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Unter dem Leitgedanken des lumbung geht es dem indonesischen Kollektiv ruangrupa weniger um Einzelwerke als um Formen gemeinschaftlichen Arbeitens. Das Handbuch bietet als Nachschlagewerk, Begleiter und innovativer Kunstführer Orientierung für diese umfassenden Prozesse; es richtet sich ebenso an Besucher*innen der Ausstellung in Kassel wie an Menschen, die sich für kollektive Praxis interessieren. Alle Akteur*innen der documenta fifteen werden mit ihrer Arbeit von internationalen Autor*innen vorgestellt, die mit der jeweiligen künstlerischen Praxis und dem kulturellen Kontext vertraut sind. Unter dem Titel "lumbung" führt das Buch in die Denkweise und die kulturellen Hintergründe der documenta fifteen ein und verdeutlicht mit zahlreichen Zeichnungen die künstlerischen Arbeitsprozesse. Ein Kapitel über Kassel zeigt und erläutert alle Standorte der Schau, inklusive der hier vertretenen Künstler*innen und Kollektive.
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Seitenzahl: 333
Veröffentlichungsjahr: 2022
handbuch
ruangrupa und Künstlerisches Team
A.K. Kaiza
Alvin Li
Andrew Maerkle
Ann Mbuti
Annie Jael Kwan
Ashraf Jamal
Wong Binghao
Camilo Jiménez Santofimio
Carine Zaayman
Carol Que
Chiara De Cesari
Dagara Dakin
Enos Nyamor
Farhiya Khalid
Ferdiansyah Thajib
Hera Chan
Joachim Ben Yakoub
Krzysztof Kościuczuk
Marta Fernández Campa
Max Kühlem
Nuraini Juliastuti
Övül Ö. Durmuşoğlu
Pablo Larios
Ralf Schlüter
Rayya Badran
Skye Arundhati Thomas
Tina Sherwell
Jimmie Durham
I Want You to Hear These Words About Jo Ann Yellowbird
(Ars Poetica)
From what kind of yellow bird comes the name Yellowbird?
It must mean Kunh gwo, the sacred Yellowhammer.
Ka (But now), no more dreaming or explaining; Jo Ann Yellowbird took rat poison and died.
A chorus was provided a year before in
A pamphlet concerning related events:
“STOP THE GENOCIDE OF INDIAN PEOPLE” “Jo Ann Yellowbird, an activist in
the American Indian Movement, was seven months pregnant when she was kicked in the stomach
by a police officer. Two weeks later her
baby, Zintkalazi, was born dead. Jo Ann
has filed suit against the officer who kicked her
and the authorities who refused her medical treatment.”
And to show that I am a sophisticated poet and
Not a pamphleteer, I quote from the Vocabulary
Of a Lakota Primer printed to educate those children Of the Pine Ridge who have not been kicked to death:
Billy Boy said,
“I like the sheriff”
Overtake the night
Starve
Pneumonia
Wash your face
Your face is dirty
Comb your hair
Wash your clothes
Supervisor
Always take a bath
Be silent!
My eye hurts
Commissioner of Indian Affairs Earth
Plow
160 acres
Shovel
Allotment
My chest hurts
I have none
Heaven
The Pope
Church
Your ears are dirty
My ears ache
Wrong procedure
Cut your hair
Billy eya
Canakaa wustuca lake A han he ju
Aki ran
Caru na pere
Ete glu jajja
Ete nu sapa
Glak ca yo
Ha klu ja ja pi
Igmu wa pa se
Ye han nu wan po Inila yanka yo
Ista mayazan
Ta kal Tunkashile ya pi Maka
Maka iyublic
Maka i yu ta pi sope la Ma ki pap te
Makove owapi
Maku mayazan Manice
Marpiya
Oyublaye
Owacekiye
Nure ni sape
Nure opa mayazan Ogna sni
Pehin gla sla yo
aus: Poems That Do Not Go Together, in: Wiens Verlag, Berlin und Edition Hansjörg Mayer, London, 2012
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Mitte 228
Frankfurter Straße/Fünffensterstraße (Unterführung)229ruruHaus231documenta Halle232Reiner-Dierichs-Platz232 WH 22 234 C&A Fassade235KAZimKuBa235Gloria-Kino236Friedrichsplatz236Museum für Sepulkralkultur238Stadtmuseum Kassel239Fridericianum241Naturkundemuseum im Ottoneum242Hotel Hessenland242Grimmwelt Kassel245 Hessisches Landesmuseum245
Fulda 246
Hiroshima-Ufer (Karlsaue)247Komposthaufen (Karlsaue)249Bootsverleih Ahoi249Walter-Lübcke-Brücke249Rondell252 Gewächshaus (Karlsaue)253Karlswiese (Karlsaue)255 Hafenstraße 76255
Bettenhausen 256
Hallenbad Ost257Sandershaus259 St. Kunigundis259Hübner-Areal260Platz der Deutschen Einheit (Unterführung)260
Nordstadt 262
Nordstadtpark263Weserstraße 26264Trafohaus264
*foundationClass*collective 46 Agus Nur Amal PMTOH 48 Alice Yard 50 Amol K Patil 54Another Roadmap Africa Cluster 56 Archives des luttes des femmes en Algérie 58Arts Collaboratory 60 Asia Art Archive 64 Atis Rezistans | Ghetto Biennale 66 Baan Noorg Collaborative Arts and Culture 70 Black Quantum Futurism 72 BOLOHO 74 Britto Arts Trust 76 Cao Minghao & Chen Jianjun 80 Centre d’art Waza 82 Chang En-Man 84Chimurenga 86 Cinema Caravan und Takashi Kuribayashi 88 Dan Perjovschi 90 El Warcha 92 Erick Beltrán 94 FAFSWAG 96 Fehras Publishing Practices 100 Fondation Festival sur le Niger 102 Graziela Kunsch 106 Gudskul 108 Hamja Ahsan 112 ikkibawiKrrr 114INLAND 116 Instituto de Artivismo Hannah Arendt (INSTAR) 120 Jatiwangi art Factory 124 Jimmie Durham & A Stick in the Forest by the Side of the Road 128 Jumana Emil Abboud 130 Keleketla! Library 134 Kiri Dalena 136 Komîna Fîlm a Rojava 138 La Intermundial Holobiente 140 LE 18142 MADEYOULOOK 144 Marwa Arsanios 146 Más Arte Más Acción 148 Nguyen Trinh Thi 152 Nhà Sàn Collective 154 Nino Bulling 156OFF-Biennale Budapest 158 ook_ 162 Party Office b2b Fadescha 164 Pınar Öğrenci 166Project Art Works 168 Richard Bell 172 Sa Sa Art Projects 174 Sada [regroup] 176Safdar Ahmed 178 Saodat Ismailova 180 Serigrafistas queer 184 Siwa plateforme – L’Economat at Redeyef 186 Sourabh Phadke 188 Subversive Film 190 Taring Padi 192 The Black Archives 196 The Nest Collective 198 The Question of Funding 200Trampoline House 204 Wajukuu Art Project 208 Wakaliga Uganda 212yasmine eid-sabbagh 216 ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik 218
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Harvest-Zeichnungen von
Indra Ameng (linke Seite) und
Studio 4oo2 (rechte Seite)
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In diesem Handbuch erhalten Sie einen detail-lierten Einblick in die documenta fifteen. Neben allgemeinen Informationen über die Ausstellung bietet es auch Einblicke in die ihr voraus-gegangenen kollektiven Prozesse. Diese durch-ziehen die Ausstellung, ohne dass man sie immer mit bloßem Auge erkennen könnte.
