Don't miss the Clitoris - Prof. Dr. Mandy Mangler - E-Book

Don't miss the Clitoris E-Book

Prof. Dr. Mandy Mangler

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Beschreibung

»Es geht um nichts weniger als ums Ganze: ein zufriedenes, erfülltes Leben mit Sex, der so gut ist, dass er in höherer Bindung und besserer Lebensqualität resultiert.«

Wüssten Sie, wie man eine Klitoris zeichnet? Wenn nicht – Sie sind nicht allein. Über das weibliche Lustorgan ist viel zu wenig bekannt. Doch im 19. Jahrhundert wusste man es noch: Die Klitoris ist mindestens so groß wie der Penis beziehungsweise der durchschnittliche Penis sogar etwas kleiner als die Klitoris. Sie hat eine äußerlich sichtbare Eichel – und darüber hinaus vier mit Schwellkörpern gefüllte Schenkel. Danach wurde das Wissen um das potente weibliche Orgasmusorgan über Jahrzehnte ignoriert, mit weitreichenden Folgen für die Wahrnehmung weiblicher Lust. Doch Frauen wollen nicht weniger Sex als Männer, sie wollen oft nur nicht den, der ihnen geboten wird. Nicht Penis und Vagina sind einander entsprechende Organe, wie unsere auf Penetration fixierte Kultur uns glauben macht, sondern Penis und Klitoris: Sie entstehen aus denselben embryonalen Anlagen.

Unterhaltsam, leicht verständlich und wissenschaftlich fundiert erklärt Mandy Mangler Anatomie und Möglichkeiten – für eine klitoriskompetente, gleichberechtigte Gesellschaft und besseren Sex für alle.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 148

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Cover

Titel

Mandy Mangler mit Esther Kogelboom

Don’t miss the Clitoris

Eine Bedienungsanleitung

Mit Illustrationen von

Dani Becker

Insel Verlag

Impressum

Zur optimalen Darstellung dieses eBook wird empfohlen, in den Einstellungen Verlagsschrift auszuwählen.

Die Wiedergabe von Gestaltungselementen, Farbigkeit sowie von Trennungen und Seitenumbrüchen ist abhängig vom jeweiligen Lesegerät und kann vom Verlag nicht beeinflusst werden.

Um Fehlermeldungen auf den Lesegeräten zu vermeiden werden inaktive Hyperlinks deaktiviert.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden auf die gleichzeitige Verwendung weiblicher und männlicher Sprachformen verzichtet und meist das generische Femininum gebraucht; damit sind selbstverständlich alle Personen, ungeachtet ihrer Geschlechtsidentität, gleichberechtigt angesprochen und mitgemeint. Indem mitunter neben »Frauen« auch neutral von »Personen« und »Menschen« die Rede ist, soll dem weiter Rechnung getragen sein.

eBook Insel Verlag Berlin 2026

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2026.

© Insel Verlag Anton Kippenberg GmbH & Co. KG, Berlin, 2026

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln, mit einem Motiv von Ute Lübbeke

eISBN 978-3-458-78640-5

www.insel-verlag.de

Motto

I’m a genie in a bottle, baby, you gotta rub me the right way.

Christina Aguilera

I feel like I’ve been locked up tight For a century of lonely nights Waiting for someone to release me.

Christina Aguilera

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Motto

Inhalt

Kapitel1 »Cliteracy« – wie aufgeklärt sind wir?

Der Genital-Graffiti-Gap

Klitoris-Ignoranz und ihre (gesundheitlichen) Folgen

Eine Kulturgeschichte der Verleugnung

Die sogenannte »Frigidität« 

Frauenheilkunde ohne Klitoris?

Genitalverstümmelung

Die Zukunft der Klitoris

Kapitel2  Lagebericht der Klitoris

Die Klitoris selbst ertasten

Die Schwellkörper und ihre Funktion

Ausgeblendet wie die Klitoris: das Dammschwellgewebe

Kapitel3 Vom selben Stern: Analogie von Penis und Klitoris

Kapitel4 Das ist ja reizend. Klitorisstimulation von allen Seiten

Kür – oder Pflicht? Die äußerliche Stimulation

Sexuelle Feedbackkultur

Der G-Punkt – ein Phantom, das niemand jagen muss

O’Connells erregendes Organ-Cluster

Kapitel5 Wer A sagt, muss auch AFE-Zone sagen

Kapitel6 Vaginale Penetration – brauchen wir sie noch, oder kann sie weg?

