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DIY Survival Kit ist ein ehrlicher, mitfühlender Wegbegleiter für junge Erwachsene in emotionalen Umbrüchen - irgendwo zwischen Desillusionierung und Sehnsucht, immer auf der Suche nach etwas Echtem. Das Buch ist kein Wie-werde-ich-schnell-reich-und-berühmt-Karrierebegleiter. Es schöpft stattdessen aus den Ideen von Viktor Frankl, Alfred Adler und Erich Fromm sowie aus der Bhagavad Gita, dem Buddhismus und der Vedanta-Philosophie. Anhand von vier existenziellen Bewegungen - dem Ankommen, dem Bestehen, dem Etwas in der Welt hinterlassen und dem Loslassen - versucht es, eine Navigationshilfe zu sein. Eine geerdete Alternative zu den Optimierungsversprechen und schnellen Lösungen, gespickt mit Anekdoten, Anregungen und Werkzeugen, die dir helfen sollen, dein eigenes inneres Überlebenskit zu basteln. Keine Heilsversprechen, keine schnellen Rezepte. Nur ein ehrliches Gegenüber, das keinen Antworten-Katalog liefert, sondern einen Weg, um weich, aufmerksam und selbstvertrauend zu bleiben - in einer Welt, die meistens das Gegenteil verlangt.
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Seitenzahl: 385
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Für alle, die mich im Leben begleitet, berührt, herausgefordert und unterstützt haben.
Für die Kids.
Vorwort
Warum DIY SURVIVAL KIT?
Vier Abschnitte
Len
“Spiritualität” und wie ich den Begriff verstehe/verwende
Ein Wort an die Befähiger:innen
1. ABSCHNITT: ANKOMMEN
Kapitel 1: Der Körper als Maschine & Du als Sehende(r)
Kapitel 2: Die Welt als Bühne, auf der wir tanzen
Kapitel 3: Kontakt aufnehmen & Getting To Know The System: Eltern, Geschwister, der ganze Trupp
Kapitel 4: Die Maschine braucht Energie: über Geistiges Junkfood und die beste mentale Bionahrung
Skill-Zusammenfassung: Ankommen
2. ABSCHNITT: BESTEHEN
Kapitel 1: Der erste Blick in das Dickicht: Bestehen vs. Lost-Sein
Kapitel 2: Du richtest dich auf: Hoffen und Verantworten
Kapitel 3: Aufgerichtet, aber noch wackelig auf den Beinen: Arbeit mit inneren Widerständen & Selbstführung
Kapitel 4: Wie du dir selbst und anderen kein Alien bleibst – Von Entfremdung zu Begegnung
Kapitel 5: Der Blick wird klarer, der Stand fester – Klarheit im Denken.
Kapitel 6: Wie du mit inneren und äußeren “Feinden” umgehst
Kapitel 7: Bestehen ist wie das tägliche Zähneputzen – Routine und Praxis
Skill-Zusammenfassung: Bestehen
3. ABSCHNITT: ETWAS VON DAUER HINTERLASSEN
Alles ist Spielen
Superskills und Supertools
Alles ist wie eine Säge
Alles geht nur mit MentorInnen
4. ABSCHNITT: LOSLASSEN
“Freiheit” durch Loslassen
Loslassen üben: Der Tod des Iwan Iljitsch
Loslassen als Übung mit Hermann Hesse
Abschluss: Der Vogel und das Ei
Nachwort zum Schluss: Warum ich dieses Buch wirklich geschrieben habe
Ein letzter Blick
Vorwort
Dies ist kein Buch zum schnellen Durchblättern oder Durcharbeiten. Kein How-to-Coaching, kein 5-Dingen-die-dich-nach-vornebringen, kein wo-willst-du-in-5-Jahren-sein, wo findest du in 5 Jahren das goldene Osterei und welche Sätze sagst du dabei im Vorstellungsgespräch lieber nicht. Ich habe stattdessen dieses Ermutigungsbuch geschrieben, weil ich das Gefühl habe, dass in unserer Welt viele Ratgeber schnell werden wollen. Sie wollen schnell gelesen, schnell angewendet und dann schnell weggelegt werden. Sie wollen, wie auch ich das oft wollte, schnell helfen, Probleme schnell lösen, indem sie auf der Antwortlauer liegen und alles schon wissen, bevor du den Satz ausgesprochen hast.
So habe ich das zumindest in meiner nun fast 25-jährigen Berufstätigkeit als Pädagoge in verschiedenen Tätigkeitsbereichen, ob in Jugendclubs, in der beruflichen Beratung oder sogar in der Arbeit mit angehenden pädagogischen Fachkräften, leider oft gemacht. Oft hatte ich das Gefühl, dass wenig Zeit und Raum da war für die wirklich spannenden Gespräche.
Was du in den Händen hältst, ist daher eher eine Art Gespräch auf Augenhöhe, in dem auch mal ausgehalten werden kann, dass darüber nachgedacht wird. Mich interessiert nicht, was du werden willst, sondern eher, wer du eigentlich jetzt gerade bist und wie du von hier, inmitten von Unsicherheiten, Sehnsucht, Widersprüchen zu dir kommst. Es ist wie ein Gespräch, das auch aushält, nach dem Fertig Lesen gefühlt nicht beendet zu sein.
Also. Keine durchnummerierten Schritte, kein Versprechen. Keine glattgebügelte Erfolgsgeschichte. Was du hier findest, ist eher eine Sammlung von Karten – kleine Wegweiser, die dir in bestimmten Momenten deines Lebens helfen können. Eine Mischung aus Orientierung, Nachdenken und manchmal stiller Begleitung. Kein schneller Weg zum Erfolg, sondern etwas Echtes. Vielleicht sogar etwas, das dich für die Karrierevorstellungen anderer ruinieren könnte – aber dich zu dir selbst führt.
Warum DIY SURVIVAL KIT?
Dieses Buch ist der Versuch, mein inneres Survival Kit, was irgendwo zwischen Großstadtlichtern, Punkrock, Hare Krishna und jede Menge “Selbsthilfe”-Büchern entstanden ist, vorzustellen. Wenn etwas von diesem “Material” bei dir hängen bleibt, wenn es Verwendung findet, dann hat es sich dieses Unterfangen gelohnt.
DIY steht natürlich für *Do It Yourself* – also etwas selbst zu machen. Nicht darauf zu warten, dass andere es für dich tun, sondern die Dinge in die Hand zu nehmen. Darüber hinaus steht es für mich auch dafür, nicht um Erlaubnis zu bitten, sondern Dinge, die nützlich sind, zu nehmen, sie einzubauen und auf ganz praktischer Ebene das zu nutzen, was sinnvoll erscheint. So wie damals bei meinen ersten Bands, als wir einfach ein Vier-Spur Gerät genommen haben und mit meiner Band SHITLIST unsere erste Single in einem Übungsraum aufgenommen haben, damit ein Kumpel sie dann veröffentlicht. Punkrock. Nimm, was nützlich ist, und verwerfe das, was keinen Sinn macht. Genauso bin ich auch in diesem Buch vorgegangen. Ganz knallhart, so wie ich es bei Punkrock gelernt habe: Aufgreifen, einbauen, remixen – und dann rausfeuern.
Lass es mich offen sagen: Dieses Buch ist nicht perfekt. Ich konnte mir kein teures Expertenteam leisten, das alles vierfach überprüft. So sorgfältig ich auch gearbeitet habe – ein paar Fehler sind trotzdem drin. Aber darauf kommt es an: Wenn ein Amateur wie ich das hier in die Welt bringen kann – dann kannst du das schon lange.
