist keine nicht-medizinische Leistung, sondern im Gegenteil essenzieller Teil einer evidenzbasierten medizinischen Behandlung. Ernährung ist Medizin. Dementsprechend sollte die Verpflegung im Krankenhaus auch einen eigenen Posten im Abrechnungssystem erhalten.
Die Kosten der neuen Verpflegung hängen maßgeblich von den verwendeten Zutaten und der Vielfalt der Auswahl ab. Aufgrund der steigenden Ansprüche nach mehr Tierwohl sollten vor allem bei den tierischen Produkten höhere Kosten in Kauf genommen werden und auf Bio-Qualität oder „Haltungsstufe 4“ zurückgegriffen werden. Diese Mehrkosten können wiederum durch die Reduktion der Fleisch-Portionsgrößen eingespart werden. Auch der teilweise Ersatz von Fleisch durch pflanzliche Proteinquellen (z.B. texturiertes Sojaprotein) führt zur Kosteneinsparung. Höhere Kosten sind bei dem Einsatz von veganen Fleischersatzprodukten und Lebensmitteln mit Bio-Qualität zu erwarten. Diese Mehrkosten können jedoch durch die Reduktion der Lebensmittelverschwendung eingespart werden. Pauschal kann bezüglich der Kosten jedoch kein Fazit gezogen werden. Wenn jedoch letztendlich höhere Kosten für die nachhaltigen und gesunden Speisen anfallen, sollte dies als Investition in das Ansehen und Nachhaltigkeitsprofil der Klinik, in die betriebliche Gesundheitsförderung sowie in die Gesundheit und Zufriedenheit der Patient:innen und Mitarbeiter:innen gesehen werden. Letztendlich kann die Verpflegung ein Aushängeschild der Klinik werden und zu einem Wettbewerbsvorteil führen.
Leider sind in Krankenhäusern große Speiserückläufe zu beobachten. Um diese möglichst gering zu halten, muss eine regelmäßige Food-Waste-Messung und Ablaufoptimierung durchgeführt werden. Zu Letzterem zählen u.a.: möglichst kurze Lieferwege, pünktliches Entlass-Management, Reduktion der Reserveessen, Optimierung der Menüauswahl und der Portionsgrößen (z.B. mithilfe eines Kellenplans). Wiederverwertbare Frischhaltedosen können zur Vermeidung von Verpackungsmüll, z.B. mithilfe einer App, in den Kantinen des Klinikpersonals beitragen.
Unvermeidbare Abfälle sollten getrennt nach Mahlzeiten und Komponenten regelmäßig erfasst und die Ergebnisse für zukünftige Speiseplanungen genutzt werden. Die Abfälle sollten zur Energiegewinnung bereitgestellt werden. Eine Weitergabe von übrig gebliebenen Speisen z.B. als Spende ist aufgrund der hohen Hygieneauflagen nicht möglich.
Bei all den o.g. Schritten kann eine Kooperation mit dem Verein United Against Waste enorm hilfreich sein. Im Durchschnitt kann bei einer Kooperation eine Food-Waste-Reduktion von mindestens 30% erzielt werden und entsprechend kann wieder mehr Budget für z.B. hochwertige Lebensmittel zur Verfügung stehen.
Take home messages:
Essen gehört neben Atmen und Trinken zu den elementaren Bedürfnissen unseres Lebens. Für unsere Essgewohnheiten wurde bereits früh in der Kindheit der Grundstein gesetzt. Deswegen ist es von besonderer Wichtigkeit, dass man bei dem Thema Ernährung besonders sensibel und feinfühlig vorgeht. Niemand muss verzichten, sondern jeder soll gewinnen! Durch neue (mehr) pflanzliche, leckere, innovative Gerichte in der Gemeinschaftsverpflegung können multiple positive Effekte gewonnen und erhalten werden: individuelle und planetare Gesundheit, Lebensqualität, Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, Biodiversität und Tierwohl.
Die Ernährungsumstellung im Kliniksetting gehört zu den wesentlichen Bausteinen der Transformation zum Krankenhaus der Zukunft und Green Hospital.