Penetration im Tierreich

Kapitel7 Kontraktionen der guten Sorte: Kein Orgasmus ohne Klitoris

Oxytocin

Dopamin

Noradrenalin

Endorphine

Prolaktin

Serotonin

Über Fakes

Plädoyer für den Orgasmus

Übung macht die Meisterin

Kapitel8 Ziemlich beste Freund*innen: Klitoris und Beckenboden

Kapitel9 Good Vibrations – Der Uterus als Resonanzkörper des Orgasmus

Kapitel10 Spiel, Satz und Sieg. Solosex mit und ohne Sextoy

Afterglow Klitoriskompetenz – der Selbsttest

Trau dich – hier ist Platz zum Kritzeln

Hervorragend!

Zum Weiterlesen und Weiterschauen

Weitere Literaturauswahl

Danksagung

Textnachweis

Informationen zum Buch

Kapitel1

»Cliteracy« – wie aufgeklärt sind wir?

Ein Knöpfchen? Eine Perle? Oder doch eher eine Reiterin mit vier verborgenen Beinen auf dem Rücken der Vagina? Die korrekte Anatomie der Klitoris ist den wenigsten bekannt, das belegen viele Studien. Das weibliche Orgasmusorgan – für viele ein einziges Fragezeichen.

Eine Forschungsgruppe untersuchte vor Kurzem, wie gut Frauen und Männer die Klitoris und ihre Funktion für Lust und Orgasmus kennen. Dabei hielten rund 60 Prozent der Frauen und 70 Prozent der Männer sie fälschlicherweise für erbsengroß. Nur wenige (um die 20 Prozent) konnten überhaupt nur die äußerlich sichtbaren Teile der Klitoris, ihre Eichel, den Schaft und die Vorhaut, richtig benennen. Auch dass die Klitoris an jedem Orgasmus beteiligt ist, war nicht vielen Menschen klar: Nur rund 27 Prozent der Frauen wussten das, bei den Männern waren es noch einmal zehn Prozent weniger.

Das geballte Unwissen deutet aber weder auf Fehlstunden im Bio-Unterricht hin noch auf individuelle Ignoranz. Denn erst seit wenigen Jahren gibt es überhaupt Lehrwerke, die die Klitoris vollständig darstellen, und die sind längst nicht überall im Einsatz. Das gilt für die Schulen und sogar fürs Medizinstudium (siehe dazu auch S. 19ff.). Und für interessierte Laiinnen ist es umso schwerer, sachlich korrekte Informationen zur Klitoris und zu weiblicher Lust zu bekommen.

Der Genital-Graffiti-Gap

Prüfen wir doch einmal spielerisch, wie es um die Klitoris-Kompetenz unserer Mitmenschen bestellt ist. Verteilen wir in einer lockeren Runde im Freundinnen- oder Kolleginnenkreis Stift und Papier und wünschen wir uns eine Klitoris-Zeichnung. Überrumpelt und ein wenig ertappt, wird am Ende so gut wie niemand in der Lage sein, sie mit Schenkeln und Schwellkörpern auch nur ansatzweise anatomisch korrekt darzustellen.

Weibliche Lust ist viel stärker mit Scham und Tabus belegt als männliche

Nun wiederholen wir das Experiment, nur dass es der Penis ist, der gezeichnet werden soll. Wir werden vermutlich feststellen: Von der Eichel bis zum Schaft stimmt die Zeichnung weitgehend, die Hoden gibt es meist als Zugabe. Unsere Probandinnen und Probanden liefern ohne langes Überlegen problemlos ab. Das ist auch kein Wunder, gehören Penisse doch zum Standardrepertoire von Streetart-Künstlern, die unsere Umgebung ausdauernd mit ihnen dekorieren – übrigens gerne erigiert, Hoden unten, Penis zeigt nach oben, als Ausdruck von Potenz, Dominanz und Macht. Einen schlaffen Penis wird man von den Wänden der Schultoilette bis zum Bahnhofsvorplatz seltener zu sehen bekommen. Das war übrigens nicht immer so. In der Kunst der griechischen und römischen Antike, ebenso wie später in der Renaissance, wurden männliche Götter, Helden oder andere Figuren mit schlaffen, kleinen Genitalien dargestellt, die als ästhetischer, zivilisierter, intellektueller und weniger barbarisch galten. 