Vier Abschnitte
Die innere Struktur dieses Buches ist inspiriert von einer Grundidee, die vor allem in der hinduistischen Philosophie eine zentrale Rolle spielt – den sogenannten Purusharthas. Diese vier Lebensziele, die in diesem Konzept benannt werden, sind Dharma, Artha, Kama und Moksha.
Dharma steht für das, was wir im Leben zu erfüllen haben – für die Ausrichtung an Prinzipien, für ein Leben, das dem Gemeinwohl dient und in Harmonie mit anderen Menschen geführt wird. Es könnte aber auch als innere Pflicht bezeichnet werden, deine eigenen Fähigkeiten zu kultivieren, um diese in den Dienst der Welt zu stellen.
Artha beschreibt wirtschaftliches Handeln, die Frage nach Arbeit, materiellem Auskommen und der Suche nach einem Platz in der Welt, der uns versorgt – nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich - vor allem mit dem Gefühl, einen Beitrag zu leisten.
Kama steht für das Erleben von Lust, Liebe, emotionalem und psychischem Wohlbefinden – für die Realität, dass wir eben auch genussfreudige und vor allem in bestimmten Phasen des Lebens sehr genussbedürftige Wesen sind, intime Beziehungen benötigen und für unser Wohlbefinden sorgen müssen. Erholung und Entspannung, leckeres Essen und gute Musik sind keine Zeitverschwendung, sondern tragen diesem Bedürfnis Rechnung.
Und schließlich: Moksha – Befreiung. Der vierte Abschnitt, der in der Individualpsychologie als spirituelle Aufgabe beschrieben wird.
Moksha bedeutet: Loslassen. Innerlich frei werden.
Die vier Lebensziele erinnern uns lediglich daran, dass alles seine Zeit hat. Ich hätte mir gewünscht, dass mir jemand dieses Konzept schon mit Anfang 20 vorgestellt hätte.
In der westlichen Psychologie taucht dieses Vierer-Modell ebenfalss auf. Der Individualpsychologe Alfred Adler sprach bereits Anfang des 20. Jahrhunderts von drei zentralen Lebensaufgaben, die jeder Mensch zu bewältigen habe: Arbeit, Liebe und Gemeinschaft. Sein Schüler Rudolf Dreikurs erweiterte dieses Modell später um eine vierte Aufgabe – die spirituelle. Sie beschreibt die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit, mit Fragen nach Sinn, Loslassen und innerer Freiheit.
Für mich lag es nahe, diese Denktraditionen miteinander irgendwie zu verbinden – östlich wie westlich – und die vier Abschnitte dieses Buches entsprechend zu gestalten, wobei ich hier allerdings etwas kreativer bin.
Der Abschnitt Ankommen beschreibt, wie wir in dieser Welt landen, was wir vorfinden und wie wir damit umgehen. Es geht vor allem darum, eine Statusfeststellung zu machen und sich mit den Gegebenheiten oder besser: dem Terrain und dem, was aus diesen Gegebenheiten entsteht, vertraut zu machen – eine Art Vogelperspektive auf den Landeplatz zu nehmen, auf dem du in diesem Leben gestrandet bist.
Bestehen stellt die Frage, wie wir in dieser Welt einen Umgang mit Druck, Chaos, Rollen und Anforderungen gewinnen. Wie du einen sicheren Stand entwickelst, der dich flexibel und standfest sein lässt. Denn die Herausforderungen, die du sowohl auf der inneren als auch auf der äußeren Ebene empfindest, können an dir zerren und dich ins Wanken bringen.
Etwas von Dauer hinterlassen fragt nach Sinn – nicht im monumentalen, sondern im menschlichen Sinn: Wie hinterlasse ich Spuren? Hier geht es darum, nach der Reflexion vom Ankommen und nach der Entwicklung von Standfestigkeit und Flexibilität nun konkrete Werkzeuge für deine Lebensprojekte zu entwickeln.
Loslassen schließlich beschreibt den inneren Weg in eine Freiheit, die nicht durch Machen, sondern durch Sein entsteht. Loslassen ist der Idee gewidmet, dass alles, was wir tun – mit vollem Bewusstsein getan – auch bedeutet, es loslassen zu müssen.
Verstehe die vier Abschnitte als Kreise auf einem großen Feld. Du stehst in der Mitte und jede Linie dieses Kreises durchkreuzt dich mit seinen Bahnen und verlangt Aufmerksamkeit von dir.
Alle Kapitel sind wie Denkangebote, welche dir in diesen turbulenten Zeiten und deiner möglicherweise ebenso turbulenten Innenwelt helfen können, Klarheit für dich zu finden – und innere Ruhe, Gelassenheit und konsequentes Handeln zu etablieren. Am Ende packst du das in deinen Survival Kit Rucksack, was nützlich erscheint.
Len
In diesem Buch begleitet dich Len – ein junger Mensch, der vielleicht, ähnlich wie du, gerade eine schwierige Zeit durchmacht. Zwischen dem plötzlichen Tod eines geliebten Menschen und drängenden existenziellen Fragen versucht Len, irgendwie einen klaren Kopf zu behalten und zwischen Jobsuche, verirrten Freunden, Dating-Enttäuschungen den eigenen Weg zu gehen. Hin und wieder wird Len zu Wort kommen oder einen Blick in sein Leben erlauben.
“Spiritualität” und wie ich den Begriff verstehe/verwende
Vielleicht verbindest du mit dem Begriff komische Instagram Profile mit noch komischeren, irgendwie eher entrückten Menschen, die den Eindruck erwecken, geldgeil zu sein und etwas zu viel Sendungsbedürfnis zu haben. Vielleicht interessierst du dich oberflächlich, bist aber auch – wie ich – ein Skeptiker, der nicht alles blind übernehmen möchte. Oder du hast andere Vorbehalte, die du nicht weiter erklären kannst.
Wenn ich von Spiritualität spreche und bestimmte Ideen oder Konzepte vorstellen werde, dann stelle ich mir immer Modelle vor. Diese Modelle müssen nicht zwangsweise beweisbar sein. Aber die innere Logik dieses Modells kann viel interessanter sein.
Zum Beispiel: Die Frage, ob das, was spirituelle Traditionen sagen – wie etwa in der Bhagavad Gita – unter Umständen wahr ist, weil es in sich eine Logik enthält, die Sinn ergibt. Zum Beispiel das Arbeiten ohne Anhaftung – also losgelöst sein von den Ergebnissen. Da dieses Buch nicht den Anspruch erhebt, absolute, endgültige Wahrheiten auszusprechen, sondern eher als ein Begleiter gedacht ist, der vielleicht Fragen stellt, die zum Selbstdenken anregen können, ist auch die Idee von Spiritualität eine Anregung. Ok für dich? Beginnen wir.
Ein Wort an die Befähiger:innen
Falls hier Sozialpädagog:innen oder Berater:innen mitlesen – und sich vielleicht denken, dass das alles nach einer weltfremden Träumerei klingt, nach einer fehlgeleiteten, selbstgefälligen Sammlung halbgaren Ratgebens – auch das will ich nicht unbenannt lassen. Lassen wir die härteten Klischees ruhig zu Wort kommen.
Dieses Buch ist auch eine Reaktion auf etwas, das ich in meiner eigenen Tätigkeit als Sozialpädagoge immer wieder erlebt habe: das irritierende Gefühl, dass viele von uns – die wir andere begleiten und „befähigen“ wollen – selbst gar nicht so genau wissen, wohin unser eigenes Leben eigentlich geht. Und dennoch wollen wir andere auf ihrem Weg unterstützen.