Der folgende Abschnitt mit dem Titel „lumbung“ ist eine gemeinsam verfasste Chronik unserer Reise zur 15. Ausgabe der documenta. Er beginnt mit dem kollektiven „Wir“ von ruangrupa, der Künstlerischen Leitung, und unserem ver-längerten Arm, dem Künstlerischen Team. Dann bezieht er spiralförmig immer mehr Individuen und Kollektive mit ein, die sich unserer lumbung-Reise angeschlossen haben.
lumbung ist ein Begriff, den Sie in diesem Buch und in der Ausstellung häufig hören werden. Er bezieht sich auf ein Konzept des Miteinander-Teilens, das im Zentrum der documenta fifteen steht; seine Bedeutung wird auf den folgenden Seiten deutlich werden. Die Bilder und Zeich-nungen in diesem Abschnitt stammen aus der lumbung-Ernte (Harvest). Harvest bezeichnet eine künstlerische Aufzeichnung der Ergebnisse von Diskussionen und majelis-Versammlungen. Harvest soll Wissen und Erfahrungen weitergeben, das wird auch an den verschiedenen Stationen der Ausstellung erfahrbar sein.
Das Handbuch vermittelt grund-legende Informationen über die lumbung-Praxis und die Über-tragung örtlicher Praktiken der lumbung member und lumbung-Künstler*innen nach Kassel; andere von ihnen eigeladenen Künstler*innen werden ebenfalls behandelt. Wir betrachten die dreijährige
Vorbereitungsphase und die damit verbundenen Prozesse als einen wichtigen Teil der documenta fifteen.
Darüber hinaus enthält das Handbuch Informationen über unseren offenen Raum, das ruruHaus, und das lokale Ekosistem in Kassel sowie das öffentliche Programm Meydan und das Vermittlungsprogramm sobat-sobat.
All dies kann immer nur eine Momentauf-nahme sein, denn die documenta fifteen ist keine statische Ausstellung. Viele Beiträge der lumbung member und lumbung-Künstler*innen werden sich weiterentwickeln und während der Ausstellungs-zeit und danach ihre Gestalt verändern.
Neben dem Handbuch gibt es andere Publi-kationen, die spezifischen Aspekten von lumbung gewidmet sind: der Praxis, den Kosmologien, der Experimentierfreude, dem Spielerischen.
Wir hoffen, die Lektüre und die gemeinsam verbrachte Zeit in der Ausstellung und mit den lumbung member und lumbung-Künstler*innen werden Ihnen Freude bereiten. Und denken Sie daran: „Make friends not art“!
ruangrupa & Künstlerisches Team documenta fifteen
* Assalamualaikum ist ein gängiger Gruß in Indonesien. Er wird sowohl in formellen Kontexten als auch in der Umgangssprache verwendet und bedeutet „Friede sei mit dir“.
Assalamualaikum*,
liebe leser*innen
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Harvest-Zeichnungen von Andrés Villalobos (links) und Daniella F Praptono (rechts)
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hauskomplex, den wir in Jakarta gemeinsam nutzen und der Schauplatz vieler unserer Aktivitäten ist. An die Stelle dieses allzu ambitionierten Experiments trat dann das Gudskul Ekosistem, eine informelle Bildungsplatt-form, die wir 2018 zusammen mit zwei anderen Kollektiven, Serrum und Grafis Huru Hara, ins Leben riefen. Mit Gudskul wird die Vorstellung von lumbung als Be-triebssystem des Ekosistems dauerhaft umgesetzt, das als ein Kollektiv von Kollektiven feste Grundsätze hat und sich gleichwohl weiter-entwickelt.Als wir vor diesem Hintergrund die Einladung erhielten, ein Konzept für die fünf-zehnte Ausgabe der documenta vorzulegen, beschlossen wir, weiter unseren Weg zu gehen, statt uns in das seit Langem bestehende docu-menta-System zu integrieren. Wir erwiderten unsererseits die Einladung gegenüber der documenta und baten sie, Teil unserer Reise zu werden. Vor allem aber weigerten wir uns, uns von europäischen, institutionellen Agenden ausbeuten zu lassen, die nicht die unseren sind. Wir wollten stattdessen eine Ausgabe der documenta entwickeln, die etwas zu unseren Bemühungen beiträgt.
Gudskul kann als eine Miniatur dessen begriffen werden, was es mit der fünfzehnten Ausgabe der documenta auf sich hat. Das, was ruangrupa zusammen mit Serrum und Grafis Huru Hara durch Gudskul und das Kollektiv der Kollektive erreicht hat, lässt sich nicht eins zu eins auf andere Kontexte übertragen – nicht zuletzt deshalb, weil die getätigten In-vestitionen, das gewachsene Vertrauen und die seit Langem bestehenden Freundschaften sich
ruangrupa ist ein Kunstkollektiv, das 2000 in Jakarta, Indonesien, gegründet wurde. Als die Gruppe begann, mit lumbung zu experi-mentieren, stieß sie sofort auf kritische Punkte. lumbung, ein volkssprachlicher agrarwirtschaftlicher Begriff aus dem modernen Indonesisch, bezeichnet eine Reisscheune, in der eine Dorfgemein-schaft ihre Ernten gemeinsam aufbewahrt und verwaltet, um so für Unvorhersehbarkeiten ge-wappnet zu sein. Zunächst fungierte dieses Wort als Metapher für die Möglichkeit, finanzielle Ressourcen auf einem zentralen, von allen gemeinsam verwalteten Konto zu bündeln.
Dieses zentralisierte Konto und unsere anfängliche Idee, Ressourcen ausschließlich unter finanziellen Aspekten zu handhaben, erwiesen sich jedoch als Irrweg. Erst nach ver-schiedenen Versuchen im Trial-and-Error-Stil wurde uns klar, dass auch gemeinsam nutzbare Ressourcen in verschiedenen Händen liegen, in verschiedene Taschen gesteckt und dennoch gemeinsam verwaltet werden können, wenn Gründe dafür sprechen. Seit 2013 haben wir – ruangrupa zusammen mit anderen in Jakarta ansässigen Kollektiven – versucht, Ekosisteme (Bahasa-Indonesisch für „Ökosysteme“) her-zustellen, die auf der Einsicht beruhen, dass selbst eine Gruppe von Menschen, ein Kollektiv, nicht autark agieren kann. Stattdessen muss das Kollektiv zielbewusst eine Rolle in seinem größeren Kontext spielen, so wie in der Natur, wo verschiedene Arten ihre spezifischen Funk-tionen und Rollen erfüllen, um ein Ökosystem im Gleichgewicht zu halten.