Die Klitoris dagegen? Damals wie heute so gut wie unsichtbar, erst recht im öffentlichen Raum. Man mag nun einwenden, dass der Penis doch auch was ganz anderes als eine Klitoris ist. Nein, ist er nicht. Penis und Klitoris sind einander entsprechende Organe. Beide entstehen aus denselben embryonalen Anlagen. (mehr dazu auf S. 44 bis 49). Das weibliche Gegenstück zum Penis ist jedenfalls nicht die Vagina – auch wenn uns das immer wieder suggeriert wird.

»Die Klitoris ist so kompliziert zu zeichnen«, heißt es oft in meinen Lehrveranstaltungen. Eine ganz typische, kulturell geprägte Annahme. Es wird uns noch oft begegnen, dass die weibliche Sexualität als zu komplex beschrieben wird, um sie zu durchdringen – während es beispielsweise keine nennenswerte Herausforderung darstellt, das neue Smartphone zu bedienen oder eine Siebträgermaschine zur Kaffeezubereitung. Oder jemand geht selbstbewusst zu Werke, und im Ergebnis ist auf dem Papier nur der »Knopf« oberhalb der inneren Vulvalippen zu sehen, nicht das ganze Organ mit allen vier Schwellkörpern. Was zudem auffällt: Über die Klitoris zu sprechen, ist für viele unangenehm, irgendwie »peinlich«. Weibliche Lust ist immer noch viel stärker mit Tabus und Scham belegt als männliche. Das zeigt sich auch deutlich in der gängigen Benennung der Vulva- als »Scham«-Lippen.

Kleine Jungs lernen schon früh, dass sie einen Penis haben. Sie lernen, dass darin Schwellkörper sind und der Penis erigiert. Sie lernen, dass sie »feuchte Träume« haben und ejakulieren werden. Von vornherein wird ihnen nahegebracht, dass sie sexuelle Wesen sind.

Mädchen wird beigebracht: Frausein ist Schmerz

Bei Mädchen sieht das anders aus: Viele wachsen nach wie vor mit einem diffusen »Untenrum«, einer von Vulva bis Vagina alles mitmeinenden »Scheide« auf (dazu gleich mehr). Sie lernen darüber hinaus, dass sie Organe haben, die der Fortpflanzung dienen, und dass sich bei ihnen im selben Alter, in dem bei Jungen der nächtliche Samenerguss erstmals auftritt, die Menstruation einstellt. Und sie lernen: Die Menstruation könne wehtun. Auch der Sex, den sie haben werden, könne wehtun (siehe S. 76 und 79f.).

Ein potentes, lustspendendes Organ versus ein diffuses, oft schmerzendes »Untenrum« oder eine »Scheide«: Die Unterschiede in der Vermittlung von Sexualität und damit die vorgeprägte eigene Wahrnehmung bei heranwachsenden Mädchen und Jungen könnten kaum größer sein.

Die kluge Autorin und Journalistin Miriam Stein, bekannt durch ihren Menopausen-Aktivismus und ihre Bücher Die gereizte Frau und Die weise Frau, beschreibt sehr anschaulich die militaristische Bedeutung des Begriffs »Scheide«, der einen gleich das schabende Geräusch beim Herausziehen des Schwerts aus seinem Behältnis mitdenken lässt. Auch klar ist: Eine Scheide dient nur einem Zweck, und das ist die Aufnahme des Schwerts.