Eine steile These vielleicht: Ich glaube nicht, dass es wirklich möglich ist, jemanden zu begleiten – ihn zu stärken, ein Leuchtturm zu sein oder wenigstens jemand, der gute Fragen stellt – wenn wir uns nicht wenigstens unseren eigenen Themen stellen. Wenn wir nicht geklärt haben, wozu wir tun, was wir tun. Nicht das Warum, sondern das Wozu.
Ich will nicht so weit gehen und sagen, wir müssten unbedingt Vorbilder sein. Aber ich finde, es lohnt sich, einen Blick auf die inneren Widersprüche zu werfen, die wir mit uns herumtragen.
Ich versuche, jungen Menschen etwas mitzugeben – Gedanken zu Kontemplation, Selbstreflexion, Disziplin, Resilienz, Handeln, Loslassen. Aber was ist, wenn ich das selbst gar nicht lebe?
Vielleicht ist das Wort Vorbild doch nicht so verkehrt. Vielleicht ist es eine Einladung, uns selbst noch einmal zu fragen, warum wir diesen Weg gewählt haben: Warum will ich jemand sein, der andere auf ihrer Reise begleitet?
Also ja – dieses Buch ist nicht nur für junge Menschen gedacht. Jetzt: Lass uns beginnen.
So. Beginnen wir mit der Bestandsaufnahme. Zu dir. War es eine Bruchlandung, oder bist du auf einem Feld aus Popcorn und Zuckerwatte in diese Welt geglitten? Sicherlich war es für deine Mutter keine besonders entspannte Erfahrung – wenngleich sicher auch ein beglückendes oder vielleicht von vielen Fragezeichen geprägtes Erlebnis. Mit dem Ankommen in der Welt meine ich die gesamte Situation, in die du geworfen wurdest und in der du, bis zu dem Moment, in dem du dieses Buch in den Händen hältst, aufgewachsen bist.
Ich werde in diesem Teil versuchen, einige Grundpfeiler oder Grundbausteine der Gesamtsituation zu fassen und zu beschreiben, die dieses “Ankommen” ausmachen und für den späteren Verlauf von Bedeutung sind. Dabei werde ich versuchen, die Einflüsse zu benennen, die möglicherweise in deinem Leben gewirkt haben oder wirken. Aus der Vogelperspektive oder von mir aus die Perspektive aus dem abgestürzten Flugzeug, wenn du gerade ausgestiegen bist und kurz deinen Kopf zurechtrücken musst. Oder wie dieser Vogel, der alles von oben beobachtet und sich anschaut, was er sieht und dann auf deinen Kopf kackt. Scherz.
Es wird darum gehen, eine Meta-Perspektive einzunehmen, das Ganze wie eine Art Spielfeld zu betrachten und die einzelnen Einflussgrößen zu beobachten, die auf dich oder besser gesagt auf uns alle wirken. Also, wie war deine Landung? Erinnerst du dich? Eher wohl nicht.
Trotzdem war der Tag, als du geboren wurdest, ein besonderer Tag, denn du bist hier angekommen, Diggi. Was bedeutet Ankommen in dieser Welt, was folgt daraus und was kannst du mit diesem “Material” anfangen?
Das Ankommen ist die Vorarbeit am Survival Kit, denn sie umfasst Fragen, die weniger etwas von einer Liste zum Abhaken haben, sondern eher als ein Abfragen der Bedingungen gedacht werden können, die dieses Ankommen ausgemacht haben und ausmachen. Erst wenn das klar ist, kann daraus etwas Greifbares entstehen. Du verstehst?
Was umfasst unsere Ausstattung? Was sind Einflussgrößen, die auf uns einwirken? Wie ist die Welt in uns ausgestattet? Welche Mechanismen wirken dort?
Es geht um die Welt, in die du gekommen bist und die Welt in dir selbst, die sich offenbart. Das System aus sich einander beeinflussenden Elementen. Der Körper als Maschine, als Werkzeug, als komplex angelegte Struktur mit einer Art Lenkungsinstanz in einer Welt von Vögeln, kreisenden Flugzeugen und jeder Menge anderer Kram.
Dieses Kapitel soll dazu dienen, eine Grundlage zu schaffen und gleichzeitig Grundannahme zu beschreiben: dass wir in dieser Welt mit einer Ausstattung landen, die wir nicht zwangsläufig verändern können oder konnten, die uns mitgegeben wurde, welche wir im Laufe unseres Ankommens erworben haben und welche eine Wirkung entfaltet, ähnlich wie das Aroma einer Blume oder eines starken Parfüms, was sich bis in die letzten Fasern unseres Kapuzenpullis seltsam vertraut festgesetzt hat. Möglicherweise sind das bestimmte Verhältnisse, in die wir hineingeboren wurden, die wir uns unter Umständen nicht ausgesucht haben und die uns nicht immer besonders förderlich sind.
Denn immer sind wir eingebunden in ein System, und auch wir selbst sind kleine Systeme, die zunächst einmal versuchen, sich aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig gibt es Spielraum – und diesen möchte ich dir mit diesem Buch eröffnen, besonders aber mit diesem Kapitel, das der erste Teil von insgesamt vier Abschnitten dieses Buches sein wird.
Ich hoffe, du bist bereit und einverstanden, dich auf diese kurze Auswahl von Gedanken einzulassen.
Zunächst möchte ich dir aber eine Geschichte erzählen, eine Geschichte, die Anlass und Initialzündung für mich war, all das hier aufzuschreiben
Denn ich erinnere mich noch sehr genau an diesen Moment. Erschöpft und frustriert sitze ich auf einer Treppe und schaue auf den Fluss hinunter, als die erste Frühlingssonne noch etwas zaghaft, für einen kurzen Moment, die Kälte auf meinem Rücken durch wärmende Strahlen meinen dicken Kapuzenpullover erwärmt. Ich hasste die Amtstermine wirklich bis zum Ende der verdammten Welt, da ich nach jedem dieser Treffen mit einem Sachbearbeiter, versteckt zwischen Aktenbergen, mit neuen Hausaufgaben nach Hause geschickt wurde. Das müssen Sie noch ausfüllen, dieses Dokument fehlt ebenfalls, und ohne diesen Nachweis können Sie kein Geld bekommen. Ich erinnere mich an den Frust und sehe mich vor meinem geistigen Auge sitzen, mit eingefallenen Schultern und einem leeren Gesichtsausdruck.
Ich wollte von Zuhause ausziehen und hatte dank der Hilfe eines Jugendbetreuers in einer Beratungsstelle Unterstützung bekommen, wie ich all die Anträge ausfüllen müsse, um pünktlich zu meinem achtzehnten Geburtstag endlich von Zuhause auszuziehen. Leider erinnere ich mich nicht mehr an seinen Namen, aber dieser immer freundliche, herzliche junge schwule Mann mit Beethoven-Frisur, der ungefähr so alt gewesen sein müsste wie ich jetzt, klärte mich über alle wichtigen Schritte auf, um beim Sozialamt einen Antrag auf Unterstützung zu stellen. Ich war 17 Jahre alt, rechtlich also noch nicht in der Lage, mich selbst zu finanzieren und eigenmächtig von Zuhause auszuziehen.