Das erste dieser Ekosisteme wurde als Gudang Sarinah Ekosistembezeichnet. Es verdankt seinen Namen dem ehemaligen Lager-
Über die lumbung-Prozesse
und wie Gäste zu
Gastgeber*innen werden
lumbung
Harvest-Zeichnungen von Ade Darmawan (linke Seite) und Gudskul (rechte Seite)
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Über die lumbung-Prozesse und wie Gäste zu Gastgeber*innen werden
Harvest-Zeichnungen von Ade Darmawan (linke Seite) und Gudskul (rechte Seite)
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nicht einfach kopieren und anderswo einfügen las-sen. Nachdem uns dies klar geworden war, lautete unser erster Vorschlag für den zeitlichen Ablauf:
Doch mit der Zeit stellte sich heraus, dass viele unterschiedliche Dinge uns daran hinderten, den in dieser Timeline formulierten Plan umzusetzen. Covid-19 spielte dabei eine große Rolle, andere Dinge kamen hinzu, sodass wir taktisch flexibel vorgehen mussten. Verhandeln lautete von nun an die Parole.
lumbung
Mögliche Timeline:
2019
Aufwärm- und Recherchephase
2020
institutionelle und künstlerische Aufbauphase
2021
Artikulations- und inhaltliche Abschlussphase
2022
souk- oder istiqlal-Phase
2023
Nachhaltigkeitskonzepte:Umsetzungsphase
Harvest-Zeichnung von Daniella F Praptono
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Über die lumbung-Prozesse und wie Gäste zu Gastgeber*innen werden
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lumbung
Nachdem die documenta die Einladung angenommen hatte, sich unserer Reise anzuschließen und Teil unse-res Ekosistems zu werden, beschlossen wir – mit den Möglichkeiten und der Unterstützung der documenta –, Einladungen an verschiedene Leute auszusprechen. Zuerst an fünf Einzelpersonen in Kassel, Amsterdam, Jerusalem und Møn, von denen wir meinten, dass sie eine Erweiterung von ruangrupa bewirken könnten. Diese Gruppe nannten wir das Künstlerische Team. Doch es gab auch andere Initiativen auf der ganzen Welt, die nach unserem Empfinden schon vorher lumbung und seine Werte praktiziert hatten. Wir baten sie, sich gemeinsam mit uns zu überlegen, wie die documenta fifteen aussehen könnte. Die ersten 14 Initiativen, die wir einluden, bekannten sich bereits vor der documenta fifteen und jenseits von ihr dazu, lumbung zu praktizieren. Diese Initiativen wurden als lumbung inter-lokal member bekannt. Mehr als 50 andere künstlerische Praktiken indi-vidueller wie kollektiver Natur schlossen sich in der Folge an und stellen die so-genannten lumbung-Künstler*innendar.
Daneben mussten unsere eigenen Grundsätze in Indonesien deut-licher und unsere größeren internationalen Kreise und die Ver-bindungen nach Kassel ganz neu herausgearbeitet werden. So riefen wir gemeinsam lumbung Indonesia, lumbung inter-lokal und lumbung Kassel ins Leben. Die jeweiligen member verschafften sich einen Über-blick über ihre Ressourcen und entschieden darüber, wie sie diese nutzen wollten. So konnten wir sicher gehen, dass die documenta fifteen nicht nur ruangru-pa, sondern auch anderen gehören würde. Dies war ein hochriskanter Schritt. Jetzt, da wir dies schreiben, können wir noch nicht wissen, ob die 100 Tage der documenta fifteen am Ende vielleicht nur zu prag-matischen Übungen geführt haben werden: zu einer temporären, dem Lernen gewidmeten „Auszeit“ für Künstler*innen und Initiativen – um anschließend
Wie man die Dinge
anders macht
Harvest-Zeichnungen von Abdul Dube (linke Seite) und Nino Bulling (rechte Seite)
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Wie man die Dinge anders macht
Künstler*innen und Initiativen – um anschließend wieder zur alten Vorgehensweise zurückzukehren und wie gewohnt auf staatliche Finanzierung und/oder die Systeme des freien Kunstmarkts oder gar den Zwei-Jahres-Rhythmus der Biennalen zu set-zen. Nach unseren kollektiven Erfahrungen haben sich diese Systeme als hochkompetitiv, global ex-pansiv, gierig und kapitalistisch erwiesen – kurzum: als ausbeuterisch und extraktiv.
Wird auf der documenta fifteeen die dringend erforderliche Auflösung von Eigentümerschaft und Autorschaft möglich sein? Wie werden Wirtschaft, die Vergabe von Credits und Ästhetik in den 100 Tagen praktizier und werden sie anders verstanden? Das sind Dinge, die wir gerne herausfinden würden.
Es gibt in unserem Ekosistem verschiedene Arten, Kunst(-werke) herzustellen. Diese Prak-tiken werden bisher (noch) nicht wirklich wahr-genommen, da sie nicht zu den gängigen Modellen der globalen Kunstwelt(en) passen. Die documenta
fifteen ist ein Versuch, die verschiedenen Wirk-lichkeiten aufeinanderprallen zu lassen und zu zeigen, dass andere Vorgehensweisen möglich sind. Statt diese verschiedenen Produktionsmodi in etwas Etabliertes einzupassen, sollten sie als eine Reihe von Übungen für die Umgestaltung fungieren und Samen für weitere Veränderungen in der Zukunft ausstreuen. Verschiedene Arten der Kunstproduktion werden verschiedene Werke hervorbringen, die ihrerseits nach jeweils anderen Les- und Verständnisarten verlangen werden: Kunstwerke, die im realen Leben in ihren jeweili-gen Kontexten funktionieren; die nicht mehr ledig-lich nach individuellem Ausdruck streben; die es nicht mehr nötig haben, als allein stehende Objekte ausgestellt oder an einzelne Sammler*innen und hegemoniale, vom Staat finanzierte Museen ver-kauft zu werden. Andere Wege sind möglich. Auf diese Weise widersetzen wir uns der Domestizie-rung oder Zähmung der verschiedenen Praktiken.