Es trägt daher zu Aufklärung und Selbstermächtigung von Frauen und Mädchen bei, alle Komponenten begrifflich anatomisch korrekt zu unterscheiden: die Vulva, die das äußere Genital inklusive des Gewebes dahinter bezeichnet, zudem als Teil der Vulva die Klitoris, das weibliche Orgasmusorgan. Ihre Eichel ist am oberen Ende der Vulvalippen zu sehen, während ihre Schwellkörper hinter den Vulvalippen liegen. Und schließlich die Vagina, jenes abgesehen von ihrem Ausgang weitgehend empfindungslose, schlauchartige Organ, durch das Menstruationsblut und Zervixschleim abfließen können. Einen ersten Eindruck von den Zusammenhängen gibt die Abbildung auf Seite 8, und näher gehen wir in Kapitel2 auf die anatomischen Zusammenhänge ein.

Es ist wichtig, die Vulva schon bei Kindern richtig zu benennen

Ich finde es wichtig, gerade auch Kindern gegenüber, Vulva und Vagina von Anfang an korrekt zu benennen, und – sobald im Alter ab etwa sechs, sieben Jahren Fragen zur Sexualität aufkommen – auch von der Klitoris zu sprechen, als Organ, das »schöne Gefühle macht«, statt nur von »Schamlippen« und »Scheide«. Weibliche Menschen, die schon früh wissen, dass sie neben Vulva und Vagina auch ein großes, potentes Orgasmusorgan haben, nehmen ihre Lust ganz anders wahr, nehmen sie ernster, wichtiger und halten die Befriedigung dieser Lust durch sich selbst oder – im entsprechenden Alter – durch andere für selbstverständlich. Worte für alle Organe des Beckens zu haben, erleichtert Mädchen und Frauen in jeder Hinsicht das Sprechen darüber. Wenn klar benannt werden kann, was mit welchen Körperteilen geschieht, dient das auch der Prävention von Missbrauch.

Zum Sprechen über die Klitoris gehört natürlich ebenso die Antwort auf die Frage: Wie betont man das Wort eigentlich, auf dem ersten »i« oder auf dem »o«? Kliiitoris oder Klitoooris wie bei Doris? Wir betonen auf der ersten Silbe, also Kliiitoris. Und da wir gerade dabei sind: Die Mehrzahl lautet ebenso »Klitoris«. Ambitionierte können auch »Klitorides« sagen; beides ist laut Duden korrekt.

Wir alle haben die Chance, nicht nur an unserer eigenen Aufklärung mitzuwirken, sondern auch an der der anderen. Der Ausspruch der Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), »Wissen ist das einzige Gut, das sich vermehrt, wenn man es teilt«, gilt auch für das Wissen über die Klitoris. Es sich anzueignen, ist nicht schwer, macht Spaß, und man hat richtig was davon. Wenn man sich »Cliteracy« zu eigen macht – ein Begriff, den die New Yorker Künstlerin Sophia Wallace geprägt hat und der ein umfassendes gesellschaftliches »Klitorisbewusstsein« bezeichnet – kann das eigene Leben um einiges erfüllter werden. Denn die Klitoris, genauer: ihre Anatomie, ihre Funktion, Geschichte und Bedeutung sind so einfach zu vermitteln und zu erfassen, dass es dafür nur dieses kurze, knappe Manifest braucht – und man muss auch keine Grafikerin sein, um sie zu zeichnen. Am besten, wir legen schon mal Stift oder Sprühdose bereit. Am Ende dieses Buches finden wir eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für die künstlerische Darstellung einer Klitoris. 

Ich habe bei öffentlichen Auftritten gerne ein T-Shirt mit Klitorisaufdruck an oder eine Kette mit Anhänger in Form einer Klitoris. Bei der Verleihung des BRIGITTE Award in der schicken Berliner Bertelsmann-Repräsentanz an Kristina Hänel, die sich um selbstbestimmte Schwangerschaftsabbrüche sehr verdient gemacht hat, trug ich eine nicht zu übersehende Kette mit einem Klitorisanhänger in Originalgröße, den ich mit meinem 3D-Drucker selbst hergestellt hatte. Nur die allerwenigsten erkannten das Organ. »Hübscher Pferdekopf!«, hieß es, oder »Ist das ein Pinguin?«. »Ah, eine Gebärmutter!«, meinte jemand, und kam der Sache damit schon mal näher.