Zuhause. Ein Wort, das mir schwer über die Lippen geht, auch wenn dort Gottseidank kein verrückter Hooligan Vater auf mich einprügelte oder andere Horrorszenarien abliefen. Stattdessen wartete eine überforderte Mutter auf mich, überfordert mit einem heranwachsenden Teenager, der an Bauchkrämpfen litt vor Stress und Kummer und sich in seinem Zimmer verkroch und sich mit 17 Jahren weder selbst verstand noch in der Lage, war, das innere Chaos in Worte zu übersetzen. Da war nur der Wunsch, alles hinter sich zu lassen. Abtauchen in eine Welt aus Musik und Räucherstäbchen, Fantasien von Bühnenauftritten, unbesiegbar sein. Und endlich, endlich rauszukommen aus der kleinen Welt von Frust. Der 18. Geburtstag rückte näher und damit auch die reale Möglichkeit, von Zuhause auszuziehen. Egal wohin. Am besten in einer WG oder so etwas.
Da saß ich also auf der Treppe und kam von meinem ersten wichtigen Termin beim Sozialamt. Mein Antrag wurde abgelehnt. Anscheinend fehlten wichtige Dokumente von meinem Vater, damit der Staat keine Zweifel daran hatte, dass es weder bei mir noch bei meinen Eltern etwas zu holen gab. Mein Vater hatte sich zu dieser Zeit aus dem Staub gemacht. Er hielt es nicht für nötig, mich darüber zu informieren, dass er Deutschland endgültig den Rücken kehren wollte, nachdem auch er immer wieder versucht hatte, hier irgendwie anzukommen, sich mit kalten Wintern und schlecht gelaunten Menschen zu arrangieren, mit der deutschen Bürokratie aber auch mit der Tatsache, dass er vielleicht auch selber nirgendwo richtig angekommen war. Als ich ihn eines Tages, nach einem heftigen Streit und wochenlanger Funkstille besuchen wollte, war das Klingelschild plötzlich weg. Ich erinnere mich an diesen Moment und an das Gefühl. Dieses riesengroße FUCK. Wie soll es jetzt weitergehen?
„O, Sohn Kuntīs, das unbeständige Erscheinen von Glück und Leid und ihr Verschwinden im Laufe der Zeit gleichen dem Kommen und Gehen von Sommer und Winter. Sie entstehen durch Sinneswahrnehmung, o Nachkomme Bharatas, und man muss lernen, sie zu dulden, ohne sich verwirren zu lassen. Wer sich durch Glück und Leid nicht stören lässt, sondern in beidem stetig ist, eignet sich gewiss dazu, Befreiung zu erlangen.“
Ich hatte dieses Buch, die Bhagavad Gita, erst ein Jahr zuvor in der Fußgängerzone von Hannover in die Hände bekommen. Um die Story dieses Buches kurz und knapp zu beschreiben: Ein Krieger namens Arjuna und sein Wagenlenker Krishna, der in Wahrheit Gott ist, müssen vor einer großen Schlacht (stell dir die Schlachten in Herr der Ringe vor nur krasser) ein paar wichtige Fragen klären, die den eigentlich entschlossenen Krieger Arjuna plötzlich plagen. Zu Beginn dieses Krisengesprächs gibt Krishna Arjuna Grundlagenwissen über die Welt und wie sie funktioniert. Im Verlauf geht es dann in viele Details, da Arjuna wirklich viele Fragen hat und – wir würden sagen – klar im Kopf werden muss, um in diese Schlacht zu ziehen, diesen tatsächlich nicht mehr anwendbaren Krieg (so wenig abwendbar wie der Krieg gegen Hitler war, um mal einen Vergleich zu geben).
Während ich also auf der Treppe sitze und frustriert bin, erinnere ich mich plötzlich an diesen Satz. Nicht Wort für Wort, aber den Kern, die Botschaft:
Alles kommt, alles vergeht, denke ich mir, du dummer Sozialamts-Fuzzi. Es wird eine Zeit in der Zukunft geben, wo all das hinter mir liegt. Es muss so kommen. Die Zeit schreitet voran, ob ich will oder nicht. Glück und Leid sind nur zwei Seiten derselben Medaille. Wir werden in diese Welt geworfen, durchgeschüttelt, doch auch der größte Sturm muss sich irgendwann legen.
Dann spüre ich Erleichterung. Ich versuche, auch wenn es mir schwerfällt, mich auf den Kern dieser Botschaft, dieser Ansage an Arjuna zu konzentrieren.
Ich stehe auf, an diesem ersten Frühlingstag, der sich noch nicht ganz zwischen Eiseskälte und ersten wärmenden Sonnenstrahlen entschieden hat, gehe wieder in mein altes Zuhause. Dort, wo ich lieber in meinem Zimmer bin, die Kopfhörer aufsetze und den Rest um mich ausblende. Aber ab diesem Moment weiß ich: Eines Tages wird sich alles klären.
Nun sitze ich hier und schreibe diese Gedanken auf. Die Vergangenheit, die aus glücklichen und leidvollen Momenten besteht, liegt jetzt hinter mir, und vor mir liegen weitere Momente, in denen ich mal glücklich und mal traurig sein werde.
Und du? Vielleicht musst du wie ich den Lärm, den Streit, das Unglück der anderen ertragen. Vielleicht erdrückt es dich, und vielleicht fühlst du dich hilflos, da du noch nicht die Macht hast, die Dinge zu ändern. Vielleicht steckst du fest in einer anscheinend aussichtslosen Lage. Vielleicht denkst du dir, dass alles keinen Sinn macht. Vielleicht hast du dein Verhalten nicht unter Kontrolle. Vielleicht ist einfach gerade alles beschissen. Das Wichtigste dabei aber ist: Es wird vergehen.
Auch Arjuna kennt das Gefühl. Am liebsten würde er sich einfach rausziehen, ab in den Wald unter einen Baum verkriechen, oder vielleicht, wie wir, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber so einfach geht das nicht. Ich erinnere mich gut an diesen Moment, weil ich hier diese wichtige Erkenntnis gewann. Wie ein Geistesblitz überflutete mich diese Wahrheit, und oft konnte ich mich in ähnlichen Situationen daran erinnern.
Ankommen ist ein Ankommen in nicht selbst gewählten Bedingungen und der Versuch, damit umzugehen. Die Umstände zu kennen, die Einflussgrößen zu identifizieren wird Teil der Vorarbeit sein für dein inneres Survival Kit.
….
“Das wars. Hier, dass wollte die Eka noch geben…” sagte die Pflegerin mit einem Blick, der nicht verbergen konnte, dass dieser Satz schon viele Male gesagt wurde, vielleicht passte er auch zu dem einfarbigen Outfit, was trotz der Blumen, eingerahmten Landschaftsbilder im Flur die Realität des Hospizes nicht verbergen konnte. Lens Kapuzenpulli hatte eine zu große Mütze, der Kopf fast verschluckt in der dunklen Parallelwelt, die sich dahinter versteckte und in den Rucksack ein Bild von einer seltsamen Figur mit vier Händen packte.
Es war ein irgendwie seltsam ruhiger Vormittag, als es passierte. Ein paar Bilder an der Wand in einem Zimmer, in dem ein Sessel und ein Bett standen - das war alles, was geblieben war von einem Leben.
Eka wurde Lens bester Freund, nicht nur, weil er in dem ganzen Chaos erst ein kreativer Sparringspartner beim Entwickeln von Beats wurde, sondern durch die Krebsdiagnose eine Art Ruhepol. Er war immer so klug, gerade in den letzten Monaten zunehmend vertieft in seine Bücher. “Len, jetzt hör auf mit der Scheiße, triff dich nicht mehr mit den Freaks, da gibt es nichts mehr zu holen, die rutschen alle ab…”.