Harvest-Zeichnungen von Abdul Dube (linke Seite) und Nino Bulling (rechte Seite)
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lumbung
Harvest-Zeichnungen von Nino Bulling (linke Seite) und
Abdul Dube (rechte Seite)
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Annäherung an Kassel
Von außen kommend, haben wir Kassel eher als einen städtischen Organismus und ein Ekosistem lokaler Initiativen und Kollektive erlebt denn als Kontext und Geschichtsraum einer Ausstellung. Um in einen Dialog mit dem hiesigen Ekosistem einzutreten, identifizierten wir eine Reihe von miteinander verbundenen „Akupunkturpunkten“. Wir bedienten uns bewusst der Analogie zu dieser alten medizinischen Praxis. Sie heilt den Körper mit einer langsamen, aber ganzheitlichen Methode, indem sie seine Funktionsweise und die seiner Millionen von Nerven und Arterien studiert. Die Logik der Akupunkte in ihrem Netzwerk von Energiewegen führte uns dann zu den Schau-plätzen und Räumen der documenta fifteen. Das Stadtgefüge von Kassel wird infiltriert, das Zentrum dezentralisiert und die kulturell weniger genutzten Gebiete im Osten für Kunst geöffnet.
In Ja-karta mietete ruangrupa oft Wohnhäuser an und nutzte sie als Ausstellungsräume, vor allem für Kunst-studierende; die sollten sich darin aufhalten, Pro-gramme entwickeln, Ausstellungen veranstalten und natürlich auch wohnen. Ein Schlaf- oder Wohnzimmer konnte so gleichzeitig Ausstellungsraum sein. Daran an-gelehnt, riefen wir im Zentrum von Kassel das ruruHaus als ein gemeinsam genutztes „Wohn-zimmer“ ins Leben. Aber auch wenn „ruru“ eine Kurzform von ruangrupa ist, besteht die Idee des ruruHaus nicht darin,
Raum im Stadtzentrum zu besetzen; vielmehr geht es darum, Teil eines Kontextes zu werden, in dem Initiativen aus Kassel (und die eingeladenen Künstler*innen) miteinander in Verbindung treten können und sich selbst als ein Kollektiv von Kollek-tiven in die Zukunft ausweiten können.
In Europa gibt es eine starke Neigung zu zentristischen Ideen über Wissen, Geschichte und Kunst – Ideen, welche wir im ruruHaus de-zentralisieren oder dekomprimieren wollen. Im Sommer 2020, mitten in der Pandemie, als jedoch erste Lockerungen seit dem Lockdown inter-nationale Reisen wieder möglich machten, zogen zwei Mitglieder von ruangrupa nach Kassel. Ihr Hauptaugenmerk richtete sich darauf, die Kasseler Community und alle visiting artists und member willkommen zu heißen. Für diese sollte das ruruHaus nicht nur ein Wohn-zimmer sein, sondern auch ein Labor: Hier konnten die geplanten Übersetzungen von ihren eigenen Orten in das Kasseler Ekosistem geprobt werden.
Die 65-jährige Tradi-tion der documenta war dabei stets präsent; uns begegneten zu-sätzlich viele Initia-tiven in der Stadt, die dazu beitrugen, dass lumbung in Kassel noch weitere Bedeutungen annehmen konnte. Wir schauten uns Initiativen daraufhin an, wie eigen-ständig und genügsam sie waren und ob sie über einen Überschuss verfügten, den sie gerne mit anderen teilen würden. Das konnte alles Mögliche sein, von konkretem Wissen bis hin zu spezifischen Erfahrungen.
Annäherung an Kassel: ruruHaus
und die Tatsache, dass „wir im Wohnzimmer schlafen könnten“
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lumbung
* Später sollten wir diese Aufteilung von 20.000 Euro pro lumbung-Künst-ler*in oder die Tatsache, dass wir es ihnen gegenüber so kommuniziert hatten, bereuen. Denn zeitweilig entstand so der Eindruck eines individuellen Eigentums an 20.000 Euro im Gemeinschaftstopf. Wenn wir die Gesamtsumme kommuniziert hätten, wären die Gespräche möglicherweise anders verlaufen. Bei einigen mini-majelis führten die Gespräche zu Überlegungen hinsichtlich der Gesamtsumme des Budgets, während bei anderen die Künstler*innen, die bei den majelis häufiger anwesend und insgesamt aktiver waren, das Gefühl hatten, nicht über das Budget der abwesenden Künstler*innen verfügen zu dürfen, sodass sie anboten, es ihnen zurückzugeben.
Harvest-Zeichnungen von Dan Perjovschi
(linke Seite) und Jazael Olguín Zapata
(rechte Seite)
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Die kollektiven Erfahrungen mit Covid-19 verwiesen uns in den entkörperlichten Raum der Videokonferenzen; zugleich ermöglichten sie es jedoch, neu über den Wert von Solidarität nachzu-denken. Neue Modelle der Vernetzung und nachhaltigere Strukturen für kleine bis mittlere Kunstinitiativen sollten entstehen; wir mussten deshalb noch intensiver überdenken, was künstlerische Praktiken und Er-eignisse eigentlich sind – und was sie sein könnten und sein sollten. Alle diese Themen haben etwas mit den gesellschaftlichen Problemen zu tun, die sich in den jeweiligen örtlichen Kontexten der member stellen, von Jakarta und Chocó in Kolumbien bis nach Jerusalem, Nairobi, Kenia, Havanna, Kuba, Dhaka, Bangladesch und vielen anderen Städten und Dörfern. In Anlehnung an die langjährige Praxis von ruangrupa, Geld und Ressourcen nach Maß-gabe der Bedürfnisse zu teilen (ein Duo hat andere Bedürfnisse als ein großes Kollektiv, die Bedürfnisse einer allein lebenden Person und die eines großen Haushalts sind nicht identisch), erwogen wir ver-schiedene Möglichkeiten. Eine davon war, allen für die Dauer der Zusammenarbeit mit der documenta fifteen ein Grundeinkommen zu bezahlen. Nach einem Blick auf das Budget war aber klar, dass so ein Grundeinkommen nicht einmal das Budget für eine mittelgroße Ausstellung übrig lassen würde. Eine Lösung, die wir als „full lumbung“ bezeichneten, bestand darin, uns an die 25 lumbung member zu halten, die ruangrupa in seiner ursprünglichen Einladung an die documenta vorgeschlagen hatte, und diese zu bitten, mehr von ihrem Ekosistem in die Übersetzung ihrer lokalen Praxis nach Kassel einzubringen. Dabei stand viel auf dem Spiel, denn viele Kommentator*innen in Deutschland und anderswo meinten, die Ernennung von ruangrupa bedeute, dass es 2022 gar keine Ausstellung geben würde oder eine Ausstellung von Nicht-Kunst. Des Weiteren hatten wir Zoom-Gespräche mit vielen Künstler*innen, die innerhalb und außerhalb der
Kollektivität an ihren Orten arbeiteten und von denen wir das Gefühl hatten, dass sie den lumbung-Prozess und die Aus-stellung bereichern würden. Wir muss-ten also ein Modell entwickeln, das, wenn auch nicht ideal, doch zumindest fair sein würde. Wir nannten es gado-gado (nach einem indonesischen Gericht, das von allem etwas enthält).