Zugegeben, es macht mir auch ein bisschen Spaß, das richtigzustellen, und ich freue mich über die erstaunten Gesichter, in die ich dann blicke. Doch gleichzeitig betrübt mich die fehlende »Cliteracy«, selbst von ansonsten aufgeklärten Menschen. Denn ich weiß: Wo dieses Wissen fehlt, können sexuelle Begegnungen – auch mit sich selbst – hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Schließlich ist die Klitoris das große weibliche Orgasmusorgan.

Aber sollte die Klitoris nicht eigentlich Privatsache sein? Warum sollte man das Scheinwerferlicht auf etwas derart Intimes richten, das sich zum Teil im Inneren des Körpers verbirgt? 

Die Antwort auf diese Frage ist ebenso einfach wie komplex: Weil die kollektive Ignoranz gegenüber der Klitoris – in der Medizin, in schulischen und universitären Lehrplänen sowie in der medialen Repräsentation – politisch ist. Das Unwissen über ihre Anatomie führt zu zahlreichen Missverständnissen über die weibliche Libido und zu einer Geringschätzung ihrer Bedeutung. Immer noch werden Frauen wegen ihrer Lust auf Sex oder der Anzahl ihrer Sexualpartner beschämt. Langfristig führt die Ignoranz gegenüber der Klitoris zu geringerer Lebenszufriedenheit, zu geringerer sexueller Gesundheit von Frauen und zu geringerer Gesundheit überhaupt (siehe S. 15ff.). Das ist ungerecht.

Viel zu oft werden Themen, die Frauen strukturell betreffen, ins Private abgeschoben, was dazu führt, dass sie denken, nur sie selbst seien von diesem oder jenem Thema betroffen oder die Einzigen, die nicht damit zurechtkommen. Auch deswegen muss die Klitoris auf die Bühne. Weibliche Lust ist nicht obszön. Sie ist menschlich, sie ist natürlich und kein Grund für Scham und Tabus. Die Klitoris ist ein wichtiger Körperteil wie andere auch und hat viel zu lange ein Schattendasein gefristet. Aufklärung und Kompetenz sind hier dringend notwendig, damit Frauen sich nicht immer aufs Neue wie Einhörner fühlen müssen, wenn es um ihre Sexualität geht.

Klitoris-Ignoranz und ihre (gesundheitlichen) Folgen

Eine große Studie konnte belegen: Die Orgasmusraten bei heterosexuellen Paarkontakten sind ungleich. Nur zehn Prozent der Frauen haben bei einem One-Night-Stand oder bei unregelmäßigen Sexualkontakten einen Orgasmus, wohingegen es bei Männern in 60 Prozent dieser Fälle zum Orgasmus kommt. Beklagt man sich als Frau über mangelnden Sex, heißt es oft: »Wenn eine Frau es drauf anlegt, findet sie doch immer irgendwen für Sex.« Leider muss man dann antworten: »Ja, aber in neunzig Prozent der Fälle Sex ohne Orgasmus.«

Frauen kommen – im Prinzip – genauso gut und schnell zum Orgasmus wie Männer

Die Orgasmusrate von Frauen in heterosexuellen Paarbeziehungen ist zwar höher, aber mit 33 bis 65 Prozent ebenfalls sehr viel niedriger als die der Männer, die zu 80 bis 95 Prozent »kommen«.

Haben Frauen aber mit Frauen Sex, liegt ihre Orgasmusrate bei 85 Prozent. Auch beim »Erfolg« der Masturbation besteht kein Unterschied zwischen Männern und Frauen, beide kommen dabei mit zuverlässigen 80 bis 90 Prozent zum Orgasmus, und Frauen brauchen dafür auch nicht wesentlich länger als Männer. Es geht also schon. Es gibt kein grundsätzliches »Nicht-kommen-Können«. Man muss eben nur wissen, wie es geht.