Plötzlich war alles vorbei. Der Krebs zerfraß den Körper in nur 6 Monaten. Der Körper selbst wirkte so, als ob er sich wieder in eine Form zurück krümmen wollte und erinnerte mich an Bilder von einem schlafenden Embryo. Zuletzt gab es nur noch wenige Reaktionen auf die Außenwelt, eine Augenbewegung, ein leises Wimmern, im Hintergrund die Hörbücher. So ist das wohl, wenn der Körper nicht mehr kann.. Dann kam die Nachricht, dass er eingeschlafen war.
“Hier, der war auch für dich.” Ein USB-Stick.
Das wars. “Ich verstehe. Morgen wird schon das Zimmer leer gemacht, dann ist da nix mehr, wa?…”
Die Pflegerin nickte.
Draußen bewegte sich die Welt weiter und warum sollte sie sich auch für nur einen Moment anhalten, was machte es schon aus? Absurd.
Gerade ist noch ein Körper in diesem Zimmer und dann zieht morgen die nächste todgeweihte Person dort ein.
Ankommen und wieder weiterziehen. “This awkward moment between Birth and Death” stand auf einem T-Shirt bei der Fahrt in der S-Bahn aus dem Krankenhaus, es wirkte fast absurd.
Death comes ripping
Der Tod ist ein komplexes, nach wie vor nicht klar beschriebenes Phänomen. Biologisch betrachtet ist der Tod das endgültige Versagen der Vitalfunktionen – Herzschlag, Atmung, Gehirnaktivität. Der Exitus-Zustand eines Organismus lässt sich als Ende der Lebensfunktionen (Leben) beschreiben; welcher dazu führt, dass das „System“ aus Organen aufhört zu funktionieren und durch diesen Zusammenbruch der Zerfall eintritt. Hört sich charmant an. Schon mal den Geruch eines menschlichen Leichnams vernommen oder dieser seltsame Anblick, dass dort jemand einfach nur jemand schläft? Eine biologische Beschreibung bleibt zwangsläufig an der Oberfläche hängen und erfasst nicht das, was der Tod in uns auslöst, nicht die Abgründe, in die er uns blicken lässt.
Zwischen Leben und Tod klafft eine Grauzone, die Wissenschaft und Medizin immer weiter auszudehnen versuchen. Am ehesten bedeutet der Tod das Ende dieser Existenz und ist eine unwiderlegbare Tatsache in unserem Leben. Die Todesrate liegt immer noch bei 100 %. Das klingt dramatisch, ist aber ein Fakt, dem wir uns stellen müssen – auch wenn wir ihn für eine Zeit lang aufschieben können.
Der Tod wirft noch eine andere, grundlegende Frage auf: Wer sind wir vor diesem Tod?
Und ist mit dem Tod alles vorbei, dann endet auch das, was wir für unser Selbst halten. Es gibt dann niemanden mehr, der leidet, keine Erinnerung, nichts. In diesem Fall ergibt es Sinn, das Leben hier und jetzt auszukosten – vielleicht sogar mit einem Dessertlöffel in der Hand, um den süßen Moment des Lebens mitzunehmen, bevor es endet.
Doch was, wenn es danach weitergeht? Wenn der Tod nur der Anfang eines neuen Kreislaufs ist? Wenn wir wiedergeboren werden und erneut das gleiche Lebensthema durchleben müssen? In diesem Fall besteht zumindest eine 50:50-Chance, dass es so sein könnte.
Aus dem bescheidenen Wissen, das ich mir im Laufe meines Lebens angeeignet habe, ziehe ich zumindest die Möglichkeit in Betracht, dass es nach dem Tod weitergeht. Es erscheint mir logisch: Körperlich gesehen verändert sich nach dem Tod nichts wesentlich. Alle Organe sind noch da – doch die Lebensenergie fehlt. Wohin geht sie?
Die Yoga-Philosophie hat darauf eine interessante Perspektive. Sie sagt: Die Seele wirft den Körper ab wie einen alten Mantel und tritt in einen neuen ein. Und durch diesen neuen Körper erlebt sie erneut Freude und Leid in der Welt. Doch das führt uns zur nächsten Frage: Wer oder was sind wir dann?
"Du kannst nicht sehen, was der Zeuge des Sehens ist; du kannst nicht hören, was der Hörer des Hörens ist; du kannst nicht denken, was der Denker des Denkens ist; du kannst nicht wissen, was der Wissende des Wissens ist. Dies ist dein Selbst, das in allem ist; alles andere als dies ist vergänglich." (3.4.2 Brihadaranyaka Upanishad)
Dieser Vers sagt, dass wir uns selbst als Sehende, als Wahrnehmende, nie im Akt des Sehens oder des Wahrnehmens betrachten können. Augen können sich nicht selbst sehen; Ohren können sich nicht selbst hören. Denken können wir nicht beobachten, während wir es tun – wir sind die Denkenden in diesem Moment.
Das, was also erlebt, sieht, denkt, hört und fühlt, ist immer verschieden von dem, was wahrgenommen wird. Der Körper ist wie ein Instrument, das uns ermöglicht, diese Prozesse zu erfahren. Doch sein Ende bedeutet nicht das Ende von dem, der ihn bewohnt hat. Studien zu sogenannten Nahtoderfahrungen oder dem sogenannten rätselhaften Aufklaren bei schwerkranken Menschen kurz vor ihrem Tod sind mittlerweile kein Hobby von verwegenen Hexenmeistern, sondern Gegenstand ernsthafter Wissenschaft. Dass wir irgendwie mehr sind als nur eine Ansammlung von Knochen, Organen, Muskeln und den ganzen Flüssigkeiten, dass wir nicht bloß ein Klumpen Materie sind, ist zumindest meine feste Überzeugung, zu welcher ich mich an dieser Stelle ganz offen bekenne. Ob du diese Haltung teilst oder nicht, sei dahingestellt. Doch unabhängig von deinem Glauben daran kann beides – die Annahme eines Weiterlebens oder eines Endes – dich nicht davon abhalten, dein Leben mit Sinn zu füllen. Aber soweit sind wir ja noch nicht, geht ja gerade erst los mit dem Ankommen. Also Easy.
Welcome to the Machine: Lerne dein “Fahrzeug” kennen
Beginnen wir mit dem Elementarsten – mit dem, was wir alle als unwiderlegbare Wahrheit akzeptieren müssen. Eine Realität, die so banal klingt und in der doch die Grundlage für alles Weitere liegt:
Du besitzt einen Körper. Verdaue diesen Satz. Das was du heute morgen aus dem Bett geschleppt hast auf die Kloschüssel, hoffentlich unter eine Dusche, die Hände, mit denen du diese Ansammlung aus Blättern in den Händen hältst, die Augen, mit welchen du diese Symbole betrachtest, welche in deinem Gehirn zu sinnvollen Sinneinheiten übersetzt werden - wir nennen es Körper. Einen Körper, der sich zwar grob von anderen unterscheidet – sagen wir, von dem eines Reptils (wobei es genug Menschen gibt, die sich wie Reptilien verhalten) – der jedoch über Sinne verfügt, durch die wir die Welt wahrnehmen können.
Augen. Ohren. Nase. Mund. Tastsinn. Genitalien. Ausscheidungsorgane. Stell dich vor den Spiegel und schau dir diese Maschine mal genau von ganz oben bis ganz unten an.