Letztlich beschlossen wir, uns an die 14 lumbung member zu halten, die wir bereits für die „Langstrecke“ eingeladen hatten, und außerdem etwa 50 lumbung-Künstler*innen, größtenteils Kollektive, einzuladen, sich an dem lumbung-Prozess und den 100 Tagen in Kassel zu beteiligen. Das Produktionsbudget für jedes lumbung inter-lokal member beträgt 180.000 Euro, hinzu kommen 25.000 Euro Startkapital. Das Startkapital ist ein im Voraus gezahltes Budget, das wir als An-erkennung für die jahrelange Arbeit vor Ort und als Siegel für unser Einverständnis sehen, im Jahr 2022 Übersetzungen dieser Arbeit nach Kassel zu bringen. Diese Übersetzung wiederum ist so an-gelegt, dass sie über die documenta fifteen hinaus (re)generativ für die Arbeit wirkt. Für viele kam das Budget zu einem entscheidenden Zeitpunkt, es stärk-te ihre Nachhaltigkeit während der Pandemie. Die lumbung-Künstler*innen erhielten zu gleichen Tei-len 60.000 Euro für die Produktion, hinzu kamen 10.000 Euro Startkapital für Kollektive und 5.000 Euro für Einzelpersonen. Dies war das Ergebnis einer langen Diskussion zwischen den Mitgliedern des Künstlerischen Teams und der documenta und Museum Fridericianum gGmbH. Ursprünglich hatte es einmal die Idee gegeben, einen Teil des Budgets an alle beteiligten Künstler*innen als Grundein-kommen zu geben. Dann jedoch richteten wir lieber einen Gemeinschaftstopf in kollektiver Verwaltung mit rechnerisch 20.000 Euro pro Teilnehmer*in ein, damit die Künstler*innen in den majelis selbst entscheiden konnten, wie sie das Geld in der Aus-stellung verwenden.*
„Du bist STUMM GESCHALTET.“
(COVID-19 SCHLÄGT ZU) und der Weg vom vollen lumbung zu gado-gado
„Du bist stumm gestellt.“
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Harvest-Zeichnungen von
Tropical Tap Water
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lumbung
Durch majelis konnten die lumbung member und lumbung-Künstler*innen Teil des kollektiven kuratorischen Prozesses und der umfassenderen Ökonomie, kurz: von documenta und lumbung werden. Vor der Pandemie hatten wir eigentlich die Absicht, die majelis alle 100 Tage abzuhalten, um gemeinsam Beschlüsse zu fassen über den Aufbau der Ausstellung, die Prinzipien der Ressourcenverteilung und andere Angelegen-heiten. Die majelis sind ein Lernraum, hier gibt es keine Konkurrenz. Die majelis sollten jedes Mal in einer anderen Stadt stattfinden und von den lumbung member ausgerichtet werden. Durch die Pandemie gab es aber keinen anderen Weg, als die majelis online stattfinden zu lassen.
Seit Juni 2020 haben die 14 lumbung inter-lokal member diskutiert, wie sowohl die Ausstellung als auch die längerfristige lumbung-Ökonomie aufgebaut sein sollte – erst alle zwei Wochen in majelis mit dem gesamten lumbung inter-lokal und später in kleineren Gruppen. Die Diskussionen führten zur Bildung mehrerer Arbeitsgruppen, die sich mit zentralen Themen beschäftigt haben. Die meisten Kollektive im lumbung inter-lokal stammen aus Kontexten, in denen der Staat die Schaffung einer Infrastruktur für Kunst und Kultur versäumt hat.
Da die Modelle der stabilen Institution gescheitert waren, hatten die Kollektive selbst begonnen, die Institutionen neu zu denken. Fragen des wirtschaftlichen Überlebens und der wirtschaftlichen Unabhängigkeit waren im lumbung inter-lokal von zentraler Bedeutung. Eine Arbeitsgruppe zur Ökonomie entstand aus Diskussionen über die Frage, was Nachhaltigkeit ist, und aus verschiedenen Experimenten mit Währungen und Kreislaufwirtschaft; dabei wurden Wirtschaftswissenschaftler*innen zu Sitzungen eingeladen und über Ideen und Mechanismen dis-kutiert. Aus dieser Arbeitsgruppe entwickelten sich dann weitere: So wurden die Gruppen lumbung Gallery, lumbung Kios und lumbung
Currency ins Leben gerufen, um mit verschiedenen Möglichkeiten zu experimentieren, kulturelle Fragen durch ökonomische Projekte zu stellen und diese ebenso wie den lumbung-Topf auch nach der documenta aufrechtzuerhalten. Ein weiteres drän-gendes Thema in den Gegenden der lumbung inter-lokal member ist Land(besitz). Die Nachhaltigkeit der Ekosisteme der member steht langfristig auf dem Spiel, wenn der Zugang zum Land aufgrund korporativer, politischer oder urbaner Rechts-verletzungen gefährdet ist. Ein wichtiger Diskurs betraf die künstlerischen Praktiken der lumbung member aus der weitere Debatten ent-standen; außerdem wurde die Arbeitsgruppe „Where is the art?“ (Wo ist die Kunst?) gebildet. lumbung.space und ein lumbung of Publishers erwuchsen aus dem Be-dürfnis, die Einheit von Kunst und Leben weiter zu stärken.
Von mini nach akbar:
„Wir sind nicht in der documenta fifteen, wir sind in lumbung eins“
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Vonmini nach akbar
Harvest-Zeichnung von Indra Ameng
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lumbung
Harvest-Zeichnungen von
Sari Dennise (linke Seite) und Andrés Villalobos (rechte Seite)
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Vonmini nach akbar
Nachdem insgesamt zehn majelis stattgefunden hatten, suchten wir einen Versammlungsraum für alle Beteiligten – einen Ort, wo wir uns treffen und einen Überblick über die laufenden Debatten gewinnen konnten. Regelmäßig sollte von nun an eine Megaversammlung stattfinden, die wir maje-lis akbar nannten. An diesen On-line-Treffen nahmen und nehmen 150 bis 200 lumbung member und lumbung-Künstler*innen teil. Sie sprechen über Projekte, bei denen sie zusammen-arbeiten können, aber auch darüber, wie sie Solidarität miteinander üben und wie sie während der 100 Tage Raum, Wissen und Equipment teilen können. Beispiele hierfür sind: Cinema Caravan stellen ihr Kino auch anderen zur Verfügung; ZK/U verwandeln das Dach ihres Gebäudes in ein Boot und bringen es nach Kassel, damit es von anderen Künstler*innen im Sinne von lumbung aktiviert wird; Party Office lassen zu, dass andere Künstler*innen das Ver-anstaltungsprogramm organisieren, das an ihrem Standort stattfindet, und Richard Bell öffnet seine Tent Embassy für Künstler*innen, damit sie dort während der 100 Tage diskutieren können.