Der Gender-Orgasmus-Gap, er ist real und gesellt sich zu vielen weiteren unrühmlichen Gaps wie dem Gender-Data-Gap, dem Gender-Health-Gap, dem Gender-Care-Gap oder dem Gender-Pay-Gap.

Kümmern wir uns um den Gender-Orgasmus-Gap. Die Studie belegt, was eigentlich alle weiblichen Menschen wissen: Vaginale Penetration durch einen Penis – oder auch einen Dildo o.Ä. – ist nicht zentral für den Orgasmus. Vielmehr zeigen Befragungen und Studien an verschiedenen Orten der Welt konsistent, dass die allermeisten Frauen ihn nur nach umfassenderer Stimulation erleben. Vaginale Penetration allein führt dagegen nur bei wenigen Frauen regelmäßig zum Höhepunkt und auch dann spielen die Klitoris und ihre Schwellkörper eine zentrale Rolle, wie wir in den Kapiteln2, 4 und 6 noch sehen werden.

Wenn Frauen jedoch keinen Orgasmus erleben, fehlt ein wichtiger Anreiz, den Sexualkontakt zu wiederholen. Studien aus der Paar- und Sexualforschung zeigen einen direkten Zusammenhang zwischen sexueller Unzufriedenheit und Beziehungsunzufriedenheit – inklusive seltenerem Sex. Positiv erlebter Sex und mehr Orgasmen hingegen münden in einer Aufwärtsspirale. Auch die Paarbindung ist bei regelmäßigen Orgasmen intensiver – Orgasmen helfen also, Partnerschaften zu stabilisieren. Und sie machen sogar insgesamt zufriedener.

Haben Frauen mehr Sex, der ihnen entspricht und in einem Orgasmus resultiert, profitieren sie auch mehr von den damit verbundenen Gesundheitseffekten: Orgasmen führen zur Ausschüttung der Hormone Oxytocin und Prolaktin, die schlaffördernd wirken. Forschende, die sich mit Schlafmedizin befassen, empfehlen Orgasmen vor dem Einschlafen, um die Schlafqualität zu fördern – für Männer ebenso wie für Frauen. Sexuell erfüllende Begegnungen senken auch den Cortisolspiegel, was nicht nur gefühlt, sondern real weniger Stress bedeutet. Und auch das Immunsystem kann man auf unterschiedliche Art und Weise stärken: Einen Hund zu streicheln zum Beispiel, fördert die Antikörperbildung im Körper kurzfristig. Bei Sex ist dieser Effekt längerfristig. Menschen, die mehr Sex haben, haben einen höheren Antikörperspiegel als Menschen mit weniger Sex und auch einen höheren als Menschen, die Hunde streicheln.

In einer riesigen Studie wurde untersucht, wie sich Sexualität bei Frauen auf das Risiko einer Depression auswirkt. Weniger als elf Sexualkontakte pro Jahr wurde als eine niedrige Frequenz angesehen, und es konnte nachgewiesen werden, dass Depressionen deutlich häufiger auftreten, wenn man selten Sex hat. Nun fragt man sich, was zuerst da war, die niedrige Sexfrequenz oder die Depression? Haben die untersuchten Frauen wenig Sex, weil sie depressiv sind, oder werden sie depressiv von – unter anderem – zu wenig Sex? Es gibt jedenfalls Studien, die zeigen, dass regelmäßiger Sex bei der Therapie von Depressionen Teil einer Stabilisierung der mentalen Gesundheit sein kann.

Sex mit Orgasmus ist gesünder als Sex ohne Orgasmus

Und nicht nur auf Depressionen wirkt sich Sex positiv aus: In einer Studie konnte gezeigt werden, dass Sex den systolischen Blutdruck kurzfristig um circa 14 mmHg senkt – und damit wie ein gutes Medikament wirkt. Leider gibt es noch keine Untersuchung, die sich der Langzeitwirkung und der Frage widmet, ob man durch Sex längerfristig den Blutdruck verbessern kann. Die Herz-Kreislauf-Gesundheit wird jedoch insgesamt gestärkt, indem auch die Gefäße durch die Durchblutung elastischer werden und der Abbau von Stresshormonen Entzündungsreaktionen im Körper mindert.