1. Rockström J, Steffen W, Noone K, Persson Å, Chapin FS, Lambin EF, Lenton TM, Scheffer M, Folke C, Schellnhuber HJ, Nykvist B, de Wit CA, Hughes T, van der Leeuw S, Rodhe H, Sörlin S, Snyder PK, Costanza R, Svedin U, Falkenmark M, Karlberg L, Corell RW, Fabry VJ, Hansen J, Walker B, Liverman D, Richardson K, Crutzen P, Foley JA (2009a) A safe operating space for humanity. Nature 461, 472–475
2. Rockström J, Steffen W, Noone K, Persson Å, Chapin FS, Lambin EF, Lenton TM, Scheffer M, Folke C, Schellnhuber HJ, Nykvist B, de Wit CA, Hughes T, van der Leeuw S, Rodhe H, Sörlin S, Snyder PK, Costanza R, Svedin U, Falkenmark M, Karlberg L, Corell RW, Fabry VJ, Hansen J, Walker B, Liverman D, Richardson K, Crutzen P, Foley JA (2009b) Planetary boundaries: exploring the safe operating space for humanity. Ecology and Society 14(2), 32
3. Crippa M, Solazzo E, Guizzardi D, Monforti-Ferrario F, Tubiello FN, Leip A (2021) Food systems are responsible for a third of global anthropogenic GHG emissions. Nature Foo, 2, 198–209
4. Willett W, Rockström J, Loken B, Springmann M, Lang T, Vermeulen S, Garnett T, Tilman D, Declerck F, Wood A, Jonell M, Clark M, Gordon LJ, Fanzo J, Hawkes C, Zurayk R, Rivera JA, de Vries W, Majele Sibanda L, Afshin A, Chaudhary A, Herrero M, Agustina R, Branca F, Lartey A, Fan S, Crona B, Fox E, Bignet V, Troell M, Lindahl T, Singh S, Cornell SE, Srinath Reddy K, Narain S, Nishtar S, Murray CJL (2019) Food in the Anthropocene: the EAT-Lancet Commission on healthy diets from sustainable food systems. Lancet 393, 447–492
5. Keller RL, Muir K, Roth F, Jattke M, Stucki M (2021) From bandages to buildings: identifying the environmental hotspots of hospitals. Journal of Cleaner Production 319, 128479
6. Statistisches Bundesamt (2021) Pressemitteilung Nr. N 025 vom 9. Mai 2022. URL: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/05/PD22_N025_42.html (abgerufen am 14.09.2022)
7. BMEL – Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Veröffentlichung des Wissenschaftlicher Beirats für Agrarpolitik, Ernährung u. gesundheitlichen Verbraucherschutz (2020) Politik für eine nachhaltigere Ernährung. Eine integrierte Ernährungspolitik entwickeln und faire Ernährungsumgebungen gestalten. URL: https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Ministerium/Beiraete/agrarpolitik/wbae-gutachten-nachhaltige-ernaehrung-kurzfassung.pdf?__blob=publicationFile&v=2 (abgerufen am 13.07.2022)
8. Statista (2021) Energiebedingte CO2-Emissionen pro Kopf weltweit nach ausgewählten Ländern im Jahr 2019. IEA-Key World Energy Statistics. URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/167877/umfrage/co-emissionen-nach-laendern-je-einwohner/ (abgerufen am 13.07.2022)
9. Hallström E, Carlsson-Kanyama A, Börjesson P (2015) Environmental impact of dietary change: a systematic review. Journal of Cleaner Production 91, 1–11
10. DGE – Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (2020) Qualitätsstandard für die Verpflegung in Kliniken URL: https://www.station-ernaehrung.de/fileadmin/user_upload/medien/DGE-QST/DGE-Qualitaetsstandard_Kliniken.pdf (abgerufen am 13.07.2022)
11. BKK Provita (2020) Pflanzlich. Nachhaltig. Gesund. URL: https://bkk-provita.de/wp-content/uploads/2020/10/2020_Wegweiser_pflanzenbasierte_Ernaehrung_KH_GE.pdf (abgerufen am 13.07.2022)
12. Ärzteblatt (2020) Mängel beim Essen in Krankenhäusern. URL: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/108634/Maengel-beim-Essen-in-Krankenhaeusern (abgerufen am 13.07.2022)
Dr. med. Kristin Hünninghaus
Kristin Hünninghaus ist Ärztin in Weiterbildung zur Internistin und Ernährungsmedizinerin (DAEM). Sie hat an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Humanmedizin studiert und promoviert. Seit Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich bei verschiedenen Non-Profit-Organisationen (bei Health for Future, Physicians Association for Nutrition [PAN] und bei der Allianz für Klimawandel und Gesundheit – KLUG) für einen höheren Stellenwert von Ernährung im Gesundheitssystem und eine nationale Ernährungswende. Seit 2021 arbeitet sie an der Universitätsmedizin Essen als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Ärztin. Eines ihrer aktuellen Hauptprojekte ist die operative und wissenschaftliche Begleitung der Transformation der Verpflegung an der Universitätsmedizin Essen im Rahmen der Green-Hospital-Initiative.
Prof. Dr. med. Gustav Dobos
Gustav Dobos studierte Humanmedizin an der Universität Freiburg. Nach seiner Promotion in der Ernährungsmedizin und der Ausbildung zum Internisten in den Abteilungen Ernährungsmedizin bzw. Nephrologie an der Universitätsklinik Freiburg war er in der Zeit von 1990 bis 1992 an der Research Institute of Scripps Clinic in La Jolla tätig. 1994 folgten die Habilitation und die Oberarzttätigkeit an der Universitätsklinik in Freiburg. Von 1999 bis 2021 leitete er in seiner Funktion als Direktor die Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte. Den Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Universität Duisburg-Essen hat er nunmehr seit 2004 inne. Aktuell ist Gustav Dobos seit September 2021 Direktor des Zentrums für Naturheilkunde und Integrative Medizin am Universitätsklinikum Essen mit dem Schwerpunkt „Planetare Gesundheit und Ernährung“.