Das majelis akbar war auch ein Ort für Dis-kussionen über Themen im örtlichen Kontext der lumbung member, für den Austausch von Ideen über die Zusammenarbeit und für das Schmieden von Solidarität. So sprachen wir auch über die Frage, wie wir auf Antisemitismusvorwürfe reagieren sollten, die im Januar 2022 von einem Kasseler Blog ausgingen und die von deutschen Medien aufgegriffen wurden. Die documenta fifteen, die Künstlerische Leitung, Teammitglieder und einzelne Künstler*innen wurden in einer Weise angegangen, die wir als rassistisch ver-standen. Das war ein Schock für uns und führte sogar zu Sorgen um unsere Sicherheit. Beim majelis akbar im Januar 2022 diskutierten die Künstler*innen, wie die lumbung-Gemeinschaft und die documenta sich hinter die Betroffenen stellen und sie im Sinne des lumbung-Gedankens unterstützen könnten. Die documenta veröffent-lichte mehrere Stellungnahmen, in denen die
Vorwürfe zurückgewiesen und deutlich gemacht wurde, dass Antisemitismus und Rassismus auf der documenta keinen Platz haben. Außerdem wurde auch noch einmal eindrücklich auf das Recht zur freien Meinungsäußerung in Kunst und Wissen-schaft hingewiesen.
Die majelis waren und sind wichtige Werk-zeuge für die Ent-wicklung eines gemeinsamen Verständnisses und von Solidari-tät mit den lokalen Kontexte(n) aller Beteiligten; sie erlauben es, aus unterschiedlichen Situationen und Bedingungen an den einzelnen lumbung-Orten zu lernen, insbesondere dort, wo es in den der documenta fifteen vorausgehenden Jahren zu politischen Umwälzungen kam, wie in Kolumbien, Palästina, Kuba und Mali. Dies hat uns auch gezwungen, einen gemeinsamen Diskurs über unsere künst-lerische Praxis zu entwickeln.
Die Arbeitsgruppe „Where is the art?“ entwickelte sich aus dieser starken, gemeinsamen Notwendigkeit, unter den lumbung member und lumbung-Künstler*innen zu diskutieren, wie Kunst im Leben und in sozialen, aktivistischen, wirtschaftlichen Praktiken wurzelt und sich nicht auf Disziplinen oder Definitionen beschränkt. Jedes inter-lokal member erlebt immer wieder, wie die eigenen Praktiken in der internationalen Mainstream-Kunstszene verzerrt dargestellt wer-den, im Rahmen von deren Definition von Kunst. Wir gründeten eine Arbeitsgruppe, die Workshops in örtlichen Ekosistemen und zwischen member und Künstler*innen organisieren sollte. Sie legte die Grundlage für eine gemeinsame Sprache und eine Wissensbasis über Praktiken und Kontexte hinweg.
Die Arbeitsgruppe lumbung land wiederum dis-kutiert eine Form des „Investierens“ durch die Ver-wendung von Gemeinschaftstöpfen für spezifische von lumbung member betriebene Landprojekte – Projekte, die das Eigentum an Land infrage stel-len, die von den Bedürfnissen der Community und kollektiver Nutzung und Governance ausgehen und die Agrikultur, Biodiversität, Kultur mit geistigen
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lumbung
Werten verbinden. Die Kombination von Experi-menten mit dem Land und Experimenten mit Währungen und dezentralisierten, unabhängigen Organisationen wäre ein erster Schritt zum Aufbau einer echten regional angebundenen und kollektiv betriebenen Wirtschaft.
In der Arbeitsgruppe Ökonomie wurde darüber gesprochen, wie wir über die documenta fifteen hinaus weiter bestehen könnten; derweil erfuhren wir von den Mitarbeiter*innen früherer Ausgaben, dass die meisten ausgestellten Kunstwerke während der 100 Tage der Ausstellung hinter den Kulissen von Galerist*innen verkauft und direkt nach der Aus-stellung zu den Käufer*innen gebracht worden waren. Wir beschlossen, diese Zusammenhänge offen zu thematisieren und Fragen der Ökonomie, Eigentümerschaft, Arbeit und des Austauschs zu einer Sache der Kultur zu machen; gleichzeitig wollten wir versuchen, Ressourcen für die lumbung member zu sichern. Dies könnte gelingen durch lumbung Kios, ein Netzwerk dezentralisierter und in Eigenregie betriebener Kioske; sie handeln mit Waren, die von den Künstler*innen geschaffen wurden. Ein Groß-teil der Einnahmen der lumbung Kios und der lumbung Gallery soll in einem Gemeinschaftstopf landen, der von allen lumbung member und lum-bung-Künstler*innen wiederum in einem majelis-Verfahren geteilt wird.
Da die lumbung member und lumbung-Künstler*innen ständig im Kontakt miteinanderund den umfassenderen Ekosistemen stehen müs-sen, benötigten wir digitale Plattformen, die nicht durch die freie Marktwirtschaft und institutionelle Politik bestimmt werden. lumbung.space, aber auch lumbung Press sind Medien, mittels derer member und Künstler*innen miteinander und mit dem Publikum kommunizieren können. lumbung.space ist eine experimentelle soziale Publikationsplattform, die es allen member erlaubt, die Ernte (Harvest) von sozialen Prozessenonline miteinander zu teilen. lumbung Press hingegen ist einphysischer Raum und ein Werk-zeug zur Realisierung künst-lerischer Printprojekte. lumbung.space ist nicht extraktiv, wird von den Be-nutzer*innen mitverwaltet. Es besteht aus einem Back-End, das nur für Mitglieder zur Verfügung steht und wo Künstler*innen Inhalte aufbewahren, diskutieren und organisieren können – und einem Front-End, wo Benutzer*innen die veröffentlichten Inhalte sehen und mit auf sie reagieren können. Anzentraler Stelle in der documenta Halle aufgestellt und bereits weit vor Eröffnung und während der 100 Tage der documenta fifteen aktiv, ist lumbung Press ein richtiger Offsetdruck-Workshop. DieKünstler*innen können hier in den Druckprozess ihrer eigenen Publikationen eingebunden sein und jene Fertigkeiten erwerben, derer es bedarf, um die Druckerpresse längerfristig zu betreiben – für den Fall, dass im lumbung die Notwendigkeit und die Mittel vorhanden sind, nach der Ausstellung weiter zu bestehen.