Fangen wir mit dem Kopf an. Der Kopf ist sehr grob beschrieben, eine Kombination aus Augen, Ohren, Mund, Zunge, Sinnen – und vor allem die Schaltzentrale mit dem Gehirn, das in zwei Hälften, die sogenannten Hemisphären, unterteilt ist. Nicht nur Hälften, sondern mehrere Areale, die für verschiedene Abteilungen zuständig sind.
Der Kopf ist mit den Nerven verbunden, und das Gehirn mit dem Rückenmark. Das Rückenmark wiederum zieht sich an deinem Rücken, am Gerüst deines Körpers – deinem Skelett – herab und wird von Nervenbahnen durchzogen, die sich im ganzen Körper verteilen.
Das Gehirn ist sozusagen die Zentrale, und die Nervenbahnen ziehen bis in die letzten Enden deines Körpers und sorgen dafür, dass du selbst einen kleinen Mückenstich auf der Spitze deines linken Zehs spürst.
Deine Arme sind aufgeteilt in zwei verschiedene Knochen, die über ein Gelenk zusammengehalten werden. Dieses Gelenk ist ebenso spannend und verblüffend wie die Natur – oder wie das, was wir Evolution nennen –, wie dieses Gelenk hervorgebracht wurde. Dieses Winkelgelenk ist so organisiert, dass die beiden Muskeln, die für das Heben und Senken des Arms zuständig sind – der Antagonist, also der Gegenspieler, und der Hauptmuskel –, jeweils in Zusammenarbeit mit dem Gehirn selbst kleinste Bewegungen organisieren.
Das Schließen und das Öffnen deiner Hand, das Drehen deiner Hand, das Heben deines Arms über deinen Kopf hinaus. Probier es mal aus. Heb deinen Arm über deinen Kopf und schau, wie weit du kommst.
All das geht nur, weil die Muskulatur mit dem Bindegewebe, das in deinem Körper ebenfalls überall verteilt ist, für die nötige Stabilität und gleichzeitig für Dehnbarkeit sorgt. Gehen wir runter zum Rumpf. Hier laufen die Muskeln fast genau bis zum Rumpf zusammen und werden dann über die Beine wieder neu verteilt, indem die Muskulatur deiner Arschmuskulatur fast auf der Höhe ansetzt, an der du deine Unterhose anziehst.
Es ist spannend, wie dieser Körper und seine Muskulatur konstruiert wurden. Übrigens gibt es auf der Höhe des Handgelenks ein Sehnenband, das fast wie ein Armband aussieht. Verblüffend, was sich dabei wohl gedacht wurde. (Gemeint ist das sogenannte Retinaculum – ein Sehnenhalteband, das verhindert, dass die Beugesehnen wegrutschen.)
Die Muskulatur an den Beinen teilt sich in mehrere kleine Stränge auf, die einmal unterhalb des Oberschenkels, auf der Rückseite und auf der Vorderseite bis zum Knie laufen und dort an der Kniescheibe den Kontakt herstellen. Gleichzeitig laufen die Muskulaturen des Unterschenkels ebenfalls hier entlang und sorgen dafür, dass du dein Bein strecken und dehnen kannst – und überhaupt eine Treppe rauf-und runtergehen kannst. Das Kniegelenk ist eines der komplexesten Gelenke überhaupt, weil es im Innenteil – wie alle Gelenke – mit sogenannten Menisken ausgestattet ist, mit Material, das für Dämpfung sorgt, wenn du zu stark auf den Boden auftrittst.
Die Muskulatur sorgt für Stabilität beim Treppensteigen, beim Skateboardfahren oder beim Fahrradfahren. Ach ja – die Knochen haben wir vergessen. Die Knochen sind das Spannendste.
Die Knochen sind ein starkes, stabiles Material, das doch formbar ist – bis zu einem gewissen Grad – und vor allem heilbar. Auch Knochenbrüche heilen wieder zusammen, indem das, was zwischen den Bruchstellen offengelegt, nach und nach mit Knochenmaterial zusammenwächst und so die Naht wieder geschlossen wird. Wenn wir dieses Gerüst einmal gesehen haben, geht es weiter zu den Organen.
In unserem Bauch befinden sich verschiedene Organe, wie die Leber oder der Magen – und verschiedene Behälter mit verschiedenen Flüssigkeiten, wie der Gallenflüssigkeit. Und auch der Magen ist letztendlich nichts weiter als ein Behälter, der die Nahrung aufnimmt, diese zersetzt und die Nährstoffe daraus zieht – und anschließend das, was überschüssig ist, in Abfall verwandelt, den du ausscheiden kannst.
Gott sei Dank kannst du das. Die Leber reinigt dabei nicht nur das Blut, sondern baut auch Giftstoffe ab, speichert Energie und produziert wichtige Eiweiße für den Körper. Dann gibt es noch den Atmungsapparat, unter anderem das Zwerchfell, welches gleichmäßig dafür sorgt, dass im Brustbereich Luft ein- und ausströmt.
Luft, die Sauerstoff enthält – und Sauerstoff bedeutet Energie für den Körper, für das Herz, das dadurch zum Pumpen gebracht wird. Das Herz ist das wichtigste Organ – zumindest eines der Zentralsten. Es versorgt den gesamten Körper mit Blut. Blut ist das, was alle Organe am Leben erhält, was Energie transportiert. Hört dein Herz auf zu schlagen, wird dein Gehirn nicht mehr mit Blut versorgt – und innerhalb von nur wenigen Minuten kann es zum Hirntod kommen, wenn keine Sauerstoffversorgung mehr erfolgt.
Die Augen – faszinierende Apparaturen mit Linsen und Brennpunkten. Mit eingebauter Scharfeinstellung, die allerdings mit dem Alter nachlässt – wie bei mir. Und dann funktioniert's eben nur noch mit Brille.
All das bist du. Aber – bist du nur ein Ergebnis davon? Bist du sozusagen das, was am Ende dabei rauskommt, wenn man all das zusammenstellt? Was ist überhaupt das, was im Gehirn passiert? Was ist dieses Denken? Was ist Erleben?
Das Gehirn speichert Informationen. Es koordiniert Bewegungen, die automatische Atmung zum Beispiel – und andere Dinge. Aber bist das du? Könnte man einfach nur all diese Dinge zusammenwerfen, zusammenbauen – und hätte dann so etwas wie dich?
Unser Körper ist ein Arrangement von Sinnen, ein Organismus, der sich um diese Sinne herum konstruiert. Sie erlauben uns, die Welt zu erfahren, andere Lebewesen wahrzunehmen – Lebewesen, die ebenfalls Sinne haben. Dank dieser Wahrnehmung treten wir in Interaktion, kommunizieren und wählen Dinge aus, die unseren Körper erhalten.
Der Körper ist wie ein Fahrzeug, mit dem wir uns durch die Welt bewegen. Aber nicht nur das. Innerhalb dieses Körpers können wir ebenfalls reisen. Wir können in uns hineinhorchen, eine innere Reise unternehmen – zu unseren Gedanken und Emotionen ein Verhältnis aufbauen. Auch sie gehören zum Körper. Ohne den Körper gäbe es keine Gefühle. Und ohne Gefühle könnten wir sie nicht beschreiben.
Als Mensch – oder besser: als Wesen mit einem menschlichen Körper – kannst du über deinen Zustand nachdenken. Du kannst deinen Herzschlag hören. Und manchmal hörst du sogar Stimmen in dir, die dir etwas mitteilen wollen. Du kannst dir all dessen bewusst werden.