Weltweit wird der Gesundheitssektor für die Produktion von 4,4% der Treibhausgase verantwortlich gemacht und steht damit noch vor dem Flugverkehr mit 1,9% und der Schifffahrt mit 1,7% (1). Für das deutsche Gesundheitswesen wird sogar ein Beitrag von 5,2% zu den landesweiten Treibhausgasen ausgewiesen (1). Es ist damit offensichtlich, dass im Gesundheitswesen zahlreiche Anknüpfungspunkte und umfangreiches Potenzial zum Thema Klimaschutz und Nachhaltigkeit liegen.
Krankenhäuser sind zentraler Bestandteil des Gesundheitswesens und daher ein wichtiger Akteur im Nachhaltigkeitsprozess in dieser Branche. Insbesondere in Bezug auf die aktuelle Diskussion zu möglichen Klimaschutzmaßnahmen sollten Krankenhäuser aufgrund des hohen Ressourcenverbrauchs besonders in Betracht gezogen werden. Eine Studie des Deutschen Krankenausinstitut (DKI) im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) aus dem Jahr 2022 würdigte das Thema Klimaschutz umfassend. Mittels einer Befragung aller deutschen Krankenhäuser ab 50 Betten wurden klima- und energierelevanten Daten und der Umsetzungsstand von Klimaschutzbemühungen in deutschen Krankenhäusern erfasst sowie erforderliche Maßnahmen zur energetischen Sanierung abgeleitet. Die folgenden Ausführungen berücksichtigen relevante Ergebnisse dieser Studie. Die Datenbasis bezieht sich auf 263 Krankenhäuser, die sich an der Befragung beteiligten.
Viele Bereiche des Krankenhausalltags haben einen direkten Einfluss auf die Umwelt, da bei dem Verbrauch oder der Gewinnung von genutzten Ressourcen (z.B. bei der Verfeuerung von Heizöl oder der Stromproduktion) Emissionen verursacht werden. Der Energiebedarf sowie der Ressourcenverbrauch beim Betrieb von Krankenhäusern sind immens. Sie ergeben sich aus der ständigen Verfügbarkeit eines Krankenhauses als vollumfänglicher Leistungserbringer auf höchstem medizinischem Niveau. Die Versorgung von Patienten unter Zuhilfenahme von technisch aufwendigen medizinischen Geräten (z.B. diagnostische Geräte wie MRTs oder digitales Röntgen) bedingt einen hohen Energiebedarf. Ebenso sind für den Krankenhausbetrieb rund um die Uhr die Erfüllung von höchsten Hygieneansprüchen und nicht zuletzt die Sicherstellung des Patientenkomforts umfangreiche technische Anlagen wie z.B. Kälte- und Wärmemaschinen oder auch raumlufttechnische Anlagen mit ebenso hohem Energie- und Ressourcenverbrauch erforderlich.
Die durchschnittlichen CO2-Emissionen des deutschen Gesundheitswesens werden auf 57,5 Millionen Tonnen geschätzt (1). Allein der Stromverbrauch pro Jahr (Fremdstrom) im Krankenhaus liegt im Durchschnitt bei rund 10.000 kWh pro Bett und ist damit vergleichbar mit dem Jahresstromverbrauch von fünf Einfamilienhäusern (2) (s. Abb. 1). Zudem werden rund 113.750 Liter Frischwasser pro Bett im Jahr benötigt. Damit ist der Wasserverbrauch pro Krankenhausbett fast 2,5-mal so hoch wie der Jahresverbrauch einer Privatperson (46.500 Liter) (3). Die jährliche Abfallmenge lag bei 1.430 kg pro Bett und ist somit sogar 3-mal so hoch wie das Müllaufkommen (457 kg) einer Person im privaten Haushalt (4).
Abb. 1 Verbrauchskennzahlen im Krankenhaus 2019 (© Deutsches Krankenhausinstitut)
Möglichkeiten für Klimaschutzmaßnahmen im Krankenhaus sind vielfältig. An den meisten Standorten ist das Klimaschutzpotenzial der Krankenhäuser jedoch noch nicht ausgeschöpft: Dies ergibt sich aus den zahlreichen Bereichen, in denen der Energie- und Ressourcenverbrauch aufgrund von energetisch ineffizienten Prozessen und veralteter Technik Stand heute noch sehr hoch ist. Auch das Nutzerverhalten von Personal, Patienten und Besuchern eines Krankenhauses lässt sich für mehr Nachhaltigkeit positiv einbinden.