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Vonmini nach akbar
Harvest-Zeichnungen von Andrés Villalobos (linke Seite)
und Safdar Ahmed (rechte Seite)
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lumbung
Die documenta fifteen ist praxis-, nicht themen-basiert. Es geht nicht um lumbung oder Gemein-güter oder irgendeine derartige Vorstellung. Als wir damit anfingen, wurde uns klar, dass wir ineine Falle laufen würden, wenn wir kollektive Praktiken, die von vielen in Kunstzentren um-gesetzt werden, auf ein Vorzeigeprojekt reduzie-ren würden. Stattdessen wird diese Ausstellung von Künstler*innen und Kollektiven gemacht, die langjährige Erfahrungen mit der Praxis haben – und nicht so sehr mit dem Predigen. Ihnen geht es darum, neue Tricks, Strategien und Ansätze von-einander zu lernen. In gewisser Hinsicht handelt es sich also um eine Studie mit vielen Modellen.
Wie können Menschen die materiellen und immateriellen Infrastrukturen schaffen, die sie brauchen, um sich und ihre Ekosisteme zu kulti-vieren und aufrechtzuerhalten? Künstler*innen, Kollektive und von Künstler*innen geleitete Institutionen schlossen sich lumbung an, aufder Grundlage ihrer jeweiligen Praxis. In der künstlerischen Praxis war das nicht unbedingt sichtbar; sehr wohl aber in den herausgehobenen Rollen, die Künstler*innen und Kollektive in sozialen und politischen Bewegungen spielen. Uns interessiert mehr, wie die Künstler*innen an
ihren jeweiligen Orten und mit ihren prakti-zierten Werten arbeiten.
Kunst wurzelt im Leben. Die sich daraus ergebenden Objekte und Methoden helfen dabei, Themen zu durchdenken und Lösungen zu fin-den, die für die Community nützlich sind. Daher ist es unmöglich, Kunst und Leben voneinander zu trennen, und es ist sinnlos, Objekte in Kasselauszustellen, ohne Übersetzungen (Translations) für jene Prozesse zu finden, durch diesie entstanden sind. Statt der Logik zu folgen, neue Werke in Auftrag zu geben oder bereits vorhandene auszustellen, baten wir alle lumbung member und lumbung-Künstler*innen, das fortzusetzen, was sie gerade machten. Sie sollten ihre Ernte sichern und darüber nachdenken, wie ihre Praktiken nach Kassel übersetzbar sind. lumbung an den eigenen Ressourcen teil-haben zu lassen, ist schon für sich genommeneine Übersetzung. Um die documenta fifteen so wenig extraktiv wie möglich zu machen, fragen wir immer weiter, wie der jeweilige Beitrag der Künstler*innen zur documenta fifteen wieder den Weg zurück zum jeweiligen lokalen Kontext und Ekosistem der Künstler*innen finden kann.
„Setze das fort,
was du gerade machst …“
Harvest-Zeichnungen von Cem A. (linke Seite) und krishan rajapakshe / *fC*c (rechte Seite)
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„Setze das fort, was du gerade machst …“
„... UND FINDE EINE ÜBERSETZUNG
nach KASSEL“
Man sollte den Begriff „Übersetzung“ oder „Translation“ nicht zu wörtlich nehmen, sondern eher als eine poetische Möglichkeit begreifen, etwas bereits Existierendes für weitere potenzielleBenutzer*innen zu öffnen. Objekte in Auftrag zu geben bedeutet, noch mehr Zeug in die Welt zu setzen. Im Gegensatz dazu ist die Übersetzung eine Möglichkeit, wie die Künstler*innen und Kollektive weiter an ihren jeweiligen Orten tätig sein können. Sie sollten ihre auf Langfristigkeit angelegte Arbeit nicht unterbrechen müssen, nur um Teil eines großen Kunstevents wie der documenta zu sein. Einige entwickelten bestimmte Formen des Sich-Versammelns und brachten diese als Modelle und Herausforderungen nach Kassel, damit andere davon lernen konnten. Viele ver-legten ihre Praxis zeitweilig nach Kassel. Andereerweiterten ihre Einladung und ihre Budgets auf Kolleg*innen aus ihren eigenen Ekosistemen, damit diese mit ihnen in Kassel arbeiteten. Indem sie ihre jeweiligen Orte und Kassel miteinander verbanden, verteilten die Künstler*innen Res-sourcen neu, in einem kreisförmigen Fluss von Geld und kulturellem Kapital.
Kurz nachdem die Gespräche mit den Künstler*innen begonnen hatten, wurde Covid-19 zu einer Pandemie erklärt. Wir hatten zwei Jahre eingeplant, um lumbung aufzubauen und Ressour-cen sowohl für den Alltag als auch für den Um-gang mit Krisen anzulegen. Durch Covid platzte dieser Plan, und wir waren gezwungen, uns zu überlegen, wie wir das Ganze beschleunigen und sofort damit anfangen könnten, Ressourcen zu teilen. Zugleich beharrten wir weiter darauf, langsam vorzugehen, indem wir uns mehrmals trafen und Vertrauen aufbauten. Wir wollten alle besser kennenlernen und sie mit uns und unserer Dynamik vertraut machen, statt einfach nur ihre Kunstwerke zu diskutieren.
Dass wir mit den Künstler*innen darüber sprachen, wie sie in ihren lokalen Communities mit Covid umgehen, half uns dabei, ihre Über-lebensstrategien zu verstehen und uns von ihren gegenwärtigen Kunstwerken zu lösen. So ent-
wickelten wir eine Form des gemeinsamen Arbei-tens, bei der wir einander Praktiken oder Projekte samt der Personen dahinter präsentierten. Diese diskutierten wir in gewissen Abständen, damit genügend Zeit blieb, um zwischendurch alles zu reflektieren. Unsere verschiedenen Prozesse folg-ten unterschiedlichen Tempi und Vorgehensweisen– doch allen gemeinsam sind Werte wie Vertrauen, Intuition, Kollektivität und die Akzeptanz der Tatsache, dass man auch mal falsch liegt und Feh-ler macht.
Am Anfang sprachen wir viel darüber, mit welchen Mechanismen lumbung-Werte im größeren Maßstab praktizierbar sein könnten. Wir suchten Mechanismen, die man miteinander teilen konnte, ohne mechanistisch zu werden, sich einer Disziplin unterwerfen zu müssen. Denn ebenso wenig wie lumbung ein Thema ist, ist es eine Disziplin. Jedes Mal wenn wir intuitiv
Harvest-Zeichnungen von Cem A. (linke Seite) und krishan rajapakshe / *fC*c (rechte Seite)
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lumbung
ein Prinzip erfinden, durchschauen wir es nichtvollständig; wir lassen einen Teil davon bewusst offen und widerspenstig. So beschlossen wir, das Fridericianum in eine Schule zu verwandeln und es gleichzeitig weiter für Arbeiten zu benutzen, die Museumsbedingungen brauchen. Unsere Heran-gehensweise ist unsystematisch, nicht kristallin oder erschöpfend. Sie ist dynamisch und verändert sich je nach den Gesprächen zwischen den Men-schen und ihren Bedürfnissen, statt auf einer stati-schen Linie konzeptuellen Denkens zu beruhen.