Das ist dein Bewusstsein. In der Wissenschaft ist es nach wie vor unklar, ob all das – Denken, Fühlen, Bewusstsein – bloß das Ergebnis chemischer und neuronaler Prozesse ist. Oder gibt es in uns eine feinere, mit dem Mikroskop nicht sichtbare, aber dennoch beschreibbare Ebene? Sind Gefühle wie Liebe und Angst tatsächlich auf biochemische Reaktionen reduzierbar? Oder besitzen sie eine Dimension, die mehr ist als die Summe von Chemie und Biologie
Nur psychologische Roboter?
Ein weiteres Rätsel ist die Frage nach dem freien Willen: Gibt es ihn überhaupt – zumindest auf der körperlichen Ebene? Oder sind wir nichts weiter als Sklaven unseres Körpers und der Sinne?
Die Bhagavad Gita und die Yoga-Sutras von Patanjali bieten dazu eine faszinierende Perspektive. Sie unterscheiden zwischen einem grob stofflichen und einem feinstofflichen Körper. Der grobstoffliche Körper umfasst alles, was wir sehen können – sei es mit bloßem Auge oder unter dem Mikroskop. Es ist der Körper, den du siehst, wenn du gerade in den Spiegel schaust.
Der feinstoffliche Körper hingegen beschreibt das Denken, Fühlen und Wollen. Es ist das, was wir oft als unsere Identität verstehen. Spannend dabei: Nach der Yoga-Philosophie ist auch der feinstoffliche Körper stofflich – keinesfalls nur „Energie“, was auch immer das genau sein mag. Das bedeutet, selbst diese subtilen Dimensionen deines Seins unterliegen Naturgesetzen. Sie hinterlassen Spuren, tragen ein „Aroma“ in sich – wie ein Geruch, den du zwar kaum bewusst wahrnimmst, der aber dennoch da ist.
Um unseren Körper zu erhalten, müssen wir ihn versorgen. Um ihn versorgen zu können, brauchen wir Ressourcen. Diese Ressourcen wie z. B. Nahrung erhalten wir, indem wir aktiv werden, indem wir: handeln.
Auf dieser Ebene unterscheiden wir uns nicht von Tieren. Doch als Mensch haben wir eine Besonderheit: Wir können über unser Dasein und unser Handeln nachdenken und reflektieren. Wir folgen zwar denselben Grundbedürfnissen wie Tiere, aber wir sind nicht auf diese reduziert. Wir sind mehr als psychologische Triebbefriedigungs-Roboter.
Was uns unterscheidet, ist das Bewusstsein. Wir können uns über unsere Triebe bewusst werden und sie artikulieren. Nicht nur: Ich habe Hunger. Sondern auch: Ich bin mir darüber bewusst, dass ich gerade Hunger habe. Das ist der entscheidende Unterschied: Bewusstsein.
Wir können nicht nur Erfahrungen machen, sondern diese auch reflektieren. Wir können uns darüber im Klaren sein, dass wir in diesem Moment eine Erfahrung machen, ein eher amateurhaftes Buch zu lesen.
Mit dieser Frage – der Frage nach dem Bewusstsein – beschäftigen sich Wissenschaftler und Philosophen seit langem. Und inzwischen sind einige zu einer erstaunlichen Erkenntnis gelangt: Dieses nichtmaterielle Etwas, das wir Bewusstsein nennen, ist womöglich mehr als nur eine Reaktion chemischer Prozesse. Es lässt sich nicht vollständig erklären, als wäre es lediglich ein Nebenprodukt unseres Gehirns.
“Die Möglichkeit, dass Bewusstsein der wirklich konkrete Stoff der Realität ist, also die fundamentale Hardware, die die Software unserer physikalischen Theorien implementiert, ist und bleibt eine radikale Idee. Sie stellt unser gewohntes Bild auf den Kopf, sodass man sie vielleicht schwer fassen kann. Doch es mag sein, dass man so die härtesten Probleme der Naturwissenschaft und der Philosophie auf einen Schlag löst.(...) Dennoch ist es vernünftig, zu glauben, dass mehr an der Materie sein muss, als die Physik sagen kann. ” schreibt die Philosophin Hedda Hassel Mørch in einem Artikel in der FAZ 2018. Selbst überzeugte Atheisten wie der Philosoph David Chalmers sprechen vom harten Problem des Bewusstseins, also der Herausforderung, so etwas wie bewusstes Erleben mit den üblichen Methoden der Wissenschaft zu beweisen. Nichts ist nach wie vor so voller Rätsel wie dieser spannende Apparat.
Von der simplen Frage, warum wir handeln müssen, sind wir bei einer der Grundfragen unseres Daseins gelandet. Und das passt.
Es ist gut zu wissen, dass wir möglicherweise mehr sind als psychologische Roboter – Roboter, die sich hübsch anziehen und klug klingende Sätze von sich geben, aber letztlich nur die Maschine am Laufen halten. Vieles deutet darauf hin, dass es tatsächlich mehr dazu zu sagen gibt.
Der Körper als (Geschäfts)Fahrzeug
Ein Beispiel, wie du den Körper verstehen kannst und welche Aufgabe dieser Körper hat, findet sich im Bhagavad-Purāṇa, ein Bestandteil der sogenannten “vedischen” Schriften, welche quasi, zumindest nach Auffassung des Heiligen Vyasadeva die Geschichte der Welt nacherzählt und hierbei immer wieder auf philosophische Grundwahrheiten trifft. Man könnte sie auch als Grundlagenwerke in der indischen religiösen Philosophie beschreiben, um es einfacher zu machen.
In einem Kommentar beschreibt der spirituelle Lehrer und Kommentator dieses gigantischen Werkes, Swami Prabhupada, den Körper mit folgendem Beispiel:
Stell dir vor, du bist ein Geschäftsmensch, der in einem Auto sitzt und dieses Auto für Geschäftsreisen nutzt. Das Auto ist ein Werkzeug, das dich von A nach B bringt, um Produkte zu transportieren oder aktiv zu sein.
Der Geschäftsmensch oder die Geschäftsfrau, die im Auto sitzt, weiß genau, wie viel Benzin noch da ist, wann das Öl gewechselt werden muss, und kümmert sich regelmäßig um das Auto. Trotzdem verwechselt sie sich nicht mit dem Auto. Es ist einfach ein Werkzeug, das für die Arbeit gebraucht wird. Auch während der Fahrt bleibt der Geschäftsmensch gedanklich bei seinen Aufgaben und identifiziert sich nicht vollständig mit dem Fahrzeug.
Es wäre auch naiv, sich nur mit dem Auto zu beschäftigen, denn irgendwann würde das Geschäft darunter leiden, das Geld ausgehen, und das Auto könnte nicht mehr unterhalten werden. Dieser Vergleich lässt sich gut auf das allgemeine Problem übertragen, dass wir unsere Lebensgrundlage verlieren, wenn wir uns nicht um unsere Aufgaben kümmern. Wenn wir den Körper nicht mehr ernähren oder unser Dach über dem Kopf verlieren, können wir ebenfalls unsere Ziele nicht erreichen.
Ähnlich ist es mit dem Geschäftsmenschen im Auto: Obwohl er das Fahrzeug nutzt, bleibt er innerlich unabhängig davon. Der Körper wird in den Schriften als „Feld der Aktivitäten“ beschrieben – ein Feld, auf dem das Leben stattfindet. Die Sinne sind dabei die Ein-und Ausgänge zu diesem Feld. Unsere Nase, unser Mund, unsere Augen und Ohren, aber auch die Geschlechtsorgane und die Ausscheidungsorgane sind Werkzeuge, die uns erlauben, mit der Welt zu interagieren.