Als Antwort auf die Frage, wie sich das Ganze auf Kassel übertragen ließe, bildeten wirsogenannte mini-majelis, kleine Versammlungen mit vier bis fünf Künstler*innen (Individuen und Kollektive). Weil die Treffen digital statt-finden mussten, wurden sie nach Zeitzonen zusammengestellt und auf der Grundlage bereits vor Covid vorhandener Freundschaften. Die ersten mini-majelis trafen sich im Februar 2021. Das Künstlerische Team traf sich einige Male mit den Gruppen, überließ es aber anschließend den Künstler*innen und einem kuratorischen Assistenten oder einer kuratorischen Assistentin, den Rhythmus und die Art der Zusammenkünfte zu bestimmen. Sie sollten auch entscheiden, wiesie mit ihren gemeinsamen Ressourcen umgehen wollten: dem Gemeinschaftstopf. Wie eine*r der Künstler*innen hervorhob, ist der Gemeinschafts-topf so etwas wie ein Totempfahl: etwas Hoch-symbolisches, das die Gemeinschaft zusammenhält. Einerseits gingen die Künstler*innen großzügig mit Zeit und Wissen um, andererseits war es eine Herausforderung, zusammen Entscheidungen über den Gemeinschaftstopf zu treffen, da sie einander nicht sehr gut kannten. Eine weitere Herausforderung, bestand darin, dass das Budget im September 2022 aufgebraucht sein muss und dass sämtliche documenta-Budgets einer tradi-tionellen Ausstellungslogik gehorchen: Das Gros der Ausgaben muss im engen Zeitrahmen der be-grenzten Ausstellungsdauer erfolgen und nicht im langfristigen Zeitraum der lumbung-Entwicklung. Die mini-majelis bedienten sich unterschied-licher Verfahren, um die majelis abzuhalten und Entscheidungen zu treffen. Eine Gruppe benutzte agraw, eine Versammlungsform aus der nord-afrikanischen Amazigh-Tradition, bei der sich die Gruppe in einem Kreis formiert. Der Moderator
oder die Moderatorin geht dann um den Kreis herum und wird von Teilnehmer*innen angehalten, wenn diese etwas sagen möchten. Eine Zoom-Version davon wurde in den majelis angewandt. Andere mini-majelis trafen sich über Zoom zum Abendessen und sprachen ausführlich über ihre Rezepte und Speisen sowie ihre Praktiken. Eine andere Gruppe entschied immer neu, wer die beiden Gastgeber*innen seinsollten. Diese bereiteten die Sitzung zusammen vor und moderierten das Gespräch.
Die Treffen fanden bei einigen Gruppen fast anderthalb Jahre lang online statt. mini-ma-jelis gab es in Kassel, wenn es möglich war, Reisen zu koordinieren. Anfang 2022 baten wirdie Teilnehmer*innen um ihre endgültigen Entscheidungen hinsichtlich der Gemeinschaftstopfbudgets. Einige der member lenkten die Mittel zurück in ihre Produktionsbudgets, meist um weitere Mitarbeiter*innen aus ihrem Kasseler Ekosistem einbinden zu können oder um Unterstützung an ihren Orten zu stärken, nachdem sie das mit dem Rest der Mitglieder ihrer mini-majelis diskutiert hatten. Viele der Künstler*innen beschlossen, andere Künstler*innen einzuladen, um Werke in der Ausstellung zu präsentieren. Die Künstler*in-nen Nino Bulling, Jumana Emil Abboud, Safdar Ahmed, Alice Yard, Kiri Dalena und Saodat Ismailova luden ihrerseits Künstler*innen ein.Viele arbeiteten an gemeinsamen Projekten wie den mini-majelis: BOLOHO etwa entwickelten einen Online-Shop, für den die ganzen mini-majelis Kunstwerke machten und künstlerische Werbeanzeigen entwarfen. Eine weitere majelis entwickelte ein öffentliches, den Sonnenuntergang jagen genanntes Programm, das während der 100 Tage stattfinden und es lumbung member und lum-bung-Künstler*innen ermöglichen soll zusammen-zukommen. Einigen der member und Künstler*in-nen gelang es, Mittel aus dem Gemeinschaftstopf
Harvest-Zeichnung von Angga Cipta
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„… und finde eine Übersetzung nach Kassel“
zu nutzen, um sich vor der Eröffnung gegenseitig zu treffen, so etwa die Jatiwangi art Factory, die Más Arte Más Acción in Kolumbien besuchte. Viele mini-majelis suchen trotz der an die finanziellen Mittel geknüpften Bedingungen noch nach Mitteln und Wegen, um sich mithilfe des Gemeinschafts-topfes auch nach Ablauf der 100 Tage noch treffen
und austauschen zu können. Die Fridskul ist eine etwas andere mini-majelis, da die Gruppe ebenfalls das Fridericianum nutzt. Durch ihre majelis ist es für sie eine Art Kiez geworden, wo sie neben ihren Projekträumen auch Wohnräume, eine Bibliothek und öffentliche Veranstaltungsräume miteinander teilen.
Harvest-Zeichnung von Angga Cipta
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lumbung
Da die Künstler*innen weder auf ein Thema nochauf bestimmte Örtlichkeiten in Kassel eingingen (sofern sie nicht in unserem Kasseler Ekosistem mit Kollektiven und Künstler*innen zusammen-arbeiten oder sie es für ihr eigenes Ekosistem als regenerativ empfinden), mussten wir einen anderen Verteilungsmodus für die Ausstellungs-orte finden. So wurde die Funktion eines Projekts zu einem wichtigen Aspekt für die Festlegung des Ausstellungsorts. Die Räume wurden zusammen mit den Künstler*innen im Hinblick auf die funktionalen Bedürfnisse und die Verwendung derRäume zugeordnet. Eine Schwierigkeit bestand etwa darin, für die Kollektive, die sich länger in Kassel aufhalten müssen, bezahlbare Unterkünfte zu finden. So wurden Ausstellungsorte teilweise in Wohnungen und Schlafsäle verwandelt. Das steht in einem Zusammenhang mit den Praktiken vieler der Künstler*innen an ihren Orten, wo Wohn- und Arbeitsraum, Privates und Öffentliches, Kunst und Leben ineinander übergehen. Viele Künstler*innenkollektive, die Aus-stellungsorte miteinander teilen, begannen majelis zu bilden, um zu diskutieren, wie sie das Gebäude gemeinsam nutzen wollten.
Der Prozess der Ver-teilung der Ausstellungsorte verlief dynamisch. Außer der funktionalen Verteilung an die Teil-nehmer*innen bestand ein anderer proaktiver Ansatz darin, Orte zu finden, die zur jeweiligen Praxis passten. In manchen Fällen über-schnitten sich die Bedürfnisse und Arbeitsweisen unterschiedlicher Kollektive am selben Ausstellungs-