Der Körper ist somit ein Medium, durch das wir die Außenwelt wahrnehmen und darauf reagieren können. Aber wir selbst bleiben immer getrennt von ihm, zumindest laut der Philosophie des Bhagavatams – so wie der Geschäftsmensch nicht das Auto ist, sondern es lediglich benutzt.
Was ist die Welt, und wer stellt diese Frage?
Was bedeutet dieses Wort Identität eigentlich genau? Auch in diesem Abschnitt möchte ich einen kurzen Abriss zu diesem Thema geben, mich aber vor allem auf eine Definition stützen, die sich an die Yoga-Tradition anlehnt.
Eine gängige Herangehensweise wäre wohl, Identität als eine Art Konstruktion von einem Bild von uns beschreiben, an welchem wir permanent arbeiten. Man könnte es auch Image nennen. Das könnte im Einklang mit der Idee sein, dass „wir“ wandelbar sind, uns verändern und mit der Frage kämpfen, wer wir wirklich sind. Ihr kennt vielleicht Menschen, die sich mit ihrer geschlechtlichen Identität oder mit ihrer Rolle als Erwachsener oder Jugendlicher auseinandersetzen und sich fragen, wer sie nun sind. Ich für meinen Teil kämpfe vermutlich mit der Identität des Berufsjugendlichen und der des Steuerzahlers. Egal.
Der Psychoanalytiker Erik Erikson sagt, dass Identität sich immer in einem kontinuierlichen Prozess befindet und mit den Herausforderungen des Lebens neu verhandelt wird. Wir sind immer wieder gezwungen, uns die Frage zu stellen, wer wir sein wollen und wer wir nicht mehr sein möchten. Bei jungen Menschen äußert sich das oft in der Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen oder der Identifikation mit bestimmten Rollen. Ich selbst habe mich lange einer Jugendsubkultur zugeordnet, und ihr kennt das sicherlich auch – wir experimentieren, spielen mit Rollen, probieren Dinge aus.
Ich finde diese Versuche, Identität zu beschreiben, spannend. Aber was bin ich denn letztlich nun wirklich? Dass ich wandelbar bin, dass sich mein Geschmack oder mein Kleidungsstil ändern, ändert nichts daran, dass ich mich irgendwie immer noch wie ich fühle, eine Geschichte habe, etwas erlebt habe aber trotzdem irgendwie ich selbst geblieben bin.
In der Yoga-Tradition gibt es eine andere Herangehensweise. Dort wird davon ausgegangen, dass es etwas Beständiges und Ewiges gibt, das diese Veränderung beobachtet.
Dieser „Beobachter“ ist die Seele oder das Atman – der ewige Wesenskern, der hinter den Gedanken und Vorstellungen liegt und unveränderlich ist. Die Identität, die wir uns im Leben schaffen, ist ein Produkt von geistigen Prozessen, von Gedanken und Bildern, aber der Beobachter bleibt unabhängig davon. Er ist der Zeuge, der immer dabei ist, aber außerhalb des Geschehens steht.
Der Sehende kann sich nicht selbst sehen, genauso wie die Lippen sich nicht selbst küssen können. Der Beobachter bleibt immer abseits, doch er ist untrennbar mit dem Geschehen verbunden.
Diese Vorstellung lässt sich auch mit René Descartes berühmtem Satz „Ich denke, also bin ich“ verbinden. In dem Moment, in dem ich wahrnehme, dass ich denke, kann ich feststellen, dass ich bin und dass das Denken etwas ist, das sich mir als denkendem Subjekt ermöglicht, mich jedoch von diesem trennt. Das führt zu einer Trennung, die man als Dualismus bezeichnen könnte – die Unterscheidung zwischen dem Selbst und seinen Gedanken.
Es gibt jedoch einen philosophischen Streit darüber, ob diese Trennung tatsächlich existiert. Einige Traditionen argumentieren, dass wir eigentlich nicht von diesem Akt des Denkens, geschweige denn von uns als getrennt wahrgenommene Identitäten getrennt sind, dass diese Trennung eine Illusion ist und wir in Wirklichkeit alle mit einer untrennbaren, ewigen Energie verbunden sind. Diese Vorstellung sieht den Tropfen als Illusion, während das Meer – die Gesamtenergie – die wahre Natur ist. Aber jetzt überlege mal: Ist das Meer eine unendliche Summe an einzelnen Tropfen oder sind die Tropfen nur eine Illusion? Geile Frage, was.
Dass du beobachtest, dass du Erinnerungen an Erlebnisse hast, die sich in dir abgespeichert haben, dass du über Veränderungen hinweg bestehst, als Einheit weiter existierst, lässt sich mit dieser Vorstellung der Idee, dass wir bloß Tropfen im ewigen Meer sind, schwer in Einklang bringen. Vielleicht ist es nicht immer einfach, sich an alles zu erinnern, doch mit bestimmten Momenten könnte ich Erinnerungen aus meiner frühen Kindheit oder womöglich sogar aus früheren Leben hervorrufen. Diese Überlegung ist wichtig, um zu verstehen, was nach dem Tod passiert und ob der Beobachter tatsächlich mit dem Körper stirbt oder ob er unabhängig von ihm existiert. Wenn er unabhängig ist, stellt sich die Frage, was nach dem Tod geschieht und ob unser Leben nur eines von vielen ist.
Diese Fragen sind nicht nur philosophisch interessant, sondern auch von praktischer Bedeutung. Sie betreffen die Entscheidungen, die wir in unserem Leben treffen, und die Art, wie wir unser Leben führen. Wenn wir wissen, wer wir sind, wissen wir auch, was unsere wahren Bedürfnisse sind. Wenn wir den Wesenskern erkennen, können wir Entscheidungen treffen, die uns wirklich entsprechen und uns zu einem erfüllten Leben führen.
Leider erkennen wir oft nicht, dass wir durch äußere Einflüsse wie Medien und Erziehung bestimmte Vorstellungen übernommen haben. Wir haben Schwierigkeiten zu wissen, was wirklich unsere eigenen Gedanken und Werte sind. Die Entdeckung der eigenen Identität bedeutet, diese Schalen der Übernahmen von Vorstellungen und Prägungen abzulegen und zu unserem wahren Kern vorzudringen – ähnlich wie beim Schälvorgang einer Zwiebel.
Erik Erikson spricht von einer „erarbeiteten Identität“, bei der wir uns wirklich mit der Frage, wer wir tief in unserem Innersten sind, auseinandersetzen und erst dann Entscheidungen treffen können, die unseren Wünschen entsprechen. Erarbeitete Identität - das bedeutet Arbeit. Wäre es nicht spannend, dafür Schulzeit geschenkt zu bekommen?
Das Problem mit dem modernen Identitätsverständnis liegt darin, dass es immer an das Vorhandensein von etwas Äußerem gebunden ist. Identität scheint nur in Beziehung zu existieren – sei es zur Umwelt, zu den Eltern oder zu dem engsten sozialen Raum, dem wir zugeordnet werden können. Zu unserem Geburtsort, zu der Stadt in der wir geboren wurden, die Familie oder der Clan, dem wir angehören, die Nationalität, die wir damit vertreten und damit auch das, was wir als typisch “Deutsch” oder typisch “Italienisch” beschreiben.
